Traum der Kindheit erwachend, uns selbst zuerst zu finden glauben, die
Welt um uns her mit erstaunten Augen betrachten, und neugierig sind, unsre
eigne Natur und den Schauplatz, worauf wir uns ohn unser Zutun versetzt
sehen, kennen zu lernen. Wie willkommen ist uns in diesem Alter eine
Philosophie, welche den Vorteil unsrer Wissensbegierde mit dieser Neigung
zum Wunderbaren und dieser arbeitscheuen Flüchtigkeit, welche der Jugend
eigen sind, vereiniget, welche alle unsre Fragen beantwortet, alle Rätsel
erklärt, alle Aufgaben auflöset; eine Philosophie, welche destomehr mit
dem warmen und gefühlvollen Herzen der Jugend sympathisiert, weil sie
alles Unempfindliche und Tote aus der Natur verbannet, und jeden Atom der
Schöpfung mit lebenden und geistigen Wesen bevölkert, jeden Punkt der Zeit
mit verborgnen Begebenheiten und großen Szenen befruchtet, welche für
künftige Ewigkeiten heranreifen; ein System, welches die Schöpfung so
unermeßlich macht, als ihr Urheber ist; welches uns in der anscheinenden
Verwirrung der Natur eine majestätische Symmetrie, in der Regierung der
moralischen Welt einen unveränderlichen Plan, in der unzählbaren Menge von
Klassen und Geschlechtern der Wesen einen einzigen Staat, in den
verwickelten Bewegungen aller Dinge einen allgemeinen Richtpunkt, in
unsrer Seele einen künftigen Gott, in der Zerstörung unsers Körpers die
Wiedereinsetzung in unsre ursprüngliche Vollkommenheit, und in dem
nachtvollen Abgrund der Zukunft helle Aussichten in grenzenlose Wonne
zeigt? Ein solches System ist zu schön an sich selbst, zu schmeichelhaft
für unsern Stolz, unsern innersten Wünschen und wesentlichsten Trieben zu
angemessen, als daß wir es in einem Alter, wo alles Große und Rührende so
viel Macht über uns hat, nicht beim ersten Anblick wahr finden sollten.
Vermutungen und Wünsche werden hier zu desto stärkern Beweisen, da wir in
dem bloßen Anschauen der Natur zuviel Majestät, zuviel Geheimnisreiches
und Göttliches zu sehen glauben, um besorgen zu können, daß wir jemals
zugroß von ihr denken möchten. Und, soll ich dirs gestehen, schöne
Danae? Selbst itzt, da mich glückliche Erfahrungen das Schwärmende und
Unzuverlässige dieser Art von Philosophie gelehrt haben, fühle ich mit
einer innerlichen Gewalt, die sich gegen jeden Zweifel empört, daß diese
übereinstimmung mit unsern edelsten Neigungen, welche ihr das Wort redet,
der rechte Stempel der Wahrheit ist, und daß selbst in diesen Träumen,
welche dem materialischen Menschen so ausschweifend scheinen, für unsern
Geist mehr Würklichkeit, mehr Unterhaltung und Aufmunterung, eine reichere
Quelle von ruhiger Freude und ein festerer Grund der Selbstzufriedenheit
liegt, als in allem was die Sinne uns angenehmes und Gutes anzubieten
haben. Doch ich erinnere mich, daß es die Geschichte meiner Seele, und
nicht die Rechtfertigung meiner Denkensart ist, wozu ich mich anheischig
gemacht habe. Es sei also genug, wenn ich sage, daß die Lehrsätze des
Orpheus und des Pythagoras, von den Göttern, von der Natur, von unsrer
Seele, von der Tugend, und von dem was das höchste Gut des Menschen ist,
sich meines Gemüts so gänzlich bemeisterten, daß alle meine Begriffe nach
diesem Urbilde gemodelt, alle meine Reizungen davon beseelt, und mein
ganzes Betragen, so wie alle meine Entwürfe für die Zukunft, mit dem Plan
eines nach diesen Grundsätzen abgemessenen Lebens, dessen Beurteilung mich
unaufhörlich in mir selbst beschäftigte, übereinstimmig waren."
ZWEITES KAPITEL
En animam & mentem cum qua Di nocte loquantur!
"Der Priester, der sich zu meinem Mentor aufgeworfen hatte, schien über
den außerordentlichen Geschmack, den ich an seinen erhabnen Unterweisungen
fand, sehr vergnügt zu sein, und ermangelte nicht, meinen Enthusiasmus bis
auf einen Grad zu erhöhen, welcher mich, seiner Meinung nach, alles zu
glauben und alles zu leiden fähig machen müßte. Ich war zu jung und zu
unschuldig, um das kleinste Mißtrauen in seine Bemühungen zu setzen, bei
welchen die Aufrichtigkeit meines eignen Herzens die edelsten Absichten
voraussetzte. Er hatte die Vorsicht gebraucht, es so einzuleiten, daß ich
endlich aus eigner Bewegung auf die Frage geraten mußte, ob es nicht
möglich sei, schon in diesem Leben mit den höhern Geistern in Gemeinschaft
zu kommen? Dieser Gedanke beschäftigte mich lange bei mir selbst; ich
fand möglich, was ich mit der größesten Lebhaftigkeit wünschte. Die
Geschichte der ersten Zeiten schien meine Hoffnung zu bestätigen. Die
Götter hatten sich den Menschen bald in Träumen, bald in Erscheinungen
entdeckt; verschiedene waren so gar glücklich genug gewesen, Günstlinge
der Götter zu sein. Hier kam mir Ganymed, Endymion und so viele andre zu
statten, welche von Gottheiten geliebt worden waren. Ich gab demjenigen,
was die Dichter davon erzählen, eine Auslegung, welche den erhabenen
Begriffen gemäß war, die ich von den höhern Wesen gefasset hatte; die
Schönheit und Reinigkeit der Seele, die Abgezogenheit von den Gegenständen
der Sinne, die Liebe zu den unsterblichen und ewigen Dingen, schien mir
dasjenige zu sein, was diese Personen den Göttern angenehm, und zu ihrem
Umgang geschickt gemacht hatte. Ich entdeckte endlich dem Theogiton (so
hieß der Priester) meine lange geheim gehaltene Gedanken. Er erklärte
sich auf eine Art darüber, welche meine Neubegierde rege machte, ohne sie
zu befriedigen; er ließ mich merken, daß dieses Geheimnisse seien, welche
er Bedenken trage, meiner Jugend anzuvertrauen: Doch sagte er mir, daß die
Möglichkeit der Sache keinem Zweifel unterworfen sei, und bezauberte mich
ganz mit dem Gemälde, so er mir von der Glückseligkeit derjenigen machte,
welche von den Göttern würdig geachtet würden, zu ihrem geheimen Umgang
zugelassen zu werden. Die geheimnisvolle Miene, die er annahm, so bald
ich nach den Mitteln hiezu zu gelangen fragte, bewog mich, den Vorsatz zu
fassen, zu warten, bis er selbst für gut finden würde, sich deutlicher zu
entdecken. Er tat es nicht; aber er machte so viele Gelegenheiten, meine
erregte Neugierigkeit zu entflammen, daß ich mich nicht lange enthalten
konnte, neue Fragen zu tun. Endlich führte er mich einsmals tief im
geheiligten Hain des Apollo in eine Grotte, welche ein uralter Glaube der
Bewohner des Landes von den Nymphen bewohnt glaubte, deren Bilder, aus
Zypressenholz geschnitzt, in Blinden von Muschelwerk das Innerste der
Höhle zierten.
Hier ließ er mich auf eine bemooste Bank niedersetzen, und fing nach einer
viel versprechenden Vorrede an, mir, wie er sagte, das geheime Heiligtum
der göttlichen Philosophie des Hermes und Orpheus aufzuschließen.
Unzähliche religiöse Waschungen, und eine Menge von Gebeten, Räucherungen
und andre geheimen Anstalten mußten vorhergehen, einen noch in irdische
Glieder gefesselten Geist zum Anschauen der himmlischen Naturen
vorzubereiten. Und auch alsdenn würde unser sterblicher Teil den Glanz
der göttlichen Vollkommenheit nicht ertragen, sondern (wie die Dichter
unter der Geschichte der Semele zu erkennen gegeben) gänzlich davon
verzehrt und vernichtet werden, wenn sie sich nicht mit einer Art von
körperlichem Schleier umhüllen, und durch diese Herablassung uns nach und
nach fähig machen würden, sie endlich selbst, entkörpert und in ihrer
wesentlichen Gestalt anzuschauen. Ich war einfältig genug alle diese
vorgegebene Geheimnisse für echt zu halten; ich hörte dem ernsten
Theogiton mit einem heiligen Schauer zu, und machte mir seine
Unterweisungen so wohl zu Nutze, daß ich Tag und Nacht an nichts anders
dachte als an die außerordentliche Dinge, wovon ich in kurzem die
Erfahrung bekommen würde.
Du kannst dir einbilden, Danae, ob meine Phantasie in dieser Zeit müßig
war. Ich würde nicht fertig werden, wenn ich alles beschreiben wollte,
was damals in ihr vorging, und mit welch einer Zauberei sie mich in meinen
Träumen bald in die glücklichen Inseln, welche Pindar so prächtig
schildert, bald zum Gastmahl der Götter, bald in die Elysischen Täler, der
Wohnung seliger Schatten, versetzte.
So seltsam es klingt, so gewiß ist es doch, daß die Kräfte der Einbildung
dasjenige weit übersteigen, was die Natur unsern Sinnen darstellt: Sie hat
etwas glänzenders als Sonnenglanz, etwas lieblichers als die süßesten
Düfte des Frühlings zu ihren Diensten, unsre innern Sinnen in Entzückung
zu setzen; sie hat neue Gestalten, höhere Farben, vollkommnere Schönheiten,
schnellere Veranstaltungen, eine neue Verknüpfung der Ursachen und
Würkungen, eine andere Zeit--kurz, sie erschafft eine neue Natur, und
versetzt uns in der Tat in fremde Welten, welche nach ganz andern Gesetzen
als die unsrige regiert werden. In unsrer ersten Jugend sind wir noch zu
unbekannt mit den Triebfedern unsers eignen Wesens, um deutlich einzusehen,
wie sehr diese scheinbare Magie der Einbildungskraft in der Tat natürlich
ist. Wenigstens war ich damals leichtgläubig genug, Träume von dieser Art,
übernatürlichen Einflüssen beizumessen, und sie für Vorboten der
Wunderdinge zu halten, welche ich bald auch wachend zu erfahren hoffte.
Einsmals, als ich nach der Vorschrift des Theogitons acht Tage lang mit
geheimen Zeremonien und Weihungen, und in einer unablässigen Anstrengung
mein Gemüt von allen äußerlichen Gegenständen abzuziehen, zugebracht hatte,
und mich nunmehr berechtiget hielt, etwas mehr zu erwarten, als was mir
bisher begegnet war, begab ich mich in später Nacht, da alles schlief, in
die Grotte der Nymphen, und nachdem ich eine Menge von schwülstigen
Liedern und Anrufungsformeln hergesagt hatte, legte ich mich, mit dem
Angesicht gegen den vollen Mond gekehrt, welcher eben damals in die Grotte
schien, auf die Ruhebank zurück, und überließ mich der Vorstellung, wie
mir sein würde, wenn Luna aus ihrer Silbersphäre herabsteigen, und mich zu
ihrem Endymion machen würde. Mitten in diesen ausschweifenden
Vorstellungen, unter denen ich allmählich zu entschlummern anfing, weckte
mich plötzlich ein liebliches Getön, welches in einiger Entfernung über
mir zu schweben schien, und wie ich bald erkannte, aus derjenigen Art von
Saitenspiel erklang, welche man dem Apollo zuzueignen pflegt. Einem
natürlich gestimmten Menschen würde gedeucht haben, er höre ein gutes
Stück von einer geschickten Hand ausgeführt; und so hätte er sich nicht
betrügen können. Aber in der Verfassung, worin ich damals war, hätte ich
vielleicht das Gequäke eines Chors von Fröschen für den Gesang der Musen
gehalten. Die Musik, die ich hörte, rührte, fesselte, entzückte mich; sie
übertraf, meiner eingebildeten Empfindung nach (denn die Phantasie hat
auch ihre Empfindungen,) alles was ich jemals gehört hatte; nur Apollo,
der Vater der Harmonie, dessen Laute die Sphären ihre Götter-vergnügende
Harmonien gelehrt hatte, konnte so überirdische Töne hervorbringen. Meine
Seele schien davon wie aus ihrem Leibe emporgezogen zu werden, und, lauter
Ohr, über den Wolken zu schweben; als diese Musik plötzlich aufhörte, und
mich in einer Verwirrung von Gedanken und Gemütsregungen zurückließ, die
mir diese ganze Nacht kein Auge zu schließen, gestattete.
Des folgenden Tages erzählte ich dem Theogiton, was mir begegnet war. Er
schien nichts sehr besonders daraus zu machen; doch gab er, nachdem er
mich um alle Umstände befragt hatte, zu, daß es Apollo, oder eine von den
Musen gewesen sein könne. Du wirst lächeln, Danae, wenn ich dir gestehe,
daß ich, so jung ich war, und ohne mir selbst recht bewußt zu sein, warum?
doch lieber gesehen hätte, wenn es eine Muse gewesen wäre. Ich unterließ
nun keine Nacht, mich in der Grotte einzufinden, um die vermeinte Muse
wieder zu hören: Aber meine Erwartung betrog mich; es war Apollo selbst.
Nach etlichen Nächten, worin ich mich mit der stummen Gegenwart der
Nymphen von Zypressenholz hatte begnügen müssen, kündigte mir ein heller
Schein, der auf einmal in die Grotte fiel, und durch die allgemeine
Dunkelheit und meinen Wahnwitz zu einem überirdischen Licht erhoben wurde,
irgend eine außerordentliche Begebenheit an. Urteile, wie bestürzt ich
war, als ich mitten in der Nacht, den Gott des Tages, auf einer
hellglänzenden Wolke sitzend, vor mir sah, der sich mir zu lieb den Armen
der schönen Thetis entrissen hatte. Goldgelbe Locken flossen um seine
weißen Schultern; eine Krone von Strahlen schmückte seine Scheitel; das
silberne Gewand, das ihn umfloß, funkelte von tausend Edelsteinen; und
eine goldne Leier lag in seinem linken Arm. Meine Einbildung tat das
übrige hinzu, was zu Vollendung einer idealischen Schönheit nötig war.
Allein Bestürzung und Ehrfurcht erlaubte mir nicht, dem Gott genauer ins
Gesicht zu sehen; ich glaubte geblendet zu sein, und den Glanz von Augen,
welche die ganze Welt erleuchteten, nicht ertragen zu können. Er redete
mich an; er bezeugte mir sein Wohlgefallen an meinem Dienst, und an der
feurigen Begierde, womit ich, mit Verachtung der irdischen Dinge mich den
himmlischen widmete. Er munterte mich auf, in diesem Wege fortzugehen,
und mich den Einflüssen der Unsterblichen leidend zu überlassen; mit der
Versicherung, daß ich bestimmt sei, die Anzahl der Glücklichen zu
vermehren, welche er seiner besondern Gunst gewürdiget habe. Er
verschwand, indem er diese Worte sagte, so plötzlich, daß ich nichts dabei
beobachten konnte; und so voreingenommen als mein Gemüt war, hätte dieser
Apollo seine Rolle viel ungeschickter spielen können, ohne daß mir ein
Zweifel gegen seine Gottheit aufgestiegen wäre. Theogiton, dem ich von
dieser Erscheinung Nachricht gab, wünschte mir Glück dazu, und sagte mir
von den alten Helden unsrer Nation, welche einst Lieblinge der Götter
gewesen, und nun als Halbgötter selbst Altäre und Priester hätten, so viel
herrliche Sachen vor, als er nötig erachten mochte, meine Betörung
vollkommen zu machen. Am Ende vergaß er nicht, mir Anweisung zu geben,
wie ich mich bei einer zweiten Erscheinung gegen den Gott zu verhalten
hätte. Insonderheit ermahnte er mich, mein Urteil über alles
zurückzuhalten, mich durch nichts befremden zu lassen, und der Vorschrift
unsrer Philosophie immer eingedenk zu bleiben, welche eine gänzliche
Untätigkeit von uns fodert, wenn die Götter auf uns würken sollen. Man
mußte so unerfahren sein, als ich war, um keine Schlange unter diesen
Blumen zu merken. Nichts als die Entwicklung dieser heiligen Mummerei
konnte mir die Augen öffnen. Ich konnte unmöglich aus mir selbst auf den
Argwohn geraten, daß die Zuneigung einer Gottheit eigennützig sein könne.
Ich hatte vielmehr gehofft, die größesten Vorteile für meine
Wissens-Begierde von ihr zu ziehen, und mit mehr als menschlichen Vorzügen
begabt zu werden. Die Erklärungen des Apollo befremdeten mich endlich,
und seine Handlungen noch mehr; zuletzt entdeckte ich, was du schon lange
vorher gesehen haben mußt, daß der vermeinte Gott kein andrer als
Theogiton selber war; welcher, sobald er sein Spiel entdeckt sah, auf
einmal die Sprache änderte, und mich bereden wollte, daß er diese Komödie
nur zu dem Ende angestellt habe, um mich von der Eitelkeit der Theosophie,
in die er mich so verliebt gesehen hätte, desto besser überzeugen zu
können. Er zog die Folge daraus: Daß alles, was man von den Göttern
sagte, Erfindungen schlauer Köpfe wären, womit sie Weiber und
leichtgläubige Knaben in ihr Netz zu ziehen suchten; Kurz, er wandte alles
an, was eine unsittliche Leidenschaft einem schamlosen Verächter der
Götter eingeben kann, um die Mühe einer so wohl ausgesonnenen und mit so
vielen Maschinen aufgestützten Verführung nicht umsonst gehabt zu haben.
Ich verwies ihm seine Bosheit mit einem Zorne, der mich stark genug machte,
mich von ihm loszureißen. Des folgenden Tags hatte er die
Unverschämtheit, die priesterlichen Verrichtungen mit eben der
heuchlerischen Andacht fortzusetzen, womit er mich und jeden andern bisher
hintergangen hatte. Er ließ nicht die geringste Veränderung in seinem
Betragen gegen mich merken, und schien sich des Vergangenen eben so wenig
zu erinnern, als ob er den ganzen Lethe ausgetrunken hätte. Diese
Aufführung vermehrte meine Unruhe sehr; ich konnte noch nicht begreifen,
daß es Leute geben könne, welche, mitten in den Ausschweifungen des
Lasters, Ruhe und Heiterkeit, die natürlichen Gefährten der Unschuld,
beizubehalten wissen. Allein in weniger Zeit darauf befreite mich die
Unvorsichtigkeit dieses Betrügers von den Besorgnissen, worin ich seit der
Geschichte in der Grotte geschwebet hatte. Theogiton verschwand aus
Delphi, ohne daß man die eigentliche Ursache davon erfuhr. Aus dem, was
man sich in die Ohren murmelte, erriet ich, daß Apollo endlich überdrüssig
geworden sein möchte, seine Person von einem andern spielen zu lassen.
Einer von unsern Knaben, der ein Verwandter des Ober-Priesters war, hatte
(wie man sagte) den Anlaß dazu gegeben.
Diese Begebenheiten führten mich natürlicher Weise auf viele neue
Betrachtungen; aber meine Neigung zum Wunderbaren und meine
Lieblings-Ideen verloren nichts dabei; sie gewannen vielmehr, indem ich
sie nun in mich selbst verschloß, und die Unsterblichen allein zu Zeugen
desjenigen machte, was in meiner Seele vorging. Ich fuhr fort, die
Verbesserung derselben nach den Grundsätzen der Orphischen Philosophie
mein vornehmstes Geschäfte sein zu lassen. Ich fing nun an zu glauben,
daß keine andre als eine idealische Gemeinschaft zwischen den Höhern Wesen
und den Menschen möglich sei; daß nichts als die Reinigkeit und Schönheit
unsrer Seele vermögend sei, uns zu einem Gegenstande des Wohlgefallens
jenes Unnennbaren, Allgemeinen, Obersten Geistes zu machen, von welchem
alle übrige, wie die Planeten von der Sonne, ihr Licht und die ganze Natur
ihre Schönheit und unwandelbare Ordnung erhalten; und daß endlich in der
übereinstimmung aller unsrer Kräfte, Gedanken und geheimsten Neigungen mit
den großen Absichten und den allgemeinen Gesetzen dieses Beherrschers der
sichtbaren und unsichtbaren Welt, das wahre Geheimnis liege, zu derjenigen
Vereinigung mit demselben zu gelangen, welche ich für die natürliche
Bestimmung und das letzte Ziel aller Wünsche eines unsterblichen Wesens
ansah. Beides, jene geistige Schönheit der Seele und diese erhabene
Richtung ihrer Würksamkeit nach den Absichten des Gesetzgebers der Wesen,
glaubte ich am sichersten durch die Betrachtung der Natur zu erhalten;
welche ich mir als einen Spiegel vorstellte, aus welchem das Wesentliche,
Unvergängliche und Göttliche in unsern Geist zurückstrahle, und ihn nach
und nach eben so durchdringe und erfülle, wie die Sonne einen
angestrahlten Wasser-Tropfen. Ich überredete mich, daß die unverrückte
Beschauung der Weisheit und Güte, welche so wohl aus der besondern Natur
eines jeden Teils der Schöpfung, als aus dem Plan und der allgemeinen
ökonomie des Ganzen hervorleuchte, das unfehlbare Mittel sei, selbst weise
und gut zu werden. Ich brachte alle diese Grundsätze in Ausübung. Jeder
neue Gedanke, der sich in mir entwickelte, wurde zu einer Empfindung
meines Herzens; und so lebte ich in einem stillen und lichtvollen Zustand
des Gemüts, dessen ich mich niemals anders als mit wehmütigem Vergnügen
erinnern werde, etliche glückliche Jahre hin; unwissend (und glücklich
durch diese Unwissenheit) daß dieser Zustand nicht dauern könne; weil die
Leidenschaften des reifenden Alters, und (wenn auch diese nicht wären) die
unvermeidliche Verwicklung in dem Wechsel der menschlichen Dinge jene
Fortdauer von innerlicher Heiterkeit und Ruhe nicht gestatten, welche nur
ein Anteil entkörperter Wesen sein kann."
DRITTES KAPITEL
Die Liebe in verschiedenen Gestalten
"Inzwischen hatte ich das achtzehnte Jahr erreicht, und fing nun an,
mitten unter den angenehmen Empfindungen, von denen meine Denkungs-Art und
meine Beschäftigungen unerschöpfliche Quellen zu sein schienen, ein Leeres
in mir zu fühlen, welches sich durch keine Ideen ausfüllen lassen wollte.
Ich sah die manchfaltigen Szenen der Natur wie mit neuen Augen an; ihre
Schönheiten hatten für mich etwas Herz-rührendes, welches ich sonst nie
auf diese Art empfunden hatte. Der Gesang der Vögel im Haine schien mir
was zu sagen, das er mir nie gesagt hatte, ohne daß ich wußte, was es war;
und die neu belaubten Wälder schienen mich einzuladen, in ihren Schatten
einer wollüstigen Schwermut nachzuhängen, von welcher ich mitten in den
erhabensten Betrachtungen wider meinen Willen überwältiget wurde. Nach
und nach verfiel ich in eine weichliche Untätigkeit: Mich deuchte, ich sei
bisher nur in der Einbildung glücklich gewesen; und mein Herz sehnete sich
nach einem Gegenstand, in welchem ich jene idealische Vollkommenheiten
würklich genießen möchte, an denen ich mich bisher nur wie an einem
geträumten Gastmahle geweidet hatte. Damals zuerst stellten sich mir die
Reizungen der Freundschaft in einer vorher nie empfundenen Lebhaftigkeit
dar: Ein Freund (bildete ich mir ein) ein Freund würde diese geheime
Sehnsucht meines Herzens befriedigen. Meine Phantasie malte sich einen
Pylades aus, und mein verlangendes Herz bekränzte dieses schöne Bild mit
allem, was mir das Liebenswürdigste schien, selbst mit jenen äußerlichen
Annehmlichkeiten, welche in meinem System den natürlichen Schmuck der
Tugend ausmachten. Ich suchte diesen Freund unter der blühenden Jugend,
welche mich umgab. Mehr als einmal betrog mich mein Herz, ihn gefunden zu
haben; aber eine kurze Erfahrung machte mich meines Irrtums bald gewahr
werden. Unter einer so großen Anzahl von auserlesenen Jünglingen, welche
die Liverei des Gottes zu Delphi trugen, war nicht ein einziger, den die
Natur so vollkommen mit mir zusammen gestimmt hatte, als die
Spitzfindigkeit meiner Begriffe es erfoderte.
Um diese Zeit geschah es, daß ich das Unglück hatte, der Ober-Priesterin
eine Neigung einzuflößen, welche mit ihrem geheiligten Stande und mit
ihrem Alter einen gleich starken Absatz machte; sie hatte mich schon seit
geraumer Zeit mit einer vorzüglichen Gütigkeit angesehen, welche ich, so
lang ich konnte, einer mütterlichen Gesinnung beimaß, und mit aller der
Ehrerbietung erwiderte, die ich der Vertrauten des Delphischen Gottes
schuldig war. Stelle dir vor, schöne Danae, was für ein Modell zu einer
Bild-Säule des Erstaunens ich abgegeben hätte, als sich eine so ehrwürdige
Person herabließ, mir zu entdecken, daß alle Vertraulichkeit, die ich
zwischen ihr und dem Apollo voraussetzte, nicht zureiche, sie über die
Schwachheiten der gemeinsten Erden-Töchter hinwegzusetzen. Die gute Dame
war bereits in demjenigen Alter, worin es lächerlich wäre, das Herz eines
Mannes von einiger Erfahrung einer jungen Nebenbuhlerin streitig machen zu
wollen. Allein einem Neuling, wofür sie mich mit gutem Grund ansah, die
ersten Unterweisungen zu geben, dazu konnte sie sich ohne übertriebene
Eitelkeit für reizend genug halten. Sie war zu den Zeiten des Heiligen
Kriegs in der Blüte ihrer Schönheit gewesen; hatte sich aber, wie die
meisten ihres Standes, so gut erhalten, daß sie noch immer Hoffnung haben
konnte, in einer Versammlung herbstlicher Schönheiten vorzüglich bemerkt
zu werden. Setze zu diesen ehrwürdigen überbleibseln einer vormals
berühmten Schönheit eine Figur, wie man die blonde Ceres zu bilden pflegt,
große schwarze Augen, unter deren affektiertem Ernst eine wollüstige Glut
hervorglimmte, und zu allem diesem eine ungemeine Sorgfalt für ihre Person,
und die schlaue Kunst, die Vorteile ihrer Reizungen mit der strengen
Sittsamkeit ihrer priesterlichen Kleidung zu verbinden: so kannst du dir
eine genugsame Vorstellung von dieser Pythia machen, um den Grad der
Gefahr abnehmen zu können, worin sich die Einfalt meiner Jugend bei ihren
Nachstellungen befand.
Es ist leicht zu erachten, wie viel es sie Mühe kosten mußte, die ersten
Schwierigkeiten zu überwinden, welche ein mehr Ehrfurcht als Liebe
einflößendes Frauenzimmer, in den hartnäckigen Vorurteilen eines
achtzehnjährigen Jünglings findet. Ihr Stand erlaubte ihr nicht, sich
deutlich zu erklären; und meine Blödigkeit verstand die Sprache nicht,
deren sie sich zu bedienen genötigt war. Zwar braucht man sonst zu dieser
Sprache keinen andern Lehrmeister als sein Herz; allein unglücklicher
Weise sagte mir mein Herz nichts. Es bedurfte der lange geübten Geduld
einer bejahrten Priesterin, um nicht tausendmal das Vorhaben aufzugeben,
einem Menschen, der aus lauter Ideen zusammengesetzt war, ihre Absichten
begreiflich zu machen. Und dennoch fand sie sich endlich genötigt, sich
des einzigen Kunstgriffs zu bedienen, von dem man in solchen Fällen eine
gewisse Würkung erwarten kann; sie hatte noch Reizungen, welche die
ungewohnten Augen eines Neulings blenden konnten. Die Verwirrung, worein
sie mich durch den ersten Versuch von dieser Art gesetzt sah, schien ihr
von guter Vorbedeutung zu sein; und vielleicht hätte sie sich weniger in
ihrer Erwartung betrogen, wenn nicht ein Umstand, von dem ihr nichts
bekannt war, meinem Herzen eine mehr als gewöhnliche Stärke gegeben hätte.