"Die süßen Träume", (fuhr der Held unsrer Geschichte fort) "worin mein

Herz sich so gerne zu wiegen pflegte, hatten nicht würkliches genug,

diesen angenehmen Zustand meines Gemütes lange zu unterhalten. Eine

zärtliche Schwermut, welche jedoch nicht ohne eine Art von Wollust war,

bemächtigte sich meiner so stark, daß ich Mühe hatte, sie vor denjenigen

zu verbergen, mit denen ich einen Teil des Tages zubringen mußte. Ich

suchte die Einsamkeit; und weil ich den Tag über, nur wenige Stunden in

meiner Gewalt hatte, so fing ich wieder an, den größten Teil der Zeit,

worin andere schliefen, in den angenehmen Hainen, die den Tempel umgeben,

mit meinen Gedanken und dem Bilde meiner Unbekannten zu durchwachen. In

einer dieser Nächte begegnete es, daß ich von ungefähr in eine Gegend des

Hains verirrte, welche das Ansehen einer Wildnis, aber der anmutigsten,

die man sich nur einbilden kann, hatte. Mitten darin ließ das Gebüsche,

welches in labyrinthischen Krümmungen mit hohen Zypressen und vielen

selbst gewachsenen Lauben abgesetzt, sich um sich selbst herumwand, einen

offnen Platz, der mit einem halben Circul von wilden Lorbeer-Bäumen, von

denen sich immer eine Reihe über die andere erhub, eingefaßt, auf der

andern Seite aber nur mit niedrigem Myrten-Gesträuch und Rosen-Hecken

leicht umkränzt war. Mitten darin lagen einige Nymphen von weißem Marmor,

von überhangendem Rosen-Gesträuche beschattet, welche auf ihren Urnen zu

schlafen schienen, indes sich aus jeder Urne eine Quelle in ein geräumiges

Becken von poliertem schwarzem Granit-Marmor ergoß, worin die

Frauens-Personen, welche unter dem Schutz des delphischen Apollo stunden,

sich im Sommer zu baden pflegten. Dieser Ort war (einer alten Sage nach)

der Diana heilig; und kein männlicher Fuß durfte, bei Strafe, sich den

Zorn dieser unerbittlichen Göttin zu zuziehen, sich unterstehen, ihrem

geheiligten Ruhe-Platz nahe zu kommen. Vermutlich machte die Göttin eine

Ausnahme zu Gunsten eines unschuldigen Schwärmers, der (ohne den mindesten

Vorsatz, ihre Ruhe zu stören, und ohne einmal zu wissen, wohin er kam),

sich hieher verirrt hatte. Denn anstatt mich ihren Zorn empfinden zu

lassen, begünstigte sie mich vielmehr mit einer Erscheinung, welche mir

angenehmer war, als wenn sie selbst, mich zu ihrem Endymion zu machen, zu

mir herabgestiegen wäre. Weil ich in eben dem Augenblick, da ich diese

Erscheinung hatte, den Ort, wo ich mich befand, für denjenigen erkannte,

der mir öfters, um ihn desto gewisser vermeiden zu können, beschrieben

worden war; so war würklich mein erster Gedanke, daß es die Göttin sei,

welche, von der Jagd ermüdet, unter ihren Nymphen schlummre. Von einem

heiligen Schauer erschüttert, wollte ich schon den Fuß zurückziehn; als

ich beim Glanz des seitwärts einfallenden Mond-Lichts gewahr wurde, daß es

meine Unbekannte war. Ich will es nicht versuchen, zu beschreiben wie mir

in diesem Augenblicke zu Mute war; es war einer von denen, an welche ich

mich nur erinnern darf, um zu glauben, daß ein Wesen, welches einer

solchen Wonne fähig ist, zu nichts geringers als zu der Wonne der Götter

bestimmt sein könne. Itzt konnt' ich natürlicher Weise nicht mehr denken,

mich unbemerkt zurückzuziehen; meine einzige Sorge war, die liebenswürdige

Einsame zu einer Zeit und an einem Orte, wo sie keinen Zeugen, am

allerwenigsten einen männlichen vermuten konnte, durch keine plötzliche

überraschung zu erschrecken. Die Stellung, worin sie an eine der

marmornen Nymphen angelegt lag, gab zu erkennen, daß sie staunte; ich

betrachtete sie eine geraume Weile, ohne daß sie mich gewahr wurde.

Dieser Umstand erlaubte mir meine eigene Stelle zu verändern, und eine

solche zu nehmen, daß sie, so bald sie die Augen aufschlage, mich

unfehlbar erkennen müßte. Diese Vorsicht hatte die verlangte Würkung.

Sie erblickte mich; sie stutzte; aber sie erkannte mich doch zu schnell,

um mich für einen Satyren anzusehen. Meine Erscheinung schien ihr mehr

Vergnügen als Unruhe zu machen. Ein jeder andrer, so gar ein Satyr, würde

irgend ein artig gedrehtes Kompliment in Bereitschaft gehabt haben, um

seine Freude über eine so reizende Erscheinung auszudrücken; die

Gelegenheit konnte nicht schöner sein, sie für eine Göttin, oder

wenigstens für eine der Gespielen Dianens anzusehen, und diesem Irrtum

gemäß zu begrüßen. Aber ich, von neuen, nie gefehlten, unbeschreiblichen

Empfindungen gedrückt, ich konnte gar nichts sagen. Zu ihren Füßen hätte

ich mich werfen mögen; aber die Schüchternheit, welche (zumal in meinem

damaligen Alter) mit der ersten Liebe so unzertrennlich verbunden ist,

hielt mich zurück; ich besorgte, daß sie sich einen nachteiligen Begriff

von der tiefen Ehrerbietung, die ich für sie empfand, aus einer solchen

Freiheit machen möchte. Meine Unbekannte war nicht so schüchtern; sie hub

sich, mit dieser sittsamen Anmut, wodurch sie sich das erste mal, als ich

sie gesehen, in meinen Augen von allen ihren Gespielen unterschieden hatte,

vom Boden auf, und ging ein paar Schritte gegen mich. 'Wie finde ich den

Agathon hier?' sagte sie mit einer Stimme, die ich noch zu hören glaube;

so lieblich, so rührend schien sie unmittelbar in meine Seele sich

einzuschmeicheln. In der süßen Verwirrung, worin ich war, fand ich keine

bessere Antwort, als sie zu versichern, daß ich nicht so verwegen gewesen

wäre, ihre Einsamkeit zu stören, wenn ich vermutet hätte, sie hier zu

finden. Das Kompliment war nicht so artig, als es ein junger Athenienser

bei einer solchen Gelegenheit gemacht hätte; aber Psyche (so erfuhr ich in

der Folge, daß meine Unbekannte genennt werde) war zu unschuldig, um

Komplimente zu erwarten. 'Ich erkenne meine Unvorsichtigkeit, wiewohl zu

spät', versetzte sie: 'Was wird Agathon von mir denken, da er mich an

diesem abgelegenen Ort in einer solchen Stunde allein findet? Und doch'

(setzte sie errötend hinzu) 'ist es glücklich für mich, wenn ich ja einen

Zeugen meiner Unbesonnenheit haben mußte, daß es Agathon war.' Ich

versicherte sie, daß mir nichts natürlicher vorkomme, als der Geschmack,

den sie in der Einsamkeit, in der Stille einer so schönen Nacht, und in

einer so anmutigen Gegend zu finden scheine. Ich setzte noch vieles von

den Annehmlichkeiten des Mondscheins, von der majestätischen Pracht des

sternvollen Himmels, von der Begeistrung, welche die Seele in diesem

feierlichen Schweigen der ganzen Natur erfahre, von dem Einschlummern der

Sinne, und dem Erwachen der innern geheimnisvollen Kräfte unsers

unsterblichen Teils, hinzu--Dinge, welche bei den meisten Schönen, zumal

in einem so anmutigen Myrten-Gebüsche, und in der einladenden Dämmerung

einer so lauen Sommer-Nacht, sehr übel angebracht gewesen wären; aber bei

der gefühlvollen Psyche rührten sie die empfindlichsten Saiten ihres

Herzens. Das Gespräch, worin wir uns unvermerkt verwickelten, entdeckte

eine übereinstimmung in unserm Geschmack und in unsern Neigungen, welche

gar bald ein eben so freundschaftliches und vertrauliches Verständnis

zwischen unsern Seelen hervorbrachte, als ob wir uns schon viele Jahre

geliebet hätten. Mir war, als ob ich alles, was sie sagte, durch eine

unmittelbare Anschauung in ihrer Seele lese; und hinwieder schien das, was

ich sagte, so abgezogen, idealisch und dichterisch, es immer sein mochte,

ein bloßer Widerhall oder die Entwicklung ihrer eigenen Empfindungen und

solcher Ideen zu sein, welche als Embryonen in ihrer Seele lagen, und nur

den erwärmenden Einfluß eines geübtern Geistes nötig hatten, um sich zu

entfalten, und durch ihre naive Schönheit die erhabensten und

sinnreichsten Gedanken der Weisen zu beschämen. Die Zeit wurde uns bei

dieser Unterhaltung so kurz, daß wir kaum eine Stunde bei einander gewesen

zu sein glaubten, als uns die aufgehende Morgenröte erinnerte, daß wir uns

trennen mußten. Ich hatte durch diese Unterredung erfahren, daß meine

Geliebte von ihrer Herkunft eben so wenig wisse, als ich von der meinigen;

daß sie von ihrer Amme, in der Gegend von Corinth bis ins sechste Jahr

erzogen, hernach aber von Räubern entführt, und an die Priesterin zu

Delphi verkauft worden, welche sie in allen weiblichen Künsten, und da sie

eine besondere Neigung zum Lesen an ihr bemerkt, auch in der Kunst die

Dichter recht zu lesen, habe unterrichten lassen, und sie in der Folge zu

ihrer Leserin gemacht habe. Diese Umstände waren für meine Liebe zu der

jungen Psyche nicht sehr schmeichelhaft; allein das Vergnügen der

gegenwärtigen Augenblicke ließ mich gar nicht an das Künftige denken;

unbekümmert, wohin die Empfindungen, von denen ich eingenommen war, in

ihren Folgen endlich führen könnten, überließ ich mich ihnen mit aller

Gutherzigkeit der jugendlichen Unschuld; meine kleine Psyche zu sehen, zu

lieben, es ihr zu sagen, und aus ihrem schönen Munde zu hören, in ihren

seelenvollen Augen zu sehen, daß ich wieder geliebt werde.--Das waren itzt

alle Glückseligkeiten, die ich wünschte, und über welche hinaus ich keine

andere kannte. Ich hatte ihr etwas von den Eindrücken gesagt, die ihr

erster Anblick auf mein Herz gemacht hatte; und sie hatte diese

Eröffnungen mit dem Geständnis der vorzüglichen Meinung, welche ihr das

allgemeine Urteil zu Delphi von mir gegeben hätte, erwidert; aber meine

zärtliche und ehrfurchtsvolle Schüchternheit erlaubte mir nicht, ihr alles

zu sagen, was mein Herz für sie empfand. Meine Ausdrücke waren lebhaft

und feuerig; aber sie hatten mit der gewöhnlichen Sprache der Liebe so

wenig ähnliches, daß ich weniger zu sagen glaubte, indem ich in der Tat

unendlich mal mehr sagte, als ein gewöhnlicher Liebhaber, der mehr von

seinen Begierden beunruhigt, als von dem Werte seiner Geliebten gerührt

ist. Allein da wir uns scheiden mußten, würde mich mein allzuvolles Herz

verraten haben, wenn die unerfahrne Jugend der guten Psyche ihr erlaubt

hätte, einiges Mißtrauen in Empfindungen zu setzen, welche sie nach der

Unschuld ihrer eigenen beurteilte. Ich zerfloß in Tränen, und setzte ihr

auf eine so zärtliche, so bewegliche Art zu, mir zu versprechen, sich in

der folgenden Nacht wieder in dieser Gegend finden zu lassen, daß es ihr

unmöglich war, mich ungetröstet wegzuschicken. Wir setzten also, da uns

alle Gelegenheit, uns bei Tage zu sprechen, abgeschnitten war, diese

nächtliche Zusammenkünfte fort; und unsere Liebe wuchs und verschönerte

sich zusehends, ohne daß wir dachten, daß es Liebe sei. Wir nannten es

Freundschaft; und genossen ihrer reinsten Süßigkeiten, ohne durch einige

Besorgnisse, Bedenklichkeiten oder andre Symptome der Leidenschaft,

beunruhigt zu werden. Psyche hatte sich eine Freundin, wie ich mir einen

Freund, gewünscht; nun glaubten wir beide gefunden zu haben, was wir

wünschten. Unsere Denkungs-Art, und die Güte unserer Herzen, flößte uns

ein vollkommenes und unbegrenztes Zutrauen gegen einander ein.--Meine

Augen, welche schon lange gewöhnt waren, anders zu sehen, als man sonst in

meinen damaligen Jahren zu sehen pflegt, sahen in Psyche kein reizendes

Mädchen, sondern die schönste, die liebenswürdigste der Seelen, deren

geistige Reizungen aus dem durchsichtigen Flor eines irdischen Gewandes

hervorschimmerten; und die wissensbegierige Psyche, welche nie glücklicher

war, als wenn ich ihr die erhabenen Geheimnisse meiner dichterischen

Philosophie entfaltete, glaubte den göttlichen Orpheus oder den Apollo

selbst zu hören, wenn ich sprach. Es ist in der Natur der Liebe (so

zärtlich und unkörperlich sie immer sein mag) so lange zuzunehmen, bis sie

das Ziel erreicht hat, wo die Natur sie zu erwarten scheint. Die unsrige

nahm auch zu, und ging nach und nach durch mehr als eine Verwandlung; aber

sie blieb sich selbst doch immer ähnlich. Nachdem uns der Name der

Freundschaft nicht mehr bedeutend genug schien, dasjenige, was wir für

einander empfanden, auszudrücken, wurden wir eins, daß unter allen

Zuneigungen, derer uns die Natur fähig mache, die Liebe eines Bruders und

einer Schwester zugleich die stärkste und die reineste sei. Die

Vorstellung, die wir uns davon machten, entzückte uns; und nachdem wir oft

bedauert hatten, daß uns die Natur diese Glückseligkeit versagt habe,

wunderten wir uns zuletzt, wie wir nicht bälder eingesehen hätten, daß es

nur von uns abhange, ihre Kargheit in diesem Stücke zu ersetzen.

Wir waren also Bruder und Schwester, und blieben es einige Zeit, ohne daß

die Vertraulichkeit und die unschuldigen Liebkosungen, wozu uns diese

Namen berechtigten, in unsern Augen wenigstens, der Tugend, welcher wir

zugleich mit der Liebe eine ewige Treue geschworen hatten, den geringsten

Abbruch taten. Wir waren enthusiastisch genug, die Vermutung oder

vielmehr die bloße Möglichkeit, einander vielleicht so nahe verwandt zu

sein, als wir wünschten, in den zärtlichen Ergießungen unserer Herzen

zuweilen für die Stimme der Natur zu halten; zumal da eine wirkliche oder

eingebildete besondere ähnlichkeit unserer Gesichts-Züge diesen Wahn zu

rechtfertigen schien. Da wir uns aber die Betrüglichkeit dieser

vermeinten Sprache des Blutes nicht immer verbergen konnten, so fanden wir

desto mehr Vergnügen darin, die Vorstellungen von einer natürlichen

Verschwisterung der Seelen, einem sympathetischen Zug der einen zu der

andern, einer schon in einem vorhergehenden Zustand in bessern Welten

angefangenen Bekanntschaft nachzuhängen, und sie in tausend angenehme

Träume auszubilden. Aber auch bei diesem Grade ließ uns der phantastische

Schwung, den die Liebe unsern Seelen gegeben hatte, nicht stille stehen.

Wir strengten das äußerste Vermögen unserer Einbildungs-Kraft an, um uns

einen Begriff von derjenigen Art zu lieben zu machen, womit in den

überirdischen Sphären die Geister einander liebten. Keine andere schien

uns zu gleicher Zeit der Stärke und der Reinigkeit unserer Empfindungen

genug zu tun, noch für Wesen sich zu schicken, die im Himmel entsprungen,

und dahin wiederzukehren bestimmt wären. Ich gestehe dir, schöne Danae,

daß ich bei der Erinnerung an diese glückselige Schwärmerei meiner ersten

Jugend mich kaum erwehren kann zu wünschen, daß die Bezauberung ewig hätte

dauern können. Und dennoch ist nichts gewissers, als daß sich diese

allzugeistige Empfindungen endlich verzehrt, und die Natur, welche ihre

Rechte nie verliert, uns zuletzt unvermerkt auf eine gewöhnlichere Art zu

lieben geführt haben würde; wenn uns nur die schöne Pythia so viel Zeit,

als dazu erfodert wurde, gelassen hätte. Diese Dame hatte etliche Wochen

verstreichen lassen, ohne (dem Ansehen nach) sich meiner zu erinnern; und

ich hatte sie in dieser Zeit so gänzlich vergessen, daß ich ganz betroffen

war, als ich wieder zu ihr berufen wurde. Ich fand gar bald, daß die

Göttin von Paphos, welche sich vielleicht wegen irgend einer ehemaligen

Beleidigung an ihr zu rächen beschlossen, sie in dieser Zwischen-Zeit

nicht so ruhig gelassen hatte, als es für sie und mich zu wünschen war.

Vermutlich hatte sie (wie die tragische Phädra) allen ihren weiblichen und

priesterlichen Stolz zusammengerafft, um eine Leidenschaft zu unterdrücken,

deren übelstand sie sich selbst unmöglich verbergen konnte; allein eben

so vermutlich mochte sie sich selbst durch die tröstlichen Trug-Schlüsse,

welche Euripides der Amme dieser unglückseligen Prinzessin in den Mund

legt, wieder beruhigt, und endlich den herzhaften Entschluß gefaßt haben,

ihrem Verhängnis nachzugeben. Denn, nachdem sie alle ihre Mühe, mich das,

was sie mir zu sagen hatte, erraten zu lassen, verloren sah, brach sie

endlich ein Stillschweigen, dessen Bedeutung ich eben so wenig verstehen

wollte, und entdeckte mir mit einer Deutlichkeit und mit einem Feuer,

welche mich erröten und erzittern machten, daß sie liebe und wieder

geliebt sein wolle. Der reizende Anzug und die verführische Stellung,

worin sie dieses Geständnis machte, schien ausgewählt zu sein, mich den

Wert des mit angebotenen Glückes mehr als jemals empfinden zu lassen. Ich

muß noch itzt erröten, wenn ich an die Verwirrung denke, worin ich mit

allen meinen erhabenen Begriffen in diesem Augenblick war.--Die

menschliche Natur so erniedrigt--den Namen der Liebe so entweihet zu sehen!

In der Tat, die Pythia selbst konnte von der Art, wie ich ihre

Zumutungen abwies, nicht empfindlicher beschämt und gequält werden, als

ich es durch die Notwendigkeit war, worein ich mich gesetzt sah, ihr so

übel zu begegnen. Ich bestrebte mich, die Härtigkeit meiner Antworten

durch die sanftesten Ausdrücke zu mildern, die ich in der Verwirrung

finden konnte. Aber ich erfuhr bald, daß heftige Leidenschaften sich so

wenig als Sturm-Winde durch Worte beschwören lassen. Die ihrer selbst

nicht mehr mächtige Priesterin nahm für beleidigenden Spott auf, was ich

aus der wohlgemeinten, aber allerdings unzeitigen Absicht, ihrer

versinkenden Tugend zu Hülfe zu kommen, sagte. Sie geriet in eine Wut,

welche mich in die äußerste Verlegenheit setzte; sie brach in

Verwünschungen und Drohungen, und einen Augenblick darauf in einen Strom

von Tränen und in so bewegliche Apostrophen aus, daß ich beinahe schwach

genug gewesen wäre, mit ihr zu weinen, ohne mein Herz geneigter zu finden,

dem ihrigen zu antworten. Ich ergriff endlich das einzige Mittel, das mir

übrig blieb, mich der albernen Rolle, die ich in dieser Szene spielte, zu

erledigen; ich entfloh. In eben dieser Nacht sah ich meine geliebte

Psyche wieder an dem gewöhnlichen Orte; mein Gemüt war von der Geschichte

dieses Abends zu sehr beunruhigt, als daß ich ihr ein Geheimnis davon

hätte machen können. Wir bedaurten die Priesterin, so schwer es uns auch

war, von der Wut und den Qualen einer Liebe, welche mit der unserigen so

wenig ähnliches hatte, uns eine Vorstellung zu machen; aber wir bedaurten

noch vielmehr uns selbst. Die Raserei, worin ich die Pythia verlassen

hatte, hieß uns das ärgste besorgen. Wir zitterten eines für des andern

Sicherheit; und aus Furcht, daß sie unsere Zusammenkünfte entdecken möchte,

beschlossen wir, (so hart uns dieser Entschluß ankam) sie eine Zeitlang

seltner zu machen. Dieses war das erste mal, daß die reinen Vergnügungen

unserer schuldlosen Liebe von Sorgen und Unruhe unterbrochen wurden, und

wir mit schwerem Herzen von einander Abschied nahmen. Es war, als ob es

uns ahnete, daß dieses das letzte mal sei, da wir uns zu Delphi sähen; und

wir sagten uns wohl tausend mal Lebe wohl; ohne uns eines aus des andern

Armen loswinden zu können. Wir redeten mit einander ab, uns erst in der

dritten Nacht wieder zu sehen. Zufälliger Weise fügte sichs, daß ich in

der Zwischen-Zeit mit der Priesterin in Gesellschaft zusammenkam. Es war

natürlich, daß sie in Gegenwart fremder Leute ihrem Betragen gegen mich

den freundschaftlichen Ton der Anverwandtschaft gab, welche zwischen uns

vorausgesetzt wurde, und durch welche sie nötig befunden hatte, ihren

Umgang mit mir gegen die Urteile strenger Sitten-Richter sicher zu stellen.

Allein außer diesem bemerkte ich, daß sie etliche mal, da sie von

niemand beobachtet zu sein glaubte, die zärtlichsten Blicke auf mich

heftete. Ich war zu gutherzig, Verstellung unter diesen Zeichen der

wiederkehrenden Liebe zu argwöhnen; und der Schluß, den ich daraus zog,

beruhigte mich gänzlich über die Besorgnis, daß sie meinen Umgang mit

Psyche entdeckt haben möchte. Ich flog mit ungedultiger Freude zu unserer

abgeredeten Zusammenkunft; ich wartete so lange, daß mich der Tag beinahe

überrascht hätte; ich durchsuchte den ganzen Hain: aber da war keine

Psyche. Eben so ging es in der folgenden und dritten Nacht. Mein Schmerz

und meine Betrachtungen waren unaussprechlich. Damals erfuhr ich zum

ersten mal, daß meine Einbildungs-Kraft, welche bisher nur zu meinem

Vergnügen geschäftig war, in eben dem Maße, wie sie mich glücklich gemacht

hatte, mich elend zu machen fähig sei. Ich zweifelte nun nicht mehr, daß

die Priesterin unsere Liebe entdeckt habe; und die Folgen, welche dieser

Umstand für Psyche haben konnte, stellten sich mir mit allen Schrecknissen

einer sich selbst quälenden Einbildung dar. Ich faßte in der Wut meines

Schmerzens tausend heftige Entschließungen, von denen immer eine die

andere verschlang; ich wollte zu der Priesterin gehen, und meine Psyche

von ihr fodern--ich wollte--das Ausschweifendste, was man in der

Verzweiflung wollen kann; ich glaube, daß ich fähig gewesen wäre, den

Tempel anzuzünden, wenn ich hätte hoffen können, meine Psyche dadurch zu

retten. Und doch hielt mich ein Schatten von Hoffnung, daß sie durch

zufällige Ursachen habe verhindert werden können, ihr Wort zu halten, noch

zurück, einen unbesonnenen Schritt zu tun, welcher ein bloß eingebildetes

übel würklich und unheilbar hätte machen können. Vielleicht (dachte ich)

weiß die Priesterin noch nichts von unserm Geheimnis; und wie unselig wär'

ich in diesem Fall, wenn ich selbst der Verräter davon wäre? Dieser

Gedanke führte mich zum vierten mal in den Ruhe-Platz der Diana. Nachdem

ich wohl zwo Stunden vergebens gewartet hatte, warf ich mich, in einer

Betäubung von Schmerz und Verzweiflung, zu den Füßen einer von den Nymphen

hin. Ich lag eine Weile, ohne meiner selbst mächtig zu sein. Als ich

mich wieder erholt hatte, sah ich einen frischen Blumen-Kranz um den Hals

und die Arme einer von den Nymphen gewunden; ich sprang auf, um genauer zu

erkundigen, was dieses bedeuten möchte, und fand ein Briefchen an den

Kranz geheftet, worin mir Psyche meldete: daß ich sie in der folgenden

Nacht um eine bestimmte Stunde unfehlbar an diesem Platz antreffen würde;

sie versparete es auf diese Besprechung, mir zu sagen, durch was für

Zufälle sie diese Zeit über verhindert worden, mich zu sehen, oder mir

Nachricht von ihr zu geben; ich dürfte aber vollkommen ruhig und gewiß

sein, daß die Priesterin nichts von unserer Bekanntschaft wisse. Die

heftige Begierde, womit ich wünschte, daß dieses Briefchen von Psyche

geschrieben sein möchte, ließ mich nicht daran denken, ein Mißtrauen

darein zu setzen, ungeachtet mir ihre Handschrift unbekannt war. Ich ging

also plötzlich von dem äußersten Grade des Schmerzens zu der äußersten

Freude über. Ich wand den Glück-weissagenden Blumen-Kranz um mich herum,

nachdem ich die unsichtbaren Spuren der geliebten Finger, die ihn gewunden

hatten, auf jeder Blume weggeküßt hatte. Den folgenden Abend wurde mir

jeder Augenblick bis zur bestimmten Zeit ein Jahrhundert. Ich ging eine

halbe Stunde früher, den guten Nymphen zu danken, daß sie unsere Liebe in

ihren Schutz genommen hatten. Endlich glaubte ich, Psyche zwischen den

Myrten-Hecken hervorkommen zu sehen. Die Nacht war nur durch den Schimmer

der Sterne beleuchtet; aber ich erkannte die gewöhnliche Kleidung der

Psyche, und war von dem ersten Rauschen ihrer Annäherung schon zu sehr

entzückt, um gewahr zu werden, daß die Gestalt, die sich mir näherte, mehr

von dem üppigen Contour einer Bacchantin als von der jungfräulichen

Geschmeidigkeit meiner Freundin hatte. Wir flogen einander mit gleichem

Verlangen in die Arme. Die sprachlose Trunkenheit des ersten Augenblicks

verstattet nicht, Bemerkungen zu machen; aber es währte doch nicht lange,

bis ich notwendig fühlen mußte, daß ich mit einer Heftigkeit, welche mit

der unschuldigen Zärtlichkeit einer Psyche den stärksten Absatz machte, an

einen kaum verhüllten und ungestüm klopfenden Busen gedrückt wurde.--Das

konnte nicht Psyche sein.--Ich wollte mich aus ihren Armen loswinden; aber

sie verdoppelte die Stärke, womit sie mich umschlang, zugleich mit ihren

wollüstigen Liebkosungen; und da ich nun auf einmal mit einem Entsetzen,

welches mir alle Sehnen lähmte, meinen Irrtum erkannte; so machte die

Gewalt, die ich anwenden wollte, mich von der rasenden Priesterin

loszureißen, daß wir mit einander zu Boden sanken. Ich wünschte aus

Hochschätzung des Geschlechts, welches in meinen Augen der

liebenswürdigste Teil der Schöpfung ist, daß ich diese Szene aus meinem

Gedächtnis auslöschen könnte.--Die Bestrebungen dieser Unglückseligen

empörten endlich alle meine Geister zu einem Grimm, der mich ihrer eigenen

Wut überlegen machte. Ich hatte alle meine Vernunft nötig, um nicht alle

Achtung, die ich wenigstens ihrem Geschlecht schuldig war, aus den Augen

zu setzen. Aber ich zweifle nicht, daß eine jede Frauens-Person, welche

noch einen Funken von sittlichem Gefühl übrig hätte, lieber den Tod, als

die Vorwürfe und die Verwünschungen, womit sie überströmt wurde, ausstehen

wollte. Sie krümmete sich, in Tränen berstend zu meinen Füßen.--Dieser

Anblick war mir unerträglich--ich wollte entfliehen; sie verfolgte mich,

sie hing sich an, und bat mich, ihr den Tod zu geben. Ich verlangte mit

Heftigkeit, daß sie mir meine Psyche wieder geben sollte. Diese Worte

schienen sie unsinnig zu machen. Sie erklärte mir, daß das Leben dieser

Sklavin in ihrer Gewalt sei, und von dem Entschluß, den ich nehmen würde,

abhange. Sie sah die Veränderung, die diese Drohung auf einmal in meinem

ganzen Wesen machte; wir verstummten beide eine Weile. Endlich nahm sie

einen sanftern, aber nicht weniger entschlossenen Ton an, um mir ihre

vorige Erklärung zu bekräftigen. Die Eifersucht machte sie so vieles

sagen, daß ich Zeit bekam mich zu fassen, und eine Drohung weniger

fürchterlich zu finden, zu deren Ausführung ich sie, wenigstens aus Liebe

zu sich selbst, unfähig glaubte. Ich antwortete ihr also mit einem kalten

Blute, welches sie stutzen machte: daß sie auf ihre eigene Gefahr über das

Leben meiner jungen Freundin disponieren könne. Doch ersuchte ich sie,

sich zu erinnern, daß sie selbst mich zum Meister über das Ihrige, und

über das, was ihr noch lieber als das Leben sein sollte, gemacht habe.

Das meinige (setzte ich lebhafter hinzu) hört mit dem Augenblick auf, da

Psyche für mich verloren ist; denn bei dem Gott, dessen Gegenwart dieses

heilige Land erfüllt, keine menschliche Gewalt soll mich aufhalten, ihrem

geliebten Geist in eine bessere Welt zu folgen, wohin uns das Laster nicht

folgen kann, unsere geheiligte Liebe zu beunruhigen!--Meine

Standhaftigkeit schien, den Mut der Priesterin niederzuschlagen. Sie

sagte mir endlich: Sie merkte sehr wohl, daß ich trotzig darauf sei, daß

ich in meiner Gewalt habe, sie zu Grunde zu richten--ich könnte tun, was

ich wollte; nur sollte ich versichert sein, daß ihr Psyche für jeden

Schritt antworten sollte, den ich machen würde. Mit diesen Worten

entfernte sie sich, und ließ mich in einem Zustande, dessen

Abscheulichkeit, nach der Empfindung die ich davon hatte, abgemessen, über

allen Ausdruck ging. Ich wußte nun, daß die Priesterin Mittel gefunden

haben müsse, unser Geheimnis zu entdecken, und daß der Blumen-Kranz ein

Kunstgriff von ihrer Erfindung gewesen war. Nach dieser

Niederträchtigkeit war keine Bosheit so ungeheuer, deren ich diese Elende

nicht fähig gehalten hätte. Ich besorgte nichts für mich selbst, aber

alles für die arme Psyche, welche ich der Gewalt einer Nebenbuhlerin

überlassen mußte, ohne daß mir alle meine Zärtlichkeit für sie das

Vermögen geben konnte, sie davon zu befreien."

FÜNFTES KAPITEL

Agathon entfliehet von Delphi, und findet seinen Vater

Geschichte des Agathon. Teil 1 · 第 18 / 23 段