Julie hielt ihrem Manne den Nacken hin, und er trat herzu, sie zu
küssen. Da bückte sich aber die Marquise so tief, daß der eheliche Kuß
sich in der Rüsche ihres Kragens verlor.
»Sie werden es vor Gott bezeugen,« sagte der Marquis, sich an Frau de
Wimphen wendend, »ein königlicher Befehl mußte mich erst abrufen, damit
ich einmal diese flüchtige Gunst erlange. Und das heißt bei meiner Frau
Liebe. So weit hat sie mich gebracht -- ich weiß nicht, durch welche
Kunstgriffe ... Viel Vergnügen!«
Und er ging hinaus.
»Aber dein armer Mann ist wirklich ganz nett,« rief Luise, als die
beiden Frauen allein waren. »Er liebt dich.«
»O, sprich keine Silbe mehr nach diesem letzten Wort. Der Name, den ich
trage, ist mir ein Greuel.«
»Aber Victor gehorcht dir doch aufs Wort,« sagte Luise.
»Sein Gehorsam,« antwortete Julie, »beruht zum Teil auf der hohen
Achtung, die ich ihm eingeflößt habe. Ich bin eine sehr tugendhafte
Frau, im Sinne des Gesetzes. Ich mache ihm seine Behausung angenehm, ich
drücke, was seine Liebeshändel anbetrifft, ein Auge zu, ich mache keine
Schulden auf sein Vermögen, er kann seine Zinsen nach Belieben
verprassen; meine Sorge ist nur darauf gerichtet, daß das Kapital
unangetastet bleibt. Zu diesen Bedingungen habe ich den Frieden. Mein
Leben kann er sich nicht erklären, oder er will sich's nicht erklären.
Aber wenn ich in dieser Weise meinen Gatten am Gängelbande habe, so muß
ich deswegen doch die Wirkungen seines Charakters fürchten. Ich bin wie
ein Bärenführer, der beständig Angst hat, daß eines Tages der Maulkorb
reißen könnte. Wenn Victor sich einmal für berechtigt hielte, mich nicht
mehr zu achten, so wage ich mir gar nicht auszumalen, was geschehen
könnte; denn er ist jähzornig -- voll Eigenliebe -- und vor allem sehr
eitel. Sein Geist ist nicht zart und fein genug, um in einer heiklen
Angelegenheit sich klug zu verhalten, sobald seine schlimmen
Leidenschaften dabei im Spiele sind -- er ist von schwachem Charakter
und würde mich vorsätzlich kränken, um morgen vor Gram zu sterben. Ein
solches Verhängnis wäre freilich ein Glück -- aber es ist eigentlich
leider nicht zu befürchten.«
Ein Weilchen schwiegen die beiden Freundinnen -- ihre Gedanken galten
den geheimen Ursachen dieser Lage.
»Der Gehorsam gegen meine Wünsche ist sogar bis zur Grausamkeit
getrieben worden,« fuhr Julie fort, einen verständnisinnigen Blick auf
Luise richtend. »Und doch hatte ich _ihm_ nicht verboten, an mich zu
schreiben. Ach ja! _Er_ hat mich vergessen, und er hatte recht. Es wäre
ein zu großes Unheil gewesen, wenn auch sein Lebensschiff hätte
zerschellen müssen. Ist's nicht an dem meinen genug? Glaubst du, meine
Liebe, ich lese die englischen Zeitungen, in der einzigen Hoffnung,
seinen Namen gedruckt zu finden. Nun, er ist noch nicht im Oberhaus
erschienen.«
»Also kannst du Englisch?«
»Habe ich dir das nicht gesagt? -- ich habe es gelernt.«
»Arme Kleine,« rief Luise, Juliens Hand ergreifend. »Aber wie kannst du
da noch leben?«
»Das ist ein Geheimnis,« antwortete die Marquise und machte
unwillkürlich eine Gebärde von fast kindlicher Naivität. »Höre. Ich
nehme Opium. Die Geschichte der Herzogin von ... aus London hat mich auf
die Idee gebracht. Weißt du, Mathurin hat einen Roman darüber
geschrieben. Ich nehme nur ganz schwache Tropfen Laudanum. Es gibt mir
Schlaf. Nicht mehr als sieben Stunden bin ich noch wach, und die widme
ich nur meiner Tochter.«
Luise sah ins Feuer. Sie wagte nicht, ihre Freundin anzusehen, deren
ganzes Elend sich jetzt zum erstenmal ihren Blicken enthüllte.
»Luise, verrate mich aber nicht,« sagte Julie nach einem Augenblick des
Schweigens.
Plötzlich brachte ein Diener der Marquise einen Brief.
»Ha!« rief sie erbleichend.
»Ich frage nicht erst, von wem,« sagte Frau de Wimphen.
Die Marquise las und hörte nichts mehr. Ihre Freundin sah die
stürmischsten Gefühle, die gefährlichste Aufregung in den Zügen der Frau
d'Aiglemont sich abspielen. Julie wurde bald blaß, bald rot und warf
schließlich das Papier ins Feuer.
»Dieser Brief ist wie ein Flammenherd! Mein Herz! ich ersticke!«
Sie erhob sich und schritt auf und ab. Ihre Augen brannten.
»So hat er Paris nicht verlassen,« rief sie.
Sie stieß die abgerissenen Worte, die Frau de Wimphen nicht zu
unterbrechen wagte, in schrecklichen Pausen hervor. Nach jedem
Stillstand erklangen die Worte in immer tieferem Ton, und die letzten
Sätze hatten etwas Furchtbares.
»Er hat mich inzwischen immer wieder gesehen, ohne daß ich es gewußt
habe. Jeden Tag hat er einen Blick von mir aufgefangen, und das hat ihn
am Leben erhalten. Du weißt nicht, Luise -- er stirbt und bittet darum,
mir Lebewohl zu sagen. Er weiß, daß mein Mann heute abend auf mehrere
Tage verreist, und er will im Augenblick kommen. O, daran werde ich
sterben. Ich bin verloren. Höre, bleibe du bei mir. Vor zwei Frauen wird
er es nicht wagen. O, bleib! Ich fürchte mich.«
»Aber, mein Mann weiß, daß ich bei dir zu Tisch bin,« antwortete Frau de
Wimphen. »Er wird mich holen kommen.«
»Gut, ehe du gehst, habe ich ihn weggeschickt. Ich werde uns allen
beiden den Tod geben. Ach, er wird glauben, ich liebte ihn nicht mehr.
Und dieser Brief! Meine Liebe, er enthielt Sätze, die ich noch in
Flammenschrift vor mir sehe!«
Ein Wagen rollte vor das Portal.
»Ach!« rief die Marquise mit einer gewissen Freude, »er kommt öffentlich
und ohne ein Geheimnis daraus zu machen.«
»Lord Grenville,« meldete der Diener.
Regungslos blieb die Marquise stehen. Als sie aber Arthur sah, der jetzt
blaß, mager und abgezehrt war, da war keine Strenge mehr möglich.
Obgleich es Lord Grenville tief schmerzte, Julie nicht allein zu finden,
erschien er doch ruhig und kalt. Aber für diese beiden in das Geheimnis
seiner Liebe eingeweihten Frauen hatte der Klang seiner Stimme, der
Ausdruck seiner Blicke etwas von der Macht, die man dem Zitterrochen[1]
zuschreibt.
[1] Ein Seefisch, der das Vermögen besitzt, elektrische Schläge
auszuteilen, teils zu seiner Verteidigung, teils um sich seiner Beute zu
bemächtigen.
Die Marquise und Frau de Wimphen waren wie betäubt durch die starke
Übertragung eines entsetzlichen Schmerzes. Beim Klang der Stimme Lord
Grenvilles zitterte Frau d'Aiglemont so heftig, daß sie ihm nicht zu
antworten wagte, weil sie ihm damit die Größe der Macht, die er auf sie
ausübte, zu enthüllen fürchtete. Lord Grenville seinerseits wagte es
nicht, Julie anzusehen, und so mußte Frau de Wimphen fast allein für
eine Unterhaltung, die gar kein Interesse hatte, sorgen. Mit einem Blick
voll rührender Erkenntlichkeit dankte Julie ihr für die Hilfe, die sie
ihr leistete.
Auf diese Weise geboten die beiden Liebenden ihren Gefühlen Schweigen
und mußten sich in den vorgeschriebenen Grenzen der Pflicht und des
gesellschaftlichen Anstandes halten. Bald aber wurde Herr de Wimphen
gemeldet. Als sie ihn eintreten sahen, warfen sich die beiden
Freundinnen einen Blick zu und begriffen, ohne ein Wort zu sprechen, die
neuen Schwierigkeiten der Lage. Es war unmöglich, Herrn de Wimphen das
Geheimnis dieses Dramas teilen zu lassen, und Luise hatte keine
triftigen Gründe, ihren Mann zu bitten, sie noch länger bei ihrer
Freundin bleiben zu lassen. Als Frau de Wimphen ihren Schal umlegte,
erhob sich Julie, um ihr dabei behilflich zu sein, und sagte mit leiser
Stimme:
»Ich werde Mut haben. Wenn er öffentlich zu mir gekommen ist, was habe
ich da zu befürchten? Aber wenn du nicht gewesen wärst -- wenn ich ihn
allein so verändert gesehen hätte -- ich würde ihm zu Füßen gefallen
sein.«
»Nun, Arthur, Sie haben mir nicht gehorcht,« sagte Frau d'Aiglemont mit
zitternder Stimme und nahm ihren Platz auf einer Causeuse wieder ein.
Lord Grenville wagte nicht, sich neben sie zu setzen.
»Ich habe mir nicht länger die Wonne versagen können, Ihre Stimme zu
hören, bei Ihnen zu sein. Es war ein Wahnsinn, ein Fieber. Ich bin nicht
mehr Herr über mich. Ich habe mich über mich selbst konsultiert -- ich
bin zu schwach. Ich muß sterben. Aber sterben, ohne Sie gesehen zu haben
-- ohne das Rauschen Ihres Kleides gehört zu haben -- ohne Ihre Tränen
aufgefangen zu haben -- was wäre das für ein Tod!«
Er wollte sich von Julie entfernen -- aber bei einer raschen Bewegung
fiel ihm eine Pistole aus der Tasche. Die Marquise sah diese Waffe, und
im Augenblick schien ihr alle Besinnung, alle Denkkraft genommen zu
sein. Lord Grenville hob die Pistole auf und schien sehr verdrossen über
diesen Zufall, der vielleicht als Berechnung eines unglücklichen
Liebhabers aufgefaßt werden konnte.
»Arthur?« fragte Julie.
»Gnädige Frau,« antwortete er, die Augen niederschlagend, »ich kam in
Verzweiflung her -- ich wollte --«
Er hielt inne.
»Sie wollten sich bei mir töten!« rief sie.
»Nicht allein,« antwortete er mit sanfter Stimme.
»Wie? Vielleicht auch meinen Mann?«
»Nein, nein!« rief er mit erstickter Stimme. »Aber beruhigen Sie sich,«
setzte er hinzu, »mein unheilvoller Plan ist verraucht. Als ich eintrat,
als ich Sie sah, da fühlte ich von neuem den Mut, zu schweigen, allein
zu sterben.«
Julie erhob sich und warf sich in Arthurs Arme, der trotz des heftigen
Schluchzens seiner Geliebten zwei wilde, leidenschaftliche Worte
verstehen konnte:
»Das Glück kennen lernen und dann sterben,« sagte sie. »Das -- ja!«
Die ganze Geschichte Juliens lag in diesem tiefen Aufschrei -- dem
Schrei der Natur und der Liebe, der Frauen ohne Religion erliegen.
Arthur ergriff sie und trug sie mit der stürmischen Inbrunst, die ein
unverhofftes Glück entfacht, zum Diwan. Aber plötzlich riß sich die
Marquise aus den Armen des Geliebten, warf ihm den starren Blick einer
verzweifelten Frau zu, nahm ihn bei der Hand, ergriff einen Leuchter und
zog ihn mit sich in das Schlafzimmer.
Leise zog sie von dem Bett, wo Helene schlief, die Vorhänge weg, so daß
man ihr Kind sah -- sie hielt eine Hand vor die Kerze, damit nicht das
Licht den durchscheinenden, kaum geschlossenen Lidern des kleinen
Mädchens wehe täte. Helene lag mit ausgebreiteten Armen da und lächelte
im Schlafe. Mit einem Blick zeigte Julie Lord Grenville ihr Kind. Dieser
Blick sagte alles.
»Einem Manne können wir selbst untreu werden, auch wenn er uns lieb hat.
Ein Mann ist ein starkes Geschöpf und findet Trost. Die Gesetze der Welt
können wir verachten. Aber ein Kind ohne Mutter --!«
Alle diese Gedanken und tausend noch weit zärtlichere lagen in diesem
Blick.
»Wir können sie mit uns nehmen,« murmelte der Engländer. »Ich werde sie
sehr lieb haben.«
»Mama!« rief Helene, erwachend.
Bei diesem Worte zerfloß Julie in Tränen. Lord Grenville setzte sich,
kreuzte die Arme und sah stumm und finster vor sich hin.
»Mama!« Dieser frohe, naive Ruf erweckte so viele edeln,
unwiderstehlichen Gefühle, daß die Liebe auf einen Augenblick unter der
mächtigen Stimme der Mutterschaft erdrückt wurde. Julie war nicht mehr
Weib, sie war Mutter. Lord Grenville widerstand nicht mehr -- Juliens
Tränen warfen ihn nieder.
In diesem Augenblick hörte man, wie eine Tür ungestüm geöffnet wurde,
und die Worte: »Frau d'Aiglemont, bist du hier?« widerhallten wie ein
Donnerschlag im Herzen des Liebespaares. Der Marquis war zurückgekommen.
Ehe Julie die Geistesgegenwart gewinnen konnte, kam der General aus
seinem Zimmer und näherte sich dem seiner Frau. Diese beiden Zimmer
hingen zusammen. Zum Glück gab Julie Lord Grenville rasch ein Zeichen,
und der Engländer sprang in eine Toilette, deren Tür die Marquise
geschwind schloß.
»Nun, meine Gemahlin,« sagte Viktor, »da bin ich wieder. Die Jagd findet
nicht statt. Ich will schlafen gehen.«
»Gute Nacht,« sagte sie zu ihm. »Das will ich eben auch tun. Laß mich
also allein -- ich bin beim Auskleiden.«
»Du bist recht unzart heute abend -- doch ich gehorche Ihnen, Frau
Marquise.«
Der General kehrte in sein Zimmer zurück. Julie begleitete ihn, um die
Verbindungstür zu schließen, und eilte dann, Lord Grenville zu befreien.
Sie gewann alle Geistesgegenwart wieder und dachte, der Besuch ihres
alten Arztes sei schließlich ganz natürlich. Sie konnte ihn ja im Salon
zurückgelassen haben, um erst ihre Tochter zu Bett zu bringen; sie
wollte ihm nun sagen, er solle sich geräuschlos dorthin begeben. Aber
als sie die Tür des Kabinetts öffnete, schrie sie laut auf. Die Finger
Lord Grenvilles waren in die Türspalte geraten und zermalmt worden.
»He, was hast du denn?« rief ihr Mann herüber.
»Nichts,« antwortete sie, »ich habe mich mit einer Nadel in den Finger
gestochen.«
Die Verbindungstür öffnete sich plötzlich wieder. Die Marquise glaubte,
ihr Mann käme aus Interesse für sie, und verwünschte diese Besorgtheit,
an der das Herz ja doch keinen Anteil hatte. Sie hatte kaum Zeit, die
Toilette zu schließen, und Lord Grenville hatte seine Hand noch nicht
befreien können. Der General kam in der Tat wieder herein; aber die
Marquise irrte sich -- eine plötzliche Mißhelligkeit führte ihn her.
»Kannst du mir ein seidenes Halstuch leihen? Der dumme Charles hat mir
nicht ein einziges Kopftuch hingelegt. Am Anfang unserer Ehe hast du
dich um meine Sachen mit so peinlicher Sorge bekümmert, daß es mir sogar
zuviel wurde. Ach, der Honigmond hat weder für mich noch für meine
Halstücher lange gedauert. Jetzt bin ich ganz und gar auf diese
steinalten Kammerdiener angewiesen, die mit mir umgehen, wie sie Lust
haben.«
»Hier ist ein Halstuch. Sie sind nicht in den Salon gegangen?«
»Nein.«
»Sie würden dort vielleicht Lord Grenville noch getroffen haben.«
»Ist er in Paris?«
»Augenscheinlich.«
»O, so geh ich hin -- dieser gute Doktor --«
»Aber jetzt muß er schon gegangen sein,« rief Julie.
Der Marquis stand in diesem Augenblick mitten im Zimmer seiner Frau und
wickelte sich das Tuch um den Kopf, wobei er sich wohlgefällig im
Spiegel betrachtete.
»Ich weiß gar nicht, wo unsere Leute sind,« sagte er. »Ich habe dreimal
nach Charles geklingelt -- er ist nicht gekommen. Du bist also auch ohne
deine Kammerfrau? Klingle nach ihr -- ich möchte heute nacht noch eine
Decke mehr im Bett haben.«
»Pauline ist fortgegangen,« antwortete die Marquise trocken.
»Um Mitternacht?« sagte der General.
»Ich habe ihr erlaubt, in die Oper zu gehen.«
»Sonderbar,« versetzte der Mann, indem er sich völlig entkleidete. »Mir
war doch so, als hätte ich sie die Treppe hinaufgehen sehen.«
»Dann ist sie ohne Zweifel zurückgekehrt,« sagte Julie und tat, als sei
sie dieses Gesprächs nun überdrüssig.
Um keinen Verdacht bei ihrem Gatten zu erwecken, zog die Marquise dann
die Klingel, doch ganz schwach.
Die Ereignisse dieser Nacht sind nicht vollauf bekannt geworden; aber
alle mußten ebenso einfach, doch auch ebenso entsetzlich gewesen sein --
wie es die gewöhnlichen häuslichen Vorfälle sind, die vorangegangen
waren. Am folgenden Tage legte die Marquise d'Aiglemont sich auf mehrere
Tage ins Bett.
»Was ist denn nur Außergewöhnliches bei dir geschehen, daß alle Welt von
deiner Frau spricht?« fragte Herr de Ronquerolles Herrn d'Aiglemont ein
paar Tage nach dieser an Katastrophen reichen Nacht.
»Glaube mir, bleib Junggeselle,« antwortete d'Aiglemont. »Helenens Bett
hat Feuer gefangen; meine Frau ist darüber fast zu Tode erschrocken, daß
sie nun wieder auf ein Jahr krank ist, wie der Arzt sagt. Heiratest du
eine hübsche Frau, so wird sie häßlich; heiratest du eine Frau in
blühender Gesundheit, so wird sie kränklich. Du hältst sie für
leidenschaftlich -- sie ist aber kalt. Oder aber sie ist, wenn auch
äußerlich kalt, doch so leidenschaftlich, daß sie dich umbringt oder dir
Schande macht. Bald wird das sanfteste Geschöpf eine Kratzbürste -- na,
und eine Kratzbürste wird nie wieder weich. Bald entfaltet das Kind,
das du für schwach und einfältig gehalten hast, dir gegenüber eine
eiserne Willenskraft, einen dämonischen Geist. Ich habe die Ehe satt.«
»Oder die Frau.«
»Schwer zu sagen. Übrigens, kommst du mit in die Kirche zum Heiligen
Thomas von Aquino? Ich will mir die Beerdigung Lord Grenvilles ansehen.«
»Ein sonderbarer Zeitvertreib. Aber,« fuhr Ronquerolles fort, »weiß man
genau, woran er gestorben ist?«
»Sein Kammerdiener behauptet, Mylord habe die ganze Nacht über draußen
auf einem Fenstersims sitzen müssen, um seine Geliebte nicht um die Ehre
zu bringen. Und um diese Zeit ist es verteufelt kalt gewesen!«
»Eine solche Aufopferung wäre bei uns andern, bei uns alten Praktikern
sehr anerkennenswert -- aber Lord Grenville war so jung, und -- ein
Engländer. Diese Engländer müssen immer was Apartes haben.«
»Bah!« versetzte d'Aiglemont, »solcher Heroismus hängt ganz von der
Frau ab, die ihn uns einflößt, und für meine Frau ist der arme Arthur
ganz gewiß nicht gestorben!«