Unsre Tugend, oder diejenigen Würkungen, welche das Ansehen haben, aus

einer so edeln Quelle zu fließen, haben insgemein geheime Triebfedern, die

uns, wenn sie gesehen würden, wo nicht alles, doch einen großen Teil

unsers Verdienstes dabei entziehen würden. Wie leicht ist es, der

Versuchung einer Leidenschaft zu widerstehen, wenn ihr von einer stärkern

die Waage gehalten wird?

Kurz zuvor, eh die schöne Pythia ihren physikalischen Versuch machte, war

das Fest der Diana eingefallen, welches zu Delphi mit aller der

Feierlichkeit begangen wird, die man der Schwester des Apollo schuldig zu

sein vermeint. Alle Jungfrauen über vierzehn Jahre erschienen dabei in

schneeweißem Gewand, mit aufgelösten fliegenden Haaren, den Kopf und die

Arme mit Blumen-Kränzen umwunden, und sangen Hymnen zum Preis der

jungfräulichen Göttin. Auch alte halb verloschne Augen heiterten sich

beim Anblick einer so zahlreichen Menge junger Schönen auf, deren

geringster Reiz die frischeste Blum der Jugend war. Urteile, schöne Danae,

ob derjenige, den der bunte Schimmer eines blühenden Blumen-Stücks schon

in eine Art von Entzückung setzte, bei einem solchen Auftritt

unempfindlich bleiben konnte? Meine Blicke irrten in einer zärtlichen

Verwirrung unter diesen anmutsvollen Geschöpfen herum; bis sie sich

plötzlich auf einer einzigen sammelten, deren erster Anblick meinem Herzen

keinen Wunsch übrig ließ, etwas anders zu sehen. Vielleicht würde mancher

sie unter so vielen Schönen kaum besonders wahrgenommen haben; denn der

schönste Wuchs, die regelmäßigsten Züge, langes Haar, dessen wallende

Locken bis zu den Knien herunterflossen, und eine Farbe, welche Lilien und

Rosen, wenn sie ihre eigene Schönheit fühlen könnten, beschämt hätte, alle

diese Reizungen waren ihr mit ihren Gespielen gemein; viele übertrafen sie

noch in einem und dem andern Stücke der Schönheit, und wenn ein Maler

unter der ganzen Schar hätte entscheiden sollen, welche die Schönste sei,

so würde sie vielleicht übergangen worden sein; allein mein Herz urteilte

nicht nach den Regeln der Kunst. Ich empfand, oder glaubte zu empfinden,

(und dieses ist in Absicht der Würkung allemal eins) daß nichts

liebenswürdigers als dieses junge Mädchen sein könne, ohne daß ich daran

gedachte, sie mit den übrigen zu vergleichen; sie löschte alles andre aus

meinen Augen aus. So (dacht ich) müßte die Unschuld aussehen, wenn sie,

um sichtbar zu werden, die Gestalt einer Grazie entlehnte; so rührend

würden ihre Gesichts-Züge sein; so still-heiter würden ihre Augen; so

holdselig ihre Wangen lächeln; so würden ihre Blicke, so ihr Gang, so jede

ihrer Bewegungen sein. Dieser Augenblick brachte in meiner Seele eine

Veränderung hervor, welche mir, da ich in der Folge fähig wurde, über

meinen Zustand zu denken, dem übergang in eine neue und vollkommnere Art

des Daseins gleich zu sein schien. Aber damals war ich zu stark gerührt,

zu sehr von Empfindungen verschlungen, um mir meiner selbst recht bewußt

zu sein. Meine Entzückung ging so weit, daß ich nichts mehr von dem Pomp

des Festes bemerkte; und erst, nachdem alles gänzlich aus meinen Augen

verschwunden war, ward ich, wie durch einen plötzlichen Schlag, wieder zu

mir selbst gebracht. Itzt hatte ich Mühe, mich zu überzeugen, daß ich

nicht aus einem von den Träumen erwacht sei, worin meine Phantasie, in

überirdische Sphären verzückt, mir zuweilen ähnliche Gestalten vorgestellt

hatte. Der Schmerz, eines so süßen Anblicks beraubt zu sein, konnte das

vollkommene Vergnügen nicht schwächen, womit das Innerste meines Wesens

erfüllt war. Selbigen ganzen Abend, und den größesten Teil der Nacht,

hatten alle Kräfte meiner Seele keine andere Beschäftigung, als sich

dieses geliebte Bild bis auf die kleinsten Züge mit allen diesen

namenlosen Reizen,--welche vielleicht ich allein an dem Urbilde bemerkt

hatte,--und mit einer Lebhaftigkeit vorzumalen, die ihm immer neue

Schönheiten lehnte; mein Herz schmückte es mit allem, was die Natur

Anmutiges hat, mit allen Vorzügen des Geistes, mit jeder sittlichen

Schönheit, mit allem was nach meiner Denkungs-Art das Vollkommenste und

Beste war, aus--was für ein Gemälde, wozu die Liebe die Farben gibt!--Und

doch glaubte ich immer, zu wenig zu tun; und bearbeitete mich in mir

selbst, noch etwas schöners als das Schönste zu finden, um die Idee, die

ich mir von meiner Unbekannten machte, gänzlich zu vollenden, und

gleichsam in das Urbild selbst zu verwandeln.--Diese liebenswürdige Person

hatte mich zu eben der Zeit, da ich sie erblickte, wahrgenommen; und es

war (wie sie mir in der Folge entdeckte) etwas mit den Regungen meines

Herzens übereinstimmendes in dem ihrigen vorgegangen. Ich erinnerte mich,

(denn wie hätte ich die kleinste Bewegung, die sie gemacht hatte,

vergessen können?) daß unsre Blicke sich mehr als ein mal begegnet waren,

und daß sie sogleich mit einer Scham-Röte, welche ihr ganzes liebliches

Gesicht mit Rosen überzog, die Augen niedergeschlagen hatte. Ich war zu

unerfahren, und in der Tat auch zu bescheiden, aus diesem Umstand etwas

besonderes zu meinem Vorteil zu schließen; aber doch erinnerte ich mich

desselben mit einem so innigen Vergnügen, als ob es mir geahnet hätte, wie

glücklich mich die Folge davon machen würde. Ich hatte die Eitelkeit

nicht, welche uns zu schmeicheln pflegt, daß wir liebenswürdig seien; ich

dachte an nichts weniger, als auf Mittel, wie ich mich lieben machen

wollte. Aber die Schönheit der Seele, die ich in ihrem Gesichte

ausgedrückt gesehen hatte; diese sanfte Heiterkeit, die aus dem

natürlichen Ernst ihrer Züge hervorlächelte, hauchten mir Hoffnung ein,

daß ich geliebet werden würde.--Und welch einen Himmel von Wonne eröffnete

diese Hoffnung vor mir! Was für Aussichten! Welches Entzücken!--Wenn ich

mir vorstellte, daß mein ganzes Leben, daß selbst die Ewigkeiten, in deren

grenzenlosen Tiefen, der Glückliche die Dauer seiner Wonne so gerne sich

verlieren läßt, in ihrem Anschauen und an ihrer Seite dahinfließen würden!

So lebhafte Hoffnungen setzten voraus, daß ich sie wieder finden würde;

und dieser Wunsch brachte die Begierde mit sich, zu wissen wer sie sei.

Aber wen konnt' ich fragen? Ich hatte keinen Freund, dem ich mich

entdecken durfte; von einem jeden andern glaubte ich, daß er bei einer

solchen Frage mein ganzes Geheimnis in meinen Augen lesen würde; und die

Liebe, die ein sehr guter Ratgeber ist, hatte mich schon einsehen gemacht,

wie viel daran gelegen sei, daß der Pythia nicht das Geringste zu Ohren

komme, was ihr den Zustand meines Herzens hätte verraten, oder sie zu

einer mißtrauischen Beobachtung meines Betragens veranlassen können. Ich

verschloß also mein Verlangen in mich selbst, und erwartete mit Ungeduld,

bis irgend ein meiner Liebe günstiger Schutz-Geist mir zu dieser

gewünschten Entdeckung verhelfen würde. Nach einigen Tagen fügte es sich,

daß ich meiner geliebten Unbekannten in einem der Vorhöfe des Tempels

begegnete. Die Furcht, von jemand beobachtet zu werden, hielt mich in

eben dem Augenblick zurück, da ich auf sie zueilen und meine Entzückung

über diesen unverhofften Anblick in Gebärden, und vielleicht in

Ausrufungen, ausbrechen lassen wollte. Sie blieb, indem sie mich

erblickte, einige Augenblicke stehen, und sah mich an. Ich glaubte ein

plötzliches Vergnügen in ihrem schönen Gesicht aufgehen zu sehen; sie

errötete, schlug die Augen wieder nieder, und eilte davon. Ich durft' es

nicht wagen, ihr zu folgen; aber meine Augen folgten ihr, so lang es

möglich war; und ich sahe, daß sie zu einer Tür einging, welche in die

Wohnung der Priesterin führte. Ich begab mich in den Hain, um meinen

Gedanken über diese angenehme Erscheinung ungestörter nachzuhängen. Der

letzte Umstand, den ich bemerkt hatte, und ihre Kleidung, brachte mich auf

die Vermutung, daß sie vielleicht eine von den Aufwärterinnen der Pythia

sei, deren diese Dame eine große Anzahl hatte, die aber (außer bei

besondern Feierlichkeiten) selten sichtbar wurden. Diese Entdeckung

beschäftigte mich noch nach der ganzen Wichtigkeit, die sie für mich hatte,

als ich, in der Tat zur ungelegensten Zeit von der Welt, zu der

zärtlichen Priesterin gerufen wurde.--Die Begierde und die Hoffnung, meine

Geliebte bei dieser Gelegenheit wieder zu sehen, machte mir anfänglich

diese Einladung sehr willkommen; aber meine Freude wurde bald von dem

Gedanken vertrieben, wie schwer es mir sein würde, wenn meine Unbekannte

zugegen wäre, meine Empfindungen für sie den Augen einer Nebenbuhlerin zu

verbergen. Die Künste der Verstellung waren mir zu unbekannt, und meine

Gemüts-Regungen bildeten sich (auch wider meinen Willen) zu schnell und zu

deutlich in meinem äußerlichen ab, als daß ich mich bei allen meinen

Bestrebungen, vorsichtig zu sein, sicher genug halten konnte. Diese

Gedanken gaben mir (wie ich glaube) ein ziemlich verwirrtes Aussehen, als

ich vor die Pythia geführt wurde. Allein, da ich niemand, als eine

kleine Sklavin von neun oder zehen Jahren, bei ihr fand, erholte ich mich

bald wieder; und sie selbst schien mit ihren eigenen Bewegungen zu sehr

beschäftigt, um auf die meinige genau Acht zu geben,--oder (welches

wenigstens eben so wahrscheinlich ist) sie legte die Veränderung, die sie

in meinem Gesichte wahrnehmen mußte, zu Gunsten ihrer Reizungen aus, von

denen sie sich dieses mal desto mehr Würkung versprechen konnte, je mehr

sie vermutlich darauf studiert hatte, sie in dieses reizende

Schatten-Licht zu setzen, welches die Einbildungs-Kraft so lebhaft zum

Vorteil der Sinnen ins Spiel zu ziehen pflegt. Sie saß oder lag (denn

ihre Stellung war ein Mittelding von beiden) auf einem mit Silber und

Perlen reich gestickten Ruhe-Bette; ihr ganzer Putz hatte dieses

Zierlich-Nachlässige, hinter welches die Kunst sich auf eine schlaue Art

versteckt, wenn sie nicht dafür angesehen sein will, daß sie der Natur zu

Hülfe komme; ihr Gewand, dessen bescheidene Farbe ihrer eigenen eben so

sehr als der Anständigkeit ihrer Würde angemessen war, wallte zwar in

vielen Falten um sie her; aber es war schon dafür gesorgt, daß hier und da

der schöne Contour dessen, was damit bedeckt war, deutlich genug wurde, um

die Augen auf sich zu ziehen, und die Neugier lüstern zu machen. Ihre

Arme, die sie sehr schön hatte, waren in weiten und halb auf geschürzten

ärmeln fast ganz zu sehen; und eine Bewegung, welche sie, während unsers

Gesprächs, unwissender Weise gemacht haben wollte, trieb einen Busen aus

seiner Verhüllung hervor, welcher reizend genug war, ihr Gesicht um

zwanzig Jahre jünger zu machen. Sie bemerkte diese kleine

Unregelmäßigkeit endlich; aber das Mittel, wodurch sie die Sachen wieder

in Ordnung zu bringen suchte, war mit der Unbequemlichkeit verbunden, daß

dadurch ein Fuß bis zur Hälfte sichtbar wurde, dessen die schönste

Spartanerin sich hätte rühmen dürfen. Die tiefe Gleichgültigkeit, worin

mich alle diese Reizungen ließen, machte ohne Zweifel, daß ich

Beobachtungen machen konnte, wozu ein gerührter Zuschauer die Freiheit

nicht gehabt hätte. Indes gab mir doch eine Art von Scham, die ich

anstatt der guten Pythia auf meinen Wangen glühen fühlte, ein Ansehen von

Verwirrung, womit die Dame, welche in zweifelhaften Fällen alle mal zu

Gunsten ihrer Eigenliebe urteilte, ziemlich wohl zufrieden schien. Sie

schrieb es vermutlich einer schüchternen Unentschlossenheit oder einem

Streit zwischen Ehrfurcht und Liebe bei, daß ich (ungeachtet des starken

Eindrucks, den sie auf mich machte) ihr keine Gelegenheit gab, die

Delikatesse ihrer Tugend sehen zu lassen. Ich hatte Aufmunterungen nötig,

zu welchen man bei einem geübtern Liebhaber sich nicht herablassen würde.

Die Geschicklichkeit, die man mir in der Kunst, die Dichter zu lesen,

beilegte, diente ihr zum Vorwand, mir einen Zeit-Vertrieb vorzuschlagen,

von dem sie sich einige Beföderung dieser Absicht versprechen konnte. Sie

versicherte mich, daß Homer ihr Lieblings-Autor sei, und bat mich, ihr das

Vergnügen zu machen, sie eine Probe meines gepriesenen Talents hören zu

lassen. Sie nahm einen Homer, der neben ihr lag, und stellte sich,

nachdem sie eine Weile gesucht hatte, als ob es ihr gleichgültig sei,

welcher Gesang es wäre; sie gab mir den ersten den besten in die Hände;

aber zu gutem Glücke war es gerade derjenige, worin Juno, mit dem Gürtel

der Venus geschmückt, den Vater der Götter in eine so lebhafte Erinnerung

der Jugend ihrer ehelichen Liebe setzt.--Von dem dichterischen Feuer,

welches in diesem Gemälde glühet, und dem süßen Wohlklang der Homerischen

Verse entzückt, beobachtete sie nicht, in was für eine verführische

Unordnung ein Teil ihres Putzes durch eine Bewegung der Bewunderung,

welche sie machte, gekommen war. Sie nahm von dieser Stelle Anlaß, die

unumschränkte Gewalt des Liebes-Gottes zum Gegenstande der Unterredung zu

machen. Sie schien der Meinung derjenigen günstig zu sein, welche

behaupten, daß der Gedanke, einer so mächtigen Gottheit widerstehen zu

wollen, nur in einer vermessenen und ruchlosen Seele geboren werden könne.

Ich pflichtete ihr bei, behauptete aber, daß die meisten in den Begriffen,

welche sie sich von diesem Gotte machten, der großen Pflicht, von der

Gottheit nur das Würdigste und Vollkommenste zu denken, sehr zu nahe

träten; und daß die Dichter durch die allzusinnliche Ausbildung ihrer

allegorischen Fabeln in diesem Stücke sich keines geringen Vergehens

schuldig gemacht hätten. Unvermerkt schwatzte ich mich in einen

Enthusiasmus hinein, in welchem ich, nach den Grundsätzen meiner

geheimnisreichen Philosophie, von der intellektualischen Liebe, von der

Liebe welche der Weg zum Anschauen des wesentlichen Schönen ist, von der

Liebe welche die geistigen Flügel der Seele entwickelt, sie mit jeder

Tugend und Vollkommenheit schwellt, und zuletzt durch die Vereinigung mit

dem Urbild und Urquell des Guten in einen Abgrund von Licht, Ruhe und

unveränderlicher Wonne hineinzieht, worin sie gänzlich verschlungen und zu

gleicher Zeit vernichtigt und vergöttert wird--so erhabne, mir selbst

meiner Einbildung nach sehr deutliche, der schönen Priesterin aber so

unverständliche Dinge sagte, daß sie in eben der Proportion, nach welcher

sich meine Einbildungs-Kraft dabei erwärmte, nach und nach davon

eingeschläfert wurde. In der Tat konnte im Prospekt eines so schönen

Busens, als ich vor mir sahe, nichts seltsamere sein, als eine Lob-Rede

auf die intellektualische Liebe; auch gab die betrogne Pythia nach einer

solchen Probe alle Hoffnung auf, mich, diesen Abend wenigstens, zu einer

natürlichen Art zu denken und zu lieben herumzustimmen. Sie entließ mich

alsobald darauf, nachdem sie mir, wiewohl auf eine ziemlich rätselhafte

Art, zu vernehmen gegeben hatte, daß sie besondere Ursachen habe, sich

meiner mehr anzunehmen, als irgend eines andern Kostgängers des Apollo.

Ich verstund aus dem, was sie mir davon sagte, so viel, daß sie eine nahe

Anverwandtin meines mir selbst noch unbekannten Vaters sei; daß es ihr

vielleicht bald erlaubt sein werde, mir das Geheimnis meiner Geburt zu

entdecken; und daß ich es allein diesem nähern Verhältnis zu zuschreiben

habe, wenn sie mich durch eine Freundschaft unterscheide, welche mich,

ohne diesen Umstand, vielleicht hätte befremden können. Diese Eröffnung,

an deren Wahrheit mich ihre Miene nicht zweifeln ließ, hatte die

gedoppelte Würkung--mich zu bereden, daß ich mich in meinen Gedanken von

ihren Gesinnungen betrogen haben könne--und sie auf einmal zu einem

interessanten Gegenstande für mein Herz zu machen. In der Tat fing ich,

von dem Augenblick, da ich hörte, daß sie mit meinem Vater befreundet sei,

an, sie mit ganz andern Augen anzusehen; und vielleicht würde sie von den

Dispositionen, in welche ich dadurch gesetzt wurde, in kurzer Zeit mehr

Vorteil haben ziehen können, als von allen den Kunstgriffen, womit sie

meine Sinnen hatte überraschen wollen. Aber die gute Dame wußte entweder

nicht, wie viel man bei gewissen Leuten gewonnen, wenn man Mittel findet,

ihr Herz auf seine Seite zu ziehen; oder sie war über mein seltsames

Betragen erbittert, und glaubte, ihre verachteten Reizungen nicht besser

rächen zu können, als wenn sie mich in eben dem Augenblick von sich

entfernte, da sie in meinen Augen las, daß ich gerne länger geblieben wäre.

Alles Bitten, daß sie ihre Gütigkeit durch eine deutlichere Entdeckung

des Geheimnisses meiner Geburt vollkommen machen möchte, war umsonst; sie

schickte mich fort, und hatte Grausamkeit genug, eine geraume Zeit vorbei

gehen zu lassen, eh sie mich wieder vor sich kommen ließ. Zu einer andern

Zeit würde das Verlangen, diejenigen zu kennen, denen ich das Leben zu

danken hätte, mir diesen Aufschub zu einer harten Strafe gemacht haben;

aber damals brauchte es nur wenige Minuten, wieder allein zu sein, und

einen Gedanken an meine geliebte Unbekannte, um die Priesterin mit allen

ihren Reizen, und mit allem was sie mir gesagt und nicht gesagt hatte, aus

meinem Gemüte wieder auszulöschen. Es war mir unendlich mal angelegener

zu wissen, wer diese Unbekannte sei, und ob sie würklich (wie ich mir

schmeichelte) für mich empfinde, was ich für sie empfand, als in Absicht

meiner selbst aus einer Unwissenheit gezogen zu werden, gegen welche die

Gewohnheit mich fast ganz gleichgültig gemacht hatte: So lange ich das

nicht wußte, würde ich die Entdeckung, der Erbe eines Königs zu sein, mit

Kaltsinn angesehen haben. Der Blick, den sie diesen Abend auf mich

geheftet hatte, schien mir etwas zu versprechen, das für mein Herz

unendlich mehr Reiz hatte, als alle Vorteile der glänzendsten Geburt.

Mein ganzes Wesen schien von diesem Blicke, wie von einem überirdischen

Lichte, durchstrahlt und verklärt--ich unterschied zwar nicht deutlich,

was in mir vorging--aber so oft ich sie mir wieder in dieser Stellung, mit

diesem Blicke, mit diesem Ausdruck in ihrem lieblichen Gesichte vorstellte,

(und dieses geschah allemal so lebhaft, als ob ich sie würklich mit Augen

sähe) so schien mir mein Herz vor Liebe und Vergnügen in Empfindungen zu

zerfließen, für deren durchdringende Süßigkeit keine Worte erfunden sind.

"--Hier wurde Agathon (dessen Einbildungs-Kraft, von den Erinnerungen

seiner ersten Liebe erhitzt, einen hübschen Schwung, wie man sieht, zu

nehmen anfing,) durch eine ziemlich merkliche Veränderung in dem Gesichte

seiner schönen Zuhörerin, mitten in dem Lauf seiner unzeitigen Schwärmerei

aufgehalten, und aus seinem achtzehnten Jahr, in welches er in dieser

kleinen Ekstase zurückversetzt worden war, auf einmal wieder nach Smyrna,

zu sich selbst und der schönen Danae gegenüber, gebracht.

VIERTES KAPITEL

Fortsetzung des Vorhergehenden

Es ist eine alte Bemerkung, daß man einer schönen Dame die Zeit nur

schlecht vertreibt, wenn man sie von den Eindrücken, die eine andre auf

unser Herz gemacht hat, unterhält. Je mehr Feuer, je mehr Wahrheit, je

mehr Beredsamkeit wir in einem solchen Falle zeigen, je reizender unsre

Schilderungen, je schöner unsre Bilder, je beseelter unser Ausdruck ist,

desto gewisser dürfen wir uns versprechen, unsre Zuhörerin einzuschläfern.

Diese Beobachtung sollten sich besonders diejenigen empfohlen sein

lassen, welche eine würklich im Besitz stehende Geliebte mit der

Geschichte ihrer ehemaligen verliebtet Abenteuer unterhalten. Agathon,

welcher noch weit davon entfernt war, von seiner Einbildungs-Kraft Meister

zu sein, hatte diese Regel gänzlich aus den Augen verloren, da er einmal

auf die Erzählung seiner ersten Liebe gekommen war. Die Lebhaftigkeit

seiner Wiedererinnerungen schien sie in Empfindungen zu verwandeln; er

bedachte nicht, daß es weniger anstößig wäre, eine Geliebte, wie Danae,

mit der ganzen Metaphysik der intellektualischen Liebe, als mit so

enthusiastischen Beschreibungen der Vorzüge einer andern, und der

Empfindungen, welche sie eingeflößt, zu unterhalten. Eine Art von

Mittelding zwischen Gähnen und Seufzen, welches ihr an der Stelle, wo wir

seine Erzählungen abgebrochen haben, entfuhr, und ein gewisser Ausdruck

von langer Weile, der aus einer erzwungnen Miene von vergnügter

Aufmerksamkeit hervorbrach, machte ihn endlich seiner Unbesonnenheit

gewahr werden; er stutzte einen Augenblick, er errötete, und es fehlte

wenig, daß er den Zusammenhang seiner Geschichte darüber verloren hätte.

Doch erholte er sich noch geschwinde genug wieder, um seiner Verwirrung

irgend einen zufälligen Vorwand zu geben, und setzte seine Erzählung fort,

indem er fest bei sich beschloß, genauer auf sich selbst Acht zu geben,

und seine Beschreibungen so sehr abzukürzen, als es nur immer möglich sein

würde; ein Vorsatz, bei welchem unsre Leser sich wenigstens eben so wohl

befinden werden, als die schöne Danae, wenn er anders fähig sein wird,

sich selbst Wort zu halten.

Geschichte des Agathon. Teil 1 · 第 17 / 23 段