Die meisten von derjenigen Klasse der Naturkündiger, welche mit dem Herrn

von Büffon davorhalten, daß das Physikalische der Liebe das beste davon

sei, werden ohne Bedenken eingestehen, daß der Besitz, oder (um unsern

Ausdruck genauer nach ihren Ideen zu bestimmen) der Genuß einer so schönen

Frau als Danae war, an sich selbst betrachtet die vollkommenste Art von

Vergnügungen in sich schließe, deren unsre Sinnen fähig sind; eine

Wahrheit, welche, ungeachtet einer Art von stillschweigender übereinkunft,

daß man sie nicht laut gestehen wolle, von allen Völkern und zu allen

Zeiten so allgemein anerkannt worden ist, daß Carneades, Sextus, Cornelius

Agrippa, und Bayle selbst sich nicht getrauet haben, sie in Zweifel zu

ziehen. Ob wir nun gleich nicht Mut genug besitzen, gegen einen so

ehrwürdigen Beweis als das einhellige Gefühl des ganzen menschlichen

Geschlechts abgibt, öffentlich zu behaupten, daß diejenigen Vergnügungen

der Liebe, welche der Seele eigen sind, den Vorzug vor jenen haben: So

werden doch nicht wenige mit uns einstimmig sein, daß ein Liebhaber, der

selbst eine Seele hat, im Besitz der schönsten Statue von Fleisch und Blut,

die man nur immer finden kann, selbst jene von den neuern Epicuräern so

hoch gepriesene Wollust nur in einem sehr unvollkommnen Grade erfahren

würde; und daß diese allein von der Empfindung des Herzens jenen

wunderbaren Reiz erhalte, welcher immer für unaussprechlich gehalten

worden ist, bis Rousseau, der Stoiker, sich herabgelassen, sie in dem fünf

und vierzigsten der Briefe der neuen Heloise, in einer Vollkommenheit zu

schildern, welche sehr deutlich beweist, was für eine begeisternde Kraft

die bloße halberloschene Erinnerung an die Erfahrungen seiner glücklichen

Jugend über die Seele des Helvetischen Epictets ausgeübt haben müsse.

Ohne Zweifel sind es Liebhaber von dieser Art, Saint Preux und Agathons,

welchen es zukömmt, über die berührte Streitfrage einen entscheidenden

Ausspruch zu tun; sie, welche durch die Feinheit und Lebhaftigkeit ihres

Gefühls eben so geschickt gemacht werden, von den physikalischen, als

durch die Zärtlichkeit ihres Herzens, oder durch ihren innerlichen Sinn

für das sittliche Schöne, von den moralischen Vergnügungen der Liebe zu

urteilen. Und wie wahr, wie natürlich werden nicht diese jene Stelle

finden, die den Verehrern der animalischen Liebe unverständlicher ist als

eine Hetruscische Aufschrift den Gelehrten,--"O, entziehe mir immer diese

berauschenden Entzückungen, für die ich tausend Leben gäbe!--Gib mir nur

das alles wieder was nicht sie, aber tausendmal süßer ist als sie"-Die

schöne Danae war so sinnreich, so unerschöpflich in der Kunst (wenn man

anders dasjenige so nennen kann, was Natur und Liebe allein, und keine

ohne die andre geben kann) ihre Gunstbezeugungen zu vervielfältigen, den

innerlichen Wert derselben durch die Annehmlichkeiten der Verzierung zu

erhöhen, ihnen immer die frische Blüte der Neuheit zu erhalten, und alles

Eintönige, alles was die Bezauberung hätte auflösen, und dem überdruß den

Zugang öffnen können, klüglich zu entfernen; daß sie oder eine andre ihres

gleichen den Herrn von Büffon selbst dahin gebracht hätte, seine Gedanken

von der Liebe zu ändern, welches vielleicht alle Marquisinnen von Paris

zusammengenommen nicht von ihm erhalten würden. Diese glückseligen

Liebenden, brauchten, um ihrer Empfindung nach, den Göttern an Wonne

gleich zu sein, nichts als ihre Liebe: Sie verschmähten itzt alle diese

Lustbarkeiten, an denen sie vorher so viel Geschmack gefunden hatten; ihre

Liebe machte alle ihre Beschäftigungen und alle ihre Ergötzungen aus: Sie

empfanden nichts anders, sie dachten an nichts anders, sie unterhielten

sich mit nichts anderm; und doch schienen sie sich immer zum erstenmal zu

sehen, zum erstenmal zu umarmen, zum erstenmal einander zu sagen, daß sie

sich liebten; und wenn sie von einer Morgenröte zur andern nichts anders

getan hatten, so beklagten sie sich doch über die Kargheit der Zeit,

welche zu einem Leben, das sie zum Besten ihrer Liebe unsterblich

gewünscht hätten, ihnen Augenblicke für Tage anrechne. "Welch ein Zustand,

wenn er dauern könnte!"--ruft hier der griechische Autor aus.

EILFTES KAPITEL

Eine bemerkenswürdige Würkung der Liebe, oder von der Seelenmischung

Ein alter Schriftsteller, den gewiß niemand beschuldigen wird, daß er die

Liebe zu metaphysisch behandelt habe, und den wir nur zu nennen brauchen,

um allen Verdacht dessen, was materielle Seelen für Platonische Grillen

erklären, von ihm zu entfernen; mit einem Worte, Petronius, bedient sich

irgendwo eines Ausdrucks, welcher ganz deutlich zu erkennen gibt, daß er

eine verliebte Vermischung der Seelen nicht nur für möglich, sondern für

einen solchen Umstand gehalten habe, der die Geheimnisse der Liebesgöttin

natürlicher Weise zu begleiten pflege. Jam alligata mutuo ambitu corpora

animarum quoque mixturam fecerant, sagt dieser Oberaufseher der

Ergötzlichkeiten des Kaisers Nero; um vermutlich eben dasselbe zu

bezeichnen, was er an einem andern Ort ungleich schöner also ausdrückt:

Et transfudimus hinc & hinc labellis Errantes animas- Ob er selbst die

ganze Stärke dieses Ausdrucks eingesehen, oder ihm so viel Bedeutung

beigelegt habe, als wir; ist eine Frage, die uns (nach Gewohnheit der

meisten Ausleger) sehr wenig bekümmert. Genug, daß wir diese Stellen

einer Hypothese günstig finden, ohne welche sich, unsrer Meinung nach,

verschiedene Phänomena der Liebe nicht wohl erklären lassen, und vermöge

welcher wir annehmen, daß bei wahren Liebenden, in gewissen Umständen,

nicht (wie einer unsrer tugendhaftesten Dichter meint) ein Tausch, sondern

eine wirkliche Mischung der Seelen vorgehe. Wie dieses möglich sei zu

untersuchen, überlassen wir billig den weisen und tiefsinnigen Leuten,

welche sich, in stolzer Muße und seliger Abgeschiedenheit von dem Getümmel

dieser sublunarischen Welt, mit der nützlichen Spekulation beschäftigen,

die Art und Weise ausfindig zu machen, wie dasjenige was würklich ist,

ohne Nachteil ihrer Meinungen und Lehrgebäude, möglich sein könne. Für

uns ist genug, daß eine durch unzähliche Beispiele bestätigte Erfahrung

außer allen Zweifel setzt, daß diejenige Gattung von Liebe, welche

Shaftesbury mit bestem Recht zu einer Art des Enthusiasmus macht, und

gegen welche Lucrez aus eben diesem Grunde sich mit so vielem Eifer

erklärt, solche Würkungen hervorbringe, welche nicht besser als durch

jenen Petronischen Ausdruck abgemalt werden können.

Agathon und Danae, die uns zu dieser Anmerkung Anlaß gegeben haben, hatten

kaum vierzehn Tage, welche freilich nach dem Kalender der Liebe nur

vierzehn Augenblicke waren, in diesem glückseligen Zustande, worin wir sie

im vorigen Kapitel verlassen haben, zugebracht: als diese Seelenmischung

sich in einem solchen Grade bei ihnen äußerte, daß sie nur von einer

einzigen gemeinschaftlichen Seele belebt und begeistert zu werden schienen.

Würklich war die Veränderung und der Absatz ihrer gegenwärtigen Art zu

sein, mit ihrer vorigen so groß, daß weder Alcibiades seine Danae, noch

die Priesterin zu Delphi den spröden und unkörperlichen Agathon wieder

erkannt haben würden. Daß dieser aus einem spekulativen Platoniker ein

praktischer Aristipp geworden; daß er eine Philosophie, welche die reinste

Glückseligkeit in Beschauung unsichtbarer Schönheiten setzt, gegen eine

Philosophie, welche sie in angenehmen Empfindungen, und die angenehmen

Empfindungen in ihren nächsten Quellen, in der Natur, in unsern Sinnen und

in unsern Herzen sucht, vertauschte; daß er von den Göttern und

Halbgöttern, mit denen er vorher umgegangen war, nur die Grazien und

Liebesgötter beibehielt; daß dieser Agathon, der ehmals von seinen Minuten,

von seinen Augenblicken der Weisheit Rechenschaft geben konnte, itzt

fähig war (wir schämen uns es zu sagen) ganze Stunden, ganze Tage in

zärtlicher Trunkenheit wegzutändeln--Alles dieses, so stark der Abfall

auch ist, wird dennoch den meisten begreiflich scheinen. Aber daß Danae,

welche die Schönsten und Edelsten von Asien, welche Fürsten und Satrapen

zu ihren Füßen gesehen hatte, welche gewohnt war, in den schimmerndsten

Versammlungen am meisten zu glänzen, einen Hof von allem, was durch

Vorzüge der Geburt, des Geistes, des Reichtums und der Talente würdig war,

nach ihrem Beifall zu streben, um sich her zu sehen: Daß diese Danae itzt

verächtliche Blicke in die große Welt zurückwarf, und nichts angenehmers

fand als die ländliche Einfalt, nichts schöners als in Hainen herumzuirren,

Blumenkränze für ihren Schäfer zu winden, an einer murmelnden Quelle in

seinem Arm einzuschlummern, von der Welt vergessen zu sein, und die Welt

zu vergessen--daß sie, für welche die Liebe der Empfindung sonst ein

unerschöpflicher Gegenstand von witzigen Spöttereien gewesen war, itzt von

den zärtlichen Klagen der Nachtigall in stillheitern Nächten bis zu Tränen

gerührt werden--oder wenn sie ihren Geliebten unter einer schattichten

Laube schlafend fand, ganze Stunden, unbeweglich, in zärtliches Staunen

und in den Genuß ihrer Empfindungen versenkt, neben ihm sitzen konnte,

ohne daran zu denken, ihn durch einen eigennützigen Kuß aufzuwecken,--daß

diese Schülerin des Hippias, welche gewohnt gewesen war, nichts

lächerlichers zu finden, als die Hoffnung der Unsterblichkeit, und diese

süßen Träume von bessern Welten, in welche sich empfindliche Seelen so

gerne zu wiegen pflegen--daß sie itzt, beim dämmernden Schein des Monds,

an Agathons Seite auf Blumen hingegossen, schon entkörpert zu sein, schon

in den seligen Tälern des Elysiums zu schweben glaubte--mitten aus den

berauschenden Freuden der Liebe sich zu Gedanken von Gräbern und Urnen

verlieren, dann ihren Geliebten zärtlicher an ihre Brust drückend den

gestirnten Himmel anschauen, und ganze Stunden von der Wonne der

Unsterblichen, von unvergänglichen Schönheiten und himmlischen Welten

phantasieren konnte, und, von den Wünschen ihrer grenzenlosen Liebe

getäuscht, in der Hoffnung einer immerwährenden Dauer itzt so wenig

Ausschweifendes fand, daß ihr kein Gedanke natürlicher, keine Hoffnung

gewisser schien; dieses waren in der Tat Wunderwerke der Liebe, und

Wunderwerke, welche nur die Liebe eines Agathons, nur jene Vermischung der

Seelen, durch welche ihrer beider Denkungsart, Ideen, Geschmack und

Neigungen in einander zerflossen, zuwege bringen konnte. Welches von

beiden bei dieser Vermischung gewonnen oder verloren habe, wollen wir

unsern Lesern zu entscheiden überlassen, von denen der zärtlichere Teil

vielleicht der schönen Danae den Vorteil zuerkennen wird: Aber dieses,

deucht uns, wird niemand so roh oder so stoisch sein zu leugnen, daß sie

glücklich waren--felices errore suo--glücklich in dieser süßen Betörung,

welcher, um dasjenige zu sein, was die Weisen schon so lange gesucht und

nie gefunden haben, nichts abgeht, als daß sie (wie der griechische Autor

hier abermal mit Bedauern ausruft) nicht immer währen kann.

SECHSTES BUCH

ERSTES KAPITEL

Ein Besuch des Hippias

Zufällige Ursachen hatten es so gefüget, daß Hippias sich auf einiche

Wochen von Smirna hatte entfernen müssen, und daß die Zeit seiner

Abwesenheit gerade in diejenige Zeit fiel, worin die Liebe unsers Helden

und der schönen Danae den äußersten Punkt ihrer Höhe erreichte. Dieser

Umstand hatte sie gänzlich Meister von einer Zeit gelassen, welche sie zum

Vorteil der Liebe und des Vergnügens so wohl anzuwenden wußten. Keiner

von Danaes ehemaligen Verehrern hatte sich erkühnt, ihre Einsamkeit zu

stören; und die Freundinnen, mit denen sie ehmals in Gesellschaft

gestanden war, hatten zu gutem Glück alle mit ihren eignen Angelegenheiten

so viel zu tun, daß sie keine Zeit behielten, sich um Fremde zu bekümmern.

Zudem war ihr Aufenthalt auf dem Lande nichts ungewöhnliches, und der

allgemeine Genius der Stadt Smirna war der Freiheit in der Wahl der

Vergnügungen allzugünstig, als daß eine Danae (von der man ohnehin keine

vestalische Tugend foderte) über die ihrigen, wenn sie auch bekannt

gewesen wären, sehr strenge Urteile zu besorgen gehabt hätte.

Allein Hippias war kaum von seiner Reise zurückgekommen, so ließ er eine

seiner ersten Sorgen sein, sich in eigner Person nach dem Fortgang des

Entwurfs zu erkundigen, den er mit ihr zu Bekehrung des allzuplatonischen

Callias gemeinschaftlich angelegt hatte. Die besondere Vertraulichkeit,

worin er seit mehr als zehn Jahren mit ihr gelebt hatte, gab ihm das

vorzügliche Recht, sie auch alsdann zu überraschen, wenn sie sonst für

niemand sichtbar war. Er eilte also, so bald er nur konnte, nach ihrem

Landgute; und hier brauchte er nur einen Blick auf unsre Liebende zu

werfen, um zu sehen, wie viel in seiner Abwesenheit mit ihnen vorgegangen

war. Ein gewisser Zwang, eine gewisse Zurückhaltung, eine Art von

schamhafter Schüchternheit, welche ihm besonders an der Pflegtochter

Aspasiens fast lächerlich vorkam, war das erste, was ihm an beiden in die

Augen fiel. Wahre Liebe (wie man längst beobachtet hat) ist eben so

sorgfältig ihre Glückseligkeit zu verbergen, als jene frostige Liebe,

welche Coquetterie oder Langeweile zur Mutter hat, begierig ist, ihre

Siege auszuposaunen. Allein dieses war weder die einzige noch die

vornehmste Ursache einer Zurückhaltung, welche unsre Liebenden, aller

angewandten Mühe ungeachtet, einem so scharfsichtigen Beobachter nicht

entziehen konnten. Das Bewußtsein der Verwandlung, welche sie erlitten

hatten; die Furcht vor dem komischen Ansehen, welches sie ihnen in den

Augen des Sophisten geben möchte; die Furcht von einem Spott, vor dem sie

die mutwilligen Ergießungen bei jedem Blicke, bei jedem Lächeln erwarteten;

dieses war es, was sie in Verlegenheit setzte, und was den artigsten

Gesichtern in ganz Jonien etwas Verdrießliches gab, welches von einem

jeden andern als Hippias für ein Zeichen, daß seine Gegenwart unangenehm

sei, hätte aufgenommen werden müssen. Allein dieser nahm es für das auf,

was es in der Tat war; und da niemand besser zu leben wußte, so schien er

so wenig zu bemerken, was in ihnen vorging, machte den Unachtsamen und

Sorglosen so natürlich, hatte so viel von seiner Reise und tausend

gleichgültigen Dingen zu schwatzen, und wußte dem Gespräch einen so freien

Schwung von Munterkeit zu geben, daß sie alle erforderliche Zeit gewannen,

sich wieder zu erholen, und sich in eine ungezwungene Verfassung zu setzen.

Wenn Agathon hiedurch so sehr beruhigst wurde, daß er würklich hoffte,

sich in seinen ersten Besorgnissen betrogen zu haben, so war die feinere

Danae weit davon entfernt, sich durch die Kunstgriffe des Sophisten ein

Blendwerk vormachen zu lassen. Sie kannte ihn zu gut, um nicht in seiner

Seele zu lesen; sie sah wohl, daß es zu einer Erörterung mit ihm kommen

müsse, und war nur darüber unruhig, wie sie sich entschuldigen wollte, daß

sie, über der Bemühung den Charakter des Agathons umzubilden, ihren eignen

oder doch einen guten Teil davon verloren hatte. Mit diesen Gedanken

hatte sie sich in den Stunden der gewöhnlichen Mittagsruhe beschäftiget,

und war noch nicht recht mit sich selbst einig, wie weit sie sich dem

Sophisten vertrauen wolle; als er in ihr Zimmer trat, und mit der

vertraulichen Freimütigkeit eines alten Freundes ihr entdeckte, daß es die

Neugier über den Fortgang ihres geheimen Anschlags sei, was ihn so bald

nach seiner Wiederkunft zu ihr gezogen habe. "Die Glückseligkeit des

Callias" (setzte er hinzu) "schimmert zu lebhaft aus seinen Augen und aus

seinem ganzen Betragen hervor, schöne Danae, als daß ich durch

überflüssige Fragstücke das reizende Inkarnat dieser liebenswürdigen

Wangen zu erhöhen suchen sollte. Und findest du ihn also der Mühe würdig,

die du auf seine Bekehrung ohne Zweifel verwenden mußtest?" "Der Mühe?"

sagte Danae lächelnd; "ich schwöre dir, daß mir in meinem Leben keine Mühe

so leicht geworden ist, als mich von dem liebenswürdigsten Sterblichen,

den ich jemals gekannt habe, lieben zu lassen. Denn das war doch alle

Mühe -" "Nicht ganz und gar", (unterbrach sie Hippias) "wenn du so

aufrichtig sein willt, als es unsrer Freundschaft gemäß ist. Ich bin

gewiß, daß er an keine Verstellung dachte, da er noch in meinem Hause war;

und die Veränderung, die ich an ihm wahrnehme ist so groß, verbreitet sich

so sehr über seine ganze Person, hat ihn so unkenntlich gemacht, daß Danae

selbst, auf deren Lippen die überredung wohnt, mich nicht überreden soll,

daß eine solche Seelenwandlung im Schlafe vorgehen könne. Keine

Zurückhaltungen, schöne Danae, die Würkungen zeugen von ihren Ursachen;

ein großes Werk setzt große Anstalten voraus; wenn ein Callias dahin

gebracht wird, daß er wie ein Liebling der Venus herausgeputzt ist, daß er

mit einer Sybaritischen Zunge von der Niedlichkeit der Speisen und dem

Geschmack der Weine urteilt; daß er die wollüstigsten Läufe eines in Liebe

schmelzenden Liedes mit entzücktem Händeklatschen wiederholen heißt, und

sich die Trinkschale von einer jungen Circasserin mit unverhülltem Busen

eben so gleichgültig reichen läßt, als er sich in die weichen Polster

eines Persischen Ruhebettes hineinsenkt--wahrhaftig, schöne Danae, das

nenn ich eine Verwandlung, welche in so kurzer Zeit zu bewerkstelligen,

ich keiner von allen unsterblichen Göttinnen zugetraut hätte." "Ich weiß

nicht, was du damit sagen willst", erwiderte Danae mit einer angenommenen

Zerstreuung; "mich deucht nichts natürlichers, als alles, worüber du dich

so verwundert stellst; und gesetzt, daß du dich in deinem Urteil von

Callias betrogen hättest, ist es seine Schuld? Wenn ich dir die Wahrheit

sagen soll, so kann nichts unähnlichers sein, als wie du ihn mir

abgeschildert und wie ich ihn gefunden habe. Du machtest mich einen

Pedantischen Toren, den Gegenstand einer Komödie erwarten, und ich

wiederhole es, du magst über mich lachen so lange du willt, Alcibiades

selbst im Frühling seiner Jahre und Reizungen war nicht liebenswürdiger

als derjenige, den du mir für ein komisches Mittelding von einem

Phantasten und von einer Bildsäule gegeben hast. Wenn eine

Verschiedenheit zwischen Agathon und den Besten ist, für welche ich ehmals

aus Dankbarkeit, Geschmack oder Laune, Gefälligkeiten gehabt habe, so ist

sie gänzlich zu seinem Vorteil; so ist es, daß er edler, aufrichtiger,

zärtlicher ist, daß er mich liebet, da jene nur sich selbst in mir liebten;

daß ihn mein Vergnügen glücklicher macht als sein eignes; daß er das

großmütigste und erkenntlichste Herz mit den glänzendesten Vorzügen des

Geistes, mit allem was den Umgang reizend macht, vereinigt besitzt.

"--"Welch ein Strom von Beredsamkeit", rief Hippias mit dem Lächeln eines

Fauns aus; "du sprichst nicht anders als ob du seine Apologie gegen mich

machen müßtest; und wenn habe ich denn was anders gesagt? Beschrieb ich

ihn nicht als liebenswürdig? Sagt' ich dir nicht, daß er dir die Hyacinthe,

und alle diese artigen gaukelnden Sommervögel unerträglich machen würde?

Aber wir wollen uns nicht zanken, schöne Danae. Ich sehe, daß Amor hier

mehr Arbeit gemacht als ihm aufgetragen war; er sollte dir nur helfen, den

Agathon zu unterwerfen; aber der übermütige kleine Bube hat es für eine

größere Ehre gehalten, dich selbst zu besiegen; diese Danae, welche bisher

mit seinen Pfeilen nur gescherzt hatte. Bekenne, Danae -" "Ja", (fiel sie

ihm lebhaft ein) "ich bekenne, daß ich liebe wie ich nie geliebt habe; daß

alles was ich sonst Glückseligkeit nannte, kaum den Namen des Daseins

verdient hat; ich bekenne es, Hippias, und bin stolz darauf, daß ich fähig

wäre, alles was ich besitze, alle Ergötzlichkeiten von Smirna, alle

Ansprüche an Beifall, alle Befriedigungen der Eitelkeit, und eine ganze

Welt voll Liebhaber wie eine Nußschale hinzuwerfen, um mit Callias in

einer mit Stroh bedeckten Hütte zu leben, und mit diesen Händen, welche

nicht zu weiß und zärtlich dazu sein sollten, die Milch zuzubereiten, die

ihm, vom Felde wiederkommend, weil ich sie ihm reichte, lieblicher

schmecken würde, als Nektar aus den Händen der Liebesgöttin."

"O, das ist was anders", rief Hippias, der sich nun nicht länger halten

konnte, in ein lautes Gelächter auszubrechen; "wenn Danae aus diesem Tone

spricht, so hat Hippias nichts mehr zu sagen. Aber", fuhr er fort,

nachdem er sich die Augen gewischt und den Mund in Falten gelegt hatte;

"in der Tat, schöne Freundin, ich lache zur Unzeit; die Sache ist

ernsthafter als ich beim ersten Anblick dachte, und ich besorge nun in

ganzem Ernste, daß Callias, so sehr er dich anzubeten scheint, nicht Liebe

genug haben möchte, die deinige zu erwidern." "Ich erlasse dem Hippias

diese Sorge", sagte Danae mit einem spöttischen Lächeln, welches ihr sehr

reizend ließ; "das soll meine Sorge sein; und mich deucht, Hippias,

welcher ein so großer Meister ist, von den Würkungen auf die Ursachen zu

schließen, sollte ganz ruhig darüber sein können, daß sich Danae nicht wie

ein vierzehnjähriges Mädchen fangen läßt." "Die Götter der Liebe und

Freude verhüten, daß meine Worte einen übelweissagenden Sinn in sich

fassen", erwiderte Hippias! "Du liebest, schöne Danae; du wirst geliebt;

kein würdigers Paar glücklich zu sein, kein geschickteres sich glücklich

zu machen, hat Amor nie vereiniget. Erschöpfet alles, was die Liebe

reizendes hat! Trinket immer neue Entzückungen aus ihrem nektarischen

Becher; und möge die neidenswerte Bezauberung so lang als euer Leben

dauern!"

ZWEITES KAPITEL

Eine Probe von den Talenten eines Liebhabers

Geschichte des Agathon. Teil 1 · 第 13 / 23 段