Bei diesen Gesinnungen, womit in größerm oder kleinerm Grade der

Schwärmerei das ganze Volk zu Athen für mich eingenommen war, brauchte es

nur eine Gelegenheit, um sie dahin zu bringen, die Gesetze selbst zu

Gunsten ihres Lieblings zu überspringen. Diese zeigte sich, da Euböa und

einige andre Insuln sich des ziemlich harten Joches, welches ihnen die

Athenienser aufgelegt hatten, zu entledigen, einen Aufstand erregten,

worin sie von den Spartanern heimlich unterstützt wurden. Man konnte

(diejenige Theorie, welche man zu Hause erwerben kann, ausgenommen) des

Kriegs-Wesens nicht unerfahrner sein, als ich es war. Ich hatte das Alter

noch nicht erreicht, welches die Gesetze zu Bekleidung eines öffentlichen

Amts erfoderten; wir hatten keinen Mangel an geschickten und geübten

Kriegs-Leuten; ich selbst wandte alles Ansehen, das ich hatte, an, um

einen davon, den ich, seines moralischen Charakters wegen, vorzüglich hoch

schätzte, zum Feld-Herrn gegen die Empörten erwählen zu machen; aber das

alles half nichts gegen die warme Einbildungs-Kraft des lebhaftesten und

leichtsinnigsten Volks in der Welt. Agathon, welchem man alle Talente

zutraute, und von welchem man sich berechtigt hielt, Wunder zu erwarten,

war allein tauglich, die Ehre des Atheniensischen Namens zu behaupten, und

die hochfliegenden Träume der politischen Müßiggänger zu Athen, welche bei

diesem Anlaß in die Wette eiferten, wer die lächerlichsten Projekte machen

könne, in die Würklichkeit zu setzen. Diese Art von Leuten war so

geschäftig, daß es ihnen gelang, den größesten Teil ihrer Mitbürger mit

ihrer Torheit anzustecken. Jede Nachricht, daß sich wieder eine andere

Insul aufzulehnen anfange, verursachte eine allgemeine Freude; man würde

es gerne gesehen haben, wenn das ganze Griechenland an dieser Sache Anteil

genommen hätte; auch fehlte es nicht an Zeitungen, welche das Feuer größer

machten, als es war, und endlich so gar den König von Persien in den

Aufstand von Euböa verwickelten, um dem Agathon einen desto größern

Schau-Platz zu geben, die Athenienser durch Heldentaten zu belustigen und

durch Eroberungen zu bereichern. Ich wurde also (so sehr ich mich

entgegensträubte) mit unumschränkter Gewalt über die Armee, über die

Flotten, und über die Schatz-Kammer, zum Feld-Herrn gegen die abtrünnigen

Insuln ernannt; und da ich nun einmal genötigt war, dem Eigensinn meiner

Mitbürger nachzugeben, so entschloß ich mich, es mit einer guten Art zu

tun, und die Sache von derjenigen Seite anzusehen, welche mir eine

erwünschte Gelegenheit zu geben schien, den Anfang zur Ausführung meiner

eigenen Entwürfe zu machen. Da ich wußte, daß die Insulaner gerechte

Klagen gegen Athen zu führen hatten, und eine Regierung nicht lieben

konnten, von der sie unterdrückt, ausgezogen, und mit Füßen getreten

wurden; so gründete ich meinen ganzen Plan ihrer Beruhigung und

Wiederbringung auf den Weg der Güte, auf Abstellung der Mißbräuche,

wodurch sie erbittert worden waren, auf eine billige Mäßigung der Abgaben,

welche man gegen ihre Freiheiten und über ihr Vermögen, von ihnen erpreßt

hatte; und auf ihre Wiedereinsetzung in alle Rechte und Vorteile, deren

sie sich als Griechen und als Bunds-Genossen, vermöge vieler besondern

Verträge, zu erfreuen haben sollten. Allein ehe ich von Athen abreisen

konnte, war es um so nötiger, die Gemüter vorzubereiten und auf einen Ton

zu stimmen, der mit meinen Grund-Sätzen und Absichten übereinkäme, da ich

sahe, wie lebhaft die ausschweifenden Projekte, womit die Eitelkeit des

Alcibiades sie ehemals bezaubert hatte, bei dieser Gelegenheit wieder

aufgewacht waren. Ich versammelte also das Volk, und wandte alle Kräfte

der Rede-Kunst, welche bei keinem Volk der Welt so viel vermag, als bei

den Atheniensern, dazu an, sie von der Gründlichkeit meiner Entwürfe zu

überzeugen, von welchen ich sie so viel sehen ließ, als zu Erreichung

meiner Absicht nötig war. Nachdem ich ihnen die Größe und den Flor, wozu

die Republik, vermöge ihrer natürlichen Vorteile und innerlichen Stärke,

gelangen könne, mit den reizendesten Farben abgemalt hatte; bemühte ich

mich zu beweisen, daß weitläufige Eroberungen, außer der Gefahr, womit sie

durch die Unbeständigkeit des Kriegs-Glücks verbunden seien, den Staat

endlich notwendiger Weise unter der Last ihrer eigenen Größe erdrücken

müßten; daß es einen weit sichern und kürzern Weg gebe, Athen zur Königin

des Erdbodens zu machen, indem etwas unleugbares sei, daß allezeit

diejenige Nation den übrigen Gesetze vorschreiben werde, welche zu

gleicher Zeit die klügste und die reichste sei; daß der Reichtum allezeit

Macht gebe, so wie die Klugheit den rechten Gebrauch der Macht lehre; daß

Athen in beidem allen andern Völkern überlegen sein werde, wenn sie auf

der einen Seite fortfahre, die Pfleg-Mutter der Wissenschaften und aller

nützlichen und schönen Künste zu sein; auf der andern aber alle ihre

Gedanken darauf richte, sich in der Herrschaft über das Meer fest zu

setzen; nicht in der Absicht Eroberungen zu machen, sondern sich in eine

solche Achtung bei den Auswärtigen zu setzen, daß jedermann ihre

Freundschaft suche, und niemand es wagen dürfe, ihren Unwillen zu reizen;

daß für einen am Meer gelegenen Frei-Staat ein gutes Vernehmen mit allen

übrigen Völkern, und eine so weit als nur möglich ausgebreitete Handlung,

der natürliche und unfehlbare Weg sei, nach und nach zu einer Größe zu

gelangen, deren Ziel nicht abzusehen sei; daß aber hiezu die Erhaltung

seiner eigenen Freiheit, und zu dieser die Freiheit aller übrigen,

sonderheitlich der benachbarten, oder wenigstens ihre Erhaltung bei ihrer

alten und natürlichen Form und Verfassung, nötig sei; daß Bündnisse mit

seinen Nachbarn, und eine solche Freundschaft, wobei der andere eben so

wohl seinen Vorteil finde, als wir den unsrigen, einem solchen Staat weit

mehr Macht, Ansehen und Einfluß auf die allgemeine Verfassung des

politischen Systems der Welt geben müßten, als die Unterwerfung derselben,

weil ein Freund allezeit mehr wert sei, als ein Sklave; daß die

Gerechtigkeit der einzige Grund der Macht und Dauer eines Staats, so wie

das einzige Band der Gesellschaft zwischen einzelnen Menschen und ganzen

Nationen, sei; daß diese Gerechtigkeit fodre, eine jede politische

Gesellschaft (sie möge groß oder klein sein) als unsers gleichen anzusehen,

und ihr eben die Rechte zu zugestehen, welche wir für uns selbst foderten;

daß ein nach diesen Grund-Sätzen eingerichtetes Betragen das gewisseste

Mittel sei, sich ein allgemeines Zutrauen zu erwerben, und anstatt einer

gewaltsamen, und mit allen Gefahren der Tyrannie verknüpften

Oberherrschaft eine freiwillig eingestandene Autorität zu behaupten,

welche in der Tat von allen Vorteilen der erstern begleitet sei, ohne die

verhaßte Gestalt und schlimmen Folgen derselben zu haben. Nachdem ich

alle diese Wahrheiten in ihrer besondern Anwendung auf Griechenland und

Athen, in das stärkste Licht gesetzt, und bei dieser Gelegenheit die

Torheit der Projekte des Alcibiades und andrer ehrsüchtiger Schwindelköpfe

ausführlich erwiesen hatte: Bemühte ich mich darzutun, daß der Aufstand

der Inseln, welche bisher unter dem Schutz der Athenienser gestanden, in

neuerlichen Zeiten aber durch Schuld einiger böser Ratgeber der Republik,

als unterworfene Sklaven behandelt worden seien, die glücklichste

Gelegenheit anbiete, auf der einen Seite das ganze Griechenland von der

gerechten und edelmütigen Denkungsart der Athenienser zu überzeugen, auf

der andern durch eine ansehnliche Vermehrung der Seemacht, wovon die

Unkosten durch die größere Sicherheit und Erweiterung der Handelschaft

reichlich ersetzt würden, sich in ein solches Ansehen zu setzen, daß

niemand jenes gelinde und großmütige Verfahren, mit dem mindesten Schein,

einem Mangel an Vermögen sich Genugtuung zu verschaffen, werde beimessen

können. Ich unterstützte diese Vorschläge mit allen den Gründen, welche

auf die lebhafte Einbildungskraft meiner Zuhörer den stärksten Eindruck

machen konnten, und hatte das Vergnügen, daß meine Rede mit einem Beifall,

der meine Erwartung weit übertraf, aufgenommen wurde. Außerdem, daß die

Athenienser, ihrer Gemütsart nach, sich von Wahrheit und gesunden

Grundsätzen eben so leicht einnehmen ließen, als von den Blendwerken einer

falschen Staatskunst, wenn ihnen jene nur in einem eben so reizenden Licht,

und mit eben so lebhaften Farben vorgetragen wurden, als sie verwöhnt

worden waren, von einem jeden, der zu den öffentlichen Angelegenheiten

redete, zu fodern; so waren sie gleichgültig, durch was für Mittel Athen

zu derjenigen Größe gelangen möge, welche das Ziel aller ihrer Wünsche war;

und ein großer Teil der Bürger, denen der Friede mehr Vorteile brachte,

als der Krieg, ließen sichs vielmehr wohlgefallen, daß dieses Ziel ihrer

Eitelkeit auf eine mit ihrem Privatnutzen übereinstimmigere Art erhalten

werde. Meine heimlichen Feinde, welche nicht zweifelten, daß diese

Expedition auf eine oder andere Art Gelegenheit zu meinem Fall geben würde,

waren weit entfernt, meinen Maßnehmungen öffentlich zu widerstehen; aber

(wie ich in der Folge erfuhr) unter der Hand desto geschäftiger, ihren

Erfolg zu hemmen, Schwierigkeiten aus Schwierigkeiten hervor zu spinnen,

und die mißvergnügten Insulaner selbst durch geheime Aufstiftungen

übermütig, und zu billigen Bedingungen abgeneigt zu machen. Die

Verachtung, womit man anfangs diesen Aufstand zu Athen angesehen hatte;

das ansteckende Beispiel, und die Ränke andrer Griechischen Städte, welche

die Obermacht der Athenienser mit eifersüchtigen Augen ansahen, hatten zu

wege gebracht, daß indessen auch die Attischen Kolonien, und der größeste

Teil der Bundesgenossen kühn genug worden waren, sich einer

Unabhänglichkeit anzumaßen, deren schädliche Folgen sie sich selbst unter

dem reizenden Namen der Freiheit verbargen; es war die höchste Zeit, einer

allgemeinen Empörung und Zusammenverschwörung gegen Athen zuvorzukommen;

und meine Landsleute, welche bei Annäherung einer Gefahr, die ihnen in der

Ferne nur Stoff zu witzigen Einfällen und Gassenliedern gegeben hatte,

sehr schnell von der leichtsinnigsten Gleichgültigkeit zu einer eben so

übermäßigen Kleinmütigkeit übergingen, vergrößerten sich selbst das übel

so sehr, daß ich genötiget wurde unter Segel zu gehen, ehe die Zurüstungen

noch zur Hälfte fertig waren. Ich hatte die Vorsichtigkeit gebraucht,

meinen Freund, über welchen mir die Gunst des Volks einen so unbilligen

Vorzug gegeben hatte, als meinen Unterbefehlshaber mitzunehmen; die

Bescheidenheit, womit ich mich des Ansehens, welches mir meine Kommission

über ihn gab, bediente, kam einer Eifersucht zuvor, die den Erfolg unsrer

Unternehmung hätte vereiteln können; wir handelten aufrichtig, und ohne

Nebenabsichten, nach einem gemeinschaftlich abgeredeten Plan, und das

Glück begünstigte uns so sehr, daß in einer einzigen Expedition alle

Inseln, Kolonien und Schutzverwandte der Athenienser nicht nur beruhiget,

und wieder in die alte Schranken gesetzt, sondern durch die Abstellung

alles dessen, wodurch sie unbilliger Weise beschweret worden waren, und

durch die Bestätigung ihrer Freiheiten, die ich ihnen bewilligte, mehr als

jemals geneigt gemacht wurden, die Freundschaft der Athenienser allen

andern Verbindungen, die ihnen angetragen worden waren, vorzuziehen. In

allem diesem folgte ich, ohne besondere Verhaltungsbefehle einzuholen,

meiner eignen Denkungsart mit desto größter Zuversicht, da ich den

ehemaligen Mißvergnügten nichts zugestanden hatte, was sie nicht so wohl

nach dem Naturrecht als in Kraft älterer Verträge zu fodern vollkommen

berechtiget waren, hingegen durch diese Nachgiebigkeit neue und sehr

beträchtliche Vorteile für die Athenienser erkaufte; Vorteile, welche dem

ganzen gemeinen Wesen zuflossen, da hingegen aller Nutzen der

Unterdrückung, worunter sie geseufzet hatten, lediglich in die Kassen

einiger Privatleute und ehmaligen Günstlinge des Volks geleitet worden war.

Ich kehrete also mit dem Vergnügen, Gutes getan zu haben, mit dem Beifall

und der lebhaftesten Zuneigung der sämtlichen Kolonien und Bundesgenossen,

und mit der vollen Zuversicht, daß ich die Belohnung, die ich verdient zu

haben glaubte, in der Zufriedenheit meiner Mitbürger einernten würde, an

der Spitze einer dreimal stärkern Flotte, als womit ich ausgelaufen war,

nach Athen zurück. Ich schmeichelte mir, daß ich mir durch eine so

schleunige Beilegung einer Unruhe, welche so weitaussehend und gefährlich

geschienen, einiges Verdienst um mein Vaterland erworben hätte. Ich hatte

aus unsern Feinden, Freunde, und aus unsichern Untertanen, zuverlässige

Bundesgenossen gemacht, deren Treu desto weniger zweifelhaft sein mußte,

da ich ihre Sicherheit und ihren Wohlstand durch unzertrennliche Bande mit

dem Interesse von Athen verknüpft hatte; ich hatte, des gemeinen Schatzes

zu schonen, mein eignes Vermögen zugesetzt, und durch mehr als hundert

ausgerüstete Galeeren, die ich von dem guten Willen der wieder beruhigten

Insulaner erhalten, unsrer Seemacht eine ansehnliche Verstärkung gegeben;

ich hatte das Ansehen der Athenienser befestiget, ihre Neider abgeschreckt,

und ihrer Handlung einen Ruhestand verschafft, dessen Fortdauer nunmehr,

wenigstens auf lange Zeiten, von ihrem eigenen Betragen abhing. Das

Vergnügen, welches sich über mein Gemüt ausbreitete, wenn ich alle diese

Vorteile meiner Verrichtung überdachte, war so lebhaft, daß ich über alle

andere Belohnungen, außer dem Beifall und Zutrauen meiner Mitbürger, weit

hinaus sah: Aber die Athenienser waren, in dem ersten Anstoß ihrer

Erkenntlichkeit, keine Leute, welche Maß halten konnten. Ich wurde im

Triumph eingeholt, und mit allen Arten der Ehrenbezeugungen in die Wette

überhäuft; die Bildhauer mußten sich Tag und Nacht an meinen Statuen müde

arbeiten; alle Tempel, alle öffentlichen Plätze und Hallen wurden mit

Denkmälern meines Ruhms ausgeziert; und diejenige, welche in der Folge mit

der größesten Heftigkeit an meinem Verderben arbeiteten, waren itzt die

eifrigsten, übermäßige und zuvor nie erhörte Belohnungen vorzuschlagen,

welche das Volk in dem Feuer seiner schwärmerischen Zuneigung gutherziger

Weise bewilligte, ohne daran zu denken, daß mir diese Ausschweifungen

seiner Hochachtung in kurzem von ihm selbst zu eben so vielen Verbrechen

gemacht werden würden.

Da ich sahe, daß alle meine Bescheidenheit nicht zureichend war, dem

überfließenden Strom der popularen Dankbarkeit Einhalt zu tun; so glaubte

ich am besten zu tun, wenn ich mich eine Zeitlang von Athen entfernte, und

bis die Atheniensische Lebhaftigkeit durch irgend eine neue Komödie, einen

fremden Gaukler, oder eine frisch angekommene Tänzerin einen andern

Schwung bekommen haben würde, auf meinem Landgut zu Corinth in

Gesellschaft der Musen und Grazien einer Muße zu genießen, welche ich

durch die Arbeiten eines ganzen Jahres verdient zu haben glaubte. Ich

dachte wenig daran, daß ich in einer Stadt, deren Liebling ich zu sein

schien, Feinde habe, die indessen, daß ich mich mit aller Sorglosigkeit

der Unschuld den Vergnügungen des Landlebens, und der geselligen Freiheit

überließ, einen eben so boshaften als wohlausgesonnenen Plan zu meinem

Untergang anzulegen beschäftiget seien.

Alles, womit ich mir bei der schärfsten Prüfung meines öffentlichen und

Privatlebens in Athen, bewußt bin, mein Unglück, wo nicht verdient, doch

befödert zu haben, ist Unvorsichtigkeit, oder der Mangel an einer gewissen

Republikanischen Klugheit, welche nur die Erfahrung geben kann. Ich lebte

nach meinem Geschmack, und nach meinem Herzen, weil ich gewiß wußte, daß

beide gut waren, ohne daran zu denken, daß man mir andre Absichten bei

meinen Handlungen andichten könne, als ich wirklich hatte. Ich lebte mit

einer gewissen Pracht, weil ich das Schöne liebte, und Vermögen hatte; ich

tat jedermann gutes, weil ich meinem Herzen dadurch ein Vergnügen

verschaffte, welches ich allen andern Freuden vorzog; ich beschäftigte

mich mit dem gemeinen Besten der Republik, weil ich dazu geboren war, weil

ich eine Tüchtigkeit dazu in mir fühlte, und weil ich durch die Zuneigung

meiner Mitbürger in den Stand gesetzt zu werden hoffte, meinem Vaterland

und der Welt nützlich zu sein. Ich hatte keine andere Absichten, und

würde mir eher haben träumen lassen, daß man mich beschuldigen werde, nach

der Krone des Königs von Persien, als nach der Unterdrückung meines

Vaterlands zu streben. Da ich mir bewußt war niemands Haß verdient zu

haben, so hielt ich einen jeden für meinen Freund, der sich dafür ausgab,

um so mehr, als kaum jemand in Athen war, dem ich nicht Dienste geleistet

hatte. Aus eben diesem Grunde dachte ich gleich wenig daran, wie ich mir

einen Anhang mache, als wie ich die geheimen Anschläge von Feinden, welche

mir unsichtbar waren, vereiteln wolle. Denn ich glaubte nicht, daß die

Freimütigkeit, womit ich, ohne Galle oder übermut, meine Meinung bei jeder

Gelegenheit sagte, eine Ursache sein könne, mir Feinde zu machen. Mit

einem Wort, ich wußte noch nicht, daß Tugend, Verdienste und Wohltaten

gerade dasjenige sind, wodurch man gewisse Leute zu dem tödlichsten Haß

erbittern kann. Eine traurige Erfahrung konnte mir allein zu dieser

Einsicht verhelfen; und es ist billig, daß ich sie wert halte, da sie mir

nicht weniger, als mein Vaterland, die Liebe meiner Mitbürger, meine

schönsten Hoffnungen, und das glückselige Vermögen, vielen Gutes zu tun,

und von niemand abzuhängen, gekostet hat."

SIEBENTES KAPITEL

Agathon wird von Athen verbannt

"Der Zeitpunkt meines Lebens, auf den ich nunmehr gekommen bin, führt

allzuunangenehme Erinnerungen mit sich, als daß ich nicht entschuldiget

sein sollte, wenn ich so schnell davon wegeile, als es die Gerechtigkeit

zulassen wird, die ich mir selbst schuldig bin. Es mag sein, daß einige

von meinen Feinden aus Beweggründen eines republikanischen Eifers gegen

mich aufgestanden sind, und sich durch meinen Sturz eben so verdient um

ihr Vaterland zu machen geglaubt haben, als Harmodius und Aristogiton

durch die Ermordung der Pisistratiden. Aber es ist doch gewiß, daß

diejenige, welche die Sache mit der größesten Wut betrieben, keinen andern

Beweggrund hatten, als die Eifersucht über das Ansehen, welches mir die

allgemeine Gunst des Volkes gab, und welches sie, nicht ohne Ursache, für

ein Hinternis ihrer ehrgeizigen und gewinnsüchtigen Absichten hielten.

Die meisten glaubten auch, daß sie Privatbeleidigungen zu rächen hätten.

Einige nährten noch den alten Groll, den sie bei meinem ersten Auftritt in

der Republik gegen mich faßten, da ich meinen rechtschaffenen Freund, den

Wirkungen ihrer Bosheit entriß; andere schmerzte es, daß ich ihnen bei der

Wahl eines Befehlshabers gegen die Empörten Inseln vorgezogen worden war;

viele waren durch den Verlust des Vorteils, welchen sie von den

ungerechten Bedrückungen derselben gezogen hatten, beleidiget worden. Bei

diesen allen half mir nichts, daß ich keine Absicht gehabt hatte sie zu

beleidigen, und daß es nur zufälliger Weise dadurch geschehen war, daß ich

meiner überzeugung und meinen Pflichten gemäß gehandelt hatte. Sie

beurteilten meine Handlungen aus einem ganz andern Gesichtspunkte, und es

war bei ihnen ein ausgemachter Grundsatz, daß derjenige kein ehrlicher

Mann sein könne, der ihren Privatabsichten Schranken setzte. Zum Unglück

für mich, machten diese Leute einen großen Teil von den Edelsten und

Reichesten in Athen aus. Hiezu kam noch, daß ich meiner immer

fortdauernden Liebe zu Psyche, die vorteilhaftesten Verbindungen, welche

mir angeboten worden waren, aufgeopfert, und mich dadurch der

Unterstützung und des Schutzes beraubet hatte, den ich mir von der

Verschwägerung mit einem mächtigen Geschlechte hätte versprechen können.

Ich hatte nichts, was ich den Ränken und der vereinigten Gewalt so vieler

Feinde entgegen setzen konnte, als meine Unschuld, einige Verdienste, und

die Zuneigung des Volks; schwache Brustwehren, welche noch nie gegen die

Angriffe des Neides, der Arglist und der Gewalttätigkeit ausgehalten haben.

Die Unschuld kann verdächtig gemacht, und Verdiensten selbst durch ein

falsches Licht das Ansehen von Verbrechen gegeben werden; und was ist die

Gunst eines enthusiastischen Volkes, dessen Bewegungen immer seinen

überlegungen zuvorkommen; welches mit gleichem übermaß liebet und hasset,

und wenn es einmal in eine fiebrische Hitze gesetzt ist, gleich geneigt

ist, dieser oder einer entgegengesetzten Direktion, je nachdem es gestoßen

wird, zu folgen? Was konnte ich mir von der Gunst eines Volkes

versprechen, welches den großen Beschützer der griechischen Freiheit im

Gefängnis hatte verschmachten lassen? Welches den tugendhaften Aristides,

bloß darum, weil er den Beinamen des Gerechten verdiente, verbannet, und

in einer von seinen gewöhnlichen Launen so gar den Socrates zum

Gift-Becher verurteilt hatte, weil er der weiseste und tugendhafteste Mann

seines Jahrhunderts war. Diese Beispiele sagten mir sogleich bei der

ersten Nachricht, die ich von dem über mir sich zusammenziehenden

Ungewitter erhielt, zuverlässig vorher, was ich von den Atheniensern zu

erwarten hätte; sie machten, daß ich ihnen nicht mehr zutraute, als sie

leisteten; und trugen nicht wenig dazu bei, mich ein Unglück mit

Standhaftigkeit ertragen zu machen, in welchem ich so vortreffliche Männer

zu Vorgängern gehabt hatte.

Derjenige, den meine Feinde zu meinem Ankläger auserkoren hatten, war

einer von diesen witzigen Schwätzern, deren feiles Talent gleich fertig

ist, Recht oder Unrecht zu verfechten. Er hatte in der Schule des

berüchtigten Gorgias gelernt, durch die Zaubergriffe der Rede-Kunst den

Verstand seiner Zuhörer zu blenden, und sie zu bereden, daß sie sähen, was

sie nicht sahen. Er bekümmerte sich wenig darum, dasjenige zu beweisen,

was er mit der größesten Dreistigkeit behauptete; aber er wußte ihm einen

so lebhaften Schein zu geben, und durch eine zwar willkürliche, aber desto

künstlichere Verbindung seiner Sätze die Schwäche eines jeden, wenn er an

sich und allein betrachtet würde, so geschickt zu verbergen, daß man, so

gar mit einer gründlichen Beurteilungs-Kraft, auf seiner Hut sein mußte,

um nicht von ihm überrascht zu werden. Der hauptsächlichste Vorwurf

seiner Anklage sollte, seinem Vorgeben nach, die schlimme Verwaltung sein,

deren ich mich als Ober-Befehlshaber in der Angelegenheit der empörten

Schutz-Verwandten schuldig gemacht haben sollte; denn er bewies mit großem

Wort-Gepränge, daß ich in dieser ganzen Expedition nichts getan hätte, das

der Rede wert wäre; daß ich vielmehr, anstatt die Empörten zu züchtigen

und zum Gehorsam zu bringen, ihren Sachwalter vorgestellt; sie für ihren

Aufruhr belohnt; ihnen noch mehr, als sie selbst zu fodern die

Verwegenheit gehabt, zugestanden; und durch diese unbegreifliche Art zu

verfahren, ihnen Mut und Kräfte gegeben hätte, bei der ersten Gelegenheit

sich von Athen gänzlich unabhängig zu machen; er bewies (sage ich) alles

dieses nach den Grund-Sätzen einer Politik, welche das Widerspiel von der

meinigen war, aber den Leidenschaften der Athenienser und eines jeden

andern Volks allzusehr schmeichelte, um nicht Eingang zu finden. Er hatte

noch die Bosheit, nicht entscheiden zu wollen, ob ich aus Unverstand oder

geflissentlich so gehandelt habe; doch erhub er auf der einen Seite meine

Fähigkeiten so sehr, und legte so viel Wahrscheinlichkeiten in die andere

Waag-Schale, daß sich der Ausschlag von selbst geben mußte. Dieses führte

ihn zu dem zweiten Teil seiner Anklage, welcher in der Tat (ob er es

gleich nicht gestehen wollte) das Hauptwerk davon ausmachte. Und hier

wurden Beschuldigungen auf Beschuldigungen gehäuft, um mich dem Volk als

einen Ehrsüchtigen abzumalen, der sich einen Plan gemacht habe, sein

Vaterland zu unterdrücken, und unter dem Schein der Großmut, der

Freigebigkeit und der Popularität, sich zum unumschränkten Herrn desselben

aufzuwerfen. Eine jede meiner Tugenden war die Maske eines Lasters,

welches im Verborgenen am Untergang der Freiheit und Glückseligkeit der

Athenienser arbeitete. In der Tat hatte die Beredsamkeit meines Anklägers

hier ein schönes Feld, sich zu ihrem Vorteil zu zeigen, und seinen

Zuhörern das republikanische Vergnügen zu machen, eine Tugend, welche mir

zu große Vorzüge vor meinen Mitbürgern zu geben schien, heruntergesetzt zu

sehen. Indessen, ob er gleich keinen Teil meines Privat-Lebens (so

untadelhaft es ehemals meinen Gönnern geschienen hatte) unbeschmutzt ließ;

so mochte er doch besorgen, daß die Kunstgriffe, deren er sich dazu

bedienen mußte, zu stark in die Augen fallen möchten. Er raffte also

alles zusammen, was nur immer fähig sein konnte, mich in ein verhaßtes

Licht zu stellen; und da es ihm an Verbrechen, die er mir mit einiger

Wahrscheinlichkeit hätte aufbürden können, mangelte, so legte er mir

fremde Torheiten, und selbst die ausschweifenden Ehren-Bezeugungen zur

Last, welche mir in der Flut meines Glückes und meiner Gunst bei dem Volk

aufgedrungen worden waren. Ich mußte itzt so gar für die elenden Verse

Rechenschaft geben, womit einige Dichter, denen ich aus einem vielleicht

zu weit getriebenen Mitleiden erlaubte, mir täglich um die Essens-Zeit

ihren Besuch abzustatten, mir die Dankbarkeit ihres Magens, auf Unkosten

ihres Ruhms und des meinigen, zu beweisen gesucht hatten. Man

beschuldigte mich in ganzem Ernst, daß ich übermütig und gottlos genug

gewesen sei, mich für einen Sohn des delphischen Apollo auszugeben; und

mein Ankläger ließ diese Gelegenheit nicht entgehen, über meine wahre

Geburt Zweifel zu erregen, und, unter vielen scherzhaften Wendungen, die

Meinung derjenigen wahrscheinlich zu finden, welche (wie er sagte)

benachrichtigt zu sein glaubten, daß ich mein Dasein den verstohlenen

Liebes-Händeln irgend eines delphischen Priesters zu danken hätte. In

dieser ganzen Rede ersetzte ein von Bosheit beseelter Witz den Abgang

gründlicher Beweise; aber die Athenienser waren schon lange gewohnt, sich

Witz für Wahrheit verkaufen zu lassen, und sich einzubilden, daß sie

überzeugt würden, wenn ihr Geschmack belustigt und ihre Ohren gekitzelt

wurden. Sie machte also allen den Eindruck, und vielleicht noch mehr, als

meine Feinde sich davon versprochen hatten. Die Eifersucht, welche sie in

den Gemütern anblies, verwandelte die übermäßige Zuneigung, deren

Gegenstand ich zwei Jahre lang gewesen war, in einer Zeit von zwo Stunden

in den bittersten Haß. Die Athenienser erschraken vor dem Abgrund, an

dessen Rand sie sich, durch ihre Verblendung für mich, unvermerkt

hingezogen sahen.--Sie erstaunten, daß sie meine Unfähigkeit zur

Staats-Verwaltung, meine Begierde nach einer unumschränkten Gewalt, meine

weit aussehenden Absichten, und mein heimliches Verständnis mit ihren

Feinden nicht eher wahrgenommen hätten; und da es nicht natürlich gewesen

wäre, die Schuld davon auf sich selbst zu nehmen, so schrieben sie es

lieber einer Bezauberung zu, wodurch ich ihre Augen eine Zeitlang zu

verschließen gewußt hätte. Ein jeder glaubte nun, durch die verderblichen

Anschläge, welche ich gegen die Republik gefaßt habe, von der Dankbarkeit

vollkommen losgezählt zu sein, die er mir für Dienste oder Wohltaten

schuldig sein mochte; welche nun als die Lockspeise angesehen wurden,

womit ich die Freiheit, und mit ihr das Eigentum meiner Mitbürger,

wegzuangeln getrachtet. Kurz: Eben dieses Volk, welches vor wenigen

Monaten mehr als menschliche Vollkommenheiten an mir bewunderte, war itzt

unbillig genug, mir nicht das geringste Verdienst übrig zu lassen; und

eben diejenigen, welche auf den ersten Wink bereit gewesen wären, mir die

Oberherrschaft in einem allgemeinen Zusammenlauf aufzudrängen, waren itzt

begierig, mich einen Anschlag, den ich nie gefaßt, gegen eine Freiheit,

deren sie sich in diesem Augenblicke selbst begaben, mit meinem Blute

büßen zu sehen. Mein Urteil war zu eben der Zeit, da mir die gewöhnliche

Frist zur Verantwortung gegeben wurde, durch die Mehrheit der Stimmen

schon gefällt; und das Vergnügen, womit ich von einer unzählbaren Menge

Volks ins Gefängnis begleitet wurde, würde vollkommen gewesen sein, wenn

die Gesetze gestattet hätten, mich, anstatt dahin, ohne weitere

Prozeß-Förmlichkeiten, zum Richt-Platz zu führen.

So glücklich meinen Feinden ihr Anschlag von statten gegangen war, so

glaubten sie doch, sich meines Untergangs noch nicht genugsam versichert

zu haben; sie fürchteten die Unbeständigkeit eines Volks, von welchem sie

allzuwohl wußten, wie leicht es in entgegengesetzte Bewegungen zu setzen

war. Es blieb möglich, daß ich mit einer bloßen Verbannung auf einige

Jahre durchwischen konnte; und diese ließ eine Veränderung der Szene

besorgen, bei welcher weder ihr Haß gegen mich, noch ihre Sicherheit, ihre

Rechnung fanden. Man mußte also noch eine andere Mine springen lassen,

durch die mir, wenn ich einmal aus Athen vertrieben wäre, alle Hoffnung,

jemals wieder zurückzukommen, abgeschnitten würde. Man mußte beweisen,

daß ich kein Bürger von Athen sei; daß meine Mutter keine Bürgerin, und

Stratonicus nicht mein Vater gewesen; daß er mich, in Ermanglung eines

Erben von seinem eigenen Blute, aus Haß gegen denjenigen, der es, den

Gesetzen nach, gewesen wäre, angenommen und unterschoben habe; und daß

also die Gesetze mir kein Recht an seine Erbschaft zugestanden. Da es zu

Athen an Leuten niemal fehlt, welche gegen eine proportionierte Belohnung

alles gesehen und gehört haben, was man will; und da alle diejenigen

gestorben waren, welche der Wahrheit das beste Zeugnis hätten geben können:

so war es meinen Gegnern ein Leichtes, alles dieses eben so gut zu

beweisen, als sie meine Staats-Verbrechen bewiesen hatten. Es wurde also

eine neue Klage angestellt. Derjenige, der sich zum Kläger wider mich

aufwarf, war ein Neffe von meinem Vater, durch nichts als durch die

lüderlichste Lebens-Art bekannt, wodurch er sein Erb-Gut schon vor einigen

Jahren verprasset hatte. Seine Unverbesserlichkeit hatte ihn endlich der

Freundschaft meines Vaters, so wie der Achtung aller rechtschaffenen Leute,

beraubt; und dieses Umstands bediente er sich nun, mich um eine Erbschaft

zu bringen, die er, als der nächste Erbe, eh mich Stratonicus für seinen

Sohn erklärte, in seinen Gedanken schon verschlungen hatte. Die

Geschicklichkeit des Redners, dessen Dienste er zu Ausführung seines

Bubenstücks erkaufte, der mächtige Beistand meiner Feinde, die Umstände

selbst, in denen er mich unvermutet überfiel, und vornehmlich die

Gefälligkeit seiner Zeugen, alle die Unwahrheiten zu beschwören, welche er

zu seiner Absicht nötig hatte: Alles dieses zusammen genommen, versicherte

ihn des glücklichen Ausgangs seiner Verräterei; und die Reichtümer, die

ihm dadurch zufielen, waren in den Augen eines gefühllosen, Elenden, wie

er war, wichtig genug, um mit Verbrechen, die ihn so wenig kosteten,

erkauft zu werden.

Geschichte des Agathon. Teil 1 · 第 21 / 23 段