"Nachdem ich etliche Tage in der grausamen Ungewißheit, was aus meiner

Geliebten geworden sein möchte, zugebracht hatte, erfuhr ich endlich von

einer Sklavin der Pythia, welche ihre Freundin gewesen war, daß sie nicht

mehr in Delphi sei. Dieses war alle Nachricht, die ich von ihr ziehen

konnte; aber es war genug, mir den Aufenthalt von Delphi unerträglich zu

machen. Nunmehr bedacht' ich mich keinen Augenblick, was ich tun wollte.

Ich stahl mich in der nächsten Nacht hinweg, ohne um die Folgen eines so

unbesonnenen Schrittes bekümmert zu sein; oder richtiger zu sagen, in

einem Gemüts-Zustande, worin ich unfähig war, einige vernünftige

überlegung zu machen. Ich irrte eine Zeitlang an allen Orten herum, wo

ich eine Spur von meiner Freundin zu entdecken hoffte; töricht genug mir

einzubilden, daß sie mich, wo sie auch sein möchte, durch die magische

Gewalt der Sympathie unsrer Seelen nach sich ziehen werde. Aber meine

Hoffnung betrog mich; niemand konnte mir die geringste Nachricht von ihr

geben. Unempfindlich gegen alles Elend, welches ich auf dieser unsinnigen

Wanderschaft erfahren mußte, fühlte ich keinen andern Schmerz als die

Trennung von meiner Geliebten und die Ungewißheit, was ihr Schicksal sei;

ich würde die Versicherung, daß es ihr wohl gehe, gerne mit meinem Leben

bezahlt haben. Endlich führte mich der Zufall oder eine mitleidige

Gottheit nach Corinth. Die Sonne war eben untergegangen, als ich von den

Beschwerlichkeiten der Reise, und einer Diät, deren ich nicht gewohnt war,

äußerst abgemattet, vor dem Hofe eines von den prächtigen Landgütern ankam,

welche die Küsten des Corinthischen Meeres verschönern. Ich warf mich

unter eine hohe Zypresse nieder, und verlor mich in den Vorstellungen der

natürlichen, und dennoch in der Hitze der Leidenschaft nicht

vorhergesehenen Folgen meiner Flucht von Delphi. In der Tat war meine

Situation fähig, den herzhaftesten Mut niederzuschlagen. In eine Welt

ausgestoßen, worin mir alles fremd war, ohne Freunde, unwissend wie ich

ein Leben werde erhalten können, dessen Urheber mir nicht einmal bekannt

war--warf ich traurige Blicke um mich her--die ganze Natur schien mich

verlassen zu haben--auf dem weiten Umfang der mütterlichen Erde sah ich

nichts, worauf ich einen Anspruch machen konnte als ein Grab, wenn mich

die Last des Elends endlich aufgerieben haben würde; und selbst dieses

konnte ich nur von der Frömmigkeit irgend eines mitleidigen Wanderers

hoffen. Diese melancholischen Gedanken wurden durch die Erinnerung meiner

vergangnen Glückseligkeit, und durch das Bewußtsein, daß ich mein Elend

durch keine Bosheit des Herzens oder irgend eine entehrende übeltat

verdient hätte, noch empfindlicher gemacht. Ich sah mit tränenvollen

Augen um mich her, als ob ich ein Wesen in der Natur suchen wollte, dem

mein Zustand zu Herzen ginge. In diesem Augenblick erfuhr ich den

wohltätigen Einfluß dieser glückseligen Schwärmerei, welche die Natur dem

empfindlichsten Teil der Sterblichen, zu einem Gegenmittel gegen die übel,

denen sie durch die Schwäche ihres Herzens ausgesetzt sind, gegeben zu

haben scheint. Ich wandte mich an die Unsterblichen, mit denen meine

Seele schon so lange in einer Art von unsichtbarer Gemeinschaft gestanden

war. Der Gedanke daß sie die Zeugen meines Lebens, meiner Gedanken,

meiner geheimsten Neigungen gewesen seien, goß lindernden Trost in mein

verwundetes Herz. Ich sahe meine geliebte Psyche unter ihre Flügel

gesichert. 'Nein', rief ich aus, 'die Unschuld kann nicht unglücklich

sein, noch das Laster seine Absichten ganz erhalten! In diesem

majestätischen All, worin Sphären und Atomen sich mit gleicher

Unterwürfigkeit nach den Winken einer weisen und wohltätigen Macht bewegen,

wär es Unsinn und Gottlosigkeit, sich einer entnervenden Kleinmut zu

überlassen.--Mein Dasein ist der Beweis, daß ich eine Bestimmung habe.

--Hab' ich nicht eine Seele welche denken kann, und Gliedmaßen, welche ihr

als Sklaven zur Ausrichtung ihrer Gedanken zugegeben sind?--Bin ich nicht

ein Grieche? Und wenn mich mein Vaterland nicht erkennen will, bin ich

nicht ein Mensch? Ist nicht die Erde mein Vaterland? Und gibt mir nicht

die Natur ein unverlierbares Recht an Erhaltung und jedes wesentliche

Stück der Glückseligkeit, sobald ich meine Kräfte anwende die Pflichten zu

erfüllen, die mich mit der Welt verbinden?'--Diese Gedanken beschämten

meine Tränen, und richteten mein Herz wieder auf. Ich fing an, die Mittel

zu überlegen, die ich in meiner Gewalt hatte, mich in bessere Umstände zu

setzen; als ich einen Mann von mittlerm Alter gegen mich herkommen sah,

dessen Ansehen und Miene mir beim ersten Anblick Zutrauen und Ehrerbietung

einflößten. Ich raffte mich sogleich vom Boden auf, und beschloß mit mir

selbst, ihn anzureden, ihm meine Umstände zu entdecken, und mir seinen Rat

auszubitten. Er kam mir zuvor.--'Du scheinest vom Weg ermüdet zu sein,

junger Fremdling', sagte er zu mir, mit einem Ton, der ihm sogleich mein

Herz entgegen wallen machte; 'und da ich dich unter dem wirtschaftlichen

Schatten meines Baumes gefunden habe, so hoffe ich, du werdest mir das

Vergnügen nicht versagen, dich diese Nacht in meinem Hause zu beherbergen.

' Dieser Mann, den ich hieraus für den Herrn des Hauses, welches ich vor

mir sah, erkannte, betrachtete mich mit einer sonderbaren Aufmerksamkeit,

indem ich ihm für seine Leutseligkeit dankte, und mit einer

Offenherzigkeit, welche von meiner wenigen Kenntnis der Welt zeugte,

bekannte; daß ich im Begriff gewesen sei, ihn um dasjenige zu ersuchen,

was er mir auf eine so edle Art anbiete; nachdem ich durch einen Zufall in

diese Gegenden, wo ich niemand kenne, geraten sei. Ich weiß nicht, was

ihn zu meinem Vorteil einzunehmen schien; mein Aufzug wenigstens konnte es

nicht sein; denn ich hatte, aus Sorge entdeckt zu werden, meine Delphische

Kleidung gegen eine schlechtere vertauscht, welche auf meiner Wanderschaft

ziemlich abgenutzt worden war. Er wiederholte mir wie angenehm es ihm sei,

daß mich der Zufall vielmehr ihm als einem seiner Nachbarn zugeführt habe;

und so folgte ich ihm in sein Haus, dessen Weitläufigkeit, Bauart und

Pracht einen Besitzer von großem Reichtum und vielem Geschmack ankündigte.

Der Saal in dem wir zuerst abtraten, war mit Gemälden von den

berühmtesten Meistern, und mit einigen Bild-Säulen und Brust-Bildern vom

Phidias und Alcamenes ausgeziert. Ich liebe wie dir bekannt ist, die

Werke der schönen Künste bis zur Schwärmerei, und mein langer Aufenthalt

in Delphi hatte mir einige Kenntnis davon gegeben. Ich bewunderte einige

Stücke, setzte an andern dieses oder jenes aus, nannte die Künstler, deren

Hand oder Manier ich erkannte, und nahm Gelegenheit von andern

Meisterstücken zu reden, die mir von ihnen bekannt waren. Ich bemerkte,

daß mein Wirt mich mit Verwunderung von neuem betrachtete, und so aussah,

als ob er betroffen wäre, einen jungen Menschen, den er in einem so wenig

versprechenden Aufzug unter einem Baum liegend gefunden, mit so vieler

Kenntnis von Künsten sprechen zu hören, von denen gemeiniglich nur Leute

von Stand und Vermögen im Ton der Kenner zu reden pflegen. Nach einer

kleinen Weile wurde gemeldet, daß das Abend-Essen aufgetragen sei. Er

führte mich hierauf in einen kleinen Saal, dessen Mauern von einem der

besten Schüler des Parrhasius mit Wasser-Farben niedlich übermalt waren.

Wir speiseten ganz allein. Die Tafel, das Geräte, die Aufwärter, alles

stimmte mit dem Begriff überein, den ich mir bereits von dem Geschmack und

dem Stande des Haus-Herrn gemacht hatte. Unter dem Essen trat ein junger

Mensch von feinem Ansehen und zierlich gekleidet, auf, und rezitierte ein

Stuck aus der Odyssee mit vieler Geschicklichkeit. Mein Wirt sagte mir,

daß er bei Tische diese Art von Gemüts-Ergötzung den Tänzerinnen und

Flötenspielerinnen vorzöge, womit man sonst bei den Tafeln der Griechen

sich zu unterhalten pflege. Das Lob das ich seinem Leser beilegte, gab zu

einem Gespräch über die beste Art zu rezitieren, und über die Griechischen

Dichter Anlaß, wobei ich meinem Wirte abermal Gelegenheit gab, zu stutzen,

und mich immer aufmerksamer, und wie mich deuchte, mit einer Art von

zärtlicher Gemüts-Bewegung anzusehen. Er sah daß ich es gewahr wurde,

und sagte mir hierauf, daß mich die Verwunderung womit er mich von Zeit zu

Zeit betrachtete, weniger befremden würde, wenn ich die außerordentliche

ähnlichkeit meiner Gesichts-Bildung und Miene mit einer Person, welche er

ehmals gekannt habe, wißte; 'doch du sollst selbst hievon urteilen',

setzte er hinzu, und hierauf fing er an von andern Dingen zu reden, bis

der Wein und die Früchte aufgestellt wurden. Bald darauf stunden wir auf,

und nachdem wir eine Weile in einer langen Galerie, die auf einer

doppelten Reihe Corinthischer Säulen von buntem Marmor ruhte, und prächtig

erleuchtet war, auf und abgegangen waren, führte er mich in ein Cabinet,

worin ein Schreibtisch, ein Büchergestell, einige Polster, und ein Gemälde

in Lebensgröße auf welches ich nicht gleich acht gab, alle Möbeln und

Zierraten ausmachten. Er hieß mich niedersetzen, und nachdem er das

Bildnis, welches ihm gegenüber hing, eine ziemliche Weile mit Bewegung

angesehen hatte, redete er mich also an: 'Deine Jugend, liebenswürdiger

Fremdling, die Art wie sich unsere Bekanntschaft angefangen, die

Eigenschaften die ich in dieser kurzen Zeit an dir entdeckt, und die

Zuneigung die ich in meinem Herzen für dich finde, rechtfertigen mein

Verlangen, von deinem Namen, und von den Umständen benachrichtiget zu sein,

welche dich in einem solchen Alter von deiner Heimat entfernt und in

diese fremde Gegenden geführt haben können. Es ist sonst meine

Gewohnheit nicht, mich beim ersten Anblick für jemand einzunehmen. Aber

bei deiner Erblickung hab ich einem geheimen Reiz, der mich gegen dich zog

nicht widerstehen können; und du hast in diesen wenigen Stunden meine

voreilige Neigung so sehr gerechtfertiget, daß ich mir selbst Glück

wünsche, ihr Gehör gegeben zu haben. Befriedige also mein Verlangen, und

sei versichert, daß die Hoffnung, dir vielleicht nützlich sein zu können,

weit mehr Anteil daran hat, als ein unbescheidener Vorwitz. Du siehest

einen Freund in mir, dem du dich, ungeachtet der kurzen Dauer unsrer

Bekanntschaft, mit allem Zutrauen eines langwierigen und bewährten Umgangs

entdecken darfst.' Ich wurde durch diese Anrede so sehr gerührt, daß sich

meine Augen mit Tränen füllten--ich glaube, daß er darin lesen konnte was

ihm mein Herz antwortete, ob ich gleich eine Weile keine Worte finden

konnte. Endlich sagte ich ihm, daß ich von Delphi käme; daß ich daselbst

erzogen worden; daß man mich Agathon genennt hätte; daß ich niemalen habe

entdecken können, wem ich das Leben zu danken habe; und daß alles was ich

davon wisse, dieses sei, daß ich in einem Alter von vier oder fünf Jahren

in den Tempel gebracht, mit andern Knaben, welche man dem Dienst des

Gottes zu Delphi gewidmet, erzogen, und nachdem ich zu mehrern Jahren

gekommen, von den Priestern mit einer vorzüglichen Achtung angesehen, und

in allem was zur Erziehung eines freigebornen Griechen erfordert werde,

geübet worden sei. Stratonicus (so wurde mein Wirt genannt) hatte während

daß ich dieses sagte, Mühe sich ruhig zu halten; sein Gesicht veränderte

sich; er wollte anfangen zu reden, schien sich aber wieder anders zu

bedenken, und ersuchte mich nur, ihm zu sagen, warum ich Delphi verlassen

hätte. So natürlich die Aufrichtigkeit sonst meinem Herzen war, so konnte

ich doch dieses mal unmöglich über die Bedenklichkeiten hinaus kommen,

welche mir über meine Liebe zu Psyche den Mund verschlossen. Einem

Freunde von meinen Jahren, für den ich mein Herz eben so eingenommen

gefunden hätte, als für den Stratonicus, würde ich das Innerste meines

Herzens ohne Bedenken aufgeschlossen haben, so bald ich hätte vermuten

können, daß er meine Empfindungen zu verstehen fähig sei: Aber hier hielt

mich etwas zurück, davon ich mir selbst die Ursache nicht recht angeben

konnte. Ich schob also die ganze Schuld meiner Entweichung von Delphi auf

die Pythia, indem ich ihm so ausführlich, als es meine jugendliche

Schamhaftigkeit gestatten wollte, von den Versuchungen, in welche sie

meine Tugend geführt hatte, Nachricht gab. Er schien sehr wohl mit meiner

Aufführung zufrieden, und nachdem ich meine Erzählung bis auf den

Augenblick, wo ich ihn zuerst erblickt, und dasjenige was ich sogleich für

ihn empfunden, fortgeführt; stund er mit einer lebhaften Bewegung auf,

warf seine Arme um meinen Hals, und sagte mit Tränen der Freude und

Zärtlichkeit in seinen Augen:--'Mein liebster Agathon, siehe deinen

Vater--hier', setzte er hinzu, indem er mich sanft umwendete, und auf das

Gemälde wies, welchem ich bisher den Rücken zugekehrt hatte,--'hier, in

diesem Bilde, erkenne die Mutter, deren geliebte Züge mich beim ersten

Anblick in deiner Gesichts-Bildung gerührt, und diese Bewegung erregt

haben, die ich nun für die Stimme der Natur erkenne.'

Du kennest mich zu gut, liebenswürdige Danae, um dir meine Empfindungen in

diesem Augenblicke nicht lebhafter einzubilden, als ich sie beschreiben

könnte. Solche Augenblicke sind keiner Beschreibung fähig; für solche

Freuden hat die Sprache keine Namen, die Natur keine Bilder, und die

Phantasie selbst keine Farben.--Das Beste ist, zu schweigen, und den

Zuhörer seinem eigenen Herzen zu überlassen. Mein Vater schien durch

meine Entzückung, welche sich lange Zeit nur durch Tränen und sprachlose

Umarmungen und abgebrochene Töne der zärtlichsten Regungen, deren die

Natur fähig ist, ausdrücken konnte, doppelt glücklich zu sein. Das

Vergnügen, womit er mich für seinen Sohn erkannte, schien ihn selbst

wieder in die glücklichsten Augenblicke seiner Jugend zu versetzen, und

Erinnerungen wieder aufzuwecken, denen mein Anblick ein neues Leben gab.

Da er natürlicher Weise voraussetzen konnte, daß ich begierig sein werde,

die Ursachen zu wissen, welche meinen Vater, der mich mit so vielem

Vergnügen für seinen Sohn erkannte, hatten bewegen können, mich so viele

Jahre von sich verbannt zu halten; so gab er mir hierüber alle

Erläuterungen, die ich nur wünschen konnte, durch eine umständliche

Erzählung der Geschichte seiner Liebe zu meiner Mutter. Seine

Bekanntschaft mit ihr hatte sich zufälliger Weise in einem Alter

angefangen, worin er noch gänzlich unter der väterlichen Gewalt stund.

Sein Vater war das Haupt eines von den edelsten Geschlechtern in Athen.

Meine Mutter war sehr jung, sehr schön, und eben so tugendhaft als schön,

unter der Aufsicht einer alten Frau, die sich ihre Mutter nannte, dahin

gekommen. Die strenge Eingezogenheit, worin sie sehr kümmerlich von ihrer

Hand-Arbeit lebte, verwahrte die junge Musarion vor den Augen und vor den

Nachstellungen der mäßigen reichen Jünglinge, welche gewohnt sind, junge

Mädchen, die keinen andern Schutz als ihre Unschuld, und keinen andern

Reichtum als ihre Reizungen haben, für ihre natürliche Beute anzusehen.

Dem ungeachtet konnte sie nicht verhintern, durch einen Zufall, den ich

übergehen will, meinem Vater bekannt zu werden, welcher sich durch seine

gesittete und bescheidene Lebens-Art von den meisten jungen Atheniensern

seiner Zeit unterschied. Sein tugendhafter Charakter konnte ihn nicht

verwahren, von den Reizungen der jungen Musarion gerührt zu werden; aber

er machte, daß seine Liebe die Eigenschaft seines Charakters annahm. Sie

war tugendhaft, bescheiden, und eben dadurch stärker und dauerhafter.

Sein Stand, sein guter Ruf und sein zurückhaltendes Betragen gegen den

unschuldigen Gegenstand seiner Liebe gaben zusammengenommen einen

Beweg-Grund ab, der die Nachsicht entschuldigen konnte, womit die Alte

seine geheime Besuche duldete, ob sie gleich immer häufiger wurden.

Nichts kann natürlicher sein, als dasjenige, was man liebt, dem Mangel

nicht ausgesetzt sehen zu können; aber nichts ist auch in den Augen der

Welt zweideutiger, als die Freigebigkeit eines jungen Menschen gegen eine

junge Person, welche das Unglück hat, durch ihre Annehmlichkeiten den Neid,

und durch ihre Armut die Verachtung des großen Haufens zu erregen. Man

kann sich nicht bereden, daß in einem solchen Fall derjenige, welcher gibt,

nicht eigennützige Absichten habe; oder diejenige, welche annimmt, ihre

Dankbarkeit nicht auf Unkosten ihrer Unschuld beweise. Stratonicus

gebrauchte deswegen die äußerste Vorsichtigkeit, um die Wohltaten, womit

er diese kleine Familie von Zeit zu Zeit unterstützte, vor aller Welt und

vor ihnen selbst zu verbergen. Allein sie entdeckten doch zuletzt ihren

unbekannten Wohltäter; und diese neue Proben seiner edelmütigen Sinnes-Art

vollendeten den Eindruck, den er schon lange auf das unerfahrne Herz der

zärtlichen Musarion gemacht hatte, und gewannen es ihm gänzlich. Niemals

würde die Liebe von der zärtlichsten Gegenliebe erwidert, zwei Herzen

glücklicher gemacht haben, wenn die Umstände der jungen Schönen einer

gesetzmäßigen Vereinigung nicht Schwierigkeiten in den Weg gelegt hätten,

welche ein jeder anderer als ein Liebhaber für unüberwindlich gehalten

hätte. Endlich war Stratonicus so glücklich, zu entdecken, daß seine

Geliebte würklich eine Atheniensische Bürgerin sei, die Tochter eines zwar

armen, aber rechtschaffenen Mannes, welcher im Pelopponesischen Kriege

sein Leben auf eine rühmliche Art verloren hatte. Nunmehr wagte er es,

seinem Vater das Geheimnis seiner Liebe zu entdecken; er wandte alles an,

seine Einwilligung zu erhalten; aber der Alte, welcher alle Reizungen und

alle Tugenden der jungen Musarion für keinen genugsamen Ersatz des

Reichtums, der ihr fehlte, ansah, blieb unerbittlich. Stratonicus liebte

zu inbrünstig, um dem Befehl, nicht weiter an seine Geliebte zu denken,

gehorsam zu sein; er würde sich selbst für den Unwürdigsten unter den

Menschen gehalten haben, wenn er fähig gewesen wäre, ihr nur das Wenigste

von seinen Empfindungen zu entziehen. Die Widerwärtigkeiten und

Hinternisse, womit seine Liebe kämpfen mußte, taten vielmehr die Würkung,

welche sie in einem solchen Falle bei edeln und wahrhaftig eingenommenen

Gemütern allemal tun werden; sie konzentrierten das Feuer ihrer

gegenseitigem Zuneigung, und bliesen eine Flamme, welche, so lange sie von

Hoffnung genährt wurde, drei Jahre lang sanft und rein fortgebrannt hatte,

zu der heftigsten Leidenschaft an. Das Herz ermüdet endlich durch den

langen Kampf mit seinen süßesten Regungen; es verliert die Kraft zu

widerstehen; und je länger es unter den Qualen einer zugleich verfolgten

und unbefriedigten Liebe geseufzet hat, je heftiger sehnet es sich nach

einer Glückseligkeit, wovon ein einziger Augenblick genugsam ist, das

Andenken aller ausgestandenen Leiden auszulöschen, das Gefühl der

gegenwärtigen zu ersticken, und die Augen, von der süßen Trunkenheit der

glücklichen Liebe benebelt, gegen alle künftige Not blind zu machen.

Außer diesem hatte Musarion noch den Beweg-Grund einer Dankbarkeit, von

deren drückender Last ihr Herz sich zu erleichtern suchte. Kurz: Sie

schwuren einander eine ewige Treue, überließen sich dem sympathetischen

Verlangen ihres Herzens, und bedienten sich der Gewalt, die ihnen die

Liebe gab, einander glücklich zu machen. Die Glückseligkeit, welche eines

dem andern zu danken hatte, unterhielt und befestigte die zärtliche

Vereinigung ihrer Herzen, anstatt sie zu schwächen oder gar aufzulösen;

denn noch niemals ist der Genuß das Grab der wahren Zärtlichkeit gewesen.

Ich, schöne Danae, war die erste Frucht ihrer Liebe. Glücklicher Weise

fiel meinem Vater eben damals durch den letzten Willen eines Oheims ein

kleines Vorwerk auf einer von den Insuln zu, welche unter der Botmäßigkeit

der Athenienser stehen. Dieses mußte meiner Mutter zur Zuflucht dienen;

ich wurde daselbst geboren, und genoß drei Jahre lang ihrer eigenen Pflege;

bis sie mir durch eine Schwester entzogen wurde, deren Leben der

liebenswürdigen Musarion das ihrige kostete. Stratonicus hatte inzwischen

manchen Versuch gemacht, das Herz seines Vaters zu erweichen; aber allemal

vergebens. Es blieb ihm also nichts übrig, als seine Verbindung mit

meiner Mutter und die Folgen derselben geheim zu halten. Ihr frühzeitiger

Tod vernichtete die Entwürfe von Glückseligkeit, die er für die Zukunft

gemacht hatte, ohne die zärtliche Treue, die er ihrem Andenken widmete, zu

schwächen. Die Sorge für das, was ihm von ihr übrig geblieben war, hielt

ihn zurück, sich einer Traurigkeit völlig zu überlassen, welche ihn lange

Zeit gegen alle Freuden des Lebens gleichgültig, und zu allen

Beschäftigungen desselben verdrossen machte. Der Tempel zu Delphi schien

ihm der tauglichste Ort zu sein, mich zu gleicher Zeit zu verbergen, und

einer guten Erziehung teilhaft zu machen. Er hatte Freunde daselbst,

denen ich besonders empfohlen wurde, mit dem gemessensten Auftrag, mich in

einer gänzlichen Unwissenheit über meinen Ursprung zu lassen. Sein

Vorsatz war, so bald der Tod seines Vaters ihn zum Meister über sich

selbst und seine Güter gemacht haben würde, mich von Delphi abzuholen, und

nach Athen zu bringen, wo er so dann seine Verbindung mit meiner Mutter

bekannt machen, und mich öffentlich für seinen Sohn und Erben erklären

wollte. Aber dieser Zufall erfolgte erst wenige Monate vor meiner Flucht,

und seit demselben hatten ihn dringendere Geschäfte genötigt, meine

Abholung aufzuschieben.

Geschichte des Agathon. Teil 1 · 第 19 / 23 段