die Wut meiner Feinde gestiegen war, und wie gewiß sie sich des Erfolgs
hielten, ließ mir keine Hoffnung übrig, die ihrige zu Schanden zu machen.
Denn alle meine vermeinten Freunde, bis auf wenige, deren guter Wille ohne
Vermögen war, hatten, so bald sie mich vom Glück verlassen sahen, mich
auch verlassen; andere, welche zwar von dem Unrecht, das mir angetan wurde,
überzeugt waren, hatten den Mut nicht, sich für eine Sache, welche sie
nicht unmittelbar anging, in Gefahr zu setzen; und der einzige, dessen
Charakter, Ansehen und Freundschaft mir vielleicht hätte zu statten kommen
können, befand sich seit einiger Zeit am Hofe des jungen Dionysius zu
Syracus. Ich gestehe, daß ich, so lange die ersten Bewegungen dauerten,
mein Unglück in seinem ganzen Umfang fühlte. Für ein redliches, und
dabei noch wenig erfahrnes Gemüt ist es entsetzlich zu empfinden, daß man
sich in seiner guten Meinung von den Menschen betrogen habe, und sich zu
der abscheulichen Wahl genötiget zu sehen, entweder in einer beständigen
Unsicherheit vor der Schwachheit der einen, und vor der Bosheit der andern
zu leben, oder sich gänzlich aus ihrer Gesellschaft zu verbannen. Aber
die Kleinmütigkeit, welche eine Folge meiner ersten melancholischen
Betrachtungen war, dauerte nicht lange. Die Erfahrungen, die ich seit
meiner Versetzung auf den Schauplatz einer größern Welt, in so kurzer Zeit
gemacht hatte, weckten die Erinnerungen meiner glücklichen Jugend in
Delphi mit einer Lebhaftigkeit wieder auf, worin sie sich mir unter dem
Getümmel des Städtischen und politischen Lebens niemals dargestellt hatten.
Die Bewegung meines Gemüts, die Wehmut, wovon es durchdrungen war, die
Gewißheit, daß ich in wenigen Tagen von allen den Gunstbezeugungen, womit
mich das Glück so schnell, und mit solchem übermaß überschüttet hatte,
nichts, als die Erinnerung, die uns von einem Traum übrig bleibt, und von
allem, was ich mein genannt hatte, nichts als das Bewußtsein meiner
Redlichkeit, aus Athen mit mir nehmen würde; setzten mich auf einmal
wieder in diesen glückseligen Enthusiasmus, worin wir fähig sind, dem
äußersten, was die vereinigte Gewalt des Glücks und der menschlichen
Bosheit gegen uns vermag, ein standhaftes Herz und ein heiters Gesicht
entgegen zu stellen. Der unmittelbare Trost, den meine Grundsätze über
mein Gemüt ergossen, die Wärme und neubeseelte Stärke die sie meiner Seele
gaben, überzeugten mich von neuem von ihrer Wahrheit. Ich verwies es der
Tugend nicht, daß sie mir den Haß und die Verfolgungen der Bösen zugezogen
hatte; ich fühlte, daß sie sich selbst belohnt. Das Unglück schien mich
nur desto stärker mit ihr zu verbinden; so wie uns eine geliebte Person
desto teurer wird, je mehr wir um ihrentwillen leiden. Die Betrachtungen,
auf welche mich diese Gesinnungen leiteten, lehrten mich, wie geringhaltig
auf der Waage der Weisheit, alle diese schimmernden Güter sind, welche ich
im Begriff war, dem Glück wieder zurückzugeben, und wie wichtig diejenige
seien, welche mir keine republikanische Kabale, kein Dekret des Volks zu
Athen, keine Macht in der Welt nehmen konnte. Ich verglich meinen Zustand
in der höchsten Flut meines Glückes zu Athen mit der seligen Ruhe des
kontemplativen Lebens, worin ich in einer glücklichen Unwissenheit des
glänzenden Elends und der wahren Beschwerden einer beneideten Größe, meine
schuldlose Jugend hinweggelebt; worin ich meines Daseins, und der innern
Reichtümer meines Geistes, meiner Gedanken, meiner Empfindungen, der
eigentümlichen und von aller äußerlichen Gewalt unabhängigen Wirksamkeit
meiner Seele froh geworden war,--und glaubte bei dieser Vergleichung,
alles gewonnen zu haben, wenn ich mich, mit freiwilliger Hingabe der
Vorteile, die mir indessen zugefallen waren, wieder in einen Zustand
zurückkaufen könnte, den mir meine Einbildungskraft mit ihren schönsten
Farben, und in diesem überirdischen Lichte, worin er dem Zustande der
himmlischen Wesen ähnlich schien, vormalte. Der Gedanke, daß diese
Seligkeit nicht an die Haine von Delphi gebunden sei, daß die Quellen
davon in mir selbst lägen, und daß eben diese vermeintlichen Güter, welche
mir mitten in ihrem Genuß so viel Unruhe zugezogen, und mich in einem
immerwährenden Wirbel von mir selbst hinweggerissen hatten, die einzigen
Hinternisse meines wahren Glücks gewesen seien.--Dieser Gedanke setzte
mich in eine Entzückung, die mich, zum Erstaunen meiner wenigen noch
übriggebliebenen Freunde, gegen alle Bitterkeiten meines widrigen
Schicksals unempfindlich machte; und dieses ging zuletzt so weit, daß ich
nach dem Tage meiner Verurteilung ganz ungeduldig wurde.
Allein eben diese Denkart, welche mir so viel Gleichgültigkeit gegen den
Verlust meines Ansehens und Vermögens gab, machte, daß ich das Betragen
der Athenienser in einem moralischen Gesichtspunkt ansah, aus welchem es
mir Abscheu und Ekel erweckte. Meine Feinde schienen mir durch die
Leidenschaften, von denen sie getrieben wurden, einigermaßen entschuldiget
zu sein: Aber das Volk, welches bei meinem Umsturz nichts gewann, welches
so viele Ursachen hatte, mich zu lieben, welches mich wirklich so sehr
geliebt hatte, und itzt durch eine bloße Folge seiner Unbeständigkeit und
Schwachheit, ohne selbst recht zu wissen, warum, sich dummer Weise zum
Werkzeug fremder Leidenschaften und Absichten machen ließ; dieses Volk
wurde mir so verächtlich, daß ich kein Vergnügen mehr an den Gedanken fand,
ihm Gutes getan zu haben. Diese Athenienser, die auf ihre Vorzüge vor
allen andern Nationen der Welt so eitel waren, stellten sich meiner
beleidigten Eigenliebe, als ein abschätziger Haufen blöder Toren dar, die
sich von einer kleinen Rotte verschmitzter Spitzbuben bereden ließen, weiß
für schwarz anzusehen; die bei aller Feinheit ihres Geschmacks, wenn es
darauf ankam, über die Versifikation eines Trinklieds, oder die Füße einer
Tänzerin zu urteilen, weder Kenntnis noch Empfindung von Tugend und wahrem
Verdienst hatten; die bei der heftigsten Eifersucht über ihre Freiheit,
niemals größere Sklaven waren, als wenn sie ihr schimärisches Palladium am
tapfersten behauptet haben; die sich jederzeit der Führung ihrer
übelgesinntesten Schmeichler mit dem blindesten Vertrauen überlassen, und
nur in ihre tugendhaftesten Mitbürger, in ihre zuverlässigsten Freunde,
das größeste Mißtrauen gesetzt hatten. Sie verdienen es, sagte ich zu mir
selbst, daß sie betrogen werden; aber diesen Triumph sollen sie nicht
haben, zu erleben, daß Agathon sich vor ihnen demütige. Sie sollen fühlen,
was für ein Unterschied zwischen ihm und ihnen ist; sie sollen fühlen,
daß er nur desto größer ist, wenn sie ihm alle diese kindischen Zieraten
von Flittergold, womit sie ihn, wie Kinder, eine auf kurze Zeit geliebte
Puppe, umhängt haben wieder abnehmen; und eine zu späte Reue soll sie
vielleicht in kurzem lehren, daß Agathon ihrer leichter, als sie des
Agathons entbehren können. Du siehest, schöne Danae, daß ich mich nicht
scheue, dir auch meine Schwachheiten zu gestehen. Dieser Stolz, der zu
einer desto riesenmäßigern Gestalt aufschwoll, je mehr mich die
Athenienser zu Boden drücken wollten, hatte ohne Zweifel einen guten Teil
von eben der Eitelkeit in sich, welche ich ihnen zum Verbrechen machte;
aber vielleicht gehört er auch unter die Triebfedern, womit die Natur edle
Gemüter versehen hat, um dem Druck widerwärtiger Zufälle mit gleich
starker Reaktion zu widerstehen, und sich dadurch in ihrer eigenen Gestalt
und Größe zu erhalten. Die Athenienser rühmten ehmals meine
Bescheidenheit und Mäßigung zu einer Zeit, da sie alles taten, was mich
diese Tugenden verlieren machen konnte; diese Bescheidenheit hatte mit dem
Stolz, der ihnen itzt so anstößig an mir war, daß er vielleicht mehr, als
alle Bemühungen meiner Feinde zu meinem Fall beitrug, einerlei Quelle; ich
war mir eben so wohl bewußt, daß ich ihre Mißhandlungen nicht verdiente,
wie ich ehmals fühlte, daß die Achtung übertrieben war, die sie mir
bewiesen; desto bescheidener, je mehr sie mich erhuben; desto stolzer und
trotziger, je mehr sie mich herunter setzen wollten.
Meine Freunde hatten sich inzwischen in der Stille so eifrig zu meinem
Besten verwendet, daß sie mir Hoffnung machten, alles könne noch gut gehen,
wenn ich mich entschließen könne, meine Apologie nach dem Geschmack, und
der Erwartung des Volks einzurichten. Ich sollte mich zwar von Punkt zu
Punkt so vollständig rechtfertigen, als es immer möglich wäre; aber am
Ende sollte ich mich doch den Atheniensern auf Gnade oder Ungnade zu Füßen
werfen; meinen Feinden dürfte ich nach aller Schärfe des
Selbstverteidigungs--und Wiedervergeltungsrechts begegnen; aber den
Atheniensern sollte ich schmeicheln, und anstatt ihre Eigenliebe durch den
mindesten Vorwurf zu beleidigen, sollte ich bloß ihr Mitleiden zu erregen
suchen. Es ist zu vermuten, daß der Erfolg diesen Rat meiner Freunde, der
sich auf die Kenntnis des Charakters eines freien Volks gründete,
gerechtfertiget hätte: Wenigstens ist gewiß, daß die erste Bewegungen
dieser Unbeständigen bereits angefangen hatten, dem Mitleiden und den
Regungen ihrer vormaligen Liebe zu weichen. Ich lase es, da ich das
Gerüste bestieg, von welchem ich zu dem Volk redete, in vieler Augen, wie
sie nur darauf warteten, daß ich ihnen einen Weg zeigen möchte, mit guter
Art, und ohne etwas von ihrer demokratischen Majestät zu vergeben, wieder
zurück zu kommen. Aber sie fanden sich in ihrer Erwartung sehr betrogen.
Die Verachtung, womit mein Gemüt beim Anblick dieses Volkes erfüllt wurde,
welches mich vor wenigen Tagen mit so ausschweifender Freude ins
Gefängnis begleitet hatte, und das Gefühl meines eigenen Wertes, waren
beide zu lebhaft; die Begierde, ihnen gutes zu tun, welche die Seele aller
meiner Handlungen und Entwürfe gewesen war, hatte aufgehört; ich würdigte
sie nicht, eine Apologie zu machen, die ich für eine Beschimpfung meines
Charakters und Lebens gehalten hätte; aber ich wollte ihnen zum letztenmal
die Wahrheit sagen: Ehmals, wenn es darum zu tun gewesen war, sie von
ihren eignen wahren Vorteilen zu überzeugen, hatte ich aller meiner
Beredsamkeit aufgeboten; aber itzo, da die Rede bloß von mir selbst war,
verschmähte ich den Beistand einer Kunst, worin der Ruf mir einige
Geschicklichkeit zuschrieb. In diesem Stücke blieb ich meinem gefaßten
Vorsatz getreu; aber nicht der Kürze und Gelassenheit, die ich mir
vorgeschrieben hatte; der Affekt, in den ich unvermerkt geriet, machte
mich weitläufig und etlichemal bitter.
Meine Rede enthielt eine zusammengezogene Erzählung meines ganzen
Lebenslaufs in Athen; der Grundsätze, welchen ich in der Republik gefolgt
war; und meiner Gedanken von dem wahren Interesse der Athenienser. Ich
ging bei dieser Gelegenheit ein wenig strenge mit ihren Urteilen und
Lieblingsprojekten um; und sagte ihnen, daß ich in der Sache der
Schutzverwandten eine Probe gegeben hätte, nach was für Maximen ich
jederzeit in Verwaltung des Staats gehandelt haben würde; und da diese
Maximen so weit von ihrer Gemütsbeschaffenheit und Denkart entfernt wären:
So würden sie sehr weislich handeln, einen Menschen aus ihrem Mittel zu
verbannen, welcher nicht gesonnen sei, der Wahrheit und den Pflichten
eines allgemeinen Freunds der Menschen zu entsagen, um ein guter Bürger
von Athen zu sein.
Der Schluß meiner Rede liegt mir noch so lebhaft im Gedächtnis, daß ich
ihn, zu einer Probe des Ganzen, wiederholen will. 'Die Götter', (sagte
ich) 'haben mich zu einer Zeit, da ich es am wenigsten hoffte, meinen
Vater finden lassen: Sein Ansehen und seine Reichtümer gaben mir viel
weniger Freude, als die Entdeckung, daß ich mein Leben einem
rechtschaffenen Mann zu danken hatte. Athen wurde durch ihn mein
Vaterland. Ich sah es als den Platz an, den mir die Götter angewiesen, um
das Beste der Menschen zu befödern. Das Interesse dieser einzelnen Stadt,
war in meinen Augen ein zu kleiner Gegenstand, um dem allgemeinen Besten
der Menschheit vorgesetzt zu werden; aber ich sah beides so genau mit
einander verknüpft, daß ich nur alsdenn gewiß sein konnte, jenes wirklich
zu erhalten, wenn ich dieses beföderte. Nach diesen Grundsätzen habe ich
in meinem öffentlichen Leben gehandelt, und diese Handlungen, deren sich
selbst belohnendes Bewußtsein mir in eine bessere Welt, den
unvergänglichen Wohnplatz der tugendhaften Seelen, folgen wird; diese
Handlungen haben mir euern Unwillen zugezogen. Die Athenienser wollen
auf Unkosten des menschlichen Geschlechts groß sein; und das werden sie so
lange sein wollen, bis sie in Ketten, welche sie sich selbst schmieden,
und deren sie würdig sind, sobald sie über Sklaven gebieten wollen, allen
ihren Ehrgeiz auf den rühmlichen Vorzug einschränken werden, die besten
Sprachlehrer, und die gelenkigsten Pantomimen in der Welt zu sein. Aber
Agathon ist nicht dazu gemacht, euern Lauf auf diesem Wege, den die
Gefälligkeit eurer Redner mit Blumen bestreut, beschleunigen zu helfen.
Mein Privatleben hat euch bewiesen, daß die Grundsätze, nach welchen ich
eure öffentlichen Handlungen zu leiten gewünscht hätte, die Maßregeln
meines eigenen Verhaltens sind. Mein Vermögen hat mehr zum Gebrauch eines
jeden unter euch, als zu meinem eigenen gedienet. Ich habe mir Undankbare
verbindlich gemacht, und diese Erfahrung lehrt mich, Güter mit
Gleichgültigkeit zurückzulassen, welche ich übel anwendete, da ich sie am
besten anzuwenden glaubte. Dieses, ihr Athenienser, ist alles, was ich zu
meiner Verteidigung zu sagen habe. Ihr seid nun, weil euch die Menge
eurer Arme zu meinen Herren macht, Meister über meine Umstände, und wenn
ihr wollt, über mein Leben. Verlangt ihr meinen Tod, so meldet mir nur,
was ich in euerm Namen, dem weisen und guten Socrates sagen soll, zu dem
ihr mich schicken werdet. Begnügt ihr euch aber, mich aus euern Augen zu
verbannen, so werde ich mit dem letzten Blicke nach einem einst geliebten
Vaterland, eine Träne auf das Grab eurer Glückseligkeit fallen lassen; und,
indem ich aufhöre ein Athenienser zu sein, in der Welt, die mir offen
steht, in einem jeden Winkel, wo es der Tugend erlaubt ist, sich zu
verbergen, ein besseres Vaterland finden.'
Es ist leicht zu vermuten, schöne Danae, daß eine Apologie aus diesem Ton
nicht geschickt war, mir ein günstiges Urteil auszuwirken. Die
Erbitterung, die dadurch in den Gemütern der meisten erregt wurde, welche
das angenehme Schauspiel, mich vor ihnen gedemütiget zu sehen, zu genießen
erwartet hatten, war auf ihren Gesichtern ausgedrückt. Dem ungeachtet sah
ich niemal eine größere Stille unter dem Volk, als da ich aufgehört hatte
zu reden. Sie fühlten, wie es schien, wider ihren Willen, daß die Tugend
auch ihren Hässern Ehrfurcht einpräget; aber eben dadurch wurde sie ihnen
nur desto verhaßter, je stärker sie den Vorzug fühlten, den sie dem
beklagten, verlassenen und von allen Auszierungen des Glücks entblößtem
Agathon über die Herren seines Schicksals gab. Ich weiß selbst nicht, wie
es zuging, daß mir mein guter Genius aus dieser Gefahr heraushalf: Aber,
wie die Stimmen gesammelt wurden, so fand sich, daß die Richter, gegen die
Hoffnung meiner Ankläger sich begnügten, mich auf ewig aus Griechenland zu
verbannen, die Hälfte meiner Güter zum gemeinen Wesen zu ziehen, und die
andre Hälfte meinen Verwandten zuzusprechen. Die Gleichgültigkeit, womit
ich mich diesem Urteil unterwarf, wurde in diesem fatalen Augenblick, der
alle meine Handlungen in ein falsches Licht setzte, für einen Trotz
aufgenommen, welcher mich alles Mitleidens unwürdig machte; doch erlaubte
man meinen Freunden, sich um mich zu versammeln, mir ihre Dienste
anzubieten, und mich aus Athen zu begleiten: welches ich, ungeachtet mir
eine längere Frist gegeben worden war, noch in eben der Stunde, mit so
leichtem Herzen verließ, als wie ein Gefangener den Kerker verläßt, aus
dem er unverhofft in Freiheit gesetzt wird. Die Tränen der wenigen,
welche mein Fall nicht von mir verscheucht hatte, und meiner guten
Hausgenossen, waren das einzige, was bei einem Abschiede, den wir auf ewig
von einander nahmen, mein Herz erweichte; und ihre guten Wünsche alles,
was ich von den Wirkungen ihrer mitleidigen und dankbaren Sorgfalt annahm.
Ich befand mich nun wieder ungefähr in eben den Umständen, worin ich vor
einigen Jahren unter dem Zypressenbaum im Vorhofe meines noch unbekannten
Vaters zu Corinth gelegen war. Die großen Veränderungen, die
manchfaltigen Szenen von Reichtum, Ansehen, Gewalt und äußerlichem
Schimmer, durch welche mich das Glück in dieser kurzen Zwischenzeit
herumgedreht hatte, waren nun wie ein Traum vorüber; aber die wesentlichen
Vorteile, die von allen diesen Begegnissen in meinem Geist und Herzen
zurückgeblieben waren, überzeugten mich, daß ich nicht geträumt hatte.
Ich fand mich um eine Menge nützlicher und angenehmer Kenntnisse, um die
Entwicklung meiner Fähigkeiten, um das Bewußtsein vieler guten Handlungen,
und um eine Reihe wichtiger Erfahrungen, reicher als zuvor. Ich hatte den
Geist der Republiken, den Charakter des Volks, und die Eigenschaften und
Wirkungen vieler mir vorher unbekannten Leidenschaften kennen gelernt, und
Gelegenheiten genug gehabt, vieler irrigen Einbildungen los zuwerden,
welche man sich von der Welt zu machen pflegt, wenn man sie nur von Ferne,
und ohne selbst in ihre Geschäfte eingeflochten zu sein, betrachtet. Zu
Delphi hatte man mich (zum Exempel) gelehrt, daß sich das ganze Gebäude
der Republikanischen Verfassung auf die Tugend gründe; die Athenienser
lehrten mich hingegen, daß die Tugend an sich selbst nirgends weniger
geschätzt wird, als in einer Republik; den Fall ausgenommen, da man ihrer
vonnöten hat; und in diesem Fall wird sie unter einem jeden Tyrannen eben
so hoch geschätzt, und oft besser belohnt. überhaupt hatte mein
Aufenthalt in Athen, die erhabene Theorie von der Vortrefflichkeit und
Würde der menschlichen Natur, wovon ich eingenommen war, sehr schlecht
bestätiget; aber ich fand mich nichts desto geneigter von ihr
zurückzukommen. Ich legte alle Schuld auf die Contagion allzugroßer
Gesellschaften, auf die Mängel der Gesetzgebung, auf das Privatinteresse,
welches bei allen policierten Völkern, durch ein unbegreifliches Versehen
ihrer Gesetzgeber, in einem beständigen Streit mit dem gemeinen Besten
liegt. Kurz, ich dachte darum nicht schlimmer von der Menschheit, weil
sich die Athenienser unbeständig, ungerecht und undankbar gegen mich
bewiesen hatten; aber ich faßte einen desto stärkern Widerwillen gegen
eine jede andere Gesellschaft, als eine solche, welche sich auf
übereinstimmende Grundsätze, Tugend und Bestrebung nach moralischer
Vollkommenheit gründete. Der Verlust meiner Güter, und die Verbannung
aus Athen schien mir die wohltätige Veranstaltung einer für mich besorgten
Gottheit zu sein, welche mich dadurch meiner wahren Bestimmung habe
wiedergeben wollen. Es ist sehr vermutlich, daß ich durch Anwendung
gehöriger Mittel, durch das Ansehen meiner auswärtigen Freunde, und selbst
durch die Unterstützung der Feinde der Athenienser, welche mir gleich
anfangs meines Prozesses, heimlich angeboten worden war, vielleicht in
kurzem wieder Wege gefunden haben könnte, meine Gegner in dem Genuß der
Früchte ihrer Bosheit zu stören, und im Triumphe wieder nach Athen zurück
zu kehren. Allein solche Anschläge, und solche Mittel schickten sich nur
für einen Ehrgeizigen, welcher regieren will, um seine Leidenschaften zu
befriedigen. Mir fiel es nicht ein, die Athenienser zwingen zu wollen,
daß sie sich von mir gutes tun lassen sollten. Ich glaubte durch einen
Versuch, der mir durch ihre eigene Schuld mißlungen war, meiner Pflicht
gegen die bürgerliche Gesellschaft ein Genüge getan zu haben, und nun
vollkommen berechtiget zu sein, die natürliche Freiheit, welche mir meine
Verbannung wieder gab, zum Vorteil meiner eigenen Glückseligkeit
anzuwenden. Ich beschloß also den Vorsatz, welchen ich zu Delphi schon
gefaßt hatte, nunmehr ins Werk zu setzen, und die Quellen der
morgenländischen Weisheit, die Magier, und die Gymnosophisten in Indien zu
besuchen, in deren geheiligten Einöden ich die wahren Gottheiten meiner
Seele, die Weisheit und die Tugend, von denen, wie ich glaubte, nur
unwesentliche Phantomen unter den übrigen Menschen herumschwärmten, zu
finden hoffte.
Aber eh ich auf die Zufälle komme, durch welche ich an der Ausführung
dieses Vorhabens gehintert, und in Gestalt eines Sklaven nach Smyrna
gebracht wurde; muß ich mich meiner jungen Freundin wieder erinnern, die
wir seit meiner Versetzung nach Athen aus dem Gesichte verloren haben."
ACHTES KAPITEL
Agathon endigt seine Erzählung