"Die Veränderung, welche mit mir vorging, da ich aus den Hainen von Delphi

auf den Schauplatz der geschäftigen Welt, in das Getümmel einer

volkreichen Stadt, in die unruhige Bewegungen einer zwischen der

Demokratie und Aristokratie hin und her treibenden Republik, und in das

moralische Chaos der bürgerlichen Gesellschaft, worin Leidenschaften mit

Leidenschaften, Absichten mit Absichten, in einem allgemeinen und ewigen

Streit gegen einander rennen, und unter dem unharmonischen Zusammenstoß

unförmlicher Mißgestalten, nichts beständiges, noch gewisses ist, nichts

das ist, was es scheint, noch die Gestalt behält die es hat.--Diese

Veränderung war so groß, daß ich ihre Wirkung, auf mein Gemüt durch nichts

anders zu bezeichnen weiß, als durch die Vergleichung mit der Betäubung,

worin nach meinem Freunde, Plato, unsre Seele eine Zeit lang, von sich

selbst entfremdet, liegen bleibt, nachdem sie aus dem Ozean des reinen

ursprünglichen Lichts, der die überhimmlischen Räume erfüllet, plötzlich

in den Schlamm des groben irdischen Stoffes heruntergestürzt worden ist.

Die Menge der neuen Gegenstände, welche von allen Seiten auf mich eindrang,

verschlang die Erinnerung derjenigen, welche mich so viele Jahre umgeben

hatten; und zuletzt hatte ich fast Mühe, mich selbst zu überreden, daß ich

eben derjenige sei, der im Tempel zu Delphi den Fremden die

Merkwürdigkeiten desselben gewiesen und erklärt hatte. So gar das

Andenken meiner geliebten Psyche wurde eine Zeit lang von diesem Nebel,

der meine Seele umzog, verdunkelt; allein dieses dauerte nur so lange, bis

ich des neuen Elements, worin ich itzt lebte, gewohnt worden war; denn da

vermißte ich ihre Gegenwart desto lebhafter wieder, je größer das Leere

war, welches die Beschäftigungen und selbst die Ergötzungen meiner neuen

Lebensart in meinem Herzen ließen. Die Schauspiele, die Gastmähler, die

Tänze, die Musikübungen, konnten mir jene seligen Nächte nicht ersetzen,

die ich in den Entzückungen einer zauberischen Schwärmerei, an ihrer Seite

zugebracht hatte. Aber, so groß auch meine Sehnsucht nach diesen

verlornen Freuden war, so beunruhigte mich doch die Vorstellung des

unglücklichen Zustands noch weit mehr, worein die rachbegierige Eifersucht

der Pythia sie vermutlich versetzt hatte. Den Ort ihres Aufenthalts

ausfindig zu machen, schien beinahe eine Unmöglichkeit; denn entweder

hatte die Priesterin sie (fern genug von Delphi, um uns alle Hoffnung des

Wiedersehens zu benehmen,) verkaufen, oder gar an irgend einer entlegnen

barbarischen Küste aussetzen und dem Zufall Preis geben lassen. Allein da

der Liebe nichts unmöglich ist, so gab ich auch die Hoffnung nicht auf,

meine Psyche wieder zu bekommen. Ich belud alle meine Freunde, alle

Fremden, die nach Athen kamen, alle Kaufleute, Reisende und Seefahrer mit

dem Auftrag, sich allenthalben, wohin sie kämen, nach ihr zu erkundigen;

und damit sie weniger verfehlt werden könnte, ließ ich eine unzählige

Menge Kopeien ihres Bildnisses machen, das ich selbst, oder vielmehr der

Gott der Liebe mit meiner Hand, in der vollkommensten ähnlichkeit, nach

dem gegenwärtigen Original, gezeichnet hatte, da wir noch in Delphi waren;

und diese Kopeien teilte ich unter alle diejenigen aus, welche ich durch

Verheißung großer Belohnungen, anzureizen suchte, sich für ihre Entdeckung

Mühe zu geben. Ich gestehe dir so gar, daß das Verlangen meine Psyche

wieder zu finden, (anfänglich wenigstens) der hauptsächlichste Beweg-Grund

war, warum ich mich in der Republik hervorzutun suchte. Denn, nachdem mir

alle andre Mittel fehlgeschlagen hatten, schien mir kein andres übrig zu

bleiben, als meinen Namen so bekannt zu machen, daß er ihr zu Ohren kommen

müßte; sie möchte auch sein, wo sie wollte. Dieser Weg war in der Tat

etwas weitläufig; und ich hätte zwanzig Jahre in einem fort größere Taten

tun können, als Hercules und Theseus, ohne daß die Hyrcanier, die

Massageten, die Hibernier, oder die Lästrigonen, in deren Hände sie

inzwischen hätte geraten können, mehr von mir gewußt hätten, als die

Einwohner des Mondes. Zu gutem Glück fand der Schutz-Geist unsrer Liebe

einen kürzern Weg, uns zusammenzubringen; aber in der Tat nur, um uns

Gelegenheit zu geben, auf ewig von einander Abscheid zu nehmen."-Hier fuhr

Agathon fort, der schönen Danae die Begebenheiten zu erzählen, die ihm auf

seiner Wanderschaft bis auf die Stunde, da er mit ihr bekannt wurde,

zugestoßen, und wovon wir dem geneigten Leser bereits im ersten und

zweiten Buche dieser Geschichte Rechenschaft gegeben haben; und nachdem er

sich auf Unkosten des weisen Hippias ein wenig lustig gemacht, entdeckte

er seiner schönen Freundin (welche seine ganze Erzählung nirgends weniger

langweilig fand, als an dieser Stelle,) alles, was von dem ersten

Augenblick an, da er sie gesehen, in seinem Herzen vorgegangen war. Er

überredete sie mit eben der Aufrichtigkeit, womit er es zu empfinden

glaubte, daß sie allein dazu gemacht gewesen sei, seine Begriffe von

idealischen Vollkommenheiten und einem überirdischen Grade von

Glückseligkeit zu realisieren; daß er, seit dem er sie liebe, und von ihr

geliebet sei, ohne seiner ehemaligen Denkungs-Art ungetreu zu werden, von

dem, was darin übertrieben und schimärisch gewesen, bloß dadurch

zurückgekommen sei, weil er bei ihr alles dasjenige gefunden, wovon er

sich vorher, nur in der höchsten Begeisterung einer Einbildungs-Kraft

einige unvollkommene Schatten-Begriffe habe machen können; und weil es

natürlich sei, daß die Einbildungs-Kraft, als der Sitz der Schwärmerei, zu

würken aufhöre, so bald der Seele nichts zu tun übrig, als anzuschauen und

zu genießen. Mit einem Wort: Agathon hatte vielleicht in seinem Leben nie

so sehr geschwärmt, als itzt, da er sich in dem höchsten Grade der

verliebten Betörung einbildete, daß er alles das, was er der

leichtgläubigen Danae vorsagte, eben so gewiß und unmittelbar sehe und

fühle, als er ihre schönen, von dem ganzen Geist der Liebe und von aller

seiner berauschenden Wollust trunknen Augen auf ihn geheftet sah, oder das

Klopfen ihres Herzens unter seinen verirrenden Lippen fühlte. Er endigte

damit, daß er ihr aus seiner ganzen Erzählung begreiflich gemacht zu haben

glaube, warum es, nachdem er schon so oft bald von den Menschen, bald vom

Glücke, bald von seinen eigenen Einbildungen betrogen worden, entsetzlich

für ihn sein würde, wenn er jemals sich in der Hoffnung betrogen fände, so

vollkommen und beständig von ihr geliebt zu werden, als es zu seiner

Glückseligkeit nötig sei. Er gestund ihr mit einer Offenherzigkeit,

welche vielleicht nur eine Danae ertragen konnte, daß eine lebhafte

Erinnerung an die Zeiten seiner ersten Liebe, zugleich mit der Vorstellung

aller der seltsamen Zufälle, Veränderungen und Katastrophen, die er in

einem Alter von fünf und zwanzig Jahren bereits erfahren habe, ihn auf

eine Reihe melancholischer Gedanken gebracht, worin er Mühe gehabt habe,

seine gegenwärtige Glückseligkeit für etwas wirkliches, und nicht für ein

abermaliges Blendwerk seiner Phantasie, zu halten. "Eben das übermaß

derselben", sagte er, "eben dies ist es, was mich besorgen machte, jemals

aus einem so schönen Traum aufzuwachen.--Kannst du mich verdenken,

liebenswürdige Danae, o du, die durch die Reizungen deines Geistes, auch

ohne diese Liebe-atmende Gestalt, ohne diese Schönheit, deren Anschauen

himmlische Wesen dir gegenüber anzufesseln vermögend wäre, durch die bloße

Schönheit deiner Seele, und den magischen Reiz eines Geistes, der alle

Vorzüge, alle Gaben, alle Grazien in sich vereinigt, meinen Geist aus dem

Himmel selbst zu dir herunterziehen würdest.--Könntest du mich verdenken,

daß ich, vor dem Gedanken, deine Liebe jemals verlieren zu können, wie vor

der Vernichtung meines ganzen Wesens, erzittre?--Laß mich, laß mich die

Gewißheit, daß es nie geschehen werde, daß es unmöglich sei, immer in

deinen Augen lesen, immer von deinen Lippen hören, und in deinen Armen

fühlen; und wenn diese vergötternde Bezauberung jemals aufhören soll, so

nimm, im letzten Augenblick, alle deine Macht zusammen, und laß mich vor

Entzückung und Liebe zu deinen Füßen sterben."-Von der Antwort, womit

Danae diese Ergießungen einer glühenden Zärtlichkeit erwiderte, läßt sich

das Wenigste mit Worten ausdrücken; und dieses kann sich, nach allem, was

wir bereits von ihren Gesinnungen für unsern Helden gesagt haben, der

kaltsinnigste von unsern Lesern so gut vorstellen, als wir es ihm sagen

könnten--oder sich's auch nicht vorstellen, wenn es ihm beliebt. Daß sie

ihm übrigens sehr höflich für die Erzählung seiner Geschichte gedankt, und

eine ungemeine Freude darüber empfunden habe, in diesem Sklaven, der die

Alcibiaden und den liebenswürdigen Cyrus selbst aus ihrem Herzen

ausgelöscht hatte, den ruhmvollen Agathon, den Mann, den das Gerüchte zum

Wunder seiner Zeit gemacht hatte, zu finden; und daß sie ihm hierüber viel

schönes gesagt haben werde--verstehst sich von selbst. Dieses und alles,

was eine jede andere, die keine Danae gewesen wäre, in den vorliegenden

Umständen auch gesagt hätte, wollen wir, nebst allen den feinen

Anmerkungen und Scherzen, wodurch sie in gewissen Stellen seine Erzählung

unterbrochen hatte, überhüpfen, um zu andern Dingen, die in ihrem Gemüte

vorgingen, zu kommen, welche der größeste Teil unserer Leserinnen (wir

besorgen es, oder hoffen es vielmehr,) nicht aus sich selbst erraten hätte,

und welche wichtig genug sind, ein eigenes Kapitel zu verdienen.

NEUNTES KAPITEL

Ein starker Schritt zur Entzauberung unsers Helden

Die vertrauliche Erzählung, welche Agathon seiner zärtlichen Freundin von

seinem ganzen Lebens-Lauf gemacht; die Offenherzigkeit, womit er ihr die

innersten Triebfedern seiner Seele aufgedeckt; und die vollständige

Kenntnis, welche sie dadurch von einem Liebhaber erhalten hatte, an dessen

Erhaltung ihr so viel gelegen war; ließen sie gar bald einsehen, daß sie

vielleicht mehr Ursache habe, über die Beständigkeit seiner Liebe

beunruhigt zu sein, als er über die Dauer der ihrigen. So schmeichelhaft

es für ihre Eitelkeit war, von einem Agathon geliebt zu sein; so hätte sie

doch für die Ruhe ihres Herzens lieber gewollt, daß er keine so

schimmernde Rolle in der Welt gespielt hätte. Sie besorgte nicht unbillig,

daß es schwer sein würde, einen jungen Helden, der durch so seltene

Talente und Tugenden zu den edelsten Auftritten des geschäftigen Lebens

bestimmt schien, immer in den Blumen-Fesseln der Liebe und eines

wollüstigen Müßiggangs gefangen zu halten. Nun schien zwar die Art seiner

Erziehung, der sonderbare Schwung, den seine Einbildungs-Kraft dadurch

erhalten, seine herrschende Neigung zur Unabhängigkeit und Ruhe des

spekulativen Lebens, welche durch die Streiche, die ihm das Glück in einer

so großen Jugend bereits gespielt, eine neue Stärke bekommen hatte; und

der Hang zum Vergnügen, welcher, im Gleichmaß mit der außerordentlichen

Empfindlichkeit seines Herzens, die Ruhm-Begierde und die Ambition bei ihm

nur zu subalternen Leidenschaften machte--alles dieses schien ihr zwar in

dem Vorhaben, ihn der Welt zu rauben, und für sich selbst zu behalten,

nicht wenig beförderlich zu sein; aber eben diese schwärmerische

Einbildungs-Kraft, eben diese Lebhaftigkeit der Empfindungen schienen ihr,

auf einer andern Seite betrachtet, mit einer gewissen natürlichen

Unbeständigkeit verbunden zu sein, von welcher sie alles zu befürchten

hätte. Konnte sie, mit aller Eitelkeit, wozu sie das Bewußtsein ihrer

selbst und der allgemeine Beifall berechtigte, sich selbst bereden, daß

sie diese idealische Vollkommenheit würklich besitze, welche die

bezauberten Augen ihres enthusiastischen Liebhabers an ihr sahen? Und da

nicht sie selbst, sondern diese idealische Vollkommenheit der eigentliche

Gegenstand seiner Liebe war, auf was für einen unsichern Grund beruhete

also eine Hoffnung, welche voraussetzte, daß die Bezauberung immer dauern

werde? Diese letzte Betrachtung machte sie zittern;--denn sie fühlte mit

einer immer zunehmenden Stärke, daß Agathon zu ihrer Glückseligkeit

unentbehrlich geworden war.--Aber (so ist die betrügliche Natur des

menschlichen Herzens!) eben darum, weil der Verlust ihres Liebhabers sie

elend gemacht haben würde, hatten alle Vorstellungen, welche ihr mit

seinem beständigen Besitz schmeichelten, doppelte Kraft ein Herz zu

überreden, welches nichts anders suchte, als getäuscht zu sein. Sie

bildete sich also ein, daß der Hang zu demjenigen, was man die Wollust der

Seele nennen kann, den wesentlichsten Zug von der Gemüts-Beschaffenheit

unsers Helden ausmache. Seine Philosophie selbst schien ihr diese Meinung

zu bestätigen, und, bei aller ihrer Erhabenheit über den groben

Materialismus des größten Haufens der Sterblichen, in der Tat mit den

Grundsätzen des Aristippus, welche vormals ihre eigenen gewesen waren, in

dem nämlichen Punkt zusammenzulaufen. Der ganze Unterscheid schien ihr

darin zu liegen, daß dieser die Wollust, welche er zum letzten Ziel der

Weisheit machte, mehr in der angenehmen Bewegung der Sinnen, den

Befriedigungen eines geläuterten Geschmacks, und den Ergötzlichkeiten

eines von allen unruhigen Leidenschaften befreiten geselligen

Lebens--Agathon hingegen, diese feinere Wollust, von welcher er in den

stillen Hainen des Delphischen Tempels sich ein so liebenswürdiges Phantom

in den Kopf gesetzt hatte, mehr in den Vergnügen der Einbildungs-Kraft und

des Herzens suchte; eine Philosophie, bei welcher er (nach der

scharfsinnigen Beobachtung unsrer Schönen) so gar von Seiten der

sinnlichen Lust mehr gewann, als verlor; indem diese von den

verschönernden Einflüssen einer begeisterten Einbildung und den zärtlichen

Rührungen und Ergießungen eines gefühlvollen Herzens ihren mächtigsten

Reiz erhält. Dieses als gewiß vorausgesetzt, glaubte sie von der

Unbeständigkeit, welche sie, nicht ohne Grund, als eine Eigenschaft einer

allzuwürksamen und hoch gespannten Einbildungs-Kraft ansah, nichts zu

besorgen zu haben; so lange es ihr nicht an Mitteln fehlen würde, seinen

Geist und sein Herz zugleich und, mit einer solchen Abwechslung und

Mannigfaltigkeit zu vergnügen, daß eine weit längere Zeit, als die Natur

dem Menschen zum Genießen angewiesen hat, nicht lange genug wäre, ihn

eines so angenehmen Zustandes überdrüssig zu machen. Sie hatte Ursache,

dieses um so mehr zu glauben, da sie aus Erfahrung wußte, daß die

Würksamkeit der Einbildungs-Kraft desto mehr abnimmt, je weniger leeres

der Genuß wirklicher Vergnügungen im Herzen zurückläßt, und je weniger ihm

Zeit gelassen wird, etwas angenehmers als das Gegenwärtige zu wünschen.

Es ist dermalen noch nicht Zeit, daß wir über diese Grundsätze der schönen

Danae unsere eigenen Gedanken sagen. Sie mochten, von einer Seite

betrachtet, richtig genug sein; aber wir besorgen sehr, daß sie sich in

dem Gebrauch der Mittel, wodurch sie ihren Zweck zu erhalten hoffte, von

der Liebe betrogen finden werde. In der Tat liebte sie zu aufrichtig und

zu heftig, um gute Schlüsse zu machen; und ihr Herz führte sie nach und

nach, ohne daß sie es gewahr wurde, weit über die Grenzen der Mäßigung weg,

bei welcher sie sich anfangs so wohl befunden hatte. Vielleicht mochte

auch eine geheime Eifersucht über die gute Psyche (so wenig sie gleich,

aller Wahrscheinlichkeit nach, zu befürchten hatte, daß sie jemals

persönlich auftreten, und das Herz ihres Liebhabers von ihr zurückfodern

werde) sich mit ins Spiel gemischt, und sie begierig gemacht haben, so gar

die Erinnerung an die Freuden seiner ersten Liebe, welche ihr vielleicht

noch allzulebhaft zu sein schien, aus seinem Gedächtnis auszulöschen. So

viel ist gewiß, daß sie (vor lauter Begierde, unsern Helden mit

Glückseligkeiten zu überschütten,) ihm eine grenzenlose Liebe zu zeigen,

und ihn einen solchen Grad von Wonne, über welchem dem Herzen nichts zu

wünschen, und der Phantasie nichts zu denken übrig bliebe, erfahren zu

machen,--einen Weg einschlug, auf welchen sie ihres Zwecks fast notwendig

verfehlen mußte. Der vortreffliche Brief des liebenswürdigsten Moralisten

der neuern Zeiten, des Saint Evremond, in den Briefen der Ninon Lenclos an

den Marquis von Sevigne, überhebt uns der Mühe, dem unerfahrnen Teil

unserer schönen Leserinnen zu erklären, wie es zugehe, daß die Liebe von

allzuvieler Nahrung abzehrt; und daß ein unvorsichtiges übermaß von

Zärtlichkeit gerade das gewisseste Mittel ist, einen Ungetreuen zu machen.

Wir wollen sie also auf die bemeldete Unterweisung eines der besten

Kenner des menschlichen Herzens verwiesen haben, und uns begnügen, ihnen

zu sagen, daß Agathon, nachdem er (dem neuen Plan seiner mehr zärtlichen

als behutsamen Geliebten zufolge) etliche Wochen lang von allem, was die

Liebe süßes und entzückendes hat, mehr erfahren hatte, als selbst die

glühende Einbildungs-Kraft des Marino fähig war, seinen Adon in den Armen

der Liebes-Göttin genießen zu lassen, unvermerkt in eine gewisse

Mattigkeit der Seele verfiel, welche wir nicht kürzer zu beschreiben

wissen, als wenn wir sagen, daß sie vollkommen das Widerspiel von der

Begeisterung war, worin wir ihn bisher gesehen haben. Man würde sich

vermutlich sehr irren, wenn man diese Entgeisterung einer so unedeln

Ursache beimessen wollte, als diejenige war, welche den verachtenswürdigen

Helden des Petronius nötigte, seine Zuflucht zu den Beschwörungen und

Brenn-Nesseln der alten Enothea zu nehmen. Nach allem, was wir von unserm

Helden wissen, kann kein Verdacht von dieser Art auf ihn fallen. Wir

finden weit wahrscheinlicher, daß die wahre Ursache davon in seiner Seele

lag, und aus einer überfüllung mit Vergnügen, auf welche notwendig eine

Art von Betäubung folgen mußte, ihren Ursprung nahm. Unsere Seele (mit

Erlaubnis derjenigen Philosophen, welche von der grenzenlosen Kapazität

und Unersättlichkeit ihrer Begierden so viel schönes zu sagen wissen,) ist

doch nur eines gewissen Maßes von Vergnügen fähig, und kann einen

anhaltenden Zustand von Entzückung eben so wenig ertragen, als eine lange

Dauer des äußersten Schmerzens. Beides spannt endlich ihre Nerven ab, und

bringt sie zu einer Art von Ohnmacht, in welcher sie gar nichts mehr zu

empfinden fähig ist. Was indessen auch die Ursache einer für die

Absichten der Danae so nachteiligen Veränderung gewesen sein mag; so ist

gewiß, daß die Würkungen derselben in kurzer Zeit so sehr überhand nahmen,

daß Agathon selbst Mühe hatte, sich in sich selbst zu erkennen, oder zu

begreifen, wie es mit dieser seltsamen Verwandlung der Szene zugegangen

sei. Ein magischer Nebel schien vor seinen erstaunten Augen wegzufallen;

die ganze Natur zeigte sich ihm in einer andern Gestalt, verlor diesen

reizenden Firnis, den ihr der Geist der Liebe gegeben hatte; diese Gärten,

vor wenigen Tagen der geliebte Aufenthalt aller Freuden und Liebes-Götter,

diese elysischen Haine, diese mäandrischen Rosen-Gebüsche, worin die

lauschende Wollust sich so gerne verborgen hatte, um das Vergnügen zu

haben, sich erhaschen zu lassen--erweckten itzt durch ihren Anblick nichts

mehr, als jeder andre schattichte Platz, jedes andre Gebüsche; die Luft,

die er atmete, war nicht mehr dieser süße Atem der Liebe, von dem jeder

Hauch die Flammen seines Herzens stärker aufzuwehen schien; Danae war

bereits von der idealischen Vollkommenheit zu dem gewöhnlichen Wert einer

jeden andern schönen Frau herabgesunken; und er selbst, der vor kurzem

sich an Wonne den Göttern gleich geschätzet hatte, fing an, sehr starke

Zweifel zu bekommen: Ob er in dieser weibischen Gestalt, worein ihn die

Liebe verkleidet hatte, den Namen eines Mannes verdiene? Man wird nicht

zweifeln, daß in diesem Zustand die Erinnerungen dessen, was er ehemals

gewesen war--der wundervolle Traum, den er je länger je mehr für die

Würkung irgend eines wohltätigen Geistes, und vielleicht des

abgeschiedenen Schattens seiner geliebten Psyche selbst, zu halten bewogen

war--die Stimme der Tugend, die er einst angebetet, und welcher er alles

aufgeopfert hatte--und die Vorwürfe, die sie ihm schon vor einiger Zeit

über ein in müßiger Wollust unrühmlich dahinschmelzendes Leben zu machen

angefangen,--gute Gelegenheit hatten, sein Herz, dessen beste Neigungen

selbst auf ihrer Seite waren, mit vereinigter Stärke wieder anzugreifen.

Sie hatten es fast gänzlich wieder eingenommen, als er erst deutlich

gewahr wurde, wohin ihn die Betrachtungen, denen er sich überließ,

notwendig führen mußten. Er erschrak, da er sah, daß ihm nichts als die

Flucht von dieser allzureizenden Zauberin seine vorige Gestalt wieder

geben könne. Sich von Danae zu trennen! auf ewig zu trennen!--Dieser

Gedanke benahm seiner Seele auf einmal alle die Stärke wieder, welche sie

wieder in sich zu fühlen anfing, und weckte alle Erinnerungen, alle

Empfindungen seiner entschlummerten Leidenschaft wieder auf. Sie, die

ihn so inbrünstig liebte,--sie, die ihn so glücklich gemacht hatte--zu

verlassen--für alle ihre Liebe, für alles was sie für ihn getan hatte, und

auf eine so verbindliche, so edle Art getan hatte, den Qualen einer mit

Undank belohnten Liebe preis zu geben -: Nein, zu einer so

niederträchtigen, so häßlichen Tat, (wie diese in seinen Augen war) konnte

sich sein Herz nicht entschließen. Die Tugend selbst, welcher er seine

eigene Befriedigung aufzuopfern bereit war, konnte ein so undankbares und

grausames Verfahren nicht gut heißen--Wir überlassen es der Entscheidung

kalter Sitten-Lehrer: ob die Tugend das konnte, oder nicht; aber unser

Held war von dem letztern so lebhaft überzeugt, daß er, anstatt auf Gründe

zu denken, womit er die Sophistereien der Liebe hätte vernichten können,

in vollem Ernst auf Mittel bedacht war, das Interesse seines Herzens und

die Tugend, welche ihm nicht unverträglich zu sein schienen, auf immer mit

einander zu vereinigen.

Die zärtliche Danae hatte inzwischen, wie leicht zu erachten ist, die

Veränderung, welche in der Seele unsers Helden vorgegangen war, im ersten

Augenblick, da sie merklich wurde, wahrgenommen. Allein die gute Danae

war weit entfernt, seinem Herzen die Schuld davon zu geben; sie betrog

sich selbst über die wahre Ursache, und glaubte, daß die Veränderung des

Orts, und vielleicht eine kleine Entfernung, ihm in kurzem alle die

Lebhaftigkeit der Empfindung wieder geben würde, die er verloren zu haben

schien. Die Wiederkehr in die Stadt, wo sie einander nicht immer sehen

würden, wo ihre Liebe sich zu verbergen genötigt sein, und dadurch den

Reiz eines geheimen Verständnisses erhalten würde, die Zerstreuungen des

Stadt-Lebens, die Gesellschaft, die Lustbarkeiten, würden ihn (glaubte

sie) bald genug wieder so feuerig als jemals wieder in ihre Arme führen.

Sie überredete ihn also, mit ihr nach Smyrna zurückzugehen, obgleich die

schöne Jahrs-Zeit noch nicht ganz zu Ende war. Hier wußte sie, (ohne daß

es schien, daß sie Hand dabei habe,) eine Menge Gelegenheiten zu

veranstalten, wodurch sie einander seltner wurden; wenn sie sich wieder

allein befanden, flog sie ihm zwar eben so zärtlich in die Arme, als

ehemals; aber sie vermied alles, was zu jener allzuwollüstigen Berauschung

(in welche sie ihn, wenn sie wollte, durch einen einzigen Blick setzen

konnte) geführt hätte, und tat es mit einer so guten Art, daß er keinen

besondern Vorsatz dabei gewahr werden konnte: Kurz, sie wußte die

feurigste Liebe unvermerkt so geschickt in die zärtlichste Freundschaft zu

verwandeln, daß Agathon, welcher weder Kunst noch Absicht unter ihrem

Betragen argwohnte, ganz treuherzig in die Schlinge fiel, und in kurzem

wieder so zärtlich und dringend wurde, als ob er erst anfangen müßte, sich

um ihr Herz zu bewerben. Zwar war es nicht in ihrer Gewalt, ihm diese

Begeisterung mit allem ihrem zauberischen Gefolge wieder zu geben, welche,

wenn sie einmal verschwunden ist, nicht wieder zu kommen pflegt; aber die

Lebhaftigkeit, womit ihre Reizungen auf seine Sinnen, und die Empfindungen

der Dankbarkeit und Freundschaft auf sein Herz würkten, brachten doch

ungefähr die nämliche Phänomena hervor; und da man gewohnt ist, gleiche

Würkungen gleichen Ursachen zu zuschreiben, so ist es nicht unbegreiflich,

wie beide sich eine Zeitlang hierin betrügen konnten, ohne nur zu vermuten,

daß sie betrogen würden.

Es ist sehr zu vermuten, daß es bei dieser schlauen Mäßigung, wodurch die

schöne Danae die Folgen ihrer vorigen Unvorsichtigkeit wieder gut zu

machen wußte, um unsern Helden geschehen gewesen wäre; und daß seine

Tugend unter diesem zweifelhaften Streit mit seiner Leidenschaft, bei

welchem wechselsweise bald die eine, bald die andere die Oberhand behielt,

endlich gefällig genug worden wäre, sich mit ihrer schönen Feindin in

einen vielleicht nicht allzurühmlichen Vergleich einzulassen, und die

Glückseligkeit der liebenswürdigen Danae dadurch auf immer sicher zu

stellen; wenn nicht der unglücklichste Zufall, der ihr mit einem so

sonderbaren Mann, als Agathon war, nur immer begegnen konnte, sie auf

einmal mit seiner Hochachtung alles dessen beraubt hätte, was sie noch im

Besitz seines Herzens erhalten hatte. Eine einst geliebte Person behält

(auch wenn das Fieber der Liebe vorbei ist) noch immer eine große Gewalt

über unser Herz, so lange sie unsere Hochachtung nicht verloren hat.

Agathon war zu edelmütig, die schöne Danae für die Schwachheit, welche sie

gegen ihn gehabt hatte, (das einzige, was die Hochachtung hätte vermindern

können, welche sie durch so viele schöne Eigenschaften des Geistes und des

Herzens verdiente,) dadurch zu bestrafen, daß er ihr deswegen nur das

mindeste von der seinigen entzogen hätte. Aber so bald es dahin gekommen

war, daß er sich in seiner Meinung von ihrem Charakter und moralischen

Werte betrogen zu haben glaubte; so bald er sich gezwungen sah, sie zu

verachten; hörte sie auf, Danae für ihn zu sein; und durch eine ganz

natürliche Folge wurde er in dem nämlichen Augenblick wieder Agathon.

Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Geschichte des Agathon", Teil 1

von Christoph Martin Wieland

Geschichte des Agathon. Teil 1 · 第 23 / 23 段