Der Finger Gottes.
Zwischen der Barrière d'Italie und der Barrière de la Santé hat man auf
dem innern Boulevard, der zum Botanischen Garten führt, eine Aussicht,
die den Künstler und selbst den von Augenweiden aller Art übersättigten
Reisenden entzücken muß. Wenn man eine mäßige Anhöhe erreicht hat, von
der aus sich der Boulevard im Schatten seiner hohen dichten Bäume wie
ein grüner, stiller Waldweg anmutig hinzieht, sieht man zu seinen Füßen
ein tiefes, von ländlichen Gebäuden erfülltes, mit lichtem Grün besätes,
von den braunen Wässern der Bièvre und der Gobelins durchströmtes Tal.
Am gegenüberliegenden Abhange umfassen ein paar tausend Dächer,
aneinandergedrängt wie die Köpfe einer Menge, das Elend des Faubourgs
Saint-Marceau. Die prächtige Kuppel des Pantheons, der düstere,
schwermütige Dom des Val-de-Grâce beherrschen stolz eine ganze
amphitheatralisch aufgebaute Stadt, deren Terrassen von den gewundenen
Straßen eigenartig umrissen werden. Von dort aus erscheinen die
Proportionen der beiden Bauwerke riesenhaft; hoch überragen sie nicht
nur die baufälligen Häuser, sondern auch die Wipfel der höchsten Pappeln
des Tales. Zur Linken erscheint wie ein schwarzes, hageres Gespenst die
Sternwarte, und durch ihre Fenster und Galerien scheint das Licht
hindurch, phantastische Bilder hervorrufend.
In weiterer Ferne leuchtet der elegante durchbrochene Turm der
Invalidenkirche zwischen den bläulichen Baummassen des Luxembourgparks
und den grauen Türmen von Saint-Sulpice. Von dort gesehen, vermischen
sich die Umrisse dieser Bauwerke mit Laubwerk und mit Schatten und sind
den Launen des Himmels unterworfen, der unaufhörlich Farbe, Licht und
Aussehen wechselt. Fern von dir türmen sich Gebäude in die Luft; in
deiner Nähe schlängeln sich wogende Bäume und ländliche Pfade. Rechts
siehst du durch einen breiten Einschnitt in dieser einzigartigen
Landschaft die lange, blanke Fläche des Sankt Martinkanals, von roten
Steinen eingefaßt, geschmückt mit Lindenbäumen, umrahmt von den im
echten romanischen Stil gehaltenen Bauten der zahlreichen Speicher.
Dort verlieren sich auch die dunstigen Hügel von Belleville, bestanden
von Häusern und Mühlen, mit ihren Geländewellen in den Wolken.
Aber zwischen der Reihe von Dächern, die das Tal umrahmen, und dem
Horizont, der ebenso undeutlich ist wie eine Erinnerung aus der
Kindheit, liegt eine Stadt, die du nicht sehen kannst -- eine ungeheure
Stadt, versunken in einen Abgrund zwischen der Höhe, auf der das
»Hospital zur Pietät« liegt, und dem Gipfel, der den Ostkirchhof trägt,
also gewissermaßen zwischen dem Leiden und dem Tode. Sie läßt ein
dumpfes Brausen hören, wie der Ozean, wenn er hinter einem Felsenriff
brandet, als wolle sie dir zurufen: »Da bin ich.« Wenn die Sonne ihre
Fluten von Licht über das Antlitz von Paris ausgießt, wenn sie die
Linien der Stadt rein und flüssig erscheinen läßt, wenn sie ein paar
Fensterscheiben in Brand setzt, die Ziegel bestrahlt, die goldenen
Kreuze aufflackern läßt, die Mauern weiß färbt und die Atmosphäre zu
einem Gazeschleier verwandelt; wenn sie durch phantastische Schatten
reiche Kontraste schafft, wenn der Himmel azurblau ist und die Erde
braust und dröhnt und die Glocken reden, dann bewunderst du von dort aus
eins jener eindrucksvollen Zauberbilder, das die Phantasie niemals
vergißt, das du anbetest, das dich berauscht wie ein wundervoller
Anblick von Neapel, Stambul oder Florida. Diesem Blicke fehlt nichts zur
vollen Harmonie. Hier braust der Lärm der Welt und murmelt der Friede
der Einsamkeit -- man hört die Stimmen von Millionen von Menschen und
auch die Stimme Gottes. Dort liegt eine Weltstadt unter den friedlichen
Zypressen des Père-Lachaise gebettet.
An einem Frühlingsmorgen, zur Zeit, als die Sonne alle Schönheiten
dieser Landschaft erglänzen ließ, habe ich sie bewundert, gelehnt an
eine große Ulme, die ihre gelben Blüten dem Winde gab. Im Anblick dieser
reichen, erhabenen Bilder dachte ich mit Bitterkeit an die
Geringschätzung, die wir bis in unsere Bücher hinein gegen unser
Vaterland von heute bekunden. Ich verwünschte die armen Reichen, die,
unseres schönen Frankreichs überdrüssig, für Geld sich das Recht
erkaufen, ihr Vaterland zu verachten, im Galopp zu reisen und durch ein
Lorgnon die Gegenden Italiens betrachten, das jetzt schon »jeder
Schuster« kennt. Ich betrachtete mit Liebe das moderne Paris, ich
träumte, als plötzlich das Geräusch eines Kusses meine Einsamkeit störte
und die Philosophie zum Teufel jagte.
In der Seitenallee, entlang dem steilen Abhang, an dessen Fuß das Wasser
hinströmt, gewahrte ich eine Frau, die mir noch ziemlich jung erschien.
Sie war einfach und doch höchst elegant gekleidet, und ihr sanftes
Gesicht schien vom heiteren Glück der Landschaft widerzustrahlen. Ein
schöner junger Mann setzte den hübschesten kleinen Jungen, den man sehen
kann, auf die Erde, so daß ich niemals habe erfahren können, ob der Kuß
auf der Wange der Mutter oder des Kindes erklungen war.
Ein und derselbe zarte, lebhafte Sinn leuchtete in den Augen, den
Gebärden, dem Lächeln dieser beiden jungen Leute. Sie reichten sich den
Arm in so glücklichem Einvernehmen und näherten sich in einem so
wunderbaren Gleichmaß der Bewegung, daß sie, ganz in sich versunken,
meine Anwesenheit gar nicht bemerkten.
Aber ein zweites, unzufriedenes und schmollendes Kind, das ihnen den
Rücken kehrte, warf mir Blicke zu, deren Ausdruck mich seltsam
berührte. Es ließ seinen Bruder allein gehen und war bald hinter, bald
vor seiner Mutter und dem jungen Manne. Ebenso anmutig, ebenso schön wie
das andere, aber von zarten Formen, verhielt es sich stumm und steif und
machte fast den Eindruck einer in Schlaf versunkenen Schlange. Es war
ein kleines Mädchen.
Die Gangart der hübschen Frau und ihres Gefährten hatte etwas seltsam
Übereinstimmendes. Es war fast, als wenn zwei Maschinen sich bewegten,
so sehr entsprachen einander die Bewegungen der beiden. Aus
Zerstreutheit vielleicht legten sie nur die kurze Strecke zwischen der
kleinen Brücke und einem an der Biegung des Boulevards haltenden Wagen
zurück und begannen diesen Spaziergang immer von neuem, wobei sie
stehenblieben, sich ansahen und lachten, wie es die Laune eines bald
belebten, bald schmachtenden, bald ernsten, bald närrischen Gesprächs
mit sich brachte.
Verborgen hinter der großen Ulme, bewunderte ich diese reizende Szene
und würde mich sicherlich behutsam entfernt haben, wenn ich nicht auf
dem Gesicht des kleinen, träumerischen und schweigsamen Mädchens die
Spur eines über sein Alter hinausgehenden Denkens bemerkt hätte. Wenn
die Mutter der Kleinen und der junge Mann, in ihre Nähe gekommen, wieder
umdrehten, dann senkte sie oft heimlich den Kopf und warf ihnen, wie
auch ihrem Bruder, einen verstohlenen und wirklich recht seltsamen Blick
zu. Aber nichts könnte die durchdringende Verschlagenheit, die boshafte
Naivität, die wilde Aufmerksamkeit wiedergeben, die dieses Kindergesicht
mit den leichten Ringen um die Augen plötzlich belebten, sobald die
hübsche Frau oder ihr Begleiter die blonden Locken, den frischen Hals
des kleinen Jungen streichelten oder seinen weißen Kragen
zurechtstrichen, wenn er in kindlichem Eifer neben ihnen herzulaufen
versuchte.
Es sprach jedenfalls die Leidenschaft eines Erwachsenen aus dem schmalen
Gesicht dieses seltsamen Mädchens. Es war leidend oder grüblerisch
veranlagt. Und was verkündet bei diesen kaum erblühten Geschöpfen
sicherer den nahen Tod? Das im Körper steckende Leiden oder das
frühreife Grübeln, das die Seele verzehrt, die noch fast im Keim liegt?
Eine Mutter weiß das vielleicht. Ich für meinen Teil kenne nichts
Gräßlicheres als greisenhaftes Sinnen auf einer Kinderstirn. Die
Gotteslästerung auf den Lippen einer Jungfrau ist noch weniger
ungeheuerlich.
Die fast stumpfsinnige Haltung dieses schon grüblerischen Kindes, seine
spärlichen Bewegungen, alles interessierte mich. Ich beobachtete die
Kleine neugierig. Aus einer bei Menschenkindern natürlichen Laune
verglich ich sie mit ihrem Bruder und suchte die Ähnlichkeiten und
Verschiedenheiten zwischen beiden zu erspähen. Die Schwester hatte
braunes Haar, schwarze Augen und eine früh entwickelte Kraft -- das
alles bildete einen starken Gegensatz zu dem blonden Haar, den
meergrünen Augen und der graziösen Schwäche des Knaben. Das ältere Kind
mochte etwa sieben oder acht Jahre alt sein, das jüngere kaum vier.
Sie waren in der gleichen Weise gekleidet. Als ich sie jedoch aufmerksam
betrachtete, bemerkte ich an den weißen Kragen ihrer Hemdchen einen ganz
unbedeutenden Unterschied, der mich aber später einen ganzen Roman in
der Vergangenheit und ein ganzes Drama in der Zukunft übersehen ließ.
Und es war doch nur eine Kleinigkeit. Ein einfacher Saum umgab den
Kragen des kleinen braunen Mädchens, während hübsche Stickereien den des
Knaben schmückten und ein Herzensgeheimnis verrieten, eine
stillschweigende Bevorzugung, die die Kinder aber doch in der Seele
ihrer Mutter erkennen, gleich als sei der Geist Gottes in ihnen.
Sorglos und lustig, glich der Blonde einem kleinen Mädchen, so zart war
seine weiße Haut, so anmutig seine Bewegungen, so süß sein Gesicht;
während die ältere trotz ihrer Kraft, trotz der Schönheit ihrer Züge und
ihres blendenden Teints einem kleinen kränklichen Jungen glich. Ihre
lebhaften Augen hatten nicht jenen feuchten Schleier, der Kinderaugen
soviel Reiz verleiht; sie schienen von einem innern Feuer ausgetrocknet
zu sein, wie etwa bei Leuten, die in der Atmosphäre eines königlichen
Hofes leben müssen. Das Weiße ihrer Augen hatte auch einen gewissen
Stich ins Fahle, Gelbliche -- ein Zeichen für einen ungestümen
Charakter.
Zweimal hatte ihr kleiner Bruder ihr mit einer rührenden Anmut, mit
fröhlichem Blick und einer ausdrucksvollen Miene, die unsern Kindermaler
Charlet entzückt haben würde, das kleine Jagdhorn hingereicht, auf dem
er von Zeit zu Zeit blies. Aber jedesmal hatte das Mädchen auf seine in
liebkosendem Tone gestellte Frage: »Willst du's haben, Helene?« nur mit
einem barschen Blick geantwortet.
Sie trug eine unbekümmerte Miene zur Schau und war dennoch finster, ja
schrecklich; denn sie zitterte und wurde rot, wenn ihr Bruder sich ihr
näherte. Aber der Kleine schien die düstere Stimmung seiner Schwester
nicht zu bemerken, und sein Wesen, halb Sorglosigkeit, halb Interesse,
vollendete den Gegensatz zwischen ihm und der Schwester: hier der wahre
Charakter der Kindheit, dort die Sorge und das Wissen des Erwachsenen,
scharf ausgeprägt auf einem schon verdüsterten Mädchengesicht.
»Mama, Helene will nicht spielen,« rief der Kleine und benutzte, um eine
Beschwerde vorzubringen, einen Augenblick, wo seine Mutter und der junge
Mann schweigend auf der Gobelinsbrücke stehengeblieben waren.
»Laß sie, Karl. Du weißt, sie murrt immer.«
Diese Worte, die die Mutter leicht hinwarf, während sie sich gleich
darauf mit dem jungen Manne wieder umdrehte, entlockten Helene Tränen.
Sie verschluckte sie stumm, warf ihrem Bruder einen jener tiefen Blicke
zu, die mir unerklärlich schienen, und betrachtete mit einer Miene, die
fast einen unheilvollen Scharfsinn verriet, erst den schroffen Abhang,
auf dessen Spitze der Kleine stand, dann den Bièvrefluß, die Brücke und
mich.
Ich fürchtete, von dem glücklichen Paar gesehen zu werden, dessen
Unterhaltung ich dann ohne Zweifel gestört haben würde; ich zog mich
leise zurück und suchte Zuflucht hinter einer Hollunderhecke, deren
Laubwerk mich völlig allen Blicken verbarg. Ich setzte mich ruhig auf
den Rand des Abhangs und betrachtete schweigend bald die wechselnden
Schönheiten der Gegend, bald das wilde Mädchen, das ich durch die Lücken
des Hollunders noch genau sehen konnte, denn ich hatte den Kopf an den
Fuß der Hecke gelehnt, wo er sich fast in gleicher Höhe mit dem
Boulevard befand.
Als Helene mich nicht mehr sah, schien sie unruhig; ihre schwarzen Augen
suchten mich in der Ferne der Allee, hinter den Bäumen, kurz, sie sah
sich mit unerklärlicher Neugierde nach mir um. Was hatte sie an mir? In
diesem Augenblick erschallte in der Stille das naive Lachen Karls wie
der Gesang eines Vogels. Der junge Mann, ebenso blond, ließ ihn in
seinen Armen tanzen und küßte ihn, wobei er ihn mit einer Fülle von
zusammenhanglosen Koseworten überschüttete, wie wir sie eben an Kinder
richten, ohne uns an den eigentlichen Sinn der Worte zu kehren.
Die Mutter sah lächelnd diesem Spiele zu und sprach von Zeit zu Zeit mit
leiser Stimme wohl ein paar von Herzen kommende Worte; denn ihr Gefährte
hielt dann ganz glücklich inne und sah sie mit seinen blauen Augen voll
Feuer, voll Anbetung an. Ihre Stimmen, wie sie sich so mit der des
Kindes vermischten, hatten etwas überaus Zärtliches, Inniges an sich.
Sie bildeten alle drei ein entzückendes Bild, und dieses zärtliche Bild
verlieh der großartigen Landschaft, in die es hineingestellt war, eine
unsagbare Anmut und Weichheit.
Eine schöne, weiße, lachende Frau, ein Kind der Liebe, ein in Jugend
strahlender Mann, ein reiner Himmel und alle Harmonie der Natur -- das
alles schmolz zu einem Einklang zusammen, der der Seele unendlich
wohltat. Ich ertappte mich über einem Lächeln, als wenn das Glück mein
eigenes gewesen wäre. Der schöne junge Mann hörte es neun schlagen.
Nachdem er seine fast ernst und traurig gewordene Gefährtin geküßt
hatte, kehrte er zu seinem zweiräderigen Wagen zurück, den ein alter
Diener langsam heranführte. Der junge Mann küßte ein letztes Mal noch
das Kind, das dazwischen lustig schwatzte. Als der Herr hinwegfuhr und
die junge Frau dem rollenden Wagen nachsah, der in der grünen Allee des
Boulevards eine Staubwolke hinter sich zurückließ, lief Karl zu seiner
Schwester, die an der Brücke stand, und ich hörte ihn mit silberner
Stimme zu ihr sagen:
»Warum hast du nicht auch meinem guten Freund Adieu gesagt?«
Als Helene ihren Bruder an dem Rande des Abhanges sah, warf sie ihm den
entsetzlichsten Blick zu, der je die Augen eines Kindes entflammt hat,
und gab ihm einen heftigen Stoß. Der Knabe glitt an dem steilen Hang aus
und stolperte über Wurzeln, so daß er gegen die scharfen Steine der
Mauer fiel. Er zerschlug sich die Stirn an ihnen, und gleich darauf
stürzte er blutend in das schlammige Wasser des Flusses, das in tausend
braunen Kreisen vor seinem hübschen blonden Kopf zur Seite wich. Ich
hörte den schrillen Schrei des armen Kleinen; aber bald war nichts mehr
zu hören -- er verschwand im Schlamme mit einem gurgelnden Laut, wie ein
Stein, wenn er versinkt. Der Sturz hatte sich mit Blitzesschnelle
vollzogen. Ich erhob mich rasch und stieg auf einem Pfade hinab. Helene
war außer Fassung und schrie herzzerreißend:
»Mama! Mama!«
Die Mutter war neben mir. Sie war wie ein Vogel geflogen. Aber weder die
Augen der Mutter, noch die meinen konnten die Stelle entdecken, wo das
Kind versunken war. Eine große Fläche des schwarzen Wassers war in
brodelnde Bewegung geraten. Das Bett der Bièvre hat an dieser Stelle
zehn Fuß tiefen Schlamm. Das Kind mußte darin sterben, es war unmöglich,
es zu retten. Zu dieser Stunde -- es war ein Sonntag -- feierte alles,
und man sah weder Kähne noch Fischer. Ich sah nicht einmal eine Stange,
um den modrigen Fluß zu untersuchen, und kein Mensch war weit und breit
zu sehen.
Warum hätte ich nun von diesem unheilvollen Vorgange sprechen oder das
Geheimnis dieses Unglücks verraten sollen? Helene hatte vielleicht ihren
Vater gerächt. Ihre Eifersucht war ohne Zweifel das Schwert Gottes.
Dennoch erfaßte mich ein Schauder, als ich die Mutter ansah. Welchem
entsetzlichen Verhör würde nicht ihr Mann, ihr ewiger Richter, sie
unterwerfen? Und sie hatte immer einen unbestechlichen Zeugen bei sich.
Kinder haben eine durchsichtige Stirn und Haut, und die Lüge ist bei
ihnen wie ein Licht, das selbst den Blick erröten läßt. Die
unglückselige Frau dachte noch nicht an die Strafe, die zu Hause ihrer
harrte. Sie starrte in die Bièvre.
Ein solches Ereignis mußte das Leben jeder Frau furchtbar erschüttern,
und es war das einer der schrecklichsten Schläge, die von Zeit zu Zeit
über Juliens Liebe hereinbrachen.
* * * * *
Zwei oder drei Jahre später befand sich ein Notar bei dem Marquis de
Vandenesse, der jetzt um seinen Vater trauerte und den Nachlaß zu ordnen
hatte. Es war am Abend nach dem Diner. Dieser Notar war keiner von der
Art, wie der Romanschriftsteller Sterne sie schildert. Es war kein
kleiner englischer Notar, sondern ein großer, dicker Notar aus Paris,
einer jener schätzbaren Männer, die ihre Albernheiten in das Gewand der
Würde kleiden, ungekannte Wunden plump mit Füßen treten und obendrein
noch fragen, warum man sich beklage. Wenn sie zufällig einmal das Wie
und Weshalb ihrer schrecklichen Blödheit merken, dann sagen sie einfach:
»Meiner Treu, davon habe ich nichts gewußt.« Kurz, es war ein Notar,
dessen Albernheit sich sehen lassen konnte und für den die Akten der
Inbegriff der Welt waren.
Der Diplomat hatte Frau d'Aiglemont bei sich. Der General hatte sich
noch vor dem Ende des Essens höflichst verabschiedet, um mit seinen
beiden Kindern ins Ambigu-Comique oder ins Gaietétheater zu gehen.
Obwohl die Melodramen das Gemüt übermäßig aufregen, ist man in Paris der
Meinung, daß Kinder sie ohne Gefahr sehen können, weil darin immer die
Unschuld siegt. Der Vater war gegangen, ohne auf den Nachtisch zu
warten, denn seine Tochter und sein Sohn konnten es nicht erwarten, ins
Theater zu kommen, und wollten auf jeden Fall vorm Aufgehen des Vorhangs
dort sein.
Der Notar, der unerschütterliche Notar, dachte nicht daran, sich zu
fragen, warum Frau d'Aiglemont wohl ihre Kinder und ihren Mann ins
Theater schicke, ohne mitzugehen, und blieb nach dem Essen wie
angewurzelt auf seinem Stuhle sitzen. Eine Erörterung hatte den
Nachtisch ein wenig in die Länge gezogen, und die Leute ließen sich auch
mit dem Auftragen des Kaffees Zeit. Diese Zufälle verschlangen eine
zweifellos kostbare Zeit, denn die hübsche Frau verriet Zeichen der
Ungeduld; man hätte sie mit einem Rennpferd vergleichen können, das vor
dem Laufe den Boden stampft. Der Notar kannte aber weder Pferde noch
Frauen und fand einfach die Marquise sehr lebhaft, ja etwas
quecksilberig.
Entzückt, sich in der Gesellschaft einer Modedame und eines berühmten
Staatsmannes zu befinden, begann dieser Notar den Geistreichen zu
spielen. Er faßte das gezwungene Lächeln der Marquise, die auf Kohlen
saß, für Beifall auf und legte sich nun erst recht ins Zeug. Der Herr
des Hauses hatte im Einverständnis mit seiner Gefährtin schon mehrmals
Schweigen beobachtet, wo der Notar eine lobende Antwort erwartete; aber
während dieses vielsagenden Schweigens sah der Teufelskerl ins Feuer
und sann auf neue Anekdoten. Dann hatte der Diplomat in seiner
Verzweiflung sogar die Uhr gezogen. Endlich hatte die hübsche Frau den
Hut aufgesetzt, als wenn sie gehen wollte, aber sie ging nicht. Der
Notar sah nichts, verstand nichts; er war von sich selbst entzückt und
überzeugt, er interessiere die Marquise so sehr, daß sie das Gehen
vergessen hätte.
»Sicher wird diese Frau mich in Zukunft zu ihrem Rechtsanwalt machen,«
sagte er zu sich selbst.
Die Marquise war aufgestanden, zog die Handschuhe an, bewegte nervös die
Finger und sah bald den Marquis de Vandenesse an, der ihre Ungeduld
teilte, bald den Notar, der überaus geistreich dreinsah. Bei jeder
Pause, die der würdige Mann machte, atmete das hübsche Paar auf und
sagte sich: »Endlich wird er gehen.«
Doch mit nichten. Es war ein moralisches Alpdrücken und mußte
schließlich dahin führen, daß die beiden Personen, auf die der Notar
ebenso wirkte, wie eine Schlange auf Vögel, außer sich gerieten und zu
irgendeiner Grobheit gezwungen wurden. Mitten in einem schönen Bericht
über die unwürdigen Mittel, durch die Tillet, ein damals sehr beliebter
Geschäftsmann, sein Vermögen gemacht hätte und die der geistreiche Notar
bis ins kleinste auseinandersetzte -- hörte der Diplomat es an seiner
Stutzuhr neun schlagen; er sah ein, sein Notar war ganz entschieden ein
Esel, dem man den Laufpaß geben müsse, und er unterbrach ihn nun kurzweg
durch eine Handbewegung.
»Wünschen Sie die Feuerzange, Herr Marquis?« fragte der Notar, sie
seinem Klienten hinreichend.
»Nein, Herr, ich muß Sie jetzt wegschicken. Die gnädige Frau wird ihren
Kindern entgegengehen, und ich werde die Ehre haben, sie zu begleiten.«
»Schon neun Uhr! In liebenswürdiger Gesellschaft vergeht die Zeit doch
zu schnell,« sagte der Notar, der schon eine ganze Stunde lang allein das
Wort führte.
Er suchte seinen Hut, pflanzte sich dann vor dem Kamin auf, unterdrückte
mit Mühe einen Schluckauf und sagte zu seinem Klienten, ohne die
vernichtenden Blicke zu bemerken, die die Marquise ihm zuwarf.
»Lassen Sie uns zusammenfassen, Herr Marquis. Die Geschäfte gehen allem
vor. Morgen werden wir also Ihrem Bruder eine Vorladung zustellen
lassen, um ihn zur Erfüllung seiner Verbindlichkeiten aufzufordern. Wir
werden das Inventar aufnehmen, und nachher -- nun ja --«
Der Notar hatte die Absichten seines Klienten so schlecht verstanden,
daß er die Angelegenheit gerade im umgekehrten Sinne der Weisungen, die
der Marquis ihm eben erteilt hatte, in die Hand nahm. Das war denn doch
eine heikle Sache, und Vandenesse mußte wohl oder übel dem tölpelhaften
Notar von neuem seine Wünsche klarmachen. Daran knüpfte sich
notwendigerweise eine abermals zeitraubende Erörterung.
»Nun hören Sie,« sagte schließlich der Diplomat auf ein Zeichen hin, das
die junge Frau ihm gegeben hatte, »Sie machen mich nervös. Kommen Sie
morgen um neun Uhr wieder mit meinem Advokaten.«
»Aber ich gestatte mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, Herr Marquis,
wir können morgen nicht mit Bestimmtheit darauf rechnen, Herrn Desroches
zu treffen. Wenn die gerichtliche Zustellung nicht bis morgen mittag
erlassen ist, läuft die Frist ab, und dann ...«
In diesem Augenblick fuhr ein Wagen auf den Hof, und als die arme Frau
dieses Geräusch hörte, drehte sie sich rasch um, um die Tränen zu
verbergen, die ihr in die Augen schossen. Der Marquis klingelte, um
sagen zu lassen, er sei weggegangen; aber der General, der unvermutet
aus dem Gaietétheater zurückkam, trat vor dem Kammerdiener ein. Er hielt
an der einen Hand seine Tochter, deren Augen rot waren, und an der
andern seinen kleinen Jungen, der ein mürrisches Gesicht zog.
»Was ist euch denn passiert?« fragte die Frau ihren Mann.
»Ich werde es Ihnen später sagen,« antwortete der General und schritt in
ein anstoßendes Zimmer, dessen Tür offen stand, und wo er Zeitungen
liegen sah.
Die Marquise warf sich verzweifelt auf ein Kanapee.
Der Notar glaubte gegen die Kinder den freundlichen Herrn spielen zu
müssen und schlug einen gezierten Ton an, indem er den Kleinen fragte:
»Nun, mein Kleiner, was wurde denn im Theater gespielt?«
»Das Tal des Gießbachs,« antwortete Gustav mürrisch.
»Nun, ich bitte Sie,« rief der Notar, »unsere Schriftsteller sind halb
verrückt! Das Tal des Gießbachs! Warum nicht der Gießbach des Tals? Es
ist möglich, daß ein Tal keinen Gießbach hat, und wenn der Verfasser
gesagt hätte: Der Gießbach des Tals, so hätte er eine klare,
charakteristische, verständliche Form gewählt. Doch lassen wir das. Wie
kann sich denn aber in einem Gießbach und in einem Tal ein Drama
abspielen? Nun, allerdings! heutzutage liegt das hauptsächliche
Lockmittel dieser Art von Schauspielen in den Dekorationen, und dieser
Titel deutet eine imposante Ausstattung an. Du hast dich da wohl
trefflich amüsiert, mein kleiner Freund?« setzte der Notar hinzu, indem
er sich vor das Kind setzte.
Als der Notar gefragt hatte, was für ein Drama sich wohl auf dem Grunde
eines Gießbachs abspielen könne, drehte die Tochter der Marquise sich
langsam um und weinte. Die Mutter war so ärgerlich gestimmt, daß sie die
Bewegung ihrer Tochter nicht bemerkte.
»O ja, Herr, ich habe mich gut amüsiert,« antwortete das Kind. »In dem
Stück kam ein kleiner Junge vor, der war sehr hübsch und war ganz allein
auf der Welt, weil sein Papa nicht sein Vater sein durfte. Und da kam er
an eine große Brücke, die hoch über den Gießbach hinführt, und da kam
ein großer Vagabund mit einem Bart und ganz schwarz angezogen, und der
hat ihn ins Wasser geworfen. Da hat Helene angefangen zu weinen und laut
zu schluchzen, und alle Leute haben sich über uns aufgehalten, und da
hat der Vater uns ganz schnell, ganz schnell hinausgeführt.«
Herr de Vandenesse und die Marquise standen bestürzt da, wie unter dem
jähen Schlag eines Unglücks, das ihnen die Kraft, zu denken und zu
handeln, raubte.
»Gustav, wirst du den Mund halten!« rief der General. »Ich habe dir doch
verboten zu erzählen, was im Theater geschehen ist, und du vergißt schon
mein Geheiß?«
»Euer Gnaden mögen verzeihen,« sagte der Notar, »die Schuld trifft mich,
denn ich habe ihn gefragt -- aber ich wußte ja nicht, wie ernst ...«
»So durfte er nicht antworten,« sagte der Vater und sah seinen Sohn
streng an.
Der Diplomat und die Marquise hatten nun aber doch die Ursache erfahren,
weshalb die Kinder und der Vater so plötzlich zurückgekehrt waren. Die
Mutter sah ihre Tochter an, sah sie weinen und erhob sich, um zu ihr zu
gehen; aber ihr Gesicht verzog sich dabei heftig und nahm den Ausdruck
einer maßlosen Strenge an.
»Genug, Helene,« sagte sie zu ihr, »trockne im Nebenzimmer deine
Tränen.«
»Was hat sie denn getan, diese arme Kleine?« sagte der Notar, der
zugleich die zornige Mutter und die weinende Kleine beschwichtigen
wollte. »Sie ist so hübsch -- sie muß das gescheiteste Kind von der Welt
sein. Ich bin überzeugt, gnädige Frau, sie macht Ihnen nur Freude. Nicht
wahr, meine Kleine?«
Helene sah zitternd ihre Mutter an, wischte die Tränen ab, versuchte,
ein ruhiges Gesicht zu zeigen, und flüchtete ins Nebenzimmer.
»Und gewiß,« schwatzte der Notar noch immer weiter, »gnädige Frau sind
eine gute Mutter und werden alle Ihre Kinder in gleichem Maße lieben.
Sie sind übrigens zu tugendhaft zu jener traurigen Bevorzugung, deren
unheilvolle Folgen ganz besonders deutlich wir Notare zu sehen bekommen.
Uns läuft die Gesellschaft sozusagen durch die Finger. Wir sehen daher
auch die Leidenschaften in ihrer häßlichsten Gestalt: der Selbstsucht.
Hier will eine Mutter die Kinder ihres Mannes um ihr Erbe bringen
zugunsten der Kinder, denen sie den Vorzug gibt. Auf der andern Seite
will der Mann manchmal sein Vermögen ganz dem Kinde zukommen lassen, das
den Haß der Mutter verdient hat. Und da gibt es dann Kämpfe, Urkunden,
Gegenverschreibungen, Scheinverkäufe, Fideikommisse -- kurz, ein
bedauernswertes Tohuwabohu -- auf Ehre, bedauernswert! Hier bringen
Väter ihr Leben lang Kinder um ihr Erbe, indem sie das Gut ihrer Frauen
stehlen -- ja, stehlen ist das richtige Wort. Wir sprachen vom Drama.
Ach, ich versichere Ihnen, wenn wir das Geheimnis gewisser Schenkungen
ausplaudern könnten, würden unsere Dichter entsetzliche bürgerliche
Tragödien daraus machen können. Ich weiß nicht, was für eine Macht die
Frauen gebrauchen, um das zu erreichen, was sie wollen. Denn, so zart
und schwach sie aussehen, sie behalten immer die Oberhand. Ach ja, ja!
Mich fangen sie nie, mich nicht! Ich erkenne immer den Grund solcher
Bevorzugung, von denen man in der Welt höflicherweise immer sagt: »Wir
wissen selbst nicht recht, weshalb.« Aber die Ehemänner kommen nie
dahinter, diese Gerechtigkeit muß man ihnen angedeihen lassen. Sie
werden mir darauf antworten, es gäbe eben liebevolle Kinder und --«
Helene war mit ihrem Vater aus dem Nebenzimmer in den Salon
zurückgekehrt und hörte aufmerksam dem Notar zu. Sie verstand ihn so
gut, daß sie auf ihre Mutter einen furchtsamen Blick warf und mit dem
ganzen Instinkt der Jugend ahnte, dieser Umstand werde die strenge
Behandlung verdoppeln, die ihr bevorstand. Die Marquise erbleichte und
machte Vandenesse durch eine Gebärde des Entsetzens auf ihren Gatten
aufmerksam, der nachdenklich die Blumen der Tapete betrachtete. In
diesem Moment konnte der Diplomat sich trotz aller Lebensart nicht mehr
bezwingen und schleuderte dem Notar einen niederschmetternden Blick zu.
»Kommen Sie hier hindurch, Herr,« sagte er zu ihm und schritt rasch auf
das Gemach zu, das vor dem Salon lag.
Der Notar folgte ihm zitternd, ohne seinen Satz zu vollenden.
»Herr,« sagte nun der Marquis de Vandenesse, der die Tür des Salons
heftig zuwarf, wo er das Ehepaar zurückließ, mit verhaltener Wut zu dem
Juristen, »seit dem Diner haben Sie hier eine Dummheit nach der andern
begangen und lauter Albernheiten gesagt. Um Gotteswillen, machen Sie,
daß Sie hinauskommen! Sie richten sonst noch das größte Unglück an. Sie
mögen ein ausgezeichneter Notar sein, aber dann bleiben Sie bei Ihren
Leisten. Wenn Sie sich mal zufällig in Gesellschaft befinden, dann
befleißigen Sie sich eines vorsichtigeren Benehmens ...«
Dann ließ er den Notar ohne Abschiedsgruß stehen und kehrte in den Salon
zurück. Der Notar stand einen Augenblick da, wie vor den Kopf
geschlagen, fassungslos, ohne zu wissen, wo er sich befände. Als das
Summen aufhörte, das ihm in den Ohren klang, glaubte er Seufzen und Hin-
und Herlaufen im Salon zu hören, und darauf wurde heftig geklingelt. Er
hatte Angst, dem Marquis de Vandenesse noch einmal zu begegnen, und da
ihm die Beine nicht länger den Dienst versagten, erreichte er die Treppe
und gab Fersengeld. Aber an der Tür der Gemächer stieß er erst noch
einmal mit den Dienern zusammen, die hineineilten, um die Befehle ihres
Herrn zu vernehmen.
»So sind diese großen Herren,« sagte er zu sich selbst, als er endlich
auf der Straße stand und seine Droschke suchte, »erst fordern sie einen
auf, was zu sagen, ermuntern einen durch allerlei Komplimente, und man
bildet sich ein, ihnen Spaß zu machen -- hat sich was! Impertinenzen
kriegt man zu hören, es wird abgewinkt, und schließlich wird man gar an
die Luft gesetzt -- ganz ohne Umstände. Dabei bin ich überaus geistreich
gewesen. Ich habe nicht einmal was Unsinniges gesagt -- und alles in
hübsche Worte gekleidet -- und alles anständig. Sieh an, er empfiehlt
mir, mehr Vorsicht zu beobachten -- daran lasse ich's nicht fehlen. Ach,
pfeif' drauf! Du bist Notar und Mitglied der Kammer. Der Herr Gesandte
hat mal so einen Rappel bekommen -- diesen Leuten ist ja nichts heilig.
Morgen soll er mir die Erklärung geben, inwiefern ich bei ihm nichts wie
Dummheiten angestellt und nichts wie Albernheiten gesagt hätte. Ich
werde Rechenschaft von ihm fordern -- das heißt, dafür -- für seine
grobe Zurechtweisung. Mein Gott ja -- vielleicht habe ich auch unrecht
-- ei was, fällt mir nicht ein, mir den Kopf darüber zu zerbrechen! Was
mache ich mir daraus?«
Der Notar kam zu Hause an und unterbreitete das Rätsel der Frau Notarin,
indem er Punkt für Punkt die Geheimnisse des Abends erzählte.
»Mein lieber Crottat, Seine Exzellenz hat vollauf recht gehabt, als er
dir sagte, du hättest lauter Dummheiten angestellt und nichts wie
Dummheiten gesagt.«
»Wieso?«
»Mein Lieber, das würde ich dir sagen -- aber du machst es deswegen ja
doch morgen wieder genau so schlau. Ich empfehle dir, in Gesellschaften
immer nur das zu sagen, was deines Amtes ist.«
»Wenn du es mir nicht sagen willst, dann werde ich morgen schon wissen,
wen ich zu fragen habe.«
»Mein Gott, die dümmsten Menschen geben sich Mühe, so etwas niemand
merken zu lassen, und du glaubst, ein Gesandter wird es dir sagen? Aber,
Crottat, ich habe dich noch niemals so schwerfällig gesehen.«
»Danke, meine Liebe.«