Callias, so scheint zwar, daß alle ihre Sorgen und Bemühungen kein andres
Ziel haben als sich glücklich zu machen; allein die Seltenheit
dererjenigen die es würklich sind, oder es doch zu sein glauben, beweiset
zugleich, daß die meisten nicht wissen, durch was für Mittel sie sich
glücklich machen sollen, wenn sie es nicht sind; oder wie sie sich ihres
guten Glückes bedienen sollen, um in denjenigen Zustand zu kommen den man
Glückseligkeit nennt. Es gibt eben so viele die im Schoße des Ansehens,
des Glücks und der Wollust, als solche die in einem Zustande von Mangel,
Dienstbarkeit und Unterdrückung elend sind. Einige haben sich aus diesem
letztern Zustand emporgearbeitet, in der Meinung, daß sie nur darum
unglückselig sein, weil es ihnen am Besitz der Güter des Glücks fehle.
Allein die Erfahrung hat sie gelehrt, daß wenn es eine Kunst gibt, die
Mittel zur Glückseligkeit zu erwerben, es vielleicht eine noch schwerere,
zum wenigsten eine seltnere Kunst sei, diese Mittel recht zu gebrauchen.
Es ist daher allezeit die Beschäftigung der Verständigsten unter den
Menschen gewesen, durch Verbindung dieser beiden Künste diejenige heraus
zu bringen, die man die Kunst glücklich zu leben nennen kann, und in deren
würklichen Ausübung, nach meinem Begriffe, die Weisheit besteht, die so
selten ein Anteil der Sterblichen ist. Ich nenne sie eine Kunst, weil sie
von der fertigen Anwendung gewisser Regeln abhängt, die nur durch die
übung erlangt werden kann: Allein sie setzt wie alle Künste einen gewissen
Grad von Fähigkeit voraus, den nur die Natur gibt, und den sie nicht allen
zu geben pflegt. Einige Menschen scheinen kaum einer größern
Glückseligkeit fähig zu sein als die Austern, und wenn sie ja eine Seele
haben, so ist es nur so viel als sie brauchen, um ihren Leib eine Zeitlang
vor der Fäulnis zu bewahren. Ein größerer und vielleicht der größte Teil
der Menschen befindet sich nicht in diesem Fall; aber weil es ihnen an
genugsamer Stärke des Gemüts, und an einer gewissen Zärtlichkeit der
Empfindung mangelt, so ist ihr Leben gleich dem Leben der übrigen Tiere
des Erdbodens, zwischen Vergnügen, die sie weder zu wählen noch zu
genießen, und Schmerzen, denen sie weder zu widerstehen noch zu entfliehen
wissen, geteilt. Wahn und Leidenschaften sind die Triebfedern dieser
menschlichen Maschinen; beide setzen sie einer unendlichen Menge von übeln
aus, die es nur in einer betrognen Einbildung, aber eben darum wo nicht
schmerzlicher doch anhaltender und unheilbarer sind, als diejenigen die
uns die Natur auferlegt. Diese Art von Menschen ist keines gesetzten und
anhaltenden Vergnügens, keines Zustandes von Glückseligkeit fähig; ihre
Freuden sind Augenblicke, und ihre übrige Dauer ist entweder ein
würkliches Leiden, oder ein unaufhörliches Gefühl verworrner Wünsche, eine
immerwährende Ebbe und Flut von Furcht und Hoffnung, von Phantasien und
Gelüsten; kurz eine unruhige Bewegung die weder ein gewisses Maß noch ein
festes Ziel hat, und also weder ein Mittel zur Erhaltung dessen was gut
ist sein kann, noch dasjenige genießen läßt, was man würklich besitzt. Es
scheint also unmöglich zu sein, ohne eine gewisse Zärtlichkeit der
Empfindung, die uns in einer weitern Sphäre, mit feinern Sinnen und auf
eine angenehmere Art genießen läßt, und ohne diejenige Stärke der Seele,
die uns fähig macht das Joch der Phantasie und des Wahns abzuschütteln,
und die Leidenschaften in unsrer Gewalt zu haben, zu demjenigen ruhigen
Zustande von Genuß und Zufriedenheit zu kommen, der die Glückseligkeit
ausmacht. Nur derjenige ist in der Tat glücklich, der sich von den übeln
die nur in der Einbildung bestehen, gänzlich frei zu machen; diejenigen
aber, denen die Natur den Menschen unterworfen hat, entweder zu vermeiden,
oder doch zu vermindern--und das Gefühl derselben einzuschläfern, hingegen
sich in den Besitz alles des Guten, dessen uns die Natur fähig gemacht hat,
zu setzen, und was er besitzt, auf die angenehmste Art zu genießen weiß;
und dieser Glückselige allein ist der Weise.
Wenn ich dich anders recht kenne, Callias, so hat dich die Natur mit den
Fähigkeiten es zu sein so reichlich begabt, als mit den Vorzügen, deren
kluger Gebrauch uns die Gunstbezeugungen des Glücks zu verschaffen pflegt.
Dem ungeachtet bist du weder glücklich, noch hast du die Miene es jemals
zu werden, so lange du nicht gelernt haben wirst, von beiden einen andern
Gebrauch zu machen als du bisher getan hast. Du wendest die Stärke deiner
Seele an, dein Herz gegen das wahre Vergnügen unempfindlich zu machen, und
beschäftigest deine Empfindlichkeit mit unwesentlichen Gegenständen, die
du nur in der Einbildung siehest, und nur im Traume genießest; die
Vergnügungen, welche die Natur dem Menschen zugeteilt hat, sind für dich
Schmerzen, weil du dir Gewalt antun mußt sie zu entbehren; und du setzest
dich allen übeln aus, die sie uns vermeiden lehrt, indem du anstatt einer
nützlichen Geschäftigkeit dein Leben mit den süßen Einbildungen
wegträumest, womit du dir die Beraubung des würklichen Vergnügens zu
ersetzen suchst. Dein übel, mein lieber Callias, entspringt von einer
Einbildungskraft, die dir ihre Geschöpfe in einem überirdischen Glanze
zeigt, der dein Herz verblendet, und ein falsches Licht über das was
würklich ist ausbreitet; einer dichterischen Einbildungskraft, die sich
beschäftiget schönere Schönheiten, und angenehmere Vergnügungen zu
erfinden als die Natur hat; einer Einbildungskraft, ohne welche weder
Homere, noch Alcamene, noch Polygnote wären; welche gemacht ist unsre
Ergötzungen zu verschönern, aber nicht die Führerin unsers Lebens zu sein.
Um weise zu sein, hast du nichts nötig als die gesunde Vernunft an die
Stelle dieser begeisterten Zauberin, und die kalte überlegung an den Platz
eines sehr oft betrüglichen Gefühls zu setzen. Bilde dir auf etliche
Augenblick' ein, daß du den Weg zur Glückseligkeit erst suchen müssest;
frage die Natur, höre ihre Antwort, und folge dem Pfade, den sie dir
vorzeichnen wird."
ZWEITES KAPITEL
Theorie der angenehmen Empfindungen
"Und wen anders als die Natur können wir fragen, um zu wissen wie wir
leben sollen, um wohl zu leben? Die Götter? Wenn eine Gottheit ist, so
ist sie entweder die Natur selbst, oder die Urheberin der Natur; in beiden
Fällen ist die Stimme der Natur die Stimme der Gottheit. Sie ist die
allgemeine Lehrerin aller Wesen; sie lehrt jedes Tier vom Elephanten bis
zum Insekt, was seiner besondern Verfassung gut oder schädlich ist. Um so
glücklich zu sein als es diese innerliche Einrichtung erlaubt, braucht das
Tier nichts weiter, als dieser Stimme der Natur zu folgen, welche bald
durch den süßen Zug des Vergnügens, bald durch das ungedultige Fodern des
Bedürfnisses, bald durch das ängstliche Pochen des Schmerzens es zu
demjenigen locket, was ihm zuträglich ist, oder es zur Erhaltung seines
Lebens und seiner Gattung auffordert, oder es vor demjenigen warnet, was
seinem Wesen die Zerstörung dräuet. Sollte der Mensch allein von dieser
mütterlichen Vorsorge ausgenommen sein, oder er allein irren können, wenn
er der Stimme folget, die zu allen Wesen redet? Oder ist nicht vielmehr
die Unachtsamkeit und der Ungehorsam gegen ihre Erinnerungen die einzige
wahre Ursache, warum unter einer unendlichen Menge von lebenden Wesen der
Mensch das einzige Unglückselige ist?
Die Natur hat allen ihren Werken eine gewisse Einfalt eingedrückt, die
ihre mühsamen Anstalten und eine genaue Regelmäßigkeit unter einem Schein
von Leichtigkeit und ungezwungner Anmut verbirgt. Mit diesem Stempel
sind auch die Gesetze der Glückseligkeit bezeichnet, die sie dem Menschen
vorgeschrieben hat. Sie sind einfältig, leicht auszuüben, und führen
gerade und sicher zum Zweck. Die Kunst glücklich zu leben, würde die
gemeinste unter allen Künsten sein, wie sie die leichteste ist, wenn die
Menschen nicht gewohnt wären sich einzubilden, daß man große Absichten
nicht anders, als durch große Anstalten erreichen könne. Es scheint ihnen
zu einfältig, daß alles was ihnen die Natur durch den Mund der Weisheit zu
sagen hat, in diese drei Erinnerungen zusammen fließen soll: Befriedige
deine Bedürfnisse, vergnüge alle deine Sinnen, und erspare dir so viel du
kannst alle schmerzhaften Empfindungen. Und doch wird dich eine kleine
Aufmerksamkeit überführen, daß die vollständigste Glückseligkeit deren die
Sterblichen fähig sind, in die Linie eingeschlossen ist, die von diesen
dreien Formuln bezeichnet wird.
Es hat Narren gegeben, welche die Frage mühsam untersucht haben, ob das
Vergnügen ein Gut, und der Schmerz ein übel sei? Es hat noch größere
Narren gegeben, welche würklich behaupteten, der Schmerz sei kein übel,
und das Vergnügen kein Gut; und was das lustigste dabei ist, beide haben
Toren gefunden, die albern genug waren, diese Narren für weise zu halten.
Das Vergnügen ist kein Gut, sagen sie, weil es Fälle gibt wo der Schmerz
ein größeres Gut ist; und der Schmerz ist kein übel, weil er zuweilen
besser ist als das Vergnügen. Sind diese Wortspiele einer Antwort wert?
Was würd' ein Zustand sein, der in einem vollständigen unaufhörlichen
Gefühl des höchsten Grades aller möglichen Schmerzen bestünde? Wenn dieser
Zustand das höchste übel ist, so ist der Schmerz ein übel. Doch wir
wollen die Schwätzer mit Worten spielen lassen, die ihnen bedeuten müssen
was sie wollen. Die Natur entscheidet diese Frage, wenn es eine sein kann,
auf eine Art, die keinen Zweifel übrig läßt. Wer ist, der nicht lieber
vernichtet als unaufhörlich gepeiniget werden wollte? Wer sieht nicht
einen schönen Gegenstand lieber, als einen ekelhaften? Wer hört nicht
lieber den Gesang der Grasmücke, als das Geheul der Nachteule? Wer zieht
nicht einen angenehmen Geruch oder Geschmack einem widrigen vor? Und
würde nicht der enthaltsame Callias selbst lieber auf einem Lager von
Blumen in den Rosenarmen irgend einer schönen Nymphe ruhen, als in den
glühenden Armen des ehernen Götzenbildes, welchem die Andacht gewisser
Syrischer Völker, wie man sagt, ihre Kinder opfert? Eben so wenig scheint
es einem Zweifel unterworfen zu sein, daß der Schmerz und das Vergnügen so
unverträglich sind, daß eine einzige gepeinigte Nerve genug ist, uns gegen
die vereinigten Reizungen aller Wollüste unempfindlich zu machen. Die
Freiheit von allen Arten der Schmerzen ist also unstreitig eine
unumgängliche Bedingung der Glückseligkeit; allein da sie nichts positives
ist, so ist sie nicht so wohl ein Gut, als der Zustand, worin man des
Genusses des Guten fähig ist. Dieser Genuß allein ist es, dessen Dauer
den Stand hervorbringt, den man Glückseligkeit nennt.
Es ist unleugbar, daß nicht alle Arten und Grade des Vergnügens gut sind.
Die Natur allein hat das Recht uns die Vergnügen anzuzeigen, die sie uns
bestimmt hat. So unendlich die Menge dieser angenehmen Empfindungen zu
sein scheint, so ist doch leicht zu sehen, daß sie alle entweder zu den
Vergnügungen der Sinne, oder der Einbildungskraft, oder zu einer dritten
Klasse, die aus beiden zusammen gesetzt ist, gehören. Die Vergnügen der
Einbildungskraft sind entweder Erinnerungen an ehmals genossene sinnliche
Vergnügen; oder Mittel uns den Genuß derselben reizender zu machen; oder
angenehme Dichtungen und Träume, die entweder in einer neuen willkürlichen
Zusammensetzung der angenehmen Ideen, die uns die Sinne gegeben, oder in
einer dunkel eingebildeten Erhöhung der Grade jener Vergnügen, die wir
erfahren haben, bestehen. Es sind also, wenn man genau reden will, alle
Vergnügungen im Grunde sinnlich, indem sie, es sei nun unmittelbar oder
vermittelst der Einbildungskraft, von keinen andern als sinnlichen
Vorstellungen entstehen können.
Die Philosophen reden von Vergnügen des Geistes, von Vergnügen des Herzens,
von Vergnügen der Tugend. Alle diese Vergnügen sind es für die Sinnen
oder für die Einbildungskraft, oder sie sind nichts. Warum ist Homer
unendlich mal angenehmer zu lesen als Heraclitus? Weil die Gedichte des
ersten eine Reihe von Gemälden darstellen, die entweder durch die
eigentümliche Reizungen des Gegenstandes, oder die Lebhaftigkeit der
Farben, oder einen Kontrast, der das Vergnügen durch eine kleine Mischung
mit widrigen Empfindungen erhöhet, oder die Erregung angenehmer Bewegungen,
unsre Phantasie bezaubern.--Da die trocknen Schriften des Philosophen
nichts darstellen, als eine Reihe von Wörtern, womit man abgezogne
Begriffe bezeichnet, von denen sich die Einbildungskraft nicht anders als
mit vieler Anstrengung und einer beständigen Bemühung, die gänzliche
Verwirrung so vieler unbestimmter Schattenbilder zu verhüten, einige Ideen
machen kann; wenn anders dasjenige so genennt zu werden verdient, was in
Absicht seines wirklichen Gegenstands in der Natur, kaum so viel ist als
ein Schatten gegen den Körper der ihn zu werfen scheint. Es ist wahr, es
gibt abgezogene Begriffe, die für gewisse enthusiastische Seelen
entzückend sind; aber warum sind sie es? In der Tat bloß darum, weil ihre
Einbildungskraft sie auf eine schlaue Art zu verkörpern weiß. Untersuche
alle angenehmen Ideen von dieser Art, so unkörperlich und geistig sie
scheinen mögen, und du wirst finden, daß das Vergnügen, so sie deiner
Seele machen, von den sinnlichen Vorstellungen entsteht, womit sie
begleitet sind. Bemühe dich so sehr als du willst, dir Götter ohne
Gestalt, ohne Glanz, ohne etwas das die Sinnen rührt, vorzustellen; es
wird dir unmöglich sein. Der Jupiter des Homer und Phidias, die Idee
eines Hercules oder Theseus, wie unsre Einbildungskraft sich diese Helden
vorzustellen pflegt, die Ideen eines überirdischen Glanzes, einer mehr als
menschlichen Schönheit, eines ambrosischen Geruchs, werden sich unvermerkt
an die Stelle derjenigen setzen, die du dich vergeblich zu machen
bestrebest; und du wirst noch immer an dem irdischen Boden kleben, wenn du
schon in den empyreischen Gegenden zu schweben glaubst. Sind die
Vergnügen des Herzens weniger sinnlich? Sie sind die Allersinnlichsten.
Ein gewisser Grad derselben verbreitet eine wollüstige Wärme durch unser
ganzes Wesen, belebt den Umlauf des Blutes, ermuntert das Spiel der Fibern,
und setzt unsre ganze Maschine in einen Zustand von Behaglichkeit, der
sich der Seele um so mehr mitteilet, als ihre eigne natürliche
Verrichtungen auf eine angenehme Art dadurch erleichtert werden. Die
Bewunderung, die Liebe, das Verlangen, die Hoffnung, das Mitleiden, jeder
zärtliche Affekt bringt diese Würkung in einigem Grad hervor, und ist
desto angenehmer, je mehr er sich derjenigen Wollust nähert, die unsre
Alten würdig gefunden haben, in der Gestalt der personifizierten Schönheit,
aus deren Genuß sie entspringt, unter die Götter gesetzt zu werden.
Derjenige, den sein Freund niemals in Entzückungen gesetzt hat, die den
Entzückungen der Liebe ähnlich sind, ist nicht berechtiget von den
Vergnügen der Freundschaft zu reden. Was ist das Mitleiden, welches uns
zur Guttätigkeit treibt? Wer anders ist desselben fähig als diese
empfindlichen Seelen, deren Auge durch den Anblick, deren Ohr durch den
ächzenden Ton des Schmerzens und Elends gequälet wird, und die in dem
Augenblick, da sie die Not eines Unglücklichen erleichtern, beinahe
dasselbige Vergnügen fühlen, welches sie in eben diesem Augenblick an
seiner Stelle gefühlt hätten? Wenn das Mitleiden nicht ein wollüstiges
Gefühl ist, warum rührt uns nichts so sehr als die leidende Schönheit?
Warum lockt die klagende Phädra in der Nachahmung zärtliche Tränen aus
unsern Augen, da die winselnde Häßlichkeit in der Natur nichts als Ekel
erweckt? Und sind etwan die Vergnügen der Wohltätigkeit und Menschenliebe
weniger sinnlich? Dasjenige, was in dir vorgehen wird, wenn du dir die
kontrastierenden Gemälde einer geängstigten und einer fröhlichen Stadt
vorstellest, die Homer auf den Schild des Achilles setzt, wird dir diese
Frage auflösen! Nur diejenigen, die der Genuß des Vergnügens in die
lebhafteste Entzückung setzt, sind fähig, von den lachenden Bildern einer
allgemeinen Freude und Wonne so sehr gerührt zu werden, daß sie dieselbige
außer sich zu sehen wünschen; das Vergnügen der Guttätigkeit wird allemal
mit demjenigen in Verhältnis stehen, welches ihnen der Anblick eines
vergnügten Gesichts, eines fröhlichen Tanzes, einer öffentlichen
Lustbarkeit macht; und es ist nur der Vorteil ihres Vergnügens, je
allgemeiner diese Szene ist. Je größer die Anzahl der Fröhlichen und die
Mannigfaltigkeit der Freuden, desto größer die Wollust, wovon diese Art
von Menschen, an denen alles Sinn, alles Herz und Seele ist, beim Anblick
derselben überströmet werden. Laß uns also gestehen, Callias, daß alle
Vergnügen, die uns die Natur anbeut, sinnlich sind; und daß die
hochfliegendste, abgezogenste und geistigste Einbildungskraft uns keine
andre verschaffen kann, als solche, die wir auf eine weit vollkommnere Art
aus dem rosenbekränzten Becher, und von den Lippen der schönen Cyane
saugen könnten.
Es ist wahr, es gibt noch eine Art von Vergnügen, die beim ersten Anblick
eine Ausnahme von meinem Satz zu machen scheint. Man könnte sie
künstliche nennen, weil wir sie nicht aus den Händen der Natur empfangen,
sondern nur gewissen übereinkommnissen der menschlichen Gesellschaft zu
danken haben, durch welche dasjenige, was uns dieses Vergnügen macht, die
Bedeutung eines Gutes erhalten hat. Allein die kleinste überlegung ist
hinlänglich uns zu überzeugen, daß diese Dinge uns keine andre Art von
Vergnügen machen, als die wir vom Besitz des Geldes haben; welches wir mit
Gleichgültigkeit ansehen würden, wenn es uns nicht für alle die würklichen
Vergnügen Gewähr leistete, die wir uns dadurch verschaffen können. Von
dieser Art ist dasjenige, welches der Ehrgeizige empfindet, wenn ihm
Bezeugungen einer scheinbaren Hochachtung oder Unterwürfigkeit gemacht
werden, die ihm als Zeichen seines Ansehens und der Macht, die ihm
dasselbe über andre gibt, angenehm sind. Ein morgenländischer Despot
bekümmert sich wenig um die Hochachtung seiner Völker; sklavische
Unterwürfigkeit ist für ihn genug. Ein Mensch hingegen, dessen Glück in
den Händen solcher Leute liegt, die seines gleichen sind, ist genötiget,
sich ihre Hochachtung zu erwerben. Allein diese Unterwürfigkeit ist dem
Despoten, diese Hochachtung ist dem Republikaner nur darum angenehm, weil
sie das Vermögen oder die Gelegenheit gibt, die Leidenschaften und die
Begierden desto besser zu befriedigen, welche die unmittelbaren Quellen
des Vergnügens sind. Warum ist Alcibiades ehrgeizig? Alcibiades bewirbt
sich um einen Ruhm, der seine Ausschweifungen, seinen übermut, seinen
schleppenden Purpur, seine Schmäuse und Liebeshändel bedeckt; der es den
Atheniensern erträglich macht, den Liebesgott, mit dem Blitze Jupiters
bewaffnet, auf dem Schilde seines Feldherrn zu sehen; der die Gemahlin
eines spartanischen Königs so sehr verblendet, daß sie stolz darauf ist,
für seine Buhlerin gehalten zu werden. Ohne diese Vorteile würde ihm
Ansehn und Ruhm so gleichgültig sein, als ein Haufen Rechenpfennige einem
corinthischen Wucherer. 'Allein', spricht man, 'wenn es seine Richtigkeit
hat, daß die Vergnügen der Sinne alles sind, was uns die Natur zuerkannt
hat, was ist leichter und was braucht weniger Kunst und Anstalten, als
glücklich zu sein? Wie wenig bedarf die Natur um zu frieden zu sein?' Es
ist wahr, die rohe Natur bedarf wenig. Ihre Unwissenheit ist ihr Reichtum.
Eine Bewegung, die seinen Körper munter erhält, eine Nahrung die den
Hunger stillt, ein Weib, schön oder häßlich, wenn ihn die Ungeduld eines
gewissen Bedürfnisses beunruhiget, ein schattichter Rasen, wenn er des
Schlafs bedarf, und eine Höhle, sich vor dem Ungewitter zu sichern, ist
alles was der wilde Mensch nötig hat, um in dem Lauf von achtzig oder
hundert Jahren sich nur nicht einmal einfallen zu lassen, daß man mehr
brauchen könne. Die Vergnügen der Einbildungskraft und des Geschmacks
sind nicht für ihn; er genießt nicht mehr als die übrigen Tiere, und
genießt wie sie. Wenn er glücklich ist, weil er sich nicht für
unglücklich hält, so ist er es doch nicht in Vergleichung mit demjenigen,
für den die Künste des Witzes und des Geschmacks die angenehmste Art der
Bedürfnisse der Natur zu genießen, und eine unendliche Menge von
Ergötzungen der Sinne und der Einbildung erfunden haben, wovon die Natur
in dem rohen Zustande, worin wir sie uns in den ältesten Zeiten vorstellen,
keinen Begriff hat. Diese Vergleichung, es ist wahr, findet nur in dem
Stand einer Gesellschaft statt, die sich in einer langen Reihe von
Jahrhunderten endlich zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit erhoben
hat. In einem solchen aber wird alles das zum Bedürfnis, was der Wilde
nur darum nicht vermisset, weil es ihm unbekannt ist; und ein Diogenes
könnte zu Corinth nicht glücklich sein, wenn er nicht ein Narr wäre.
Gewisse poetische Köpfe haben sich ein goldnes Alter, ein Arcadien, ein
angenehmes Hirtenleben geträumt, welches zwischen der rohen Natur und der
Lebensart des begüterten Teils eines gesitteten und sinnreichen Volkes das
Mittel halten soll. Sie haben die verschönerte Natur von allem demjenigen
entkleidet, wodurch sie verschönert worden ist, und dieses idealische
Wesen die schöne Natur genannt. Allein außerdem, daß diese schöne Natur,
in dieser nackten Einfalt, welche man ihr gibt, niemals irgendwo vorhanden
war; wer siehet nicht, daß die Lebensart des goldnen Alters der Dichter,
zu derjenigen, welche durch die Künste mit allem bereichert und ausgeziert
worden, was der Witz zu erfinden fähig ist, um uns in den Armen einer
ununterbrochnen Wollust, vor dem überdruß der Sättigung zu bewahren; daß,
sage ich, jene dichtrische Lebensart zu dieser sich eben so verhält, wie
die Lebensart des wildesten Sogdianers zu jener? Wenn es angenehmer ist
in einer bequemen Hütte zu wohnen als in einem hohlen Baum, so ist es noch
angenehmer in einem geräumigen Hause zu wohnen, das mit den
ausgesuchtesten und wollüstigsten Bequemlichkeiten versehen, und, wohin
man die Augen wendet, mit Bildern des Vergnügens ausgeziert ist; und wenn
eine mit Bändern und Blumen geschmückte Phyllis reizender ist als eine
schmutzige und zottichte Wilde, muß nicht eine von unsern Schönen, deren
natürliche Reizungen durch einen wohlausgesonnenen und schimmernden Putz
erhoben werden, um eben so viel besser gefallen als eine Phyllis?"
DRITTES KAPITEL
Die Geisterlehre eines echten Materialisten
"Wir haben die Natur gefragt, Callias, worin die Glückseligkeit bestehe,
die sie uns zugedacht habe, und wir haben ihre Antwort. Ein
schmerzenfreies Leben, die angenehmste Befriedigung unsrer natürlichen
Bedürfnisse, und der abwechslende Genuß aller Arten von Vergnügen, womit
die Einbildungskraft, der Witz und die Künste unsern Sinnen zu schmeicheln
fähig sind.--Dieses ist alles was der Mensch fodern kann, und wenn es eine
erhabnere Art von Glückseligkeit gibt, so können wir wenigstens gewiß sein,
daß sie nicht für uns gehört, da wir nicht einmal fähig sind, uns eine
Vorstellung davon zu machen. Es ist wahr, der enthusiastische Teil unter
den Verehrern der Götter schmeichelt sich mit einer zukünftigen
Glückseligkeit, zu welcher die Seele nach der Zerstörung des Körpers erst
gelangen soll. Die Seele, sagen sie, war ehmals eine Freundin und
Gespielin der Götter, sie war unsterblich wie sie, und begleitete (wie
Plato homerisiert) den geflügelten Wagen Jupiters, um mit den übrigen
Unsterblichen die unvergängliche Schönheiten zu beschauen, womit die
unermeßlichen Räume über den Sphären erfüllt sind. Ein Krieg, der unter
den Bewohnern der unsichtbaren Welt entstand, verwickelte sie in den Fall
der Besiegten; sie ward vom Himmel gestürzt, und in den Kerker eines
tierischen Leibes eingeschlossen, um durch den Verlust ihrer ehmaligen
Wonne, in einem Zustand, der eine Kette von Plagen und Schmerzen ist, ihre
Schuld auszutilgen. Das unendliche Verlangen, der nie gestillte Durst
nach einer Glückseligkeit, die sie in keinem irdischen Gut findet, ist das
einzige, das ihr zu ihrer Qual von ihrem vormaligen Zustand übrig
geblieben ist; und es ist unmöglich, daß sie diese vollkommne Seligkeit,
wodurch sie allein befriediget werden kann, wieder erlange, eh sie sich
wieder in ihren ursprünglichen Stand, in das reine Element der Geister
empor geschwungen hat. Sie ist also vor dem Tode keiner andern
Glückseligkeit fähig als derjenigen, deren sie durch eine freiwillige
Absonderung von allen irdischen Dingen, durch Ertödung aller irdischen
Leidenschaften und Entbehrung aller sinnlichen Vergnügen, fähig gemacht
wird. Nur durch diese Entkörperung wird sie der Beschauung der
wesentlichen und göttlichen Dinge fähig, worin die Geister ihre einzige
Nahrung und diese vollkommne Wonne finden, wovon die sinnlichen Menschen
sich keinen Begriff machen können. Solchergestalt kann sie nur, nachdem
sie durch verschiedne Grade der Reinigung, von allem was tierisch und
körperlich ist, gesäubert worden, sich wieder zu der überirdischen Sphäre
erheben, mit den Göttern leben, und im Unverwandten Anschauen des
wesentlichen und ewigen Schönen, wovon alles Sichtbare bloß der Schatten
ist, Ewigkeiten durchleben, die eben so grenzenlos sind, als die Wonne,
von der sie überströmet werden.