gefällige Sophist seine Sprache um, als Agathon hereintrat, und ihnen
einen Spaziergang in die Gärten vorschlug, worin er sich das Vergnügen
machen wollte, sie mit einer in geheim veranstalteten Ergötzung zu
überraschen. Man ließ sich den Vorschlag gefallen, und nachdem Hippias
eine Reihe von neuen Gemälden, womit die Galerie vermehrt worden war,
gesehen hatte, begab man sich in den Garten, in welchem, nach Persischem
Geschmack, große Blumenstücke, Spaziergänge von hohen Bäumen, kleine
Weiher, künstliche Wildnisse, Lauben und Grotten in anmutiger Unordnung
unter einander geworfen schienen. Das Gespräch ward itzt wieder
gleichgültig, und Hippias wußte es so zu lenken, daß Agathon unvermerkt
veranlaßt wurde, die neue Wendung, welche seine Einbildungskraft bekommen
hatte, auf hundertfältige Art zu verraten. Inzwischen neigte sich die
Sonne, als sie beim Eintritt in einen kleinen Wald von Myrten--und
Zitronenbäumen, an welchen die Kunst keine Hand angelegt zu haben schien,
von einem versteckten Konzert, welches alle Arten von Singvögel nachahmte,
empfangen wurden. Aus jedem Zweig, aus jedem Blatte schien eine besondere
Stimme hervorzugehen; so volltönig war diese Musik, in welcher die
Nachahmung der kunstlosen Natur in der scheinbaren Unregelmäßigkeit
phantasierender Töne, die lieblichste Harmonie hervorbrachte, die man
jemals gehört hatte. Die Dämmerung des heitersten Abends, und die eigne
Anmut des Orts vereinigten sich damit, um diesem Lusthain die Gestalt der
Bezauberung zu geben. Danae, welche seit wenigen Wochen eine ganz neue
Empfindlichkeit für das Schöne der Natur und die Vergnügungen der
Einbildungskraft bekommen hatte, sahe ihren sich ganz unwissend stellenden
Liebling mit Augen an, welche ihm sagten, daß nur die Gegenwart des
Hippias sie verhindere, ihre schönen Arme um seinen Hals zu werfen: als
unversehens eine Anzahl von kleinen Liebesgöttern und Faunen aus dem Hain
hervorhüpfte; jene von flatterndem Silberflor, der mit nachgeahmten Rosen
durchwürkt war, leicht bedeckt; diese nackend, außer daß ein Efeukranz,
mit gelben Rosen durchflochten, ihre milchweißen Hüften schützten, und um
die kleinen verguldeten Hörner sich schlangen, die aus ihren schwarzen
kurzlockichten Haaren hervorstachen. Alle diese kleine Genii streuten
aus zierlichen Körbchen von Silberdraht die schönsten Blumen vor Danae her,
und führten sie tanzend in die Mitte des Wäldchens, wo Gebüsche von
Jasminen, Rosen und Acacia eine Art von halbzirkelndem Amphitheater
machten, unter welchem ein zierlicher Thron von Laubwerk und Blumenkränzen
für die schöne Danae bereitet stand. Nachdem sie sich hier gesetzt hatte,
breiteten die Liebesgötter einen Persischen Teppich vor ihr aus, indem von
den kleinen Faunen einige beschäftigt waren, den Boden mit goldnen und
kristallenen Trinkschalen von allerlei niedlichen Formen zu besetzen,
andre unter der Last voller Schläuche mit possierlichen Gebärden
herbeigekrochen kamen, und im Vorbeigehen den weisen Hippias durch hundert
mutwillige Spiele neckten. Auf einmal schlupften die Grazien hinter einer
Myrtenhecke hervor, drei jugendliche Schwestern, deren halbaufgeblühte
Schönheit ein leichtes Gewölk von Gase mehr zu entwickeln als zu verhüllen
eifersüchtig schien. Sie umgaben ihre Gebieterin, und indem die erste
einen frischen Blumenkranz um ihre schöne Stirne wand, reichten ihr die
beiden andern kniend in goldnen Schalen die auserlesensten Früchte und
Erfrischungen dar; indes die Faunen den Hippias mit Efeu kränzten, und
wohlriechende Salben über seine Glatze und seinen halbgrauen Bart
heruntergossen. Beide bezeugten ihr Vergnügen über dieses kleine
Schauspiel, welches das lachendste Gemälde von der Welt machte; als eine
zärtliche Symphonie von Flöten aus der Luft, wie es schien, herabtönend,
die Augen zu einer neuen Erscheinung aufmerksam machte. Die Liebesgötter,
die Faunen und die Grazien waren indes verschwunden, und es öffnete sich
der Danae gegenüber die waldichte Szene, um den Liebesgott darzustellen,
auf einem goldnen Gewölke sitzend, welches über den Rosenbüschen von
Zephyren emporgehalten wurde. Ein schalkhaftes Lächeln, das sein
liebliches Gesicht umscherzte, schien die Herzen zu warnen, sich von der
tändelnden Unschuld dieses schönen Götterknabens nicht sorglos machen zu
lassen. Er sang mit lieblicher Stimme, und der Inhalt seines Gesangs
drückte seine Freude aus, daß er endlich eine bequeme Gelegenheit gefunden
habe, sich an der schönen Danae zu rächen. "Gleich der Liebesgöttin,
meiner Mutter" (sang er) "herrscht sie unumschränkt über die Herzen, und
haucht allgemeine Liebe umher: Von ihren Blicken beseelt, wendet ihr die
Natur, als ihrer Göttin, sich zu; verschönert, wenn sie lächelt, traurig
und welkend, wenn sie sich von ihr kehrt: Verlassen stehn die Altäre zu
Paphos, die Seufzer der Liebenden wallen nur ihr entgegen; und indem ihre
siegreichen Augen ringsum sie her jedes Herz verwunden und entzücken,
lacht sie, die Stolze, meiner Pfeile, und trotzt mit unbezwungner Brust
der Macht, vor welcher Götter zittern: Aber nicht länger soll sie trotzen;
hier ist der schärfste Pfeil, scharf genug einen Busen von Marmor zu
spalten, und die kälteste Seele in Liebesflammen hinwegzuschmelzen.
Zittre, ungewahrsame Schöne! dieser Augenblick soll Amorn und seine Mutter
rächen! Tiefseufzend sollst du auffahren, wie ein junges Reh auffährt,
das unter Rosen schlummernd den geflügelten Pfeil des Jägers fühlt;
schmerzenvoll und trostlos sollst du in einsamen Hainen irren, und auf
öden Felsen sitzend den schleichenden Bach mit deinen Tränen mehren."
So sang er und spannte boshaft-lächelnd den Bogen; schon war der Pfeil
angelegt, schon zielte er nach ihrem leichtbedeckten Busen: als er
plötzlich mit einem lauten Schrei zurückfuhr, seinen Pfeil zerbrach, den
Bogen von sich warf, und mit zärtlich schüchterner Gebärde auf die schöne
Danae zuflatterte. "O Göttin, vergib", (sang er, indem er bittend ihre
Knie umfaßte) "vergib, vergib, schöne Mutter, dem Irrtum meiner Augen!
wie leicht war es zu irren? Ich sahe dich für Danae an."
In dem nämlichen Augenblick, da er dieses gesungen hatte, erschienen die
Grazien, die Liebesgötter und die kleinen Faunen wieder, und endigten
diese Szene mit Tänzen und Gesängen, zum Preis derjenigen, welche auf eine
so schmeichelhafte Art zur Göttin der Schönheit und der Liebe erklärt
worden war. Dieses überraschende Kompliment, welches damals noch den Reiz
der Neuheit hatte, weil es noch nicht an die Daphnen und Chloen so vieler
neuern Poeten verschwendet worden war, schien ihr Vergnügen zu machen; und
der doppelt belustigte Hippias gestand, daß sein junger Freund einen sehr
guten Gebrauch von seiner Einbildungskraft zu machen gelernt habe.
"Dachte ich nicht, Callias", sagte er leise zu ihm, indem er ihn auf die
Schultern klopfte, "daß ein Monat unter den Augen der schönen Danae dich
von den Vorurteilen heilen würde, womit du gegen Grundsätze eingenommen
warest, die du bereits so meisterhaft auszuüben gelernt hast."
Der übrige Teil des Abends wurde auf eine eben so angenehme Weise
zugebracht, bis endlich Hippias, welcher den folgenden Morgen wieder in
Smirna sein mußte, in einem Zustande, worin er mehr dem Vater Silen als
einem Weisen glich, von den kleinen Faunen zu Bette gebracht wurde.
Agathon hatte nun nichts dringenders als von Danae zu erfahren, was der
Gegenstand ihrer einzelnen Unterredung mit dem Hippias gewesen sei. Man
wird es dieser Dame zu gut halten können, daß sie die Aufrichtigkeit ihres
Berichts nicht so weit trieb, ihm das Complot einzugestehen, worein sie
sich von dem Sophisten anfangs hatte ziehen lassen; und dessen Ausgang so
weit von der Anlage des ersten Plans entfernt gewesen war. Die
zärtlichste und vertrauteste Liebe verhindert nicht, daß man sich nicht
kleine Geheimnisse vorbehalten sollte, bei deren Entdeckung die Eigenliebe
ihre Rechnung nicht finden würde. Sie begnügte sich also ihm zu sagen,
daß Hippias viel Gutes von ihm gesprochen, und sie versichert habe, daß er
ihn weit aufgeweckter und artiger finde als er vorher gewesen; es hätte
sie bedünkt, daß er mehr damit sagen wollen, als seine Worte an sich
selbst gesagt hätten; sie hätte aber eben so wenig daran gedacht ihn zum
Vertrauten ihrer Liebe zu machen, als sie Ursache hätte, eine Achtung zu
verbergen, welche man den persönlichen Verdiensten des Callias nicht
versagen könne; im übrigen hätte sie seine Munterkeit auf die Rechnung der
Zeit, welche das Andenken seiner Unglücksfälle schwäche, und der
vollkommnern Freiheit geschrieben, die er in ihrem Hause hätte. Agathon
ließ sich durch diese Erzählung nicht nur beruhigen; sondern, wie seine
Einbildungskraft gewohnt war, ihn immer weiter zu führen, als er im Sinne
hatte zu gehen, so fühlte er sich, nachdem sie eine Zeitlang von dieser
Materie gesprochen hatten, so mutig, daß er sich vornahm den Scherzen des
Hippias, wofern es demselben je einfallen sollte über seine Freundschaft
mit Danae zu scherzen, in gleichem Ton zu antworten; eine Entschließung,
welche (ob er es gleich nicht gewahr wurde) in der Tat mehr
Unverschämtheit voraussetzte, als selbst ein langwieriger Fortgang auf den
Abwegen, auf die er verirrt war, einem Agathon jemals geben konnte.
DRITTES KAPITEL
Konvulsivische Bewegungen der wiederauflebenden Tugend
Wenige Tage waren seit dem Besuch des Hippias verflossen; als ein Fest,
welches er alle Jahre seinen Freunden zu geben pflegte, Gelegenheit machte,
der schönen Danae und ihrem Freunde eine Einladung zuzusenden. Weil sie
keinen guten Vorwand zu geben hatten, ihr Ausbleiben zu entschuldigen, so
erschienen sie auf den bestimmten Tag, und Agathon brachte eine
Lebhaftigkeit mit, welche ihm selbst Hoffnung machte, daß er sich so gut
halten würde, als es die Anfälle, die er von der Schalkhaftigkeit des
Sophisten erwartete, nur immer erfordern könnten. Hippias hatte nichts
vergessen, was die Pracht seines Fests vermehren konnte; und nach
demjenigen, was im zweiten Buch von den Grundsätzen, der Lebensart und den
Reichtümern dieses Mannes gemeldet worden, können unsre Leser sich so viel
davon einbilden als sie wollen, ohne zu besorgen, daß wir sie durch
überflüssige Beschreibungen von den wichtigern Gegenständen, die wir vor
uns haben, aufhalten würden.
Agathon hatte über der Tafel die Rolle eines witzigen Kopfs so gut
gespielt; er hatte so fein und so lebhaft gescherzt, und bei Gelegenheiten
die Ideen, wovon seine Seele damals beherrscht wurde, so deutlich verraten;
daß Hippias sich nicht enthalten konnte, ihm in einem Augenblick, wo sie
allein waren, seine ganze Freude darüber auszudrücken. "Ich bin erfreut,
Callias" (sagte er zu ihm) "daß du, wie ich sehe, einer von den Unsrigen
worden bist. Du rechtfertigest die gute Meinung vollkommen, die ich beim
ersten Anblick von dir faßte; ich sagte immer, daß einer so feurigen Seele
wie die deinige, nur wirkliche Gegenstände mangelten, um ohne Mühe von den
Schimären zurückzukommen, woran du vor einigen Wochen noch so stark zu
hängen schienest." Zum Glück für den guten Agathon rettete ihn die
Darzwischenkunft einiger Personen von der Gesellschaft, mitten in der
Antwort, die er zu stottern angefangen hatte; aber aus der Unruhe, welche
diese wenige Worte des Sophisten in sein Gemüt geworfen hatten, konnte ihn
nichts retten.
Alle Mühe, die er anstrengte, alle Zeitkürzungen, wovon er sich umgeben
sah, waren zu schwach ihn wieder aus einer Verwirrung herauszuziehen,
welche sogar durch den Anblick der schönen Danae vermehrt wurde. Er mußte
einen Anstoß von übelkeit vorschützen, um sich eine Zeitlang aus der
Gesellschaft wegzubegeben, um in einem entlegnen Cabinet den Gedanken
nachzuhängen, deren auf einmal daherstürmende Menge ihm eine Weile alles
Vermögen benahm, einen von dem andern zu unterscheiden. Endlich faßte er
sich doch so weit, daß er seinem beklemmten Herzen durch dieses oft
abgebrochene Selbstgespräch Luft machen konnte: "Wie?--'Ich bin erfreut,
daß du einer von den Unsrigen geworden?'--Ists möglich? Einer von den
Seinigen?--Dem Hippias ähnlich?--Ihm, dessen Grundsätze, dessen Leben,
dessen vermeinte Weisheit mir vor kurzem noch so viel Abscheu
einflößten?--Und die Verwandlung ist so groß, daß sie ihm keinen Zweifel
übrig läßt? Gütige Götter! Wo ist euer Agathon?--Ach! es ist mehr als zu
gewiß, daß ich nicht mehr ich selbst bin!--Wie? sind mir nicht alle
Gegenstände dieses Hauses, von denen meine Seele sich ehmals mit Ekel und
Grauen wegwandte, gleichgültig oder gar angenehm worden? Diese üppigen
Gemälde--diese schlüpfrigen Nymphen--diese Gespräche, worin alles, was dem
Menschen groß und ehrwürdig sein soll, in ein komisches Licht gestellt
wird--diese Verschwendung der Zeit--diese mühsam ausgesonnenen und über
die Forderung der Natur getriebenen Ergötzungen--Himmel! wo bin ich? An
was für einem jähen Abhang find ich mich selbst--welch einen Abgrund unter
mir--O Danae, Danae!--"hier hielt er inn, um den trostvollen Einflüssen
Raum zu lassen, welche dieser Name und die zauberischen Bilder, so er mit
sich brachte, über seine sich selbst quälende Seele ausbreiteten. Mit
einem schleunigen übergang von Schwermut zu Entzückung, durchflog sie itzt
alle diese Szenen von Liebe und Glückseligkeit, welche ihr die
letztverfloßnen Tage zu Augenblicken gemacht hatten; und von diesen
Erinnerungen mit einer innigen Wollust durchströmt, konnte sie oder wollte
sie vielmehr den Gedanken nicht ertragen, daß sie in einem so
beneidenswürdigen Zustand unter sich selbst heruntergesunken sein könne.
"Göttliche Danae", rief der arme Kranke in einem verdoppelten Anstoß des
wiederkehrenden Taumels aus; "wie? Kann es ein Verbrechen sein, das
Vollkommenste unter allen Geschöpfen zu lieben? Ist es ein Verbrechen
glücklich zu sein?"--In diesem Ton fuhr Amor, (welchen Plato sehr richtig
den größten unter allen Sophisten nennt) desto ungehinderter fort ihm
zuzureden, da ihm die Eigenliebe zu Hilfe kam, und seine Sache zu der
ihrigen machte. Denn was ist unangenehmers, als sich selbst zugleich
anklagen und verurteilen müssen? Und wie gerne hören wir die Stimme der
sich selbst verteidigenden Leidenschaft? Wie gründlich finden wir jedes
Blendwerk, womit sie die richterliche Vernunft zu einem falschen Ausspruch
zu verleiten sucht? Agathon hörte diese betriegliche Apologistin so gerne,
daß es ihr gelang, sein Gemüte wieder zu besänftigen. Er schmeichelte
sich, daß ungeachtet einer Veränderung seiner Denkungsart, die er sich
selbst für eine Verbesserung zu geben suchte, der Unterscheid zwischen ihm
und Hippias noch so groß, so wesentlich sei als jemals. Er verbarg seine
schwache Seite hinter die Tugenden, deren er sich bewußt zu sein glaubte;
und beruhigte sich endlich völlig mit einem idealischen Entwurf eines
seinen eignen Grundsätzen gemäßen Lebens, zu welchem er seine geliebte
Danae schon genug vorbereitet glaubte, um ihr selbigen ohne längern
Aufschub vorzulegen. Er kehrte nunmehr, nachdem er ungefähr eine Stunde
allein gewesen war, mit einem so aufgeheiterten Gesicht zur Gesellschaft,
welche sich in einem Saale des Gartens versammelt hatte, zurück, daß Danae
und Hippias selbst sich bereden ließen, seinen vorigen Anstoß einer
vorübergehenden übelkeit zuzuschreiben. Ergötzlichkeiten folgten itzt
auf Ergötzlichkeiten so dicht aneinander, und so mannigfaltig, daß die
überladene Seele keine Zeit behielt sich Rechenschaft von ihren
Empfindungen zu geben; und nach Gewohnheit des Landes wurde die ganze
Nacht bis zum Anbruch der Morgenröte in brausenden Vergnügungen
hingebracht. Die Gegenwart der liebenswürdigen Danae würkte mit ihrer
ganzen magischen Kraft auf unsern Helden, ohne verhindern zu können, daß
er von Zeit zu Zeit in eine Zerstreuung fiel, aus welcher sie ihn, sobald
sie es gewahr wurde, zu ziehen bemüht war. Die Gegenstände, welche seinen
sittlichen Geschmack ehmals beleidigst hatten, waren hier zu häufig, als
daß nicht mitten unter den flüchtigen Vergnügungen, womit sie gleichsam
über die Oberfläche seiner Seele hinglitscheten, ein geheimes Gefühl
seiner Erniedrigung seine Wangen mit Schamröte vor sich selbst, dem
Vorboten der wiederkehrenden Tugend, hätte überziehen sollen.
Dieses begegnete insonderheit bei einem pantomimischen Tanze, womit
Hippias seine größtenteils vom Bacchus glühenden Gäste noch eine geraume
Zeit nach Mitternacht vom Einschlummern abzuhalten suchte. Die Tänzerin,
ein schönes Mädchen, welches ungeachtet seiner Jugend, schon lange in den
Geheimnissen von Cythere eingeweiht war, tanzte die Fabel der Leda.
Dieses berüchtigte Meisterstück der eben so vollkommnen als üppigen
Tanzkunst der Alten, von dessen Würkungen Juvenal in einer von seinen
Satyren ein so zügelloses Gemälde macht. Hippias und die meisten seiner
Gäste bezeugten ein unmäßiges Vergnügen über die Art, wie seine Tänzerin
diese schlüpfrige Geschichte nach der wollüstigen Modulation zwoer Flöten,
allein durch die stumme Sprache der Bewegung, von Szene zu Szene bis zur
Entwicklung fortzuwinden wußte.--Zeuxes, und Homer selbst, riefen sie,
konnte nicht besser, nicht deutlicher mit Farben oder Worten, als die
Tänzerin durch ihre Bewegungen malen. Die Damen glaubten genug getan zu
haben, daß sie auf dieses Schauspiel nicht Acht zu geben schienen; aber
Agathon konnte den widrigen Eindruck, den es auf ihn machte, und den
innerlichen Grauen, womit sein Gemüt dabei erfüllt wurde, kaum in sich
selbst verschließen. Er wollte würklich etwas sagen, welches allerdings
in der Gesellschaft, worin er war, übel angebracht gewesen wäre; als ein
beschämter Blick auf sich selbst, und vielleicht die Furcht belacht zu
werden, und den ausgelassenen Hippias zu einer allzuscharfen Rache zu
reizen, seine Rede auf seinen Lippen erstickte; und weil doch die ersten
Worte nun einmal gesagt waren, den vorgehabten Tadel in einen gezwungenen
Beifall verwandelten. Er hatte nun keine Ruhe, bis er die schöne Danae
bewogen hatte, sich mit einer von ihren Freundinnen aus einer Gesellschaft
wegzuschleichen, aus welcher die Grazien schamrot wegzufliehen anfingen;
und sein Unwille ergoß sich während daß sie nach Hause fuhren, in eine
scharfe Verurteilung des verdorbenen Geschmacks des Sophisten, welche so
lange dauerte, bis sie bei Anbruche des Tages wieder auf dem Landhause der
Danae anlangten, um die von Ergötzungen abgemattete Natur zu derjenigen
Zeit, welche zu den Geschäften des Lebens bestimmt ist, durch Ruhe und
Schlummer wiederherzustellen.
VIERTES KAPITEL
Daß Träume nicht allemal Schäume sind
Die Stoiker, dieser strenge moralische Orden, dessen Abgang der
vortreffliche Präsident von Montesquieu als einen Verlust für das
menschliche Geschlecht ansieht, hatten unter andern Sonderlichkeiten, eine
große Meinung von der Natur und Bestimmung der Träume. Sie trieben es so
weit, daß sie sich die Mühe gaben, eben so große Bücher über diese Materie
zu schreiben, als diejenigen, womit die gelehrte Welt noch in unsern Tagen,
von einigen weisen Mönchen über die erhabne Kunst, die Gespenster zu
prüfen und zu bannen, beschenkt worden ist. Sie teilten die Träume in
mancherlei Gattungen und Arten ein, wiesen ihnen ihre geheime Bedeutungen
an, gaben den Schlüssel dazu, und trugen kein Bedenken, einige Arten
derselben ganz zuversichtlich dem Einfluß derjenigen Geister zuzuschreiben,
womit sie alle Teile der Natur reichlich bevölkert hatten. In der Tat
scheinen sie sich in diesem Stück lediglich nach einem allgemeinen Glauben,
der sich von je her unter allen Völkern und Zeiten erhalten hat,
gerichtet, und dasjenige in die Form einer schlußförmigen Theorie gebracht
zu haben, was bei ihren Großmüttern ein sehr unsichers Gemische von
Tradition, Einbildung und Blödigkeit des Geistes gewesen sein möchte. Dem
sei nun wie ihm wolle, so ist gewiß, daß wir zuweilen Träume haben, in
denen so viel Zusammenhang, so viel Beziehung auf unsre vergangne und
gegenwärtige Umstände, wiewohl allezeit mit einem kleinen Zusatz von
Wunderbarem und Unbegreiflichem, anzutreffen ist; daß wir uns um jener
Merkmale der Wahrheit willen geneigt finden, in diesem letztern etwas
geheimnisvolles und vorbedeutendes zu suchen. Träume von dieser Art den
Geistern außer uns, oder, wie die Pythagoräer taten, einer gewissen
prophetischen Kraft und Divination unsrer Seele beizumessen, welche unter
dem tiefen Schlummer der Sinne bessere Freiheit habe, sich zu entwickeln:
So sinnreiche Auflösungen überlassen wir denjenigen, welche zum Besitz
jener von Lucrez so enthusiastisch gepriesenen Glückseligkeit, die
Ursachen der Dinge einzusehen, in einem vollern Maße gelangt sind als wir.
Indessen haben wir uns doch zum Gesetz gemacht, den guten Rat unsrer Amme
nicht zu verachten, welche uns, da wir noch das Glück ihrer
einsichtsvollen Erziehung genossen, unter Anführung einer langen Reihe von
Familienbeispielen, ernstlich zu vermahnen pflegte, die Warnungen und
Fingerzeige der Träume ja nicht für gleichgültig anzusehen.
Agathon hatte diesen Morgen, nachdem er in einer Verwirrung von uneinigen
Gedanken und Gemütsbewegungen endlich eingeschlummert war, einen Traum,
den wir mit einigem Recht zu den kleinen Ursachen zählen können, durch
welche große Begebenheiten hervorgebracht worden sind. Wir wollen ihn
erzählen, wie wir ihn in unsrer Urkunde finden, und dem Leser überlassen,
was er davon urteilen will. Ihn deuchte also, daß er in einer
Gesellschaft von Nymphen und Liebesgöttern auf einer anmutigen Ebne sich
erlustige. Danae war unter ihnen. Mit zauberischem Lächeln reichte sie
ihm, wie Ariadne ihrem Bacchus, eine Schale voll Nektars, welchen er an
ihren Blicken hangend mit wollüstigen Zügen hinunterschlürfte. Auf einmal
fing alles um ihn her zu tanzen an; er tanzte mit; ein Nebel von süßen
Düften schien rings um ihn her die wahre Gestalt der Dinge zu verbergen,
und tausend liebliche Gestalten gaukelten vor seiner Stirne, welche wie
Seifenblasen eben so schnell zerflossen als entstunden. In diesem Taumel
tanzte und hüpfte er eine Zeit lang fort, bis auf einmal der Nebel und
seine ganze fröhliche Gesellschaft verschwand: Ihm war als ob er aus einem
tiefen Schlaf erwachte; und da er die Augen aufschlug, sah er sich an der
Spitze eines jähen Felsens, unter welchem ein reißender Strom seine
sprudelnden Wellen fortwälzte. Gegen ihm über, auf dem andern Ufer des
Flusses, stand Psyche; ein schneeweißes Gewand floß zu ihren Füßen herab;
ganz einsam und traurig stand sie, und heftete Blicke auf ihn, die ihm das
Herz durchbohrten. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, stürzte er
sich in den Fluß hinab, arbeitete sich ans andre Ufer hinüber, und eilte,
sich seiner Psyche zu Füßen zu werfen. Aber sie entschlüpfte wie ein
Schatten vor ihm her, ohne daß sie aufhörte, sichtbar zu sein; ihr Gesicht
war traurig, und ihre rechte Hand wies in die Ferne, wo er die goldnen
Türme und die heiligen Haine des delphischen Tempels ganz deutlich zu
unterscheiden glaubte. Tränen liefen bei diesem Anblick über seine Wangen
herab; er streckte seine Arme, flehend, und von unaussprechlichen
Empfindungen beklemmt, nach der geliebten Psyche aus; aber sie floh
eilends von ihm weg, einer Bildsäule der Tugend zu, welche unter den
Trümmern eines verfallnen Tempels, einsam und unversehrt, in
majestätischer Ruhe auf einem unbeweglichen Cubus stand. Psyche umarmte
diese Bildsäule, warf noch einen tiefsinnigen Blick auf ihn und verschwand.
Verzweifelnd wollte er ihr nacheilen, als er sich plötzlich in einem
tiefen Schlamme versenket sah; und die Bestrebung, die er anwendete, sich
herauszuarbeiten, war so heftig, daß er daran erwachte.
Ein Strom von Tränen, in welchen sein berstendes Herz ausbrach, war die
erste Würkung des tiefen Eindruckes, den dieser sonderbare Traum in seiner
erwachten aber noch ganz von ihren Gesichten umgebnen Seele zurückließ.
Er weinte so lange und so heftig, daß sein Hauptküssen ganz davon
durchnetzt wurde. "Ach Psyche! Psyche!" rief er von Zeit zu Zeit aus,
indem er seine gerungenen Arme wie nach ihrem Bilde ausstreckte; und dann
brach eine neue Flut aus seinen schwellenden Augen. "Wo bin ich", rief er
wiederum aus, und sah sich um, als ob er bestürzt wäre, sich in einem mit
Persischen Tapeten behangnen, und von tausend Kostbarkeiten schimmernden
Zimmer auf dem weichsten Ruhebette liegend zu finden--"O Psyche--was ist
aus deinem Agathon worden?--O unglücklicher Tag, an dem mich die verhaßten
Räuber deinem Arm entrissen!"--Unter solchen Vorstellungen und Ausrufungen
stund er auf; ging in heftiger Bewegung auf und nieder, warf sich abermal
auf das Ruhbette, und blieb eine lange Zeit stumm, und mit zu Boden
starrenden Blicken unbeweglich, wie in Gedanken verloren, sitzen. Endlich
raffte er sich wieder auf, kleidete sich an, und stieg in die Gärten herab,
um in dem einsamsten Teil des Hains die Ruhe zu suchen, welche er nötig
hatte, über seinen Traum, seinen gegenwärtigen Zustand und die
Entschließungen, die er zu fassen habe, nachdenken zu können. Unter allen
Bildern, welche der Traum in seinem Gemüte zurückgelassen hatte, rührte
ihn keines lebhafter als die Vorstellung der Psyche, wie sie mit ernstem
Gesicht auf den Tempel und die Haine von Delphi wies--die geheiligten
örter, wo sie einander zuerst gesehen, wo sie so oft sich eine ewige Liebe
geschworen, wo sie so rein, so tugendhaft sich geliebt hatten, wie sich im
hohen Olymp die Unverkörperten lieben.