Agathon war nun also ein Hausgenosse der schönen Danae, und entfaltete mit

jedem Tage neue Verdienste, die ihm dieses Glück würdig zeigten, und die

seine geringe Achtung für den Hippias ihn verhindert hatte, in dessen

Hause sehen zu lassen. Da nebst den besondern Ergötzungen des Landlebens

diese feinere Art von Belustigungen, an denen der Witz und die Musen den

meisten Anteil haben, die hauptsächlichste Beschäftigung war, wozu man die

Zeit in diesem angenehmen Aufenthalt anwendete; so hatte er Gelegenheit

genug, seine Talente von dieser Seite schimmern zu lassen; und seine

bezauberte Phantasie gab ihm so viele Erfindungen an die Hand, daß er

keine andre Mühe hatte, als diejenigen auszuwählen, die er am

geschicktesten glaubte, seine Gebieterin und die kleine Gesellschaft von

vertrauten Freunden, die sich bei ihr einfanden, zu ergötzen. So weit war

es schon mit demjenigen gekommen, der vor wenigen Wochen es für eine

geringschätzige Bestimmung hielt, in der Person eines unschuldigen

Anagnosten die jonischen Ohren zu bezaubern.

In der Tat können wir länger nicht verbergen, daß diese unbeschreibliche

Empfindung (wie er dasjenige nannte was ihm die schöne Danae eingeflößt

hatte) dieses ich weiß nicht was, welches wir, so wenig er es auch

gestanden hätte, ganz ungescheut Liebe nennen wollen, in dem Lauf von

wenigen Tagen so sehr zugenommen hatte, daß einem jeden andern als einem

Agathon die Augen über den wahren Zustand seines Herzens aufgegangen wären.

Wir wissen wohl, daß die Umständlichkeit unsrer Erzählung bei diesem

Teile seiner Geschichte, den Ernsthaftern unter unsern Lesern, wenn wir

anders dergleichen haben werden, sehr langweilig vorkommen wird. Allein

die Achtung, die wir ihnen schuldig sind, kann uns nicht verhindern, uns

die Vorstellung zu machen, daß diese Geschichte vielleicht künftig, und

wenn es auch nur aus einem Gewürzladen wäre, einem jungen noch nicht ganz

ausgebrüteten Agathon in die Hände fallen könnte, der aus einer genauern

Beschreibung der Veränderungen, welche die Göttin Danae nach und nach in

dem Herzen und der Denkungsart unsers Helden hervorgebracht, sich gewisse

Beobachtungen und Kautelen ziehen könnte, von denen er vielleicht einen

guten Gebrauch zu machen Gelegenheit bekommen möchte. Wir glauben also,

wenn wir diesem zukünftigen Agathon zu Gefallen uns die Mühe nehmen, der

Leidenschaft unsers Helden von der Quelle an in ihrem wiewohl noch

geheimen Lauf nachzugehen, desto eher entschuldiget zu sein, da es allen

übrigen, die mit diesen Anekdoten nichts zu machen wissen, frei steht, das

folgende Kapitel zu überschlagen.

FÜNFTES KAPITEL

Natürliche Geschichte der Platonischen Liebe

"Die Quelle der Liebe", sagt Zoroaster, oder hätte es doch sagen können,

"ist das Anschauen eines Gegenstandes, der unsre Einbildungskraft

bezaubert." Der Wunsch diesen Gegenstand immer anzuschauen, ist der erste

Grad derselben. Je bezaubernder dieses Anschauen ist, und je mehr die an

dieses Bild der Vollkommenheit angeheftete Seele daran zu entdecken und zu

bewundern findet, desto länger bleibt sie in den Grenzen dieses ersten

Grades der Liebe stehen. Dasjenige was sie hiebei erfährt, kommt anfangs

demjenigen außerordentlichen Zustande ganz nahe, den man Verzückung nennt;

alle andere Sinnen, alle wirksamen Kräfte der Seele scheinen stille zu

stehen, und in einen einzigen Blick, worin man keiner Zeitfolge gewahr

wird, verschlungen zu sein. Dieser Zustand ist zu gewaltsam, als daß er

lange dauern könnte; langsamer oder schneller macht er der Empfindung

eines unaussprechlichen Vergnügens Platz, welches die natürliche Folge

jenes ekstatischen Anschauens ist, und wovon, wie einige Adepten uns

versichert haben, keine andre Art von Vergnügen oder Wollust uns einen

bessern Begriff geben kann, als der unreine und düstre Schein einer

Pechfackel von der Klarheit des unkörperlichen Lichts, worin, nach der

Meinung der Morgenländischen Weisen, die Geister als in ihrem Elemente

leben. Dieses innerliche Vergnügen äußert sich bald durch die

Veränderungen, die es in dem mechanischen Teil unsers Wesens hervorbringt;

es wallt mit hüpfender Munterkeit in unsern Adern, es schimmert aus unsern

Augen, es gießt eine lächelnde Heiterkeit über unser Gesicht, und gibt

allen unsern Bewegungen eine neue Lebhaftigkeit und Anmut: es stimmt und

erhöhet alle Kräfte unsrer Seele, belebt das Spiel der Phantasie und des

Witzes, und kleidet, so zu sagen, alle unsre Ideen in den Schimmer und die

Farbe der Liebe. Ein Liebhaber ist in diesem Augenblick mehr als ein

gewöhnlicher Mensch; er ist (wie Plato sagt) von einer Gottheit voll, die

aus ihm redet und würket; und es ist keine Vollkommenheit, keine Tugend,

keine Heldentat so groß, wozu er in diesem Stande der Begeistrung und

unter den Augen des geliebten Gegenstands nicht fähig wäre. Dieser

Zustand dauert noch fort, wenn er gleich von demselben entfernt wird, und

das Bild desselben, das seine ganze Seele auszufüllen scheint, ist so

lebhaft, daß es einige Zeit braucht, bis er der Abwesenheit des Urbildes

gewahr wird. Aber kaum empfindet die Seele diese Abwesenheit, so

verschwindet jenes Vergnügen mit seinem ganzen bezauberten Gefolge; man

erfährt in immer zunehmenden Graden das Gegenteil von allen Würkungen

jener Begeisterung, wovon wir geredet haben; und derjenige der vor kurzem

mehr als ein Mensch schien, scheint nun nichts als der Schatten von sich

selbst, ohne Leben, ohne Geist, zu nichts geschickt als in einöden

Wildnissen wie ein Gespenst umherzuirren, den Namen seiner Göttin in

Felsen einzugraben, und den tauben Bäumen seine Schmerzen vorzuseufzen;

ein kläglicher Zustand, in Wahrheit, wenn nicht ein einziger Blick des

Gegenstands, von dem diese seltsame Bezauberung herrührt, hinlänglich wäre,

in einem Wink diesem Schatten wieder einen Leib, dem Leib eine Seele, und

der Seele diese Begeisterung wieder zu geben, durch welche sie ohne

Beobachtung einiger Gradation von der Verzweiflung zu unermeßlicher Wonne

übergeht. Wenn Agathon dieses alles nicht völlig in so hohem Grad erfuhr,

als andre von seiner Art, so muß dieses vermutlich allein dem Einfluß

beigemessen werden, den seine werte Psyche noch in dasjenige hatte, was in

seinem Herzen vorging. Allein wir müssen gestehen, dieser Einfluß wurde

immer schwächer; die lebhaften Farben, womit ihr Bild seiner Phantasie

ehemals vorgeschwebt hatte, wurden immer matter; und anstatt daß ihn sonst

sein Herz an sie erinnert hatte, mußte es itzt von ohngefähr und durch

einen Zufall geschehen. Endlich verschwand dieses Bild gänzlich; Psyche

hörte auf für ihn zu existieren, ja kaum erinnerte er sich alles dessen,

was vor seiner Bekanntschaft mit der schönen Danae vorgegangen war anders,

als ein erwachsener Mensch sich seiner ersten Kindheit erinnert. Es ist

also leicht zu begreifen, daß seine ganze vormalige Art zu empfinden und

zu sein, einige Veränderung erlitt, und gleichsam die Farbe und den Ton

des Gegenstands bekam, der mit einer so unumschränkten Macht auf ihn

würkte. Sein ernsthaftes Wesen machte nach und nach einer gewissen

Munterkeit Platz, die ihm vieles, das er ehmals mißbilligst hatte, in

einem günstigern Lichte zeigte; seine Sittenlehre wurde unvermerkt freier

und gefälliger, und seine ehmaligen guten Freunde, die ätherischen Geister,

wenn sie ja noch einigen Zutritt bei ihm hatten, mußten sich gefallen

lassen, die Gestalt der schönen Danae anzunehmen, um vorgelassen zu werden.

Vor Begierde der Beherrscherin seines Herzens zu gefallen, vergaß er,

sich um den Beifall unsichtbarer Zuschauer seines Lebens zu bekümmern; und

der Zustand der entkörperten Seelen deuchte ihn nicht mehr so

beneidenswürdig, seitdem er im Anschauen dieser irdischen Göttin ein

Vergnügen genoß, welches alle seine Einbildungen überstieg. Der Wunsch

immer bei ihr zu sein, war nun erfüllt, dem zweiten, der auf diesen

gefolget sein würde, dem Verlangen ihre Freundschaft zu besitzen war sie

selbst gleich anfangs großmütiger Weise zuvorgekommen, und die

verbindliche und vertraute Art, wie sie etliche Tage lang mit ihm umging,

ließ ihm von dieser Seite nichts zu wünschen übrig. Er hatte ihre

Freundschaft, nun wünschte er auch ihre Zärtlichkeit zu haben--Ihre

Zärtlichkeit!--Ja, aber eine Zärtlichkeit, wie nur die Einbildungskraft

eines Agathons fähig ist, sich vorzustellen. Kurz, da er anfing zu

merken, daß er sie liebe, so wünschte er wieder geliebt zu werden. Allein

er liebte sie mit einer so uneigennützigen, so geistigen, so

begierdenfreien Liebe, als ob sie eine Sylphide gewesen wäre; und der

kühnste Wunsch, den er zu wagen fähig war, war nur, in derjenigen

sympathetischen Verbindung der Seelen mit ihr zu stehen, wovon ihm Psyche

die Erfahrung gegeben hatte. "Wie angenehm" (dacht er) "wie

entzückungsvoll, wie sehr über alles, was die Sprache der Sterblichen

ausdrücken kann, mußte eine solche Sympathie mit einer Danae sein, da sie

mit Psyche schon so angenehm gewesen war!" Zum Unglück für unsern

Platoniker war dieses ein Plan, wozu Danae, welche dieses mal keine

Sylphide spielen wollte, sich nicht so gut anließ, als er es gewünscht

hatte. Sie fuhr immer fort sich in den Grenzen der Freundschaft zu halten,

und, die Wahrheit zu sagen, sie war entweder nicht geistig genug, sich

von dieser intellektualischen Liebe, von der er ihr so viel schönes

vorsagte, einen rechten Begriff zu machen; oder sie fand es lächerlich, in

ihrem Alter und mit ihrer Figur eine Rolle zu spielen, die, nach ihrer

Denkungsart, sich nur für eine Person schickte, die im Bade keine Besuche

mehr annimmt; wenn sie gleich allzu bescheiden war, ihm dieses mit Worten

zu sagen, so fand sie doch Mittel genug, ihm ihre Gedanken über diesen

Punkt auf eine vielleicht eben so nachdrückliche Art zu erkennen zu geben.

Gewisse kleine Nachlässigkeiten in ihrem Putz, ein verräterischer Zephir,

oder ihr Sperling, der indem sie neben Agathon auf einer Ruhebank saß, mit

mutwilligem Schnabel an dem Gewand zerrte, das zu ihren Füßen herabfloß,

schienen seiner ätherischen Liebe zu spotten, und ihm Aufmunterungen zu

geben, die ein minder bezauberter Liebhaber nicht nötig gehabt hätte.

Danae hatte Ursache mit der Würkung dieser kleinen Kunstgriffe zufrieden

zu sein. Agathon, welcher sich angewöhnt hatte, den Leib und die Seele

als zwei verschiedene Wesen zu betrachten, und in dessen Augen Danae eine

geraume Zeit nichts anders, als (nach dem Ausdruck des Guidi) eine

himmlische Schönheit in einem irdischen Schleier gewesen war, vermengte

diese beiden Wesen je länger je mehr in seiner Phantasie mit einander, und

er konnte es desto leichter, da in der Tat alle körperlichen Schönheiten

seiner Göttin so beseelt waren, und alle Schönheiten ihrer Seele so

lebhaft aus diesem reizenden Schleier hervorschimmerten, daß es beinahe

unmöglich war, sich eine ohne die andre vorzustellen. Dieser Umstand

brachte zwar keine wesentliche Veränderung in seiner Art zu lieben hervor;

doch ist gewiß, daß er nicht wenig dazu beitrug, ihn unvermerkt in eine

Verfassung zu setzen, welche die Absichten der schlauen Danae mehr zu

begünstigen als abzuschrecken schien. "O du, für den wir aus großmütiger

Freundschaft uns die Mühe gegeben haben, dieses dir allein gewidmete

Kapitel zu schreiben, halte hier ein und frage dein Herz. Wenn du eine

Danae gefunden hast (armer Jüngling! welche Molly Seagrim kann es nicht

in deinen bezauberten Augen sein?) und du verstehest den Schluß dieses

Kapitels, so kömmt unsre Warnung schon zu spät, und du bist verloren,

fliehe, von dem Augenblick an, da du sie gesehen; fliehe, und ersticke den

Wunsch sie wieder zu sehen! Wenn du das nicht kannst; wenn du, nachdem du

diese Warnung gelesen, nicht willst: so bist du kein Agathon mehr, so bist

du was wir andern alle sind; tue was du willst, es ist nichts mehr an dir

zu verderben."

SECHSTES KAPITEL

Worin der Geschichtschreiber sich einiger Indiskretion schuldig macht

Die schöne Danae war sehr weit entfernt, gleichgültig gegen die Vorzüge

des Callias zu sein, und es kostete ihr würklich, so gesetzt sie auch war,

einige Mühe, ihm zu verbergen, wie sehr sie von seiner Liebe gerührt war,

und wie gern sie sich dieselbe zu Nutz gemacht hätte. Allein aus einem

Agathon einen Alcibiades zu machen, das konnte nicht das Werk von etlichen

Tagen sein, und um so viel weniger, da er durch unmerkliche Schritte, und

ohne, daß sie selbst etwas dabei zu tun schien, zu einer so großen

Veränderung gebracht werden mußte, wenn sie anders dauerhaft sein sollte.

Die große Kunst war, unter der Masque der Freundschaft seine Begierden zu

eben der Zeit zu reizen, da sie selbige durch eine unaffektierte

Zurückhaltung abzuschrecken schien. Allein auch dieses war nicht genug;

er mußte vorher die Macht zu widerstehen verlieren; wenn der Augenblick

einmal gekommen sein würde, da sie die ganze Gewalt ihrer Reizungen an ihm

zu prüfen entschlossen war. Eine zärtliche Weichlichkeit mußte sich

vorher seiner ganzen Seele bemeistern, und seine in Vergnügen schwimmende

Sinnen mußten von einer süßen Unruhe und wollüstigen Sehnsucht eingenommen

werden, ehe sie es wagen wollte, einen Versuch zu machen, der, wenn er zu

früh gemacht worden wäre, gar leicht ihren ganzen Plan hätte vereiteln

können. Zum Unglück für unsern Helden ersparte ihr seine magische

Einbildungskraft die Hälfte der Mühe, welche sie aus einem übermaß von

Freundschaft anwenden wollte, ihm die Verwandlung, die mit ihm vorgehen

sollte, zu verbergen. Ein Lächeln seiner Göttin war genug, ihn in

Vergnügen zu zerschmelzen; ihre Blicke schienen ihm einen überirdischen

Glanz über alles auszugießen, und ihr Atem der ganzen Natur den Geist der

Liebe einzuhauchen: Was mußte denn aus ihm werden, da sie zu Vollendung

ihres Sieges alles anwendete, was auch den unempfindlichsten unter allen

Menschen zu ihren Füßen hätte legen können? Agathon wußte noch nicht, daß

sie die Laute spielte, und in der Musik eine eben so große Virtuosin als

in der Tanzkunst war. Die Feste und Lustbarkeiten, in deren Erfindung er

unerschöpflich war, um ihr den ländlichen Aufenthalt angenehmer zu machen,

gaben ihr Anlaß, ihn durch Entdeckung dieser neuen Reizungen in Erstaunung

zu setzen. "Es ist billig", sagte sie zu ihm, "daß ich deine Bemühungen,

mir Vergnügen zu machen, durch eine Erfindung von meiner Art erwidre.

Diesen Abend will ich dir den Wettstreit der Sirenen und der Musen geben,

ein Stück des berühmten Damons, das ich noch aus Aspasiens Zeiten übrig

habe, und das von den Kennern für das Meisterstück der Tonkunst erklärt

wurde. Die Anstalten sind schon dazu gemacht, und du allein sollst der

Zuhörer und Richter dieses Wettgesangs sein." Niemals hatte den Agathon

eine Zeit länger gedaucht, als die wenigen Stunden, die er in Erwartung

dieses versprochenen Vergnügens zubrachte. Danae hatte ihn verlassen, um

durch ein erfrischendes Bad ihrer Schönheit einen neuen Glanz zu geben,

indessen daß er die verschwindenden Strahlen der untergehenden Sonne einen

nach dem andern zu zählen schien. Endlich kam die angesetzte Stunde.

Der schönste Tag hatte der anmutigsten Nacht Platz gemacht, und eine süße

Dämmerung hatte schon die ganze schlummernde Natur eingeschleiert; als

plötzlich ein neuer zauberischer Tag, den eine unendliche Menge künstlich

versteckter Lampen verursachte, den reizenden Schauplatz sichtbar machte,

welchen die Fee dieses Orts zu diesem Lustspiel hatte zubereiten lassen.

Eine mit Lorbeerbäumen beschattete Anhöhe erhob sich aus einem

spiegelhellen See, der mit Marmor gepflastert, und ringsum mit Myrten und

Rosenhecken eingefaßt war. Kleine Quellen schlängelten den Lorbeerhain

herab, und rieselten mit sanftem Murmeln oder lächelndem Klatschen in den

See, an dessen Ufer hier und da kleine Grotten, mit Korallenmuscheln und

andern Seegewächsen ausgeschmückt hervorragten, und die Wohnung der

Nymphen dieses Wassers zu sein schienen. Ein kleiner Nachen in Gestalt

einer Perlenmuschel, der von einem marmornen Triton emporgehalten wurde,

stund der Anhöhe gegen über am Ufer, und war der Sitz, auf welchem Agathon

als Richter den Wettgesang hören sollte.

SIEBENTES KAPITEL

Magische Kraft der Musik

Agathon hatte seinen Platz kaum eingenommen, als man in dem Wasser ein

wühlendes Plätschern, und aus der Ferne, wie es ließ, eine sanft

zerflossene Harmonie hörte, ohne jemand zu sehen, von dem sie herkäme.

Unser Liebhaber, den dieser Anfang in ein stilles Entzücken setzte, wurde,

ungeachtet er zu diesem Spiele vorbereitet war, zu glauben versucht, daß

er die Harmonie der Sphären höre, von deren Würklichkeit ihn die

Pythagorischen Weisen beredet hatten; allein, während daß sie immer näher

kam und deutlicher wurde, sah er zu gleicher Zeit die Musen aus dem

kleinen Lorbeerwäldchen und die Sirenen aus ihren Grotten hervorkommen.

Danae hatte die jüngsten und schönsten aus ihren Aufwärterinnen ausgelesen,

diese Meernymphen vorzustellen, die, nur von einem wallenden Streif von

himmelblauem Byssus umflattert, mit Cithern und Flöten in der Hand sich

über die Wellen erhuben, und mit jugendlichem Stolz untadeliche

Schönheiten vor den Augen ihrer eifersüchtigen Gespielen entdeckten.

Allein kleine Tritonen, bliesen, um sie her schwimmend, aus krummen

Hörnern, und neckten sie durch mutwillige Spiele; indes daß Danae mitten

unter den Musen, an den Rand der kleinen Halbinsel herabstieg, und, wie

Venus unter den Grazien, oder Diana unter ihren Nymphen hervorglänzend,

dem Auge keine Freiheit ließ, auf einem andern Gegenstande zu verweilen.

Ein langes schneeweißes Gewand floß, unter dem halbentblößten Busen mit

einem goldnen Gürtel umfaßt, in kleinen wallenden Falten zu ihren Füßen

herab; ein Kranz von Rosen wand sich um ihre Locken, wovon ein Teil in

kunstloser Anmut um ihren Nacken schwebte; ihr rechter Arm, auf dessen

Weiße die Homerische Juno eifersüchtig hätte sein dürfen, umfaßte eine

Laute von Elfenbein. Die übrigen Musen, mit verschiednen

Saiteninstrumenten versehen, lagerten sich zu ihren Füßen; sie allein

blieb in einer unnachahmlich reizenden Stellung stehen, und hörte lächelnd

der Aufforderung zu, welche die übermütigen Syrenen ihr entgegensangen.

Man muß ohne Zweifel gestehen, daß das Gemälde, welches sich in diesem

Augenblick unserm Helden darstellte, nicht sehr geschickt war, weder sein

Herz noch seine Sinnen in Ruhe zu lassen; allein die Absicht der Danae war

nur, ihn durch die Augen zu den Vergnügungen eines andern Sinnes

vorzubereiten, und ihr Stolz verlangte keinen geringern Triumph, als ein

so reizendes Gemälde durch die Zaubergewalt ihrer Stimme und ihrer Saiten

in seiner Seele auszulöschen. Sie schmeichelte sich nicht zu viel. Die

Sirenen hörten auf zu singen, und die Musen antworteten ihrer Ausforderung

durch eine Symphonie, welche auszudrucken schien, wie gewiß sie sich des

Sieges hielten. Nach und nach verlor sich die Munterkeit, die in dieser

Symphonie herrschte; ein feierlicher Ernst nahm ihren Platz ein, das Getön

wurde immer einförmiger, bis es nach und nach in ein dunkles gedämpftes

Murmeln und zuletzt in eine gänzliche Stille erstarb. Ein allgemeines

Erwarten schien dem Erfolg dieser vorbereitenden Stille entgegen zu

horchen, als es auf einmal durch eine liebliche Harmonie unterbrochen

wurde, welche die geflügelten und seelenvollen Finger der schönen Danae

aus ihrer Laute lockten. Eine Stimme, welche fähig schien, die Seelen

ihren Leibern zu entführen, und Tote wieder zu beseelen (wenn wir einen

Ausdruck des Liebhabers der schönen Laura entlehnen dürfen) eine so

bezaubernde Stimme beseelte diese reizende Anrede. Der Inhalt des

Wettgesangs war über den Vorzug der Liebe, die sich auf die Empfindung,

oder derjenigen, die sich auf die bloße Begierde gründet. Nichts könnte

rührender sein, als das Gemälde, welches Danae von der ersten Art der

Liebe machte; "in solchen Tönen", dacht Agathon, "ganz gewiß in keinen

andern, drücken die Unsterblichen einander aus, was sie empfinden; nur

eine solche Sprache ist der Götter würdig." Die ganze Zeit da dieser

Gesang dauerte, deuchte ihn ein Augenblick, und er wurde ganz unwillig,

als Danae auf einmal aufhörte, und eine der Sirenen, von den Flöten ihrer

Schwestern begleitet, kühn genug war, es mit seiner Göttin aufzunehmen.

Allein er wurde bald gezwungen anders Sinnes zu werden, als er sie hörte;

alle seine Vorurteile für die Muse konnten ihn nicht verhindern, sich

selbst zu gestehen, daß eine fast unwiderstehliche Verführung in ihren

Tönen atmete. Ihre Stimme, die an Weichheit und Biegsamkeit nicht

übertroffen werden konnte, schien alle Grade der Entzückungen auszudrücken,

deren die sinnliche Liebe fähig ist; und das weiche Getön der Flöten

erhöhte die Lebhaftigkeit dieses Ausdrucks auf einen Grad, der kaum einen

Unterschied zwischen der Nachahmung und der Wahrheit übrig ließ. "Wenn

die Sirenen, bei denen der kluge Ulysses vorbeifahren mußte, so gesungen

haben", (dachte Agathon) "so hatte er wohl Ursache, sich an Händen und

Füßen an den Mastbaum binden zu lassen." Kaum hatten die Sirenen diesen

Gesang geendiget, so erhub sich ein frohlockendes Klatschen aus dem Wasser,

und die kleinen Tritonen stießen in ihre Hörner, den Sieg anzudeuten, den

sie über die Musen erhalten zu haben glaubten. Allein diese hatten den

Mut nicht verloren: Sie ermunterten sich bald wieder, und fingen eine

Symphonie an, wovon der Anfang eine spottende Nachahmung des Gesanges der

Sirenen zu sein schien. Nach einer Weile wechselten sie die Tonart und

den Rhythmus durch ein Andante, welches in wenigen Takten nicht die

mindeste Spur von den Eindrücken übrig ließ, die der Syrenen Gesang auf

das Gemüte der Hörenden gemacht haben konnte. Eine süße Schwermut

bemächtigte sich Agathons; er sank in ein angenehmes Staunen,

unfreiwillige Seufzer entflohen seiner Brust, und wollüstige Tränen

rollten über seine Wangen herab. Mitten aus dieser rührenden Harmonie

erhob sich der Gesang der schönen Danae, welche durch die eifersüchtigen

Bestrebungen ihrer Nebenbuhlerin aufgefordert war, die ganze

Vollkommenheit ihrer Stimme, und alle Zauberkräfte der Kunst anzuwenden,

um den Sieg gänzlich auf die Seite der Musen zu entscheiden. Ihr Gesang

schilderte die rührenden Schmerzen einer wahren Liebe, die in ihrem

Schmerzen selbst ein melancholisches Vergnügen findet; ihre standhafte

Treue und die Belohnung, die sie zuletzt von der zärtlichsten Gegenliebe

erhält. Die Art wie sie dieses ausführte, oder vielmehr die Eindrücke,

die sie dadurch auf ihren Liebhaber machte, übertrafen alles was man sich

davon vorstellen kann. Sein ganzes Wesen war Ohr, und seine ganze Seele

zerfloß in die Empfindungen, die in ihrem Gesange herrscheten. Er war

nicht so weit entfernt, daß Danae nicht bemerkt hätte, wie sehr er außer

sich selbst war, und wie viel Mühe er hatte, um sich zu halten, aus seinem

Sitz sich in das Wasser herabzustürzen, zu ihr hinüber zu schwimmen, und

seine in Entzückung und Liebe zerschmolzene Seele zu ihren Füßen

auszuhauchen. Sie wurde durch diesen Anblick selbst so gerührt, daß sie

genötiget war, die Augen von ihm abzuwenden, um ihren Gesang vollenden zu

können: Allein sie beschloß bei sich selbst, die Belohnung nicht länger

aufzuschieben, welche sie einer so vollkommenen Liebe schuldig zu sein

glaubte. Endlich endigte sich ihr Lied; die begleitende Symphonie hörte

auf; die beschämten Sirenen flohen in ihre Grotten; die Musen verschwanden;

und der staunende Agathon blieb in trauriger Entzückung allein.

ACHTES KAPITEL

Eine Abschweifung, wodurch der Leser zum Folgenden vorbereitet wird

Wir können die Verlegenheit nicht verbergen, in welche wir uns durch die

Umstände gesetzt finden, worin wir unsern Helden zu Ende des vorigen

Kapitels verlassen haben. Sie drohen dem erhabnen Charakter, den er

bisher mit einer so rühmlichen Standhaftigkeit behauptet, und wodurch er

sich zweifelsohne in eine nicht gemeine Hochachtung bei unsern Lesern

gesetzt hat, einen Abfall, der denenjenigen, welche von einem Helden eine

vollkommene Tugend fordern, eben so anstößig sein wird, als ob sie, nach

allem was bereits mit ihm vorgegangen, natürlicher Weise etwas bessers

hätten erwarten können.

Geschichte des Agathon. Teil 1 · 第 11 / 23 段