A. Weichert Verlag Berlin

Sämtliche Rechte vorbehalten

Printed in Germany -- Druck von A. Weichert Berlin

Einleitung.

Wenn man die bedeutendsten Erzählungskünstler der verschiedenen

Literaturen aufzählt, wird der Name Balzac mitgenannt werden. Seinen

ganz besondern und festen Platz in der Weltliteratur hat er jedoch als

Begründer und erster Meister des realistischen Romans und damit als

Schöpfer einer ganz neuen Kunstform, die später Zola ausbaute und zum

künstlerischen System erhob. »Balzacs Realismus war jedoch weit davon

entfernt, ein so brutaler zu sein, wie derselbe später geworden ist.

Denn mit scharfsichtiger Beobachtung der Wirklichkeit und ihrer

Bedürfnisse und Forderungen, mit der unerbittlichen Anatomie des

Menschenherzens, insbesondere des weiblichen, verband Balzac eine

äußerst reiche, regsame Phantasie, welche ihn davor bewahrte, bloße

Photographien in Worten zu liefern, wie mehr als einer seiner Nachahmer

später getan hat. Die besseren seiner psychologischen Dramen -- als

solche können seine Romane bezeichnet werden -- müssen zu den

eigenartigsten Hervorbringungen der europäischen Literatur des

neunzehnten Jahrhunderts gezählt werden.« -- --

»Wenn man die trocknen, widerlichen Register liest, welche die

Geschichte genannt werden, so bemerkt man, daß die Schriftsteller aller

Länder und Zeiten vergessen haben, uns die Geschichte der Sitten zu

liefern. Diese Lücke will ich, soweit es in meinen Kräften steht,

ausfüllen. Ich will das Inventar der Leidenschaften, Tugenden und Laster

der Gesellschaft aufstellen, durch das Zusammendrängen der

gleichartigen Charaktere Typen geben und mit Mühe und eiserner Ausdauer

über das Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts das Buch schreiben, das

uns Rom, Athen, Tyrus, Memphis, Persien und Indien leider nicht

hinterlassen haben.« Mit diesen Worten leitet er den großen Romanzyklus

ein, dem er den Gesamttitel »Menschliche Komödie« gab. Als

Sittenschilderer und Kulturhistoriker der genannten Zeitepoche mußte er

natürlich zu einem pessimistischen und ausgeprägt materialistischen

Ergebnis kommen. Wir sehen daher in seinen Werken fast durchweg den

Hunger nach Reichtum als die treibende Kraft wirken. Die Losung der

modernen Welt ist nicht die Liebe, sondern das Gold. Der Glaube an den

Mammon, die Zuversicht auf die Macht der Millionen sind der einzige

Idealismus der Balzacschen Helden, und ohne Zweifel hat der Dichter

selbst diesem Glaubensbekenntnis gehuldigt, so furchtbar und

unerbittlich auch dieser Durst nach Gold sich uns in seinen Werken

darstellt.

Seinen Ausgang nahm Balzac jedoch von der Romantik, und selbst das

vorliegende Werk, das neben die modernsten Seelenschilderungen gestellt

werden kann, steht mit einem Fuß auf dem Boden der Romantik. Die

phantastische Liebe des Engländers zu der Heldin hat allen Duft des

»blauen Blümleins« an sich, so realistisch nachher auch das Ende ist.

Das mysteriöse Erscheinen des politischen Mörders und Seeräubers im

vorletzten Teil ist Romantik reinsten Wassers, und das Kapitel auf dem

Korsarenschiff selbst erinnert sogar an Eugen Sue oder an Dumas. Dennoch

kann man gerade dem fast übersinnlichen Lord Grenville, der jahrelang

einer idealen Liebe treu bleibt, die Lebenswahrheit nicht absprechen.

Dieser sonderbare Schwärmer ist mit bewundernswerter Konsequenz

gezeichnet, und trotz allen romantischen Anhauchs eine überaus

interessante Gestalt. Der Gegenstand seiner Liebe, die Heldin des

Romans, ist eine köstliche Probe für Balzacs Seelenmalerei und vor allem

für Balzacs Art, Frauen zu schildern. Er unterscheidet sich in dieser

Art, zarte, reine Frauen zu zeichnen, höchst vorteilhaft von einer

großen Zahl französischer Schriftsteller, die das Weib als Ausbund von

Sinnlichkeit, Leichtsinn und Unbeständigkeit darzustellen pflegen. Mit

dieser >Frau von dreißig Jahren< entdeckte er gewissermaßen den

Frauentypus für alle seine Romane und eroberte sich damit gleichzeitig

die dauernde Gunst der weiblichen Lesewelt; auch dem deutschen Leser

wird er durch seine Auffassung der weiblichen Seele zum sympathischsten

der französischen Sittenschilderer der neueren Literatur.

Honoré de Balzac wurde am 20. Mai 1799 in Tours geboren, erhielt seine

Erziehung auf dem Gymnasium zu Vendôme und in Paris, wurde dann

Schreiber bei einem Notar und versuchte schon ziemlich früh, sich ganz

auf eigene Füße zu stellen. Von Geburt zum Adel gehörend, fehlten ihm

doch die Mittel dieser Gesellschaftsklasse, und er sah sich zu harter

Arbeit gezwungen. Zuerst machte er sich allerlei kaufmännische

Unternehmungen, buchhändlerische Pläne, Spekulationen in Bergwerken und

Bodenkultur, viele große Ideen, auf die er stolz war und die sich doch

nicht durchführen ließen -- das war das Programm der ersten Zeit, das

mit einem großen Fiasko endigte und ihn zu einem ständigen Klienten des

Gerichtsvollziehers machte. Dann legte er sich auf die Schriftstellerei,

doch zuerst auch ohne Erfolg. Mit dem Erscheinen des »Chouan« im Jahre

1829 wurde er ein berühmter Mann, und von nun an schrieb er mit großem

Fleiß und wachsendem Glück (einmal dreißig Bände in drei Jahren).

Während seines arbeitsreichen Lebens verfaßte er neunzig Romane und

Novellen, die zusammen 120 Bände bilden. Aber zu Reichtum brachte er es

dennoch wohl nicht; denn obwohl er viel Geld durch seine Werke

verdiente, gab er auch mit ebensolcher Leichtigkeit Riesensummen aus,

der Luxus war ihm zum Leben unentbehrlich. Seltsamerweise hatte er dabei

die Angewohnheit, sich während der Arbeit in ein härenes Gewand zu

kleiden, das durch einen Strick um den Leib zusammengehalten wurde. Im

Leben war er Freund des Aufwandes und der Genüsse, in der Arbeit tat er

den Mantel der Aszese an. Das war bei ihm nicht so ganz äußerlich, wie

es auf den ersten Blick erscheint; denn in seinen Werken ist er über

allen Tand der Welt erhaben und kritisiert scharf und vernichtend alle

Leerheit des Lebens, alle Albernheiten des Menschengeschlechts, alle

Nichtigkeit der Gesellschaft. Die größte Zeit seines Lebens brachte er

in Paris zu -- seine Gattin, eine Frau von Hanska und geborene Gräfin

Eveline Rzewuska holte er sich aus Rußland -- doch schon im Jahre seiner

Verheiratung (1850) starb er. Als seine Hauptwerke gelten: »Physiologie

der Ehe«, »Der Chouan«, »Der Chagrin«, »Die Frau von dreißig Jahren«,

»Die Lilie im Tal«, »Die Erforschung des Absoluten«, »Cäsar Birotteau«,

»Eugenie Grandet«, »Vater Goriot«, »Ein Junggesellenheim« und sein

letzter Roman »Die armen Verwandten«. Sein Theaterstück »Mercadet«

erscheint noch heute hin und wieder auf der Bühne.

+W. H.+

Die Frau von dreißig Jahren · 第 5 / 14 题