1. Kapitel.

Erste Fehler.

Es war in den ersten Tagen des Monats April 1813, da verhieß der Morgen

eines Sonntags einen jener schönen Tage, an denen der Pariser zum

erstenmal im Jahre keinen Schmutz auf dem Pflaster und keine Wolken am

Himmel sieht. Kurz vor der Mittagsstunde lenkte eine stattliche, mit

zwei flinken Pferden bespannte Kalesche aus der Rue Castiglione in die

Rue de Rivoli ein und reihte sich dann, Halt machend, an mehrere

Equipagen an, die sich an dem vor kurzem erst geöffneten Gitter mitten

auf der Terrasse des Feuillants aufgestellt hatten.

Dieses vornehme Gefährt wurde von einem anscheinend sorgenvollen, ja

kränklichen Herrn gelenkt. Sein gelblicher Schädel wies nur noch wenig

schon ergrautes Haar auf, was ihn vor der Zeit alt erscheinen ließ. Dem

Reitknecht, der hinter dem Wagen hergeritten war, warf er die Zügel zu,

dann stieg er ab, um einem jungen Mädchen, dessen Anmut und Schönheit

sogleich den auf der Terrasse umherschlendernden Müßiggängern auffiel,

beim Aussteigen zu helfen.

Die kleine Person ließ sich gern um die Taille fassen, als sie auf den

Rand des Wagens getreten war, und schlang die Arme um den Hals ihres

Führers, der sie auf die Treppe niedersetzte und dabei nicht einmal den

Besatz ihres grünen Ripskleides zerdrückte. Ein Liebhaber hätte sich

nicht so sehr in acht genommen. Der Unbekannte mußte der Vater dieses

Kindes sein, das, ohne sich bei ihm zu bedanken, seinen Arm nahm und ihn

stürmisch in den Garten hineinzog.

Der alte Vater bemerkte die bewundernden Blicke einiger jungen Leute,

und der Ausdruck von Trauer, der auf seinem Gesicht lag, verschwand auf

einen Augenblick. Er hat schon lange das Alter erreicht, an dem die

Männer auf die trügerischen Genüsse verzichten müssen, die die Eitelkeit

gewährt, aber er lächelte noch.

»Die Leute halten dich für meine Frau,« flüsterte er der jungen Person

ins Ohr, richtete sich stolz auf und schritt mit einer Langsamkeit

einher, die sie zur Verzweiflung brachte.

Er schien sich viel auf seine Tochter einzubilden, und er freute sich

wahrscheinlich weit mehr als sie an den Seitenblicken, die die

Neugierigen auf die kleinen Füße in Schuhen von flohbraunem Prünell, auf

die in dem ausgeschnittenen Kleide vorteilhaft hervortretende, köstliche

Taille und auf den frischen, von einer gestickten Krause nicht ganz

bedeckten Nacken warfen. Beim Gehen flog auf einen Augenblick das Kleid

des jungen Mädchens ein wenig auf und ließ über den Stiefelchen ein von

durchbrochenem Seidenstrumpf fein umschlossenes Bein sehen.

Mancher Spaziergänger überholte daher auch das Paar, um das jugendliche

Gesicht zu bewundern und noch einmal anzuschauen. Lange Locken braunen

Haars umgaben es. Die Hautfarbe mit ihrem Weiß und Rosa erglühte nicht

nur unter dem Abglanz rosafarbnen Satins, mit dem ein eleganter Hut

abgefüttert war, sondern auch von dem ungeduldigen Verlangen, das in

allen Zügen dieser niedlichen Person zitterte. Süßer Mutwille belebte

die schönen, schwarzen Augen, die mandelförmig geschnitten, von schön

gebogenen Brauen überwölbt, von langen Wimpern besetzt waren und sanft,

feucht und rein in die Welt schauten. Leben und Jugend schütteten ihre

Schätze auf diesem mutwilligen Gesicht aus und auf einer Büste, die

anmutig blieb, obwohl man damals den Gürtel unmittelbar unter dem Busen

trug.

Ohne auf die Huldigungen zu achten, betrachtete das junge Mädchen in

banger Erwartung das Schloß der Tuilerien, das ohne Zweifel das Ziel

war, auf das sie so ungestüm zuschritt. Es war dreiviertel zwölf. So

morgendlich die Stunde auch war, so kamen doch mehrere Frauen, die sich

alle in Toilette hatten zeigen wollen, vom Schlosse zurück, nicht ohne

sich verdrießlich umzusehen, als bedauerten sie es, zu spät gekommen zu

sein und dadurch ein erwünschtes Schauspiel versäumt zu haben. In ihrer

Mißlaune ließen diese enttäuschten Schönen sich wohl auch einige Worte

entschlüpfen, die die hübsche Unbekannte flüchtig erhaschte, was ihre

Unruhe seltsam steigerte. Der Greis achtete mehr mit neugierigem, als

spöttischem Blick auf die Zeichen der Ungeduld und Furcht, die sich auf

dem reizenden Gesicht seiner Gefährtin abspielten -- er tat dies mit so

großer Besorgtheit, daß man wohl annehmen durfte, er hätte noch einen

gewissen väterlichen Hintergedanken dabei.

Dieser Sonntag war der 13. April des Jahres 1813. Am übernächsten Tage

brach Napoleon zu dem unglücklichen Feldzug auf, währenddessen er

nacheinander Bessières und Duroc verlieren, die denkwürdigen Schlachten

bei Lützen und Bautzen gewinnen, sich von Österreich, Sachsen, Bayern,

ja von Bernadotte verraten sehen und in der furchtbaren Schlacht bei

Leipzig um die Entscheidung kämpfen sollte. Die großartige, vom Kaiser

befehligte Parade sollte das letzte der militärischen Schaustücke sein,

die so lange Zeit die Bewunderung der Pariser und Ausländer erregt

hatten. Die alte Garde sollte ein letztes Mal die geschickten Manöver

vorführen, deren Pomp und Schneidigkeit bisweilen selbst diesen Riesen

in Erstaunen setzten, der sich nun zu seinem Zweikampf mit Europa

rüstete.

Ein gewisses Gefühl der Trauer führte eine glänzende, neugierige

Menschenmenge zu den Tuilerien hinaus. Jeder schien in die Zukunft zu

schauen und hatte vielleicht das Vorgefühl, daß man auf die Phantasie

angewiesen sein würde, wenn man dieses Bild in seiner Pracht noch einmal

vor Augen haben wollte -- daß bald die Zeiten kommen würden, wo -- wie

es heute schon der Fall ist -- diese Heldentage Frankreichs fast der

Fabel anzugehören scheinen.

»Laß uns doch schneller gehen, Vater,« sagte das junge Mädchen mit

schalkhafter Miene und zog den Greis mit sich fort. »Ich höre schon den

Tambour.«

»Das sind die Truppen -- sie ziehen in die Tuilerien ein,« antwortete

er.

»Oder sie sind schon beim Vorbeimarsch -- alle Leute kommen schon

zurück,« versetzte sie mit kindischem Schmerz, der dem Greis ein Lächeln

entlockte.

»Die Parade fängt erst um halb ein Uhr an,« entgegnete der Vater und

hielt nur zur Not Schritt mit seiner vorwärts hastenden Tochter.

Den rechten Arm bewegte sie so heftig, daß man hätte meinen mögen, sie

gebrauche ihn beim Laufen. Ihre kleine, in hübschem Handschuh steckende

Hand zerknüllte ungeduldig ein Taschentuch und glich dem Ruder einer

Gondel, das die Wellen teilt. Der alte Mann lächelte bisweilen; aber

manchmal verdüsterte auch ein Ausdruck der Besorgnis sein vertrocknetes

Gesicht. In seiner Liebe zu diesem reizenden Geschöpf erfreute er sich

ebenso sehr an der Gegenwart, wie er sich um die Zukunft härmte. Er

schien bei sich zu denken: »Heute ist sie noch glücklich, wird sie es

immer sein?« Denn alte Leute sind stets geneigt, in die Zukunft junger

Leute ihren Kummer hineinzutragen.

Als Vater und Tochter unter dem Säulengange des Pavillons ankamen, auf

dem die Trikolore wehte, und durch den man hindurch muß, wenn man von

dem Garten der Tuilerien nach dem Karussell will, riefen ihnen die

Posten gebieterisch zu: »Hier geht's nicht weiter!«

Die Kleine reckte sich auf den Zehen in die Höhe und konnte eine Menge

von geputzten Frauen sehen, die sich zu beiden Seiten der Marmorarkade

drängten, aus der der Kaiser kommen mußte.

»Da siehst du, Vater, wir sind zu spät gegangen.«

Sie schmollte ärgerlich -- ein Zeichen, wie viel ihr daran gelegen war,

diese Parade mitanzusehen.

»Nun, Julie, so gehen wir wieder. Du hast es nicht gern, in solchem

Gedränge zu sein.«

»Wir wollen noch bleiben, lieber Vater. Von hier aus kann ich wenigstens

den Kaiser sehen. Wenn er nun in dem Feldzug den Tod fände, so habe ich

ihn wenigstens einmal gesehen.«

Der Vater zitterte ein wenig, als er diese egoistischen Worte hörte;

seine Tochter sprach in weinerlichem Tone. Er sah sie an und glaubte

unter den gesenkten Lidern ein paar Tränen zu bemerken, die wohl weniger

aus Enttäuschung als aus einem jener ersten Schmerzen entsprangen, deren

Geheimnis ein alter Vater so leicht erraten kann. Plötzlich errötete

Julie und stieß einen Ruf aus, dessen Bedeutung weder die Posten noch

der alte Mann verstanden. Bei diesem Schrei drehte sich ein Offizier,

der von dem Hof nach der Treppe eilte, lebhaft um, schritt bis an die

Arkade des Gartens, erkannte die junge Person, die im Augenblick hinter

den hohen Pelzmützen der Grenadiere verschwand, und hob für sie und

ihren Vater sogleich den Befehl auf, den er selbst erteilt hatte. Ohne

sich um das Getümmel der eleganten Menge zu kümmern, die die Arkade

belagerte, zog er das junge Mädchen, das vor Freude außer sich war, zu

sich hin.

»Nun wundere ich mich nicht mehr, daß sie es so eilig hatte und so böse

auf mich war. Sie hat gewußt, daß du hier Dienst hast,« sagte der alte

Herr in ebenso ernsthaftem, wie spöttischem Tone zu dem Offizier.

»Herr Herzog,« antwortete der junge Mann, »wenn Sie einen guten Platz

haben wollen, so dürfen wir uns nicht mit Schwatzen aufhalten. Der

Kaiser liebt es nicht zu warten, und der Großmarschall hat mich eben

abgesandt, ihm Meldung zu machen.«

Während er so sprach, hatte er mit einer gewissen Vertraulichkeit

Juliens Arm genommen und zog sie rasch nach der Reitbahn hin mit sich

fort. Julie sah mit Erstaunen eine ungeheure Menschenmenge,

dichtgedrängt in dem kleinen Raum zwischen den grauen Mauern des

Palastes und den mit Ketten verbundenen Prellsteinen stehen, die die

große Sandfläche in der Mitte des Tuilerienhofs abgrenzten. Die Reihe

von Posten, die für den Kaiser und seinen Generalstab einen Durchgang

freihalten mußte, hatte einen schweren Stand gegen den Druck dieser hin

und her wogenden, wie ein Bienenschwarm summenden Menschenmasse, die sie

zur Seite zu drängen drohte.

»Es wird also sehr schön werden?« fragte Julie lächelnd.

»So geben Sie doch acht!« rief der Offizier und faßte Julie um den Leib,

um sie mit ebenso viel Kraft wie Schnelligkeit emporzuheben und an einer

Säule vorbeizutragen. Hätte er seine neugierige Verwandte nicht so rasch

hinweggezogen, so hätte sie leicht mit dem Hinterteil eines weißen

Pferdes mit grünsamtenem, reich mit Gold gesticktem Sattel, das der

Mameluck Napoleons unmittelbar vor der Arkade am Zügel hielt, in

unsanfte Berührung kommen können. Zehn Schritt weiter vorn stampften all

die Pferde, die der hohen Offiziere, der Begleiter des Kaisers, harrten.

Der junge Mann stellte Vater und Tochter an den ersten Prellstein

rechter Hand. Sie standen hier vor der Menge, und durch ein Kopfnicken

empfahl er sie der Obhut der beiden Grenadiere, zwischen denen sie

standen.

Als der Offizier zum Palast zurückkehrte, hatte auf seinem Antlitz der

jähe Schreck, den ihm der unvermutete Seitensprung des Pferdes um

Juliens willen bereitet hatte, einem Ausdruck des Glücks und der Freude

Platz gemacht; Julie hatte ihm geheimnisvoll die Hand gedrückt, sei es,

um ihm zu danken, sei es, um zu sagen: »Endlich sehe ich Sie wieder!«

Sie neigte sogar sanft den Kopf zur Antwort auf den Gruß, mit dem der

Offizier von ihr und auch von ihrem Vater Abschied nahm.

Der alte Herr, der mit Absicht die beiden jungen Leute allein gelassen

zu haben schien, kam ein Stückchen hinterdrein und blieb ernst und

still; aber er beobachtete sie scharf und bemühte sich, sie in den

trügerischen Glauben zu wiegen, als habe er nur Augen für das

prachtvolle Schauspiel, das sich auf der Reitbahn abspielte. Als Julie

den Vater mit dem Blick eines Schülers ansah, der seinem Lehrer nicht

recht traut, antwortete der Alte sogar mit einem Lächeln wohlwollender

Heiterkeit; aber sein durchdringendes Auge war dem jungen Offizier bis

unter die Arkade gefolgt, und nicht die kleinste Einzelheit dieser

raschen Szene war ihm entgangen.

»Welch schöner Anblick!« rief Julie mit leiser Stimme und drückte die

Hand ihres Vaters.

Das malerische, großartige Bild, das in diesem Augenblick die Reitbahn

darbot, entlockte den gleichen Ausruf Tausenden von Zuschauern, deren

Gesichter alle vor Bewunderung strahlten. Eine andere Reihe von Leuten,

ebenso dichtgedrängt wie die, vor der der alte Herr und seine Tochter

sich befanden, stand in einer mit dem Schlosse parallel verlaufenden

Linie auf dem engen, gepflasterten Raum, der sich längs dem Gitter der

Reitbahn hinzieht. Diese Menge gab durch die große Buntheit der

Frauenkleider dem riesigen Rechteck, das die Gebäude der Tuilerien und

dieses damals erst seit kurzem bestehende Gitter bildeten, vollends erst

einen scharfen Umriß.

Die Regimenter der Alten Garde, die nur im Vorbeireiten gemustert werden

sollten, nahmen diesen mächtigen Platz ein und standen dem Palast

gegenüber in imposanten, zehn Glieder tiefen Fronten. Jenseits der

Einfriedigung, doch innerhalb der Reitbahn, standen, ebenfalls in

parallelen Fronten, mehrere Regimenter Infanterie und Kavallerie. Diese

sollten unter dem Triumphbogen hindurch, der die Mitte des Gitters

schmückte, und auf dessen First zu jener Zeit die prachtvollen Rosse

Venedigs standen, in Parade vorbeimarschieren.

Die Musik der Regimenter, die vor den Galerien des Louvre aufgestellt

war, konnte man nicht sehen, weil die polnischen Ulanen davor standen.

Ein großer Teil der Sandfläche war leer geblieben, wie eine Arena, die

für die Bewegungen der in tiefem Schweigen dastehenden Korps

hergerichtet war. Von diesen mit der Symmetrie militärischer Kunst

aufgestellten Massen blitzten die Sonnenstrahlen im dreieckigen Feuer

von zehntausend Bajonetten zurück. Die Luft bewegte die Federbüsche der

Soldaten und ließ sie wallen wie die Bäume eines Waldes, die ein

Sturmwind beugt. Bei der Verschiedenheit der Uniformen, der Aufschläge,

der Waffen und Achselschnüre boten diese alten, stummen und

eindrucksvollen Scharen dem Auge tausend Farbengegensätze.

Dieses gewaltige Gemälde -- das Miniaturbild eines Schlachtfeldes vor

Beginn des Kampfes -- ein Gemälde von großer Buntheit und seltsam

wechselnden Gruppen, erhielt in den hohen, majestätischen Gebäuden, an

deren Regungslosigkeit die Führer und Soldaten sich ein Beispiel zu

nehmen schienen, einen poetischen Rahmen. Der Zuschauer verglich

unwillkürlich diese Mauern von Menschen mit jenen Mauern von Stein. Die

Frühlingssonne, die ihr Licht verschwenderisch auf die weißen, vor alter

Zeit gebauten Wände und die Jahrhunderte alten Mauern warf, beleuchtete

voll die zahllosen, schwarzbraunen Gesichter, die alle von bestandenen

Gefahren erzählten und ernst den kommenden Gefahren entgegensahen.

Nur die Obersten eines jeden Regiments schritten vor den Fronten, die

diese heldenhaften Männer bildeten, auf und ab. Hinter den von Silber,

Azur, Purpur und Gold funkelnden Truppenmassen konnten die Neugierigen

die mit dreifarbigen Fähnchen geschmückten Lanzen von sechs

unermüdlichen polnischen Ulanen sehen, die, gleich den Hunden, die eine

Herde über das Feld treiben, unaufhörlich zwischen den Truppen und den

Neugierigen hin und her galoppierten, um zu verhindern, daß die Leute

den kleinen Zwischenraum überschritten, den man ihnen neben dem

kaiserlichen Gitter eingeräumt hatte.

Wenn dieses Hin und Her nicht gewesen wäre, hätte man glauben können,

man befände sich im Palast der schönen Fee, im verzauberten Walde. Das

Frühlingslüftchen, das über die Mützen der Grenadiere hinwehte und die

hohen Federbüsche bewegte, brachte allein ein wenig Leben in die

Regungslosigkeit der Soldaten -- und das dumpfe Murmeln der Menge allein

unterbrach die Stille. Nur hin und wieder klang der Ton eines

Halbmondes, oder aus Versehen geschah ein leichter Schlag gegen die

Kesselpauke, um im Echo vom kaiserlichen Palast zurückzuhallen -- das

waren die einzigen Laute, die an jenes ferne Donnern erinnerten, das

einem Gewitter vorausgeht.

Eine unbeschreibliche Begeisterung tat sich in dem Harren der Menge

kund. Am Vorabend eines Feldzugs, dessen Gefahren der geringste Bürger

erkannte, wollte Frankreich Napoleon Lebewohl sagen. Diesmal handelte es

sich für das französische Kaisertum um Sein oder Nichtsein. Dieser

Gedanke schien in gleichem Maße die städtische Bevölkerung und die

soldatische Bevölkerung zu erfüllen, und sie drängten sich in einmütigem

Schweigen in der Einfriedigung, über der Napoleons Adler und Genius

schwebten.

Die Soldaten, Frankreichs Hoffnung -- die Soldaten, sein letzter

Blutstropfen, waren für die Mehrzahl der Zuschauer ebenfalls ein

Gegenstand heftiger Besorgnis. Zwischen einem großen Teile der

Herumstehenden und des Militärs war dies vielleicht ein Abschied auf

ewig; aber alle Herzen, selbst die, die dem Kaiser durchaus feindlich

gesinnt waren, sandten heiße Gebete zum Himmel um den Ruhm des

Vaterlandes. Diejenigen, die des zwischen Europa und Frankreich

entbrannten Kampfes überdrüssig waren, hatten alle beim Durchgang unter

dem Triumphbogen ihres Hasses vergessen und begriffen wieder, daß am

Tage der Gefahr Napoleon ganz Frankreich verkörperte.

Die Schloßuhr schlug halb eins. In diesem Augenblick verstummte das

Summen der Menge, und das Schweigen wurde so tief, daß man ein Kind

hätte sprechen hören können. Der alte Herr und seine Tochter, die beide

ganz Auge zu sein schienen, vernahmen jetzt ein Geräusch von klirrenden

Sporen und rasselnden Degen, das unter dem hallenden Bogengange des

Schlosses hervorklang.

Ein kleiner, ziemlich korpulenter Mann, gekleidet in grüne Uniform,

weiße Hose und Reitstiefel, erschien plötzlich. Den Dreimaster, der

ebenso absonderlich aussah, wie der ganze Mann, behielt er auf dem

Kopfe; das breite, rote Band der Ehrenlegion floß über seine Brust, an

der Seite trug er einen kleinen Degen. Aller Augen, von allen Punkten

des Platzes aus, waren zu gleicher Zeit auf diesen einen Mann gerichtet.

Sogleich schlugen die Tamboure den Wirbel, die beiden Musikkapellen

setzten zu einem Stück ein, dessen kriegerischer Ausdruck sich in allen

Instrumenten von der großen Pauke bis zur sanftesten Flöte wiederholte.

Bei diesem Ruf zum Streit zitterten die Seelen, die Fahnen salutierten,

die Soldaten präsentierten mit einmütigem, regelrechtem Griff, der die

Gewehre von der ersten Reihe bis zu der letzten auf der ganzen Reitbahn

mit einem Schlag in Bewegung setzte. Kommandoworte pflanzten sich wie

ein Echo von Glied zu Glied fort. Der Schrei: »Es lebe der Kaiser!«

erscholl aus der begeisterten Menge. Kurz, alles wogte, zitterte,

vibrierte.

Napoleon war zu Pferde gestiegen. Das erst hatte Leben in diese

schweigenden Massen gebracht, den Instrumenten Stimme verliehen, den

Adlern und Fahnen Schwung gegeben, alle Gesichter in Bewegung gesetzt.

Selbst die Mauern des alten Palastes schienen zu rufen: »Es lebe der

Kaiser!« Es war nichts Menschliches mehr, es war ein Zauber, ein Abglanz

der göttlichen Gewalt oder besser noch ein flüchtiges Ebenbild dieser so

flüchtigen Herrschaft.

Der von so viel Liebe, Begeisterung, Aufopferung und Gebet umringte

Mensch, für den die Sonne die Wolken des Himmels verscheucht hatte,

hielt drei Schritt vor der kleinen prunkvollen Schwadron seines Gefolges

-- der Großmarschall war zu seiner Linken, der Marschall vom Dienst zu

seiner Rechten. Inmitten all dieser stürmischen Erregung, die er allein

hervorrief, schien sich nicht eine Muskel seines Gesichts zu bewegen.

»O, mein Gott, ja. Bei Wagram, mitten im Feuer, an der Moskwa, zwischen

den Toten -- immer ist er ruhig wie der Täufer. Ja, er!«

Diese Antwort wurde auf zahlreiches Fragen von dem Grenadier erteilt,

der in der Nähe des jungen Mädchens stand. Julie hatte sich auf einen

Augenblick ganz in die Betrachtung des Gesichts versenkt, deren Ruhe ein

so sicheres Machtbewußtsein ausdrückte. Der Kaiser bemerkte Fräulein von

Chantillonest und neigte sich zu Duroc hin, um ein paar kurze Worte zu

ihm zu sprechen, über die der Großmarschall lächelte.

Die Parade begann. Wenn die junge Person bis dahin bald das starre

Gesicht Napoleons, bald die blauen, roten und grünen Truppenreihen

betrachtet hatte, so galt ihre Aufmerksamkeit bei all den Bewegungen,

die die alten Soldaten rasch und regelmäßig ausführten, fast

ausschließlich einem jungen Offizier, der unter den paradierenden Massen

hin und her sprengte und in unermüdlicher Tätigkeit immer wieder zu der

Gruppe zurückritt, an deren Spitze die schlichte Gestalt Napoleons

leuchtete. Dieser Offizier ritt einen wunderschönen Rappen und fiel

unter der buntfarbigen Menge durch die himmelblaue Uniform der

kaiserlichen Ordonnanzoffiziere ganz besonders auf.

Seine Stickereien funkelten so hell in der Sonne, und der Federbusch

seines schmalen, langen Tschakos schimmerte so prächtig, daß die

Zuschauer ihn mit einem Irrlicht, einer zur Erscheinung gewordenen

Seele, vergleichen mußten, die aus dem Kaiser selbst herausgefahren zu

sein schien, und durch die er diese Bataillone, deren Waffen wie ein

Flammenmeer wogten, belebte und lenkte. Auf einen Wink seiner Augen

teilten sie sich, flossen wieder zusammen, wirbelten durcheinander wie

die Wellen eines Strudels oder zogen an ihm vorbei wie die langen,

hochgerichteten Kämme, die der vom Sturm erregte Ozean gegen seine

Gestade wälzt.

Als die Manöver vorüber waren, ritt der Ordonnanzoffizier mit

verhängtem Zügel heran und zügelte sein Pferd kurz vor dem Kaiser, um

seines Befehles zu harren. In diesem Augenblick war er zwanzig Schritt

von Julie entfernt und hielt gerade vor der kaiserlichen Gruppe, ganz in

jener Stellung, die Gérard auf dem Gemälde von der Schlacht bei

Austerlitz dem General Rapp gegeben hat. Jetzt durfte das junge Mädchen

seinen Geliebten in all seinem militärischen Glanze bewundern.

Oberst Victor d'Aiglemont, kaum dreißig Jahre alt, war groß, wohlgebaut

und schlank. Sein glückliches Ebenmaß kam nie besser zur Geltung, als

wenn er seine Kraft anwandte, ein Pferd zu regieren, dessen eleganter,

glatter Rücken sich unter ihm zu beugen schien. Sein männliches, braunes

Gesicht besaß jenen unerklärlichen Reiz, den eine vollkommene

Regelmäßigkeit der Züge jungen Gesichtern verleiht. Seine Stirn war groß

und hoch. Seine feurigen Augen, von dichten Brauen beschattet und mit

langen Wimpern besetzt, zeichneten sich wie zwei weiße Ovale zwischen

schwarzen Umrissen ab. Seine Nase hatte die graziöse Biegung des

Adlerschnabels. Den Purpur der Lippen hob der feine Schwung des

unvermeidlichen schwarzen Schnurrbarts noch mehr hervor. Seine vollen

Wangen zeigten die braune, gelbe Färbung, die auf außerordentliche

Körperkraft deutet. Sein Gesicht -- eines von denen, die den Stempel der

Tapferkeit tragen -- hatte jenen Typus, den noch heute der Künstler

sucht, wenn er einen der Helden aus der französischen Kaiserzeit

darstellen will.

Das Pferd war in Schweiß gebadet, und sein Kopf zitterte in heftiger

Ungeduld. Die breit aufgestellten Vorderfüße standen in einer Linie,

ohne daß einer über den andern hinausragte. Das lange Haar seines

dichten Schweifs wogte hin und her. Die Ergebenheit dieses Tiers gegen

seinen Herrn bot ein körperliches Abbild der Ergebenheit seines Herrn

gegen seinen Kaiser.

Als Julie ihren Geliebten so ganz an den Augen Napoleons hängen sah,

erfüllte sie der Gedanke, daß er sie noch gar nicht angesehen hätte, mit

Eifersucht. Plötzlich spricht der Herrscher ein Wort, Victor gibt seinem

Pferd die Sporen und sprengt im Galopp davon. Aber der Schatten eines

Prellsteins auf dem Sande macht das Pferd scheu -- es stutzt, weicht

zurück und bäumt sich so heftig, daß der Reiter in Gefahr scheint.

Julie wird blaß und stößt einen Schrei aus. Alles wirft ihr neugierige

Blicke zu, sie aber sieht niemand. Ihre Augen sind nur auf dieses so

wilde Pferd gerichtet, das der Offizier zum Gehorsam zwingt, um im

Galopp Napoleons Befehle weiterzutragen. Diese betäubenden Bilder nahmen

Juliens Sinne so völlig gefangen, daß sie, ohne es zu wissen, sich fest

an den Arm des Vaters klammerte und diesem unwillkürlich durch den

stärkeren oder schwächeren Druck ihrer Finger verriet, was in ihr

vorging.

Als Victor beinah von seinem Pferde abgeworfen wurde, faßte sie noch

fester zu und drohte zu fallen. Der alte Herr betrachtete mit düsterer,

schmerzlicher Unruhe das Antlitz seines Kindes, und Gefühle wie Mitleid,

Eifersucht, ja Kummer zeigten sich in seinem runzligen Gesicht. Aber als

das ungewohnte Aufblitzen ihrer Augen, der Schrei, den sie ausstieß, und

die krampfhafte Umspannung ihrer Finger ihm den letzten Rest einer

geheimen Liebe offenbart hatten, da mußte er wohl mit Trauer der Zukunft

gedenken, denn sein Gesicht nahm jetzt einen finstern Ausdruck an. In

diesem Augenblick schien Juliens Seele in die des Offiziers

übergegangen zu sein. Ein noch grausamerer Gedanke, als alle, die den

alten Herrn bisher erschreckt hatten, grub sich in die Falten seines

leidenden Gesichts ein, als er d'Aiglemont im Vorbeireiten einen Blick

des Einverständnisses mit Julie wechseln sah, deren Augen feucht waren,

deren Antlitz sich auffallend gerötet hatte. Fast grob führte er seine

Tochter plötzlich nach dem Garten der Tuilerien.

»Aber, Papa,« sagte sie, »es stehen doch noch Regimenter auf der

Reitbahn, die sollen auch noch manövrieren.«

»Nein, mein Kind, alle Truppen rücken ab.«

»Ich glaube, Sie irren sich, mein Vater. Herr d'Aiglemont hat ihnen den

Befehl gebracht, anzutreten.«

»Aber, mein Kind, ich habe Schmerzen und will nicht bleiben.«

Julie mußte ihrem Vater wohl oder übel glauben, als sie die Augen auf

dieses Gesicht warf, dem väterliche Sorgen eine Miene des Kummers gaben.

»Haben Sie große Schmerzen?« fragte sie, aber in ihrer Zerstreutheit

klang diese Frage recht gleichgültig.

»Wird mir nicht jeder neue Tag nur noch aus Gnade zuteil?« antwortete

der Greis.

»Sie wollen also wieder von Ihrem Tode sprechen, damit ich recht traurig

sein soll? Und ich war so froh! Wollen Sie wohl Ihre garstigen,

schwarzen Gedanken verscheuchen?«

»Ach,« rief der Vater seufzend, »du verhätscheltes Ding! Die besten

Herzen sind manchmal recht grausam. Euch unser ganzes Leben opfern,

immer nur an euch denken, für euer Wohlsein sorgen, unsere Liebhabereien

euern Launen unterordnen, euch anbeten, euch sogar unser Blut geben --

ist denn das noch nichts? Um uns nur immer euer Lächeln und eure

geringschätzige Liebe zu erhalten, müßten wir die Allmacht eines Gottes

haben. Schließlich kommt ein anderer. Ein Verehrer, ein Gatte raubt uns

euer Herz.«

Julie sah ihren Vater erstaunt an, der langsam neben ihr herging und

erloschene Blicke auf sie warf.

»Ihr spielt Versteck mit uns, vielleicht auch sogar mit euch selbst,«

fuhr er fort.

»Was sagen Sie da, mein Vater?«

»Ich denke, Julie, du hast Geheimnisse vor mir. Du liebst,« sagte der

Greis eindringlich, als er seine Tochter erröten sah. »Ach, ich hatte

gehofft, du würdest deinem alten Vater bis zum Tode treu bleiben, ich

hoffte, dich bei mir zu behalten, mich an deinem Glück und Glanze

erfreuen zu können, dich zu bewundern, schön, wie du eben noch warst!

Solange ich nicht wußte, welches Geschick dir bevorstände, hätte ich

noch glauben können, daß dir eine ruhige Zukunft beschieden sein werde;

aber jetzt kann ich unmöglich die Hoffnung auf ein glückliches Leben

meiner Tochter mit ins Grab nehmen; denn du liebst noch mehr den Oberst

als den Vetter. Ich kann nicht mehr daran zweifeln.«

»Warum sollte ich ihn nicht lieben dürfen?« rief sie mit lebhafter

Neugierde.

»Ach, meine Julie, du kannst mich ja doch nicht verstehen,« versetzte

der Vater seufzend.

»Sprechen Sie immerhin,« erwiderte sie mit einer Gebärde des

Eigenwillens.

»Gut, mein Kind, so höre mich an. Die jungen Mädchen erschaffen sich oft

edle, entzückende Bilder, ganz ideale Gestalten und formen sich allerlei

Hirngespinste über Menschen, Gefühle und Welt. Dann verleihen sie in

ihrer Unschuld einem Charakter all die geträumte Vollkommenheit und

schwören nun darauf. Sie lieben in dem Manne ihrer Wahl dieses

Phantasiegeschöpf; aber später, wenn keine Zeit mehr da ist, sich von

dem Unglück zu befreien, verwandelt sich das Trugbild, das sie so

verschönt haben, ihr erstes Götzenbild, schließlich in ein häßliches

Skelett. Julie, mir wäre es lieber, du liebtest einen Greis, statt

diesen Offizier. Ach, wenn du dich um zehn Jahre weiter ins Leben

versetzen könntest, würdest du meiner Erfahrung recht geben. Ich kenne

Victor. Seine Heiterkeit ist eine Heiterkeit ohne Geist -- eine

Kasernenheiterkeit; er ist ohne Talent und verschwenderisch. Er ist

einer von jenen Männern, die der Himmel dazu geschaffen hat, an einem

Tage vier Mahlzeiten zu genießen und zu verdauen, zu schlafen, die erste

beste zu lieben und sich zu schlagen. Er versteht nicht, was Leben

heißt. Sein gutes Herz -- denn ein gutes Herz hat er -- wird ihn

vielleicht dazu verleiten, seine Börse einem Unglücklichen, einem

Kameraden zu geben; aber er ist gleichgültig, er besitzt nicht die

Zartheit des Herzens, die uns keine andere Sorge hegen läßt, als eine

Frau glücklich zu machen. Er ist unwissend und egoistisch -- kurz, es

gibt da sehr viele Aber.«

»Er muß doch wohl Geist haben, mein Vater, und was können, sonst wäre er

doch nicht Oberst geworden.«

»Meine Liebe, Oberst wird Victor auch sein Leben lang bleiben. Ich habe

noch niemand gesehen, der mir deiner würdig erschienen wäre,« versetzte

der alte Vater mit einer gewissen Begeisterung.

Er blieb einen Augenblick stehen, betrachtete seine Tochter und fügte

hinzu:

»Aber, meine arme Julie, du bist noch zu jung, zu schwach, zu zart, um

die Kümmernisse und die Mühseligkeiten der Ehe zu ertragen. D'Aiglemont

ist ein Muttersöhnchen und von seinen Eltern ebenso verhätschelt worden,

wie du von deiner Mutter und mir. Wie wäre es überhaupt möglich, daß ihr

zwei unversöhnlichen Trotzköpfe, wenn ihr mal verschiedener Meinung

seid, euch verständigen könntet? Du wirst da entweder Amboß oder Hammer,

entweder Opfer oder Tyrann. Und ob nun das eine oder das andere, in

jedem Falle ist dann die Summe der Leiden im Leben einer Frau gleich

groß. Da du aber sanft und bescheiden bist, so wirst du wohl zuerst

nachgeben. Schließlich bist du eben,« sagte er mit veränderter Stimme,

»von einer Zartheit des Empfindens, die mißverstanden werden wird, und

dann ...«

Er sprach nicht weiter -- Tränen hinderten ihn daran.

»Victor,« fuhr er nach einer Pause fort, »wird die naive Reinheit deiner

Seele verletzen. Ich kenne das Militär, meine Julie. Ich habe auch unter

Soldaten gelebt. Es kommt selten vor, daß bei diesen Leuten über die

Gewohnheiten, die sie inmitten all des Unglücks, das sie umgibt, oder

infolge ihres an Zufällen reichen Abenteurerlebens annehmen, zuletzt

noch einmal das Herz den Sieg davonträgt.«

»Sie wollen also, mein Vater,« versetzte Julie in einem Tone, der

zwischen Ernst und Scherz die Mitte hielt, »Einspruch gegen meine Liebe

erheben? Ich soll nicht heiraten, wie ich will, sondern wie Sie es

bestimmen?«

»Heiraten, wie ich es bestimme?« rief der Vater mit einer Bewegung des

Erstaunens. »Ach, mein Kind, ich und bestimmen! Bald wirst du ja doch

meine Stimme, die, wenn sie auch schilt, doch in aller Liebe schilt,

nicht mehr hören. Und das ist ja immer so, die Opfer, die die Eltern

ihnen darbringen, schreiben die Kinder persönlichen Gefühlen zu. Heirate

Victor, meine Julie! Eines Tages wirst du es bitter beklagen, eine Null

zum Manne zu haben, und sein Mangel an Ordnungssinn, sein Egoismus,

seine Gefühlsgrobheit, sein liebeleeres Gemüt und tausend andere Dinge

werden dich an ihm schmerzen. Dann denke daran, daß unter diesen Bäumen

die prophetische Stimme deines alten Vaters dir vergebens zu Ohren

gedrungen ist!«

Der Greis schwieg -- er hatte seine Tochter darüber ertappt, daß sie

eigensinnig den Kopf zurückwarf. Alle beide taten ein paar Schritte nach

dem Gitter, wo ihr Wagen Halt gemacht hatte. Auf diesem schweigsamen

Gange betrachtete das junge Mädchen verstohlen das Gesicht ihres Vaters,

und ihre trotzige Miene verschwand allmählich. Der tiefe Schmerz, der

auf dieser zu Boden gesenkten Stirn ausgeprägt war, ging ihr sehr nahe.

»Ich verspreche Ihnen, mein Vater,« sagte sie mit sanfter Rührung,

»Victor nicht eher vor Ihnen zu nennen, als bis Sie sich von Ihren

Vorurteilen gegen ihn bekehrt haben.«

Der alte Herr sah seine Tochter erstaunt an. Ein paar Tränen traten aus

seinen Augen und rollten die gefurchten Wangen hinab. Er konnte Julie

nicht mitten unter diesen Menschen küssen, aber er drückte ihr liebevoll

die Hand. Als er in den Wagen stieg, waren alle schmerzlichen Gedanken,

die seine Stirn verfinstert hatten, entschwunden. Seine Tochter traurig

zu sehen, beunruhigte ihn nun weit mehr, als die unschuldige Freude,

deren Geheimnis Julie während der Parade unwissentlich verraten hatte.

* * * * *

In den ersten Märztagen des Jahres 1814 -- seit jener Parade vor dem

Kaiser war noch nicht ganz ein Jahr verflossen, da rollte eine Kalesche

auf der Chaussee, die von Amboise nach Tours führt. Als sie unter dem

grünen Dach von Nußbäumen hervorfuhr, das sich um die Post von Frillière

wölbt, zogen die Pferde mit solcher Schnelligkeit, daß der Wagen im

nächsten Augenblick schon die über die Cise gebaute Brücke, wo dieser

Fluß in die Loire mündet, erreichte und hier Halt machte.

Infolge der wilden Jagd, zu der ein junger Postillon auf Befehl seines

Herrn vier der kräftigsten Postpferde angetrieben hatte, war ein Strang

gerissen. So fügte es die Laune des Zufalls, daß die beiden Insassen der

Kalesche, aus dem Schlummer erwachend, Muße hatten, eine der schönsten

Landschaften zu betrachten, die man an den an Schönheiten reichen Ufern

der Loire finden kann.

Zur Rechten übersieht man auf einen Blick alle Krümmungen der Cise, die

sich wie eine silberne Schlange durch das Gras der Wiesen hinzieht, die

die ersten Triebe des Frühlings um diese Zeit smaragden färbten. Zur

Linken erscheint die Loire in all ihrer Herrlichkeit. Zahllose kleine

Stellen, wo ein etwas frischer Morgenwind Wirbel auftrieb, spiegelten

auf der weiten Wasserfläche, die dieser majestätische Strom entfaltet,

den Schimmer der Sonne wieder. Hier und dort reihen auf der ausgedehnten

Flut Inseln wie die einzelnen Teile eines Halsbandes sich aneinander. Am

Ufer breiten die schönsten Gefilde der Touraine, soweit das Auge reicht,

ihre Schätze aus. In der Ferne wird der Blick erst durch die Hügel von

Cher begrenzt, die in diesem Augenblick leuchtende Linien auf dem

durchsichtigen Azur des Himmels zogen. Durch das zarte Laub der Inseln

hindurch sieht man im Hintergrunde des Gemäldes Tours, das, wie Venedig,

mitten aus der Flut aufzusteigen scheint. Die Türme der alten Kathedrale

ragen in die Luft, wo sie sich an diesem Morgen in den phantastischen

Gebilden einiger weißen Wolken verloren.

Jenseits der Brücke, an der der Wagen angehalten hatte, sieht der

Reisende vor sich eine Kette von Felsen, die sich an der Loire entlang

bis nach Tours hinzieht. Eine Laune der Natur scheint sie dorthin

gestellt zu haben, um den Strom einzudämmen, dessen Wellen unaufhörlich

das Gestein aushöhlen -- ein Schauspiel, das stets das Staunen des

Reisenden erweckt. Der Flecken Vouvray liegt gleichsam eingezwängt in

die Schluchten und Gründe dieser Felsen, die vor der Cisebrücke ein Knie

bilden.

Die gewaltigen Krümmungen dieser zerrissenen Hügelkette sind von Vouvray

bis Tours von einer weinbauenden Bevölkerung bewohnt. An mehr als einer

Stelle sind die Häuser in drei Staffeln mitten zwischen die Felsen

eingebaut und durch gefahrvolle Stiegen, die in den Stein geschlagen

sind, miteinander verbunden. Über der Spitze eines Daches sieht man ein

Mädchen in rotem Rock in einen Garten laufen. Zwischen den Ranken und

Reben von Weinstöcken steigt der Rauch eines Schornsteins auf. Dörfler

arbeiten auf senkrechten Feldern. Auf einem abgerutschten Felsblock

sitzt eine alte Frau und spinnt in aller Ruhe unter den Blüten eines

Mandelbaums. Sie sieht auf die Reisenden zu ihren Füßen hinab und

lächelt über deren Angst. Die Risse im Boden machen ihr ebensowenig

Sorge wie die überhängenden Trümmer einer alten Mauer, die nur noch

durch die gewundenen Wurzeln eines Efeumantels vor dem völligen

Zusammenbruch bewahrt ist.

Die Hammerschläge von Küfern hallen in den Gewölben luftiger Keller.

Kurz, hier, wo die Natur dem Menschenfleiß Fuß zu fassen wehrt, ist die

Erde überall bebaut und fruchtbar. So läßt sich auch auf dem ganzen Lauf

der Loire nichts mit dem reichen Panorama vergleichen, das die Touraine

vor den Augen des Reisenden ausbreitet. Das dreifache Gemälde dieser

Szene, dessen Fülle hier kaum angedeutet worden ist, bietet der Seele

eines jener Bilder, die sie sich auf ewig ins Gedächtnis schreibt; und

wenn ein Poet sich daran erfreut hat, so träumt er oft davon, und im

Traume baut sich dann das Bild mit romantischen Effekten märchenhaft

auf.

In dem Augenblick, wo der Wagen an die Cisebrücke gelangte, tauchten

mehrere weiße Segel zwischen den Loireinseln auf und brachten noch mehr

Harmonie in diese harmonische Gegend. Die Weiden am Rande des Flusses

mischten ihren durchdringenden Duft in die würzige feuchte Brise. Die

Vögel zwitscherten ihre Liebeslieder; der eintönige Gesang eines

Ziegenhirten fügte eine Art Melancholie hinzu, und das Rufen von

Schiffern deutete auf reges Treiben in der Ferne. Leichter Dunst hing

launisch um die in der weiten Landschaft verstreuten Bäume und trug

zuletzt auch zu dem anmutigen Gesamtbild bei. Es war die Touraine in all

ihrer Herrlichkeit, der Lenz in all seiner Pracht. Dieser Teil

Frankreichs, der einzige, den die fremden Heere nicht behelligen

sollten, war um diese Zeit auch der einzige, der ruhig war. Man hätte

glauben können, die Invasion wagte sich nicht an ihn heran.

Ein Kopf mit einer Soldatenmütze sah zur Kalesche heraus, als sie die

Fahrt einstellte. Gleich darauf öffnete ein ungeduldiger Soldat selbst

die Tür und sprang auf die Straße, wie um den Postillon auszuzanken.

Aber als der Oberst Graf d'Aiglemont sah, mit welcher Geschicklichkeit

der Tourainer den zerrissenen Strang ausbesserte, beruhigte er sich. Er

kehrte zum Wagenschlag zurück und reckte die Arme, als seien sie ihm

eingeschlafen. Er gähnte, blickte über die Landschaft hin und legte die

Hand auf den Arm einer jungen Frau, die sorgsam in einen Pelz

eingewickelt war.

»Wach auf, Julie,« sagte er in heiserem Tone. »Sieh dir die Gegend an --

es ist herrlich hier.«

Julie reckte den Kopf zum Wagen heraus. Sie trug auf dem Kopfe eine

Kapuze von Marderfell, und der faltenreiche Pelz verhüllte ihre ganze

Gestalt so völlig, daß man nichts als ihr Gesicht sehen konnte. Julie

d'Aiglemont sah jetzt schon anders aus, als das junge Mädchen, das

einst, strahlend vor Glück und Freude, zu der Parade in den Tuilerien

geeilt war. Ihr noch immer zartes Gesicht hatte nicht mehr die rosige

Färbung, die ihm früher einen so herrlichen Glanz verliehen hatte. Ein

paar schwarze Locken, die sich durch die Feuchtigkeit der Nacht aus

ihrem Haar gelöst hatten, hoben das fahle Weiß ihres Gesichts, dessen

Lebhaftigkeit stumpf geworden zu sein schien, nur noch deutlicher

hervor. In ihren Augen brannte indessen ein unnatürliches Feuer; und

unter den Lidern zeigten sich auf den müden Wangen einige bläuliche

Töne.

Mit gleichgültigem Blick sah sie über die Gefilde von Cher, über die

Loire und ihre Inseln, über Tours und die weitgestreckten Felsen von

Vouvray hin. Ohne sich das entzückende Tal der Cise anzuschauen, lehnte

sie sich ins Innere des Wagens zurück und sagte mit einer Stimme, die in

dieser frischen Natur schwach und leblos klang: »Ja, großartig.«

Sie hatte, wie man sieht, zu ihrem Unglück ihren Willen gegen den Vater

durchgesetzt.

»Julie, möchtest du nicht gern hier leben?«

»O, hier oder anderswo,« antwortete sie gleichgültig.

»Ist dir nicht wohl?« fragte der Oberst d'Aiglemont.

»Nicht doch,« entgegnete die junge Frau mit augenblicklicher

Lebhaftigkeit.

Sie sah ihren Mann lächelnd an und setzte hinzu:

»Schlafen möchte ich.«

Plötzlich hörte man den Galopp eines Pferdes. Victor d'Aiglemont ließ

die Hand seiner Frau los und sah nach der Biegung hin, die die Straße an

dieser Stelle machte. Als Julie den Blick des Obersten nicht mehr auf

sich ruhen fühlte, verschwand der Ausdruck der Heiterkeit, den sie ihrem

blassen Gesicht gegeben hatte, wie wenn ein Licht aufgehört hätte, es zu

beleuchten. Sie hatte weder Lust, die Landschaft noch einmal zu

betrachten, noch verlangte sie danach, zu erfahren, wer der so ungestüm

einhergaloppierende Reiter wäre, sondern lehnte sich in die Ecke des

Wagens zurück, und ihr Blick blieb, ohne eine Spur von Gefühl zu

verraten, auf die Kruppen der Gäule geheftet. Sie sah ebenso

stumpfsinnig drein, wie etwa ein bretonischer Bauer, wenn er die Litanei

seines Pfarrers anhört.

Ein junger Mann auf einem kostbaren Pferde sprengte plötzlich aus einem

Wäldchen von Pappeln und blühendem Weißdorn hervor.

»Es ist ein Engländer,« sagte der Oberst.

»O, mein Gott ja, Herr General,« antwortete der Postillon. »Er gehört zu

der Rasse von Kerlen, die wie man sagt, Frankreich auffressen wollen.«

Der Unbekannte war einer von den Reisenden, die sich gerade auf dem

Festlande befanden, als Napoleon zur Strafe für die Verletzung des

Völkerrechts, die das Kabinett von Saint-James durch den Bruch des

Vertrags von Amiens begangen hatte, alle Engländer im Lande festhielt.

Der Willkür der kaiserlichen Macht ausgesetzt, blieben diese Gefangenen

nicht alle an den Orten, wo sie in Haft genommen wurden, noch in denen,

die sie sich im Anfang als Aufenthalt hatten wählen dürfen. Die Mehrzahl

derer, die in diesem Augenblick in der Touraine weilten, waren aus

verschiedenen Orten des Kaiserreichs, wo ihre Anwesenheit dem Interesse

der Kontinentalpolitik zu schaden schien, hierher versetzt worden. Der

junge Gefangene, der in diesem Augenblick in einem Ritt seine

morgendliche Langeweile spazieren führte, war ein solches Opfer

bürokratischer Macht.

Vor zwei Jahren hatte ein Befehl vom Ministerium des Äußern ihn aus dem

Klima von Montpelliers hinwegführt, wo er von einem Brustleiden Genesung

suchte. Diese Kur wurde nun durch den Bruch des Friedens unliebsam

beendet. In dem Augenblick, wo der junge Mann einen Militär in

d'Aiglemont erkannte, beeilte er sich, dessen Blicke zu vermeiden und

wandte ziemlich brüsk den Kopf nach den Wiesen der Cise hin.

»Alle Engländer sind unverschämt, als wenn ihnen der Erdball gehörte,«

murmelte der Oberst. »Glücklicherweise wird Soult sie in die Kandare

nehmen.«

Als der Gefangene an dem Wagen vorüberritt, warf er einen Blick hinein.

So flüchtig dieser Blick war, konnte er doch den melancholischen

Ausdruck bewundern, der dem Antlitz der Gräfin einen unbeschreiblichen

Reiz verlieh. Es gibt viele Männer, deren Herz schon durch den bloßen

Anblick einer leidenden Frau mächtig ergriffen wird. Für sie scheint der

Schmerz ein Beweis für Treue und Liebe zu sein. Julie sah starr auf ein

Kissen des Wagens und bemerkte weder das Pferd noch den Reiter.

Inzwischen war der Strang rasch, aber auch fest ausgebessert worden. Der

Graf nahm wieder Platz im Wagen. Der Postillon gab sich Mühe, die

versäumte Zeit einzuholen, und kutschierte in schneller Fahrt auf der

von überhängenden Felsen eingefaßten Chaussee hin. Dies war derjenige

Teil der Straße, wo die Weine Vouvrays reifen und wo in der Ferne die

berühmten Ruinen von Marmontier, dem Zufluchtsort des heiligen Martin,

auftauchen.

»Was will denn dieser spindeldürre Mylord von uns?« rief der Oberst, der

sich umsah und in dem Reiter, der von der Brücke aus dem Wagen gefolgt

war, den jungen Engländer erkannte.

Da jedoch der Unbekannte keinen Verstoß gegen Anstand und Höflichkeit

beging, wenn er auf der Chaussee spazieren ritt, so lehnte der Oberst

sich in die Wagenecke zurück und begnügte sich damit, dem Engländer

einen drohenden Blick zugeworfen zu haben. Allein trotz seiner

Voreingenommenheit entging es ihm nicht, daß das Pferd überaus schön war

und der Reiter sich sehr gut hielt.

Der junge Mann hatte eins jener ausgesprochen britischen Gesichter,

deren Teint so zart, deren Haut so sammetweich und weiß ist, daß man

manchmal glauben möchte, sie gehörten einem jungen Mädchen an. Seine

Kleidung war von der Zierlichkeit und Sauberkeit, die den Modestutzern

des fashionablen England eigentümlich ist. Man hätte meinen mögen, er

errötete beim Anblick der Gräfin mehr aus Verschämtheit als aus

Vergnügen.

Ein einziges Mal erhob Julie die Augen zu dem Fremden, und auch dazu

hatte sie gewissermaßen erst von ihrem Manne aufgefordert werden müssen.

Er sagte, sie solle sich doch mal die Beine eines echten Rassepferdes

ansehen. Da begegneten die Augen Juliens denen des schüchternen

Engländers. Von diesem Moment an ließ der Edelmann sein Pferd nicht mehr

im Schritt neben der Kalesche hergehen, sondern folgte in einiger

Entfernung. Die Komtesse beachtete den Unbekannten kaum. Sie hatte

keinen Blick für die Vollkommenheiten weder der Menschen- noch der

Pferderasse, die ihn und sein Tier auszeichnen mochten, und sank in die

Tiefe des Wagens zurück, nachdem sie nur flüchtig die Brauen

emporgezogen hatte, wie um dem Lobe ihres Mannes beizustimmen.

Der Oberst schlummerte wieder, und die beiden Gatten langten in Tours

an, ohne weiter ein Wort miteinander gewechselt zu haben. Den

entzückenden Landschaften und wechselnden Bildern, durch die die Fahrt

ging, widmete Julie keine Aufmerksamkeit. Mehrmals betrachtete Frau

d'Aiglemont ihren schlafenden Gatten. Beim letzten Blicke, den sie auf

ihn richtete, fiel infolge eines heftigen Rucks, den der Wagen machte,

ein Medaillon, das sie an einem Trauerbändchen um den Hals trug, in

ihren Schoß, und so sah sie plötzlich das Bild ihres Vaters vor sich.

Bei diesem Anblick stürzten die bisher zurückgehaltenen Tränen aus ihren

Augen. Vielleicht bemerkte der Brite die nasse, schimmernde Spur, die

diese Zähren auf einen Augenblick an den bleichen Wangen der Komtesse

hinterließen, doch an der Luft trocknete diese Spur schnell.

Graf d'Aiglemont reiste im Auftrage des Kaisers und hatte dem Marschall

Soult, der Frankreich gegen einen Einfall der Engländer in das

Königreich Navarra verteidigen sollte, wichtige Befehle zu überbringen.

Er benutzte seine Mission, um seine Frau der Gefahr zu entziehen, in der

damals Paris schwebte, und wollte sie nun zu einer alten Verwandten nach

Tours bringen. Binnen kurzem rollte die Kalesche über die Brücke hinweg,

hatte das Straßenpflaster von Tours unter sich und bog in die Grande Rue

ein, wo sie vor dem altertümlichen Hause der ehemaligen Marquise de

Listomere-Landon hielt.

Die Marquise de Listomere-Landon war eine jener alten, blassen,

weißhaarigen Frauen, die ein feines Lächeln haben, einen Reifrock tragen

und sich mit einer Haube von unbekannter Mode putzen. Die Porträts von

siebzigjährigen Damen aus dem Zeitalter Ludwigs XV. haben immer etwas

Wohltuendes an sich; es ist, als ob diese Frauen noch immer liebten. Sie

sind weniger fromm als gottergeben, und auch das nicht ganz so, wie es

den Anschein hat. Sie duften immer nach Puder +à la maréchale+, erzählen

hübsch, plaudern noch angenehmer und lachen über Anekdoten aus den alten

Zeiten weit herzlicher als über einen Witz. An der Gegenwart haben sie

kein Gefallen.

Als eine alte Kammerfrau der Gräfin (denn sie durfte ihren Titel bald

wieder führen) den Besuch eines Neffen meldete, den sie seit dem Anfang

des spanischen Feldzugs nicht mehr gesehen hatte, nahm sie die Brille ab

und klappte die »Galerie des alten Hofs« -- ihr Lieblingsbuch -- zu.

Dann setzte sie ihre alten Beine noch einmal in fast jugendliche

Bewegung und betrat gerade in dem Augenblick die Treppe, als die

Ehegatten die Stufen hinaufzusteigen begannen.

Tante und Nichte warfen sich einen raschen Blick zu.

»Guten Tag, liebe Tante,« rief der Oberst, umarmte die alte Dame und

küßte sie mit Hast. »Ich führe Ihnen da eine junge Dame zu, die Sie in

Ihre Obhut nehmen sollen. Ich vertraue Ihnen damit mein Kleinod an.

Meine Julie ist weder kokett noch eifersüchtig, sie ist ein Engel an

Sanftmut. -- Aber sie wird hier hoffentlich zum Schoßkindchen,« setzte

er hinzu, sich unterbrechend.

»Bösewicht!« antwortete die Marquise, ihm einen spöttischen Blick

zuwerfend.

Sie bot als erste mit einer gewissen liebenswürdigen Anmut Julien den

Mund zum Kusse. Die junge Frau stand nachdenklich da und schien mehr

neugierig als verlegen.

»Wir werden einander also näher kennen lernen, mein liebes Herz?« sagte

die Marquise. »Haben Sie nicht zuviel Angst vor mir. Im Umgang mit

jungen Leuten gebe ich mir alle Mühe, nicht alt zu sein.«

Ehe sie in den Salon traten, hatte schon die Marquise nach der in der

Provinz üblichen Sitte ein Frühstück für ihre Gäste bestellt; aber der

Graf gebot der Redseligkeit seiner Tante Einhalt, indem er ihr in

ernstem Tone mitteilte, er könne ihr nur so viel Zeit widmen, wie zum

Wechseln der Pferde nötig wäre.

Die drei Verwandten traten rasch in den Salon, und der Graf mußte sich

beeilen, um seine Tante von den politischen und militärischen

Ereignissen zu unterrichten, die ihn nötigten, für seine Frau bei ihr

Schutz zu suchen. Währenddessen blickte die Tante zwischen ihrem

fortwährend erzählenden Neffen und ihrer Nichte hin und her. Aus der

unerwünschten Trennung erklärte sie es sich, daß die letztere so blaß

und traurig aussähe. Sie machte dabei ein Gesicht, als wenn sie sagen

wollte: »Sieh, sieh! die jungen Leute scheinen sich sehr lieb zu haben.«

In diesem Augenblick vernahm man auf dem alten, schweigsamen Hofe,

zwischen dessen Pflaster schon Gras wucherte, das Knallen von Peitschen.

Viktor küßte noch einmal die Marquise und eilte hinaus.

»Leb wohl, meine Liebe,« sagte er zu seiner Frau, die ihm zum Wagen

gefolgt war, und gab ihr einen Kuß.

»Ach, Victor, laß mich noch weiter mitfahren,« antwortete sie in

zärtlichem Tone. »Ich möchte dich nicht verlassen.«

»Was denkst du denn?«

»Nun, wenn du es so haben willst, so leb' wohl,« versetzte Julie.

Der Wagen verschwand.

»Sie haben meinen armen Victor also sehr lieb?« fragte die Marquise ihre

Nichte und sah sie mit einem jener forschenden Blicke an, wie sie alte

Frauen gern auf junge richten.

»Ach, Madame,« antwortete Julie, »man muß wohl einen Mann lieben, wenn

man ihn heiratet.«

Diese Phrase wurde in einem Ton von Naivität ausgesprochen, der zu

gleicher Zeit ein ganz keusches Herz voll tiefer Geheimnisse verraten

konnte. Eine Frau, die die Freundin eines Duclos und eines Marschalls

Richelieu gewesen war, mußte sich bewogen fühlen, in das Geheimnis

dieser jungen Ehe einzudringen. Tante und Nichte standen in diesem

Augenblick auf der Torschwelle und sahen der davonfahrenden Kutsche

nach. Die Augen der Gräfin drückten nicht das aus, was die Marquise

unter Liebe verstand. Die gute Dame war eine Provençalin und in ihren

Gefühlen etwas überschwenglich gewesen.

»Sie haben sich also von meinem Taugenichts von Neffen ins Garn ziehen

lassen?« fragte sie ihre Nichte.

Die Gräfin zitterte unwillkürlich, denn in Blick und Ton der alten

Kokette schien sich eine tiefere Charakterkenntnis Victors zu verraten,

als sie vielleicht selbst besaß. In ihrer Unruhe nahm daher Frau

d'Aiglemont Zuflucht zu jener Art von Verstellung, die, so ungeschickt

sie ist, doch der einzige Ausweg naiver Herzen ist, wenn sie leiden.

Frau de Listomere gab sich mit Juliens Antworten zufrieden; aber sie

dachte mit Freude daran, daß ihre Einsamkeit von einem Liebesgeheimnis

erheitert werden könnte; denn sie war der Meinung, ihre Nichte habe

irgendeine amüsante Intrige angezettelt. Als Frau d'Aiglemont sich in

einem prächtigen Salon befand, dessen Tapeten mit Goldleisten eingefaßt

waren, und an einem großen Feuer saß, gegen die durch die Fenster

hereinziehende Kälte durch einen chinesischen Windschirm geschützt,

wollte die Traurigkeit nicht mehr von ihr weichen. Unter so altem

Getäfel, zwischen diesen Möbeln vom vorigen Jahrhundert konnte auch

schwerlich Heiterkeit aufkommen.

Dennoch machte es der jungen Pariserin Spaß, in diese tiefe Einsamkeit,

in die Stille der Provinz versetzt zu sein. Als sie ein paar Worte mit

ihrer Tante gewechselt, an die sie nur einmal als Jungvermählte einen

Brief geschrieben hatte, versank sie wieder in Schweigen, und man hätte

meinen mögen, sie lausche einer Opernmusik.

Erst nachdem sie zwei Stunden lang in einer der Trappisten würdigen

Stille dagesessen hatte, wurde sie sich bewußt, daß das eine große

Unhöflichkeit gegen ihre Tante sei. Sie erinnerte sich, daß sie ihr nur

sehr einsilbige Antworten gegeben hatte.

Die alte Dame hatte die Stimmung ihrer Nichte berücksichtigt, in jenem

feinen Taktgefühl, das die Leute der alten Zeit kennzeichnet. In diesem

Augenblick strickte die Greisin. Sie war allerdings auch ein paarmal

hinausgegangen, um in einem gewissen grünen Zimmer nachzuschauen, wo die

Komtesse schlafen sollte und wo die Dienstmädchen das Gepäck

unterbrachten. Dann nahm sie wieder Platz in einem großen Lehnstuhl und

musterte insgeheim die junge Frau. Julie schämte sich nun, daß sie sich

ihren unwiderstehlichen Grübeleien so ganz überlassen hatte, und

versuchte ein wenig darüber zu spötteln, um desto eher Verzeihung dafür

zu erlangen.

»Meine liebe Kleine, wir kennen den Schmerz von Witwen,« antwortete die

Tante.

Julie hätte vierzig Jahre alt sein müssen, um die Ironie zu verstehen,

die um die Lippen der alten Dame spielte.

Am andern Tage war die Komtesse besser gestimmt und plauderte viel. Frau

de Listomere verzweifelte nicht mehr daran, mit dieser jungen Gattin,

die sie erst für ein unzugängliches, blödes Wesen gehalten hatte, auf

vertrauten Fuß zu gelangen. Sie schwatzte mit ihr von den Freuden des

Landes, von Bällen und den Häusern, wo sie Besuche machen könnten.

Zuerst wies Julie alle Aufforderungen, außerhalb des Hauses Zerstreuung

zu suchen, zurück. Trotzdem die alte Dame sehnsüchtig danach verlangte,

sich mit ihrer schönen Nichte zu zeigen, gab sie es denn endlich auf,

sie der Gesellschaft der Stadt vorzustellen. In dem Kummer über den Tod

des Vaters, um den sie noch trauerte -- sie trug sogar noch

Trauerkleider -- hatte sie einen Vorwand gefunden für ihre Liebe zur

Einsamkeit und ihre stete Betrübnis.

Nach Verlauf von acht Tagen bewunderte die alte Dame Juliens engelhafte

Sanftmut, Bescheidenheit, Anmut und duldsamen Geist und interessierte

sich außerdem über die Maßen für die geheimnisvolle Melancholie, die

dieses junge Herz zu verzehren schien. Die Komtesse gehörte zu jenen

Frauen, die dazu geboren sind, liebenswürdig zu sein, und, wohin sie

auch gehen, Glück mit sich zu bringen scheinen. Ihre Gesellschaft wurde

der Marquise de Listomere so lieb und kostbar, daß sie schließlich in

ihre Nichte ganz vernarrt war und sich gar nicht mehr von ihr trennen

wollte.

Ein Monat genügte, so hatte sich zwischen ihnen eine ewige Freundschaft

gebildet. Nicht ohne Verwunderung bemerkte die alte Dame, daß sich in

den Gesichtszügen der Frau d'Aiglemont eine große Veränderung zu zeigen

begann. Die lebhafte Färbung, die an dem Antlitz aufgefallen war, verlor

sich allmählich, und es überzog sich mit einer matten Blässe. Während

Julie ihre jugendliche Blüte verlor, ließ zugleich auch ihre traurige

Stimmung nach. Mitunter erweckte die Greisin bei ihrer jungen Verwandten

Ausbrüche der Heiterkeit oder ausgelassenes Lachen, das aber bald wieder

von einem unzeitgemäßen Gedanken zurückgedrängt wurde. Sie erriet, daß

weder die Erinnerung an den Vater noch die Abwesenheit Victors der Grund

zu der tiefen Schwermut war, die einen Schleier über das Leben ihrer

Nichte warf. Und dann vermutete sie dahinter allerlei Arges, und es

wurde ihr schwer, auf die wahre Ursache des Übels zu kommen; denn die

Wahrheit finden wir vielleicht stets nur durch Zufall.

Endlich offenbarte Julie eines Tages den Augen der erstaunten Tante ein

neues Wesen: sie vergaß völlig die verheiratete Frau, zeigte alle

Naivität eines unbesonnenen Mädchens, einen Freimut, eine Kindlichkeit,

die eines Backfisches würdig waren, und all den zarten, manchmal so

tiefen Geist, der die junge Welt in Frankreich auszeichnet. Nun nahm

Frau de Listomere sich fest vor, die Geheimnisse dieser Seele zu

ergründen, deren Absonderlichkeit ebenso undurchdringlich schien wie das

Gemüt einer Meisterin der Verstellungskunst.

Es begann zu dunkeln, und die beiden Damen saßen vor einem Fenster, das

auf die Straße hinausging. Julie schaute wieder nachdenklich vor sich

hin, da ritt ein Herr vorüber.

»Auch einer von denen, die Sie auf dem Gewissen haben,« sagte die alte

Dame.

Frau d'Aiglemont sah ihre Tante halb verwundert, halb beunruhigt an.

»Es ist ein junger Engländer von Adel, Seine Ehren Arthur Ormond, der

älteste Sohn des Lord Grenville. Von ihm ist Interessantes zu berichten.

Im Jahre 1802 kam er nach Montpellier. Die Ärzte hatten ihn dorthin

geschickt, und er hoffte, in der Luft dieser Gegend Heilung eines

Brustleidens zu finden, dem er zu erliegen fürchtete. Wie alle seine

Landsleute, wurde er nun von Napoleon bei Ausbruch des Krieges hier

zurückgehalten. Dieses Ungeheuer muß ja fortwährend Krieg führen, das

geht nicht anders. Zu seiner Zerstreuung hat nun der junge Brite

angefangen, seine Krankheit, die man für tödlich hielt, zu studieren.

So hat er allmählich Gefallen an Anatomie und Arzneikunde gefunden. Er

ist nun ganz vernarrt in diese Künste, was bei einem Manne von Stand

etwas Außergewöhnliches ist. Freilich, der Regent hat sich ja auch mit

Chemie befaßt. Kurz, Arthur hat erstaunliche Fortschritte gemacht --

selbst die Professoren von Montpellier haben sich darüber gewundert. Das

Studium hat ihn über sein unfreiwilliges Exil hinweggetröstet, und

gleichzeitig hat er sich gründlich ausgeheilt. Man sagt, er habe zwei

Jahre lang fast gar nicht gesprochen, sehr behutsam geatmet und in einem

Stalle geschlafen. Getrunken hat er nur die Milch einer Kuh, die er sich

aus der Schweiz hat kommen lassen, und gegessen hat er fast nichts als

Kresse. Seit er in Tours weilt, hat er mit niemand verkehrt; er ist

stolz wie ein Pfau -- aber Sie haben es ihm wahrscheinlich angetan, denn

meinetwegen reitet er gewiß nicht zweimal täglich unter unsern Fenstern

vorüber. Das macht er erst, seit Sie hier sind. Sicherlich ist er

verliebt in Sie.«

Diese Worte erweckten die Komtesse wie aus einem verzauberten Schlummer.

Ein Lächeln, eine Handbewegung entschlüpften ihr, über die die Marquise

erstaunt war. Anstatt jene unbewußte Befriedigung zu verraten, die

selbst die strengste Frau empfindet, wenn sie erfährt, sie mache einen

Mann unglücklich, blieb Juliens Blick matt und kalt. Ihr Gesicht drückte

einen an Abscheu grenzenden Widerwillen aus. Es lag darin aber nicht die

Geringschätzung, mit der eine liebende Frau sich über die ganze Welt

hinwegsetzt, zugunsten eines einzigen Wesens; nein, Julie glich in

diesem Augenblick einer Person, in der die allzu frische Erinnerung an

eine Gefahr noch nicht ganz verheilt ist. Die Tante war schon fest

überzeugt gewesen, daß Julie ihren Neffen nicht liebe -- doch nun

entdeckte sie zu ihrer Verblüffung, daß sie überhaupt niemand liebte.

Mit Zittern wurde sie sich klar darüber, daß sie in Julie ein aus allen

Himmeln herabgestürztes Wesen erkennen müsse, die an einem Tage,

vielleicht in einer Nacht, vollauf erkannt habe, was für eine Null sie

zum Manne hatte.

»Sie kennt ihn -- es ist nicht anders,« dachte sie, »und nun wird mein

Neffe bald auch die Schattenseiten der Ehe kennen lernen.«

Sie nahm sich nun vor, Julie für die monarchischen Lehren zu gewinnen,

die im Jahrhundert Ludwigs XV. gegolten hatten. Aber ein paar Stunden

später erkannte oder vielmehr erriet sie die in der Welt ziemlich

häufige Stimmung, aus der Juliens Melancholie entsprang.

Plötzlich nachdenklich geworden, zog Julie sich früher, als sie es sonst

pflegte, zurück. Als die Kammerfrau ihr beim Entkleiden behilflich

gewesen war und sie dann allein gelassen hatte, blieb Julie, statt zu

Bett zu gehen, vorm Kamin sitzen, auf einem Ruhebett von gelbem Sammet,

einem altertümlichen Möbel, das betrübten wie glücklichen Menschen eine

gleich behagliche Stätte bot. Sie weinte, seufzte, sann nach; dann

rückte sie einen kleinen Tisch heran, suchte Papier und begann zu

schreiben. Die Stunden vergingen rasch; Julie schüttete in diesem Briefe

ihr Herz ans, doch schien ihr das nicht leicht zu fallen; jeder Satz

führte endlose Träumereien herbei, und plötzlich brach sie in Tränen aus

und hielt inne.

In diesem Augenblick schlug die Uhr zwei. Der Kopf war ihr schwer, wie

der einer Sterbenden, und das Kinn sank auf die Brust. Als Julie aufsah,

erblickte sie ihre Tante, die so plötzlich aufgetaucht war, als sei sie

aus den über die Wände gespannten Tapeten herausgetreten.

»Was haben Sie denn, meine Kleine?« fragte die Tante. »Warum so lange

wach bleiben, und vor allem warum einsame Tränen vergießen? In Ihrem

Alter?«

Sie setzte sich ohne Umstände neben ihre Nichte und verschlang mit den

Blicken den angefangenen Brief.

»Haben Sie an Ihren Mann geschrieben?«

»Weiß ich denn, wo er steckt?« antwortete die Komtesse.

Die Tante nahm das Blatt und las es. Sie hatte mit Vorbedacht die Brille

mitgebracht. Das unschuldige Geschöpf überließ ihr den Brief, ohne den

geringsten Einspruch zu erheben. Wenn sie so alle Willenskraft vergaß,

so war das weder ein Mangel an Frauenwürde, noch ein Gefühl geheimer

Schuld; nein, ihre Tante hatte sie hier in einem jener kritischen

Momente überrascht, wo das Gemüt sich keinen Rat weiß, wo alles einerlei

ist, das Gute und das Böse, die Verschwiegenheit und die Offenbarung.

Gleich einem jungen tugendsamen Mädchen, das einen Liebhaber mit

Verachtung überhäuft, am Abend aber sich ein Herz wünscht, dem es seinen

Kummer anvertrauen kann, ließ Julie es ohne ein Wort der Gegenrede zu,

daß das Siegel verletzt wurde, mit dem für jeden taktvollen Menschen ein

offener Brief versehen ist, und sah nachdenklich zu, wie die Marquise

las:

»Meine liebe Luise! Warum mahnst Du mich so oft um Erfüllung des

unklügsten Versprechens, das zwei unwissende junge Mädchen sich geben

konnten? Du fragst Dich oft, schreibst Du, warum ich seit sechs Monaten

auf Deine Fragen nicht geantwortet hätte? Wenn Du mein Schweigen nicht

verstanden hast, so wirst Du die Ursache wohl heute erraten, wenn Du

die Geheimnisse vernimmst, die ich Dir offenbaren werde. Ich hätte sie

auf ewig in der Tiefe meines Herzens begraben, wenn Du mich nicht von

Deiner bevorstehenden Verheiratung benachrichtigt hättest. Du willst

also heiraten, Luise. Bei diesem Gedanken zittere ich. Arme Kleine,

heirate. Nach wenigen Monaten wirst Du nur noch mit bitterstem Schmerz

Dich dessen erinnern, was wir einstmals gewesen sind, als wir eines

Abends in Ecouen alle beide unter die größten Eichen des Berges gegangen

waren und das schöne Tal zu unseren Füßen betrachteten, die Strahlen der

untergehenden Sonne bewunderten, deren Glanz uns umgab. Wir setzten uns

auf einen Steinblock und verfielen in eine Verzückung, auf die die

sanfteste Melancholie folgte. Du als erste fandest, diese ferne Sonne

spräche uns von der Zukunft. Wir waren gar neugierig und närrisch

damals. Erinnerst Du Dich all unserer Überschwenglichkeiten? Wir küßten

uns -- wie zwei, die sich lieben. Wir gelobten uns, daß, wer sich zuerst

verheiraten würde, der anderen getreu die Geheimnisse der Ehe, die

Freuden, die unsere kindliche Seele sich so köstlich ausmalte, berichten

solle. Mit dem Hochzeitsabend wird Deine Verzweiflung beginnen, Luise.

Zu jener Zeit warst Du jung, schön, sorglos, wohl auch glücklich. Man

wird Dich in wenigen Tagen zu dem machen, was ich jetzt bin: häßlich,

leidend und alt. Wenn ich Dir sagte, wie stolz, wie eitel, wie froh ich

war, den Oberst Victor d'Aiglemont zu heiraten, so würde das Torheit

sein. Und doch, wie soll ich es Dir schildern? Ich erinnere mich meiner

selbst nicht mehr. In wenigen Augenblicken war meine Kindheit für mich

zum fernen Traum geworden. Mein Benehmen am Hochzeitstage, mit dem eine

Verbindung geweiht wurde, deren Tragweite mir nicht bewußt war, hat

Anstoß erregt. Mein Vater hat mehrmals versucht, meine Heiterkeit

einzuschränken, denn ich bekundete eine Freude, die man unpassend fand,

und in dem, was ich alles zusammenschwatzte, fand man Durchtriebenheit,

und zwar gerade deshalb, weil ich mir gar nichts Arges dabei dachte. Mit

dem Brautschleier, mit dem Kleide und mit den Blumen trieb ich tausend

Kindereien. Als ich am Abend in dem Zimmer allein war, wohin man mich

mit Pomp geleitet hatte, sann ich nach, mit welchem Schelmenstreich ich

wohl Victor necken könnte. Und während ich seiner harrte, schlug mein

Herz so heftig, wie ehemals an den Silvesterabenden, wenn ich insgeheim

in den Salon schlüpfte, wo die Geschenke ausgelegt waren. Als mein Mann

hereinkam und mich suchte, da war das erstickte Lachen, das ich aus

meinem Versteck unter einem Berg von Musselin hören ließ, ach, der

letzte Ausbruch der holden Fröhlichkeit, die die Tage unserer Kindheit

vergoldete ...«

Als die Matrone den Brief gelesen hatte, der nach einem solchen Anfang

wohl noch traurigere Bemerkungen aufnehmen sollte, legte sie langsam die

Brille auf den Tisch, legte auch den Brief wieder hin und heftete auf

ihre Nichte zwei grüne Augen, deren klares Feuer durch das Alter noch

nicht geschwächt worden war.

»Meine Kleine,« sagte sie, »eine verheiratete Frau kann, ohne den

Anstand zu verletzen, nicht gut so etwas an ein junges Mädchen

schreiben ...«

»Das dachte ich auch schon,« antwortete Julie, ihre Tante unterbrechend,

»und ich schämte mich vor mir selbst, als Sie es lasen ...«

»Wenn uns bei Tische eine Speise nicht zusagt, so brauchen wir sie doch

niemand anderm zu verekeln, mein Kind,« fuhr die Alte gutgelaunt fort,

»und das Heiraten ist doch von Eva an bis zu uns herab immer für was

ganz Herrliches gehalten worden ... Haben Sie keine Mutter mehr?« fragte

die alte Frau.

Die Komtesse zitterte, dann hob sie sanft den Kopf und sagte:

»Seit einem Jahr habe ich mehr als einmal bedauert, daß meine Mutter

nicht mehr am Leben ist; aber es war unrecht von mir, daß ich auf die

Warnungen meines Vaters nicht gehört habe. Er wollte Victor nicht zum

Schwiegersohne.«

Sie sah ihre Tante an, und ein Schauer der Freude trocknete ihre Tränen,

als sie den Ausdruck von Güte bemerkte, der dieses alte Gesicht belebte.

Sie streckte ihre junge Hand der Marquise hin, die sich ihrer so

liebreich anzunehmen schien, und als ihre Finger sich drückten, da war

das Einverständnis zwischen diesen beiden Frauen vollständig.

»Arme Waise!« setzte die Tante hinzu.

Dieses Wort berührte Julie, als wenn ein letzter Lichtstrahl auf sie

fiele. Sie glaubte noch einmal die prophetische Stimme ihres Vaters zu

vernehmen.

»Ihre Hände sind fieberheiß! Ist das immer der Fall?« fragte die Alte.

»Seit sechs oder acht Tagen hat das Fieber mich nicht mehr verlassen,«

antwortete sie.

»Und Sie haben mir das verheimlicht?«

»Ich hab's ja schon ein Jahr lang,« sagte Julie mit einer Art

schamhafter Angst.

»Also, mein kleiner, guter Engel,« fuhr die Tante fort, »ist die Ehe

für Sie bisher nur ein fortgesetzter Schmerz gewesen?«

Die junge Frau wagte nicht zu antworten, aber sie machte eine bejahende

Gebärde, die all ihr Leid verriet.

»Sie sind also unglücklich?«

»O, nein, meine Tante. Victor liebt mich bis zur Vergötterung, und auch

ich bete ihn an, er ist so gut.«

»Ja, lieb haben Sie ihn, aber Sie fliehen ihn dennoch, nicht wahr?«

»Ja -- bisweilen -- er sucht mich zu oft --«

»Wenn Sie allein sind, beunruhigt Sie dann nicht oft die Furcht, er

könne kommen und Sie überraschen?«

»Ach, gewiß, meine Tante. Aber ich habe ihn sehr lieb, das versichere

ich Ihnen.«

»Klagen Sie sich nicht insgeheim an, Sie verständen nicht, an dem, was

ihn erfreut, Freude zu finden, oder Sie seien dessen nicht fähig? Denken

Sie manchmal nicht, die legitime Liebe sei härter zu ertragen, als

vielleicht eine strafbare Leidenschaft?«

»O, das ist's,« sagte sie weinend. »Sie erraten alles -- wo doch für

mich alles ein Rätsel ist. Meine Sinne sind betäubt, ich kann nicht

denken, ja ich lebe kaum noch. Meine Seele ist von einer unbestimmten

Furcht bedrückt, die meine Gefühle zu Eis wandelt und mich in beständige

Lethargie versenkt. Ich bin ohne Stimme, mich zu beklagen, und ohne

Worte, meinen Schmerz auszudrücken. Ich leide, und schäme mich doch zu

leiden, wenn ich Victor so glücklich sehe in dem, was mich tötet.«

»Kindereien, Albernheiten all das!« rief die Tante, deren vertrocknetes

Gesicht sich plötzlich unter einem fröhlichen Lächeln belebte -- einem

Abglanz ihrer Jugendzeit.

»Und auch Sie -- Sie lachen!« sagte die junge Frau in Verzweiflung.

»Ich bin ebenso gewesen,« antwortete die Marquise schlagfertig. »Sind

Sie nicht jetzt, wo Victor Sie allein gelassen hat, wieder junges

Mädchen und ruhig geworden? Ein junges Mädchen, das keine Liebesfreude

mehr hat, aber auch kein Liebesleid?«

Julie machte große, fast stumpfsinnige Augen.

»Nun ja doch, mein Engel, Sie beten Victor an, nicht wahr? Aber Sie

möchten weit lieber seine Schwester als seine Frau sein, und das

Eheleben ist eben gar nicht Ihr Fall?«

»Nun denn -- ja, Tante. Aber warum lächeln Sie dazu?«

»O, Sie haben recht, mein armes Kind. All das ist nicht zum Spaßen. Ihre

Zukunft würde Ihnen mehr als ein Unglück bescheren, wenn nicht ich Sie

unter meine Obhut nähme, und wenn meine langjährige Erfahrung mich nicht

die ganz unschuldige Ursache Ihres Kummers hätte erraten lassen. Mein

Neffe hat sein Glück nicht verdient, der Tropf! Unter der Regierung

unseres vielgeliebten fünfzehnten Ludwig würde eine junge Frau in Ihrer

Lage den Gatten bald bestraft haben, wenn er sich wie ein ungeschlachter

Landsknecht benommen hätte! Der Egoist! Die Soldaten dieses kaiserlichen

Tyrannen sind durch die Bank unwissende Bösewichter! Sie halten

Brutalität für Galanterie; sie kennen die Frauen nicht mehr und

verstehen nicht zu lieben. Sie glauben, die Aussicht, doch bald in den

Tod zu gehen, entbände sie von Rücksicht und Aufmerksamkeiten gegen uns.

Früher wußte man ebenso gut zu lieben wie zu sterben -- beides zu

gleicher Zeit. Meine Nichte, ich werde Ihnen den Mann erziehen. Ich

werde dem traurigen, doch ganz natürlichen Mißstand ein Ende machen.

Wenn das so weiterginge, würden Sie einander schließlich hassen und die

Scheidung herbeiwünschen, sofern Sie nicht daran sterben, ehe es zu

diesem verzweifelten Ende kommt.«

Julie hörte ihrer Tante mit Erstaunen, ja wie betäubt, zu, verwundert,

Worte zu vernehmen, deren Richtigkeit von ihr mehr geahnt als eingesehen

wurde, und ganz entsetzt, aus dem Munde einer vielerfahrenen Verwandten,

nur in milderer Gestalt, den gleichen Einwand wiederzuhören, den ihr

Vater gegen Victor erhoben hatte. Sie hatte vielleicht eine lebhafte

Ahnung dessen, was ihr bevorstände, und empfand ohne Zweifel schon die

Last des Unglücks, das sie bedrücken sollte, denn sie vergoß Tränen und

warf sich in die Arme der alten Dame mit den Worten:

»Seien Sie mir Mutter!«

Die Frau von dreißig Jahren · 第 6 / 14 题