Aspasia von Milet sei, die, nachdem sie in ihrer Vaterstadt die Kunst der
Galanterie, wovon sie Profession machte, durch die Verbindung derselben
mit der Philosophie und den Künsten der Musen, zu jenem Grade der
Vollkommenheit erhoben hatte, der sie zur wahren Erfinderin derselben zu
machen schien, nach Athen gezogen war, wo sie sich ihrer seltnen Vorzüge
auf eine so kluge Art zu bedienen gewußt, daß sie sich endlich zur
unumschränkten Beherrscherin des großen Perikles, der das ganze
Griechenland beherrschte, oder wie die komischen Dichter ihrer Zeit sich
ausdrückten, zur Juno dieses atheniensischen Jupiters erhoben hatte.
Allein die Vermutungen, worauf sich diese Meinung von der Abkunft der
Danae gründeten, können nicht für hinlänglich angesehen werden, das
Zeugnis verschiedner Geschichtschreiber zu überwägen, welche versichern,
daß sie aus der Insel Scios gebürtig gewesen, und nach dem Tod ihrer
Eltern, in ihrem vierzehnten Jahr mit einem Bruder nach Athen gekommen, um
in dieser Stadt, worin alle angenehmen Talente willkommen waren, durch die
ihrigen ihren Unterhalt zu gewinnen. Die Kunst, welche sie hier trieb,
war eine Art von pantomimischen Tänzen, wozu gemeiniglich nur eine oder
zwo Personen erfordert wurden, und worin die tanzende Person, nach der
Modulation einer Flöte oder Leier, gewisse Stücke aus der Götter--und
Heldengeschichte der Griechen, durch Gebärden und Bewegungen vorstellte.
Allein, da diese Kunst wegen der Menge derer die sie trieben, nicht
zureichte sie zu unterhalten, so sahe sich die junge Danae genötiget, den
Künstlern zu Athen die Dienste eines Models zu tun; und erhielt dadurch
außer dem Nutzen, den sie davon zog, die schmeichelnde Ehre, bald als
Diana, bald als Venus auf die Altäre gestellt, die Bewunderung der Kenner
und die Anbetung des Pöbels zu erhalten. Bei einer solchen Gelegenheit
trug es sich zu, daß sie von dem jungen Alcibiades überraschet, und in der
Stellung der Danae des Acrisius, welche sie eben vorstellte, allzureizend
befunden wurde, als daß einem geringern als Alcibiades auch nur der
Anblick so vieler Schönheiten erlaubt sein sollte. Auf der andern Seite
wurde die junge Danae von der Figur, den Manieren, dem Stand und den
Reichtümern dieses liebenswürdigen Verführers so sehr eingenommen, daß er
keine große Mühe hatte, sie zu bereden sich in seinen Schutz zu begeben.
Er brachte sie also in das Haus der Aspasia, welches zu gleicher Zeit eine
Akademie der schönsten Geister von Athen, und eine Frauenzimmer-Schule war,
worin junge Mädchen von den vorzüglichsten Gaben, unter der Aufsicht
einer so vollkommen Meisterin, eine Erziehung erhielten, welche sie zu der
Bestimmung geschickt machen sollte, die Großen und die Weisen der Republik
in ihren Ruhestunden zu ergötzen. Danae machte sich diese Gelegenheit
sowohl zu Nutze, daß sie die Gunst, und endlich selbst die Vertraulichkeit
der Aspasia erhielt, welche, weit über die Niederträchtigkeit gemeiner
Seelen erhaben, sich mit so vielem Vergnügen in dieser jungen Person
wieder hervorgebracht sah, daß sie dadurch zu der Vermutung Anlaß gab,
deren wir bereits Erwähnung getan haben. Inzwischen genoß Alcibiades
allein der Früchte einer Erziehung, wodurch die natürlichen Gaben seiner
jungen Freundin zu einer Vollkommenheit entwickelt wurden, die ihr den
Namen der zweiten Aspasia erwarb; und die schöne Danae legte sich selbst
die Pflicht auf, eine Treue gegen ihn zu beobachten, die er nicht zu
erwidern nötig fand. Da die Liebe zur Veränderung eine stärkere
Leidenschaft bei ihm war, als die Liebe die ihm irgend ein Frauenzimmer
einflößen konnte, so mußte auch Danae, nachdem sie sich eine geraume Zeit
in dem ersten Platz bei ihm erhalten hatte, einer andern weichen, die
keinen Vorzug vor ihr hatte, als daß sie ihm neu war. So schwach Danae
von einer gewissen Seite sein mochte, so edel war ihr Herz in andern
Stücken. Sie liebte den Alcibiades, weil sie von seiner Person und von
seinen Eigenschaften bezaubert war, und dachte wenig daran, von seinen
Reichtümern Vorteil zu ziehen. Sie würde also nichts von ihm übrig
behalten haben, als das Andenken von dem liebenswürdigsten Mann ihrer Zeit
geliebt worden zu sein; wenn er nicht eben so stolz und freigebig gewesen
wäre, als sie, wider die Gewohnheit ihrer Gespielen, uneigennützig war.
"Ich verlasse dich Danae", sagte er zu ihr, "allein ich werde nicht
zugeben, daß diejenige, die einst dem Alcibiades zugehörte, jemals
genötiget sein soll, dem Reichsten zu überlassen, was nur dem
Liebenswürdigsten gehört." Mit diesen Worten drang er ihr eine Summe auf,
die mehr als zulänglich war, sie von dieser Seite außer aller Gefahr zu
setzen. Der Tod der Aspasia und die Veränderungen, die er nach sich zog,
bewogen sie, wenige Jahre darauf Athen zu verlassen, und nach etlichen
Begebenheiten, an denen ihr Herz keinen geringen Anteil hatte, Smyrna zu
ihrem beständigen Sitz zu erwählen. Hier hatte sie Gelegenheit dem
jüngern Cyrus bekannt zu werden, dessen liebenswürdige Eigenschaften durch
die Feder des Xenophon eben so bekannt worden sind, als der unglückliche
Ausgang der Unternehmung, wodurch er sich auf den Thron des ersten Cyrus
zu schwingen hoffte. Ihr erster Anblick unterwarf ihr das Herz dieses
Prinzen, der so empfindlich gegen diejenige Art von Reizungen war, wodurch
sich die Schülerinnen der Aspasia von den lebenden Statuen unterschieden,
die in den Morgenländern zum Vergnügen der Großen bestimmt werden, und in
der Tat zu dem einzigen Gebrauch den diese von ihnen zu machen wissen,
wenig Seele nötig haben. Allein so schmeichelhaft diese Eroberung für sie
war, so konnte sie doch nichts bewegen, ihn nach Sardes zu begleiten, und
ihre Freiheit der Ehre aufzuopfern, die erste seiner Sklavinnen zu sein.
Sie blieb also in Smyrna zurück, wo sie durch die großmütige Freigebigkeit
des Cyrus, der sich hierin von keinem Athenienser übertreffen lassen
wollte, in den Stand gesetzt war, ihre einzige Sorge sein zu lassen, wie
sie auf die angenehmste Art leben wollte. Sie bediente sich dieses Glücks,
wie es der Name der zwoten Aspasia erfoderte. Ihre Wohnung schien ein
Tempel der Musen und Grazien zu sein, und wenn Amor von einer so reizenden
Gesellschaft nicht ausgeschlossen war, so war es jener Amor, den die Musen
beim Anacreon mit Blumenkränzen binden, und der sich in dieser
Gefangenschaft so wohl gefällt, daß Venus ihn vergeblich bereden will,
sich in seine vorige Freiheit setzen zu lassen. Die Spiele, die Scherze
und die Freuden, (wenn es uns erlaubt ist, die Sprache Homers zu
gebrauchen, wo die gewöhnliche zu matt scheint), schlossen mit den
lächelnden Stunden einen unauflöslichen Reihentanz um sie her, und
Schwermut, überdruß, und Langeweile waren mit allen andern Feinden der
Ruhe und des Vergnügens aus diesem Wohnplatz der Freude verbannt.
Wir haben, deucht uns, schon mehr als genug gesagt, um unsre Leser in
keine mittelmäßige Sorge für die Tugend unsers Helden zu setzen. In der
Tat hatte er sich noch niemals in Umständen befunden, wo wir weniger
hoffen dürfen, daß sie sich werde erhalten können; die Gefahr worin sie
bei der üppigen Pythia, unter den rasenden Bachantinnen und in dem Hause
des weisen Hippias, welches dem Stalle der Circe so ähnlich sah,
geschwebet hatte, verdient nur nicht neben derjenigen genannt zu werden,
welcher wir ihn bald ausgesetzt sehen werden, und deren wir ihn gerne
überhoben hätten, wenn uns die Pflichten eines Geschichtschreibers
erlaubten, unsrer freundschaftlichen Parteilichkeit für ihn, auf Unkosten
der Wahrheit nachzugeben.
VIERTES KAPITEL
Wie gefährlich es ist, der Besitzer einer verschönernden Einbildungskraft
zu sein
Wenn eine lebhafte Einbildungskraft ihrem Besitzer eine unendliche Menge
von Vergnügen gewährt, die den übrigen Sterblichen versagt sind; wenn ihre
magische Würkung alles Schöne in seinen Augen verschönert, und ihn da in
Entzückung setzt, wo andre kaum empfinden; wenn sie in glücklichen Stunden,
ihm diese Welt zu einem Paradiese macht, und in traurigen seine Seele von
der Szene seines Kummers hinwegzieht, und in andre Welten versetzt, die
durch die vergrößernden Schatten einer vollkommnen Wonne seinen Schmerz
bezaubern: So müssen wir auf der andern Seite gestehen, daß sie nicht
weniger eine Quelle von Irrtümern, von Ausschweifungen und von Qualen für
ihn ist, wovon er, selbst mit Beihülfe der Weisheit und mit der feurigsten
Liebe zur Tugend, sich nicht eher losmachen kann, bis er, auf welche Art
es nun sein mag, so weit gekommen ist, die allzugroße Lebhaftigkeit
derselben zu mäßigen. Der weise Hippias hatte, die Wahrheit zu gestehen,
unserm Helden sehr wenig Unrecht getan, als er ihm eine Einbildungskraft
von dieser Art zuschrieb; ob wir ihm gleich in Absicht des Mittels nicht
völlig beifallen können, wodurch selbige, seiner Meinung nach, am besten
in das gehörige Gleichgewicht mit den übrigen Kräften der Seele gesetzt
werden könne. Die schlaue Danae hatte sich aus der Beschreibung des
Hippias eine solche Vorstellung von dem Agathon gemacht, daß sie alles
gewonnen zu haben glaubte, wenn sie nur seine Einbildungskraft auf ihre
Seite gebracht haben würde. Hippias, dachte sie, hatte nur darin gefehlt,
daß er ihn durch die Sinnen verführen wollte. Auf diese Voraussetzung
machte sie einen Plan, über den sie nicht wenig vergnügt war; und dachte
so wenig daran, daß die Ausführung sie ihr eignes Herz kosten könnte, als
Agathon sich von der Gefahr träumen ließ, die dem seinigen zubereitet
wurde. Endlich kam die Stunde, die dem Hippias bestimmt worden war.
Agathon begleitete seinen Herrn, ohne zu wissen wohin. Sie traten in
einen Palast, der auf einer doppelten Reihe von jonischen Säulen ruhte,
und mit vielen vergoldeten Bildsäulen ausgezieret war. Das Inwendige
dieses Hauses stimmte vollkommen mit der Pracht des äußerlichen Anblicks
überein. Allenthalben begegnete ihm das geschäftige Gewimmel von
unzählichen Sklaven und Sklavinnen, wovon die erstern alle unter zwölf
Jahren zu sein schienen, und so wie die letztern von außerordentlicher
Schönheit waren. Ihre Kleidung stellte dem Aug' eine angenehme
Verbindung der Einförmigkeit mit der Abwechslung vor; einige waren in weiß,
andre in himmelblau, andre in rosenfarb, andre in andre Farben gekleidet,
und jede Farbe schien eine besondere Klasse zu bezeichnen, welcher ihre
eigne Dienste angewiesen waren. Agathon, auf den alles lebhaftere
Eindrücke machte, als es nötig war, um nach dem Maßstab der Moralisten
genug zu sein, wurde durch alles was er sah, so sehr bezaubert, daß er
sich in eine von seinen idealischen Welten versetzt glaubte. Allein eh er
Zeit hatte zu sich selbst zu kommen, führte ihn Hippias in einen großen
und hellerleuchteten Saal, worin die Gesellschaft versammelt war, welche
sie vermehren sollten. Er hatte kaum einen Blick auf sie geworfen, als
die schöne Danae ihm mit einer Anmut und Leutseligkeit die ihr eigen war,
entgegen kam, und ihm sagte, daß ein Freund des Hippias das Recht habe,
sich in ihrem Hause und in dieser Gesellschaft als einheimisch anzusehen.
Ein so verbindliches Kompliment verdiente wohl eine Antwort in eben diesem
Ton; allein Agathon war in diesem Augenblick außer Stand, höflich zu sein:
Ein Blick, womit man den äußersten Grad des angenehmsten Erstaunens malen
müßte, war alles, was er auf diese Anred' erwidern konnte. Die
Gesellschaft, die er versammelt fand, war aus lauter solchen Personen
zusammengesetzt, welche die Vorrechte des vertrautesten Umgangs in diesem
Hause genossen, und die attische Urbanität, die von der spröden,
regelmäßigen und manierenreichen Politesse der heutigen Europäer so sehr
verschieden war, in einem so hohen Grad als Danae selbst, besaßen. In
einer Gesellschaft nach der heutigen Art würde Agathon, in den ersten
Augenblicken, da er sich darstellte, zu einer unendlichen Menge von
boshaften und spöttischen Anmerkungen Stoff gegeben haben; allein in
dieser war ein flüchtiger Blick alles, was er auszuhalten hatte. Die
Unterredung wurde fortgesetzt, niemand zischelte dem andern ins Ohr, oder
schien das Erstaunen zu bemerken, mit der seine Augen die schöne Danae zu
verschlingen schienen; kurz, man ließ ihm alle Zeit die er brauchte um
wieder zu sich selbst zu kommen, wofern sich anders dieser Ausdruck für
die Verfassung schickt, in der er sich diesen ganzen Abend durch befand.
Vielleicht erwartet man, daß wir eine nähere Erläuterung über diesen
außerordentlichen Eindruck geben sollen, welchen Danae auf unsern
allzureizbaren Helden machte; allein wir sehen uns noch außer Stand, die
Neugierde des Lesers über einen Punkt zu befriedigen, wovon Agathon selbst
noch nicht fähig gewesen wäre, Rechenschaft zu geben: Soviel können wir
inzwischen sagen, daß diese Dame dem Anschein nach niemals weniger
erwarten konnte, eine solche Würkung zu machen; so wenig Mühe hatte sie
sich gegeben, durch einen schlauen Putz ihre Reizungen in ein günstiges
Licht zu setzen. Ein Kleid von weißem Taft, mit kleinen Streifen von
Purpur, und eine halberöffnete Rose in ihrem schwarzen Haar, machte ihren
ganzen Staat aus; und von der Durchsichtigkeit, wodurch die Kleidung der
Cyane den Augen unsers Helden anstößig gewesen, war die ihrige so weit
entfernt, daß man mit besserm Recht an ihr hätte aussetzen können, daß sie
zu sehr verhüllt sei. Es ist wahr, sie hatte Sorge getragen, daß ein
kleiner niedlicher Fuß, der an Weiße den Alabaster übertraf, dem Auge
nicht immer entzogen würde; und die ganze Schönheit ihres Gesichts war
nicht vermögend, den Agathon aufmerksam zu erhalten, wenn sich dieser
reizende Fuß sehen ließ. Allein dieses, und eine schneeweiße Hand mit dem
Anfang eines vollkommen schönen Arms war alles, was das neidische Gewand
den vorwitzigen Blicken nicht versagte; was es also auch sein mochte, was
in seinem Herzen vorging, so ist doch dieses gewiß, daß an der Person und
dem Betragen der schönen Danae nicht das mindeste zu entdecken war, das
einige besondere Absicht auf unsern Helden hätte anzeigen können; und daß
sie, es sei nun aus Unachtsamkeit oder Bescheidenheit, nicht einmal zu
bemerken schien, daß Agathon für sie allein Augen, und über ihrem
Anschauen den Gebrauch aller andern Sinnen verloren hatte.
FÜNFTES KAPITEL
Pantomimen
Nach Endigung der Mahlzeit, bei welcher Agathon beinahe einen bloßen
Zuschauer abgegeben hatte, trat ein Tänzer und eine junge Tänzerin herein,
die nach der Modulation eben so vieler Flöten die Geschichte des Apollo
und der Daphne tanzten. Die Geschicklichkeit der Tanzenden befriedigte
alle Zuschauer; alles an ihnen war Seele und Ausdruck, und man glaubte sie
immer zu hören, ob man sie gleich nur sah. "Wie gefällt dir diese
Tänzerin, Callias", fragte Danae den Agathon, welcher nur mittelmäßig
aufmerksam auf dieses Spiel zu sein schien, und der einzige war, der nicht
beobachtete, daß die Tänzerin von ungemeiner Schönheit, und eben so wie
Cyane, kaum mit etwas mehr als gewebter Luft umhüllt war. "Mich deucht",
versetzte Agathon, der itzt erst anfing sie aufmerksamer anzusehen, "mich
deucht, daß sie, vielleicht aus allzugroßer Begierde zu gefallen, den
Charakter verläßt den sie vorstellen soll. Warum sieht sie sich im
Fliehen um? Und mit einem Blick, der es ihrem Verfolger zu verweisen
scheint, daß er nicht schneller ist als sie?--Gut, sehr gut!" (fuhr er
fort, wie die Stelle kam, wo Daphne den Flußgott um Hülfe anruft,)
"unverbesserlich! Wie sie mitten in ihrem Gebet sich verwandelt! Wie sie
erbleicht! Wie sie schauert! Ihre Füße wurzeln mitten in einer
schreckhaften Bewegung ein; umsonst will sie ihre ausgebreiteten Arme
zurückziehen.--Aber warum dieser zärtlichbange Blick auf ihren Liebhaber?
Warum diese Träne, die in ihrem Auge zu erstarren scheint?"--Ein
allgemeines Lächeln beantwortete die Frage Agathons. "Du tadelst gerade",
versetzte zuletzt einer von den Gästen, "was wir am meisten bewundern.
Eine gewöhnliche Tänzerin würde nicht fähig gewesen sein, deinen Tadel zu
verdienen. Es ist unmöglich mehr Geist, mehr Feinheit und einen schönern
Kontrast in diese Rolle zu bringen, als die kleine Psyche, (so hieß die
Tänzerin) getan hat." Daphne selbst war nicht bestürzter gewesen, da sie
sich verwandelt fühlte, als Agathon in dem Augenblick, als er den Namen
Psyche hörte; er stockte mitten in einem Worte, das er sagen wollte; er
errötete, und seine Verwirrung war so merklich, daß Danae, welche sie der
Beschämung seines Tadels zuschrieb, für nötig hielt, ihm zu Hülfe zu
kommen. "Der Tadel des Callias", sagte sie, "beweist, daß er den Geist,
womit Psyche ihre Rolle gespielt, so gut empfunden hat, als Phädrias.
Aber vielleicht ist er darum nicht minder gegründet. Psyche sollte die
Person der Daphne gespielt haben, und hat ihre eigene gespielt; ist es
nicht so, Psyche? Du dachtest, wie würde mir's an Daphnens Stelle gewesen
sein?"--"Und wie hätte ichs anders machen können, meine Gebieterin?"
fragte die kleine Tänzerin. "Du hättest den Charakter annehmen sollen,
den ihr die Dichter geben, und hast dich begnügt dich selbst in ihre
Umstände zu setzen." "Was für ein Charakter ist denn das", erwiderte
Psyche. "Einer Spröden", sagte der weise Hippias; "das ist der
Lieblings-Charakter des Callias." Abermalige Gelegenheit zum Erröten für
den guten Agathon. "Du hast es nicht erraten", sagte er; "der Charakter,
den Daphne nach meiner Idee haben soll, ist Gleichgültigkeit und Unschuld;
sie kann beides haben, ohne eine Spröde zu sein." "Psyche verdient also
desto mehr Lob", erwiderte Phädrias (für den sie, wie die Geschichte
meldet, noch etwas mehr als eine Tänzerin war) "weil sie den Charakter
verschönert hat, den sie vorstellen sollte. Der Streit zwischen Liebe und
Ehre erfordert mehr Genie um nachgeahmt zu werden, und ist für den
Zuschauer rührender, als die Gleichgültigkeit, die ihr Callias geben will.
Und zudem, wo ist die junge Nymphe, die gegen die Liebe eines so schönen
Gottes wie Apollo ist, gleichgültig sein könnte?" "Ich bin deiner
Meinung", sagte Hippias. "Daphne flieht vor dem Apollo, weil sie ein
junges Mädchen ist; und weil sie ein junges Mädchen ist, so wünscht sie
heimlich, daß er sie erhaschen möge. Warum sieht sie sich so oft um, als
um ihm zu verweisen, daß er nicht schneller sei? Wie er ihr so nahe ist,
daß sie nicht mehr entfliehen kann, so fleht sie dem Flußgotte, daß er sie
verwandeln soll. Grimasse! Warum stürzte sie sich nicht in den Fluß,
wenn es ihr Ernst war? Sie tat was eine Nymphe tun soll, da sie den
Flußgott anrief; das war in der Ordnung: Aber wer konnte auch fürchten, so
schnell erhört zu werden? Und in welchem Augenblick konnte sie es weniger
wünschen, als in eben diesem, da sie sich von den begierigen Armen ihres
Liebhabers schon umschlungen fühlte? Hatte sie sich denn aus einem andern
Grund außer Atem geloffen, als damit er sie desto gewisser erhaschen
möchte? Was ist also natürlicher als der Unwille, der Schmerz und die
Traurigkeit, womit sie sein Betragen erwidert, da sie die Arme, womit sie
ihn--zurückstoßen will, zu Lorbeerzweigen erstarret fühlt? Selbst der
zärtliche Blick ist natürlich; die Verstellung hört auf, wenn man in einen
Lorbeerbaum verwandelt wird. War nicht dieses das ganze Spiel der
Psyche? Und kann etwas natürlicher sein? Es ist der Charakter eines
jungen Mädchens; eines von denen jungen Mädchen, versteht sichs, mein
lieber Callias, wie man sie in dieser materiellen Welt findet." "Ich
ergebe mich", versetzte Agathon; "die Tänzerin hat alles getan, was man
von ihr fodern konnte, und ich war lächerlich zu erwarten, daß sie die
Idee ausführen sollte, die ich von einer Daphne in meiner Phantasie habe."
Agathon hatte dieses kaum gesprochen, als Danae, ohne ein Wort zu sagen,
aufstund, der Tänzerin einen Wink gab, und mit ihr verschwand. In einer
kleinen Weile kam die Tänzerin allein wieder zurück, die Flöten fingen
wieder an, und Apollo und Daphne wiederholten ihre Pantomime. Aber wie
erstaunte Agathon als er sah, daß es Danae selbst war, die in der Kleidung
der Tänzerin die Person der Daphne spielte! Armer Agathon! Allzureizende
Danae! Wer hätte es glauben sollen? Ihr ganzes Spiel drückte die eigenste
Idee des Agathon aus, aber mit einer Anmut, mit einer Zauberei, wovon ihm
seine Phantasie keine Idee gegeben hatte. Die Empfindungen, von denen
seine Seele in diesen Augenblicken überfallen wurde, waren so lebhaft, daß
er sich bemühte, seine Augen von diesem zu sehr bezaubernden Gegenstand
abzuziehen; aber vergeblich! Eine unwiderstehliche Gewalt zog sie zurück.
Wie edel, wie schön waren ihre Bewegungen! Mit welch einer rührenden
Einfalt drückte sie den Charakter der Unschuld aus! Er sah noch in
sprachloser Entzückung nach dem Orte, wo sie zum Lorbeerbaum erstarrte,
als sie schon wieder verschwunden war, ohne das Lob und das Händeklatschen
der Zuschauer zu erwarten, welche nicht Worte genug finden konnten, das
Vergnügen auszudrücken, das ihnen Danae durch diese unerwartete Probe
ihres Talents gemacht hatte. In wenigen Minuten kam sie schon wieder in
ihrer eignen Person zurück. "Wie sehr ist Callias dir verbunden, schöne
Danae", sagte Phädrias indem sie hereintrat! "Du allein konntest seinen
Tadel rechtfertigen, nur diejenige konnte es, die liebenswürdig genug ist,
um die Sprödigkeit selbst reizend zu machen. Wie sehr wäre ein Apollo zu
bedauren, für den du Daphne wärest!" Es war glücklich für den guten
Agathon, daß er, indem dieses mit einem bedeutenden Blick gesagt wurde, in
dem Anschauen der schönen Danae so verloren war, daß er nichts hörte; denn
sonst würde ein abermaliges Erröten die Auslegung zu diesem Text gemacht
haben. Das Lob dieser Dame, und ein Gespräch über die Tanzkunst füllte
den überrest der Zeit aus, welche diese Gesellschaft noch beieinander
zubrachte; ein Gespräch, dessen Mitteilung uns der Leser gerne nachlassen
wird, da wir seine Begierde nach angelegenern Materien zu befriedigen
haben. Nur diesen Umstand können wir nicht vorbeigehen, daß Agathon bei
diesem Anlaß auf einmal so beredt wurde, als er vorher tiefsinnig und
stillschweigend gewesen war; eine lächelnde Heiterkeit schimmerte um sein
ganzes Gesicht, und noch niemal hatte sein Witz sich mit solcher
Lebhaftigkeit hervorgetan. Er erhielt den Beifall der ganzen Gesellschaft,
und die schöne Danae selbst konnte sich nicht enthalten, ihn von Zeit zu
Zeit mit einem Ausdruck von Vergnügen und Zufriedenheit anzusehen;
indessen daß in seinen nur selten von ihr abgewandten Augen etwas glänzte,
für welches wir uns umsonst bemühet haben, in der Sprache der Menschen
einen Namen zu finden.
SECHSTES KAPITEL
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