Hippias konnte sich wohl berechtiget halten, einigen Dank bei seinem

Lehrjünger verdient zu haben, da er sich so viele Mühe gegeben hatte, ihn

weise zu machen. Allein wir müssen es nur gestehen, er hatte es mit einem

Menschen zu tun, der nicht fähig war, die Wichtigkeit dieses Dienstes

einzusehen, oder die Schönheit eines Systems zu empfinden, welches seinen

vermeinten Empfindungen so zuwider war. Seine Erwartung wurde also nicht

wenig betrogen, als Agathon, wie er sah, daß der weise Hippias zu reden

aufgehört hatte, ihm diese kurze Antwort gab: "Du hast eine schöne Rede

gehalten, Hippias; deine Beobachtungen sind sehr fein, deine Schlüsse sehr

bündig, deine Maximen sehr praktisch, und ich zweifle nicht, daß der Weg,

den du mir vorgezeichnet hast, zu der Glückseligkeit würklich führe, deren

Vorzüge vor meiner Art glücklich zu sein, du in ein so helles Licht

gesetzt. Dem ungeachtet empfinde ich nicht die mindeste Lust so glücklich

zu sein, und wenn ich mich anders recht kenne, so werde ich schwerlich

eher ein Sophist werden, bis du deine Tänzerinnen entlässest, dein Haus zu

einem öffentlichen Tempel der Diana widmest, und nach Indien ziehst, ein

Bramine zu werden." Hippias lachte über diese Antwort, ohne daß sie ihm

desto besser gefiel. "Und was hast du gegen mein System einzuwenden?"

fragte er. "Daß es mich nicht überzeugt", erwiderte Agathon. "Und warum

nicht?" "Weil meine Erfahrung und Empfindung deinen Schlüssen

widerspricht." "Ich möchte wohl wissen, was dieses für Erfahrungen und

Empfindungen sind, die demjenigen widersprechen, was alle Welt erfährt und

empfindt." "Du würdest beweisen, daß es Schimären sind." "Und wenn ich

es bewiesen hätte?" "Du würdest es nur dir beweisen, Hippias; du würdest

nichts beweisen, als daß du nicht Callias bist." "Aber die Frage ist, ob

Hippias oder Callias richtig denkt?" "Wer soll Richter sein?" "Das ganze

menschliche Geschlecht." "Was würde das wider mich beweisen?" "Sehr viel.

Wenn zehen Millionen Menschen urteilen, daß zween oder drei aus ihrem

Mittel Narren sind, so sind sie es; das ist unleugbar." "Aber wie, wenn

die zehen Millionen, deren Ausspruch dir so entscheidend vorkommt, zehn

Millionen Toren wären, und die drei wären klug?" "Wie müßte das zugehen?"

"Können nicht zehn Millionen die Pest haben, und Sokrates allein gesund

herum gehen?" "Diese Instanz beweist nichts für dich. Ein Volk hat nicht

immer die Pest; Allein die zehn Millionen denken immer so wie ich. Sie

sind also in ihrem natürlichen Zustande, wenn sie so denken; und wer

anders denkt, gehört folglich entweder zu einer andern Gattung von Wesen,

oder zu den Wesen, die man Toren nennt." "So ergeb ich mich in mein

Schicksal." "Es gibt noch eine Alternative, junger Mensch. Du schämest

dich, entweder deine Gedanken so schnell zu verändern, oder du bist ein

Heuchler." "Keines von beiden, Hippias." "Leugne mir zum Exempel, wenn

du kannst, daß dir die schöne Cyane, die uns beim Frühstück bediente,

Begierden eingeflößt hat, und daß du verstohlne Blicke -" "Ich leugne

nichts." "So gestehe, daß das Anschauen dieser runden schneeweißen Arme,

dieses aus der flatternden Seide hervoratmenden Busens, die Begierde in

dir erregt, ihrer zu genießen." "Ist das Anschauen kein Genuß?" "Keine

Ausflüchte, junger Mensch!" "Du betrügst dich, Hippias, wenn es erlaubt

ist einem Weisen das zu sagen; ich bedarf keiner Ausflüchte. Ich mache

nur einen Unterschied zwischen einem mechanischen Instinkt, der nicht

gänzlich von mir abhängt, und dem Willen meiner Seele. Ich habe den

Willen nicht gehabt, dessen du mich beschuldigest." "Ich beschuldige dich

nichts, als daß du meiner spottest. Ich denke, daß ich die Natur kennen

sollte. Die Schwärmerei kann in deinen Jahren keine so unheilbare

Krankheit sein, daß sie wider die Reizung des Vergnügens sollte aushalten

können." "Deswegen vermeide ich die Gelegenheiten." "Du gestehest also,

daß Cyane reizend ist?" "Sehr reizend." "Und daß ihr Genuß ein Vergnügen

wäre?" "Vermutlich." "Warum quälest du dich dann, dir ein Vergnügen zu

versagen, das in deiner Gewalt ist." "Weil ich mich dadurch vieler andern

Vergnügen berauben würde, die ich höher schätze." "Kann man in deinem

Alter so sehr ein Neuling sein? Was für Vergnügen, die allen übrigen

Menschen unbekannt sind, hat die Natur für dich allein aufbehalten? Wenn

du noch größere kennest als dieses,--doch ich merke dich. Du wirst mir

wieder von den Vergnügungen der Geister, von Nektar und Ambrosia sprechen;

aber wir spielen itzt keine Komödie, mein Freund. Die Erscheinung einer

Cyane in einem von den Gebüschen meiner Gärten würde fähig sein, so gar

deinen Geistern Körper zu geben." "Hippias, ich rede wie ich denke. Ich

kenne Vergnügen, die ich höher schätze als diejenigen, die der Mensch mit

den Tieren gemein hat." "Zum Exempel?" "Das Vergnügen eine gute Handlung

zu tun." "Was nennest du eine gute Handlung?" "Eine Handlung, wodurch

ich, mit einiger Anstrengung meiner Kräfte, oder Aufopferung eines

Vorteils oder Vergnügens, andrer Bestes befördere." "Du bist also töricht

genug zu glauben, daß du andern mehr schuldig seiest, als dir selbst?"

"Das nicht; sondern ich finde für gut, ein geringeres Vergnügen dem

größern aufzuopfern, welches ich alsdann genieße, wenn ich das Glück

meiner Nebengeschöpfe befördern kann." "Du bist sehr dienstfertig;

gesetzt aber es sei so, wie hängt dieses mit demjenigen zusammen, wovon

itzt die Rede ist?" "Das ist leicht zu sehen. Gesetzt, ich überließe

mich den Eindrücken, welche die Reizungen der schönen Cyane auf mich

machen könnten; gesetzt, sie liebte mich, und ließe mich alles erfahren,

was die Wollust berauschendes hat; eine Verbindung von dieser Art könnte

von keiner langen Dauer sein;" "aber würden die Erinnerungen der genoßnen

Freuden nicht die Begierde erwecken, sie wieder zu genießen? Eine neue

Cyane"--"würde mir wieder gleichgültig werden, und eben diese Begierden

zurück lassen." "Eine immerwährende Abwechslung ist also hierin, wie du

siehst, das Gesetz der Natur." "Aber auf diese Art würde ichs gar bald so

weit bringen, keiner Begierde widerstehen zu können." "Wozu brauchst du

zu widerstehen, so lange deine Begierden in den Schranken der Natur und

der Mäßigung bleiben?" "Wie aber, wenn endlich das Weib meines Freundes,

oder welche es sonst wäre, die der ehrwürdige Name einer Mutter gegen den

bloßen Gedanken eines unkeuschen Anfalls sicher stellen soll; oder wie,

wenn die unschuldige Jugend einer Tochter, die vielleicht kein andres

Heuratsgut als ihre Unschuld und Schönheit hat; der Gegenstand dieser

Begierden würde, über die ich durch so vieles Nachgeben alle Gewalt

verloren hätte?" "So hättest du dich in Griechenland wenigstens vor den

Gesetzen vorzusehen. Allein was müßte das für ein Hirn sein, das in

solchen Umständen kein Mittel ausfündig machen könnte, seine Leidenschaft

zu vergnügen, ohne sich mit den Gesetzen abzuwerfen? Ich sehe, du kennest

die Damen zu Athen und Sparta nicht." "O! was das betrifft, ich kenne so

gar die Priesterinnen zu Delphi. Aber ists möglich, daß du im Ernste

gesprochen hast?" "Ich habe nach meinen Grundsätzen gesprochen. Die

Gesetze haben in gewissen Staaten, (denn es gibt einige, wo sie mehr

Nachsicht haben) nötig gefunden, unser natürliches Recht an eine jede, die

unsre Begierden erregt, einzuschränken. Allein da dieses nur geschah, um

gewisse Ungelegenheiten zu verhindern, die aus dem ungescheuten Gebrauch

jenes Rechts in solchen Staaten zu besorgen wären, so siehst du, daß der

Geist und die Absicht des Gesetzes nicht verletzt wird, wenn man

vorsichtig genug ist zu den Ausnahmen die man davon macht keine Zeugen zu

nehmen" "O Hippias!" rief Agathon hier aus, "ich habe dich, wohin ich

dich bringen wollte. Du siehest die Folgen deiner Grundsätze. Wenn alles

an sich selbst recht ist, was meine Begierden wollen; wenn die

ausschweifenden Forderungen der Leidenschaft unter dem Namen des

Nützlichen, den sie nicht verdienen, die einzige Richtschnur unsrer

Handlungen sind; wenn die Gesetze nur mit einer guten Art ausgewichen

werden müssen, und im Dunkeln alles erlaubt ist; wenn die Tugend, und die

Hoffnungen der Tugend nur Schimären sind; was hindert die Kinder, sich

wider ihre Eltern zu verschwören? Was hindert die Mutter, sich selbst und

ihre Tochter dem meistbietenden Preis zu geben? Was hindert mich, wenn ich

dadurch gewinnen kann, den Dolch in die Brust meines Freundes zu stoßen,

die Tempel der Götter zu berauben, mein Vaterland zu verraten, oder mich

an die Spitze einer Räuberbande zu stellen; und, wenn ich anders Macht

genug habe, ganze Länder zu verwüsten, ganze Völker in ihrem Blute zu

ertränken? Siehest du nicht, daß deine Grundsätze, die du so unverschämt

Weisheit nennest, und durch eine künstliche Vermischung des Wahren mit dem

Falschen scheinbar zu machen suchst, wenn sie allgemein würden, die

Menschen in weit ärgere Ungeheuer, als Hyänen, Tyger und Krokodille sind,

verwandeln würden? Du spottest der Tugend und Religion? Wisse, nur den

unauslöschlichen Zügen, womit ihr Bild in unsre Seelen eingegraben ist,

nur dem geheimen und wunderbaren Reiz, der uns zu Wahrheit, Ordnung und

Güte zieht, und den Gesetzen besser zu statten kommt, als alle Belohnungen

und Strafen, ist es zuzuschreiben, daß es noch Menschen auf dem Erdboden

gibt, und daß unter diesen Menschen noch ein Schatten von Sittlichkeit und

Güte zu finden ist. Du erklärst die Ideen von Tugend und sittlicher

Vollkommenheit für Phantasien. Siehe mich hier, Hippias, so wie ich hier

bin, biete ich den Verführungen aller deiner Cyanen, den scheinbarsten

überredungen deiner Weisheit, und allen Vorteilen, die mir deine

Grundsätze und dein Beispiel versprechen, trotz. Eine einzige von diesen

Phantasien ist hinreichend die unwesentliche Zauberei aller dieser

Blendwerke zu zerstreuen. Laß die Tugend immer eine Schwärmerei sein,

diese Schwärmerei macht mich glücklich, und würde alle Menschen glücklich,

und den ganzen Erdboden zu einem Himmel machen, wenn deine Grundsätze, und

diejenige, welche sie ausüben, nicht, so weit ihr ansteckendes Gift dringt,

Elend und Verderbnis ausbreiteten."

Agathon wurde ganz glühend, indem er dieses sagte; und ein Maler, um den

zürnenden Apollo zu malen, hätte sein Gesicht in diesem Augenblick zum

Urbild nehmen müssen. Allein der weise Hippias erwiderte diesen Eifer mit

einem Lächeln, welches dem Momus selbst Ehre gemacht hätte, und sagte ohne

seine Stimme zu verändern: "Nunmehr glaube ich dich zu kennen, Callias,

und du wirst von meinen Verführungen weiter nichts zu besorgen haben. Die

gesunde Vernunft ist nicht für so warme Köpfe gemacht, wie der deinige.

Wie leicht, wenn du mich zu verstehen fähig gewesen wärest, hättest du dir

den Einwurf selbst beantworten können, daß die Grundsätze der Sophisten

und Weltleute verderblich wären, wenn sie allgemein würden? Die Natur hat

schon davor gesorgt, daß sie nicht allgemein werden,--doch ich würde mir

selbst lächerlich sein, wenn ich deine begeisterte Apostrophe beantworten,

oder dir zeigen wollte, wie sehr auch der Affekt der Tugend das Gesicht

verfälschen kann. Sei tugendhaft, Callias; fahre fort dich um den Beifall

der Geister, und die Gunst der ätherischen Schönen zu bewerben; rüste dich,

dem Ungemach, das dein Platonismus dir in dieser Unterwelt zuziehen wird,

großmütig entgegen zu gehen, und tröste dich, wenn du Leute siehst, die

niedrig genug sind, sich an irdischen Glückseligkeiten zu weiden, mit dem

frommen Gedanken, daß sie in dem andern Leben, wo die Reihe an dich kommt,

glücklich zu sein, sich in den Flammen des Phlegeton wälzen werden."

Mit diesen Worten stund Hippias auf, warf einen verächtlichmitleidigen

Blick auf den Agathon, und wandte ihm den Rücken zu, um ihm mit einer

unter seines gleichen gewöhnlichen Höflichkeit zu verstehen zu geben, daß

er sich zurückziehen könne.

VIERTES BUCH

ERSTES KAPITEL

Geheimer Anschlag, den Hippias gegen die Tugend unsers Helden macht

Wir vermuten, daß es einigen Lesern scheinen werde, Hippias habe in seinem

Diskurs bei Agathon einen größern Mangel von Erfahrung und Kenntnis der

Welt vorausgesetzt, als er, nach allem, was bereits mit ihm vorgegangen

war, haben konnte. Wir müssen also zur Entschuldigung dieses Weisen sagen,

daß Agathon, aus Ursachen, die uns unbekannt geblieben, für gut befunden

habe, von dem glänzenden Teil seiner Begebenheiten, und sogar von seinem

Namen ein Geheimnis zu machen. Denn sein Name war durch die Rolle, die er

zu Athen gespielt hatte, in den griechischen Städten allzubekannt worden,

als daß er es nicht auch dem Hippias hätte sein sollen; ob dieser gleich,

seit dem er in Smyrna wohnte, sich wenig um die Staatsangelegenheiten der

Griechen bekümmerte, die er in den Händen seiner Freunde und Schüler ganz

wohl versorgt hielte. Da nun Agathon so sorgfältig gewesen war, ihm alles

zu verbergen, was einigen Verdacht hätte erwecken können, daß er jemals

etwas mehr als ein Aufwärter in dem Tempel zu Delphi gewesen; so konnte

Hippias mit desto besserm Grunde voraussetzen, daß er noch ein vollkommner

Neuling in der Welt sei, als weder die Denkungsart noch das Betragen

dieses jungen Menschen so beschaffen war, daß ein Kenner auf günstigere

Gedanken hätte gebracht werden sollen. Leute von seiner Art können, in

der Tat zehen Jahre hinter einander in der großen Welt gelebt haben, ohne

daß sie dieses fremde und entlehnte Ansehen verlieren, welches beim ersten

Blick verkündiget, daß sie hier nicht einheimisch sind; geschweige, daß

sie fähig wären, sich jemals zu dieser edeln Freiheit von den Fesseln der

gesunden Vernunft, zu dieser weisen Gleichgültigkeit gegen alles was die

schwärmerischen Seelen Empfindung nennen, und zu dieser verzärtelten

Feinheit des Geschmacks zu erheben, wodurch die Weltleute sich auf eine so

vorteilhafte Art unterscheiden. Solche Leute können wohl Beobachtungen

machen; allein da ihnen dieser Instinkt, dieses sympathetische Gefühl

mangelt, mittelst dessen jene einander so schnell und zuverlässig

ausfindig machen; oder deutlicher zu reden, da sie von allem auf eine

andre Art gerührt werden, als jene; und sich, so sehr sie sich auch

anstrengten, niemals an ihre Stelle setzen können: so bleiben sie doch

immer in einem unbekannten Lande, wo ihre Erkenntnis nur bei Mutmaßungen

stehen bleibt, und ihre Erwartung alle Augenblicke durch unbegreifliche

Zufälle und unverhoffte Veränderungen betrogen wird. Mit allen seinen

Vorzügen war Agathon doch in eben dieser Klasse, und es ist also kein

Wunder, daß er, ungeachtet der tiefen Betrachtungen die er über seine

Unterredung mit dem Hippias bei sich selbst anstellte, sehr weit entfernt

war, die Gedanken zu erraten, womit dieser Sophist itzt umging, dessen

Eitelkeit durch den schlechten Fortgang seines Vorhabens, und den

Eigensinn dieses seltsamen Jünglings weit mehr beleidiget war, als er sich

hatte anmerken lassen. Agathon, wenn er das würklich wäre, was er zu sein

schien, wäre (dachte der weise Mann nicht ohne Grund) eine lebendige

Widerlegung seines Systems. "Wie?" sagte er zu sich selbst, (ein Umstand,

der ihm selten begegnete) "ich habe mehr als vierzig Jahre in der Welt

gelebt, und unter einer unendlichen Menge von Menschen von allen Ständen

und Klassen, nicht einen einzigen angetroffen, der meine Begriffe von der

menschlichen Natur nicht bestätiget hätte, und dieser junge Mensch sollte

mich noch an die Tugend glauben lehren? Es kann nicht sein; er ist ein

Phantast oder ein Heuchler. Was er auch sein mag, ich will es ausfündig

machen.--Gut! Das ist ein vortrefflicher Einfall! Ich will ihn auf eine

Probe stellen, wo er unterliegen muß, wenn er ein Schwärmer, und wo er die

Maske ablegen wird, wenn er ein Komödiant ist. Er hat gegen Cyane

ausgehalten, dies hat ihn stolz und sicher gemacht. Aber das beweist noch

nichts. Wir wollen ihn auf eine stärkere Probe setzen; wenn er in dieser

den Sieg erhält, so muß er--ja, so will ich meine Nymphen entlassen, mein

Haus den Priestern der Cybele vermachen, und an den Ganges ziehen, und in

der Höhle eines alten Palmbaums, mit geschloßnen Augen und den Kopf

zwischen den Knien, so lange in der nämlichen Positur sitzen bleiben, bis

ich, allen meinen Sinnen zu trotz, mir einbilde, daß ich nicht mehr bin!

"--Dies war ein hartes Gelübde; auch hielt sich Hippias sehr überzeugt,

daß es so weit nicht kommen würde, und damit er keine Zeit versäumen

möchte; so machte er noch an demselbigen Tag Anstalt, seinen Anschlag

auszuführen.

ZWEITES KAPITEL

Hippias stattet einer Dame einen Besuch ab

Die Damen zu Smyrna hatten damals eine Gewohnheit, welche ihrer Schönheit

mehr Ehre machte als ihrer Sittsamkeit. Sie pflegten sich in den warmen

Monaten gemeiniglich alle Nachmittage eines kühlenden Bades zu bedienen,

und, um keine lange Weile zu haben, nahmen sie um diese Zeit die Besuche

derjenigen Mannspersonen an, die das Recht eines freien Zutritts in ihren

Häusern hatten. Diese Gewohnheit war in Smyrna eben so unschuldig als es

der Gebrauch bei unsern westlichen Nachbarinnen ist, Mannspersonen bei der

Toilette um sich zu haben; auch kam diese Freiheit nur den Freunden zu

statten, und, den besondern Fall ausgenommen, wenn die hartnäckige

Blödigkeit eines noch unerfahrnen Neulings einiger Aufmunterung nötig

hatte, waren die Liebhaber gänzlich davon ausgeschlossen. Unter einer

großen Anzahl von Schönen, bei denen der weise Hippias dieses Vorrecht

genoß, war auch eine, die unter dem Namen Danae den ersten Rang in

derjenigen Klasse von Frauenzimmern einnahm, die man bei den Griechen

Freundinnen, oder noch eigentlicher Gesellschafterinnen zu nennen pflegte.

Diese Gattung von Damen war damals unter ihrem Geschlecht, was die

Sophisten unter dem männlichen; sie stunden in keiner geringern Achtung,

und konnten sich rühmen, daß die vollkommensten Modelle aller Vorzüge

ihres Geschlechts, wenn man die strenge Tugend ausnimmt, die Aspasien, die

Leontium und die Phrynen sich kein Bedenken machten von ihrem Orden zu

sein. Was die Danae betrifft, so machten die Mannspersonen zu Smyrna kein

Geheimnis daraus, daß sie, ihrem Urteil nach, an Schönheit und Artigkeit

alle andre Frauenzimmer, galante und spröde, tugendhafte und andächtige,

übertreffe. Es ist wahr, die Geschichte meldet nicht, daß die Damen sich

sehr beeifert hätten, das Urteil der Mannspersonen durch ihren

öffentlichen Beitritt zu bestätigen; allein soviel ist gewiß, daß keine

unter ihnen war, die sich selbst nicht gestanden hätte, daß, eine einzige

Person ausgenommen, die sie niemals öffentlich nennen wollten, die schöne

Danae alle übrigen eben so weit übertreffe, als sie von dieser einzigen

Ungenannten übertroffen werde. In der Tat war ihr Ruhm von dieser Seite

so festgesetzt, daß man das Gerücht nicht unwahrscheinlich fand, welches

versicherte, daß sie in ihrer ersten Jugend den berühmtesten Malern zum

Modell gedient habe; und daß sie bei einer solchen Gelegenheit den Namen

erhalten, unter welchem sie in Jonien berühmt war. Itzo hatte sie zwar

das dreißigste Jahr schon zurückgelegt, allein ihre Schönheit hatte

dadurch mehr gewonnen als verloren; und der blendende Jugendglanz, der mit

dem Mai des Lebens zu verschwinden pflegt, wurde durch tausend andre

Reizungen ersetzt, welche ihr, nach dem Urteil der Kenner, eine gewisse

Anziehungskraft gaben, die man, ohne sich eines schwülstigen Ausdrucks

schuldig zu machen, in gewissen Umständen für unwiderstehlich halten

konnte. Dem ungeachtet scheute sich, unter der ägide der Gleichgültigkeit,

worin ihn damals ordentlicher Weise auch die schönsten Figuren zulassen

pflegten, der weise Hippias nicht, seine Tugend öfters dieser Gefahr

auszusetzen. Er war der schönen Danae unter dem Titel eines Freundes

vorzüglich angenehm, und die geheime Geschichte sagt so gar, daß sie ihn

ehmals nicht unwürdig gefunden, ihm eine Zeitlang eine noch interessantere

Stelle, bei ihrer Person anzuvertrauen; eine Stelle die nur von den

liebenswürdigsten seines Geschlechts bekleidet zu werden pflegte. Diese

Dame war es, deren Beihülfe Hippias sich zu Ausführung seines Anschlags

wider den Agathon bedienen wollte, dessen schwärmerische Tugend, seinen

Gedanken nach, eine Beschimpfung seiner Grundsätze war, die er viel

weniger leiden konnte, als die allerscharfsinnigste Widerlegung in forma.

Er begab sich also zu der gewöhnlichen Stunde zu ihr, und war kaum in den

Saal getreten, wo sie sich befand, und in den Bedürfnissen des Bades, von

zween jungen Knaben, welche eher ein paar Liebesgötter zu sein schienen,

bedient wurde; als sie schon in seinem Gesicht etwas bemerkte, das mit

seiner gewöhnlichen Heiterkeit einen Absatz machte. "Was hast du,

Hippias", sagte sie zu ihm, "daß du eine so tiefsinnige Miene mitbringst?"

"Ich weiß nicht", antwortete er, "warum ich tiefsinnig aussehen sollte,

wenn ich eine Dame im Bade besuche; aber das weiß ich, daß ich dich noch

nie so schön gesehen habe, als diesen Augenblick." "Gut", sagte sie, "das

beweist, daß ich recht geraten habe. Ich bin gewiß, daß ich heute nicht

besser aussehe als das letztemal, da du mich sahest; aber deine Phantasie

ist höher gestimmt als gewöhnlich, und du schreibst den Einfluß, den sie

auf deine Augen hat, großmütig auf die Rechnung des Gegenstands, den du

vor dir hast; ich wollte wetten, daß die häßlichste meiner Kammermädchen,

dir in diesem Augenblick eine Grazie scheinen würde." "Ich habe",

versetzte Hippias, "keine Ansprüche an eine lebhaftere Einbildungskraft zu

machen als Zeuxes und Aglaophon, welche sich nichts vollkommners zu

erfinden getrauten als Danae. Welche schöne Gelegenheit zu einer neuen

Verwandlung, wenn ich Jupiter wäre!"--"Und was für eine Gestalt wolltest

du annehmen, um zu gleicher Zeit meine Sprödigkeit und deine liebe

Gemahlin zu hintergehen? Denn ich glaube kaum, daß unter allen

geflügelten, vierfüßigen und kriechenden Tieren eines ist, das nicht schon

einem Unsterblichen hätte dienen müssen, irgend ein ehrliches Mädchen zu

beschleichen." "Ich würde mich nicht lange besinnen", sagte Hippias; "was

für eine Gestalt könnte ich annehmen, die dir angenehmer und mir zu meiner

Absicht bequemer wäre, als dieses Sperlings, der deine Liebhaber so oft zu

einer gerechten Eifersucht reizt; der, durch die zärtlichsten Namen

aufgemuntert, mit solcher Freiheit um deinen Nacken flattert, oder mit

mutwilligem Schnabel den schönsten Busen neckt, und die Liebkosungen

allezeit doppelt wieder empfängt, die er dir gemacht hat." "Es ist dir

leichter wie es scheint", versetzte Danae, "einen Sperling an deine Stelle,

als dich an die Stelle eines Sperlings zu setzen; bald könntest du mir

die Schmeicheleien meines kleinen Lieblings verdächtig machen. Aber genug

von den Wundern, die du meiner Schönheit zutrauest; wir wollen von was

anderm reden. Weißest du, daß ich meinem Liebhaber den Abschied gegeben

habe?" "Dem schönen Hiacinthus?" "Ihm selbst, und was noch mehr ist, mit

dem festen Entschluß, seine Stelle nimmer zu ersetzen." "Das ist eine

tragische Entschließung, schöne Danae." "Nicht so sehr als du denkest.

Ich versichre dich, Hippias, meine Geduld reicht nicht mehr zu, alle

Torheiten dieser abgeschmackten Gecken auszustehen, welche die Sprache der

Empfindung reden wollen und nichts fühlen; deren Herz nicht so viel als

mit einer Nadelritze verwundet ist, ob sie gleich von Martern und von

Flammen reden; die unfähig sind etwas anders zu lieben als sich, und denen

meine Augen nur zum Spiegel dienen sollen, um darin den Wert ihrer kleinen

unverschämten Figur zu bewundern. Kaum glauben sie ein Recht an unsre

Gütigkeit zu haben, so bilden sie sich ein, daß sie uns viel Ehre erweisen,

wenn sie unsere Liebkosungen mit einer zerstreuten Miene dulden. Ein

jeder Blick, den sie auf mich werfen, sagt mir, daß ich ihnen nur zum

Spielzeug diene; und die Hälfte meiner Reizungen geht an ihnen verloren,

weil sie keine Seele haben, um die Schönheiten einer Seele zu empfinden."

"Dein Unwille ist gerecht", versetzte der Sophist; "es ist verdrießlich,

daß man diesen Mannsleuten nicht begreiflich machen kann, daß die Seele

das liebenswürdigste an einem schönen Frauenzimmer ist. Aber beruhige

dich; nicht alle Männer denken so unedel, und ich kenne einen, der dir

gefallen würde, wenn du, zur Abwechslung, einmal Lust hättest, es mit

einem geistigen Liebhaber zu versuchen." "Und wer kann das sein, wenn man

fragen darf?" "Es ist ein Jüngling, gegen den deine Hyacinthe nur

Meerkatzengesichter sind, schöner als Adonis."--"Fi, Hippias, das ist als

wie wenn du sagtest, süßer als Honigseim. Du begreifst nicht, wie sehr

mir vor diesen schönen Herren ekelt." "O! das hat nichts zu bedeuten; ich

stehe dir für diesen. Er hat keinen von den Fehlern der schönen

Narcissen, die dir so ärgerlich sind. Kaum scheint er es zu wissen, daß

er einen Leib hat. Das ist ein Mensch wie man nicht viele sieht, schön

wie Apollo, aber geistig wie ein Zephyr; ein Mensch, der lauter Seele ist,

der dich, wie du hier bist, für eine bloße Seele ansehen würde, und der

alles auf eine geistige Art tut, was wir andere körperlich tun. Du

verstehst mich ja, schöne Danae?" "Nicht allzuwohl; aber deine

Beschreibung gefällt mir nichts desto minder. Du sprichst doch im Ernst?"

"In ganzem Ernst: Wenn du Lust hast die metaphysische Liebe zu kosten, so

habe ich deinen Mann gefunden. Er ist platonischer als Plato

selbst--denn ich denke, du könntest uns geheime Nachrichten von diesem

berühmten Weisen geben." "Ich erinnere mich", antwortete Danae lächelnd,

"daß er einmal mit einer meiner Freundinnen eine kleine Zerstreuung gehabt

hat, die du ihm nicht übel nehmen mußt. Wo ist ein Geist, dem ein

hübsches Mädchen von achtzehn Jahren nicht einen Körper geben könnte?"

"Du kennest meinen Mann noch nicht", erwiderte Hippias; "die Göttin von

Paphos, ja du selbst würdest es bei ihm so weit nicht bringen. Du kannst

ihn Tag und Nacht um dich haben. Du kannst ihn auf alle Proben stellen,

du kannst ihn--bei dir schlafen lassen, Danae, ohne daß er dir Gelegenheit

geben wird, nur die mindeste kleine Ausrufung anzubringen; kurz, bei ihm

kann deine Tugend ganz ruhig einschlummern, ohne jemals in Gefahr zu

kommen, aufgeweckt zu werden." "Ach! nun verstehe ich dich; es verlohnte

sich der Mühe nicht, den Scherz so weit zu treiben. Ich verlange keinen

Liebhaber der sich nur darum an meine Seele hält, weil ihm das übrige zu

nichts nütze ist." "Auch ist derjenige, den ich dir anpreise, weit

entfernt in diese Klasse zu gehören; mache dir darüber keinen Kummer. Was

du für die Folge einer physischen Notwendigkeit hältst, ist bei ihm die

Würkung der Tugend, und der erhabnen Philosophie, von der er Profession

macht." "Du machst mich sehr neugierig ihn zu sehen; aber weißt du,

Hippias, daß meine Eitelkeit nicht zu frieden wäre, auf eine so

kaltsinnige Art geliebt zu sein. Es ist wahr, ich bin dieser mechanischen

Liebhaber von Herzen überdrüssig; aber ich würde mit einem andern eben so

übel zu frieden sein, der gegen dasjenige ganz unempfindlich wäre, wofür

jene allein empfindlich sind. Ein Frauenzimmer findet allezeit ein

Vergnügen darin, Begierden einzuflößen, auch wann sie nicht im Sinn hat,

sie zu vergnügen. Die Spröden selbst sind von dieser Schwachheit nicht

ausgenommen. Wozu haben wir nötig, daß uns ein Liebhaber sagt, daß wir

reizend sind? Wir wollen es aus den Würkungen sehen, die wir auf ihn

machen. Je weiser er ist, desto schmeichelnder ist es für unsre Eitelkeit,

wenn wir ihn aus seiner Fassung setzen können. Nein, du begreifst nicht,

wie sehr das Vergnügen, das uns der Anblick aller der Torheiten macht,

wozu wir diese Herren der Schöpfung bringen können, alle andre übertrifft,

die sie uns zu machen fähig sind. Ein Philosoph, der zu meinen Füßen wie

eine Turteldaube girret, der mir zu Gefallen seine Haare und seinen Bart

kräuseln läßt, der so wohl riecht wie ein arabischer Salbenhändler, der

mir den Hof zu machen, mit meinem Schoßhund schwatzt und Oden auf meinen

Sperling macht--ah! Hippias, man muß ein Frauenzimmer sein, um zu

begreifen, was das für ein Vergnügen ist!"--"Ich bedaure dich"; erwiderte

der schalkhafte Sophist, "daß du diesem Vergnügen bei dem Liebhaber, von

dem ich rede, entsagen mußt. Er hat seine Proben schon gemacht. Er ist

zärtlich wie ein junger Seufzer, aber, wie gesagt, er ist es nur für die

Seele der Schönen; alles übrige macht keinen größern Eindruck auf ihn, als

ein Gemälde, oder eine Bildsäule." "Das wollen wir sehen", versetzte

Danae; "ich verlange schlechterdings, daß du ihn diesen Abend zu mir

bringest; du wirst nur eine kleine Gesellschaft finden, die uns nicht

hindern soll. Aber wer ist denn dieser Ungenannte, von dem wir schon so

lange schwatzen?" "Es ist ein Sklave, den ich vor etlichen Wochen von

einem Cilicier gekauft habe, aber ein Sklave, wie man sonst nirgends sieht.

Er ist zu Delphi im Tempel des Apollo erzogen worden, und, so viel ich

vermute, wird er sein Dasein der antiplatonischen Liebe dieses Gottes zu

irgend einer artigen Schäferin zu danken haben, die sich zu weit in seinen

Lorbeerhain gewagt haben mag. Er ist hernach eine geraume Zeit zu Athen

gewesen, und die schönen Reden des Plato haben die romanhafte Erziehung

vollendet, die er in den geheiligten Hainen zu Delphi erhalten. Er geriet

durch einen Zufall in die Hände Cilicischer Seeräuber, und aus diesen in

die meinige. Er nannte sich Pythokles; aber weil ich diese Art von Namen

nicht leiden kann, so hieß ich ihn Callias, und er verdient so zu heißen,

denn er ist der schönste Mensch, den ich jemals gesehen habe. Seine

übrigen Gaben bestätigen die gute Meinung, die sein Anblick von ihm

erweckt. Er hat Verstand, Geschmack, und Wissenschaft; er ist ein

Liebhaber und ein Günstling der Musen; aber mit allen diesen Vorzügen ist

er doch nichts weiter als ein wunderlicher Kopf, ein Schwärmer und ein

unbrauchbarer Mensch. Er nennt seinen Eigensinn Tugend, weil er sich

einbildet, die Tugend müsse die Antipode der Natur sein; er hält die

Ausschweifungen seiner Phantasie für Vernunft, weil er sie in einen

gewissen Zusammenhang gebracht hat; und sich selbst für weise, weil er auf

eine methodische Art raset. Er gefiel mir beim ersten Anblick, ich faßte

den Entschluß, etwas aus diesem jungen Menschen zu machen; aber alle meine

Mühe war umsonst; und wenn es möglich ist, daß er durch jemand zu recht

gebracht werden kann, so muß es durch ein Frauenzimmer geschehen; denn ich

glaube bemerkt zu haben, daß man nur durch sein Herz in seinen Kopf kommen

kann. Die Unternehmung wäre deiner würdig, schöne Danae, und wenn sie dir

nicht gelingt, so ist er unverbesserlich, und verdient nichts, als daß man

ihn seiner Torheit und seinem Schicksal überlasse."

"Du hast meinen ganzen Ehrgeiz rege gemacht, Hippias", versetzte die

schöne Danae; "bringe ihn diesen Abend mit; ich will ihn sehen, und wenn

er aus eben denselben Elementen zusammengesetzt ist, wie andre Erden-Söhne,

so wollen wir eine Probe machen, ob Danae ihrer Lehrmeisterin würdig ist."

Hippias war sehr erfreut, den Zweck seines Besuchs so glücklich erreicht

zu haben, und versprach beim Abschied, zur bestimmten Zeit diesen

wunderbaren Jüngling aufzuführen, an welchem die schöne Danae so begierig

war, die Macht ihrer Reizungen zu versuchen.

DRITTES KAPITEL

Geschichte der schönen Danae

Die Dame, mit welcher unsre Leser im vorigen Kapitel Bekanntschaft gemacht,

hat vermutlich einem guten Teil derselben nicht so übel gefallen, daß sie

nicht eine nähere Nachricht von dem Charakter und der Geschichte derselben

erwarten sollten; und wir sind desto geneigter, ihrem Verlangen ein Genüge

zu tun, je nötiger der Verfolg unsrer Geschichten zu machen scheint, daß

der Leser in den Stand gesetzt werde, der schönen Danae Gerechtigkeit

widerfahren zu lassen.

Geschichte des Agathon. Teil 1 · 第 8 / 23 段