2. Kapitel.

Ungekannte Leiden.

Zwischen dem Flüßchen Loing und der Seine erstreckt sich eine weite

Ebene, begrenzt von dem Walde von Fontainebleau und von den Ortschaften

Moret, Nemours und Montereau. Dieses trockene Land weist nur ein paar

vereinzelte Hügel auf; hier und dort liegen mitten auf den Feldern

kleine Waldvierecke, die dem Wild zur Zuflucht dienen, sonst sieht man

überall nur die grauen oder gelblichen Linien ohne Ende, die den

Horizonten der Sologne, der Beauce und des Berri eigentümlich sind. In

der Mitte dieser Ebene, zwischen Moret und Montereau, sieht der Reisende

ein altes Schloß. Saint-Lange heißt es, und seine Lage ist von einer

gewissen Großartigkeit, ja Majestät.

Hier gibt es herrliche Ulmenalleen, Gräben, lange Umfassungsmauern,

große Gärten, weitläufige Herrenhäuser, bei deren Erbauung es dem

Anschein nach nur auf den Vorteil der Steuerverwaltung oder der

Generalpächter abgesehen war. Wenn der Künstler oder ein Träumer sich

zufällig in den tief ausgefahrenen Wegen oder in dem zähen Lehmboden

verirrt, der den Zugang zu diesem Lande erschwert, so fragt er sich,

durch welchen Zufall dieses poetische Schloß in diese Savanne von

Getreide, in diese Wüste von Kreide, Mergel und Sand geraten ist, wo der

Frohsinn stirbt, wo unfehlbar Traurigkeit uns befallen muß, wo die Seele

unaufhörlich von einer Einsamkeit ohne Stimmen, von einem eintönigen

Horizont, von negativen Schönheiten ermüdet wird -- wo alles dem Kummer

Vorschub leistet, der keinen Trost mehr wünscht.

Eine junge Frau, die in Paris wegen ihrer Schönheit und ihres Geistes

gefeiert worden war, deren Vermögen mit ihrer Berühmtheit in Einklang

stand, ließ sich zum großen Erstaunen des etwa eine Meile von

Saint-Lange gelegenen Dörfchens gegen Ende des Jahres 1820 hier häuslich

nieder. Die Pächter und die Bauern hatten seit undenklichen Zeiten

niemals mehr eine Herrschaft auf dem Schlosse gesehen. Das Land, obwohl

von beträchtlicher Ergiebigkeit, war der Obhut eines Verwalters

überlassen und wurde von alten Dienern besorgt.

Die Ankunft der Frau Marquise versetzte daher die ganze Gegend in

Aufregung. Mehrere Personen hatten sich am Ende des Dorfes im Hofe einer

dürftigen Herberge aufgestellt, die am Schnittpunkt der Straßen von

Nemours und Moret lag. Hier sahen sie eine Kalesche vorüberkommen, die

ziemlich langsam fuhr, denn die Marquise war von Paris her zu Wagen

gekommen. Auf dem Vordersitz hielt die Kammerfrau ein kleines Mädchen,

das mehr nachdenklich als vergnügt schien. Die Mutter ruhte im Fond des

Wagens, wie eine Kranke, die von den Ärzten aufs Land geschickt wird.

Das tieftraurige Gesicht dieser jungen, zarten Frau befriedigte die

Dorfpolitiker gar nicht; denn sie hatten aus ihrer Ankunft in

Saint-Lange die Hoffnung geschöpft, daß es in der Gemeinde nun »ein

Leben« werden würde. Gewiß war Leben und Treiben dieser sichtlich von

Schmerzen befallenen Frau durchaus zuwider.

Der klügste Kopf von Saint-Lange erklärte am Abend in der Schenke, und

zwar in der Stube, wo der Stammtisch der Honoratioren sich befand, nach

dem Ausdruck von Trauer zu schließen, den das Gesicht der Frau Marquise

unverkennbar zur Schau trüge, müsse sie eine ruinierte Frau sein. In

Abwesenheit des Herrn Marquis, von dem die Zeitungen berichtet hatten,

er müsse den Herzog von Angoulème nach Spanien begleiten, wolle sie nun

jedenfalls aus Saint-Lange die erforderlichen Summen herauswirtschaften,

um die infolge falscher Börsenspekulationen entstandenen Schwierigkeiten

aus der Welt zu schaffen. Der Marquis sei einer der tollsten Spieler.

Vielleicht sollte das Land parzellenweise verkauft werden. Da könnte

man dann noch »seinen Schnitt« machen. Jeder sollte nur dran denken,

seine Taler zu zählen, sie aus der Schatulle nehmen und alle Mittel

zusammenholen, um sein Teilchen einzuheimsen, wenn Saint-Lange

losgeschlagen würde.

Diese Zukunft erschien so rosig, daß alle Honoratioren vor Neugierde

entbrannten, zu erfahren, ob die Sache sich wirklich so verhielte. Sie

sannen nun auf Mittel, von den Schloßleuten die Wahrheit zu erforschen;

aber von diesen konnte niemand etwas Genaueres über die Katastrophe

sagen, die ihre Herrin zu Beginn des Winters auf ihr altes Schloß

Saint-Lange führte, wo sie doch andere Ländereien besaß, die wegen ihrer

anmutigen Lage und schönen Gärten berühmt waren. Der Herr Bürgermeister

kam, um der gnädigen Frau seine Huldigung darzubringen, aber er wurde

nicht vorgelassen. Nach dem Bürgermeister versuchte es der Verwalter --

doch mit dem gleichen Mißerfolg.

Die Frau Marquise verließ ihr Zimmer nur, um es herrichten zu lassen,

und blieb während dieser Zeit in einem kleinen anstoßenden Salon, wo sie

speiste, wenn man ihre Art zu essen so nennen konnte; denn sie setzte

sich nur an den Tisch, betrachtete die Gerichte mit Widerwillen und nahm

genau nur so viel zu sich, wie sie brauchte, um nicht Hungers zu

sterben. Dann kehrte sie sogleich zu dem antiken Lehnstuhl zurück, in

dem sie vom Morgen an in der Nische des einzigen Fensters saß, das dem

Zimmer Licht spendete. Sie sah ihre Tochter nur während der wenigen

Augenblicke, die sie sich zu ihrem traurigen Mahle vergönnte, und auch

dann schien sie sie nur mit Mühe um sich zu dulden. Mußten es nicht

unerhörte Schmerzen sein, die bei einer jungen Frau das mütterliche

Fühlen unterdrücken konnten? Von ihren Leuten erhielt niemand Zutritt

zu ihr. Ihre Kammerfrau war die einzige Person, von der sie sich gern

bedienen ließ. Sie verlangte völlige Ruhe im ganzen Schlosse, selbst

ihre Tochter mußte weitab von ihr spielen. Es war ihr so schwer, auch

nur das geringste Geräusch zu ertragen, daß jede menschliche Stimme,

selbst die ihres Kindes, sie unangenehm berührte. Die Landleute

beschäftigten sich erst viel mit den Eigentümlichkeiten der »Gnädigen«,

doch als alle möglichen Mutmaßungen erschöpft waren, dachten weder die

Dörfchen der Umgebung noch die Bauern mehr an die kranke Frau.

Die Marquise, sich selbst überlassen, konnte sich nun ganz ihrer

Schweigsamkeit hingeben, inmitten der Stille, die sie um sich her

geschaffen hatte. Sie hatte keine Veranlassung, das mit Tapeten

überspannte Zimmer zu verlassen, darin ihre Großmutter gestorben war und

wohin sie nun gekommen war, um einen sanften Tod zu erleiden, ohne

Zeugen, ohne Störungen, ohne falsches Beileid egoistischer Menschen, das

in den Städten die Todesqual des Sterbenden verdoppelt.

Diese Frau war sechsundzwanzig Jahre alt. In diesem Alter kostet eine

noch von poetischen Illusionen erfüllte Seele gern den Tod, wenn er ihr

als Wohltat erscheint. Aber der Tod ist gegen junge Leute kokett. Er

kommt heran und geht wieder, zeigt sich und versteckt sich. Seine

Langsamkeit nimmt ihm in ihren Augen allen Zauber, und die Ungewißheit,

ob sie morgen noch leben werden, treibt sie schließlich wieder in die

Welt, wo sie dem Schmerz wieder begegnen werden, der unerbittlicher ist

als der Tod und seine Geißel über ihnen schwingt, ohne auf sich warten

zu lassen.

Die Frau, die sich also vom Leben abschloß, sollte denn auch in ihrer

Einsamkeit alle Bitternis dieser vergeblichen Todessehnsucht kennen

lernen -- sie sollte in einer moralischen Agonie, der der Tod kein Ende

machte, eine furchtbare Lehrzeit des Egoismus durchmachen, die die Blume

ihres Herzens ganz entblättern und es für die Gesellschaft tauglich

machen sollte.

Diese grausame, traurige Lehre ist immer die Frucht unserer ersten

Schmerzen. Es war das erste und vielleicht das einzige Mal in ihrem

Leben, daß die Marquise wahrhaft litt. Sollte es nicht in der Tat ein

Irrtum sein, zu glauben, die Gefühle entständen immer aufs neue? Sind

sie nicht, einmal erschlossen, auf die Dauer im Grunde unseres Herzens

vorhanden? Dort schlummern sie ein oder werden wach, wie es die Zufälle

des Lebens mit sich bringen; aber sie bleiben, und ihr Vorhandensein

gibt notwendigerweise der Seele Form. So kann jedes Gefühl nur _einen_

Haupttag haben -- den mehr oder minder langen Tag seines ersten Sturmes.

So kann der Schmerz, das beständigste unserer Gefühle, nur wenn er uns

zum erstenmal befällt, heftig sein, und seine andern Angriffe müssen

immer schwächer werden, teils deshalb, weil wir uns an sein Wiederkommen

gewöhnen, teils infolge eines Naturgesetzes. Die Natur nämlich, um sich

lebend zu erhalten, setzt dieser zerstörenden Kraft eine gleich große,

sehr zähe Kraft entgegen, die aus den Berechnungen der Ichsucht

entspringt.

Aber welchem von allen Leiden gebührt nun eigentlich der Name »Schmerz?«

Der Verlust der Eltern ist ein Kummer, auf den die Natur die Menschen

vorbereitet hat; das physische Weh ist vorübergehend und reicht nicht an

die Seele; und wenn es andauert, so hört es auf, ein Weh zu sein, und

wird zum Tode. Wenn eine junge Frau ein neugeborenes Kind verliert, so

wird die eheliche Liebe ihr bald einen Nachfolger bescheren. Dieser

Kummer ist also auch vorübergehend. Gewiß sind diese Leiden und viele

ähnliche in gewissem Sinne Schläge, Wunden; aber keines berührt die

Lebensfähigkeit in ihrem Kern, und sie müßten in unnatürlicher Raschheit

aufeinander folgen, sollten sie das Gefühl ertöten, das uns treibt, dem

Glück nachzugehen.

Der große, wahre Schmerz ist also ein so mörderisches Leiden, daß es zu

gleicher Zeit die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft befällt,

keinen Teil des Lebens unversehrt läßt, das Denken auf ewig aus den

Fugen bringt, seinen Namenszug unauslöschlich auf die Lippen und die

Stirn schreibt, die Quellen der Freude zuschüttet und in die Seele einen

grundsätzlichen Ekel einpflanzt, der uns dann alles und jedes auf dieser

Welt verleidet. Um unermeßlich zu sein, um in dieser Weise auf Seele und

Leib zu lasten, muß dieses Leid uns in einem Augenblick des Lebens

ereilen, wo alle Kräfte der Seele und des Leibes noch jung sind, muß er

ein Herz in voller Lebenskraft zerschmettern. Dann macht das Leid eine

breite Wunde; groß ist der Schmerz, und kein Wesen kann aus dieser

Krankheit ohne irgendeine poetische Veränderung hervorgehen. Entweder

nimmt es den Weg gen Himmel, oder wenn es hienieden bleibt, so kehrt es

in die Welt zurück, um die Welt zu belügen, ihr Komödie vorzuspielen. Es

kennt nun die Kulisse, die man betritt, um mit Berechnung zu weinen, zu

scherzen. Nach dieser feierlichen Krise gibt es keine Geheimnisse mehr

im Gesellschaftsleben, über das man sich von da ab ein unwiderrufliches

Urteil gebildet hat.

Bei den jungen Frauen im Alter der Marquise wird dieser erste,

einschneidendste aller Schmerzen immer durch das gleiche Geschehnis

verursacht. Die Frau, und vor allem die junge Frau, die ebenso groß an

Seele wie an Schönheit ist, wird jederzeit dort ihr Leben einsetzen,

wohin Natur, Gesellschaft oder Neigung sie stellen -- und sie wird ihr

Leben ganz einsetzen. Wenn dieses Einsetzen ein Fehlschlag ist, ohne daß

sie das Leben dabei verliert, so empfindet sie die grausamsten

Schmerzen, weil ja eben die erste Liebe das schönste aller Gefühle ist.

Warum hat dieses Unglück noch keinen Maler oder Poeten gefunden? Aber

kann es gemalt, kann es besungen werden? Nein, die Natur der Schmerzen,

die es erregt, entzieht sich der Analyse und den Farben der Kunst. Und

dann sind diese Schmerzen auch noch nie offenbart und mitgeteilt worden.

Wenn man ein Weib darin trösten will, muß man sie erraten; denn immer

werden sie mit bitterer Wonne gehegt und fromm genährt, und sie bleiben

am Grunde der Seele -- wie eine Lawine, die in ein Tal gestürzt ist,

alles vor sich her niederwirft, um sich Platz darin zu schaffen.

Die Marquise litt jetzt an diesen Schmerzen, die lange Zeit ungekannt

bleiben werden, weil alles auf der Welt sie verwünscht, während das

Gefühl sie hegt und pflegt und das Gewissen eines echten Weibes sich

immer das Recht zuspricht, sie zu hegen. Es verhält sich mit diesen

Schmerzen, wie mit unrettbar aus dem Leben ausgestoßenen Kindern, an

denen das Herz der Mutter dennoch inniger hängt als an den glücklicher

begabten Kindern. Noch nie vielleicht war diese Katastrophe, die uns für

alles Leben der Außenwelt ganz unzugänglich macht, so heftig, so

vollständig, so grausam vergrößert durch die Verhältnisse, wie im Falle

der Marquise.

Ein geliebter, junger edelsinniger Mann, dessen Wünsche sie nie

befriedigt hatte, um nicht gegen die Gesetze der Welt zu verstoßen, war

gestorben, um ihr das zu retten, was die Gesellschaft die »weibliche

Ehre« nennt. Wem konnte sie nun gestehen: »Ich leide!« Ihre Tränen

hätten ihren Mann beleidigt, die erste Ursache der Katastrophe. Die

Gesetze, die Sitten verboten ihr die Klage; eine Freundin hätte sich

daran geweidet, ein Mann darauf spekuliert. Nein, die arme Trauernde

konnte nur in einer Wüste nach Herzenslust weinen, ihre Leiden aufsaugen

oder von ihnen verzehrt werden, selbst sterben oder etwas in sich töten,

vielleicht ihr Gewissen.

Seit einigen Tagen heftete sie die Augen beständig auf einen flachen

Horizont, wo es, wie in ihrem zukünftigen Leben, nichts zu suchen,

nichts zu hoffen gab, wo alles auf einen Blick zu übersehen war und wo

sie die Abbilder der kalten Verödung erblickte, die ihr unaufhörlich das

Herz zerriß. Die nebeligen Vormittage, ein Himmel von matter Helligkeit,

dicht über der Erde hinziehende Wolken -- das entsprach den Phasen ihrer

seelischen Krankheit.

Ihr Herz war nicht gebrochen und auch nicht mehr oder weniger

abgestorben; nein, unter der langsamen Einwirkung eines unerträglichen

Schmerzes -- unerträglich, weil er zwecklos war -- wurde ihre frische,

blühende Natur zu Stein. Sie litt durch sich und für sich. Heißt also

leiden nicht schon mit einem Fuß im Egoismus stehen? So zogen denn auch

furchtbare Gedanken durch ihr Gewissen und verletzten es. Sie prüfte

sich selbst ehrlich und fand eine Doppelnatur in sich. Sie hatte in

sich ein Weib, das nicht mehr dulden wollte.

Sie versetzte sich zurück in die Freuden ihrer Kindheit, deren

Glückseligkeit sie kaum empfunden hatte und deren klare Bilder nun in

Menge auftauchten, wie um ihr die Schuld an dem Trugwerk einer in den

Augen der Welt anständigen, in Wahrheit entsetzlichen Ehe beizumessen.

Daß sie in ihrer Jugend von zarter Schamhaftigkeit gewesen, daß sie sich

in der Sinnenlust Zwang auferlegt, daß sie der Welt dennoch Opfer

gebracht hatte -- welchen Gewinn hatte sie nun davon gehabt? Obwohl

alles in ihr von Liebe sprach und Liebe erwartete, fragte sie sich doch,

wozu jetzt die Harmonie ihrer Bewegungen, ihr Lächeln und ihre Anmut

noch da seien. Sie fühlte sich nicht mehr gern frisch und üppig, wie man

etwa einen zwecklos wiederholten Ton nicht gern hat. Ihre Schönheit

selbst war ihr unerträglich, wie ein nutzloser Gegenstand. Sie sah mit

Entsetzen voraus, daß sie in Zukunft nicht mehr ein in sich vollendetes

Wesen sein könnte. Hatte ihr inneres Ich nicht die Fähigkeit eingebüßt,

die Eindrücke mit jener köstlichen Unschuld aufzunehmen, die dem Leben

so viel keusche Freude verleiht? In Zukunft mußten die meisten Eindrücke

in ihr, kaum aufgenommen, auch schon wieder verwischt sein, und viele

von denen, die sie einstmals ergriffen hätten, würden ihr dann

gleichgültig werden.

Nach der Kindheit des Leibes kommt die Kindheit des Herzens. Ihr

Geliebter hatte diese zweite Kindheit mit in sein Grab genommen. An

Begierden noch jung, hatte sie doch nicht mehr die völlige Jugend der

Seele, die allem im Leben ihren Wert und ihre Würze mitteilt. Mußte sie

nicht den Grundsatz, traurig zu sein, und allem zu mißtrauen, im Herzen

behalten -- einen Hang, der ihren Regungen den frischen Schwung, den

hinreißenden Zauber rauben mußte? Denn nichts konnte ihr mehr das Glück

geben, das sie erhofft, das sie sich so schön erträumt hatte.

Ihre ersten, echten Tränen löschten das himmlische Feuer aus, das die

ersten Regungen des Herzens bestrahlt, und sie mußte immer daran

kranken, nicht zu sein, was sie hätte sein können. Aus diesem Glauben

muß der bittere Ekel hervorgehen, der dazu führt, daß man sich abwendet,

wenn eine neue Freude sich zeigt. Sie beurteilte jetzt das Leben wie ein

Greis, der bereit ist, es zu verlassen. Obgleich sie sich jung fühlte,

lastete die Masse ihrer freudlosen Tage schwer auf ihrer Seele, drückte

sie nieder und machte sie vor der Zeit alt. Mit einem Schrei der

Verzweiflung fragte sie die Welt, was sie ihr zum Ersatz für die Liebe

gäbe, die ihr das Leben erhalten und die sie verloren hatte. Sie fragte

sich, ob in ihrer erloschenen, so keuschen und reinen Liebe der Gedanke

nicht noch verbrecherischer gewesen sei, als die Tat es hätte sein

können. Es war ihr ein Genuß, sich als schuldig hinzustellen, um der

Welt Trotz zu bieten und sich dafür zu trösten, daß die Welt nicht

ebenso wie sie jene vollkommene Seelengemeinschaft beweinte, die den

Schmerz der Hinterbliebenen lindert, weil sie in ihr der Zuversicht sein

kann, das Glück nicht nur ganz genossen, sondern auch voll gespendet zu

haben und in sich ein treues Bild des Verblichenen zu bewahren.

Sie war unzufrieden wie eine Schauspielerin, die mit ihrer Rolle

durchgefallen ist, denn dieser Schmerz griff alle Fibern, Herz und Kopf

an. War ihre Natur in ihren intimsten Wünschen verletzt, so war damit

ihre Eitelkeit nicht minder verwundet wie die Gutherzigkeit, die allein

eine Frau zu einem Opfer bewegen kann.

Dadurch, daß sie alle Fragen verwarf, alle Hebel der verschiedenen

Stellungen in Bewegung setzte, die uns die verschiedenen Naturen, die

soziale, moralische und physische anweisen, erschlaffte sie die

seelischen Kräfte so sehr, daß sie sich in den widersprechendsten

Betrachtungen verirrte und auf keinen Ausweg mehr kam.

Daher öffnete sie manchmal, wenn der Nebel fiel, ihr Fenster und blieb

gedankenlos davor stehen. Mechanisch atmete sie den feuchten, erdigen

Geruch ein, der in der Luft verbreitet war. Sie stand regungslos da --

wie eine Irrsinnige -- denn die Wirrnis ihres Schmerzes machte sie gegen

die Harmonie in der Natur wie für die Wonne des Denkens in gleichem Maße

stumpf.

Eines Tages, gegen Mittag -- die Sonne hatte gerade heiteres Wetter

geschaffen -- trat die Kammerfrau, ohne befohlen zu sein, herein und

sagte zu ihr:

»Da kommt nun zum vierten Male der Herr Pfarrer und will die Frau

Marquise sprechen, und er besteht heute so fest entschlossen darauf, daß

wir nicht mehr wissen, was wir ihm antworten sollen.«

»Er will ohne Zweifel etwas Geld für die Armen der Gemeinde, nehmen Sie

fünfhundert Louis und bringen Sie sie ihm in meinem Namen.«

»Gnädige Frau,« sagte die Dienerin, einen Augenblick später

zurückkommend, »der Herr Pfarrer will das Geld nicht nehmen und wünscht,

Sie zu sprechen.«

»So mag er kommen!« antwortete die Marquise, mit einer Gebärde des

Unwillens, die dem Priester einen traurigen Empfang verkündete. Sie

wollte sich ohne Zweifel durch eine kurze, offene Erklärung gegen seine

weiteren Zudringlichkeiten schützen.

Die Marquise hatte ihre Mutter in sehr jungen Jahren verloren, und die

Lockerung, die während der Revolution die religiösen Bande in Frankreich

erfuhren, hatte naturgemäß auch auf ihre Erziehung Einfluß gehabt. Die

Frommheit ist eine frauliche Tugend, die Frauen allein aufeinander

übertragen, und die Marquise war ein Kind des 18. Jahrhunderts, zu

dessen philosophischem Glauben ihr Vater sich bekannt hatte. Sie nahm

keine religiösen Übungen vor. Für sie war ein Priester ein öffentlicher

Beamter, dessen Nützlichkeit ihr anfechtbar erschien. In ihrer Lage

konnte die Stimme der Religion ihre Leiden nur noch verbittern; und dann

glaubte sie auch überhaupt nicht an Dorfpfaffen, ebensowenig wie an

deren Erleuchtungen; sie beschloß daher, den ihren auf seinen Platz zu

verweisen, in aller Ruhe und Freundlichkeit. Nach Art der Reichen,

gedachte sie sich seiner durch eine Wohltat zu entledigen.

Der Pfarrer kam, und sein Aussehen war nicht geeignet, der Marquise

andere Begriffe einzuflößen. Sie sah einen dicken, kleinen Mann mit

vorspringendem Bauch, rotem, doch altem und runzligem Gesicht, der zu

lächeln versuchte, doch nur schlecht damit zustande kam. Sein kahler,

von zahlreichen Querfalten gefurchter Schädel war so weit, daß man einen

Viertelkreis davon übersehen konnte, nach vornüber geneigt, was sein

Gesicht noch kleiner erscheinen ließ. Den untern Teil des Kopfes überm

Nacken rahmten ein paar weiße Haare ein, deren man auch vorn an den

Ohren noch einige sah. Nichtsdestoweniger war die Physiognomie dieses

Priesters die eines von Natur vergnügten Menschen gewesen. Seine dicken

Lippen, seine leicht aufgeworfene Nase, sein in Doppelfalten

verschwindendes Kinn bekundeten einen glücklichen Charakter.

Die Marquise bemerkte zuerst nur die Hauptzüge, aber bei dem ersten

Wort, das der Priester zu ihr sprach, war sie überrascht, eine so sanfte

Stimme zu hören; sie sah ihn aufmerksamer an und bemerkte unter seinen

grau werdenden Brauen Augen, die geweint hatten. Der Umriß seiner Wange,

von der Seite gesehen, verlieh seinem Haupte einen so erhabenen Ausdruck

des Schmerzes, daß die Marquise in diesem Pfarrer »einen Menschen«

erkannte.

»Frau Marquise, die Reichen gehören nur dann zu uns, wenn sie leiden;

und die Leiden einer verheirateten, jungen, schönen und reichen Frau,

die weder Kinder noch Angehörige verloren hat, lassen sich erraten und

werden durch Wunden verursacht, deren Zuckungen nur durch die Religion

gelindert werden können. Ihre Seele ist in Gefahr, gnädige Frau. Ich

spreche zu Ihnen in diesem Augenblick nicht von dem andern Leben, das

unser harrt. Nein, ich bin hier nicht im Beichtstuhl. Aber gehört es

nicht auch zu meiner Pflicht, Sie über die Zukunft Ihres

gesellschaftlichen Lebens aufzuklären? Sie werden also einem Greise

verzeihen, wenn er zudringlich war -- es geschieht nur Ihres Glückes

wegen.«

»Das Glück, mein Herr, ist für mich nicht mehr da. Ich werde bald zu

Ihnen gehören, wie Sie sich ausdrücken, und zwar für immer.«

»Nein, gnädige Frau, an dem Schmerz, der Sie bedrückt und sich in Ihren

Zügen ausspricht, werden Sie nicht sterben. Wenn Sie daran hätten

sterben sollen, so würden Sie nicht in Saint-Lange sein. Wir gehen an

den Wirkungen eines gewissen Kummers nie so leicht zugrunde wie an

betrogenen Hoffnungen. Ich habe weit unerträglichere, weit

schrecklichere Schmerzen kennen gelernt, die doch nicht zum Tode geführt

haben.«

Die Marquise machte eine Gebärde des Zweifels.

»Gnädige Frau, ich kenne einen Mann, dessen Unglück so groß war, daß

Ihre Schmerzen Ihnen unbedeutend erscheinen würden, wenn Sie sie mit den

seinen verglichen ...«

Ob nun die lange Einsamkeit ihr schon lästig wurde, ob sie durch die

Aussicht, einem Freundesherzen ihre schmerzlichen Gedanken anvertrauen

zu können, angenehm berührt wurde, jedenfalls betrachtete sie den

Pfarrer mit einer fragenden Miene, die dieser unmöglich mißdeuten

konnte.

»Gnädige Frau,« fuhr der Priester fort, »dieser Mann war ein Vater, dem

von einst zahlreicher Familie nur drei Kinder geblieben waren. Er hatte

nacheinander die Eltern verloren, dann eine Tochter und eine Frau. Er

blieb allein, tief in der Provinz, auf einem kleinen Gute, wo er lange

Zeit glücklich gewesen war. Seine drei Söhne waren beim Heer, und jeder

hatte einen seiner Dienstzeit entsprechenden Rang erlangt. In den

hundert Tagen kam der älteste zur Garde und wurde Oberst; der zweite war

Bataillonschef bei der Artillerie, und der jüngste hatte den Rang eines

Hauptmanns bei den Dragonern. Gnädige Frau, diese drei Jungen liebten

ihren Vater ebenso innig, wie sie von ihm geliebt wurden. Wenn Sie die

Sorglosigkeit junger Leute kennen, die ihren Liebhabereien leben und

niemals Zeit haben, sich den Eltern zu widmen, werden Sie aus einem

einzigen Umstand die Innigkeit ersehen, mit der sie an dem armen,

einsamen Alten hingen, der nun nur noch für sie und durch sie lebte. Es

verging keine Woche, wo er nicht von einem seiner Kinder einen Brief

erhalten hätte. Aber er hatte auch nie einen von ihnen vorgezogen, was

stets den Respekt der Kinder vermindert, noch war er ungerecht und

streng gewesen. Kurz und gut, er fuhr nach Paris, um ihnen vor ihrer

Abreise nach Belgien Lebewohl zu sagen. Sie waren nun abgereist, der

Vater kehrte heim. Der Krieg begann, er bekam Briefe aus Fleurus, aus

Ligny, alles ging gut. Die Schlacht bei Waterloo wurde geschlagen -- Sie

kennen das Ergebnis. Ganz Frankreich wurde mit einem Schlage in Trauer

versetzt. Alle Familien waren in größter Sorge. Er wartete, gnädige

Frau, Sie können sich das denken; er hatte nicht Rast, nicht Ruhe. Er

las die Zeitungen und ging alle Tage selbst zur Post. Eines Tages

meldete man ihm den Diener seines Sohnes, des Obersten. Er sieht diesen

Mann auf dem Pferde seines Herrn sitzen, da brauchte er keine Frage erst

zu stellen: der Oberst war tot -- von einer Kanonenkugel mitten

durchgerissen. Gegen Abend kommt zu Fuß der Diener des jüngsten an; der

jüngste war am Tage nach der Schlacht gestorben. Endlich, gegen

Mitternacht, kommt ein Artillerist und meldet ihm den Tod des letzten

Kindes, auf dessen Haupt nun in so kurzer Zeit dieser arme Vater sein

ganzes Leben gesetzt hatte. Ja, gnädige Frau, sie waren alle gefallen!«

Nach einer Pause hatte der Priester seine eigene Rührung überwunden und

fügte mit sanfter Stimme die folgenden Worte hinzu:

»Und der Vater ist leben geblieben, gnädige Frau. Er hat begriffen, wenn

Gott ihn auf Erden ließe, müsse er hier sein Leid auf sich nehmen, und

so tut er es denn. Aber er hat sich an die Brust der Religion geworfen.

Was kann aus ihm geworden sein?«

Die Marquise hob den Blick zu dem Antlitz des Pfarrers, das jetzt einen

erhabenen Zug der Trauer und Ergebung zeigte, und erwartete das folgende

Wort, das sie weinen machte:

»Priester, gnädige Frau; er war ja schon durch die Tränen geweiht, ehe

er am Fuße des Altars die Weihe empfing.«

Auf einen Augenblick herrschte Schweigen. Die Marquise und der Pfarrer

sahen zum Fenster hinaus nach dem nebligen Horizont, als könnten sie

dort die Kinder sehen, die nicht mehr waren.

»Nicht Priester in einer Stadt, sondern einfacher Dorfpfarrer,« fuhr er

fort.

»In Saint-Lange,« sagte sie, die Tränen trocknend.

»Ja, Gnädige.«

Nie hatte sich die Majestät des Schmerzes Julien erhabener gezeigt; und

dieses »Ja, Gnädige« grub sich ihr ins tiefste Herz, wie die Last eines

endlosen Grams. Diese Stimme, die so sanft ins Ohr klang, erschütterte

ihr Innerstes. Ach, es war ja die Stimme des Unglücks, diese volle,

ernste Stimme, die einen so durchdringenden Zauber auszuüben schien.

»Herr Pfarrer,« sagte fast ehrfurchtsvoll die Marquise, »und wenn ich

nicht sterbe, was wird dann aus mir werden?«

»Gnädige, haben Sie nicht ein Kind?«

»Ja,« sagte sie kalt.

Der Pfarrer warf auf die Frau einen Blick, wie etwa ein Arzt auf einen

Kranken, der in Gefahr schwebt, und beschloß, alles, was in seinen

Kräften stände, zu versuchen, um sie dem Geist des Bösen streitig zu

machen, der schon die Hand nach ihr ausstreckte.

»Sie sehen, Gnädige, wir müssen mit unsern Schmerzen am Leben bleiben,

und die Religion allein bietet uns wahren Trost. Erlauben Sie mir,

wiederzukommen -- hören Sie noch öfter die Stimme eines Mannes, der mit

allen Schmerzen mitzufühlen weiß, und im Grunde, wie ich doch glaube,

nichts allzu Abschreckendes an sich hat.«

»Ja, Herr Pfarrer, kommen Sie. Ich danke Ihnen, daß Sie an mich gedacht

haben.«

»Gut, Gnädige, auf baldiges Wiedersehen!«

Dieser Besuch löste sozusagen die Spannung in der Seele der Marquise,

deren Kräfte durch Gram und Einsamkeit schon zu sehr aufgerieben waren.

Der Priester ließ in ihrem Herzen einen Balsam und den heilsamen

Widerhall seiner frommen Worte zurück. Sie empfand nun jene Beruhigung,

die den Gefangenen erquickt, wenn er die Tiefe seiner Einsamkeit und die

Schwere seiner Ketten erkannt hat und nun plötzlich durch ein Klopfen an

der Mauer erfährt, daß er einen Nachbarn hat, der durch diesen Ton mit

ihm in Gedankenaustausch tritt. Sie hatte unverhofft einen Vertrauten

gefunden.

Aber sie versank bald wieder in ihre finsteren Betrachtungen und sagte

sich, wie der Gefangene, ein Leidensgefährte könne weder die Fesseln

noch die Schrecken der Zukunft erleichtern. Der Pfarrer hatte sie bei

seinem ersten Besuch in ihrem ganz egoistischen Schmerz nicht gleich

kopfscheu machen wollen; aber er hoffte, daß es seiner Kunst gelingen

werde, in einer zweiten Unterredung sie um einige Schritte weiter der

Religion zuzuführen.

Am übernächsten Tage kam er denn auch, und der Empfang, den die

Marquise ihm bereitete, ließ erkennen, daß sein Besuch erwünscht war.

»Nun, Frau Marquise,« sagte der Greis, »haben Sie ein wenig über die

Menge menschlicher Leiden nachgedacht? Haben Sie die Augen gen Himmel

erhoben? Haben Sie die Unermeßlichkeit von Welten gesehen, die uns in

unserm Dünkel so klein macht, unsern eiteln Stolz zerdrückt und unser

Weh verringert ...?«

»Nein, Herr Pfarrer,« sagte sie, »die gesellschaftlichen Gesetze lasten

mir zu schwer auf dem Herzen und zerreißen es mir zu schmerzlich, als

daß ich mich zum Himmel aufschwingen könnte. Aber die Gesetze sind

vielleicht nicht so grausam, wie die Sitten der Gesellschaft. O, die

Gesellschaft!«

»Wir müssen sowohl den Gesetzen wie den Sitten gehorchen, Gnädige. Das

Gesetz bildet die Losung der Gesellschaft, die Sitten regeln ihre

Handlungen.«

»Sich der Gesellschaft fügen?« versetzte die Marquise mit einer

unwillkürlichen Gebärde des Schmerzes. »Herr Pfarrer, das ist ja eben

die Quelle aller unserer Leiden. Gott hat nicht ein einziges Gesetz des

Unglücks geschaffen; aber die Menschen taten sich zusammen und haben ihm

ins Handwerk gepfuscht. Wir, wir Frauen, erleiden durch die Zivilisation

mehr Mißhandlungen, als durch die Natur. Die Natur legt uns physische

Schmerzen auf, die ihr Männer uns nicht erleichtert, und die

Zivilisation hat Gefühle entwickelt, die ihr fortwährend verletzt. Die

Natur läßt die schwachen Wesen eingehen, aber die Zivilisation

verurteilt sie zum Leben und überliefert sie andauerndem Unglück. Die

Ehe, eine Einrichtung, auf der heute die Gesellschaft beruht, bürdet die

Lasten, die sie mit sich bringt, ganz allein uns auf. Für den Mann die

Freiheit, für die Frau Pflichten. Wir müssen euch unser ganzes Leben

weihen, ihr uns nur vereinzelte Augenblicke. Und dann trifft der Mann

nur eine Wahl, wo wir uns blind unterwerfen. O, Herr Pfarrer, Ihnen kann

ich alles sagen. Nun denn, die Ehe, wenigstens wie sie sich heute

gestaltet hat, scheint mir nur eine gesetzlich erlaubte Prostitution zu

sein. Und daraus sind meine Leiden entstanden. Aber ich allein unter den

unglücklichen, so schrecklich verkuppelten Geschöpfen, muß schweigen!

Ich bin ja allein die Urheberin meines Elends, ich habe meine Ehe

gewollt!«

Sie hielt inne, vergoß bittere Tränen und schwieg.

»In diesen Untiefen des Jammers, in diesem Ozean des Schmerzes,« fuhr

sie fort, »habe ich eine Sandbank gefunden, auf die ich den Fuß setzte,

wo ich in Ruhe leiden konnte: ein Orkan hat alles hinweggerissen. Nun

bin ich allein, ohne Stütze, zu schwach gegen die Stürme.«

»Wir sind nie schwach, wenn Gott mit uns ist,« sagte der Priester. »Und

wenn Sie übrigens hienieden keine Liebe mehr zu befriedigen haben, haben

Sie dann nicht doch noch Pflichten zu erfüllen?«

»Immer Pflichten!« rief sie ungeduldig. »Aber wo sind für mich die

Gefühle, die uns die Kraft geben, sie zu erfüllen? Herr Pfarrer, nichts

aus nichts oder nichts für nichts, das ist eins der gerechtesten Gesetze

der moralischen wie der physischen Natur. Sollen etwa diese Bäume grünes

Laub treiben ohne den Saft, der die Knospen sprengt? Auch die Seele hat

ihren Saft. Bei mir ist der Saft in der Quelle versiegt.«

»Ich will Ihnen nicht von den religiösen Gefühlen sprechen, die die

Ergebung einflößt,« sagte der Pfarrer, »aber die Mutterschaft, Gnädige,

ist denn das nicht --?«

»Halten Sie inne, Herr Pfarrer,« sagte die Marquise. »Gegen Sie werde

ich aufrichtig sein. Ich kann es hinfort gegen niemand sonst mehr sein,

ich bin zur Unwahrheit verurteilt; die Gesellschaft verlangt ein

fortwährendes Fratzenschneiden, und unter der Strafe der Schändung

gebietet sie uns, ihren Förmlichkeiten zu gehorchen. Es gibt zweierlei

Mutterschaft, Herr Pfarrer. Ehemals wußte ich nichts von solchen

Unterscheidungen; heute kenne ich sie. Ich bin nur zur Hälfte Mutter --

besser wär's, es gar nicht zu sein! Helene ist nicht von _ihm_! O,

erschrecken Sie nicht. Saint-Lange ist ein Abgrund, darin viele falschen

Gefühle versunken sind, draus unheilvolles Licht hervorgegangen ist, in

den die gebrechlichen Gebäude der widernatürlichen Gesetze hinabgestürzt

sind. Ich habe ein Kind, das genügt. Ich bin Mutter, so will es das

Gesetz. Aber Sie, Herr Pfarrer, der Sie eine so fein mitfühlende Seele

haben, werden vielleicht den Weheschrei einer armen Frau verstehen, die

nie ein falsches Gefühl in ihr Herz hat dringen lassen. Gott wird mich

richten, aber ich glaube doch nicht gegen seine Gesetze zu verstoßen,

wenn ich den Regungen nachgebe, die er mir in die Seele gepflanzt hat,

und folgendes habe ich nun darin gefunden: Ist nicht ein Kind, Herr

Pfarrer, das Abbild zweier Wesen, die Frucht zweier ganz ineinander

verschmolzenen Gefühle? Wenn es nicht mit allen Fibern des Leibes, wie

mit aller Liebe des Herzens verwachsen ist, wenn es nicht an kostbare

Wonnen, an die Zeiten und Orte, wo diese beiden Wesen glücklich waren,

an ihre Sprache voll menschlicher Musik und an ihren süßen

Gedankenaustausch erinnert, dann ist ein Kind ein verfehltes Werk. Ja,

für sie muß es ein entzückendes Miniaturbild sein, in welchem sie die

Poesie ihres geheimen Doppellebens wiederfinden. Es muß für sie eine

Quelle furchtbarer Regungen sein, muß zugleich all ihre Vergangenheit

und all ihre Zukunft sein. Meine arme, kleine Helene ist das Kind ihres

Vaters, das Kind der Pflicht und des Zufalls; sie erweckt in mir nur den

Instinkt des Weibes, ich stehe für sie nur auf dem Boden des Gesetzes,

das unwiderstehlich antreibt, das Geschöpf zu beschützen, das unser

Schoß gebar. Ich bin nicht zu tadeln, im Sinne der Gesellschaft. Habe

ich der Tochter nicht mein Leben und mein Glück geopfert? Ihr Schreien

erschüttert mich im Innersten; wenn sie ins Wasser fiele, würde ich

nachspringen, sie herauszuholen. Aber sie ist nicht in meinem Herzen.

Ach, die Liebe hat mir den Traum einer erhabeneren, vollkommeneren

Mutterschaft vorgegaukelt; und in einem erloschenen Traume habe ich das

Kind liebkost, nach dem mein Herz verlangte und das unerzeugt blieb: die

köstliche Blume, die schon in der Seele wächst, ehe sie im Leibe wachsen

kann. Ich bin für Helene das, was nach der natürlichen Ordnung eine

Mutter für ihren Sprößling sein muß. Wenn sie meiner einmal nicht mehr

bedarf, so ist eben, kurz gesagt, die Ursache verschwunden, und damit

hören auch die Wirkungen auf. Wenn die Mutter das anbetungswürdige

Vorrecht hat, die Mutterschaft auf das ganze Leben ihres Kindes

auszudehnen, dann muß wohl diese göttliche Dauer des Gefühls dem

Lichtschein einer seelischen Empfängnis zugeschrieben werden. Wenn das

Kind nicht zu allererst schon in der Seele der Mutter gebildet wird,

dann dauert die Mutterschaft nur eine gewisse Zeit und hört auf, wie es

bei den Tieren der Fall ist. Und es ist wahr, ich fühle es: je größer

meine arme Kleine wird, um so mehr löst mein Herz sich von ihr los. Die

Opfer, die ich ihr gebracht, haben mich ihr schon entfremdet, während

bei einem andern Kinde, das fühle ich, mein Herz unerschöpflich sein

würde. Für dieses andere würde überhaupt nichts ein Opfer sein -- alles

wäre Freude gewesen. Hier, Herr Pfarrer, vermögen in mir die Religion

und die Vernunft nichts gegen meine Gefühle auszurichten. Hat sie

unrecht, wenn sie sterben will, die Frau, die weder Mutter noch Gattin

ist, die zu ihrem Unglück einen Blick in die grenzenlosen Schönheiten

der wahren Liebe, in die unermeßlichen Freuden der rechten Mutterschaft

getan hat? Was kann aus ihr werden? Ich werde Ihnen sagen, was sie

fühlt. Hundertmal am Tage, hundertmal in der Nacht schüttelt ein Schauer

mir Hirn, Herz und Leib, wenn eine nur schwach abgewehrte Erinnerung mir

die Bilder eines Glückes vorführt, das ich mir größer vorstelle, als es

vielleicht sein würde. Diese grausamen Phantasien nehmen meinen Gefühlen

alle Wärme, und ich frage mich: >Wie würde mein Leben sein, _wenn_ --?<«

Sie verbarg das Gesicht in den Händen und zerfloß in Tränen.

»So sieht es im Grunde meines Herzens aus!« fuhr sie fort. »Für ein Kind

von ihm hätte ich gern das schrecklichste Unglück auf mich genommen. Der

Gott, der im Sterben alle Sünden dieser Erde auf sich nahm, wird mir

diesen für mich tödlichen Gedanken verzeihen; aber ich weiß, die Welt

ist unversöhnlich: für sie sind meine Gedanken Blasphemien; ich verstoße

damit gegen alle ihre Gesetze. Ach! ich möchte dieser Welt den Krieg

erklären, um die Gesetze und Sitten umzugestalten, um sie

entzweizuschlagen. Was hat sie nicht alles an mir verwundet: all mein

Denken, all mein Wesen, all mein Fühlen, all mein Wünschen, all mein

Hoffen -- in Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit! Für mich ist der Tag

voller Finsternis, mein Denken ein Schwert, mein Herz eine Wunde, mein

Kind eine Verneinung. Jawohl, wenn Helene spricht, wünsch' ich ihr

andere Augen. Sie ist da zum Zeugnis alles dessen, was sie sein müßte

und was sie nicht ist! Sie ist mir unerträglich. Ich lächle sie an, ich

bemühe mich, sie für die Gefühle zu entschädigen, die ich ihr nicht

entgegenbringen kann. Ich leide! O, Herr Pfarrer, ich leide zu sehr, als

daß ich leben könnte. Und ich werde für eine tugendhafte Frau gelten!

Und ich habe keinen Fehltritt begangen! Und man wird mich ehren! Ich

habe die unwillkürliche Liebe bekämpft, der ich nicht Raum geben durfte.

Aber wenn ich auch physisch treu geblieben bin -- habe ich auch mein

Herz bewahrt? Das,« setzte sie hinzu, die rechte Hand auf den Busen

legend, »hat allzeit nur einem Manne gehört! Mein Kind täuscht sich auch

darüber nicht. Es gibt auch bei Müttern Blicke, Töne, Gebärden, die die

Seele eines Kindes wie mit Füßen treten; und wenn ich meine arme Kleine

ansehe, wenn ich mit ihr spreche, wenn ich sie nehme, dann fühlt sie,

daß mein Arm ruhig bleibt, daß meine Stimme nicht zittert, daß meine

Augen kalt bleiben. Sie wirft mir anklägerische Blicke zu, die ich nicht

ertragen kann. Mitunter habe ich Angst, in ihr einen Richter zu finden,

der mich ohne Verhör verurteilen wird. Gebe es der Himmel, daß sich

nicht eines Tages der Haß zwischen uns stelle! Großer Gott, öffne mir

doch lieber das Grab, laß mich in Saint-Lange enden! Ich will in jene

Welt eintreten, wo ich meine andere Seele wiederfinden werde, wo ich

ganz und gar Mutter sein werde! O, verzeihen Sie mir, Herr Pfarrer, ich

bin verrückt. Ich ersticke an diesen Worten -- doch nun habe ich sie

gesagt. Ach, Sie weinen auch, Sie werden mich nicht verachten. Helene,

meine Tochter, Helene, komm!« rief sie in einer Art von Verzweiflung,

als sie ihr Kind hörte, das vom Spaziergang zurückkam.

Die Kleine kam lachend und schreiend; sie brachte einen Schmetterling,

den sie gefangen hatte; aber als sie ihre Mutter in Tränen sah,

verstummte sie, schmiegte sich an sie und ließ sich auf die Stirn

küssen.

»Sie wird einmal sehr schön werden,« meinte der Priester.

»Sie ist ganz ihr Vater,« antwortete die Marquise und küßte ihr Kind mit

Ungestüm, wie um eine Schuld abzutragen oder einen Vorwurf, den sie sich

selbst machte, zu beschwichtigen.

»Dir ist heiß, Mama.«

»Geh', laß uns allein, mein Engel,« antwortete die Marquise.

Das Kind ging ohne Kummer, ohne einen Blick auf die Mutter; es schien

fast froh zu sein, ein so trauriges Gesicht zu fliehen, und begriff

schon, daß die Gefühle, die sich darin ausdrückten, ihr abhold waren.

Das Lächeln ist das Handgeld, die Sprache, der Ausdruck der

Mütterlichkeit. Die Marquise konnte nicht lächeln. Sie errötete, als sie

den Priester ansah: sie hatte sich als Mutter zeigen wollen, doch weder

sie noch ihr Kind hatten lügen können. Ja, die Küsse einer aufrichtigen

Frau haben einen göttlichen Honig, der dieser Liebkosung eine Seele, ein

zartes Feuer zu verleihen scheint, das zu Herzen dringt. Die Küsse,

denen diese Würze und Weihe fehlt, sind herb und trocken. Der Priester

hatte diesen Unterschied empfunden, konnte den Abgrund ermessen, der

zwischen der Mütterlichkeit des Fleisches und der Mütterlichkeit des

Herzens liegt. Nachdem er daher auf diese Frau einen durchdringenden

Blick geworfen hatte, sprach er zu ihr:

»Sie haben recht, Gnädige, es wäre für Sie besser, Sie wären tot ...«

»Ach, Sie verstehen meine Leiden, ich sehe es,« antwortete sie, »weil

Sie als christlicher Priester die unseligen Entschlüsse, die der Jammer

mir eingab, erraten und gutheißen. Jawohl, ich habe mir selbst den Tod

geben wollen. Aber es hat mir an dem nötigen Mut gefehlt, meinen Plan

auszuführen. Mein Körper ist feige gewesen, wenn meine Seele stark war

-- und wenn meine Hand nicht zitterte, hat wieder meine Seele

geschwankt. Das Geheimnis dieser Kämpfe, dieser wechselnden Stärke und

Schwäche ist mir unbekannt. Ich bin ohne Zweifel eben Weib und als

solches kläglicherweise ohne Ausdauer im Wollen, stark nur zum Lieben.

Ich verachte mich selbst. Am Abend, als meine Leute schliefen, ging ich

mutig zu dem kleinen Teich. Am Rande angelangt, entsetzte meine feige

Seele sich vor der Vernichtung. Ich bekenne meine Schwächen. Als ich im

Bett lag, schämte ich mich vor mir selbst und wurde wieder mutig. In

einem dieser Augenblicke habe ich Laudanum genommen -- aber ich hatte

nur Schmerzen, gestorben bin ich nicht. Ich hatte geglaubt, den ganzen

Inhalt des Fläschchens zu trinken, und habe schon bei der Hälfte

aufgehört.«

»Sie sind verloren, gnädige Frau,« sagte der Priester ernst und mit

tränenvoller Stimme. »Sie werden in die Welt zurückkehren und die Welt

betrügen. Sie werden dort das suchen und finden, was Sie als

Entschädigung für Ihre Unbilden ansehen. Eines Tages werden Sie dann

die Strafe für Ihre Wollust ...«

»Ich,« rief sie, »ich sollte hingehen und dem ersten besten Schurken,

der die Komödie einer Liebe zu spielen verstände, die letzten kostbaren

Reichtümer meines Herzens preisgeben und mein Leben um einen Augenblick

zweifelhaften Glücks zugrunde richten? Nein! meine Seele wird sich an

einer reinen Flamme verzehren. Herr Pfarrer, die Männer haben alle die

Sinne ihres Geschlechts; aber den Mann, der auch Seele hat und so alle

Forderungen unserer Natur befriedigt, dessen melodische Harmonie sich

nur unter dem Druck wahrer Gefühle verrät, diesen Mann trifft man nicht

zweimal im Leben. Meine Zukunft ist furchtbar, ich weiß es: ohne Liebe

ist das Weib nichts, ohne Wollust ist die Schönheit nichts; aber würde

die Welt nicht mein Glück verdammen, wenn es sich mir noch einmal böte?

Ich bin meiner Tochter eine ehrbare Mutter schuldig. Ach, ich bin in

einen eisernen Ring gesteckt, von dem ich mich nicht ohne Schimpf

freimachen kann. Die Pflichten der Familie ohne Gegenlohn zu erfüllen,

wird mir zum Überdruß; ich werde das Leben verwünschen; aber meine

Tochter wird wenigstens ein schönes Scheinbild von einer Mutter haben.

Zum Ersatz für den Schatz an Liebe, den ich ihr versagt habe, werde ich

ihr einen Schatz an Tugend spenden. Um der Freuden willen, die sonst den

Müttern das Glück ihrer Kinder bereitet, liegt mir ja auch gar nichts am

Leben. Ich glaube nicht an Glück. Was wird Helenens Los sein? Ohne

Zweifel das meine. Welche Mittel haben die Mütter, ihren Töchtern die

Gewißheit zu geben, daß der Mann, dem sie sie überliefern, ein Ehegatte

nach ihrem Herzen sein wird. Ihr verachtet arme Geschöpfe, die sich für

ein paar Taler einem Vorübergehenden verkaufen: der Hunger und die

Notdurft erteilen diesen Eintagsverbindungen die Absolution. Aber die

dauernde Verbindung duldet, ja fordert die Gesellschaft, und doch ist

diese Verbindung etwa zwischen einem jungen keuschen Mädchen und einem

Manne, den sie kaum drei Monate lang kennt, noch weit entsetzlicher;

denn dieses Mädchen ist für sein ganzes Leben verkauft. Es ist wahr, der

Preis ist weit höher. Wenn ihr sie wenigstens ehrtet, da ihr ihnen

einmal doch keine Entschädigung für ihre Schmerzen zubilligt! aber nein,

die Welt verleumdet gerade die tugendhaftesten unter uns. Dies ist unser

Schicksal, von seinen zwei Seiten betrachtet: entweder eine öffentliche

Prostitution und die Schande -- oder eine heimliche Prostitution und das

Unglück. Was gar die armen Mädchen ohne Mitgift anbetrifft -- die werden

verrückt und sterben. Mit ihnen hat niemand Mitleid. Die Schönheit, die

Tugenden sind keine Werte auf euerm Menschenmarkt, und diesen

Tummelplatz des Egoismus nennt man Gesellschaft. So laßt die Töchter

doch nicht mehr erben! Dann werdet ihr wenigstens ein Naturgesetz

erfüllen, und die Männer werden ihre Gefährtinnen nach der Stimme ihres

Herzens wählen und heiraten.«

»Gnädige Frau, Ihre Reden beweisen mir, daß Sie weder Familiensinn noch

religiösen Sinn haben. Sie werden daher auch nicht zwischen dem

gesellschaftlichen Egoismus, der Sie verletzt, und dem Egoismus des

Individuums, der Sie mit dem Verlangen nach Genüssen erfüllt, schwanken --«

»Familie, Herr Pfarrer! Gibt es denn das? Ich verneine die Familie in

einer Gesellschaft, die beim Tode des Vaters und der Mutter die Habe

verteilt und jeden seines Weges gehen heißt. Die Familie ist eine

zeitliche und zufällige Vereinigung, die der Tod sofort löst. Unsere

Gesetze haben die Geschlechter, die Erbschaften, die Fortdauer der

Vorbilder und Traditionen zerstört. Ich sehe nichts als Schutt um mich

her.«

»Meine Gnädige, Sie werden nicht eher zu Gott zurückkehren, als bis

seine Hand schwer auf Sie fallen wird, und ich wünsche Ihnen, daß Sie

Zeit genug haben mögen, Ihren Frieden mit ihm zu machen. Sie suchen

Ihren Trost, indem Sie den Blick zur Erde senken, statt ihn zum Himmel

erheben. Der Hang zu trügerischem Philosophieren und das persönliche

Interesse haben Ihr Herz überfallen; Sie sind taub gegen die Stimme der

Religion, wie es die Kinder dieses Jahrhunderts ohne Glauben eben sind.

Die Freuden der Welt erzeugen nichts als Leid. Sie werden mit den

Schmerzen nur wechseln -- weiter nichts.«

»Ich werde Ihre Prophezeiung Lügen strafen,« sagte sie mit bitterm

Lächeln, »ich werde dem treu bleiben, der für mich gestorben ist.«

»Der Schmerz,« erwiderte er, »ist nur in den von der Religion bereiteten

Seelen lebensfähig.«

Sie senkte ehrerbietig die Augen, um die Zweifel nicht sehen zu lassen,

die sich in ihrem Blick hätten verraten können. Die Energie der Klagen,

die die Marquise angestimmt, hatte ihn tieftraurig gemacht. Da er das

menschliche Ich in seinen tausend Gestalten kannte, verzweifelte er

daran, auf dieses Herz besänftigend einzuwirken, das das Leid zur Wüste

statt zum weichen Boden gemacht hatte und in dem das Samenkorn des

himmlischen Sämanns nicht entkeimen konnte, da sein sanftes Wort darin

von dem lauten, schrecklichen Geschrei der Ichsucht erstickt wurde.

Nichtsdestoweniger entfaltete er die Ausdauer des Apostels und kam

mehrmals wieder, immer von der Hoffnung hingeführt, diese so edle,

stolze Seele zu Gott zu bekehren; aber an dem Tage, wo er erkannte, daß

die Marquise nur deshalb gern mit ihm plauderte, weil es ihr wohltat,

von dem verlorenen Geliebten zu sprechen, da gab er es auf. Er wollte

sein Amt nicht dadurch herabsetzen, daß er sich zum Gelegenheitsmacher

für schlummernde Leidenschaften hergab. Er stellte diese Gespräche ein

und bahnte allmählich einen förmlichen Verkehr an, wo dann nur von

alltäglichen Dingen gesprochen wurde.

Der Frühling kam heran. Die Marquise fand Zerstreuungen in ihrer tiefen

Traurigkeit und beschäftigte sich, da sie sonst nichts zu tun hatte, mit

ihrem Grund und Boden, wo sie einige Arbeiten anzuordnen beliebte.

Im Monat Oktober verließ sie ihr altes Schloß Saint-Lange, wo sie wieder

frisch und schön geworden war im Müßiggang eines Schmerzes, der, zuerst

heftig, wie ein kraftvoll geworfener Diskus, schließlich in Melancholie

erloschen war, wie der Diskus nach allmählich schwächer werdenden

Schwingungen zu fliegen aufhört. Die Melancholie besteht aus einer Reihe

ähnlicher seelischer Schwingungen, deren erste an die Verzweiflung,

deren letzte an das Vergnügen stößt; in der Jugend ist sie die

Morgendämmerung -- im Alter das Abendrot.

Als ihre Kalesche durch das Dorf fuhr, empfing die Marquise den Gruß des

Pfarrers, der aus der Kirche kam und in die Pfarre ging; aber als sie

den Gruß erwiderte, schlug sie die Augen nieder und wandte den Kopf zur

Seite, um ihn nicht wiederzusehen.

Der Priester hatte nur zu sehr recht gehabt gegen diese arme Diana von

Ephesus.

Die Frau von dreißig Jahren · 第 9 / 14 题