6. Kapitel.

Eine schuldige Mutter im Alter.

An einem der ersten Tage des Juni 1848 erging sich eine Dame von etwa

fünfzig Jahren, die jedoch noch älter aussah, als es ihrem eigentlichen

Alter entsprochen hätte, im Mittagsonnenschein auf einer Allee im Garten

eines großen in der Rue Plumet zu Paris gelegenen Hauses. Nachdem sie

ein paarmal auf dem leicht gewundenen Pfade hin und her gewandelt war,

den sie nicht verließ, um die Fenster eines Zimmers, die ihre ganze

Aufmerksamkeit zu beanspruchen schienen, nicht aus den Augen zu

verlieren, setzte sie sich auf einen jener halb ländlichen Stühle, die

man aus den noch mit der Rinde versehenen Ästen junger Bäume anfertigt.

Von diesem Platze aus konnte die Dame durch eines der in die

Umfassungsmauern eingefügten Gittertore sowohl die inneren Boulevards,

in deren Mitte der prachtvolle Invalidendom seine goldene Kuppel über

die Wipfel unzähliger Ulmen emporreckt -- ein herrliches Landschaftsbild

-- wie auch den weniger großartigen Anblick ihres Gartens genießen, der

durch die graue Fassade eines der schönsten Häuser von ganz Faubourg

Saint-Germain begrenzt wurde.

Dort war noch alles still, in den Nachbargärten, auf den Boulevards und

an der Kirche; denn in diesem vornehmen Viertel beginnt der Tag kaum

gegen Mittag. Wenn nicht etwas besonderes vorliegt, wenn nicht gerade

mal eine junge Dame ausreiten will oder ein alter Diplomat ein Protokoll

aufzunehmen hat, schläft dort um diese Stunde noch alles, Herren und

Diener, oder man steht höchstens eben erst auf.

Die so früh schon wache Dame war die Marquise d'Aiglemont, die Mutter

der Frau de Saint-Héreen, der dieses schöne Haus gehörte. Die Marquise

hatte es an die Tochter abgetreten, der sie ihr ganzes Vermögen

geschenkt hatte. Für sich selbst hatte sie nur eine kleine

lebenslängliche Rente zurückbehalten. Die Komtesse Moina de Saint-Héreen

war das letzte Kind, das der Frau d'Aiglemont verblieben war. Um die

Heirat mit dem Erben eines der berühmtesten und vornehmsten Häuser von

Frankreich zu ermöglichen, hatte die Marquise alles geopfert. Auch war

nichts natürlicher. Sie hatte nacheinander zwei Söhne verloren. Der

eine, Gustav Marquis d'Aiglemont, war an der Cholera gestorben; der

andere, Abel, war vor Constantine[2] gefallen. Gustav hinterließ Kinder

und eine Witwe. Aber die an sich schon laue Zuneigung, die Frau

d'Aiglemont für ihre Söhne gehabt hatte, schwächte, auf ihre Enkel

übergehend, natürlich noch mehr ab. Sie benahm sich freundlich gegen

Madame d'Aiglemont die Jüngere, aber sie hielt sich in den Grenzen des

oberflächlichen Gefühls, die der gute Ton und das Herkommen im Verkehr

mit Verwandten vorschreiben.

[2] Stadt in Algerien, die am 13. Oktober 1837 von Marschall Balée

erobert wurde.

Da die Vermögensverhältnisse der beiden nun toten Söhne vollständig

geregelt gewesen waren, so hatte sie ihre Ersparnisse und ihren eigenen

Besitz ungeschmälert ihrer teuern Moina überweisen können.

Moina, seit ihrer Kindheit eine entzückende Schönheit, war allzeit für

Frau d'Aiglemont der Gegenstand einer mit der Geburt entstandenen oder

unwillkürlichen Bevorzugung gewesen, wie man sie bei Familienmüttern oft

findet: eine bedenkliche Sympathie, die manchem unerklärlich scheint,

die aber der Menschenkenner sich oft nur zu gut erklären kann. Das

reizende Gesicht Moinas, die Stimme dieses Nesthäkchens, ihr Benehmen,

ihre Haltung, ihre Gebärden, ihr Mienenspiel: alles an ihr erweckte bei

der Marquise die tiefsten Gefühle, die überhaupt das Herz einer Mutter

bewegen, beunruhigen oder erfreuen können. Ihr Leben von heute, ihr

Leben von morgen und ihr vergangenes Leben wurzelte nun ganz im Herzen

dieser jungen Frau, in das sie alles gelegt hatte, was es für sie noch

an Reizen und Werten auf dieser Welt gab.

Moina war ja zum Glück allein noch von vier Kindern, die älter gewesen

waren als sie, am Leben geblieben. Madame d'Aiglemont hatte, wie man

sich in der Gesellschaft erzählte, auf höchst tragische Weise eine

bildschöne Tochter verloren, deren Schicksal fast unbekannt geblieben

war, und einen kleinen Jungen, der im Alter von fünf Jahren verunglückt

war. Die Marquise erblickte ohne Zweifel einen Fingerzeig des Himmels

in der Güte, die das Schicksal der Tochter ihres Herzens zu erzeigen

schien, und bewahrte ihren vom launischen Tode schon hinweggerafften

Kindern nur ein schwaches Erinnern. Sie ruhten in ihrem Herzen, etwa wie

die Toten eines Schlachtfelds unter den flachen Hügeln, die die

wuchernden Blumen des Feldes schon fast ganz unsichtbar gemacht haben.

Die Welt hätte die Marquise wegen dieser Gleichgültigkeit und

Bevorzugung streng zur Rechenschaft ziehen können; aber die Welt von

Paris wird von einem solchen Strom von Ereignissen, Moden und neuen

Ideen hinweggerissen, daß das ganze Leben der Frau d'Aiglemont schon in

Vergessenheit geraten sein mußte. Niemand dachte daran, ihr ein kaltes

Benehmen, ein Vergessen zur Missetat anzurechnen, denn daran war niemand

etwas gelegen, während ihre große Zärtlichkeit gegen Moina sehr viele

Leute interessierte und alles das für sich hatte, was uns ein blindes

Vorurteil unantastbar macht.

Auch ging die Marquise wenig in Gesellschaft; den meisten Familien, die

sie kannten, galt sie für fromm, gut und nachsichtig. Um über diesen

äußern Schein hinaus, mit dem sich die Gesellschaft begnügt, in jemandes

Wesen einzudringen, muß ja schon eine ausnahmsweise lebhafte Teilnahme

vorhanden sein. Und was verzeiht man nicht alten Leuten, die nur noch

ein Schatten zu sein scheinen und nichts weiter sein wollen als eine

Erinnerung? Kurz, Frau d'Aiglemont war ein Vorbild, auf das die Kinder

wohlgefällig ihre Väter, die Schwiegersöhne ihre Schwiegermütter

hinwiesen. Sie hatte vor der Zeit schon Moina all ihren Besitz

abgetreten, ließ sich an dem Glück der jungen Komtesse genügen und lebte

nur für sie.

Wenn vorsichtige alte Leute oder griesgrämige Onkel dieses Verhalten mit

den Worten tadelten: »Madame d'Aiglemont wird es vielleicht eines Tages

noch bereuen, zugunsten ihrer Tochter ihr Vermögen weggegeben zu haben;

denn wenn sie auch das Herz der Frau de Saint-Héreen genau kennt, kann

sie auch auf die Anständigkeit ihres Schwiegersohns ebenso bestimmt

rechnen?« Dann erhob sich gegen diese Propheten ein allgemeiner

Aufstand, und von allen Seiten regnete es Lobreden auf Moina.

»Man muß es bei Madame Saint-Héreen anerkennen,« sagte eine junge Frau,

»sie sorgt dafür, daß die Mutter in der alten Umgebung und den alten

Gewohnheiten weiterlebt. Madame d'Aiglemont ist wunderbar eingerichtet,

hat einen Wagen, der ihr ganz allein zur Verfügung steht, und kann wie

zuvor überall hingehen.«

»Bloß nicht in die Italienische Oper,« antwortete leise ein alter

Schmarotzer, einer jener Menschen, die sich für befugt halten, ihren

Freunden unter dem Vorwande, sich als unabhängig hinzustellen, allerlei

Schmähreden über andere aufzutischen. »Die alte Dame schwärmt nur noch

für Musik und spielt ihrem verhätschelten Kinde schnurrige Sachen vor.

Sie war seinerzeit doch so hervorragend musikalisch. Aber da die Loge

der jungen Komtesse immer von jungen Schmetterlingen umgaukelt ist und

die Alte das kleine Dämchen stören würde, die man schon eine große

Kokette nennt, so geht die arme Mama nie mehr in die Italienische Oper.«

»Madame de Saint-Héreen,« sagte ein heiratsfähiges Mädchen,

»veranstaltet für ihre Mutter prachtvolle Soiréen und hält einen Salon,

wo ganz Paris verkehrt.«

»Und kein Mensch sich um die Marquise kümmert,« setzte der Parasit

hinzu.

»Tatsache ist, daß Madame d'Aiglemont nie allein ist,« bemerkte ein

Geck, um den jungen Damen das Wort zu reden.

»Am Morgen,« antwortete der alte Menschenkenner mit leiser Stimme,

»schläft die teure Moina. Um vier Uhr ist die teure Moina auf der

Ausfahrt. Am Abend geht die teure Moina zu Balle oder ins Theater. Aber

freilich, Madame d'Aiglemont kann die teure Moina sehen, wenn sie

Toilette macht, oder während des Diners, wenn die teure Moina zufällig

einmal mit ihrer Mutter speist. Vor etwa acht Tagen, mein Herr,« sagte

der alte Schmarotzer und nahm den Arm eines schüchternen Lehrers, eines

Neulings in dem Hause, wo man sich eben befand, »sah ich diese traurige,

einsame Mutter an ihrem Kamin. >Was haben Sie?< fragte ich sie. Die

Marquise sah mich lächelnd an, aber sie hatte sicherlich geweint.

>Ich dachte so bei mir,< sagte sie zu mir, >es sei doch recht seltsam,

daß ich nun so allein bin, nachdem ich fünf Kinder gehabt habe.

Doch das ist unser Los. Und ich bin ja auch glücklich, wenn ich nur weiß,

daß Moina sich vergnügt.< Sie konnte sich mir anvertrauen, denn ich habe

seinerzeit ihren Mann sehr gut gekannt. Das war ein armer Kerl, und es war

ein Glück für ihn, daß er sie zur Frau bekam, er hat ihr sicherlich seine

Pairswürde und seine Stellung am Hofe Karls X. verdankt.«

Aber in das Geschwätz der Welt schleichen sich so viele Irrtümer ein, es

entstehen leicht so tiefgehende Fehler, daß der Sittenchronist

verpflichtet ist, die sorglos von so vielen Sorglosen hingeworfenen

Behauptungen klug abzuwägen. Man darf es vielleicht nie aussprechen, wer

unrecht habe, das Kind oder die Mutter. Zwischen zwei solchen Herzen

gibt es nur einen Richter -- und dieser Richter ist Gott! Gott verlegt

oft seine Rache in den Schoß von Familien und bedient sich in Ewigkeit

der Kinder gegen die Mütter, der Väter gegen die Söhne, der Völker gegen

die Könige, der Fürsten gegen die Nationen -- kurz, er spielt alles

gegen alles aus, ersetzt in der geistigen Welt Gefühle durch Gefühle,

wie die jungen Blätter im Frühling an die Stelle der alten treten,

handelt nach einer unabänderlichen Ordnung und strebt in allem nur einem

ihm allein bekannten Ziele zu. Ohne Zweifel geht ein jedes Ding in

seinen Schoß oder, besser gesagt, kehrt dorthin zurück.

Diese religiösen Gedanken, den Herzen alter Leute so natürlich, zogen

vereinzelt durch Madame d'Aiglemonts Seele; sie lagen dort noch halb im

Schatten, bald tief auf dem Grunde, bald vollständig entfaltet, wie

Blumen, die während eines Sturmes an die Oberfläche des Wassers

gestiegen sind. Sie hatte sich hingesetzt, ermüdet, geschwächt von einem

langen Grübeln, einer jener Träumereien, die das ganze Leben noch einmal

heraufbeschwören und vor den Augen des von Todesahnung heimgesuchten

Menschen vorbeiziehen lassen.

Diese vor der Zeit gealterte Frau wäre für einen auf dem Boulevard

vorbeigehenden Dichter eine merkwürdige Erscheinung gewesen. Wenn man

sie im feinen Schatten einer Akazie sitzen sah -- in einem

Akazienschatten zur Mittagszeit -- so hätte alle Welt eins der tausend

Dinge lesen können, die auf diesem Gesicht geschrieben standen, das

selbst inmitten der warmen Sonnenstrahlen kalt und blaß blieb. Ihr

ausdrucksvolles Gesicht drückte noch etwas Schwereres und Herberes aus,

als nur das Bewußtsein zur Neige gehenden Lebens, noch etwas Tieferes,

als ein von Prüfungen ermattetes Gemüt. Sie war eine jener Typen, die

unter Tausenden von unbeachteten, weil charakterlosen Physiognomien uns

stutzig machen und nachdenklich stimmen, ebenso wie man zwischen den

tausend Gemälden eines Museums gewaltig gefesselt wird durch den

erhabenen Kopf, auf dem Murillo den Mutterschmerz gemalt hat, oder durch

das Gesicht der Beatrice Cenci, wo Guido über der Tiefe des

verbrecherischsten Gemüts die rührendste Unschuld darstellt, oder durch

das finstere Antlitz Philipps II., auf dem Velasquez für immer den

majestätischen und abschreckenden Ausdruck der königlichen Würde

festgehalten hat. Gewisse Menschengesichter sind despotische Bildnisse,

die zu uns sprechen, in uns dringen, auf unsere geheimsten Gedanken

antworten, ja zu vollkommenen Gedichten werden. Das eisige Antlitz der

Madame d'Aiglemont war eine jener furchtbaren Poesien, eins jener

Gesichter, die zu Tausenden in der »Divina Comedia« des Dante Alighieri

auftauchen.

Während der raschen Blütezeit der Frau, eignen sich die Züge ihrer

Schönheit wunderbar zu der Verstellung, die ihre natürliche Schwäche und

unsere sozialen Gesetze ihr aufnötigen. Unter dem reichen Kolorit ihres

frischen Gesichts, dem Feuer ihrer Augen, dem anmutigen Gewebe ihrer so

zarten Züge, so vielfältiger gerader oder gebogener, doch reiner Linien,

die ihr alle vollkommen zu Gebote stehen, können alle ihre Regungen

geheim bleiben. Wenn die Röte die an sich schon lebhafte Farbe erhöht,

so verrät sie dann noch gar nichts; alles innere Feuer mischt sich dann

noch so gut in den Glanz dieser lebensvoll strahlenden Augen, daß die

flüchtige Flamme eines Unglücks dort nur als ein Reiz mehr in

Erscheinung tritt.

Nichts ist so verschwiegen, wie ein junges Gesicht, weil nichts

unbeweglicher ist. Das Gesicht einer jungen Frau hat die Ruhe, die

Glätte, die Frische, die die Oberfläche eines Sees zeigt. Der

charakteristische Ausdruck fängt bei den Frauen erst mit dreißig Jahren

an. Bis dahin findet der Maler in ihren Gesichtern nur Rosa und Weiß,

das Lächeln und den Ausdruck, dem immer wieder ein und derselbe Gedanke

zugrunde liegt, ein allgemeiner Gedanke ohne Tiefe, nämlich das

Bewußtsein der Jugend und der Liebe. Aber im Alter hat alles bei der

Frau seine Rolle gespielt, die Leidenschaften haben sich auf ihrem

Gesicht eingeprägt, sie ist Liebende, Gattin, Mutter gewesen; die

heftigsten Ausdrücke der Freude und des Schmerzes haben ihre Züge

entstellt und tausend Furchen gegraben, die alle eine Sprache reden.

Dann wird ein Frauenkopf entweder erhaben in seiner Schreckhaftigkeit,

schön in seiner Schwermut oder großartig in seiner Ruhe. Wenn es erlaubt

ist, dieses sonderbare Gleichnis weiterzuspinnen, so könnte man sagen,

der ausgetrocknete See ließe dann die Spuren aller Bäche erkennen, die

ihn gebildet hatten. Ein Frauenkopf gehört dann weder der Gesellschaft,

die in ihrer Frivolität zurückschreckt vor dem Abbilde der vernichtenden

Wirkung, die die geliebten und gewöhnlichen Begriffe von Eleganz und

Lebensfreude dort ausgeübt haben, noch gehört er den Alltagskünstlern

an, die darin nichts entdecken -- er gehört den wahren Poeten, denn sie

allein würdigen und erkennen das Schöne unabhängig von dem Herkommen und

dem Vorurteil, welchem beiden allein gar vieles seinen Ruf des Schönen

und Künstlerischen verdankt.

Obwohl Madame d'Aiglemont einen modernen Hut trug, war doch leicht zu

erkennen, daß ihr einstmals schwarzes Haar infolge heftiger Aufregungen

weiß geworden war. Aber die Art, wie sie es scheitelte, verriet ihren

guten Geschmack, bekundete die anmutigen Gewohnheiten der vornehmen Dame

und umrahmte wirksam die welke, gefurchte Stirn, die noch immer Spuren

ihres ehemaligen Glanzes aufwies.

Der Gesichtsschnitt, die Regelmäßigkeit der Züge gaben noch heute einen

allerdings nur schwachen Begriff von der großen Schönheit, auf die sie

einmal hatte stolz sein dürfen; aber noch besser erkannte man daran, wie

tief und furchtbar die Schmerzen gewesen sein mußten, da sie dieses

Gesicht, diese Schläfen, diese Wangen hohl gemacht und die Augen ihrer

Wimpern beraubt hatten, die den Blick so anmutig machen.

An dieser Frau war alles Schweigen; ihr Gang und ihre Bewegungen hatten

die ernste, gefaßte Langsamkeit, die immer Ehrfurcht erweckt. Ihre

Bescheidenheit, fast zur Schüchternheit geworden, schien die Folge der

Gewohnheit, die sie seit einigen Jahren hatte: vor ihrer Tochter in den

Hintergrund zu treten. Sie sprach sehr selten und sehr sanft, wie alle

Leute, die viel nachdenken, sich sammeln und gezwungen sind, für sich

selbst zu leben.

Dieses Benehmen erweckte ein unerklärliches Gefühl, das weder Furcht

noch Mitleid war, in das sich aber geheimnisvoll alle Ideen mischten,

welche diese einander so entgegengesetzten Regungen auslösen. Die Natur

ihrer Furchen, die Art, wie ihr Gesicht sich in Falten gelegt hatte, die

Fahlheit ihres Blicks -- das alles zeugte dafür, daß sie jene Tränen

geweint hatte, die, vom Herzen aufgezehrt, nie zur Erde fallen. Ein

Unglücklicher, der gewöhnt war, zum Himmel hinaufzuschauen, um ihn in

den Unbilden seines Daseins anzurufen, hätte leicht in den Augen dieser

Mutter gelesen, daß ein grausames Los es ihr zur Gewohnheit gemacht

hatte, jede Stunde des Tages zu beten, hätte auch die geheimen Spuren

des seelischen Meltaus entdeckt, der alle Blüten des Gemüts, bis hinab

auf das Gefühl der Mutterschaft, vernichtet.

Maler haben wohl Farbe für solche Porträts; aber Gedanken und Worte sind

nicht imstande, sie getreu zu zeichnen. Es findet sich in den Tönen der

Haut und im ganzen Gepräge des Gesichts manches unerklärliche Phänomen,

das, vom Auge gesehen, sogleich zur Seele dringt; aber wenn der Dichter

eine so furchtbare Veränderung des Gesichtsausdrucks begreiflich machen

will, so steht ihm kein anderes Mittel zur Verfügung, als die Ereignisse

zu berichten, auf die sie zurückzuführen ist. Dieses Gesicht deutete auf

einen Sturm, der sich kalt und in aller Stille abgespielt hatte, auf

einen geheimen Kampf zwischen dem Heroismus des mütterlichen Schmerzes

und der Unbeständigkeit unserer Gefühle, die, wie wir selbst, ihr Ende

finden und nichts Endloses in sich tragen.

Diese unaufhörlich ins Innere der Seele zurückgedrängten Leiden hatten

auf die Dauer dieser Frau etwas seltsam Krankhaftes verliehen. Ohne

Zweifel hatten allzu heftige Erschütterungen das Mutterherz auch

körperlich beeinträchtigt, und eine Krankheit, vielleicht eine

Herzerweiterung, bedrohte langsam ihr Leben, ohne daß Julie sich dessen

bewußt war. Die wahren Schmerzen liegen anscheinend so ruhig in dem

tiefen Bett, das sie sich bereiten -- sie scheinen dort zu schlummern,

aber sie nagen noch immer an der Seele, gleich jener furchtbaren Säure,

die das Kristall zerfrißt.

In diesem Augenblick rannen zwei Tränen an den Wangen der Marquise

hinab, und sie erhob sich, als wenn ein Gedanke, schmerzlicher als alle

anderen, ihr plötzlich weh getan hätte. Sie hatte ohne Zweifel über

Moinas Zukunft nachgedacht. Und indem sie die Schmerzen voraussah, die

ihrer Tochter harrten, fiel ihr alles Unglück des eigenen Lebens wieder

schwer aufs Herz.

Die Lage dieser Mutter wird verständlich sein, sobald wir die ihrer

Tochter dargelegt haben.

Graf Saint-Héreen war vor einem halben Jahre abgereist, um eine

politische Mission zu erfüllen. Moina, die zu aller Eitelkeit der

geliebten Frau noch die Launen des verhätschelten Kindes hinzufügte,

hatte teils aus Leichtsinn, teils zur Befriedigung der tausend

weiblichen Koketterien, und vielleicht auch um deren Macht zu erproben,

während der Abwesenheit ihres Gatten ein Vergnügen daran gefunden, mit

der Leidenschaft eines gewandten, doch herzlosen Mannes zu spielen, denn

wenn dieser auch erklärte, vor Liebe toll zu sein, so war es doch eben

nur jene Liebe, die sich mit all dem kleinlichen gesellschaftlichen

Ehrgeiz des Gecken verträgt. Madame d'Aiglemont, die eine langjährige

Erfahrung gelehrt hatte, das Leben zu kennen, die Männer zu beurteilen,

die Gesellschaft zu fürchten, hatte die fortschreitende Entwickelung

dieser Liebelei beobachtet und ahnte nun den Untergang ihrer Tochter, da

sie sie in die Hände eines Mannes gefallen sah, dem nichts heilig war.

Mußte es nicht für sie das Entsetzlichste sein, einen Wüstling in dem

Manne zu erkennen, dem Moina mit Freuden zugehörte? Ihr geliebtes Kind

befand sich also am Rande eines Abgrunds. Das war für sie eine

fürchterliche Gewißheit, und doch wagte sie nicht, sie zu warnen; denn

sie fürchtete sich vor der Komtesse. Sie wußte im voraus, Moina würde

auf keinen der klugen Ratschläge hören, Julie hatte keine Gewalt über

diese Seele, die ihr gegenüber von Eisen, gegen alle andern aber von

Wachs war.

Ihre Mutterliebe wäre groß genug gewesen, der Tochter ihr Mitleid nicht

zu versagen, wenn eine durch die edlen Eigenschaften des Verführers

gerechtfertigte Leidenschaft ihre Tochter unglücklich gemacht hätte;

allein Moina folgte einer Regung der Gefallsucht, und die Marquise

verachtete den Grafen Alfred de Vandenesse, weil sie wußte, daß er der

Mann dazu war, seinen Kampf mit Moina wie eine Schachpartie zu

behandeln.

Obwohl Graf Alfred de Vandenesse dieser unglücklichen Mutter Abscheu

einflößte, war sie doch gezwungen, die letzten Gründe ihres Widerwillens

in den tiefsten Falten ihres Herzens zu begraben. Sie hatte in engen

Beziehungen zu dem Marquis de Vandenesse, Alfreds Vater, gestanden, und

diese in den Augen der Welt sehr respektable Freundschaft berechtigte

den jungen Mann, mit Madame de Saint-Héreen vertraulich zu verkehren, in

die er von Kind auf »verschossen« gewesen zu sein behauptete.

Auch wenn Frau d'Aiglemont sich entschlossen hätte, zwischen ihre

Tochter und Alfred de Vandenesse ein furchtbares Wort zu schleudern, das

sie hätte trennen können, so wäre es doch umsonst gewesen; sie war

überzeugt, daß es ihr nicht gelungen wäre, sie auseinanderzubringen,

trotz aller Gewalt dieses Wortes, mit dem sie sich außerdem in den Augen

ihrer Tochter entehrt haben würde.

Alfred war zu verderbt, Moina zu geistreich, um an eine solche

Enthüllung zu glauben, und die junge Komtesse würde sie als eine

mütterliche Kriegslist ausgelegt und sich darüber hinweggesetzt haben.

Frau d'Aiglemont hatte ihren Kerker mit eigenen Händen erbaut und sich

darin eingemauert -- nun mußte sie dort sterben und ruhig zuschauen, wie

das schöne Leben Moinas, das ihr Stolz, ihr Glück, ihr Trost geworden

war, ein Dasein, das ihr tausendmal teuerer war als das ihrige, zugrunde

ging. Ein schreckliches, unglaubliches Leiden, für das es keine Worte

gibt! Ein bodenloser Abgrund!

Sie wartete ungeduldig, daß ihre Tochter aufstände, und dennoch

fürchtete sie sich vor ihr, gleich dem Unglücklichen, der, zum Tode

verurteilt, gern mit dem Leben zu Ende sein möchte und doch fröstelt bei

dem Gedanken an den Henker. Die Marquise hatte beschlossen, einen

letzten Versuch zu machen; aber sie hatte wohl weniger Angst vor einem

Fehlschlag, als vielmehr davor, daß ihr Herz eine neue, schmerzliche

Wunde empfangen könnte, die ihr den letzten Rest von Mut rauben würde.

Mit ihrer Mutterliebe war es eben schon so weit gekommen: sie liebte

ihre Tochter und schreckte vor ihr zurück, wie man einen Dolchstoß

fürchtet und ihm dennoch entgegenrennt. Das mütterliche Gefühl ist in

liebenden Herzen so groß, daß eine Mutter, ehe sie zur Gleichgültigkeit

gelangt, sterben oder sich an eine große Kraft, die Religion oder die

Nächstenliebe, anlehnen muß.

Seit die Marquise aufgestanden war, hatte ihr unseliger Geist ihr einen

Teil von diesen Tatsachen vorgehalten, die so unbedeutend zu sein

scheinen, im geistigen Leben aber große Ereignisse bilden. In der Tat

ruft manchmal eine Gebärde ein ganzes Drama hervor, die Betonung eines

Wortes zerreißt ein ganzes Leben, die Gleichgültigkeit eines Blickes

tötet die glücklichste Liebe.

Die Marquise d'Aiglemont hatte leider schon zu viele solche Gebärden

gesehen, zu viele solche Worte gehört, zu viele solche Blicke erhalten,

alles Lieblosigkeiten, die ihre Seele tief schmerzten und bei deren

Erinnerung sie sich keinen Hoffnungen hingeben konnte. Alles das hatte

ihr bewiesen, daß Alfred ihr das Herz der Tochter geraubt hatte, daß das

Kind sich nicht mehr aus Freude daran, sondern nur noch aus Pflicht mit

der Mutter beschäftigte. Tausend ganz unbedeutende Dinge waren ihr ein

Zeugnis für das abscheuliche Verhalten, das die Komtesse sich ihr

gegenüber angewöhnte -- eine Undankbarkeit, die die Marquise vielleicht

als eine Strafe ansah. Um die Handlungsweise ihrer Tochter zu

entschuldigen, faßte sie sie sogar als Willen der Vorsehung auf. Sie

wollte eben noch die Hand anbeten können, die sie schlug.

An diesem Morgen dachte sie an alles, und alles bereitete ihr so tiefes

Herzweh, erfüllte sie mit so großem Kummer, daß der Becher überlaufen

mußte, wenn der geringste Schmerz hinzugefügt wurde. Ein kalter Blick

hätte jetzt der Marquise Tod sein können. Es ist schwer, diese

häuslichen Geschehnisse zu beschreiben, aber einige werden vielleicht

genügen, um alle anzudeuten und zu bezeichnen. So hatte die Marquise,

die etwas schwerhörig geworden war, Moina niemals dazu bewegen können,

lauter zu sprechen, wenn sie mit ihr redete; aber als sie sie mit der

Naivität der Leidenden einmal bat, einen Satz zu wiederholen, den sie

nicht verstanden hatte, so gehorchte die Komtesse wohl, doch mit so

unverhohlenem Unwillen, daß Frau d'Aiglemont ihre bescheidene Bitte nie

mehr wiederholte. Seit diesem Tage trug die Marquise Sorge, nahe an

ihre Tochter heranzurücken, wenn diese etwas erzählte oder plauderte;

aber oft schien die Komtesse sich über die Schwerhörigkeit der Mutter zu

ärgern und machte ihr gar leichtsinnigerweise deshalb Vorwürfe.

Folgendes unter Tausenden herausgerissene Beispiel konnte eben nur ein

Mutterherz merken, alle diese Dinge wären einem Zuschauer vielleicht gar

nicht aufgefallen; denn solche Feinheiten sind für andere Augen, als die

einer Mutter, unbemerkbar. Madame d'Aiglemont hatte eines Tages zu ihrer

Tochter gesagt, die Prinzessin de Cadignan hätte sie besucht, und Moina

rief bloß: »Wie? sie hat sich deinetwegen bemüht?« Die Miene, mit der

diese Worte gesprochen wurden, die besondere Betonung, die die Komtesse

ihnen gab, verrieten, wenn auch in kaum merklicher Form, eine

Verwunderung, eine vornehme Geringschätzung. Angesichts solcher

Gefühlshärte muß in der Tat ein allzeit junges, zartes Herz die Sitte

der Wilden, ihre Greise zu töten, wenn sie sich an den Zweigen eines

stark geschüttelten Baumes nicht mehr halten können, als

menschenfreundlichen Brauch empfinden.

Frau d'Aiglemont erhob sich, lächelte und ging hinaus, um im geheimen zu

weinen. Die wohlerzogenen Leute, und vor allem Frauen, verraten ihre

Gefühle nur durch unmerkliche Bewegungen, an denen aber jedes

mitfühlende Herz, zumal wenn es in seinem Leben ähnliches Unglück

erlitten hat, wie diese mürbe gemachte Mutter, die innere Erregung nicht

minder deutlich erkennen kann.

Niedergedrückt von ihren Erinnerungen, dachte Frau d'Aiglemont jetzt an

diese eine von all jenen winzigen, und doch so schmerzlichen, so

grausamen Kleinigkeiten, und in diesem Augenblick kam ihr die bittere,

unter einem Lächeln verborgene Verachtung stärker als je zum

Bewußtsein. Aber ihre Tränen versiegten, als sie die Jalousien des

Zimmers öffnen hörte, wo ihre Tochter ruhte. Sie eilte auf dem Pfade,

der an dem Gitter vorbeiführte, wo sie soeben noch gesessen hatte, den

Fenstern zu. Im Gehen fiel ihr noch auf, daß der Gärtner den Sand dieses

seit einiger Zeit sehr schlecht gehaltenen Weges mit ganz besonderer

Sorgfalt geharkt hatte. Als Frau d'Aiglemont unter den Fenstern ihrer

Tochter ankam, wurden die Jalousien rasch zugemacht.

»Moina!« rief sie.

Keine Antwort.

»Die Frau Komtesse ist im kleinen Salon,« sagte Moinas Kammermädchen,

als die Marquise ins Haus trat und fragte, ob ihre Tochter aufgestanden

sei.

Frau d'Aiglemonts Herz war zu voll, ihr Geist zu sehr von Gedanken

erfüllt, als daß sie in diesem Augenblick über so nebensächliche

Umstände nachgedacht hätte; sie ging sogleich in den kleinen Salon, wo

sie die Komtesse im Morgenkleid fand. Über das noch ungeordnete Haar

hatte sie ein Häubchen geworfen, die Füßchen steckten in Pantoffeln, im

Gürtel trug sie den Schlüssel ihres Schlafzimmers. Ihr Gesicht verriet

fast stürmische Gedanken und lebhafte Farben. Sie saß auf einem Diwan

und schien nachzudenken.

»Weshalb stört man mich?« sagte sie in hartem Tone. »Ah, Sie sind's,

meine Mutter,« setzte sie zerstreut hinzu, sich selbst unterbrechend.

»Ja, mein Kind, es ist deine Mutter ...«

Der Ton, in dem Frau d'Aiglemont diese Worte aussprach, verriet eine

Inbrunst, eine Rührung, aus deren Art man, um sie einigermaßen zu

kennzeichnen, das Wort Heiligkeit anwenden muß. Sie legte darein in der

Tat so deutlich den heiligen Charakter einer Mutter, daß die Tochter

betroffen war und sich zu ihr umwandte, mit einer Bewegung, die

Ehrfurcht, Unruhe und Reue ausdrückte. Die Marquise schloß die Tür des

Salons, zu dem doch niemand gelangen konnte, ohne in den davorliegenden

Zimmern Geräusch zu verursachen. Diese Abgelegenheit sicherte vor

unberufenen Zeugen.

»Meine Tochter,« sagte die Marquise, »es ist meine Pflicht, dich über

eine der wichtigsten Krisen in unserm Leben, im Frauenleben aufzuklären.

Du befindest dich jetzt in ihr, vielleicht ohne es zu ahnen, aber ich

werde dich nicht sowohl als Mutter wie als Freundin darauf aufmerksam

machen. Indem du dich verheiratet hast, erlangtest du die volle Freiheit

des Handelns, du bist darin nur deinem Gatten Rechenschaft schuldig;

aber ich habe dich so wenig die mütterliche Gewalt fühlen lassen -- und

das war vielleicht ein Unrecht -- daß ich mich im Recht glaube,

wenigstens einmal im Leben, in einer ernsten Lage, wo du des Rats

bedarfst, dir meine Meinung zu sagen. Denke daran, Moina, daß ich dich

mit einem Manne von hohem Range vermählt habe, auf den du stolz sein

kannst, den ...«

»Mutter,« rief Moina in widerspenstigem Tone, sie unterbrechend, »ich

weiß, was Sie mir sagen wollen -- Sie wollen mir eine Predigt über

Alfred halten ...«

»Du würdest es nicht so gut erraten, Moina,« fuhr die Marquise fort und

versuchte, ihre Tränen zurückzuhalten, »wenn du nicht fühltest ...«

»Was denn?« versetzte sie in fast hochmütigem Tone. »Aber, Mutter, ich

muß doch sagen --«

»Moina,« rief Madame d'Aiglemont mit großer Kraft, »du mußt unbedingt

aufmerksam anhören, was ich dir zu sagen habe ...«

»Ich höre,« sagte die Komtesse und kreuzte die Arme, halb im Trotz, halb

in Unterwürfigkeit. »Gestatten Sie jedoch, meine Mutter,« setzte sie mit

unglaublicher Kaltblütigkeit hinzu, »daß ich Pauline rufe. Sie soll

einen Gang besorgen.«

Sie klingelte.

»Mein liebes Kind, Pauline darf nicht hören --«

»Mama,« versetzte die Komtesse in ernsthaftem Tone, der der Mutter sehr

sonderbar vorkommen mußte, »ich habe --«

Sie hielt inne, denn das Kammermädchen erschien.

»Pauline, gehen Sie selbst zu Baudran und fragen Sie, warum ich meinen

Hut noch nicht habe.«

Sie setzte sich wieder und sah aufmerksam ihre Mutter an. Die Marquise,

deren Herz zu brechen drohte und deren Augen trocken waren, empfand in

diesem Augenblick ein Gefühl, dessen Schmerz nur von Müttern begriffen

werden kann. Sie nahm das Wort, um Moina über die Gefahr zu belehren, in

der diese schwebte. Aber ob nun die Komtesse sich verletzt fühlte durch

das Mißtrauen, das ihre Mutter gegen den Sohn des Marquis de Vandenesse

hegte, oder ob sie auf eine jener unbegreiflichen Torheiten verfiel, die

sich nur aus der Unerfahrenheit der Jugend erklären lassen, jedenfalls

benützte sie eine Pause, die ihre Mutter machte, um ihr mit einem

gezwungenen Lachen zuzurufen:

»Mama, ich habe nur Eifersucht auf den Vater in Ihnen gesucht ...«

Bei diesem Worte schloß Frau d'Aiglemont die Augen, senkte den Kopf und

stieß den leisesten aller Seufzer aus. Sie blickte nach oben, als

gehorche sie dem unüberwindlichen Gefühl, das uns in den großen Krisen

des Lebens veranlaßt, Gott anzurufen; dann heftete sie einen Blick

schrecklicher Majestät und doch auch tiefen Schmerzes auf ihre Tochter.

»Mein Kind,« sagte sie in verändertem Tone, »du bist jetzt

unbarmherziger gegen deine Mutter gewesen, als der Mann war, den sie

hintergangen hat, und als selbst vielleicht Gott sein wird.«

Frau d'Aiglemont erhob sich; aber als sie an der Tür stand, drehte sie

sich noch einmal um. Sie sah in den Augen ihrer Tochter nichts als

Befremdung und ging hinaus. Sie konnte noch bis zum Garten gehen; dort

verließen sie die Kräfte. Ihr Herz zog sich in heftigem Schmerz

zusammen, und sie sank auf eine Bank. Ihre über den Sand hinirrenden

Augen erkannten die frische Fußspur eines Mannes, dessen Stiefel sehr

deutliche Eindrücke zurückgelassen hatten. Es war kein Zweifel mehr,

ihre Tochter war verloren, und sie glaubte nun auch den Grund zu

erkennen, weshalb Moina Pauline weggeschickt hatte. Dieser grausame

Gedanke brachte eine Deutung mit sich, die noch häßlicher war, als alles

übrige. Sie vermutete, der Sohn des Marquis de Vandenesse hätte im

Herzen Moinas die Ehrfurcht vernichtet, die eine Tochter der Mutter

schuldig ist.

Der Herzkrampf nahm zu, sie sank in Ohnmacht, ohne es selbst zu spüren,

und saß wie eingeschlafen da.

Die junge Komtesse fand, ihre Mutter hätte sich zuviel herausgenommen

und ihr einen deutlichen »Rüffel« gegeben. Sie glaubte, am Abend würde

die alte Dame durch eine Liebkosung oder irgendwelche Aufmerksamkeit ihr

unpassendes Benehmen wieder gutmachen.

Als sie im Garten den Schrei einer Frau hörte, neigte sie sich

nachlässig hinaus, und im selben Augenblick rief Pauline, die noch nicht

fortgegangen war, um Hilfe und hielt die Marquise in den Armen.

»Erschrecken Sie doch meine Tochter nicht!« war das letzte Wort, das

diese Mutter aussprach.

Moina sah, wie ihre Mutter blaß, leblos, nur noch mit Mühe atmend,

hereingetragen wurde. Die Sterbende bewegte die Arme, als wenn sie sich

sträuben oder sprechen wollte. Entsetzt über diesen Anblick, lief Moina

hinter ihrer Mutter her und half schweigend ihr Bett zurechtzumachen und

sie auszukleiden. Sie erkannte nun, daß sie an diesem Ende schuld war,

und dieses Schuldbewußtsein drückte sie zu Boden.

In diesem letzten Augenblick erkannte sie, was im Herzen der Mutter

vorgegangen war, und konnte nun doch nichts mehr gutmachen. Sie wollte

allein mit ihr sein; und als niemand mehr im Zimmer war, als sie die

Hand, die für sie immer eine liebkosende Hand gewesen war, kalt werden

fühlte, da zerfloß sie in Tränen.

Über dieses Weinen erwachend, konnte die Marquise ihre Moina noch einmal

ansehen; und als sie das Schluchzen hörte, das den zarten, halb

entblößten Busen zerreißen zu wollen schien, betrachtete sie ihre

Tochter und lächelte. Dieses Lächeln bewies der jungen Muttermörderin,

daß das Herz einer Mutter ein Abgrund ist, in dessen Tiefe sich noch

immer ein Verzeihen findet.

Sobald man um den Zustand der Marquise wußte, wurden reitende Boten

abgesandt, um den Arzt, den Chirurgen und die Enkelkinder der Frau

d'Aiglemont zu holen. Die junge Marquise d'Aiglemont und ihre Kinder

trafen zu gleicher Zeit mit den Ärzten ein, und als sich noch die

Dienerschaft hinzugesellte, war es eine feierliche, schweigende,

schmerzlich gespannte Versammlung. Die junge Marquise, die vergebens auf

einen Laut gehorcht hatte, klopfte leise an die Tür des Zimmers. Bei

diesem Zeichen fuhr Moina aus ihrem Schmerz empor und stieß ungestüm die

beiden Flügel auf. Sie sah mit scheuen Blicken diese Familienversammlung

an und stand vor all den Leuten in einem Zustande, der in seiner

Unordnung und Wirrnis deutlicher redete, als Worte es vermocht hätten.

Angesichts so tiefer, eindringlicher Reue blieben alle stumm. Man konnte

die kalten, krampfhaft auf dem Totenbette ausgestreckten Füße der

Marquise sehen. Moina lehnte sich an die Tür, sah ihre Verwandten an und

sagte mit hohler Stimme:

»Ich habe meine Mutter verloren!«

Ende.

[ Anmerkungen zur Transkription:

Ae, Oe und Ue wurden im gesamten Text durch Ä, Ö und Ü ersetzt.

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der

Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.

Gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert: _Text_

Text in Antiqua (nicht in Fraktur) wurde mit + markiert: +Text+

Römische Zahlen, die im Originaltext in Antiqua erscheinen, wurden

nicht gekennzeichnet.

Im folgenden werden alle am Originaltext vorgenommenen Änderungen

aufgelistet:

S. 11: Karussel --> Karussell

S. 13: Julies --> Juliens

S. 36: miteilte --> mitteilte

S. 68: Helena --> Helene

S. 74: Sérezy --> Sérizy

S. 104: Helenes --> Helenens

S. 149: Beistrich nach »mit dreißig Jahren kann eine Frau« entfernt

S. 149: hervoruft --> hervorruft

S. 172: Punkt nach »grüblerisch veranlagt« hinzugefügt

S. 180: »schon eine ganze Stunde lang« (ein --> eine)

S. 183: »sie macht Ihnen nur Freude« (Sie --> sie)

S. 218: »das der Unbekannte sich anmaßte« (daß --> das)

S. 220: »aber wenn Sie es wünschen« (sie --> Sie)

S. 231: Anführungszeichen vor »Wir sind noch weiter« hinzugefügt

S. 233: Mut und Verzweiflung --> Wut und Verzweiflung

S. 251: »um Ihrer aller Glück« (ihrer --> Ihrer)

S. 252: »in Brand gesteckte« (gesteckt --> gesteckte)

]

Die Frau von dreißig Jahren · 第 13 / 14 题