durchdrangen, wurde durch die lebhaftesten Erinnerungen seiner ehmaligen
Glückseligkeit so sanft gemildert, daß er eine Art von Wollust darin
empfand, sich der zärtlichen Wehmut zu überlassen, wovon seine Seele dabei
eingenommen wurde. Er verglich seinen itzigen Zustand mit jener seligen
Stille des Herzens, mit jener immer lächelnden Heiterkeit der Seele, mit
jenen sanften und unschuldsvollen Freuden, zu welchen, seiner Einbildung
nach, unsterbliche Zuschauer ihren Beifall gegeben hatten: Und indem er
unvermerkt, anstatt die Vergleichung unparteiisch fortzusetzen, sich dem
schleichenden Lauf seiner erregten Einbildungskraft überließ; deuchte ihn
nicht anders, als ob seine Seele nach jener elysischen Ruhe, wie nach
ihrem angebornen Elemente, sich zurücksehne. "Wenn es auch Schwärmereien
waren", rief er seufzend aus, "wenn es auch bloße Träume waren, in die
mein halbabgeschiedner, halbvergötterter Geist sich wiegte--welch eine
selige Schwärmerei! Und wie viel glücklicher machten mich diese Träume,
als alle die rauschenden Freuden, welche die Sinnen in einem Wirbel von
Wollust dahinreißen, und wenn sie vorüber sind, nichts als Beschämung und
Reue, und ein schwermütiges Leeres im unbefriedigten Geist zurücklassen!"
Vielleicht werden unsre Leser aus demjenigen, was damals in dem Gemüte
unsers Helden vorging, sich viel Gutes für seine Wiederkehr zur Tugend
weissagen. Aber mit Bedauern müssen wir gestehen, daß sich eine andre
Seele in seinem Inwendigen erhob, welche die Würkung dieser guten Regungen
in kurzem wieder unkräftig machte; es sei nun, daß es die Stimme der Natur
oder der Leidenschaft war, oder daß beide sich vereinigten, ihn ohne
Abbruch seiner Eigenliebe wieder mit sich selbst und dem Gegenwärtigen
auszusöhnen.
In der Tat war es bei der Lebhaftigkeit, welche alle Ideen und
Gemütsbewegungen dieses sonderbaren Menschens charakterisierte, kaum
möglich, daß der überspannte Affekt, worin wir ihn gesehen haben, von
langer Dauer hätte sein können. Die Stärke seiner Empfindungen rieb sich
an sich selbst ab; seine Einbildungskraft pflegte in solchen Fällen so
lange in geradem Lauf fortzuschießen, bis sie sich genötiget fand, wieder
umzukehren. Er fing nun an, sich zu überreden, daß mehr Schwärmerei als
Wahrheit und Vernunft in seiner Betrübnis sei; er glaubte bei näherer
Vergleichung zu finden, daß seine Leidenschaft für Danae durch die
Vollkommenheit des Gegenstands gänzlich gerechtfertiget würde, und so
vorzüglich ihm kurz zuvor die Glückseligkeit seines delphischen Lebens,
und die unschuldigen Freuden der ersten noch unerfahrnen Liebe geschienen
hatten; so unwesentlich fand er sie itzt in Vergleichung mit demjenigen,
was ihn die schöne Danae in ihren Armen hatte erfahren lassen. Das bloße
Andenken daran setzte sein Blut in Feuer, und seine Seele in Entzückung;
seine angestrengteste Einbildung erlag unter der Bestrebung eine
vollkommnere Wonne zu erfinden.
Psyche schien ihm itzt, so liebenswürdig sie immer sein mochte, zu nichts
anderm bestimmt gewesen zu sein, als die Empfindlichkeit seines Herzens zu
entwickeln, um ihn fähig zu machen, die Vorzüge der unvergleichlichen
Danae zu empfinden. Er schrieb es einem Rückfall in seine ehmalige
Schwärmerei zu, daß er sich durch einen Traum, welchen er mit aller seiner
sonderbaren Beschaffenheit, doch für nichts mehr als ein Spiel der
Phantasie halten konnte, in so heftige Bewegungen hätte setzen lassen.
Das einzige, was ihn noch beunruhigte, war der Vorwurf der Untreue gegen
seine einst so zärtlich geliebte und so zärtlich wieder liebende Psyche.
Allein die Unmöglichkeit von der unwiderstehlichen Danae nicht überwunden
zu werden; (ein Punkt, wovon er so vollkommen als von seinem eignen Dasein
überzeugt zu sein glaubte.) Der Verlust aller Hoffnung, Psyche jemals
wieder zu finden, (welchen er, ohne genauere Untersuchung, für ausgemacht
annahm;) beides schien ihm gegen diesen Vorwurf von großem Gewicht zu sein;
und um sich desselben gänzlich zu entledigen, geriet er endlich gar auf
den Gedanken, daß seine Verbindung mit Psyche mehr die Liebe eines Bruders
zu einer Schwester, eine bloße Liebe der Seelen, als dasjenige gewesen sei,
was im eigentlichen Sinn Liebe genennt werden sollte; eine Entdeckung,
die ihm bei Vergleichung der Symptomen dieser beiden Arten von Liebe,
unwidersprechlich zu sein deuchte. Diese Vorstellungen stiegen nach und
nach, zumal an einem Orte, wo jede schattichte Laube, jede Blumenbank,
jede Grotte, ein Zeuge genoßner Glückseligkeiten war, zu einer solchen
Lebhaftigkeit, daß sie eine Art von Ruhe in seinem Gemüte wieder
herstellten; wenn anders die Verblendung eines Kranken, der in der Hitze
seines Fiebers gesund zu sein wähnt, diesen Namen verdienen kann. Doch
verhinderten sie nicht, daß, diesen ganzen Tag über, ein Eindruck von
Schwermut und Traurigkeit in seinem Gemüte zurückblieb; die Bilder der
Psyche und der Tugend, welche er so lange gewohnt gewesen war zu vermengen,
stellten sich immer wieder vor seine Augen; umsonst suchte er sie durch
Zerstreuungen zu entfernen; sie überraschten ihn in seinen Arbeiten, und
beunruhigten ihn in seinen Ergötzungen; er suchte ihnen auszuweichen, der
Unglückliche! und wurde nicht gewahr, daß eben dieses ein vollständiger
Beweis sei, daß es nicht so richtig mit ihm stehe, als er sich selbst zu
überreden suchte.
FÜNFTES KAPITEL
Ein starker Schritt zu einer Katastrophe
Danae liebte zu zärtlich, als daß ihr der stille Kummer, der eine wiewohl
anmutige Düsternheit über das schöne Gesicht unsers Helden ausbreitete,
hätte unbemerkt bleiben können; aber aus eben diesem Grunde war sie zu
schüchtern, ihn voreilig um die Ursache einer so unerwarteten Veränderung
zu befragen. Es war leicht zu sehen, daß sein Herz leiden müsse; aber mit
aller Scharfsichtigkeit, welche den Augen der Liebe eigen ist, konnte sie
doch nicht mit sich selbst einig werden, was die Ursache davon sein könne.
Ihr erster Gedanke war, daß ihm vielleicht ein zu weit getriebner Scherz
des boshaften Hippias anstößig gewesen sein möchte. Allein was auch
Hippias gesagt haben konnte, schien ihr nicht genugsam, eine so tiefe
Wunde zu machen, als sie in seinem Herzen zu sehen glaubte. Das Interesse
ihres eignen brachte sie bald auf einen andern Gedanken, dessen sie
vermutlich nicht fähig gewesen wäre, wenn ihre Liebe nicht die Eitelkeit
überwogen hätte, welche bei den meisten Schönen die wahre Quelle dessen
ist, was sie uns für Liebe geben wollen. "Wie, wenn seine Liebe zu
erkalten anfinge"; sagte sie zu sich selbst--"erkalten? Himmel! wenn das
möglich ist, so werde ich bald gar nicht mehr geliebt sein."--Dieser
Gedanke war zu entsetzlich für ein so völlig eingenommenes Herz, als daß
sie ihn sogleich hätte verbannen können--wie bescheiden macht die wahre
Liebe!--Sie, welche gewohnt gewesen war, in allen Augen die Würkungen
ihres alles besiegenden Reizes zu sehen; sie, welche unter den
Vollkommensten ihres Geschlechts nicht Eine kannte, von der sie jemals in
dem süßen Bewußtsein ihrer Vorzüglichkeit nur einen Augenblick gestört
worden wäre--mit einem Wort--Danae--fing an mit Zittern sich selbst zu
fragen: ob sie auch liebenswürdig genug sei, das Herz eines so
außerordentlichen Mannes in ihren Fesseln zu behalten? Und wenn gleich
die Eigenliebe sie von Seiten ihres persönlichen Wertes hierüber beruhigte;
so war sie doch nicht ohne Sorgen, daß in ihrem Betragen etwas gewesen
sein möchte, wodurch das Sonderbare in seiner Denkungsart, oder die edle
Zärtlichkeit seiner Empfindungen hätte beleidiget werden können. Hatte
sie ihm nicht zuviel Beweise von ihrer Liebe gegeben? Hätte sie ihm
seinen Sieg nicht schwerer machen sollen? War es sicher, ihn die ganze
Stärke ihrer Leidenschaft sehen zu lassen, und sich wegen der Erhaltung
seines Herzens allein auf die gänzliche Dahingebung des Ihrigen zu
verlassen?--Diese Fragen waren weder spitzfindig noch so leicht zu
beantworten, als manches gute Ding sich einbildet, dem man eine ewige
Liebe geschworen hat, und dessen geringster Kummer nun ist, ob man ihr
werde Wort halten können. Die schöne Danae kannte die Wichtigkeit
derselben in ihrem ganzen Umfange; und alles was sie sich selbst darüber
sagen konnte, stellte sie doch nicht so zufrieden, daß sie nicht für nötig
befunden hätte, einen gelegnen Augenblick zu belauschen, um sich über alle
ihre Zweifel ins Klare zu setzen; im übrigen sehr überzeugt, daß es ihr
nicht an Mitteln fehlen werde, dem entdeckten übel zu helfen, es möchte
nun auch bestehen, worin es immer wollte. Agathon ermangelte nicht, ihr
noch an dem nämlichen Tag Gelegenheit dazu zu geben.
Schwermut und Traurigkeit machen die Seele nach und nach schlaff, und
eröffnen sie allen weichen und zärtlichen Regungen. Dieser Satz ist so
wahr, daß tausend Liebesverbindungen in der Welt keinen andern Ursprung
haben. Ein Liebhaber verliert einen Gegenstand, den er anbetet; er
ergießt seine Klagen in den Busen einer Freundin, für deren Reizungen er
bisher vollkommen gleichgültig gewesen war--Sie bedauert ihn; er findet
sich dadurch erleichtert, daß er sich frei und ungehindert beklagen kann;
und die Schöne ist erfreut, daß sie Gelegenheit hat, ihr gutes Herz zu
zeigen: Ihr Mitleiden rührt ihn, und erregt seine Aufmerksamkeit: Sobald
eine Frauensperson zu interessieren anfängt, sobald entdeckt man Reizungen
an ihr: Die Regungen, worin beide sich befinden, sind der Liebe günstig;
sie verschönern die Freundin, und blenden die Augen des Freundes: überdem
sucht der Schmerz natürlicher Weise eine Zerstreuung, und ist geneigt sich
an alles zu hängen, was ihm Trost und Linderung verspricht: Eine dunkle
Ahnung neuer Vergnügungen; der Anblick eines Gegenstands, der solche geben
kann; die günstige Gemütsstellung, worin man denselben sieht, auf der
Einen--die Eitelkeit, diese große Treibfeder des weiblichen Herzens; das
Vergnügen, so zu sagen, einen Sieg über eine Nebenbuhlerin davon zu tragen,
indem man liebenswürdig genug ist, ihren Verlust zu ersetzen; die
Begierde, selbst ihr Andenken auszulöschen; vielleicht, auch die
Gutherzigkeit der menschlichen Natur, und das Vergnügen glücklich zu
machen, auf der andern Seite--wie viel Umstände, welche sich vereinigen,
unvermerkt den Freund in einen Liebhaber, und die Vertraute in die
Hauptperson eines neuen Romans zu verwandeln.
In einer Gemütsverfassung von dieser Art befand sich Agathon, als Danae,
welche vernommen hatte, daß er den ganzen Abend in der einsamsten Gegend
des Gartens zugebracht, sich nicht mehr zurückhalten konnte ihn
aufzusuchen. Sie fand ihn mit halbem Leib auf einer grünen Bank liegen,
das Haupt unterstützt, und so zerstreut, daß sie eine Weile vor ihm stand,
ehe er sie gewahr wurde. "Du bist traurig, Callias", sagte sie endlich
mit einer gerührten Stimme, indem sie Augen voll mitleidender Liebe auf
ihn heftete. "Kann ich traurig sein, wenn ich dich sehe?" erwiderte
Agathon, mit einem Seufzer, welcher seine Frage zu beantworten schien.
Auch gab ihm Danae keine Antwort auf ein so verbindliches Kompliment,
sondern fuhr fort, ihn stillschweigend, aber mit einem Gesicht voll Seele,
und Augen die voller Wasser standen, anzusehen. Er richtete sich auf, und
sahe sie eine Weile an, als ob er bis in den Grund ihrer Seele schauen
wollte. Ihre Herzen schienen durch ihre Blicke in einander zu zerfließen.
"Liebest du mich, Danae?" fragte endlich Agathon mit einer von
Zärtlichkeit und Wehmut halberstickten Stimme, indem er einen Arm um sie
schlang, und fortfuhr sie mit wäßrichten Augen anzusehen. Sie schwieg
eine Zeit lang. "Ob ich dich liebe? -" War alles was sie sagen konnte;
aber der Ausdruck, der Ton, womit sie es sagte, hätte durch alle
Beredsamkeit des Demosthenes nicht ersetzt werden können. "Ach Danae!"
(erwidert Agathon) "ich frage nicht, weil ich zweifle--Kann ich eine
Versichrung, von welcher das ganze Glück meines Lebens abhängt, zu oft von
diesen geliebten Lippen empfangen? Wenn du mich nicht liebtest--wenn du
aufhören könntest mich zu lieben -" "Was für Gedanken, mein liebster
Callias?" unterbrach sie ihn: "Wie elend wär ich, wenn du sie in deinem
Herzen fändest--wenn dieses dir sagte, daß eine Liebe wie die unsrige
aufhören könne?"--Ein übelverhehlter Seufzer war alles was er antworten
konnte. "Du bist traurig, Callias", fuhr sie fort; "ein geheimer Kummer
bricht aus allen deinen Zügen hervor--Du begreifst nicht, nein, du
begreifst nicht, was ich leide, dich traurig zu sehen, ohne die Ursache
davon zu wissen. Wenn mein Vermögen, wenn meine Liebe, wenn mein Leben
selbst hinlänglich ist, sie von dir zu entfernen, mein Geliebter, o! so
verzögre keinen Augenblick, dein Innerstes mir aufzuschließen -" Der
Ausdruck, die Blicke, der Ton der Stimme, womit sie dieses sagte, rührte
den gefühlvollen Agathon bis zu sprachloser Entzückung. Er wand seine
Arme um sie, druckte sein Gesicht auf ihre klopfende Brust, und konnte
lange nur durch die Tränen reden, womit er sie benetzte.
Nichts ist ansteckenders als der Affekt einer in Empfindung zerfließenden
Seele. Danae, ohne die Ursach aller dieser Bewegungen zu wissen, wurde so
sehr von dem Zustand gerührt, worin sie ihren Liebhaber sah, daß sie eben
so sprachlos als er selbst, sympathetische Tränen mit den Seinigen
vermischte. Diese Szene, welche für den gleichgültigen Leser nicht so
interessant sein kann, als sie es für unsre Verliebten war, dauerte eine
ziemliche Weile. Endlich faßte sich Agathon, und sagte in einer von
diesen zärtlichen Ergießungen der Seele, an welchen die überlegung keinen
Anteil hat, und worin man keine andre Absicht hat als ein volles Herz zu
erleichtern: "Ich liebe dich zu sehr, unvergleichliche Danae, und fühle zu
sehr, daß ich dich nicht genug lieben kann, um dir länger zu verhehlen,
wer dieser Callias ist, den du, ohne ihn zu kennen, deines Herzens würdig
geachtet hast. Ich will dir das Geheimnis meines Namens und die ganze
Geschichte meines Lebens, so weit ich in selbiges zurückzusehen vermag,
entdecken; und wenn du alles wissen wirst--ich weiß es, daß ich einer so
großen Seele, wie die deinige, alles entdecken darf--Denn wirst du
vielleicht natürlich finden, daß der flüchtigste Zweifel, ob es möglich
sein könne deine Liebe zu verlieren, hinlänglich ist, mich elend zu machen."
Danae stutzte, wie man sich vorstellen kann, bei einer so unerwarteten
Vorrede; sie sah unsern Helden so aufmerksam an, als ob sie ihn noch nie
gesehen hätte, und verwunderte sich itzt über sich selbst, daß ihr nicht
längst in die Augen gefallen war, daß weit mehr unter ihrem Liebhaber
verborgen sei, als die Nachrichten des Hippias, und die Umstände, worin
sich ihre Bekanntschaft angefangen, vermuten ließen. Sie dankte ihm auf
die zärtlichste Art für die Probe eines vollkommnen Zutrauens, welche er
ihr geben wolle, und nach einigen vorbereitenden Liebkosungen, womit sie
ihre Dankbarkeit bestätigte, fing Agathon die folgende Erzählung an:
SIEBENTES BUCH
ERSTES KAPITEL
Die erste Jugend des Agathons
"Ich war schon achtzehn Jahre alt, eh ich denjenigen kannte, dem ich mein
Dasein zu danken habe. Von der ersten Kindheit an, in den Hallen des
delphischen Tempels erzogen, war ich gewöhnt, die Priester des Apollo mit
diesen kindlichen Empfindungen anzusehen, welche das erste Alter über alle,
die für unsre Erhaltung Sorge tragen, zu ergießen pflegt. Ich war noch
ein kleiner Knabe, als ich schon mit dem geheiligten Gewand, welches die
jungen Diener des Gottes von den Sklaven der Priester unterschied,
bekleidet, und zum Dienst des Tempels, wozu ich gewidmet war, zubereitet
wurde.
Wer Delphi gesehen hat, wird sich nicht verwundern, daß ein Knabe von
gefühlvoller Art, der beinahe von der Wiegen an daselbst erzogen worden,
unvermerkt eine Gemütsbildung bekommen muß, welche ihn von den
gewöhnlichen Menschen unterscheidet. Außer der besondern Heiligkeit,
welche ein uraltes Vorurteil und die geglaubte Gegenwart des Pythischen
Gottes der ganzen delphischen Landschaft beigelegt hat, war in den
Bezirken des Tempels selbst kein Platz, der nicht von irgend einem
ehrwürdigen oder glänzenden Gegenstand erfüllt, oder durch das Andenken
irgend eines Wunders verherrlichet war. Wie nun der Anblick so vieler
wundervoller Dinge das erste war, woran meine Augen gewöhnt wurden: So war
die Erzählung wunderbarer Begebenheiten die erste mündliche Unterweisung,
die ich von meinen Vorgesetzten erhielt; eine Art von Unterricht, den ich
nötig hatte, weil es ein Teil meines Berufs sein sollte, den Fremden, von
welchen der Tempel immer angefüllt war, die Gemälde, die Schnitzwerke und
Bilder, und den unsäglichen Reichtum von Geschenken, wovon die Hallen und
Gewölbe desselben schimmerten, zu erklären.
Für ungewohnte Augen ist vielleicht nichts blendenders als der Anblick
eines von so vielen Königen, Städten und reichen Partikularen in ganzen
Jahrhunderten zusammengehäuften Schatzes von Gold, Silber, Edelsteinen,
Perlen, Elfenbein und andern Kostbarkeiten: Für mich, der dieses Anblicks
gewohnt war, hatte die bescheidne Bildsäule eines Solon mehr Reiz, als
alle diese schimmernde Trophäen einer abergläubischen Andacht, welche ich
gar bald mit eben der verachtenden Gleichgültigkeit ansahe, womit ein
Knabe die Puppen und Spielwerke seiner Kindheit anzusehen pflegt. Noch
unfähig, von den Verdiensten und dem wahren Wert der vergötterten Helden
mir einen echten Begriff zu machen, stand ich oft vor ihren Bildern, und
fühlte, indem ich sie betrachtete, mein Herz mit geheimen Empfindungen
ihrer Größe und mit einer Bewundrung erfüllt, wovon ich keine andre
Ursache als mein innres Gefühl hätte angeben können. Einen noch stärkern
Eindruck machte auf mich die große Menge von Bildern der verschiednen
Gottheiten, unter welchen unsre Voreltern die erhaltenden Kräfte der Natur,
die manchfaltigen Vollkommenheiten des menschlichen Geistes und die
Tugenden des geselligen Lebens personifiziert haben, und wovon ich im
Tempel und in den Hainen von Delphi mich allenthalben umgeben fand. Meine
damalige Erfahrung, schöne Danae, hat mich seitdem oftmals auf die
Betrachtung geleitet, wie groß der Beitrag sei, welchen die schönen Künste
zu Bildung des sittlichen Menschen tun können; und wie weislich die
Priester der Griechen gehandelt, da sie die Musen und Grazien, deren
Lieblinge ihnen so große Dienste getan, selbst unter die Zahl der
Gottheiten aufgenommen haben. Der wahre Vorteil der Religion, in so fern
sie eine besondere Angelegenheit des priesterlichen Ordens ist, scheinet
von der Stärke der Eindrücke abzuhängen, die wir in denjenigen Jahren
empfangen, worin wir noch unfähig sind, Untersuchungen anzustellen.
Würden unsre Seelen in Absicht der Götter und ihres Dienstes von der
Kindheit an leere Tafeln gelassen, und anstatt der unsichern und
verworrenen aber desto lebhaftern Begriffe, welche wir durch Fabeln und
Wunder-Geschichte, und in etwas zunehmendem Alter durch die Musik und die
abbildenden Künste von den übernatürlichen Gegenständen bekommen, allein
mit den unverfälschten Eindrücken der Natur und den Grundsätzen der
Vernunft überschrieben; so ist sehr zu vermuten, daß der Aberglaube noch
größere Mühe haben würde, die Vernunft--als, in dem Falle, worin die
meisten sich befinden, die Vernunft Mühe hat, den Aberglauben von der
einmal eingenommenen Herrschaft zu verdrängen. Der größte Vorteil, den
dieser über jene hat, hanget davon ab, daß er ihr zuvorkommt. Aber wie
leicht wird es ihm alsdenn sich einer noch unmündigen Seele zu bemeistern,
wenn alle diese zauberische Künste, welche die Natur im Nachahmen selbst
zu übertreffen scheinen, ihre Kräfte vereinigen, die entzückten Sinnen zu
überraschen? Wie natürlich muß es demjenigen werden die Gottheit des
Apollo zu glauben, ja endlich sich zu bereden, daß er ihre Gegenwart und
Einflüsse fühle, der in einem Tempel aufgewachsen ist, dessen erster
Anblick das Werk und die Wohnung eines Gottes ankündet? Demjenigen, der
gewohnt ist den Apollo eines Phidias vor sich zu sehen, und das mehr als
menschliche, welches die Kenner so sehr bewundern, der Natur des
Gegenstands, nicht dem schöpferischen Geiste des Künstlers zuzuschreiben?
So viel ich die Natur unsrer Seele kenne, deucht mich, daß sich in einer
jeden, die zu einem gewissen Grade von Entwicklung gelangt, nach und nach
ein gewisses idealisches Schöne bilde, welches (auch ohne daß man sich's
bewußt ist) unsern Geschmack und unsre sittliche Urteile bestimmt, und das
Modell abgibt, wornach unsre Einbildungskraft die besondern Bilder dessen
was wir groß, schön und vortrefflich nennen, zu entwerfen scheint. Dieses
idealische Modell formiert sich (wie mich itzo wenigstens deucht, nachdem
neue Erfahrungen mich auf neue oder erweiterte Betrachtungen geleitet
haben) aus der Beschaffenheit und dem Zusammenhang der Gegenstände, worin
wir zu leben anfangen.
Daher (wie die Erfahrung zu bestätigen scheint) so viele besondere
Denk--und Sinnesarten als man verschiedene Erziehungen und Stände in der
menschlichen Gesellschaft antrifft. Daher der Spartanische Heldenmut, die
Attische Urbanität, und der aufgedunsene Stolz der Asiaten; daher die
Verachtung des Geometers für den Dichter, oder des spekulierenden
Kaufmanns gegen die Spekulationen des Gelehrten, die ihm unfruchtbar
scheinen, weil sie sich in keine Darici verwandeln wie die seinigen; daher
der grobe Materialismus des plumpen Handwerkers, der rauhe Ungestüm des
Seefahrers, die mechanische Unempfindlichkeit des Soldaten, und die
einfältige Schlauheit des Landvolks; daher endlich, schöne Danae, die
Schwärmerei, welche der weise Hippias deinem Callias vorwirft; diese
Schwärmerei, die ich vielleicht in einem minder erhabnen Licht sehe,
seitdem ich ihre wahre Quelle entdeckt zu haben glaube; aber die ich
nichts desto weniger für diejenige Gemütsbeschaffenheit halte, welche uns,
unter den nötigen Einschränkungen, glücklicher als irgend eine andre
machen kann.
Du begreifest leicht, schöne Danae, daß unter lauter Gegenständen, welche
über die gewöhnliche Natur erhaben, und selbst schon idealisch sind, jenes
phantastische Modell, dessen ich vorhin erwähnte, in einem so
ungewöhnlichen Grade abgezogen und überirdisch werden mußte, daß bei
zunehmendem Alter alles was ich würklich sah, weit unter demjenigen war,
was sich meine Einbildungskraft zu sehen wünschte. In dieser
Gemütsverfassung war ich, als einer von den Priestern zu Delphi aus
Absichten, welche sich erst in der Folg' entwickelten, es übernahm, mich
in den Geheimnissen der Orphischen Philosophie einzuweihen; der einzigen,
die von unsern Priestern hochgeachtet wurde, weil sie die Vernunft selbst
auf ihre Partei zu ziehen, und den Glauben von dessen unbeweglichem
Ansehen das ihrige abhing, einen festern Grund als die Tradition und die
Fabeln der Dichter, zu geben schien.
Nichts, was ich jemals empfunden habe, gleicht der Entzückung, in die ich
hingezogen wurde, als ich in den Händen dieses Egyptiers, der die geheime
Götterlehre seiner Nation zu uns gebracht hat, in das Reich der Geister
eingeführt, und zu einer Zeit, da die erhabensten Gemälde Homers und
Pindars ihren Reiz für mich verloren hatten, mitten in der materiellen
Welt mir eine Neue, mit lauter unsterblichen Schönheiten erfüllt, und von
lauter Göttern bewohnt, eröffnet wurde.