Wie groß ist in diesem Stücke der Vorteil eines Romanendichters vor

demjenigen, welcher sich anheischig gemacht hat, ohne Vorurteil oder

Parteilichkeit, mit Verleugnung des Ruhms, den er vielleicht durch

Verschönerung seiner Charakter, und durch Erhebung des Natürlichen ins

Wunderbare sich hätte erwerben können, der Natur und Wahrheit in

gewissenhafter Aufrichtigkeit durchaus getreu zu bleiben! Wenn jener die

ganze grenzenlose Welt des Möglichen zu freiem Gebrauch vor sich

ausgebreitet sieht; wenn seine Dichtungen durch den mächtigen Reiz des

Erhabnen und Erstaunlichen schon sicher genug sind, unsre Einbildungskraft

und unsre Eitelkeit auf seine Seite zu bringen; wenn schon der kleinste

Schein von übereinstimmung mit der Natur hinlänglich ist, die Freunde des

Wunderbaren, welche immer die größeste Zahl ausmachen, von ihrer

Möglichkeit zu überzeugen; ja, wenn er volle Freiheit hat, die Natur

selbst umzuschaffen, und, als ein andrer Prometheus, den geschmeidigen Ton,

aus welchem er seine Halbgötter und Halbgöttinnen bildet, zu gestalten

wie es ihm beliebt, oder wie es die Absicht, die er auf uns haben mag,

erheischet: So sieht sich hingegen der arme Geschichtschreiber genötiget,

auf einem engen Pfade, Schritt vor Schritt in die Fußstapfen der vor ihm

hergehenden Wahrheit einzutreten, jeden Gegenstand so groß oder so klein,

so schön oder so häßlich, wie er ihn würklich findet, abzumalen; die

Würkungen so anzugeben, wie sie vermöge der unveränderlichen Gesetze der

Natur aus ihren Ursachen herfließen; und wenn er seiner Pflicht ein

völliges Genügen getan hat, sich gefallen zu lassen, daß man seinen Helden

am Ende um wenig oder nichts schätzbarer findet, als der schlechteste

unter seinen Lesern sich ohngefähr selbst zu schätzen pflegt.

Vielleicht ist kein unfehlbarers Mittel mit dem wenigsten Aufwand von

Genie, Wissenschaft und Erfahrenheit ein gepriesener Schriftsteller zu

werden, als wenn man sich damit abgibt, Menschen (denn Menschen sollen es

doch sein) ohne Leidenschaften, ohne Schwachheit, ohne allen Mangel und

Gebrechen, durch etliche Bände voll wunderreicher Abenteure, in der

einförmigsten Gleichheit mit sich selbst, herumzuführen. Eh ihr es euch

verseht, ist ein Buch fertig, das durch den erbaulichen Ton einer strengen

Sittenlehre, durch blendende Sentenzen, durch Charaktere und Handlungen,

die eben so viele Muster sind, den Beifall aller der gutherzigen Leute

überraschet, welche jedes Buch, das die Tugend anpreist, vortrefflich

finden. Und was für einen Beifall kann sich ein solches Werk erst alsdenn

versprechen, wenn der Verfasser die Kunst oder die natürliche Gabe besitzt,

seine Schreibart auf den Ton der Begeisterung zu stimmen, und, verliebt

in die schönen Geschöpfe seiner erhitzten Einbildungskraft, die Meinung

von sich zu erwecken, daß ers in die Tugend selber sei. Umsonst mag dann

ein verdächtiger Kunstrichter sich heiser schreien, daß ein solches Werk

eben so wenig für die Talente seines Urhebers beweise, als es der Welt

Nutzen schaffe; umsonst mag er vorstellen, wie leicht es sei, die

Definitionen eines Auszugs der Sittenlehre in Personen, und die Maximen

des Epictets in Handlungen zu verwandeln; umsonst mag er beweisen, daß die

unfruchtbare Bewunderung einer schimärischen Vollkommenheit, welche man

nachzuahmen eben so wenig wahren Vorsatz als Vermögen hat, das äußerste

sei, was diese wackere Leute von ihren hochfliegenden Bemühungen zum

Besten einer ungelehrigen Welt erwarten können: Der weisere Tadler heißt

ihnen ein Zoilus, und hat von Glück zu sagen, wenn das Urteil das er von

einem so moralischen Werke des Witzes fällt, nicht auf seinen eignen

sittlichen Charakter zurückprallt, und die gesundere Beschaffenheit seines

Gehirns nicht zu einem Beweise seines schlimmen Herzens gemacht wird.

Und wie sollte es auch anders sein können? Unsre Eitelkeit ist zusehr

dabei interessiert, als daß wir uns derjenigen nicht annehmen sollten,

welche unsre Natur, wiewohl eignen Gewalts, zu einer so großen Hoheit und

Würdigkeit erhalten. Es schmeichelt unserm Stolze, der sich ungern durch

so viele Zeichen von Vorzügen des Stands, des Ansehens, der Macht und des

äußerlichen Glanzes unter andre erniedriget sieht, die Mittel (wenigstens

so lange das angenehme Blendwerk daurt) in seiner Gewalt zu sehen, sich

über die Gegenstände seines Neides hinauf schwingen, und sie tief im

Staube unter sich zurücklassen zu können. Und wenn gleich die

unverhehlbare Schwäche unsrer Natur uns auf der einen Seite, zu großem

Vorteil unsrer Trägheit, von der Ausübung heroischer Tugenden loszählt; so

ergötzt sich doch inzwischen unsre Eigenliebe an dem süßen Wahne, daß wir

eben so wundertätige Helden gewesen sein würden, wenn uns das Schicksal an

ihren Platz gesetzt hätte.

Wir müssen uns gefallen lassen, wie diese gewagten Gedanken, so natürlich

und wahr sie uns scheinen, von den verschiednen Klassen unsrer Leser

aufgenommen werden mögen: Und wenn wir auch gleich Gefahr laufen sollten,

uns ungünstige Vorurteile zuzuziehen; so können wir doch nicht umhin,

diese angefangene Betrachtung um so mehr fortzusetzen, je größer die

Beziehung ist, welche sie auf den ganzen Inhalt der vorliegenden

Geschichte hat.

Unter allen den übernatürlichen Charaktern, welche die mehrbelobten

romanhaften Sittenlehrer in einen gewissen Schwung von Hochachtung

gebracht haben, sind sie mit keinem glücklicher gewesen, als mit dem

Heldentum in der Großmut, in der Tapferkeit und in der verliebten Treue.

Daher finden wir die Liebensgeschichten, Ritterbücher und Romanen, von den

Zeiten des guten Bischofs Heliodorus bis zu den unsrigen, von Freunden,

die einander alles, sogar die Forderungen ihrer stärksten Leidenschaften,

und das angelegenste Interesse ihres Herzens aufopfern; von Rittern,

welche immer bereit sind, der ersten Infantin, die ihnen begegnet, zu

gefallen, sich mit allen Riesen und Ungeheuern der Welt herumzuhauen; und

(bis Crebillon eine bequemere Mode unter unsre Nachbarn jenseits des

Rheins aufgebracht hat) beinahe von lauter Liebhabern angefüllt, welche

nichts angelegners haben, als in der Welt herumzuziehen, um die Namen

ihrer Geliebten in die Bäume zu schneiden, ohne daß die reizendesten

Versuchungen, denen sie von Zeit zu Zeit ausgesetzt sind, vermögend wären,

ihre Treue nur einen Augenblick zu erschüttern. Man müßte wohl sehr

eingenommen sein, wenn man nicht sehen sollte, warum diese vermeinten

Heldentugenden in eine so große Hochachtung gekommen sind. Von je her

haben die Schönen sich berechtiget gehalten, eine Liebe, welche ihnen

alles aufopfert, und eine Beständigkeit, die gegen alle andre Reizungen

unempfindlich ist, zu erwarten. Sie gleichen in diesem Stücke den großen

Herren, welche verlangen, daß unserm Eifer nichts unmöglich sein solle,

und die sich sehr wenig darum bekümmern, ob uns dasjenige, was sie von uns

fordern, gelegen, oder ob es überhaupt recht und billig sei, oder nicht.

Eben so ist es für unsre Beherrscherinnen schon genug, daß der Vorteil

ihrer Eitelkeit und ihrer übrigen Leidenschaften sich bei diesen

vorgeblichen Tugenden am besten befindet, um einen Artabanus oder einen

Grafen von Comminges zu einem größern Mann in ihren Augen zu machen, als

alle Helden des Plutarchs zusammengenommen. Und ist die unedle

Eigennützigkeit oder der feige Kleinmut, womit wir (zumal bei jenen

Völkern, wo der Tod aus sittlichen Ursachen mehr als natürlich ist,

gefürchtet wird) den größesten Teil der bürgerlichen Gesellschaft

angesteckt sehen, vielleicht weniger interessiert, eine sich selbst ganz

vergessende Großmut und eine Tapferkeit, die von nichts erzittert, zu

vergöttern? Je vollkommener andre sind, desto weniger haben wir nötig es

zu sein; und je höher sie ihre Tugend treiben, desto weniger haben wir bei

unsern Lastern zu besorgen.

Der Himmel verhüte, daß unsre Absicht jemals sei, in schönen Seelen diese

liebenswürdige Schwärmerei für die Tugend abzuschrecken, welche ihnen so

natürlich und öfters die Quelle der lobenswürdigsten Handlungen ist.

Alles was wir mit diesen Bemerkungen abzielen, ist allein, daß die

romanhaften Helden, von denen die Rede ist, noch weniger in dem Bezirke

der Natur zu suchen seien als die geflügelten Löwen und die Fische mit

Mädchenleibern; daß es moralische Grotesken seien, welche eine müßige

Einbildungskraft ausbrütet, und ein verdorbner moralischer Sinn, nach Art

gewisser Indianer, destomehr vergöttert, je weiter ihre verhältniswürdige

Mißgestalt von der menschlichen Natur sich entfernet, welche doch, mit

allen ihren Mängeln, das beste, liebenswürdigste und vollkommenste Wesen

ist, das wir würklich kennen--und daß also der Held unsrer Geschichte,

durch die Veränderungen und Schwachheiten, denen wir ihn unterworfen sehen,

zwar allerdings, wir gestehen es, weniger ein Held, aber destomehr ein

Mensch, und also desto geschickter sei, uns durch seine Erfahrungen, und

selbst durch seine Fehler zu belehren.

Wir können indes nicht bergen, daß wir aus verschiednen Gründen in

Versuchung geraten sind, der historischen Wahrheit dieses einzige mal

Gewalt anzutun, und unsern Agathon, wenn es auch durch irgend einen Deum

ex Machina hätte geschehen müssen, so unversehrt aus der Gefahr, worin er

sich würklich befindet, herauszuwickeln, als es für die Ehre des

Platonismus, die er bisher so schön behauptet hat, allerdings zu wünschen

gewesen wäre. Allein da wir in Erwägung zogen, daß diese einzige

poetische Freiheit uns nötigen würde, in der Folge seiner Begebenheiten so

viele andre Veränderungen vorzunehmen, daß die Geschichte Agathons

würklich die Natur einer Geschichte verloren hätte, und zur Legende irgend

eines moralischen Don Esplandians geworden wäre: So haben wir uns

aufgemuntert, über alle die ekeln Bedenklichkeiten hinauszugehen, die uns

anfänglich stutzen gemacht hatten, und uns zu überreden, daß der Nutzen,

den unsre verständigen Leser sogar von den Schwachheiten unsers Helden in

der Folge zu ziehen Gelegenheit bekommen könnten, ungleich größer sein

dürfte, als der zweideutige Vorteil, den die Tugend dadurch erhalten hätte,

wenn wir, durch eine unwahrscheinlichere Dichtung als man im ganzen

"Orlando" unsers Freunds Ariost finden wird, die schöne Danae in die

Notwendigkeit gesetzt hätten, in der Stille von ihm zu denken, was die

berühmte Phryne bei einer gewissen Gelegenheit von dem weisen Xenocrates

öffentlich gesagt haben soll.

So wisset dann, schöne Leserinnen, (und hütet euch, stolz auf diesen Sieg

eurer Zaubermacht zu sein,) daß Agathon, nachdem er eine ziemliche Weile

in einem Gemütszustand, dessen Abschilderung den Pinsel eines Thomsons

oder Geßners erfoderte, allein zurückgeblieben war, wir wissen nicht ob

aus eigner Bewegung oder durch den geheimen Antrieb irgend eines

antiplatonischen Genius den Weg gegen einen Pavillion genommen, der auf

der Morgenseite des Gartens in einem kleinen Hain von Zitronen-,

Granaten--und Myrtenbäumen auf jonischen Säulen von Jaspis ruhte; daß er,

weil er ihn erleuchtet gefunden, hineingegangen, und nachdem er einen Saal,

dessen herrliche Auszierung ihn nicht einen Augenblick aufhalten konnte,

und zwei oder drei kleinere Zimmer durchgeeilet, in einem Cabinet, welches

für die Ruhe der Liebesgöttin bestimmt schien, die schöne Danae auf einem

Sofa von nelkenfarbem Atlas schlafend angetroffen; daß er, nachdem er sie

eine lange Zeit in unbeweglicher Entzückung und mit einer Zärtlichkeit,

deren innerliches Gefühl alle körperliche Wollust an Süßigkeit übertrifft,

betrachtet hatte, endlich--von der Gewalt der allmächtigen Liebe bezwungen,

sich nicht länger zu enthalten vermocht, zu ihren Füßen kniend, eine von

ihren nachlässig ausgestreckten schönen Händen mit einer Inbrunst, wovon

wenige Liebhaber sich eine Vorstellung zu machen jemals verliebt genug

gewesen sind, zu küssen, ohne daß sie daran erwacht wäre; daß er hierauf

noch weniger als zuvor sich entschließen können, so unbemerkt als er

gekommen, sich wieder hinwegzuschleichen; und kurz, daß die kleine Psyche,

die Tänzerin, welche seit der Pantomime, man weiß nicht warum, gar nicht

seine Freundin war, mit ihren Augen gesehen haben wollte, daß er eine

ziemliche Weile nach Anbruch des Tages, allein, und mit einer Miene, aus

welcher sich sehr vieles habe schließen lassen, aus dem Pavillion hinter

die Myrtenhecken sich weggestohlen habe.

NEUNTES KAPITEL

Nachrichten zu Verhütung eines besorglichen Mißverstandes

Die Tugend (pflegt man dem Horaz nachzusagen) ist die Mittelstraße

zwischen zween Abwegen, welche beide gleich sorgfältig zu vermeiden sind.

Es ist ohne Zweifel wohl getan, wenn ein Schriftsteller, der sich einen

wichtigern Zweck als die bloße Ergötzung seiner Leser vorgesetzt hat, bei

gewissen Anlässen, anstatt des zaumlosen Mutwillens vieler von den neuern

Franzosen, lieber die bescheidne Zurückhaltung des jungfräulichen Virgils

nachahmet, welcher bei einer Gelegenheit, wo die Angola's und Versorand's

alle ihre Malerkunst verschwendet, und sonst nichts besorget hätten, als

daß sie nicht lebhaft und deutlich genug sein möchten, sich begnügt uns zu

sagen:

"Daß Dido und der Held in Eine Höhle kamen."

Allein wenn diese Zurückhaltung so weit ginge, daß die Dunkelheit, welche

man über einen schlüpfrigen Gegenstand ausbreitete, zu Mißverstand und

Irrtum Anlaß geben könnte: So würde sie, deucht uns, in eine falsche Scham

ausarten; und in solchen Fällen scheint uns ratsamer zu sein, den Vorhang

ein wenig wegzuziehen, als aus übertriebener Bedenklichkeit Gefahr zu

laufen, vielleicht die Unschuld selbst ungegründeten Vermutungen

auszusetzen. So ärgerlich also gewissen Leserinnen, deren strenge Tugend

bei dem bloßen Namen der Liebe Dampf und Flammen speit, der Anblick eines

schönen Jünglings zu den Füßen einer selbst im Schlummer lauter Liebe und

Wollust atmenden Danae billig sein mag; so können wir doch nicht

vorbeigehen, uns noch etliche Augenblicke bei diesem anstößigen

Gegenstande aufzuhalten. Man ist so geneigt, in solchen Fällen der

Einbildungskraft den Zügel schießen zu lassen, daß wir uns lächerlich

machen würden, wenn wir behaupten wollten, daß unser Held die ganze Zeit,

die er (nach dem Vorgeben der kleinen Tänzerin) in dem Pavillion

zugebracht haben soll, sich immer in der ehrfurchtsvollen Stellung

gehalten habe, worin man ihn zu Ende des vorigen Kapitels gesehen hat.

Wir müssen vielmehr besorgen, daß Leute, welche nichts dafür können, daß

sie keine Agathons sind, vielleicht so weit gehen möchten, ihn im Verdacht

zu haben, daß er sich den tiefen Schlaf, worin Danae zu liegen schien, auf

eine Art zu Nutze gemacht haben könnte, welche sich ordentlicher Weise nur

für einen Faunen schickt, und welche unser Freund Johann Jacob Rousseau

selbst nicht schlechterdings gebilliget hätte, so scharfsinnig er auch (in

einer Stelle seines Schreibens an Herrn Dalembert) dasjenige zu

rechtfertigen weiß, was er "eine stillschweigende Einwilligung abnötigen"

nennet. Um nun unsern Agathon gegen alle solche unverschuldete

Mutmaßungen sicher zu stellen, müssen wir zur Steuer der Wahrheit melden,

daß selbst die reizende Lage der schönen Schläferin, und die günstige

Leichtigkeit ihres Anzugs, welche ihn einzuladen schien, seinen Augen

alles zu erlauben, seine Bescheidenheit schwerlich überrascht haben würden,

wenn es ihm möglich gewesen wäre, der zauberischen Gewalt der Empfindung,

in welche alle Kräfte seines Wesens zerflossen schienen, Widerstand zu tun.

Wir wagen nicht zuviel, wenn wir einen solchen Widerstand in seinen

Umständen für unmöglich erklären, nachdem er einem Agathon unmöglich

gewesen ist. Er überließ also endlich seine Seele der vollkommensten

Wonne ihres edelsten Sinnes, dem Anschauen einer Schönheit, welche selbst

seine idealische Einbildungskraft weit hinter sich zurücke ließ; und (was

nur diejenigen begreifen werden, welche die wahre Liebe kennen,) dieses

Anschauen erfüllte sein Herz mit einer so reinen, vollkommnen,

unbeschreiblichen Befriedigung, daß er alle Wünsche, alle Ahnungen einer

noch größern Glückseligkeit darüber vergessen zu haben schien. Vermutlich

(denn gewiß können wir hierüber nichts entscheiden) würde die Schönheit

des Gegenstands allein, so außerordentlich sie war, diese sonderbare

Würkung nicht getan haben; allein dieser Gegenstand war seine Geliebte,

und dieser Umstand verstärkte die Bewundrung, womit auch die

Kaltsinnigsten die Schönheit ansehen müssen, mit einer Empfindung, welche

noch kein Dichter zu beschreiben fähig gewesen ist, so sehr sich auch

vermuten läßt, daß sie den mehresten aus Erfahrung bekannt gewesen sein

könne. Diese namenlose Empfindung ist es allein, was den wahren Liebhaber

von einem Satyren unterscheidet, und was eine Art von sittlichen Grazien

sogar über dasjenige ausbreitet, was bei diesem nur das Werk des Instinkts,

oder eines animalischen Hungers ist. Welcher Satyr würde in solchen

Augenblicken fähig gewesen sein, wie Agathon zu handeln?--Behutsam und mit

der leichten Hand eines Sylphen zog er das seidene Gewand, welches Amor

verräterisch aufgedeckt hatte, wieder über die schöne Schlafende her, warf

sich wieder zu den Füßen ihres Ruhebettes, und begnügte sich, ihre

nachlässig ausgestreckte Hand, aber mit einer Zärtlichkeit, mit einer

Entzückung und Sehnsucht an seinen Mund zu drücken, daß eine Bildsäule

davon hätte erweckt werden mögen. Sie mußte also endlich erwachen. Und

wie hätte sie auch sich dessen länger erwehren können, da ihr bisheriger

Schlummer würklich nur erdichtet gewesen war? Sie hatte aus einer

Neugierigkeit, die in ihrer Verfassung natürlich scheinen kann, sehen

wollen, wie ein Agathon bei einer so schlüpfrigen Gelegenheit sich

betragen würde; und dieser letzte Beweis einer vollkommnen Liebe, welche,

ungeachtet ihrer Erfahrenheit, alle Annehmlichkeiten der Neuheit für sie

hatte, rührte sie so sehr, daß sie, von einer ungewohnten und

unwiderstehlichen Empfindung überwunden, in einem Augenblick, wo sie zum

erstenmal zu lieben und geliebt zu werden glaubte, nicht mehr Meisterin

von ihren Bewegungen war. Sie schlug ihre schönen Augen auf, Augen die in

den wollüstigen Tränen der Liebe schwammen, und dem entzückten Agathon

sein ganzes Glück auf eine unendlich vollkommnere Art entdeckten, als es

das beredteste Liebesgeständnis hätte tun können. "O Callias!" (rief sie

endlich mit einem Ton der Stimme, der alle Saiten seines Herzens

widerhallen machte, indem sie, ihre schönen Arme um ihn windend, den

Glückseligsten aller Liebhaber an ihren Busen drückte,) "--was für ein

neues Wesen gibst du mir? Genieße, o! genieße, du Liebenswürdigster

unter den Sterblichen, der ganzen unbegrenzten Zärtlichkeit, die du mir

einflößest." Und hier, ohne den Leser unnötiger Weise damit aufzuhalten,

was sie ferner sagte, und was er antwortete, überlassen wir den Pinsel

einem Correggio, und schleichen uns davon.

Aber wir fangen an, zu merken, wiewohl zu späte, daß wir unsern Freund

Agathon auf Unkosten seiner schönen Freundin gerechtfertiget haben. Es

ist leicht vorauszusehen, wie wenig Gnade sie vor dem ehrwürdigen und

glücklichen Teil unsrer Leserinnen finden werde, welche sich bereden (und

vermutlich Ursache dazu haben) daß sie in ähnlichen Umständen sich ganz

anders als Danae betragen haben würden. Auch sind wir weit davon entfernt,

diese allzuzärtliche Nymphe entschuldigen zu wollen, so scheinbar auch

immer die Liebe ihre Vergehungen zu bemänteln weiß. Indessen bitten wir

doch die vorbelobten Lukretien um Erlaubnis, dieses Kapitel mit einer

kleinen Nutzanwendung, auf die sie sich vielleicht nicht gefaßt gemacht

haben, schließen zu dürfen. Diese Damen (mit aller Ehrfurcht die wir

ihnen schuldig sind, sei es gesagt) würden sich sehr betrügen, wenn sie

glaubten, daß wir die Schwachheiten einer so liebenswürdigen Kreatur, als

die schöne Danae ist, nur darum verraten hätten, damit sie Gelegenheit

bekämen, ihre Eigenliebe daran zu kitzeln. Wir sind in der Tat nicht so

sehr Neulinge in der Welt, daß wir uns überreden lassen sollten, daß eine

jede, welche sich über das Betragen unsrer Danae ärgern wird, an ihrer

Stelle weiser gewesen wäre. Wir wissen sehr wohl, daß nicht alles, was

das Gepräge der Tugend führt, würklich echte und vollhaltige Tugend ist;

und daß sechszig Jahre, oder eine Figur, die einen Satyren entwaffnen

könnte, kein oder sehr wenig Recht geben, sich viel auf eine Tugend zu gut

zu tun, welche vielleicht niemand jemals versucht gewesen ist, auf die

Probe zu stellen. Wir zweifeln mit gutem Grunde sehr daran, daß

diejenigen, welche von einer Danae am unbarmherzigsten urteilen, an ihrem

Platz einem viel weniger gefährlichen Versucher als Agathon war, die Augen

auskratzen würden: Und wenn sie es auch täten, so würden wir vielleicht

anstehen, ihrer Tugend beizumessen, was eben sowohl die mechanische

Würkung unreizbarer Sinnen, und eines unzärtlichen Herzens, hätte gewesen

sein können. Unser Augenmerk ist bloß auf euch gerichtet, ihr

liebreizenden Geschöpfe, denen die Natur die schönste ihrer Gaben, die

Gabe zu gefallen, geschenkt--ihr, welche sie bestimmt hat, uns glücklich

zu machen; aber, welche eine einzige kleine Unvorsichtigkeit in Erfüllung

dieser schönen Bestimmung so leicht in Gefahr setzen kann, durch die

schätzbarste eurer Eigenschaften, durch das was die Anlage zu jeder Tugend

ist, durch die Zärtlichkeit eures Herzens selbst, unglücklich zu werden:

Euch allein wünschten wir überreden zu können, wie gefährlich jene

Einbildung ist, womit euch das Bewußtsein eurer Unschuld schmeichelt, daß

es allezeit in eurer Macht stehe, der Liebe und ihren Forderungen Grenzen

zu setzen. Möchten die Unsterblichen (wenn anders, wie wir hoffen, die

Unschuld und die Güte des Herzens himmlische Beschützer hat,) möchten sie

über die eurige wachen! Möchten sie euch zu rechter Zeit warnen, euch

einer Zärtlichkeit nicht zu vertrauen, welche, bezaubert von dem

großmütigen Vergnügen, den Gegenstand ihrer Liebe glücklich zu machen, so

leicht sich selbst vergessen kann! Möchten sie endlich in jenen

Augenblicken, wo das Anschauen der Entzückungen, in die ihr zu setzen

fähig seid, eure Klugheit überraschen könnte, euch in die Ohren flüstern:

Daß selbst ein Agathon, weder Verdienst noch Liebe genug hat, um wert zu

sein, daß die Befriedigung seiner Wünsche euch die Ruhe eures Herzens

koste.

ZEHENTES KAPITEL

Welches alle unsre verheiratete Leser, wofern sie nicht sehr glücklich

oder vollkommne Stoiker sind, überschlagen können

Die schöne Danae war keine von denen, welche das, was sie tun, nur zur

Hälfte tun. Nachdem sie einmal beschlossen hatte, ihren Freund glücklich

zu machen, so vollführte sie es auf eine Art, welche alles was er bisher

Vergnügen und Wonne genannt hatte, in Schatten und Wolkenbilder

verwandelte. Man erinnert sich vermutlich noch, daß eine Art von Vorwitz

oder vielmehr ein launischer Einfall, die Macht ihrer Reizungen an unserm

Helden zu probieren, anfangs die einzige Triebfeder der Anschläge war,

welche sie auf sein Herz gemacht hatte. Die persönliche Bekanntschaft

belebte dieses Vorhaben durch den Geschmack, den sie an ihm fand; und der

tägliche Umgang, die Vorzüge Agathons, und, was in den meisten Fällen die

Niederlage der weiblichen Tugend wo nicht allein verursacht, doch sehr

befördert, die ansteckende Kraft, das Sympathetische der verliebten

Begeisterung, welcher der göttliche Plato mit Recht die wundertätigsten

Kräfte zuschreibt; alles dieses zusammen genommen, verwandelte zuletzt

diesen Geschmack in Liebe, aber in die wahreste, zärtlichste und heftigste,

welche jemals gewesen ist. Unserm Helden allein war die Ehre aufbehalten

(wenn es eine war) ihr eine Art von Liebe einzuflößen, worin sie,

ungeachtet alles dessen, was uns von ihrer Geschichte schon entdeckt

worden ist, noch so sehr ein Neuling war, als es eine Vestalin in jeder

Art von Liebe sein soll. Kurz, er, und er allein, war darzu gemacht, den

Widerwillen zu überwinden, den ihr die gemeinen Liebhaber, die schönen

Hyacinthe, diese tändelnden Gecken, an denen (um uns ihres eigenen

Ausdrucks zu bedienen) die Hälfte ihrer Reizungen verloren ging; gegen

alles was die Miene der Liebe trug, einzuflößen angefangen hatten.

Geschichte des Agathon. Teil 1 · 第 12 / 23 段