Begebenheiten öfters durch große Folgen merkwürdig werden, und sehr kleine
Handlungen uns nicht selten tiefere Blicke in das Inwendige der Menschen
tun lassen, als die feierlichen Handlungen, wozu man, weil sie dem
öffentlichen Urteil ausgesetzt sind, sich ordentlicher Weise in eine
gewisse mit sich selbst abgeredete Verfassung zu setzen pflegt. Die
Gründlichkeit dieser Beobachtung hat uns bewogen, in der Geschichte der
Pantomime, welche das vorige Kapitel ausfüllt, so umständlich zu sein; und
wir hoffen uns deshalb vollkommen zu rechtfertigen, wenn wir diese
Erzählung durch dasjenige ergänzen, was die liebenswürdige Psyche betrifft,
mit welcher der Leser schon im ersten Buche, wiewohl nur im Vorbeigehen,
bekannt zu werden angefangen hat. Diese Psyche, so wie sie war, hatte
bisher unter allen Wesen, welche in die Sinne fallen, (wir setzen diese
Einschränkung nicht ohne Ursach hinzu, so seltsam sie auch in
anti-platonischen Ohren klingen mag) den ersten Platz in seinem Herzen
eingenommen, und er hatte, seitdem sie von ihm entfernt war, kein
Frauenzimmer gesehen, die nicht durch die bloße Erinnerung an Psyche alle
Macht über sein Herz und selbst über seine Sinnen verloren hätte; deren
Bewegungen, wie man weiß, sonst nicht immer mit den erstern so parallel
laufen, als gewisse Romanenschreiber vorauszusetzen scheinen. Die
Wahrheit zu gestehen, so war dieses nicht die Würkung derjenigen
heroischen Treue und Standhaftigkeit in der Liebe, welche in besagten
Romanen zu einer Tugend von der ersten Klasse gemacht wird; Psyche erhielt
sich im Besitz seines Herzens, weil ihm die Erinnerungen, die er von ihr
hatte, angenehmer waren, als die Empfindungen, die ihm irgend eine andre
Schöne einzuflößen vermocht, oder weil er bisher keine andre gesehen hatte,
die so sehr nach seinem Herzen gewesen wäre. Eine Erfahrung von etlichen
Jahren beredete ihn, daß es allezeit so sein würde, und daher kam
vielleicht die Bestürzung, wovon er befallen wurde, als der erste Anblick
der schönen Danae ihm eine Vollkommenheit darstellte, die seiner
Einbildung nach allein jenseits des Mondes anzutreffen sein sollte. Er
müßte nicht Agathon gewesen sein, wenn diese Erscheinung sich nicht seiner
ganzen Seele so sehr bemeistert hätte, wie wir gesehen haben. Niemals,
deuchte ihn, hatte er in einem so hohen Grad und in einer so seltnen
Harmonie alle diese feinern Schönheiten, von denen gemeine Seelen nicht
gerührt zu werden fähig sind, vereiniget gesehen. Ihre Gestalt, ihre
Blicke, ihr Lächeln, ihre Gebärden, ihr Gang, alles hatte diese
Vollkommenheit, welche die Dichter den Göttinnen zuzuschreiben pflegen.
Was Wunder also, daß er in den ersten Stunden nichts als anschauen und
bewundern konnte, und daß seine entzückte Seele noch keine Zeit hatte auf
dasjenige acht zu geben, was in ihr vorging. In der Tat waren alle ihre
übrigen Kräfte so gebunden, daß er wider seine Gewohnheit in dieser ganzen
Zeit sich seiner Psyche eben so wenig erinnerte, als ob sie nie gewesen
wäre. Allein als die junge Tänzerin zum Vorschein kam, welche die Person
der Daphne spielte, so stellte einige ähnlichkeit, die sie würklich in der
Gesichtsbildung und Figur mit Psyche hatte, ihm auf einmal, wiewohl ohne
daß er sich dessen deutlich bewußt war, das Bild seiner abwesenden
Geliebten vor die Augen; seine Einbildungskraft setzte durch eine
gewöhnliche mechanische Würkung Psyche an die Stelle dieser Daphne, und
wenn er so vieles an der Tänzerin auszusetzen fand, so war es im Grunde
nur darum, weil die Vergleichung den Betrug des ersten Anblicks entdeckte,
oder weil sie nicht Psyche war. So gewöhnlich dergleichen Spiele der
Einbildung sind, so selten ist es, daß man den Einfluß deutlich
unterscheidet, den sie auf unsre Urteile oder Neigungen zu haben pflegen.
Agathon selbst, der sich von seiner ersten Jugend an eine Beschäftigung
daraus gemacht hatte, den geheimen Triebfedern seiner innerlichen
Bewegungen nachzuspüren, merkte dennoch nicht eher, was bei diesem Anlaß
in seiner Phantasie vorging, bis der Name Psyche, dieser Name, dessen
bloßer Ton sonst Musik in seinen Ohren gewesen war, ihn erschütterte, und
in eine Verwirrung von Empfindungen setzte, die er selbst zu beschreiben
Mühe gehabt hat; wenn wir anders hievon nach der besondern Dunkelheit, die
in unsrer Urkunde über diese Stelle liegt, urteilen dürfen. Was auch die
Ursache dieser Bestürzung gewesen sein mag, so ist gewiß, daß er weit
davon entfernt war nur zu argwöhnen, der Genius seiner ersten Liebe stutze
vielleicht darüber, eine Nebenbuhlerin in einem Herzen zu finden, welches
er von Psyche allein ausgefüllt zu sehen gewohnt war. Sein Selbstbetrug,
wofern es anders einer war, scheint desto mehr Entschuldigung zu verdienen,
weil dieser geliebte Name würklich in wenig Augenblicken seine ganze
Zärtlichkeit rege machte. Er bemerkte nun erst deutlich die ähnlichkeiten,
welche die beiden Psychen mit einander hatten; er verglich sie mit einem
Vorurteile, welches der Abwesenden so günstig war, daß die Gegenwärtige
ihr nur zum Schatten dienen mußte; ja wir wissen nicht, ob eine so
lebhafte Erinnerung nicht endlich der schönen Danae selbst Abbruch getan
hätte, wenn diese, gleich als ob sie durch eine Art von Divination erraten
hätte was in seiner Seele vorging, nicht auf den glücklichen Einfall
gekommen wäre, sich an den Platz der kleinen Tänzerin zu setzen, um die
Vorstellung auszuführen, welche sich Agathon von einer idealischen Daphne
gemacht, und deren die Geschmeidigkeit ihres Geistes sich so schnell und
so glücklich zu bemächtigen gewußt hatte. Einen schlimmern Streich konnte
sie in der Tat der einen und der andern Psyche nicht spielen. Beide
wurden von ihrem blendenden Glanze, wie benachbarte Sterne von dem vollen
Mond, ausgelöscht. Und wie hätte ihn auch das Bild seiner abwesenden
Geliebten noch länger beschäftigen können, da alle Anschauungskräfte
seiner Seele, auf diesen einzigen bezaubernden Gegenstand geheftet, ihm
kaum zureichend schienen, dessen ganze Vollkommenheit zu empfinden; da er
diese sittliche Venus mit allen ihren geistigen Grazien würklich vor sich
sah, zu deren bloßen Schattenbild ihn Psyche zu erheben vermocht hatte?
Wir wissen nicht, ob man eben ein Hippias sein müßte, um zu glauben, daß
gewisse Schönheiten von einer nicht so unkörperlichen, wiewohl in ihrer
Art eben so vollkommenen Natur, weit mehr als Agathon selbst gewahr wurde,
zu dieser Verzückung in die idealischen Welten beigetragen haben könnten,
worin er während dem pantomimischen Tanz der Danae sich befand. Die
Nymphen-mäßige Kleidung, welche dieser Tanz erforderte, war nur
allzugeschickt diese Reizungen in ihrer ganzen Macht und in dem
mannigfaltigsten Lichte zu entwickeln; und wir müssen gestehen, die Göttin
der Liebe selbst hätte sich nicht zuversichtlicher als die untadelliche
Danae dem Auge der schärfsten Kenner, ja selbst den Augen einer
Nebenbuhlerin, in diesem Aufzug überlassen dürfen. Der Charakter der
ungeschminkten Unschuld, welchen sie so unverbesserlich nachahmte, schien
dadurch einen noch lebhaftern Ausdruck zu erhalten; aber einen so
lebhaften, daß ein jeder andrer als ein Agathon dabei in Gefahr gewesen
wäre, die seinige zu verlieren. Freilich hatten die übrigen Zuschauer
Mühe genug, sich zu enthalten, die Rolle des Apollo in ganzem Ernste zu
machen; aber von unsern Helden hatte Danae nichts zu besorgen; und sie
fand, daß Hippias nicht zuviel von ihm versprochen hatte. Diese
materiellen Schönheiten, die er nicht einmal deutlich unterschied, weil
sie in seinen Augen mit den geistigen in Eins zusammengeflossen waren,
mochten den Grad der Lebhaftigkeit seiner Empfindungen noch so sehr
erhöhen, so konnten sie doch die Natur derselben nicht verändern; niemals
in seinem Leben waren sie reiner, Begierden-freier, unkörperlicher gewesen.
Kurz, so widersinnisch es jenen aus gröberm Stoff gebildeten Erdensöhnen,
welche in dem vollkommensten Weibe nur ein Weib sehen, scheinen mag, so
gewiß war es, daß Danae mit einer Gestalt und in einem Aufzug, welcher
(mit dem weisen Hippias zu reden) einen Geist hätte verkörpern mögen,
diesen seltsamen Jüngling in einen so völligen Geist verwandelte, als man
jemals diesseits und vielleicht auch jenseits des Mondes gesehen hat.
FÜNFTES BUCH
ERSTES KAPITEL
Was die Nacht durch in den Gemütern einiger von unsern Personen
vorgegangen
Wir haben schon so viel von der gegenwärtigen Gemütsverfassung unsers
Helden gesagt, daß man sich nicht verwundern wird, wenn wir hinzusetzen,
daß er den übrigen Teil der Nacht in ununterbrochenem Anschauen dieser
idealen Vollkommenheit zubrachte, die seine Einbildungskraft mit einer ihr
gewöhnlichen Kunst, und ohne daß er den Betrug merkte, an die Stelle der
schönen Danae geschoben hatte. Dieses Anschauen setzte sein Gemüt in eine
so angenehme und ruhige Entzückung, daß er, gleich als ob nun alle seine
Wünsche befriediget wären, nicht das geringste von der Unruhe, den
Begierden, der innerlichen Gärung, der Abwechslung von Frost und Hitze
fühlte, womit die Leidenschaft, mit der man ihn, nicht ohne
Wahrscheinlichkeit, behaftet glauben konnte, sich ordentlicher Weise
anzukündigen pflegt.
Was die Danae betrifft, welche die Ehre hatte, diese erhabene Entzückungen
in ihm zu erwecken, so brachte sie den Rest der Nacht wo nicht mit eben so
erhabenen doch in ihrer Art mit eben so angenehmen Betrachtungen zu.
Agathon hatte ihr gefallen, sie war mit dem Eindruck, den sie auf ihn
gemacht, zufrieden; und sie glaubte, nach den Beobachtungen, die ihr
dieser Abend bereits an die Hand gegeben, daß sie sich selbst mit gutem
Grunde zutrauen könne, ihn, durch die gehörigen Gradationen, zu einem
zweiten und vielleicht standhaftern Alcibiades zu machen. Nichts war ihr
hiebei angenehmer als die Bestätigung des Plans, den sie sich über die Art
und Weise, wie man seinem Herzen am leichtesten beikommen könne, gemacht
hatte. Es ist wahr, daß der Einfall, sich an die Stelle der Tänzerin zu
setzen, ihr erst in dem Augenblick gekommen war, da sie ihn ausführte;
allein sie würde ihn nicht ausgeführt haben, wenn sie nicht die gute
Würkung davon mit einer Art von Gewißheit vorausgesehen hätte. Hätte sie
in dem ersten Augenblick, da sie sich ihm darstellte, in ihren Gebärden,
oder in ihrem Anzug das mindeste gehabt, das ihm anstößig hätte sein
können, so würde es ihr schwer gewesen sein, den widrigen Eindruck dieses
ersten Augenblicks jemals wieder gut zu machen. Agathon mußte in den Fall
gesetzt werden, sich selbst zu hintergehen, ohne es gewahr zu werden; und
wenn er für subalterne Reizungen empfindlich gemacht werden sollte, so
mußte es durch Vermittlung der Einbildungskraft und auf eine solche Art
geschehen, daß die geistigen und die materiellen Schönheiten sich in
seinen Augen vermengten, und daß er in den letztern nichts als den
Widerschein der ersten zu sehen glaubte. Danae wußte sehr wohl, daß die
intelligible Schönheit keine Leidenschaft erweckt, und daß die Tugend
selbst, wenn sie (wie Plato sagt) in sichtbarer Gestalt unaussprechliche
Liebe einflößen würde, diese Würkung mehr der blendenden Weiße und dem
reizenden Contour eines schönen Busens, als der Unschuld, die aus
demselben hervorschimmerte, zuzuschreiben haben würde. Allein das wußte
Agathon noch nicht; er mußte also betrogen werden, und, so wie sie es
anging, konnte sie mit der größten Wahrscheinlichkeit hoffen, daß es ihr
gelingen würde.
Der weise Hippias hatte zuviel Ursache, den Agathon bei dieser Gelegenheit
zu beobachten, als daß ihm das geringste entgangen wäre, was ihn von dem
glücklichen Fortgang seines Anschlags zu versichern schien. Allein er
schmeichelte sich zuviel, wenn er hoffte, Callias werde, in dem
ekstatischen Zustande, worin er zu sein schien, ihn zum Vertrauten seiner
Empfindungen machen. Das Vorurteil, welches dieser wider ihn gefaßt
hatte, verschloß ihm den Mund, so gern er auch dem Strome seiner
Begeisterung den Lauf gelassen hätte. Eine Danae war in seinen Augen ein
so vortrefflicher Gegenstand, und das was er für sie empfand, so rein, so
weit über die brutale Denkungsart eines Hippias erhaben; daß er durch eine
unzeitige Vertraulichkeit gegen diesen Ungeweihten beides zu entheiligen
geglaubt hätte.
ZWEITES KAPITEL
Eine kleine metaphysische Abschweifung
Es gibt so verschiedne Gattungen von Liebe, daß es, wie uns ein Kenner
derselben versichert hat, nicht unmöglich wäre, drei oder vier Personen zu
gleicher Zeit zu lieben, ohne daß sich eine derselben über Untreue zu
beklagen hätte. Agathon hatte in einem Alter von siebzehn Jahren für die
Priesterin zu Delphi etwas zu empfinden angefangen, das derjenigen Art von
Liebe glich, die, nach dem Ausdruck des Fieldings, ein wohlzubereiteter
Rostbeef einem Menschen einflößt, der guten Appetit hat. Diese Liebe
hatte, ehe er selbst noch wußte, was daraus werden könnte, der
Zärtlichkeit weichen müssen, welche ihm Psyche einflößte. Die Zuneigung,
die er zu diesem liebenswürdigen Geschöpfe trug, war eine Liebe der
Sympathie, eine Harmonie der Herzen, eine geheime Verwandtschaft der
Seelen, die sich denen, so sie nicht aus Erfahrung kennen, unmöglich
beschreiben läßt; eine Liebe an der das Herz und der Geist mehr Anteil
nimmt als die Sinnen, und die vielleicht die einzige Art von Verbindung
ist, welche, (wofern sie allgemein sein könnte) den Sterblichen einigen
Begriff von den Verbindungen und Vergnügen himmlischer Geister zu geben
fähig wäre. Wir sehen voraus, daß unsre meisten Leser bei dieser Stelle
die Nase rümpfen, und zweifeln werden, ob wir uns selbst verstehen; allein
wir lassen uns dieses gar nicht anfechten. Sancho, wenn er (wie es ihm
zuweilen begegnete) eine Menge schöner Sachen vorgebracht hatte, wovon
weder sein Herr noch irgend ein andrer, oder auch er selbst etwas
verstehen konnte, pflegte sich damit zu trösten, daß er sagte: "Gott
versteht mich"; und der Geschichtschreiber des Agathons kann es ganz wohl
leiden, daß diese und ähnliche Stellen seines Werkes von allen andern
Lesern für Galimathias gehalten werden, da er versichert ist, daß *** ihn
versteht--Agathon könnte also von dieser gedoppelten Art von Liebe, wovon
eine die Antipode der andern ist, aus Erfahrung sprechen; allein diejenige,
worin jene beiden sich in einander mischen, die Liebe, welche die Sinnen,
den Geist und das Herz zugleich bezaubert, die heftigste, die reizendste
und gefährlichste aller Leidenschaften, war ihm mit allen ihren Symptomen
und Würkungen noch unbekannt; und es ist also kein Wunder, daß sie sich
schon seines ganzen Wesens bemeistert hatte, eh es ihm nur eingefallen war,
ihr zu widerstehen. Es ist wahr, dasjenige was in seinem Gemüte vorging,
nachdem er in zween oder drei Tagen die schöne Danae weder gesehen, noch
etwas von ihr gehört hatte, hätte den Zustand seines Herzens einem
unbefangnen Zuschauer verdächtig gemacht; aber er selbst war weit entfernt
das geringste Mißtrauen in die Unschuld seiner Gesinnungen zu setzen. Was
ist natürlicher, als das Verlangen, das vollkommenste und liebenswürdigste
unter allen Wesen, nachdem man es einmal gesehen hat, immer zu sehen?
Solche Schlüsse macht die Leidenschaft. Aber was sagte denn die Vernunft
dazu? die Vernunft? O, die sagte gar nichts. übrigens müssen wir doch,
es mag nun zur Entschuldigung unsers Helden dienen oder nicht, den Umstand
nicht aus der Acht lassen, daß er von der schönen Danae nichts anders
wußte, als was er gesehen hatte. Der Charakter, den ihr die Welt beilegte,
war ihm gänzlich unbekannt; er hatte noch keinen Anlaß, und, die Wahrheit
zu sagen, auch kein Verlangen gehabt, sich darnach zu erkundigen.
DRITTES KAPITEL
Worin die Absichten des Hippias einen merklichen Schritt machen
Inzwischen waren ungefähr acht Tage verflossen, welche dem
stillschweigenden und melancholischen Agathon, zu großem Vergnügen des
boshaften Sophisten, achthundert Jahre dauchten, als dieser an einem
Morgen zu ihm kam, und mit einer gleichgültigen Art zu ihm sagte: "Danae
hat einen Aufseher über ihre Gärten und Landgüter vonnöten; was sagst du
zu dem Einfall, den ich habe, dich an diesen Platz zu setzen? Mich daucht,
du würdest dich nicht übel zu einem solchen Amte schicken; hast du nicht
Lust in ihre Dienste zu treten?" Ein Wort, welches Bestürzung und
übermäßige Freude, Mißtrauen und Hoffnung, Erblassen und Glühen zu
gleicher Zeit ausdrückte, würde uns wohl zustatten kommen, die Verwirrung
auszudrücken, worein diese Anrede den guten Agathon setzte. Sie war zu
groß, als daß er sogleich hätte antworten können. Allein die Augen des
Hippias, in denen er einen Teil der Bosheit lase, die der Sophist zu
verbergen sich bemühte, gaben ihm bald die Sprache wieder. "Wenn du Lust
hast, dich auf diese Art von mir los zu machen", versetzte er mit so
vieler Fassung als ihm möglich war, "so hab ich nur eine Bedenklichkeit -"
"Und diese ist?" "--daß ich mich sehr schlecht auf die Landwirtschaft
verstehe." "Das hat nichts zu bedeuten", antwortete der Sophist; "du
wirst Leute unter dir haben, die sich desto besser darauf verstehen, und
das ist genug. Im übrigen glaube ich, daß du mit Vergnügen in diesem
Hause sein wirst. Du liebest das Landleben, und du wirst Gelegenheit
haben alle seine Annehmlichkeiten zu schmecken. Wenn du es zufrieden bist,
so geh ich, um diese Sache in Richtigkeit zu bringen." "Du hast dir das
Recht erkauft, mit mir zu machen was du willt", erwiderte Agathon. "Die
Wahrheit zu sagen", fuhr Hippias fort, "ungeachtet der kleinen
Mißhelligkeiten unsrer Köpfe, verlier ich dich ungern: Allein Danae
scheint es zu wünschen, und ich habe Verbindlichkeiten gegen sie; sie hat,
ich weiß nicht woher, eine große Meinung von deiner Fähigkeit gefaßt, und
da ich alle Tage Gelegenheit haben werde, dich in ihrem Hause zu sehen, so
kann ich mirs um so eher gefallen lassen, dich an eine Freundin abzutreten,
von der ich gewiß bin, daß dir so begegnet werden wird, wie du es
verdienest." Agathon beharrte in dem Ton der Gleichgültigkeit, den er
angenommen hatte, und Hippias, dem es Mühe genug kostete, die Spöttereien
zurückzuhalten, die ihm alle Augenblicke auf die Lippen kamen, verließ ihn,
ohne sich merken zu lassen, daß er wüßte, was er von dieser
Gleichgültigkeit denken sollte. Das Betragen Agathons bei diesem Anlaß
wird ihn vielleicht in den Verdacht setzen, daß er sich bewußt gewesen sei,
daß es nicht richtig in seinem Herzen stehe, warum hätte er sonst nötig
gehabt sich zu verbergen? Allein man muß sich der Vorurteile erinnern, die
er wider den Sophisten gefaßt hatte, um zu sehen, daß er vollkommen in
seinem Charakter blieb, indem er Empfindungen vor ihm zu verbergen suchte,
die einem so unverbesserlichen Anti-Platon ganz unverständlich oder
vollkommen lächerlich gewesen wären. Die Freude, welcher er sich überließ,
so bald er sich allein sah, läßt uns keinen Zweifel übrig, daß er damals
noch nicht das geringste Mißtrauen in sein Herz gesetzt habe. Diese
Freude war über allen Ausdruck.
Liebhaber von einer gewissen Art können sich eine Vorstellung davon machen,
welche der allerbesten Beschreibung wert ist; und den übrigen würde diese
Beschreibung ohngefähr so viel helfen, als eine Seekarte einem Fußgänger.
Die unvergleichliche Danae wieder zu sehen; nicht nur wieder zu sehen, in
ihrem Hause zu sein, unter ihren Augen zu leben, ihres Umgangs zu genießen,
vielleicht--ihrer Freundschaft gewürdiget zu werden--hier hielt seine
entzückte Einbildungskraft stille. Die Hoffnungen eines gewöhnlichen
Liebhabers würden weiter gegangen sein; allein Agathon war kein
gewöhnlicher Liebhaber. "Ich liebe die schöne Danae", sagte Hyacinthus,
da er nach ihrem Genuß lüstern war; "eben darum liebt ihr sie nicht",
würde ihm die Sokratische Diotima geantwortet haben. Derjenige, der in
dem Augenblick, da ihm seine Geliebte den ersten Kuß auf ihre Hand
gestattet, einen Wunsch nach einer größern Glückseligkeit hat, muß nicht
sagen, daß er liebe.
VIERTES KAPITEL
Veränderung der Szene
Danae hatte von der Freigebigkeit des Prinzen Cyrus, außer dem Hause,
welches sie zu Smyrna bewohnte, ein Landgut, in der anmutigsten Gegend
außerhalb dieser Stadt, wo sie von Zeit zu Zeit einige dem Vergnügen
geweihte Tage zuzubringen pflegte. Hieher mußte sich Agathon begeben, um
von seinem neuen Amte Besitz zu nehmen, und dasjenige zu veranstalten, was
zum Empfang seiner Gebieterin nötig war, welche sich vorgenommen hatte,
den Rest der schönen Jahrszeit auf dem Lande zu genießen. Wir
widerstehen der Versuchung, eine Beschreibung von diesem Landgut zu machen,
um dem Leser das Vergnügen zu lassen, sich dasselbe so wohlangelegt, so
prächtig und so angenehm vorzustellen als er selbst es will. Alles, was
wir davon sagen wollen, ist, daß diejenigen, deren Einbildungskraft
einiger Unterstützung nötig hat, den sechszehnten Gesang des "befreiten
Jerusalems" lesen müßten, um sich eine Vorstellung von dem Orte zu machen,
den sich diese griechische Armide zum Schauplatz der Siege auswählte, die
sie über unsern Helden zu erhalten hoffte. Sie fand nicht für gut, oder
konnte es nicht über sich selbst erhalten, ihn lange auf ihre Ankunft
warten zu lassen; und sie war kaum angelangt, als sie ihn zu sich rufen
ließ, und ihn durch folgende Anrede in eine angenehme Bestürzung setzte:
"Die Bekanntschaft, die wir vor einigen Tagen mit einander gemacht haben,
wäre, auch ohne die Nachrichten, die mir Hippias von dir gegeben, schon
genug gewesen, mich zu überzeugen, daß du für den Stand nicht geboren bist,
in den dich ein widriger Zufall gesetzt hat. Die Gerechtigkeit, die ich
Personen von Verdiensten widerfahren zu lassen fähig bin, gab mir das
Verlangen ein, dich aus einer Abhänglichkeit von dem Hippias zu setzen,
welche die Verschiedenheit deiner Denkungsart von der seinigen, dir in die
Länge beschwerlich gemacht hätte. Er hatte die Gefälligkeit, dich mir
als eine Person vorzuschlagen, die sich schickte, die Stelle eines
Aufsehers in meinem Hause zu vertreten. Ich nahm sein Erbieten an, um das
Vergnügen zu haben, den Gebrauch davon zu machen, den ich deinen
Verdiensten und meiner Denkungsart schuldig bin. Du bist frei, Callias,
und vollkommen Meister zu tun was du für gut befindest. Kann die
Freundschaft, die ich dir anbiete, dich bewegen bei mir zu bleiben, so
wird der Name eines Amtes, von dessen Pflichten ich dich völlig
freispreche, wenigstens dazu dienen, der Welt eine begreifliche Ursache zu
geben, warum du in meinem Hause bist; wo nicht, so soll das Vergnügen,
womit ich zu Beförderung der Entwürfe, die du wegen deines künftigen
Lebens machen kannst, die Hand bieten werde, dich von der Lauterkeit der
Bewegungsgründe überzeugen, welche mich so gegen dich zu handeln
angetrieben haben." Die edle und ungezwungene Anmut, womit dieses
gesprochen wurde, vollendete die Würkung, die eine so großmütige Erklärung
auf den Empfindungs-vollen Agathon machen mußte, "was für eine Art zu
denken! was für eine Seele!" Konnt' er weniger tun, als sich zu ihren
Füßen werfen, um in Ausdrücken, deren Verwirrung ihre ganze Beredsamkeit
ausmachte, der Bewundrung und der Dankbarkeit Luft zu machen, deren
übermaß seine Brust zersprengen zu wollen schien. "Keine Danksagungen,
Callias", unterbrach ihn die großmütige Danae, "was ich getan habe, ist
nicht mehr als ich einem jeden andern, der deine Verdienste hätte, eben
sowohl schuldig zu sein glaubte -" "Ich habe keine Ausdrücke für das was
ich empfinde, anbetungswürdige Danae", rief der entzückte Agathon, "ich
nehme dein Geschenk an, um das Vergnügen zu genießen, dein freiwilliger
Sklave zu sein; eine Ehre, gegen die ich die Krone des Königs von Persien
verschmähen würde. Ja, schönste Danae, seitdem ich dich gesehen habe,
kenne ich kein größeres Glück als dich zu sehen; und wenn alles, was ich
in deinem Dienste tun kann, fähig sein kann, dich von der
unaussprechlichen Empfindung, die ich von deinem Werte habe, zu überzeugen;
würdig sein kann, mit einem zufriednen Blick von dir belohnt zu werden--o
Danae! wer wird denn so glücklich sein als ich?" "Laßt uns", sagte die
bescheidne Nymphe, "ein Gespräch enden, das die allzugroße Dankbarkeit
deines Herzens auf einen zu hohen Ton gestimmt hat. Ich habe dir gesagt,
auf was für einem Fuß du hier sein wirst. Ich sehe dich als einen Freund
meines Hauses an, dessen Gegenwart mir Vergnügen macht, dessen Wert ich
hoch schätze, und dessen Dienste mir in meinen Angelegenheiten desto
nützlicher sein können, da sie freiwillig und die Frucht einer
uneigennützigen Freundschaft sein werden." Mit diesen Worten verließ sie
den dankbaren Agathon, in dessen Erklärung einige vielleicht Schwulst und
Unsinn, oder wenigstens zuviel Feuer und Entzückung gefunden haben werden.
Allein sie werden sich zu erinnern belieben, daß Agathon weder in einer
so gelassenen Gemütsverfassung war, wie sie; noch alles wußte, was sie
durch unsere Indiskretion von der schönen Danae erfahren haben. Wir
wissen freilich was wir ungefähr von ihr denken sollen; allein in seinen
Augen war sie eine Göttin; und zu ihren Füßen liegend konnte er, zumal bei
der Verbindlichkeit, die er ihr hatte, natürlicher Weise, diese Danae
nicht mit einer so philosophischen Gleichgültigkeit ansehen, wie wir
andern.