Königreich das Weinen abgewöhnt. Erst die verliebte Lebensweise und dann
die Schreckensherrschaft haben sie mit den schmerzlichsten Umstürzen
vertraut gemacht, so daß sie nun in den Gefahren des Lebens eine kalte
Würde und eine aufrichtige Zuneigung, doch ohne jede Überschwenglichkeit,
bewahren. Auf diese Weise vergessen sie darüber nie die Etikette und eine
Vornehmheit des Benehmens, die die neuen Sitten sehr zu Unrecht verpönt
haben.
Die Matrone nahm die junge Frau in die Arme und küßte sie auf die Stirn,
mit einer Zärtlichkeit und Anmut, die bei diesen Frauen oft mehr Manier
und Gewohnheit als Sache des Herzens ist. Sie tröstete ihre Nichte mit
süßen Worten, versprach ihr eine glückliche Zukunft, half ihr beim
Schlafengehen und schläferte sie mit liebevollen Vesprechungen ein, ganz
als wenn Julie ihre Tochter gewesen wäre -- eine geliebte Tochter, deren
Hoffnungen und Kümmernisse sie zu ihren eigenen machte; sie sah sich
noch einmal jung in ihrer Nichte, fand sich in ihr noch einmal als
unerfahrenes, hübsches Mädchen.
Glücklich, eine Freundin gefunden zu haben, eine Mutter, der sie hinfort
alles sagen könnte, schlief die Komtesse ein. Als sich am folgenden
Morgen Tante und Nichte mit der tiefen Herzlichkeit und in dem
Einverständnis küßten, die einen Fortschritt im gegenseitigen Fühlen,
eine noch vollständigere Verkettung zweier Seelen beweisen -- vernahmen
sie den Schritt eines Pferdes, wandten gleichzeitig den Kopf und
erblickten den jungen Engländer, der langsam, wie seine Gewohnheit war,
vorbeiritt.
Er schien in gewissem Sinne das Leben, das die beiden einsamen Frauen
führten, studiert zu haben und unterließ nie, sich einzufinden, wenn sie
beim Frühstück oder beim Mittagessen saßen. Sein Pferd ging von selbst
im langsamen Schritt -- er brauchte ihm keinen Wink zu geben; und in der
Zeit, die es brauchte, an dem Raum zwischen den beiden Fenstern des
Eßzimmers vorbeizukommen, warf Arthur einen melancholischen Blick
hinein, meistens ohne von der Komtesse irgendwie beachtet zu werden.
Die Marquise hatte sich die philisterhafte Neugierde angewöhnt, die sich
an die kleinsten Dinge heftet, um dem Leben in der Provinz Abwechslung
zu verleihen, und von der sich selbst überlegene Geister nur schwer
freihalten. Sie fand großen Spaß an der schüchternen, ernsthaften, und
so stillschweigend offenbarten Liebe des Engländers. Diese Blicke im
Vorüberreiten gehörten nun schon zur Tagesordnung, und jedesmal
begrüßte sie Arthurs Vorbeikunft mit einem neuen Scherz.
Als sich die beiden Frauen an diesem Morgen zu Tische setzten,
erblickten sie den Insulaner zu gleicher Zeit. Diesmal begegneten sich
Juliens und Arthurs Augen so voll und unverhohlen, daß die junge Frau
errötete. Sogleich gab der Engländer seinem Pferde die Sporen und
verschwand im Galopp.
»Aber, Madame,« sagte Julie zu ihrer Tante, »was ist da zu machen? Wer den
Engländer hier immer vorbeireiten sieht, muß ja doch merken, daß ich --«
»Jawohl,« antwortete die Tante, sie unterbrechend.
»Sollte ich mir das nicht verbitten?«
»Das hieße ihn auf den Gedanken bringen, er sei Ihnen gefährlich. Und
könnten Sie denn jemand hindern, hin und her zu reiten, wo es ihm
gefällt? Wir werden einfach morgen nicht mehr in diesem Zimmer speisen.
Wenn uns der junge Kavalier hier nicht mehr sieht, wird er diese Liebe
durchs Fenster einstellen. Sehen Sie, mein liebes Kind, so muß sich eine
Frau benehmen, die weltgewandt ist.«
Aber das Unglück Juliens sollte vervollkommnet werden. Kaum erhoben sich
die beiden Frauen vom Tische, so traf plötzlich Victors Kammerdiener
ein. Er kam, so schnell sein Pferd hatte laufen können, auf
Schleichwegen von Bourges her und überbrachte der Gräfin einen Brief
ihres Gatten. Victor hatte den Kaiser verlassen und meldete seiner Frau
den Zusammenbruch des Imperiums, die Eroberung von Paris und die
Begeisterung, die an allen Punkten Frankreichs für die Bourbonen
lebendig wurde. Aber da er nicht wußte, wie er bis nach Tours gelangen
sollte, so bat er sie, in aller Eile nach Orleans zu kommen, wo er sich
mit Durchgangspässen für sie einzufinden hoffte. Der Kammerdiener, ein
alter Soldat, sollte Julie von Tours nach Orleans geleiten. Victor hielt
diesen Weg noch für frei.
»Gnädige Frau haben keinen Augenblick zu verlieren,« sagte der
Kammerdiener, »die Preußen, Österreicher und Engländer wollen in Blois
oder in Orleans zueinander stoßen.«
In ein paar Stunden war die junge Frau bereit und reiste in einem alten
Reisewagen ab, den die Tante ihr borgte.
»Warum wollen Sie nicht mit uns nach Paris kommen?« fragte sie, die
Marquise umarmend. »Wo nun die Bourbonen wieder auf den Thron kommen,
würden Sie dort ...«
»Ich würde auch ohne diese unerwartete Rückkehr des Königshauses
hingekommen sein, meine arme Kleine, denn Sie bedürfen meines Ratschlags
zu notwendig, Sie sowohl, als auch Victor. Ich werde also alle
Vorkehrungen treffen, um Sie dort aufzusuchen.«
Julie nahm Abschied. Ihre Kammerzofe begleitete sie, und der alte Soldat
ritt neben dem Wagen her, über seiner Herrin Sicherheit wachend. Als sie
des Nachts auf einer Poststation vor Blois anlangten, sah Julie zum
erstenmal zum Schlag heraus. Es beunruhigte sie, daß ein Gefährt hinter
dem ihren herkam und es von Amboise her nicht verlassen hatte. Nun
wollte sie sehen, wer ihre Reisegefährten seien. Beim Mondlicht erkannte
sie Arthur, er stand drei Schritte vor ihr, die Augen auf ihren Wagen
geheftet. Ihre Blicke begegneten sich.
Die Komtesse warf sich rasch in die Tiefe der Kalesche zurück -- sie
zitterte vor Furcht. Wie die Mehrzahl der jungen wirklich unschuldigen
und unerfahrenen Frauen, erschien es ihr schon als Fehltritt,
unabsichtlich bei einem jungen Manne Liebe erweckt zu haben. Sie empfand
ein unwillkürliches Entsetzen, das ihr vielleicht das Bewußtsein ihrer
Schwäche gegenüber einer so kühnen Annäherung einflößte.
Eine der stärksten Waffen des Mannes ist diese furchtbare Macht, sich
der von Natur regen Phantasie einer Frau, die über eine solche
Verfolgung erschrickt oder sich beleidigt fühlt, immer wieder
aufzudringen. Die Komtesse erinnerte sich des Rates, den die Tante ihr
gegeben hatte, und beschloß, während der ganzen Reise in ihrem
Reisewagen zu bleiben und nicht ein einziges Mal herauszukommen. Aber
auf jeder Station hörte sie den Engländer um die beiden Wagen
herumgehen. Und auf dem Wege hallte ihr das unwillkommene Geräusch
seines Gespanns unaufhörlich in den Ohren. Die junge Frau dachte,
Victor, bei dem sie ja nun bald sein würde, werde schon ein Mittel
wissen, sie gegen diese sonderbare Verfolgung zu schützen.
»Aber wenn mich dieser junge Mann nun nicht liebt?«
Diese Betrachtung war die letzte von allen, die sie anstellte. Als sie
nach Orleans kam, wurde ihre Postkutsche von den Preußen angehalten, auf
den Hof einer Herberge gebracht und dort von Soldaten bewacht.
Widerstand war unmöglich. Die Fremden gaben den drei Reisenden durch
gebieterische Gebärden zu verstehen, sie hätten Befehl, niemand aus dem
Wagen herauszulassen.
Die Komtesse blieb unter Tränen fast zwei Stunden lang die Gefangene
dieser Soldaten, die rauchten, lachten und sie manchmal mit frecher
Neugierde betrachteten. Aber endlich sah sie sie mit Respekt von dem
Wagen wegtreten, und hörte das Trappeln mehrerer Pferde. Bald umringte
eine Schar höherer ausländischer Offiziere, an deren Spitze sich ein
österreichischer General befand, die Kalesche.
»Gnädige Frau,« sagte der General zu ihr, »entschuldigen Sie. Es hat ein
Versehen stattgefunden -- Sie können Ihre Reise ohne Furcht fortsetzen,
und hier haben Sie einen Paß, der Ihnen weiterhin jede Unannehmlichkeit
ersparen wird.«
Die Komtesse nahm das Papier zitternd entgegen und stammelte ein paar
undeutliche Worte. Sie sah neben dem General, und in der Kleidung eines
englischen Offiziers, Arthur stehen, dem sie ohne Zweifel ihre rasche
Befreiung verdankte. Zugleich freudig und betrübt, sah der junge
Engländer zur Seite und wagte nicht einmal heimlich nach Julie
hinzuschauen. -- Dank dem Paß, gelangte Frau d'Aiglemont ohne weiteres
verdrießliches Abenteuer nach Paris. Sie traf hier ihren Gatten, der,
von seinem Treueid gegen den Kaiser entbunden, beim Grafen d'Artois, dem
von seinem Bruder Ludwig XVIII. ernannten Generalleutnant des
Königreichs, schmeichelhafteste Aufnahme gefunden hatte.
Victor wurde in der königlichen Garde zum Range eines Generals
befördert. Inmitten der Festlichkeiten, mit denen man die Rückkehr der
Bourbonen feierte, wurde die arme Julie von einem recht großen Unglück
betroffen, das nicht ohne Einfluß auf ihr Leben bleiben konnte: sie
verlor die Marquise de Listomere-Landon. Die alte Dame starb, als sie
den Herzog von Angoulème in Tours wiedersah, vor Freude und an einem ins
Herz zurückgetretenen Tropfen Blutes. So war denn die Frau tot, der ihr
Alter das Recht gegeben hätte, Victor aufzuklären, die einzige, die
durch triftige Ratschläge eine völlige Harmonie zwischen Mann und Frau
hätte herstellen können. Sie war tot, und Julie fühlte die ganze
Tragweite dieses Verlusts. Nun war sie wieder allein und ohne
Vermittlerin zwischen sich und dem Gatten. Aber jung und schüchtern, wie
sie war, mußte sie im Anfang lieber dulden als klagen. Eben die
Vollkommenheit ihres Charakters ließ es nicht zu, daß sie sich dem
entzöge, was sie für ihre Pflicht hielt, oder nach der Ursache ihrer
Schmerzen forschte. Denn diesen ein Ende zu machen, wäre eine zu heikle
Sache gewesen; Julie hätte gefürchtet, ihre jungfräuliche Scham zu
verletzen.
Ein Wort über die Schicksale des Herrn d'Aiglemont während der
Restauration!
Trifft man nicht viele Menschen, deren völlige Nichtigkeit allen Leuten,
die sie kennen, ein Geheimnis bleibt? Ein hoher Rang, eine vornehme
Geburt, wichtige Ämter, ein gewisser Firnis von Höflichkeit, eine große
Zurückhaltung im Benehmen oder das Blendwerk des Vermögens -- das sind
für sie sozusagen Schutzwälle, die es der Kritik verwehren, bis in ihr
intimes Leben einzudringen. Diese Leute gleichen den Königen, deren
wahre Gestalt, Charakter und Sitten niemals genau bekannt sind oder
richtig beurteilt werden, weil sie entweder aus zu großer Ferne oder aus
zu großer Nähe gesehen werden. Diese Personen, deren Verdienst »gemacht«
ist, fragen, statt zu sprechen, besitzen die Kunst, die andern in Szene
zu setzen, und vermeiden es so, selbst vor sie treten zu müssen; dann
ziehen sie mit glücklichem Geschick jeden am Fädchen seiner
Leidenschaften oder Interessen und spielen auf diese Weise mit Menschen,
die ihnen in Wahrheit überlegen sind, machen sie zu Marionetten und
halten sie für klein, weil es ihnen gelungen ist, sie bis zu sich
herabzuziehen. Sie gelangen dann zu dem ganz natürlichen Triumph des
beschränkten, aber beharrlichen Kopfes über die Rastlosigkeit
bedeutender Köpfe. Um diese leeren Köpfe zu beurteilen und ihren
negativen Wert abzuwägen, muß daher der Beobachter einen mehr feinen,
als überlegenen Geist besitzen, mehr Geduld als Weite des Blickes, mehr
Feingefühl und Takt als Bildung und Größe der Ideen. So viel
Geschicklichkeit diese Usurpatoren auch entfalten, ihre schwachen Seiten
zu verbergen, so ist es ihnen doch sehr schwer, ihre Frauen, Mütter,
Kinder oder den Freund des Hauses zu täuschen; aber diese Personen
bewahren fast immer das Geheimnis eines Gegenstandes, der gewissermaßen
die gemeinsame Ehre angeht, ja sie helfen ihnen oft noch, die Welt zu
täuschen. Wenn dank solcher häuslichen Verschwörung viele Nullen für
höhere Menschen gelten, so machen sie die Zahl der höhern Menschen wett,
die für Nullen gelten, so daß der Gesellschaftsstaat immer die gleiche
Menge scheinbarer Kapazitäten hat.
Man denke sich nun, welche Rolle eine Frau von Geist und Gefühl neben
einem Manne dieses Schlages spielen muß. Man wird erkennen, daß das ein
Leben voll des Schmerzes und der Aufopferung ist, für die gewisse Herzen
voll Liebe und Zartgefühl nichts hienieden schadlos halten kann. Wenn
eine starke Frau sich in so schrecklicher Lage befindet, so entreißt sie
sich ihr durch ein Verbrechen, wie es Katharina II. tat, die trotzdem
die »Große« genannt wird. Aber nicht alle Frauen sitzen auf einem
Throne, und so verzehren die meisten sich in häuslichem Unglück, das,
wenn es auch im Verborgenen bleibt, doch nicht minder schrecklich ist.
Diejenigen, die hienieden unmittelbaren Trost für ihre Leiden suchen,
tauschen, wenn sie ihren Pflichten treu bleiben wollen, eben doch nur
andere Schmerzen dagegen ein, oder wenn sie die Gesetze zugunsten ihres
Vergnügens verletzen, so begehen sie Fehltritte.
Diese Betrachtungen sind sämtlich auf das geheime Leben Juliens
anwendbar. So lange Napoleon auf der Höhe war, war der Graf d'Aiglemont
ein Oberst wie viele andere, ein guter Ordonnanzoffizier, der eine
gefährliche Sendung ausgezeichnet erfüllen konnte, aber unfähig war, ein
Kommando von einiger Wichtigkeit zu übernehmen. Er erregte keinerlei
Neid, und galt für einen der Tapferen, denen der Kaiser seine Gunst
schenkte. Er war das, was man beim Militär schlechtweg »eine gute Haut«
nennt.
Bei der Restauration, die ihm den Titel des Marquis zurückgab, zeigte er
sich nicht undankbar; er ging mit den Bourbonen nach Gand. Diese
Handlungsweise voll Konsequenz schien das Horoskop Lügen zu strafen, das
einstmals sein Schwiegervater gestellt hatte, als er sagte, Victor werde
nicht über den Oberst hinauskommen. Bei der zweiten Rückkehr wurde er
zum Generalleutnant befördert und wieder zum Marquis erhoben und
verfolgte nun das ehrgeizige Ziel, die Pairswürde zu erlangen. Er hielt
sich zu den Grundsätzen und der Politik der Konservativen, umhüllte sich
mit einer Verstellung, hinter der nichts steckte, wurde ernst,
bedächtig, wortkarg und galt für einen tiefen Geist. Er beschränkte sich
beständig auf die Formen der Höflichkeit, verschanzte sich hinter
feststehenden Formeln, ging bald sparsam, bald verschwenderisch mit den
fertigen Phrasen um, die in Paris regelmäßig geprägt wurden, um in
kleiner Münze den Dummköpfen die Bedeutung großer Ideen oder Ereignisse
zu übermitteln, und so hielt die Gesellschaft ihn für einen Mann von
Geschmack und Wissen.
Starr auf seine aristokratischen Ansichten versessen, hatte er den Ruf
eines schönen Charakters. Wenn er zufällig einmal wieder sorglos und
flott wurde, wie er es einst gewesen war, so legten die andern der
Bedeutungslosigkeit und Nichtigkeit seiner Worte einen verborgenen
diplomatischen Sinn bei.
»O, er sagt bloß nicht, was er sagen will,« dachten die sehr ehrbaren
Leute.
Seine Tugenden kamen ihm ebenso zustatten wie seine Fehler. Seine
Tapferkeit brachte ihm einen hohen Ruf als Soldat ein, der auch durch
nichts Lügen gestraft wurde, weil er nie selbständig kommandiert hatte.
Sein männliches, edles Gesicht ließ große Gedanken vermuten, und seine
Physiognomie hatte für niemand, außer seiner Frau, etwas Hohles. Indem
Marquis d'Aiglemont alle Welt seine unechten Talente loben hörte,
glaubte er schließlich selbst daran, daß er einer der hervorragendsten
Männer bei Hofe sei, wo er dank seinem Äußeren zu gefallen wußte und
niemand seine verschiedenen Vorzüge bestritt.
Trotzdem war Herr d'Aiglemont zu Hause bescheiden. Er fühlte instinktiv
die Überlegenheit seiner Frau, so jung sie auch war; und aus diesem
unwillkürlichen Respekt erwuchs eine geheime Macht, zu der die Marquise
wider den eigenen Willen gelangte, so sehr sie sich auch sträubte, die
Bürde auf sich zu nehmen. Als Ratgeberin ihres Mannes lenkte sie dessen
Handlungen und verwaltete das Vermögen. Dieser fast widernatürliche
Einfluß wurde für sie zu einer Art Demütigung und brachte viele
Schmerzen mit sich, die sie in ihrem Herzen begrub. Zuerst sagte sie
sich in ihrem echt weiblichen Instinkt, es sei weit schöner, einem
talentvollen Manne sich unterzuordnen, als einen Tropf zu regieren, und
eine junge Frau, die wie ein Mann denken und handeln müsse, sei weder
Frau noch Mann, bliebe wohl frei von den Mißständen des Weibes, sage
dabei aber doch allen Freuden ihres Geschlechtes ab. Und bei dem allem
erreiche sie doch keines der Vorrechte, das unsere Gesetze dem stärkeren
Geschlecht einräumen.
Hinter ihrem Leben verbarg sich ein recht bitterer Hohn. Mußte sie nicht
zu einem hohlen Götzen beten, ihren Protektor protegieren, einen
armseligen Menschen, der ihr zum Lohn für beständige Aufopferung die
egoistische Liebe der Ehemänner zuwarf, in ihr nichts als das Weib sah.
Entweder aus Unwissen oder aus Gleichgültigkeit beging er das tiefe
Unrecht, daß er sich weder darum kümmerte, was ihr Freude mache, noch
sich darum sorgte, weshalb sie immer so traurig sei und so auffallend
abnehme.
Wie die meisten Ehemänner, die das Joch eines überlegenen Geistes
verspüren, schloß der Marquis, um seine Eigenliebe zu retten, aus
Juliens physischer Schwäche auch auf moralische Schwäche, und klagte
gern das Geschick an, das ihm ein kränkliches Mädchen zur Frau gegeben
hätte. Kurz, er stellte sich als das Opfer hin, während er doch der
Henker war.
Die Marquise, auf der alles Elend dieses tristen Daseins lastete, mußte
ihren blöden Gebieter noch anlächeln, noch mit Blumen ein Trauerhaus
ausschmücken und vor einem von geheimem Jammer blassen Gesicht die Maske
des Glücks tragen. Diese Verantwortlichkeit für die Ehre des Hauses bei
großartiger Selbstverleugnung verlieh der jungen Marquise unmerklich
eine frauliche Würde, ein Bewußtsein der Tugend, die ihr zum Schutzwall
gegen die Gefahren der Welt dienten. Und wenn wir dieses Herz bis auf
den Grund erforschen wollen, so hatte vielleicht das tiefinnere,
verborgene Unglück, mit dem ihre erste, ihre naive Jungmädchenliebe
endete, ihr Abscheu vor der Leidenschaft eingeflößt; vielleicht begriff
sie nie den hinreißenden Trieb, noch die verbotenen, doch berauschenden
Freuden, über die gewisse Frauen die Gesetze der Klugheit vergessen, auf
denen die Gesellschaft beruht.
Sie verzichtete wie auf einen Traum auf die sanften Freuden, auf die
zarte Harmonie, die Madame de Listomere-Landon in ihrer langjährigen
Erfahrung ihr verheißen hatte; sie wartete mit Ergebung auf das Ende
ihrer Schmerzen, indem sie jung zu sterben hoffte. Seit ihrer Rückkehr
aus der Touraine war ihre Gesundheit täglich schwächer geworden, und das
Leben schien ihr nur noch durch das Leiden zugemessen zu sein -- ein
vornehmes Leiden übrigens, eine dem Anschein nach fast wonnevolle
Krankheit, die in den Augen oberflächlicher Menschen für die Grille
eines Hausdämchens gelten konnte.
Die Ärzte hatten die Marquise dazu verurteilt, auf einem Diwan zu
liegen, wo sie sich mit Blumen umgab und nun dahinsiechte wie diese.
Ihre Schwäche verbot ihr das Gehen und den Aufenthalt in frischer Luft;
sie fuhr nur noch im geschlossenen Wagen aus. Beständig umgeben von
allen Wundern unsers Luxus und unserer modernen Industrie, glich sie
weniger einer Kranken als einer blasierten Königin. Einige Freunde, die
ihre Krankheit und Schwäche entzückend fanden und vielleicht auch
bestimmt darauf rechneten, daß sie in Zukunft wieder ganz gesund würde,
besuchten sie, denn sie waren ja immer sicher, sie zu Hause zu treffen,
brachten ihr alle Neuigkeiten und unterrichteten sie über die tausend
kleinen Ereignisse, die das Leben in Paris so abwechslungsreich machen.
Ihre Melancholie war ernst und tief, aber es war die Melancholie des
Überflusses. Die Marquise d'Aiglemont glich einer schönen Blume, deren
Wurzel von einem schwarzen Insekt angefressen ist. Sie ging bisweilen in
Gesellschaften, nicht aus Geschmack daran, sondern um den Forderungen
der Stellung zu genügen, nach der ihr Mann strebte. Ihre Stimme und die
Vollendung ihres Gesangs trugen ihr den Beifall ein, der fast immer
einer jungen Frau schmeichelt. Aber was nützten ihr Erfolge, die weder
mit ihrem Empfinden noch mit ihrem Hoffen etwas zu tun hatten? Ihr Mann
machte sich nichts aus Musik. Zuletzt fühlte sie sich stets befangen in
den Salons, wo ihre Schönheit ihr Huldigungen einbrachte. Ihre Situation
erregte dort eine Art grausamen Mitleids, eine kalte Neugierde.
Sie war von einem Fieber befallen, das fast regelmäßig mit dem Tode
endet -- ein Leiden, von dem die Frauen untereinander nur flüsternd
sprechen, und für die unsere Neologie noch keinen Namen hat finden
können. Trotz des Schweigens, in dessen Mitte sich ihr Dasein vollzog,
war die Ursache ihres Leidens für niemand ein Geheimnis. Trotz der Ehe,
noch immer ein junges Mädchen, erfüllten die geringsten Blicke sie mit
Scham. Um nicht erröten zu müssen, erschien sie daher stets fröhlich und
lachend; sie erkünstelte eine falsche Freude, erklärte immer, sie
befände sich sehr wohl oder kam den Fragen nach ihrer Gesundheit mit
schamhaften Lügen zuvor.
Inzwischen trug 1817 ein Ereignis viel dazu bei, den beklagenswerten
Zustand zu ändern, in dem Julie bisher sich befunden hatte. Sie bekam
eine Tochter und wollte selbst stillen. Zwei Jahre lang war bei den
lebhaften Zerstreuungen und unruhevollen Freuden, die die Sorgen einer
Mutter mit sich bringen, ihr Leben weniger unglücklich.
Sie mußte sich nun von ihrem Manne fernhalten. Die Ärzte prophezeiten
eine Besserung; aber die Marquise glaubte nicht an diese auf Vermutungen
gegründeten Weissagungen. Wie alle Leute, für die das Leben keine Freude
mehr hat, erblickte sie vielleicht im Tode eine glückliche Erlösung.
Im Anfang des Jahres 1819 war das Leben für sie grausamer als je zuvor.
In dem Augenblick, wo sie sich des negativen Glücks erfreute, das sie zu
erringen gewußt hatte, sah sie furchtbare Abgründe vor sich: ihr Mann
hatte sich allmählich ihrer entwöhnt. Dieses Erkalten einer schon so
lauen und ganz egoistischen Liebe konnte mehr Unglück herbeiführen, als
sie bei allem feinen Takt und aller Klugheit voraussehen konnte. Obwohl
sie sicher war, eine große Herrschaft über Victor zu behalten und seine
Achtung für immer zu besitzen, fürchtete sie den Einfluß der
Leidenschaften auf einen so unbedeutenden, so lächerlich unüberlegten
Mann. Oft überraschten ihre Freunde sie bei lang anhaltendem Grübeln;
die weniger Tiefblickenden fragten sie scherzend nach dem Geheimnis
ihrer Gedanken, als wenn eine junge Frau an nichts anderes als an
Frivolitäten denken könnte, als wenn nicht fast immer ein tiefer Sinn in
den Gedanken einer Hausmutter läge.
Übrigens führt uns das Unglück, wie das wahre Glück, immer zu
Träumereien. Manchmal spielte Julie mit ihrer Helene, betrachtete sie
mit finsterm Blick und antwortete plötzlich nicht mehr auf die
kindlichen Fragen, die den Müttern so viel Vergnügen machen. Sie sann
dann über ihr Schicksal in Gegenwart und Zukunft nach. Ihre Augen wurden
naß von Tränen, wenn ein plötzliches Erinnern ihr das Bild jener Parade
in den Tuilerien wieder vorzauberte. Die prophetischen Worte ihres
Vaters klangen ihr abermals in den Ohren, und ihr Gewissen tadelte sie,
deren Weisheit verkannt zu haben.
Aus diesem törichten Ungehorsam entsprang all ihr Unglück; und oft wußte
sie nicht, welches unter ihren Leiden am schwersten zu ertragen sei.
Nicht nur blieben die süßen Schätze ihrer Seele ungehoben, nein, sie
konnte selbst in den gewöhnlichsten Dingen des Lebens zu keinem
Einverständnis mit ihrem Gatten gelangen.
In dem Augenblick, wo die Fähigkeit zu lieben in ihr erstarkte und sich
wärmer regte, erlosch die gesetzliche, die eheliche Liebe unter schweren
Leiden physischer und moralischer Art. Sie hegte nur für ihren Mann
jenes an Verachtung grenzende Mitleid, das auf die Dauer alle Gefühle
vernichtet. Wenn nicht schon ihre Gespräche mit den Freunden, die
Beispiele oder gewisse Abenteuer der vornehmen Gesellschaft sie darüber
belehrt hätten, daß die Liebe auch großes Glück bescheren könne, so
würden ihre Wunden ihr schließlich eine Ahnung von den tiefen, reinen
Wonnen eingeflößt haben, die ein Band zwischen brüderlichen Seelen
bilden müssen.
In dem Bilde, das ihre Erinnerung ihr von der Vergangenheit entwarf,
zeichnete sich das lautere Gesicht Arthurs mit jedem Tage reiner und
schöner ab; doch betrachtete sie es stets nur flüchtig, denn sie wagte
nicht, bei dieser Erinnerung zu verweilen. Die schweigsame, schüchterne
Liebe des jungen Engländers war das einzige Ereignis, das seit der
Verheiratung eine sanfte Spur in diesem düstern, einsamen Herzen
zurückgelassen hatte.
Vielleicht richteten sich alle getäuschten Hoffnungen, alle
fehlgeschlagenen Wünsche, die allmählich Juliens Geist verdüstert
hatten, durch ein natürliches Spiel der Phantasie auf diesen Mann,
dessen Manieren, Gefühl und Art anscheinend eine so große
Übereinstimmung mit ihrem Wesen aufwiesen. Aber dieser Gedanke hatte
immer den Charakter einer Laune, eines Traumes. Nach einem solchen
haltlosen Sinnen, das immer in Seufzern seinen Abschluß fand, erwachte
Julie noch unglücklicher und empfand nur noch tiefer ihre verborgenen
Schmerzen, nachdem sie sie unter den Fittichen eines Glückes
eingeschläfert hatte, das die Phantasie ihr vorgegaukelt.
Manchmal nahmen ihre Klagen einen törichten, tollkühnen Charakter an;
sie verlangte Vergnügungen um jeden Preis. Aber noch öfter verharrte sie
in einer unsagbaren stumpfsinnigen Betäubung, hörte zu, ohne zu
verstehen, oder spann so unklare, unbestimmte Gedanken, daß sie sie in
Worten nicht hätte ausdrücken können.
In ihrem intimsten Wollen, in den Gewohnheiten, die sie einstmals als
junges Mädchen sich erträumt hatte, so tief verwundet, mußte sie nun
ihre Tränen in sich hinein weinen. Wem hätte sie ihr Leid klagen sollen?
Von wem konnte sie verstanden werden? Und dann besaß sie ja auch jenes
äußerste Zartgefühl des Weibes, jene liebliche Schamhaftigkeit des
Gefühls, die darin besteht, keine unnütze Klage laut werden zu lassen,
den Vorteil unbenutzt zu lassen, sobald der Sieg den Sieger ebenso
erniedrigen müßte wie den Besiegten.
Julie suchte Herrn d'Aiglemont ihre Fähigkeit, die ihr eigenen Tugenden
zu verleihen und rühmte sich gegen die Welt eines Glückes, das ihr doch
nicht beschieden war.
All ihr weibliches Feingefühl wurde vollständig umsonst aufgeboten, eine
Rücksicht zu nehmen, die ihr Mann ja doch nicht beachtete, indem er sich
im Gegenteil dadurch in seinem Egoismus bestärkt fühlte. Bisweilen war
sie nahe daran, vor Unglück den Verband zu verlieren; aber zum Glück
führte eine echte Frommheit sie immer wieder zu einer äußersten
Hoffnung: sie nahm Zuflucht zu dem zukünftigen Leben -- eine
bewundernswerte Glaubenskraft ließ sie von neuem ihre schmerzliche Bürde
auf sich nehmen.
Diese furchtbaren Kämpfe, diese innere Zerrissenheit blieben ohne Ruhm,
ihre langen Stunden der Schwermut blieben unbekannt; keine Menschenseele
fing ihre matten Blicke, ihre bitteren Tränen auf -- dem Zufall
hingegeben, erloschen sie in der Einsamkeit.
Die Gefahren der kritischen Lage, zu der die Marquise unmerklich durch
die Kraft der Verhältnisse gelangt war, enthüllten sich ihr in vollem
Ernst erst an einem Abend im Januar 1820.
Wenn zwei Eheleute sich ganz genau kennen und sich seit langem
aneinander gewöhnt haben, wenn eine Frau die geringsten Gebärden eines
Mannes zu deuten weiß und Gefühle oder Dinge, die er ihr verbirgt,
durchschauen kann, dann geht ihr oft nach vorhergehenden Betrachtungen
oder Bemerkungen, die zufällig und ursprünglich auch ohne jeden Belang
gemacht werden, ganz plötzlich ein Licht auf, und oftmals erwacht eine
Frau mit einem Male am Rande oder am Boden eines Abgrunds.
So erriet die Marquise, die sich seit zwei Tagen freute, allein zu sein,
ganz plötzlich das Geheimnis ihres Alleinseins. Ob aus Untreue oder aus
Überdruß, ob aus Edelsinn oder Mitleid mit ihr -- ihr Gatte gehörte ihr
nicht mehr. In diesem Augenblick dachte sie nicht mehr an sich, noch an
ihre Leiden und Opfer; sie war nur noch Mutter, und ihr Augenmerk galt
der Zukunft, dem Glück ihrer Tochter, des einzigen Wesens, von dem ihr
noch ein wenig Glückseligkeit kam -- ihrer Helene, des einzigen Guts,
das sie noch ans Leben fesselte.
Jetzt wollte Julie nicht sterben -- sie wollte ihr Kind vor dem
entsetzlichen Joch bewahren, unter dem eine Stiefmutter das Leben dieses
teueren Wesens erdrücken konnte. Bei dieser neuen Voraussicht eines
finstern Geschicks verfiel sie in eine jener glühenden Grübeleien, die
ganze Jahre verzehren. Zwischen ihr und ihrem Gatten mußte hinfort eine
ganze Welt von Gedanken liegen, deren Last auf sie allein fallen würde.
Bisher war sie gewiß gewesen, von Victor geliebt zu sein, soweit er der
Liebe fähig war, und sie hatte sich einem Glücke hingegeben, das sie
selbst nicht teilte. Aber jetzt hatte sie nicht mehr die Genugtuung, zu
wissen daß ihre Tränen ihren Mann noch immer rühren würden -- jetzt
stand sie allein in der Welt, und es blieb ihr keine Wahl als das
Unglück.
In der Stille und dem Schweigen des Abends erlahmte alle ihre Kraft,
aller Mut brach nieder, und in dem Augenblick, wo sie ihren Diwan und
ihr fast erloschenes Feuer verließ, um zu ihrer Tochter zu gehen und
beim Scheine einer Lampe mit trockenen Augen das Kind anzusehen, kehrte
Herr d'Aiglemont in fröhlichster Stimmung heim. Julie bewog ihn, mit
ihr zusammen die schlafende Helene zu bewundern, aber er fertigte die
Begeisterung seiner Frau mit einer banalen Phrase ab.
»In diesem Alter,« sagte er, »sind alle Kinder niedlich.«
Nachdem er seiner Tochter einen flüchtigen Kuß auf die Stirn gegeben,
ließ er die Vorhänge der Wiege herab, sah Julie an, nahm sie bei der
Hand und führte sie zu dem Diwan, wo eben noch so viele unheilvolle
Gedanken sie bestürmt hatten.
»Sie sind sehr schön heute abend, Madame d'Aiglemont!« rief er mit der
unerträglichen Heiterkeit, deren Leere der Marquise so wohlbekannt war.
»Wo haben Sie den Abend verbracht?« fragte sie, tiefe Gleichgültigkeit
erkünstelnd.
»Bei Madame de Sérizy.«
Er hatte einen Lichtschirm vom Kamin genommen und betrachtete aufmerksam
das Transparent. Die Spur der Tränen, die seine Frau vergossen, hatte er
nicht bemerkt. Julie zitterte. Die Sprache reichte nicht hin, den Strom
von Gedanken in Worte zu fassen, der aus ihrem Herzen hervorbrechen
wollte und den sie dort zurückhalten mußte.
»Madame de Sérizy gibt nächsten Montag ein Konzert und kommt um vor
Sehnsucht, dich dabei zu haben. Du hast dich seit langem nicht in
Gesellschaften sehen lassen, das ist für sie Grund genug, dich dringend
einzuladen. Es ist ein ganz nettes Weib -- und hat dich sehr lieb. Tu
mir den Gefallen und komm mit. Ich habe so gut wie zugesagt für dich ...«
»Ich werde mitkommen,« antwortete Julie.
Der Ton der Stimme, die Betonung und der Blick der Marquise hatten
etwas so Eindringliches, so Merkwürdiges, daß Victor bei all seiner
Oberflächlichkeit seine Frau erstaunt ansah. Das war alles. Julie hatte
erraten, Madame de Sérizy sei die Frau, die ihr das Herz ihres Mannes
entwendete.
Sie versank in eine Träumerei der Verzweiflung und schien angelegentlich
das Feuer zu betrachten. Victor drehte den Lichtschirm in den Fingern,
mit der gelangweilten Miene eines Mannes, der anderswo glücklich gewesen
ist und die Abspannung nach genossener Wonne mit sich bringt. Als er
mehrmals gegähnt hatte, nahm er eine Kerze in die eine Hand, mit der
andern suchte er nachlässig den Hals seiner Frau und wollte sie umarmen.
Aber Julie bückte sich, bot ihm die Stirn und empfing den Abendkuß,
diesen mechanischen, liebelosen Kuß -- ein Stück Komödie, das ihr jetzt
widerwärtig erschien.
Als Victor die Tür geschlossen hatte, sank die Marquise auf einen
Sessel; die Beine versagten ihr den Dienst, sie zerfloß in Tränen. Man
muß den Jammer eines ähnlichen Auftritts erlitten haben, um allen
Schmerz zu begreifen, den diese Szene in sich schloß, um die langen,
furchtbaren Katastrophen zu erraten, zu denen sie führen kann. Die
simplen, nichtssagenden Worte, das Schweigen zwischen dem Ehepaar, die
Gebärden, die Blicke, die Art, wie der Marquis sich vor das Feuer
setzte, alles das hatte dazu gedient, diese Stunde zu einer tragischen
Lösung des einsamen, schmerzvollen Lebens zu machen, das Julie führte.
In ihrem Wahnsinn warf sie sich vor dem Diwan auf die Knie, vergrub das
Gesicht, um nichts zu sehen, und betete zum Himmel. Den gewohnten Worten
ihrer Andacht verlieh sie einen eigenen Ton, eine neue Bedeutung, die
ihrem Gatten das Herz zerrissen hätten, wenn er es hätte hören können.
Acht Tage lang sann sie über ihr Schicksal nach, ihrem Unglück
preisgegeben. Sie faßte es von allen Seiten ins Auge und suchte nach
Mitteln und Wegen, um nicht ihr eigenes Herz belügen zu müssen, die
Herrschaft über den Marquis wiederzugewinnen und so lange zu leben, bis
das Glück ihrer Tochter gesichert war. Sie beschloß nun, mit ihrer
Nebenbuhlerin zu kämpfen, sich wieder in der Gesellschaft zu zeigen,
dort zu glänzen und, nur um den Gatten für sich zu gewinnen, ihm eine
Liebe vorzuheucheln, die sie doch eben nicht empfinden konnte. Und hatte
sie mit ihren Künsten ihn ihrer Macht unterworfen, so wollte sie kokett
zu ihm sein, wie es die kapriziösen Mätressen sind, die sich ein
Vergnügen daraus machen, ihre Verehrer auf die Folter zu spannen.
Diese häßliche Handlungsweise war das einzige Mittel, das ihr in ihrem
Leid noch zur Verfügung stand. So würde sie vielleicht Herrin ihres
Kummers werden, nach ihrem Gefallen über ihren Schmerz gebieten können,
ihn auf seltenere Anfälle einschränken -- die Unterjochung des Mannes,
der Triumph, ihn zum Sklaven eines furchtbaren Despotismus gemacht zu
haben, würde ihr dazu verhelfen. Sie machte sich kein Gewissen daraus,
ihm ein Leben aufzuzwingen, das ihm manchmal lästig werden müßte. Mit
einem Sprunge stürzte sie sich in die kalten Berechnungen der
Gleichgültigkeit, um ihre Tochter zu retten, sie ersann sich auf der
Stelle alle Hinterlisten, alle Lügen der Geschöpfe, die nicht lieben,
das Trugwerk der Koketterie und die grausame Tücke, um deren willen die
Männer das Weib so gründlich hassen, bei dem sie dann angeborene
Verderbnis vermuten.
Unbewußt machten ihre weibliche Eitelkeit, ihr Vorteil und ein geheimer
Wunsch nach Rache gemeinsame Sache mit ihrer Mutterliebe, um sie auf
eine Bahn zu locken, wo nur neue Schmerzen ihrer harrten. Sie hatte eine
zu schöne Seele, einen zu harten Geist, und vor allem zu viel Offenheit,
um sich lange eines solchen Betrugs schuldig zu machen. Sie war gewohnt,
beim ersten Schritt in das Laster -- denn dies war Laster -- in ihrer
Seele zu lesen, und so mußte der Schrei ihres Gewissens die Stimme der
Leidenschaft und des Egoismus übertönen.
In der Tat, bei einer jungen Frau, deren Herz noch rein ist, und bei der
die Liebe jungfräulich geblieben, ist selbst das Gefühl der Mutterschaft
der Stimme der Scham unterworfen. Ist nicht die Scham das ganze Weib?
Aber Julie wollte noch keine Gefahr, noch keinen Fehler in dem neuen
Leben erblicken.
Sie ging zu Madame de Sérizy. Ihre Nebenbuhlerin erwartete, eine
bleiche, schmachtende Frau zu sehen; die Marquise hatte Rot aufgelegt
und zeigte sich in allem Glanze eines Schmuckes, der ihre Schönheit in
das vorteilhafteste Licht setzte.
Gräfin de Sérizy zählte zu jenen Frauen, die sich in Paris eine gewisse
Herrschaft über Mode und Gesellschaft anmaßen. Ihr Urteilsspruch hatte
in dem Kreise, wo sie regierte, nach ihrer eigenen Meinung allgemeine
Geltung; sie hatte die Kühnheit, Worte zu prägen; sie war unumschränkte
Richterin. Literatur, Politik, Männer und Frauen, alles unterlag ihrer
Kritik; und das Urteil anderer schien Frau Sérizy nicht zu beachten. Ihr
Haus war in allen Punkten ein Muster guten Geschmacks.
In diesen von eleganten, schönen Frauen überfüllten Salons triumphierte
nun Julie über die Komtesse. Geistreich, lebhaft, mutwillig, hatte sie
die hervorragendsten Männer des Abends um sich versammelt. Zum größten
Verdruß der Frauen war dabei ihre Toilette ganz untadelhaft, und alle
beneideten sie um einen Rockschnitt, um eine Taillenform, deren Wirkung
man allgemein dem Genie einer unbekannten Schneiderin zuschrieb, denn
die Frauen glauben immer lieber an die Kunst und Wissenschaft einer
Schneiderin als an die Anmut und Vollkommenheit derer, die so gebaut
sind, daß sie das Werk dieser Schneiderin nun auch gut tragen können.
Als Julie sich erhob, um am Piano die Romanze der Desdemona zu singen,
liefen die Männer aus allen Salons herbei, um diese berühmte Stimme zu
hören, die so lange nicht erklungen, und ein tiefes Schweigen trat ein.
Die Marquise fühlte sich heftig beklommen, als sie die Köpfe an den
Türen sich drängen und alle Blicke auf sich geheftet sah. Sie suchte mit
den Augen ihren Mann, warf ihm einen koketten Blick zu und sah mit
Vergnügen, daß er sich in diesem Moment in seiner Eigenliebe sehr
geschmeichelt fühlte.
Glücklich über diesen Triumph, entzückte sie in dem ersten Teile des
»+Al piu salice+« die ganze Versammlung. Noch nie hatte die Malibran
oder die Pasta einen Gesang hören lassen von solcher Vollendung des
Gefühls und der Betonung. Aber als sie fortfahren wollte, sah sie sich
unter den Gruppen um und erblickte Arthur, dessen unverwandter Blick sie
nicht verließ. Da zitterte sie heftig, und ihre Stimme schlug um. Madame
de Sérizy eilte von ihrem Platz auf die Marquise zu.
»Was haben Sie, meine Teure? O, arme Kleine, sie ist leidend! Ich hatte
gleich meine Befürchtungen, als sie sich daran wagte -- es mußte ja
ihre Kräfte übersteigen.«
Die Romanze wurde unterbrochen. Julie hatte in ihrem Verdruß nicht den
Mut fortzufahren und ließ das falsche Mitleid ihrer Nebenbuhlerin über
sich ergehen. Alle Frauen flüsterten untereinander, und indem sie über
diesen Vorfall sprachen, errieten sie den zwischen der Marquise und Frau
de Sérizy entbrannten Kampf und verschonten auch die letztere nicht mit
ihrer Schmähsucht.
Die seltsamen Ahnungen, die so oft Juliens Herz erschüttert hatten,
waren mit einem Schlag zur Wahrheit geworden. Wenn sie an Arthur dachte,
hatte es ihr gefallen, sich vorzustellen, daß ein Mann von so sanftem
Äußern seiner ersten Liebe treu geblieben sein müßte. Manchmal hatte sie
sich geschmeichelt, der Gegenstand dieser schönen Leidenschaft zu sein,
der reinen und wahren Leidenschaft eines jungen Mannes, dessen ganzes
Denken und Dichten seiner Geliebten gehörte, der keine Winkelzüge kennt,
der über Dinge errötet, über die sonst nur eine Frau errötet, der wie
eine Frau denkt, ihr keine Nebenbuhlerin gibt und sich ihr überläßt,
ohne nach Ehrgeiz, Ruhm oder Vermögen zu fragen.
Alles dies hatte sie aus Torheit, aus Zeitvertreib von Arthur gedacht.
Nun glaubte sie plötzlich ihren Traum verwirklicht zu sehen; sie las auf
dem fast weiblichen Gesicht des jungen Arthur die tiefen Gedanken, die
sanfte Melancholie, die schmerzliche Ergebung, denen sie preisgegeben
war. Sie erkannte sich in ihm wieder. Unglück und Schwermut sind die
beredtesten Vermittler der Liebe und bringen zwei leidende Wesen mit
unglaublicher Schnelligkeit in Einklang. Der innere Blick und die Art,
Dinge oder Ideen in sich aufzunehmen, sind bei ihnen vollständig und
zutreffend. Die Heftigkeit der Überraschung, die die Marquise erlitt,
enthüllte ihr daher auch alle Gefahren der Zukunft. Sie war glücklich,
in ihrem gewohnten leidenden Zustand einen Vorwand für ihre Verwirrung
zu finden und ließ sich gern von dem spitzfindigen Mitleid der Frau de
Sérizy überschütten.
Die Unterbrechung der Romanze war ein Ereignis, über das sich mehrere
Personen auf verschiedene Weise unterhielten. Die einen beklagten
Juliens Geschick und bedauerten es, daß eine so hervorragende Frau für
die Gesellschaft verloren sei; die andern wollten den Grund ihres
Leidens und der Einsamkeit, in der sie lebte, genau kennen.
»Nun wohl, mein teurer Ronquerolles,« sagte der Marquis zu dem Bruder
der Frau de Sérizy, »du beneidest mich um mein Glück beim Anblick der
Frau d'Aiglemont, und du machst mir den Vorwurf, ich sei ihr untreu? Ei,
du würdest mein Schicksal sehr wenig beneidenswert finden, wenn du wie
ich ein oder zwei Jahre lang neben einer hübschen Frau leben müßtest,
ohne daß du es wagen dürftest, ihr die Hand zu küssen, aus Furcht, du
könntest sie zerbrechen. Gib dich nie mit diesen zarten Kleinodien ab --
sie sind nur gut dazu, unter Glas gestellt zu werden -- sie sind so
zerbrechlich und so wertvoll, daß wir uns immer in acht nehmen müssen.
Führst du denn dein schönes Pferd oft aus? Man hat mir gesagt, du hast
Angst, es könnte von Platzregen oder Schneefall überrascht werden. Nun,
das ist dieselbe Geschichte wie bei mir. Es ist wahr, ich kann auf die
Tugend meiner Frau einen Eid leisten; aber meine Ehe ist ein
Luxusartikel und wenn du glaubst, ich sei verheiratet, so irrst du dich.
Daher ist auch meine Untreue in gewissem Maße berechtigt. Ich möchte
gerne wissen, wie ihr euch an meiner Stelle verhieltet, ihr Herren
Lacher. Viele Männer würden weit weniger Federlesens mit ihrer Frau
machen als ich. Ich bin überzeugt,« setzte er mit leiser Stimme hinzu,
»Frau d'Aiglemont ahnt nichts; und ich wäre gewiß auch sehr im Unrecht,
wenn ich mich beklagen wollte, ich bin sehr glücklich. Nur ist nichts
für einen gefühlvollen Mann lästiger, als ein armes Wesen leiden zu
sehen, an das man gebunden ist --«
»Du bist also sehr gefühlvoll?« antwortete Herr de Ronquerolles. »Na ja,
du bist ja auch selten zu Hause.«
Dieses freundschaftliche Epigramm erweckte Lachen unter den Zuhörern.
Aber Arthur blieb kalt und ruhig -- er war einer von den wenigen
Kavalieren, die den Ernst zur Grundlage ihres Charakters machen. Die
sonderbaren Worte dieses Ehemannes riefen ohne Zweifel gewisse
Hoffnungen in dem jungen Engländer wach. Er trachtete mit Ungeduld nach
einem Augenblick, wo er mit Herrn d'Aiglemont allein sein könnte, und
die Gelegenheit dazu bot sich bald.
»Mein Herr,« sagte er zu ihm, »ich sehe mit unendlichem Schmerz, in
welchem Zustand sich die Frau Marquise befindet, und wenn Sie erfahren,
daß sie eines elenden Todes sterben muß, wenn nicht eine besondere Kur
angewendet wird, so denke ich, Sie werden mit dem Leiden ihrer Frau
keinen Scherz treiben. Wenn ich so zu Ihnen spreche, so bin ich dazu in
gewissem Sinne berechtigt, denn ich habe die Gewißheit, Frau d'Aiglemont
retten und dem Leben und dem Glück zurückgeben zu können. Es ist wenig
natürlich, daß ein Mann meines Ranges Arzt sei, allein der Zufall hat es
so gefügt, daß ich Medizin studiert habe. Ich leide so sehr an der
Langeweile,« fuhr er fort und er heuchelte einen kalten Egoismus, der
seinen Zwecken dienen sollte, »und es ist mir daher eine angenehme
Zerstreuung, meine Zeit und meine Reisen dem Wohle eines leidenden
Wesens zu widmen. Das tu ich lieber, als blödem Zeitvertreib
nachzujagen. Krankheiten dieser Art finden selten Heilung, weil sie
zuviel Sorgfalt, zuviel Geduld und Muße erfordern; vor allem gehört dazu
Geld, man muß reisen können und aufs peinlichste die Vorschriften
befolgen, die jeden Tag anders lauten und doch nichts Unangenehmes
haben. Wir sind zwei Kavaliere,« fuhr er fort, und gab diesem Worte die
Bedeutung des englischen Ausdrucks »Gentlemen«, »und können uns
verständigen. Ich erkläre Ihnen, daß Sie jeden Augenblick Richter meines
Verhaltens sein sollen, sobald Sie meinen Vorschlag annehmen. Ich werde
nichts unternehmen, ohne Sie zu Rate gezogen zu haben. Sie sollen alles
überwachen, und ich bürge für den Erfolg, wenn Sie willens sind, sich
nach meinen Angaben zu richten, das heißt vor allem,« flüsterte er ihm
ins Ohr, »lange Zeit nicht der Gatte der Frau d'Aiglemont zu sein.«
»Das steht fest, Mylord,« sagte der Marquis lachend, »nur ein Engländer
kann mir einen so bizarren Vorschlag machen. Gestatten Sie mir, ihn
weder zurückzuweisen noch anzunehmen. Ich werde es mir überlegen. Vor
allem muß er meiner Frau unterbreitet werden.«
In diesem Augenblick war Julie wieder am Piano erschienen. Sie sang das
Lied der Semiramis: »+Son regina, son guerriera.+« Einmütiger Beifall --
aber gedämpft, wie er eben im Viertel der vornehmen Welt gezollt wird --
bekundete die Begeisterung, die sie entzündet hatte.
Als d'Aiglemont seine Frau nach Hause führte, erkannte sie, halb mit
Unruhe, halb mit Freude den raschen Erfolg ihrer Versuche. Ihr Gatte,
aufgerüttelt durch die Rolle, die sie gespielt hatte, machte ihr ein
paar Komplimente, schlug dabei aber den Ton an, den er einer
Schauspielerin gegenüber angewendet haben würde. Julie fand es spaßhaft,
als tugendhafte, verheiratete Frau so behandelt zu werden; sie wollte
mit ihrer Macht nur spielen, und ihre Herzensgüte ließ sie daher in
diesem ersten Kampfe noch einmal unterliegen -- allein es war die
furchtbarste aller Lehren, die das Schicksal ihr erteilte.
Gegen zwei oder drei Uhr morgens saß Julie in düsterer, träumerischer
Stimmung, aufrecht im ehelichen Bett; eine Lampe verbreitete ein
ungewisses Licht in dem Zimmer, die tiefste Stille herrschte; und seit
etwa einer Stunde vergoß die Marquise, der peinigendsten Reue
preisgegeben, Tränen, deren Bitterkeit niemand nachfühlen kann als eine
Frau vielleicht, die sich in der gleichen Lage befunden hat. Es gehört
die Seele Juliens dazu, um wie sie das Entsetzen einer berechneten
Liebkosung zu fühlen, um im selben Maße wie sie von einem kalten Kuß
verletzt zu sein. Nach einer solchen schmerzlichen Erniedrigung war ihr
Herz zu endgültiger Abtrünnigkeit gelangt -- das letzte Fädchen ihrer
Ehe war gerissen. Sie verachtete sich selbst, sie verwünschte die
Heirat, sie wäre am liebsten tot gewesen, und wenn ihre Tochter nicht
geschrien hätte, würde sie sich vielleicht zum Fenster hinaus aufs
Straßenpflaster geworfen haben.
Herr d'Aiglemont schlief friedlich an ihrer Seite -- die heißen Tränen,
die seine Frau auf ihn fallen ließ, weckten ihn nicht auf.
Am andern Tage gelang es Julien wieder, sich fröhlich zu stellen. Sie
fand die Kraft, glücklich zu erscheinen und, wenn auch nicht ihre
Melancholie, so doch einen unüberwindlichen Abscheu zu verbergen. Von
diesem Tage an betrachtete sie sich nicht mehr als untadelhafte Frau.
Hatte sie sich nicht selbst belogen? War sie von nun an nicht der
Heuchelei fähig, und konnte sie nicht später in den ehebrecherischen
Handlungen einen erstaunlichen Scharfsinn entfalten? Ihre Ehe war die
Ursache dieser Perversität a priori, die vorderhand noch unausgeübt
blieb. Indessen hatte sie sich schon die Frage vorgelegt, warum sie sich
einem Manne, der sie liebte und den sie liebte, versagen solle, da sie
sich doch gegen ihr Herz und gegen die Stimme der Natur einem Ehemanne
hingegeben hatte, den sie nicht mehr liebte.
Alle Fehltritte und vielleicht auch alle Verbrechen haben zur Grundlage
einen schlechten Gedankengang oder ein Übermaß an Egoismus. Wenn die
Gesellschaft bestehen soll, so muß jeder einzelne die individuellen
Opfer bringen, die die Gesetze erfordern, das heißt, den Trieb seiner
Natur dem Gesetz gemäß eindämmen. Wenn man die Vorteile der Gesellschaft
mitgenießt, hat man auch die Verpflichtung, die Bedingungen
innezuhalten, die die Grundfesten der Gesellschaft bilden. Die
Unglücklichen, die kein Brot haben und doch das Eigentum achten müssen,
sind nicht minder zu beklagen, als die Frauen, die in ihrem Sehnen und
in der Zartheit ihrer Natur verletzt sind.
Einige Tage nach dieser Szene, deren Geheimnis in dem ehelichen Bett
begraben blieb, stellte d'Aiglemont seiner Frau Lord Grenville vor.
Julie empfing Arthur mit kalter Höflichkeit, die ihrer Verstellungskunst
Ehre machte. Sie legte ihrem Herzen Schweigen auf, hängte einen Schleier
vor ihren Blick, gab ihrer Stimme Festigkeit und vermochte so noch
Herrin ihrer Zukunft zu bleiben. Nachdem sie durch diese Mittel, die den
Frauen sozusagen angeboren sind, die ganze Tiefe der Liebe erkannt
hatte, die sie eingeflößt, lächelte Frau d'Aiglemont zu der Hoffnung auf
baldige Genesung, und widersetzte sich nicht mehr dem Willen ihres
Mannes, der sie mit Gewalt dazu zu bewegen suchte, sich bei dem jungen
Doktor in die Kur zu geben. Dennoch wollte sie sich Lord Grenville nicht
eher anvertrauen, als bis sie seine Worte und Manieren genau erforscht
hatte und überzeugt sein konnte, daß er den Edelmut besitzen würde,
schweigend zu leiden. Sie hatte die absoluteste Macht über ihn und
mißbrauchte sie bereits -- doch war sie nicht Weib? -- -- -- --
Montcontour war eine alte Burg und lag auf einem der gelblichen Felsen,
an deren Fuß die Loire vorbeifließt -- unweit jener Stelle, wo im Jahre
1814 Julie einmal Halt gemacht hatte. Es ist eins der kleinen Schlösser
der Touraine, weiß, zierlich, mit Schnitzwerk an den Türmchen und
verschnörkelt wie flandrische Spitzen -- eins der prunkvollen
Miniaturschlösser, die sich mit ihren Maulbeeranlagen, ihren Weinbergen,
ihren Felsengängen, ihren langen, durchbrochenen Balustraden, ihren
Höhlen im Gestein, ihren Mänteln von Efeu und ihren steilen Hängen im
Flusse spiegeln. Die Dächer von Montcontour flimmern im Sonnenlicht --
alles glänzt dort. Tausend Anklänge an Spanien erfüllen diese
entzückende Behausung mit Poesie; Goldginster und Glockenblumen teilen
ihren Wohlgeruch dem Winde mit; die Luft weht liebkosend, die Erde
lächelt überall, und überall umhüllt süßer Zauber die Seele, stimmt sie
träge, verliebt, weich und wiegt sie in Schlummer. Diese schöne, milde
Gegend unterdrückt allen Schmerz und erweckt alle Leidenschaft. Unter
diesem reinen Himmel, angesichts dieser schimmernden Gewässer bleibt
niemand kalt. Hier erstirbt aller Ehrgeiz, man sinkt einem stillen Glück
in den Schoß, wie allabendlich die Sonne in ihrem eigenen Bett von
Purpur und Azur versinkt.
An einem milden Abend des Monats August im Jahre 1821 schritten zwei
Personen auf den steinigen Wegen dahin, die die Felsen durchschneiden,
auf denen das Schloß liegt, und stiegen zu den Höhen hinauf, um ohne
Zweifel die vielfältigen Aussichtspunkte zu bewundern, die man dort
entdeckt.
Diese beiden Menschen waren Julie und Lord Grenville; aber Julie schien
eine ganz neue Frau zu sein. Die Marquise hatte die frische Farbe der
Gesundheit. Ihre von üppiger Kraft belebten Augen schimmerten durch
einen feuchten Schleier, ähnlich jenem zarten Naß, das den Augen von
Kindern unwiderstehlichen Reiz gibt. Sie lächelte zwanglos, sie war
glücklich zu leben und verstand nun, was Leben heißt. An der Art, wie
sie ihre kleinen Füße hob, war leicht zu sehen, daß kein Leiden mehr wie
ehemals ihre geringsten Bewegungen schwerfällig, ihre Blicke, ihre Worte
und ihre Gebärden müde und leblos machte.
Unter dem Schirm von weißer Seide, der sie vor den heißen Strahlen der
Sonne schützte, glich sie einer Jungverheirateten im Brautschleier,
einer Jungfrau, die bereit war, sich dem Zauber der Liebe zu überlassen.
Arthur führte sie mit der Sorgfalt eines Liebenden, geleitete sie, wie
ein Wärter ein Kind leitet, wies ihr den besten Weg, räumte die Steine
vor ihren Tritten fort, zeigte ihr eine Stelle, wo eine Aussicht sich
öffnete, oder führte sie vor eine Blume -- immer bewogen von einer
unermüdlichen Güte, einer zärtlichen Absicht, einer tiefen Kenntnis
alles dessen, was dieser Frau wohltat: Gefühle, die ihm angeboren zu
sein schienen, ebenso und noch in höherem Maße vielleicht als die zu
seinem Dasein an sich notwendigen Triebe.
Die Kranke und ihr Arzt gingen im gleichen Schritt und wunderten sich
nicht über ein Ebenmaß des Ganges, das vom ersten Tage an, wo sie
nebeneinander hergegangen waren, zu bestehen schien. Sie gehorchten ein
und demselben Willen, blieben unter dem Eindruck ein und desselben
Gefühls stehen; ihre Blicke, ihre Worte entsprachen wechselseitigen
Gedanken.
Als sie beide auf der Höhe eines Weinbergs angelangt waren, wollten sie
sich auf einen der langen Steinblöcke setzen, die aus den in den Felsen
gehauenen Kellern herausgenommen werden; aber Julie betrachtete die
Gegend, ehe sie sich setzte.
»Die schöne Landschaft!« rief sie. »Hier laßt uns Hütten bauen. Ja, wir
wollen ein Zelt aufschlagen und hier leben. Victor,« rief sie, »so
kommen Sie doch schnell!«
Herr d'Aiglemont antwortete von unten mit einem Jägerruf, doch ohne
seine Schritte zu beschleunigen. Er betrachtete nur von Zeit zu Zeit
seine Frau, wenn die Windungen des Weges es ihm erlaubten. Julie atmete
mit Wonne die Luft ein, hob den Kopf und warf aus Arthur einen der
feinen Blicke, in denen eine Frau von Geist all ihr Denken offenbart.
»O,« fuhr sie fort, »hier möchte ich immer bleiben! Kann man jemals müde
werden, dieses schöne Tal zu bewundern? Kennen Sie den Namen dieses
reizenden Flusses, Mylord?«
»Es ist die Cise.«
»Die Cise,« wiederholte sie. »Und dort unten vor uns -- was ist das?«
»Das sind die Weinberge von Cher,« sagte er.
»Und rechts? Ach ja, das ist Tours. Aber sehen Sie nur, wie herrlich
sich in der Ferne die Türme dieser Kathedrale ausnehmen!«
Sie verstummte und ließ auf Arthurs Arm die Hand sinken, die sie nach
der Stadt ausgestreckt hatte und beide bewunderten schweigend die
Landschaft und die Schönheiten dieser harmonischen Natur. Das Murmeln
des Wassers, die Reinheit der Luft und des Himmels -- alles stimmte zu
den Gedanken, die in Menge auf ihre liebenden, jungen Herzen eindrangen.
»O, mein Gott, wie liebe ich dieses Land!« rief Julie in wachsender,
naiver Begeisterung. »Sie haben lange hier gewohnt?« setzte sie nach
einer Pause hinzu.
Bei diesen Worten erbebte Lord Grenville.
»Hier war's,« antwortete er schwermütig und deutete auf ein Wäldchen
von Nußbäumen an der Straße, »wo ich, als Gefangener, Sie zum erstenmal
sah.«
»Ja, aber da war ich schon recht traurig, und diese Gegend erschien mir
wild, doch jetzt --«
Sie hielt inne -- Lord Grenville wagte nicht, sie anzusehen.
»Ihnen,« sagte Julie endlich nach langem Schweigen, »verdanke ich diese
Wonne. Lebendig muß man sein, wenn man die Freuden des Lebens empfinden
will -- ich aber war bisher für alles tot. Sie haben mir mehr gegeben
als bloß die Gesundheit -- Sie haben mich gelehrt, den Wert alles dessen
zu erkennen --«
Die Frauen haben ein unnachahmbares Talent, ihre Gefühle ohne allzu
große Worte auszudrücken; ihre Beredsamkeit liegt vor allem in der
Betonung, in der Gebärde, in Haltung und Blick. Lord Grenville verbarg
den Kopf in den Händen, denn Tränen rollten ihm aus den Augen. Dieser
Dank war der erste, den Julie ihm seit ihrer Abreise von Paris zollte.
Während eines vollen Jahres hatte er die Marquise mit der größten
Aufopferung gepflegt. Unterstützt von d'Aiglemont, hatte er sie zu den
Gewässern von Aix, dann ans Gestade des Meeres, dann nach Rochelle
geführt.
In jedem Augenblick beobachtete er die Veränderungen, die seine klugen
und ganz einfachen Vorschriften an der zerrütteten Natur Juliens
hervorriefen, er hatte sie betreut, wie etwa ein leidenschaftlicher
Gärtner eine seltene Blume. Die Marquise schien die verständige Pflege
Arthurs mit aller Selbstsucht einer Pariserin hinzunehmen, die an
Huldigungen gewöhnt ist, oder mit der Gleichgültigkeit einer Kurtisane,
die nicht weiß, was die Sachen kosten oder was die Männer wert sind, und
sie nach dem Grade des Nutzens einschätzt, den sie davon hat.
Der Einfluß der Örtlichkeit auf das Gemüt ist ein Punkt, der der
Erwähnung wert ist. Wenn uns am Strande des Wassers unfehlbar die
Schwermut befällt, so bewirkt ein anderes Gesetz unserer
eindrucksfähigen Natur, daß auf den Bergen unsere Gefühle sich läutern.
Die Leidenschaft gewinnt an Tiefe, was sie an Lebhaftigkeit zu verlieren
scheint.
Der Anblick des weiten Loirebeckens, die Höhe des hübschen Hügels, wo
die beiden Liebenden Platz genommen hatten, erweckten vielleicht die
liebliche Ruhe, in der sie zuerst das Glück kosteten, hinter anscheinend
belanglosen Worten die Größe einer verborgenen Leidenschaft zu erkennen.
In dem Augenblick, wo Julie den Satz beendete, der Lord Grenville so
tief gerührt hatte, bewegte ein liebkosender Wind die Wipfel der Bäume
und breitete die Frische des Wassers in der Luft aus. Einige Wolken
bedeckten die Sonne, und weiche Schatten ließen alle Schönheiten dieser
herrlichen Natur ungeblendet überschauen.
Julie wandte den Kopf ab, um dem jungen Lord ihre eigenen Tränen zu
verbergen, denn Arthurs Rührung wirkte sogleich ansteckend auf sie. Aber
es gelang ihr, die Tränen zurückzuhalten und zu trocknen. Sie wagte
nicht, die Augen zu ihm zu erheben, denn sie fürchtete, er könne dann in
diesem Blicke eine zu große Freude lesen.
In ihrem weiblichen Instinkt fühlte sie, daß sie in dieser gefährlichen
Stunde ihre Liebe auf dem Grunde des Herzens begraben mußte. Allein das
Schweigen konnte im gleichen Maße bedrohlich werden. Als sie erkannte,
daß Lord Grenville nicht imstande sei, ein Wort zu sprechen, sagte Julie
in sanftem Tone:
»Sie sind ergriffen von dem, was ich gesagt habe, Mylord. Vielleicht ist
diese tiefe Rührung der einzige Weg, auf dem eine holde, gute Seele wie
die Ihre zu einem falschen Urteil gelangen kann. Sie werden mich für
undankbar gehalten haben, weil Sie mich auf dieser Reise, die zum Glück
nun bald zu Ende ist, kalt und zurückhaltend oder spöttisch und
gefühllos fanden. Ich würde Ihrer Pflege nicht wert gewesen sein, wenn
ich sie nicht zu schätzen gewußt hätte. Mylord, ich habe nichts
vergessen. Ach, und ich werde nichts vergessen, weder die Achtsamkeit,
mit der Sie über mich gewacht haben, wie eine Mutter ihr Kind bewacht,
noch vor allem das edle Zutrauen unserer geschwisterlichen Gespräche,
die Zartheit Ihrer Behandlung. Ach, das sind Reize, gegen die wir alle
ohne Waffen sind. Mylord, es liegt nicht in meiner Macht, Sie zu
belohnen ...«
Bei diesen Worten entfernte sich Julie rasch, und Lord Grenville rührte
keinen Finger, sie zurückzuhalten; die Marquise ging zu einem Felsen,
der ein kleines Stück abseits lag, und blieb dort unbeweglich stehen.
Den beiden Menschen war ihre eigene Erregtheit ein Geheimnis -- ohne
Zweifel weinten sie im stillen. Der Gesang der Vögel, so lustig, so voll
zarten Ausdrucks angesichts der sinkenden Sonne, mußte die heftige
Bewegung noch steigern, die sie gezwungen hatte, auseinander zu eilen.
Die Natur selbst nahm es auf sich, einer Liebe Ausdruck zu geben, von
der sie nicht zu sprechen wagten.
»Nun wohl, Mylord,« fuhr Julie fort und trat in einer Haltung voll Würde
wieder vor ihn hin, seine Hand ergreifend, »ich bitte Sie darum, halten
Sie das Leben rein und heilig, das Sie mir zurückgegeben haben. Wir
werden uns hier trennen. Ich weiß,« setzte sie hinzu, als sie Lord
Grenville erblassen sah, »zum Lohne für Ihre Aufopferung fordere ich da
von Ihnen ein noch größeres Opfer, als alle die, deren Größe von mir
besser anerkannt werden sollte -- aber es muß sein. Sie dürfen nicht in
Frankreich bleiben. Aber wenn ich Ihnen das gebiete, heißt das nicht
auch schon, Ihnen Rechte gewähren -- und die müssen geheiligt bleiben,«
setzte sie hinzu, die Hand des jungen Mannes auf ihr klopfendes Herz
legend.
»Ja,« sagte Arthur und stand auf.
In diesem Augenblick wies er auf d'Aiglemont, der sein Kind im Arm hielt
und von der andern Seite auf der Balustrade des Schlosses erschien. Er
war durch einen Hohlweg geklettert, um hier seine Helene herabspringen
zu lassen.
»Julie, ich werde von meiner Liebe kein Wort zu Ihnen sprechen -- unsere
Seelen verstehen sich zu gut. So tief, so geheim meine Herzensfreuden
auch waren, Sie haben sie geteilt, alle. Ich fühle es, ich weiß es, ich
sehe es. Jetzt erhalte ich den köstlichen Beweis für den beständigen
Einklang unserer Herzen -- aber ich werde fliehen. Ich habe schon
mehrmals mit zuviel Besonnenheit ausgeklügelt, wie man diesen Menschen
umbringen könnte, um auf die Dauer der Versuchung zu widerstehen --
deshalb darf ich nicht in Ihrer Nähe bleiben.«
»Ich habe denselben Gedanken gehabt,« sagte sie und ließ auf ihrem
erregten Gesicht die Spuren einer schmerzlichen Bestürzung erscheinen.
Aber es lag so viel Tugend, so viel Sicherheit in sich selbst, so viel
von heimlichem Siegen über die Liebe in den Worten und der Gebärde, die
Julie entschlüpft waren, daß Lord Grenville von tiefer Bewunderung
durchdrungen war. Selbst das Verbrechen hatte in diesem naiven Gewissen
keinen Schatten zurückgelassen. Das religiöse Empfinden, das auf dieser
schönen Stirn thronte, mußte stets die schlechten Gedanken dieser Art
verscheuchen, die unsere unvollkommene Natur wider unsern Willen erzeugt
und die uns zu gleicher Zeit die Größe und die Gefahren unsers
Schicksals offenbaren.
»Ich hätte mich dann Ihrer Verachtung ausgesetzt, und doch würde es
meine Rettung gewesen sein,« fuhr sie fort, die Augen niederschlagend.
»Ihre Achtung verlieren, hieße das nicht sterben?«
Dieses heldenmütige Liebespaar stand einen Augenblick schweigend da,
bemüht, den Schmerz zurückzudrängen. Ob gut, ob schlecht, ihre Gedanken
waren getreulich die gleichen, und sie verstanden sich in ihrer
innerlichen Wonne ebensogut, wie in ihren verborgensten Schmerzen.
»Ich darf nicht murren, das Unglück meines Daseins ist mein eigenes
Werk,« setzte sie hinzu, die tränenvollen Augen zum Himmel aufschlagend.
»Mylord,« rief der General von seinem Platz aus, mit einer Handbewegung,
»an dieser Stelle sind wir uns ja zum erstenmal begegnet. Sie erinnern
sich vielleicht nicht? Sehen Sie nur -- dort unten -- bei den Pappeln!«
Der Engländer antwortete mit einem kurzen Kopfnicken.
»Ich sollte jung und unglücklich sterben,« fuhr Julie fort. »Ja, glauben
Sie nicht, daß ich am Leben bleibe. Der Kummer wird ebenso tödlich sein,
wie die schreckliche Krankheit es hätte werden können, von der Sie mich
geheilt haben. Ich halte mich nicht für sündig. Nein, die Gefühle, die
ich für Sie gehegt habe, sind unwiderstehlich, ewig -- aber sie regen
sich gegen meinen Willen, und ich will tugendhaft bleiben. Ich werde zu
gleicher Zeit meinem Gewissen als Gattin, meinen Pflichten als Mutter
und der Stimme meines Herzens treu bleiben. Hören Sie mich an,« setzte
sie mit veränderter Stimme hinzu, »diesem Manne dort werde ich nie mehr
angehören.«
Und mit einer Gebärde, die in ihrem Abscheu und ihrer Aufrichtigkeit
erschreckend war, wies Julie auf ihren Mann.
»Die Gesetze der Welt,« fuhr sie fort, »verlangen von mir, daß ich ihm
das Leben glücklich mache -- ich werde dem gehorchen. Ich werde seine
Dienerin sein; meine Ergebenheit gegen ihn wird ohne Grenzen sein, aber
von heute ab bin ich Witwe. Ich will weder vor mir selbst noch vor der
Welt eine Prostituierte sein. Wenn ich Herrn d'Aiglemont nicht mehr
gehöre, so auch niemals einem andern. Sie werden von mir nichts weiter
besitzen, als was Sie mir entrissen haben. Dies ist das Urteil, das ich
über mich selbst ausgesprochen habe,« sagte sie, Arthur mit Stolz
anblickend. »Es ist unwiderruflich, Mylord. Erfahren Sie noch, wenn Sie
einem verbrecherischen Gedanken nachgäben, so würde die Witwe des Herrn
d'Aiglemont in ein Kloster gehen, in Italien oder in Spanien. Das
Unglück hat gewollt, wir sollten von unserer Liebe sprechen. Diese
Geständnisse waren vielleicht unvermeidlich; aber es soll das letztemal
sein, daß unsere Herzen so heftig erschüttert wurden. Morgen werden Sie
vorgeben, einen Brief erhalten zu haben, der Sie nach England ruft, und
wir werden scheiden, um einander nie wiederzusehen.«
Erschöpft von dieser Anstrengung, fühlte Julie, daß ihre Knie brachen --
eine tödliche Kälte ergriff sie. Doch sie hatte den echt weiblichen
Einfall, sich rasch hinzusetzen, um nicht in Arthurs Arme zu fallen.
»Julie!« rief Lord Grenville.
Dieser durchdringende Schrei hallte wider wie ein Donnerschlag. Dieser
herzzerreißende Aufschrei drückte alles aus, was der bisher stumme
Liebende nicht hatte sagen können.
»Nun, was hat sie denn?« fragte der General.
Als der Marquis den Schrei hörte, war er schnell herzugeschritten und
stand jetzt plötzlich vor dem Liebespaar.
»Es wird nichts weiter sein,« sagte Julie mit der bewundernswerten
Kaltblütigkeit, die die Frauen dank ihrer natürlichen Schlauheit bei den
großen Krisen des Lebens oft an den Tag legen. »Die Kühle unter diesem
Nußbaum hat mir fast eine Ohnmacht verursacht, und mein Doktor ist wohl
heftig darüber erschrocken. Bin ich für ihn nicht sozusagen ein
Kunstwerk, das noch nicht ganz fertig ist? Er hat vielleicht Angst
gehabt, es zerstört zu sehen.«
Sie nahm keck Lord Grenvilles Arm, lächelte ihrem Manne zu, blickte noch
einmal über die Landschaft hin, ehe sie den Gipfel der Felsen verließ
und zog ihren Reisegefährten an der Hand mit sich fort.
»Dies ist sicherlich die schönste Gegend, die wir gesehen haben,« sagte
sie. »Ich werde sie nie vergessen. Sehen Sie nur, Victor, welche Fernen,
welche weite Flächen und welche Mannigfaltigkeit! Angesichts dieses
Landes begreife ich, was Liebe heißt!«
Sie stieß ein fast krampfhaftes Lachen aus, mit dem es ihr gelang, den
Gatten zu täuschen, sprang lustig in den Hohlweg und verschwand.
»Ah bah, wenn schon!« sagte sie, als sie weit von Herrn d'Aiglemont
entfernt war. »Ah bah! Mein Freund, in einem Augenblick werden wir nicht
mehr sein können -- werden wir niemals wieder wir selbst sein können --
kurz, werden wir nicht mehr leben können.«
»Lassen Sie uns langsam gehn,« antwortete Lord Grenville, »die Wagen
sind noch fern. Wir werden zusammen gehen, und wenn es uns erlaubt ist,
Worte in unsere Blicke zu legen, so werden unsere Herzen noch einen
Augenblick länger leben.«
Sie schritten in den letzten Sonnenstrahlen auf dem Damme am Rande des
Wassers dahin, fast in völligem Schweigen, undeutliche Worte sprechend,
die sanft und leise waren, wie das Murmeln der Loire, und doch die Seele
erschütterten. Die Sonne umhüllte sie im Augenblick ihres Niedergangs
mit rotem Schein -- dann verschwand sie wie ein melancholisches Abbild
ihrer unglücklichen Liebe. Der General war unruhig, als er seinen Wagen
nicht an der Stelle fand, wo er Halt gemacht hatte, und lief bald vor
dem Liebespaar her, bald folgte er hinterdrein. An der Unterhaltung
beteiligte er sich nicht.
Das edle, taktvolle Verhalten, das Lord Grenville während der ganzen
Reise bewahrte, hatte den Verdacht des Marquis zerstört, und seit
einiger Zeit ließ er seiner Frau völlige Freiheit, im Vertrauen auf die
punische Treue des Lorddoktors.
Arthur und Julie schritten noch immer in der traurigen, schmerzlichen
Harmonie ihrer gebrochenen Herzen dahin. Als sie vorhin die Abhänge von
Montcontour hinangestiegen waren, hatten alle beide eine unklare
Hoffnung, ein unruhiges Glück gefühlt, von dem sie sich nicht
Rechenschaft zu geben wagten; aber als sie nun den Damm entlang zu Tal
stiegen, hatten sie das gebrechliche Gebäude umgestürzt, das sie in
ihrer Phantasie aufgebaut und vor dem sie kaum zu atmen gewagt hatten,
wie Kinder, die den Einsturz ihrer Kartenhäuser voraussehen. Sie waren
jetzt ohne Hoffnung.
Noch an demselben Abend nahm Lord Grenville Abschied. Der letzte Blick,
den er auf Julie warf, bewies leider, daß er von dem Augenblick an, wo
die Sympathie ihnen die ganze Größe einer so starken Leidenschaft
enthüllte, recht gehabt hatte, als er sich selbst nicht mehr traute.
Am folgenden Tage saßen Herr und Frau d'Aiglemont ohne ihren
Reisegefährten im Wagen und legten rasch denselben Weg zurück, den die
Marquise einst im Jahre 1814 schon gefahren war, damals noch unbekannt
mit der Verehrung, deren Hartnäckigkeit sie fast verwünscht hatte.
Tausend vergebene Eindrücke waren ihr jetzt erinnerlich. Das Herz hat
sein Gedächtnis für sich. So unfähig eine Frau auch sein mag, sich der
wichtigsten Ereignisse des Lebens zu erinnern, so wird sie doch ihr
ganzes Leben lang nicht die Dinge vergessen, die mit ihren Gefühlen
zusammenhängen.
So entsann sich auch Julie ganz genau selbst völlig belangloser
Einzelheiten; sie sah mit Freude die nebensächlichsten Begebenheiten
ihrer ersten Reise wieder vor sich, ja sie wußte wieder, was für
besondere Gedanken ihr an gewissen Punkten der Reise gekommen waren.
Victor war von neuem leidenschaftlich in seine Frau verliebt, seit sie
die Frische ihrer Jugend und all ihre Schönheit wiedergefunden hatte. Er
schmiegte sich nach Art der Liebenden dicht an sie. Als er versuchte,
sie in die Arme zu nehmen, machte sie sich sanft los und fand einen
Vorwand, sich dieser unschuldigen Liebkosung zu entziehen.
Bald darauf empfand sie Abscheu vor der Berührung Victors, dessen
Körperwärme sie empfand und auf sich übergehen fühlte, denn sie saßen
eng nebeneinander. Sie wollte sich allein auf den Vordersitz des Wagens
setzen, aber ihr Mann war so liebenswürdig, ihr den Fond zu überlassen.
Sie dankte ihm für die Aufmerksamkeit mit einem Seufzer, den er falsch
auffaßte. Dieser alte Schürzenjäger der Garnison legte die Melancholie
seiner Frau zu seinen Gunsten aus, so daß seine Frau sich schließlich
gezwungen sah, mit einer Bestimmtheit zu ihm zu reden, die ihm wohl oder
übel doch imponierte.
»Mein Freund,« sagte sie zu ihm, »Sie hätten mich schon einmal beinahe
umgebracht, das wissen Sie. Wenn ich noch ein junges, unerfahrenes
Mädchen wäre, dann würde ich das Opfer meines Lebens noch einmal von
vorn anfangen. Aber ich bin Mutter, ich habe eine Tochter zu erziehen,
und ihr muß ich mich ebenso erhalten wie Ihnen. Fügen wir uns also in
ein Unglück, das uns gleichermaßen betrifft. Sie sind dabei noch am
wenigsten zu beklagen. Haben Sie nicht Ersatz zu finden gewußt für das,
was meine Pflicht, unsere gemeinsame Ehre und vor allem die Natur mir
verbieten? Jawohl,« setzte sie hinzu, »Sie haben leichtsinnigerweise in
einem Schubkasten drei Briefe der Frau de Sérizy liegen lassen. Mein
Schweigen beweist Ihnen, daß ich eine nachsichtige Frau bin, die von
Ihnen nicht dasselbe Opfer fordert, zu dem sie durch die Gesetze
verurteilt ist; aber ich habe alles reiflich bedacht und bin mir klar
darüber geworden, daß unsere Rollen nicht die gleichen sind und das
Unglück allein der Frau vorherbestimmt ist. Meine Tugend ruht auf
festen, unerschütterlichen Grundsätzen. Ich werde ein untadelhaftes
Leben zu führen wissen -- aber lassen Sie mich leben.«
Der Marquis war verblüfft über diese Logik, die die Frauen aus dem
hellen Buche der Liebe sich anzueignen verstehen, und die gewisse Würde,
die ihnen in Krisen dieser Art natürlich ist, zwang ihn ins Joch. Der
instinktive Widerwille, den Julie gegen alles bekundete, was ihre Liebe
und die Stimme ihres Herzens verletzte, ist eine der schönsten
Eigenschaften der Frauen und entspringt vielleicht einer natürlichen
Tugend, die weder die Gesetze noch die Zivilisation zum Schweigen
bringen. Wer möchte wohl deshalb die Frauen tadeln? Sind sie nicht, wenn
sie das zarte Gefühl zum Schweigen bringen, das ihnen verbietet, zwei
Männern anzugehören, gewissermaßen wie Prediger, die keinen Glauben
haben?
Einige strenge Geister werden die Art, wie Julie sich mit ihren
Pflichten und mit ihrer Liebe auseinandersetzte, tadeln -- die
leidenschaftlichen Seelen werden sie ihr sogar zum Verbrechen anrechnen.
Diese allgemeine Mißbilligung klagt entweder das Unglück an, das auf
Ungehorsam gegen die Gesetze zu folgen pflegt, oder aber traurige
Unvollkommenheiten in den Einrichtungen, auf denen die europäische
Gesellschaft beruht.
Zwei Jahre verstrichen. Herr und Frau d'Aiglemont führten das Leben der
Leute von Welt, jeder ging seines Weges, und in den Salons fremder Leute
trafen sie sich öfter als im eigenen Heim. Eine solche vornehme
Scheidung ist das Ende sehr vieler Ehen in der großen Gesellschaft.
Eines Abends befanden sich die Eheleute seltsamerweise im eigenen Salon
beisammen. Frau d'Aiglemont hatte eine ihrer Freundinnen zu Tisch
gehabt. Der General, der sonst immer in der Stadt speiste, war zu Hause
geblieben.
»Sie werden recht glücklich sein, Frau Marquise,« sagte Herr d'Aiglemont
und setzte die Tasse, aus der er eben seinen Kaffee getrunken hatte, auf
den Tisch.
Der Marquis sah mit halb trauriger, halb boshafter Miene Madame de
Wimphen an und setzte hinzu:
»Ich fahre zu einer langen Jagd -- zusammen mit dem Oberjägermeister.
Sie werden mindestens acht Tage lang vollkommen Witwe sein. Das ist ja
so Ihr Fall. Denk' ich wenigstens. -- Wilhelm,« sagte er zu dem Diener,
der die Tassen wegtrug, »lassen Sie anspannen.«
Frau de Wimphen war jene Luise, der Frau d'Aiglemont einst den Rat hatte
geben wollen, unverheiratet zu bleiben. Die beiden Frauen warfen sich
einen verständnisinnigen Blick zu, der bewies, daß Julie in ihrer
Freundin eine Vertraute ihrer Schmerzen, eine kostbare und barmherzige
Vertraute gefunden hatte; denn Madame de Wimphen war sehr glücklich
verheiratet. Da sie sich in entgegengesetzter Lage befanden, bildete
vielleicht das Glück der einen eine Bürgschaft dafür, daß sie sich der
andern und ihres Unglücks annehmen werde. In ähnlichen Fällen ist
Verschiedenheit des Schicksals fast immer ein mächtiges
Freundschaftsband.
»Ist denn jetzt Jagdzeit?« fragte Julie, einen gleichgültigen Blick auf
ihren Gatten werfend.
Es war Ende März.
»Madame, der Oberjägermeister jagt, wann er will und wo er will. Wir
pirschen in königlichen Forsten auf Wildschweine.«
»Sehen Sie sich vor, daß Ihnen nichts passiert.«
»Das kann man nie wissen,« antwortete er lächelnd.
»Der Wagen des gnädigen Herrn ist bereit,« meldete Wilhelm.
Der General erhob sich, küßte Frau de Wimphen die Hand und wandte sich
zu Julie.
»Madame, wenn ich nun einem Eber zum Opfer falle!« sagte er in bittendem
Tone.
»Was bedeutet denn das?« fragte Frau de Wimphen.
»Nun, kommen Sie,« sagte Frau d'Aiglemont zu Victor.