Freigelassenen zu sich rufen, und fragte ihn: Ob er den kleinen Agathon
kenne, den er vor vierzehn Jahren dem Schutz des Delphischen Apollo
überliefert habe? Der gute Alte, dessen Züge mir selbst nicht unbekannt
waren, erkannte mich desto leichter, da er binnen dieser Zeit von meinem
Vater etliche male nach Delphi abgeschickt worden war, sich meines
Wohlbefindens zu erkundigen. Nunmehr wurde in wenigen Augenblicken das
ganze Haus mit allgemeiner Freude erfüllt; die Zufriedenheit meines Vaters
über mich, und das Vergnügen, womit alle seine Haus-Genossen mich, als den
einzigen Sohn ihres Herrn, bewillkommten, machte die Freude vollkommen,
die ich bei einem so unverhofften und plötzlichen übergang von dem Elend
eines sich selbst unbekannten, nackten und allen Zufällen des Schicksals
preis gegebenen Flüchtlings zu einem so blendenden Glücks-Stand notwendig
empfinden mußte. Blendend hätte er wenigstens für manchen andern sein
können, der durch die Art seiner Erziehung weniger als ich vorbereitet
gewesen wäre, einen solchen Wechsel mit Bescheidenheit zu ertragen.
Inzwischen bin ich mir selbst die Gerechtigkeit schuldig, zu sagen, daß
die Versicherung, ein Bürger von Athen, und durch meine Geburt und die
Tugend meiner Voreltern zu Verdiensten und schönen Taten berufen zu sein,
mir ungleich mehr Vergnügen machte, als der Anblick der Reichtümer, welche
die Gütigkeit meines Vaters mit mir zu teilen so begierig war, und welche
in meinen Augen nur dadurch einen Wert erhielten, weil sie mir das
Vermögen zu Leben schienen, desto freier und vollkommener nach den
Grund-Sätzen, die ich eingezogen hatte, leben zu können. Ich unterhielt
mich nun mit einer neuen Art von Träumen, welche durch ihre Beziehung auf
meine neu entdeckten Verhältnisse für mich so wichtig, als durch ihre
Ausführung eben so viele Wohltaten für das menschliche Geschlecht zu sein
schienen. Ich machte Entwürfe, wie die erhabenen Lehr-Sätze meiner
idealischen Sitten-Lehre auf die Einrichtung und Verwaltung eines gemeinen
Wesens angewendet werden könnten. Diese Betrachtungen, welche einen guten
Teil meiner Nächte wegnahmen, erfüllten mich mit dem lebhaftesten Eifer
für ein Vaterland, welches ich nur aus Geschichtschreibern kannte; ich
zeichnete mir selbst, auf den Fußstapfen der Solons und Aristiden, einen
Weg aus, bei welchem ich an keine andere Hinternisse dachte, als solche,
die durch Mut und Tugend zu überwinden sind. Dann setzte ich mich in
meinen patriotischen Entzückungen an das Ende meiner Laufbahn, und sah in
Athen, nichts geringers als die Hauptstadt der Welt, die Gesetzgeberin der
Nationen, die Mutter der Wissenschaften und Künste, die Königin des Meers,
den Mittelpunkt der Vereinigung des ganzen menschlichen Geschlechts.--Kurz,
ich machte ungefähr eben so schimärische, und eben so ungeheure Projekte,
als Alcibiades; aber mit dem wesentlichen Unterscheid, daß ein von Güte
und allgemeiner Wohltätigkeit beseeltes Herz die Quelle der meinigen war.
Sie hatten noch dieses Besondere, daß ihre Ausführung, (die moralische
Möglichkeit derselben vorausgesetzt,) keiner Mutter eine Träne, und keinem
Menschen in der Welt mehr, als die Aufopferung seiner Vorurteile, und
solcher Leidenschaften, welche die Ursachen alles Privat-Elends sind,
gekostet hätten. Ihre Ausführung schien mir, weil ich mir die Hinternisse
nur einzeln, und nicht in ihrem Zusammenhang und vereinigtem Gewichte
vorstellte, so leicht zu sein, daß ich nur allein darüber verwundert war,
daß ein Perikles unter den kleinfügigen Bemühungen Athen zur Meisterin von
Griechenland zu machen, habe übersehen können, wie viel leichter es sei,
es zum Tempel eines ewigen Friedens und der allgemeinen Glückseligkeit der
Welt zu machen. Diese schönen Spekulationen gaben etliche mal den Stoff
zu den Unterredungen ab, womit ich meinem Vater des Abends die Zeit zu
verkürzen pflegte. Die Lebhaftigkeit meiner Einbildungskraft schien ihn
eben so sehr zu belustigen, als sein Herz, dessen Ebenbild er in dem
meinigen erkannte, sich an den tugendhaften Gesinnungen vergnügte, welche
er, wie ich selbst, (vielleicht beide ein wenig zu parteiisch) für die
Triebfedern meiner politischen Träume hielt. Alles, was er mir von den
Schwierigkeiten ihrer Ausführung, die er mit der Quadratur des Zirkels in
eine Klasse setzte, sagen konnte, überzeugte mich so wenig, als einen
Verliebten die Einwendungen eines Freundes, der bei kaltem Blut ist,
überzeugen werden. Ich hatte eine Antwort für alle; und dieser neue
Schwung, den mein Enthusiasmus bekommen hatte, wurde bald so stark, daß
ich es kaum erwarten konnte, mich in Athen, und in Umständen zu sehen, wo
ich die erste Hand an dieses große Werk, wozu ich gewidmet zu sein glaubte,
legen könnte."
SECHSTES KAPITEL
Agathon kommt nach Athen, und widmet sich der Republik. Eine Probe der
besondern Natur desjenigen Windes, welcher vom Horaz aura popularis
genennet wird
"Mein Vater hielt sich nur so lange zu Corinth auf, als es seine Geschäfte
erfoderten, und eilte selbst, mich so bald es nur möglich war, in dieses
Athen zu versetzen, welches sich meiner verschönernden Einbildung in einem
so herrlichen Lichte darstellte. Ich gestehe dir, Danae, (und hoffe, die
fromme Pflicht gegen meine Vaterstadt nicht dadurch zu beleidigen) daß der
erste Anblick mit dem was ich erwartete einen starken Absatz machte. Mein
Geschmack war zu sehr verwöhnt, um das Mittelmäßige, worin es auch sein
möchte, erträglich zu finden; er wollte gleichsam alles in diese feine
Linie eingeschlossen sehen, in welcher das Erhabene mit dem Schönen
zusammenfließt; und wenn er diese Vollkommenheit an einzelnen Teilen
gewahr wurde, so wollte er, daß alle zusammenstimmen, und ein sich selbst
durchaus ähnliches, symmetrisches Ganzes ausmachen sollten. Von diesem
Grade der Schönheit war Athen, so wie vielleicht eine jede andere Stadt in
der Welt, noch weit entfernt; indessen hatte sie doch der gute Geschmack
und die Verschwendung des Pericles, mit Hülfe der Phidias, der Alcamenen,
und andrer großer Meister, in einen solchen Stand gestellt, daß sie mit
den prächtigsten Städten des politesten Teils der Welt um den Vorzug
streiten konnte; und ich hielt mit Recht davor, daß die Ergänzung und
Vollendung dessen, was ihr von dieser Seite noch abging, der leichteste
Teil meiner Entwürfe, und eine natürliche Folge derjenigen Veranstaltungen
sein werde, welche sie, meiner Einbildung nach, zum Mittelpunkt der Stärke,
und der Reichtümer des ganzen Erdbodens machen sollten.
Sobald wir in Athen angekommen waren, ließ mein Vater seine erste Sorge
sein, mich auf eine gesetzmäßige und öffentliche Art für seinen Sohn
erkennen, und unter die Atheniensischen Bürger aufnehmen zu lassen.
Dieses machte mich eine Zeit lang zu einem Gegenstand der allgemeinen
Aufmerksamkeit. Die Athenienser sind, wie dir nicht unbekannt ist, mehr
als irgend ein anders Volk in der Welt geneigt, sich plötzlich mit der
äußersten Lebhaftigkeit für oder wider etwas einnehmen zu lassen. Ich
hatte das Glück, ihnen beim ersten Anblick zu gefallen; die Begierde mich
zu sehen, und Bekanntschaft mit mir zu machen, wurde eine Art von
epidemischer Leidenschaft unter Jungen und Alten; jene machten in kurzem
einen glänzenden Hof um mich, und diese faßten Hoffnungen von mir, welche
mich, ohne es an mir selbst gewahr zu werden, mit einem geheimen Stolz
erfüllten, und die allzuhochfliegende Meinung, die ich ohnehin geneigt war,
von meiner Bestimmung zu fassen, bestätigten. Dieser subtile Stolz, der
sich hinter meinen besten Neigungen und tugendhaftesten Gesinnungen
verbarg, und dadurch meinem Bewußtsein sich entzog, benahm mir nichts von
einer Bescheidenheit, wodurch ich vor den meisten jungen Leuten meiner
Gattung mich zu unterscheiden schien; und ich gewann dadurch, nebst der
allgemeinen Achtung des geringern Teils des Volkes, den Vorteil, daß die
Vornehmsten, die Weisesten und Erfahrensten mich gerne um sich haben
mochten, und mir durch ihren Umgang eine Menge besondere Kenntnisse
mitteilten, welche mir bei meinem frühzeitigen Auftritt in der Republik
sehr wohl zu statten kamen. Die Reinigkeit meiner Sitten, der gute
Gebrauch, den ich von meiner Zeit machte, der Eifer, womit ich mich zum
künftigen Dienst meines Vaterlandes vorbereitete, die fleißige Besuchung
der Gymnasien, und der Preis, den ich in den übungen von den mehresten
meines Alters davon trug: Alles dieses vereinigte sich, das günstige
Vorurteil zu unterhalten, welches man einmal für mich gefaßt hatte; und da
mir noch die Verdienste meines Vaters, und einer langen Reihe von
Voreltern den Weg zur Republik bahnten; so ist es nicht zu verwundern, daß
ich in einem Alter, worin die meisten Jünglinge nur mit ihren Vergnügungen
beschäftiget sind, den Mut hatte, in den öffentlichen Versammlungen
aufzutreten, und das Glück, mit einem Beifall aufgenommen zu werden,
welcher mich in Gefahr setzte, eben so schnell, als ich empor gehoben
wurde, so wohl durch meine eigene Vermessenheit, als durch den Neid meiner
Nebenbuhler wieder gestürzt zu werden.
Die Beredsamkeit ist in Athen, und in allen Freistaaten, wo das Volk
Anteil an der öffentlichen Verwaltung hat, der nächste Weg zu Ehrenstellen,
und das gewisseste Mittel sich auch ohne dieselben Ansehen und Einfluß zu
verschaffen. Ich ließ es mir also sehr angelegen sein, die Geheimnisse
einer Kunst zu studieren, von deren Ausübung und dem Grade der
Geschicklichkeit, den ich mir darin erwerben würde, die glückliche
Ausführung aller meiner Entwürfe abzuhängen schien. Denn wenn ich
bedachte, wozu Perikles und Alcibiades die Athenienser zu bereden gewußt
hatten: So zweifelte ich keinen Augenblick, daß ich sie mit einer gleichen
Geschicklichkeit zu Maßnehmungen würde überreden können, welche, außerdem,
daß sie an sich selbst edler waren, zu weit glänzendern Vorteilen führten,
ohne so ungewiß und gefährlich zu sein. In dieser Absicht besuchte ich
die Schule des Platons, welcher damals zu Athen in seinem größesten
Ansehen stund, und indem er die Weisheit des Socrates mit der Beredsamkeit
eines Gorgias und Prodicus vereinigte, nach dem Urteil meiner alten
Freunde, weit geschickter, als diese Wortkünstler, war, einen Redner zu
bilden, der vielmehr durch die Stärke der Wahrheit, als durch die
Blendwerke und Kunstgriffe einer hinterlistigen Dialektik sich die Gemüter
seiner Zuhörer unterwerfen wollte. Der vertrautere Zutritt, den mir
dieser berühmte Weise vergönnte, entdeckte eine übereinstimmung meiner
Denkungsart mit seinen Grundsätzen, welche die Freundschaft, die ich für
ihn faßte, in eine fast schwärmerische Leidenschaft verwandelte. Sie
würde mir schädlich gewesen sein, wenn man damals schon so von ihm gedacht
hätte, wie man dachte, nachdem er, durch die Bekanntmachung seiner
metaphysischen Dialogen, bei den Staatsleuten, und selbst bei vielen,
welche seine Bewundrer gewesen waren, den Vorwurf, welchen Aristophanes
ehemals (wiewohl höchst unbillig) dem weisen Socrates gemacht, sich mit
besserm Grund oder mehr Scheinbarkeit zugezogen hatte. Aber damals hatte
Plato weder seinen 'Timäus' noch seine 'Republik' geschrieben. Indessen
existierte diese letztere doch bereits in seinem Gehirne; sie gab sehr oft
den Stoff zu unsern Gesprächen in den Spaziergängen der Akademie ab; und
er bemühete sich desto eifriger, mir seine Begriffe von der besten Art,
die menschliche Gesellschaft einzurichten, und zu regieren, eigen zu
machen, da er das Vergnügen zu haben hoffte, sie wenigstens in so fern es
die Umstände zulassen würden, durch mich realisiert zu sehen. Sein Eifer
in diesem Stücke mag so groß gewesen sein, als er will, so war er doch
gewiß nicht größer, als meine Begierde, dasjenige auszuüben, was er
spekulierte. Allein, da meine Vorstellung von der Wichtigkeit der
Pflichten, welche derjenige auf sich nimmt, der sich in die öffentlichen
Angelegenheiten mischet, der Lauterkeit und innerlichen Güte meiner
Absichten proportioniert war, und ich desto weiter von Ehrsucht, und
andern eigennützigen Leidenschaften entfernt zu sein glaubte, je gewisser
ich mir bewußt war, daß ich (wenn ich es für erlaubt gehalten hätte, mich
in der Wahl einer Lebensart bloß meiner Privatneigung zu überlassen,) eine
von dem Städtischen Getümmel entfernte Muße, und den Umgang mit den Musen,
die ich alle zugleich liebte, der Ehre, eine ganze Welt zu beherrschen,
vorgezogen hätte: So glaubte ich mich nicht genug vorbereiten zu können,
eh ich auf einem Theater erschiene, wo der erste Auftritt gemeiniglich das
Glück des ganzen Schauspiels entscheidet. Ich widerstund bei etlichen
Gelegenheiten, welche mich aufzufodern schienen, so wohl dem Zudringen
meiner Freunde, als meiner eigenen Neigung, ob es gleich, seit dem
Alcibiades mit so gutem Erfolg den Anfang gemacht hatte, nicht an jungen
Leuten fehlte, welche, ohne sich durch andre Talente, als die
Geschicklichkeit ein Gastmahl anzuordnen, sich zierlich zu kleiden, zu
tanzen, und die Cithar zu spielen, bekannt gemacht zu haben, vermessen
genug waren, nach einer durchgeschwärmten Nacht aus den Armen einer
Buhlerin in die Versammlung des Volks zu hüpfen, und von Salben triefend
mit einer tändelhaften Geschwätzigkeit von den Gebrechen des Staats, und
den Fehlern der öffentlichen Verwaltung zu plaudern.
Endlich ereignete sich ein Fall, wo das Interesse eines Freundes, den ich
vorzüglich liebte, alle meine Bedenklichkeiten überwog. Eine mächtige
Kabale hatte seinen Untergang geschworen; er war unschuldig; aber die
Anscheinungen waren gegen ihn; die Gemüter waren wider ihn eingenommen;
und die Furcht, sich den Unwillen seiner Feinde zu zuziehen, hielt die
wenigen, welche besser von ihm dachten, zurück, sich seiner öffentlich
anzunehmen. In diesen Umständen stellte ich mich als sein Verteidiger
dar. Da ich von seiner Unschuld überzeugt war, so würkten alle diese
Betrachtungen, wodurch sich seine übrigen Freunde abschrecken ließen, bei
mir gerade das Widerspiel. Ganz Athen wurde aufmerksam, da es bekannt
wurde, daß Agathon, des Stratonicus Sohn, auftreten würde, die Sache des
schon zum voraus verurteilten Lysias zu führen. Die Zuneigung, welche das
Volk zu mir trug, veränderte auf einmal die Meinung, die man von dieser
Sache gefaßt hatte; die Athenienser fanden eine Schönheit, von der sie
ganz bezaubert waren, in der Großmut und Herzhaftigkeit, womit ich (wie
sie sagten) mich für einen Freund erklärte, den alle Welt verlassen und
der Wut und übermacht seiner Feinde preis gegeben hatte. Man tat nun die
eifrigsten Gelübde, daß ich den Sieg davon tragen möchte, und der
Enthusiasmus, womit einer den andern ansteckte, wurde so groß, daß die
Gegenpartei sich genötigt sah, den Tag der Entscheidung so weit
hinauszusetzen, als sie für nötig hielten, um die erhitzten Gemüter sich
wieder abkühlen zu lassen. Sie sparten inzwischen keine Kunstgriffe,
wodurch sie sich des Ausgangs zu versichern glaubten; allein der Erfolg
vereitelte alle ihre Maßnehmungen. Die Zujauchzungen, womit ich von einem
großen Teil des Volkes empfangen wurde, munterten mich auf; ich sprach mit
einem gesetztern Mut, als man sonst von einem jungen Menschen erwarten
konnte, der zum ersten mal vor einer so zahlreichen Versammlung redete;
und vor einer Versammlung, wo der geringste Handwerksmann sich für einen
Kenner und rechtmäßigen Richter der Beredsamkeit hielt. Die Wahrheit tat
auch hier die Würkung, die sie alle mal tut, wenn sie in ihrem eigenen
Lichte und mit derjenigen Lebhaftigkeit, welche die eigene überzeugung des
Redners gibt, vorgetragen wird; sie überwältigte alle Gemüter. Lysias
wurde losgesprochen, und Agathon, der nunmehr der Held der Athenienser war,
im Triumph nach Hause begleitet. Von dieser Zeit erschien ich öfters in
den öffentlichen Versammlungen; die Leidenschaft, welche das Volk für mich
gefaßt hatte, und der Beifall, der mir, wenn ich redete, entgegen flog,
machten mir Mut, nun auch an den allgemeinen Angelegenheiten Teil zu
nehmen; und da das Glück beschlossen zu haben schien, mich nicht eher zu
verlassen, bis es mich auf den Gipfel der Republikanischen Größe erhoben
haben würde; so machte ich auch in dieser neuen Lauf-Bahn so schnelle
Schritte, daß in kurzem die Gunst, worin ich bei dem Volk stund, das
Ansehen der Mächtigsten zu Athen im Gleichgewicht erhielt; und daß meine
heimlichen Feinde selbst, um dem Volk angenehm zu sein, genötigt waren,
öffentlich die Zahl meiner Bewunderer zu vermehren. Der Tod meines Vaters,
der um diese Zeit erfolgte, beraubte mich eines Freundes und Führers,
dessen Klugheit mir in dem gefahrvollen Ozean des politischen Lebens
unentbehrlich war. Ich wurde dadurch in den Besitz der großen Reichtümer
gesetzt, mit denen er nur dadurch dem Neid entgangen war, weil er sie mit
großer Bescheidenheit gebrauchte. Ich war nicht so vorsichtig. Der
Gebrauch, den ich davon machte, war zwar an sich selbst edel und löblich;
ich verschwendete sie, um Gutes zu tun; ich unterstützte alle Arten von
Bürgern, welche ohne ihre Schuld in Unglück geraten waren; mein Haus war
der Sammel-Platz der Gelehrten, der Künstler und der Fremden; mein
Vermögen stund jedem zu Diensten, der es benötigt war: aber eben dieses
war es, was in der Folge meinen Fall beförderte. Man würde mir eher zu
gut gehalten haben, wenn ich es mit Gastmählern, mit Buhlerinnen und mit
einer immerwährenden Abwechslung prächtiger und ausschweifender
Lustbarkeiten durchgebracht hätte. Indes stund es eine geraume Zeit an,
bis die Eifersucht, welche ich durch eine solche Lebens-Art in den
Gemütern der Angesehensten unter den Edeln zu Athen erregte, es wagen
durfte, in sichtbare Würkungen auszubrechen. Das Volk, welches mich
vorhin geliebet hatte, fing nun an, mich zu vergöttern. Der Ausdruck, den
ich hier gebrauche, ist nicht zu stark; denn da ein gewisser Dichter, der
sich meines Tisches zu bedienen pflegte, sich einst einfallen ließ, in
einem großen und elenden Gedicht mir den Apollo zum Vater zu geben, so
fand diese mir selbst lächerliche Schmeichelei bei dem Pöbel (dem ohnehin
das Wunderbare allemal besser als das Natürliche einleuchtet) so großen
Beifall, daß sich nach und nach eine Art von Sage unter dem Volk
befestigte, welche meiner Mutter die Ehre beilegte, den Gott zu Delphi für
ihre Reizungen empfindlich gemacht zu haben. So ausschweifend dieser Wahn
war, so wahrscheinlich schien er meinen Gönnern aus der untersten Klasse;
dadurch allein glaubten sie die mehr als menschliche Vollkommenheiten, die
sie mir zuschrieben, erklären, und die ungereimten Hoffnungen, welche sie
sich von mir machten, rechtfertigen zu können. Denn das Vorurteil des
großen Haufens ging weit genug, daß viele öffentlich sagten, Athen könne
durch mich allein zur Gebieterin des ganzen Erdbodens gemacht werden, und
man könne nicht genug eilen, mir eine einzelne und unumschränkte Gewalt zu
übertragen, von welcher sie sich nichts geringers als die Wiederkehr der
göldenen Zeit, die gänzliche Aufhebung des verhaßten Unterscheids zwischen
Armen und Reichen, und einen seligen Müßiggang mitten unter allen
Wollüsten und Ergötzlichkeiten des Lebens versprachen.