Waagschale gelegt werden muß. Doch ich will diesen Einwurf fahren lassen,
ob er gleich weiter getrieben werden kann; was gewinnt deine Meinung
dadurch? Vielleicht ist die Welt immer in der allgemeinen Verfassung
gewesen, worin sie ist?--Vielleicht ist sie selbst das einzige Wesen, das
durch sich selbst bestehet? Vielleicht ist der Geist von dem du sagtest,
durch die wesentliche Beschaffenheit seiner Natur gezwungen, diesen
allgemeinen Weltkörper nach den Gesetzen einer unveränderlichen
Notwendigkeit zu beleben? Und gesetzt, die Welt sei, wie du meinest, das
Werk eines verständigen und freien Entschlusses; vielleicht hat sie viele
Urheber? Mit einem Worte, Callias, du hast viele mögliche Fälle zu
vernichten, eh du nur das Dasein deines obersten Geistes außer Zweifel
gesetzt hast."
AGATHON "Ich brauche zu meiner eignen Beruhigung keinen so weitläufigen
Weg. Ich sehe die Sonne, sie ist also; ich empfinde mich selbst, ich bin
also; ich empfinde, ich sehe diesen obersten Geist, er ist also."
HIPPIAS "Ein Träumender, ein Kranker, ein Wahnwitziger sieht; und doch ist
das nicht, was er sieht."
AGATHON "Weil er in diesem Zustande nicht recht sehen kann."
HIPPIAS "Wie kannst du beweisen, daß du nicht gerad in diesem Punkt krank
bist? Frage die ärzte; man kann in einem einzigen Stück wahnwitzig, und
in allen übrigen klug sein; so wie eine Laute bis auf eine einzige falsche
Saite wohl gestimmt sein kann. Der rasende Ajax sieht zwo Sonnen, ein
doppeltes Thebe. Was für ein untrügliches Kennzeichen hast du, das Wahre
von dem was nur scheint; das was du würklich empfindest, von dem was du
dir nur einbildest; das was du richtig empfindest, von dem was eine
verstimmte Nerve dich empfinden macht, zu unterscheiden? Und wie, wenn
alle Empfindung betröge, und nichts von allem was ist, so wäre, wie du es
empfindest?"
AGATHON "Darum bekümmere ich mich wenig. Gesetzt, die Sonne sei nicht so,
wie ich sie sehe und fühle; für mich ist sie darum nicht minder so, wie
ich sie sehe und fühle, und das ist für mich genug. Ihr Einfluß in das
System aller meiner übrigen Empfindungen ist darum nicht weniger würklich,
wenn sie gleich nicht so ist, wie sie sich meinen Sinnen darstellt, ja
wenn sie gar nicht ist."
HIPPIAS "Die Anwendung hievon, wenn dirs beliebt?"
AGATHON "Die Empfindung, die ich von dem höchsten Geiste habe, hat in das
innerliche System des meinigen den nämlichen Einfluß, den die Empfindung
die ich von der Sonne habe, auf mein körperliches System hat."
HIPPIAS "Wie so?"
AGATHON "Wenn sich mein Leib übel befindet, so vermehrt die Abwesenheit
der Sonne das Unbehagliche dieses Zustands. Der wiederkehrende
Sonnenschein belebt, ermuntert, erquicket meinen Körper wieder, und ich
befinde mich wohl, oder doch erleichtert. Eben diese Würkung tut die
Empfindung des alles beseelenden Geistes auf meine Seele; sie erheitert,
sie beruhiget, sie ermuntert mich; sie zerstreut meinen Unmut, sie belebt
meine Hoffnung; sie macht, daß ich in einem Zustande nicht unglücklich bin,
der mir ohne sie unerträglich wäre."
HIPPIAS "Ich bin also glücklicher als du, weil ich alles dieses nicht
nötig habe. Erfahrung und Nachdenken haben mich von Vorurteilen frei
gemacht; ich genieße alles was ich wünsche, und wünsche nichts, dessen
Genuß nicht in meiner Gewalt ist. Ich weiß also wenig von Unmut und
Sorgen. Ich hoffe wenig, weil ich mit dem Genuß des Gegenwärtigen
zufrieden bin. Ich genieße mit Mäßigung, damit ich desto länger genießen
könne, und wenn ich einen Schmerz fühle, so leide ich mit Geduld, weil
dieses das beste Mittel ist, seine Dauer abzukürzen."
AGATHON "Und worauf gründest du deine Tugend? Womit nährest und belebest
du sie? Womit überwindest du die Hinternisse, die sie aufhalten; die
Versuchungen, die von ihr ablocken, das ansteckende der Beispiele, die
Unordnung der Begierden, und die Trägheit, welche die Seele so oft erfährt,
wenn sie sich erheben will?"
HIPPIAS "O Jüngling, lange genug hab ich deinen Ausschweifungen zugehört.
In was für ein Gewebe von Hirngespinsten hat dich die Lebhaftigkeit deiner
Einbildungskraft verwickelt? Deine Seele schwebt in einer beständigen
Bezauberung, in einer Abwechselung von quälenden und entzückenden Träumen,
und die wahre Beschaffenheit der Dinge bleibt dir so verborgen, als die
sichtbare Gestalt der Welt einem Blindgebornen. Ich bedaure dich,
Callias. Deine Gestalt, deine Gaben berechtigen dich nach allem zu
trachten, was das menschliche Leben glückliches hat; deine Denkungsart
allein wird dich unglücklich machen. Angewöhnt lauter idealische Wesen
um dich her zu sehen, wirst du die Kunst niemals lernen, von den Menschen
Vorteil zu ziehen. Du wirst in einer Welt, die dich so wenig kennen wird
als du sie, wie ein Einwohner des Monds herum irren, und nirgends am
rechten Platze sein, als in einer Einöde oder im Fasse des Diogenes. Was
soll man mit einem Menschen anfangen, der Geister sieht? Der von der
Tugend fodert, daß sie mit aller Welt und mit sich selbst in beständigem
Kriege leben soll? Mit einem Menschen, der sich in den Mondschein
hinsetzt, und Betrachtungen über das Glück der entkörperten Geister
anstellt? Glaube mir, Callias, (ich kenne die Welt und sehe keine
Geister) deine Philosophie mag vielleicht gut genug sein eine Gesellschaft
müßiger Köpfe statt eines andern Spiels zu belustigen; aber es ist eine
Torheit sie ausüben zu wollen. Doch du bist jung; die Einsamkeit deiner
ersten Jugend und die morgenländischen Schwärmereien, die etliche
griechische Müßiggänger von den Egyptern und Chaldäern nach Hause gebracht,
haben deiner Phantasie einen romanhaften Schwung gegeben; die übermäßige
Empfindlichkeit deiner Organisation hat den angenehmen Betrug befödert;
Leuten von dieser Art ist nichts schön genug, was sie sehen, nichts
angenehm genug, was sie fühlen; die Phantasie muß ihnen andre Welten
erschaffen, die Unersättlichkeit ihres Herzens zu befriedigen. Allein
diesem übel kann noch geholfen werden. Selbst in den Ausschweifungen
deiner Einbildungskraft entdeckt sich eine natürliche Richtigkeit des
Verstandes, der nichts fehlt als auf andre Gegenstände angewendet zu
werden. Ein wenig Gelehrigkeit und eine unparteiische überlegung dessen,
was ich dir sagen werde, ist alles was du nötig hast, um von dieser
seltsamen Art von Wahnwitz geheilt zu werden, die du für Weisheit hältst.
überlaß es mir, dich aus den unsichtbaren Welten in die wirkliche
herabzuführen; sie wird dich anfangs befremden, aber nur weil sie dir neu
ist, und wenn du sie einmal gewohnt bist, wirst du die ätherischen so
wenig vermissen als ein erwachsner die Spiele seiner Kindheit. Diese
Schwärmereien sind Kinder der Einsamkeit und der Muße; ein Mensch der nach
angenehmen Empfindungen dürstet, und der Mittel beraubt ist, sich
würkliche zu verschaffen, ist genötiget sich mit Einbildungen zu speisen,
und aus Mangel einer bessern Gesellschaft mit den Sylphen umzugehen. Die
Erfahrung wird dich hievon am besten überzeugen können. Ich will dir die
Geheimnisse einer Weisheit entdecken, die zum Genuß alles dessen führt,
was die Natur, die Kunst, die Gesellschaft, und selbst die Einbildung
(denn der Mensch ist doch nicht gemacht immer weise zu sein) Gutes und
Angenehmes zu geben haben; und ich müßte mich ganz mit dir betrügen, wenn
die Stimme der Vernunft, die du noch niemals gehört zu haben scheinst,
dich nicht von einem Irrwege zurückrufen könnte, wo du am Ende deiner
Reise in das Land der Hoffnungen dich um nichts reicher befinden würdest,
als um die Erfahrung dich betrogen zu haben. Itzo ist es Zeit schlafen zu
gehen; aber der nächste ruhige Morgen den ich habe, soll dein sein. Ich
brauche dir nicht zu sagen, wie zufrieden ich mit der Art bin, wie du
bisher dein Amt versehen hast; und ich wünsche nichts, als daß eine
bessere übereinstimmung unsrer Denkungsart mich in den Stand setze, dir
Beweise von meiner Freundschaft zu geben." Mit diesen Worten begab sich
Hippias hinweg, und ließ unsern Agathon in einer Verfassung, die der Leser
aus dem folgenden Kapitel ersehen wird.
SIEBENTES KAPITEL
Worin Agathon für einen Schwärmer ziemlich gut räsoniert
Wir zweifeln nicht, daß verschiedene Leser dieser Geschichte in der
Vermutung stehen werden, Agathon müsse über diese nachdrucksvolle
Apostrophe des weisen Hippias nicht wenig betroffen, oder doch wenigstens
in einige Unruhe gesetzt worden sein. Das Alter des Hippias, der Ruf der
Weisheit, worin er stand, der zuversichtliche Ton, womit er sprach, der
Schein von Wahrheit der über seine Rede ausgebreitet war; und was nicht
das wenigste scheint, das Ansehen, welches ihm seine Reichtümer gaben;
alle diese Umstände hätten nicht fehlen sollen, einen Menschen aus der
Fassung zu setzen, der ihm so viele Vorzüge eingestehen mußte, und überdas
noch sein Sklave war. Allein man kann sich irren. Agathon hatte diese
ganze emphatische Rede mit einem Lächeln angehört, welches fähig gewesen
wäre, alle Sophisten der Welt irre zu machen, wenn die Dunkelheit und das
Vorurteil des Redners für sich selbst es hätten bemerken lassen; und kaum
befand er sich allein, so war die erste Würkung derselben, daß dieses
Lächeln sich in ein Lachen verwandelte, welches er zum Nachteil seines
Zwerchfells länger zurückzuhalten unnötig hielt, und welches immer wieder
anfing, so oft er sich die Miene, den Ton und die Gebärden vorstellte,
womit der weise Hippias die nachdrücklichsten Stellen seiner Rede von sich
gegeben hatte. Allein diese mechanische Bewegung machte bald ernsthaftern
Gedanken Platz, und es fehlte wenig, so hätte er sich selbst Vorwürfe
darüber gemacht, daß er fähig gewesen darüber zu lachen, daß ein so großer
Unterschied zwischen Hippias und Agathon war. "Ein Mensch, der so lebt
wie Hippias", dacht' er, "muß so denken; und wer so denkt wie Hippias
würde unglücklich sein, wenn er nicht so leben könnte. Ich muß lachen",
fuhr er mit sich selbst fort, "wenn ich an den Ton der Unfehlbarkeit denke,
womit er sprach. Dieser Ton ist mir nicht so neu, als der weise Hippias
glauben mag. Ich habe Gerber und Sackträger zu Athen gekannt, die sich
nicht zu wenig deuchten, mit dem ganzen Volk in diesem Ton zu sprechen.
Du glaubst mir etwas neues gesagt zu haben, wenn du meine Denkungsart
Schwärmerei nennst, und mir mit der Gewißheit eines Propheten die
Schicksale ankündigest, die sie mir zuziehen wird. Wie sehr betrügst du
dich, wenn du mich dadurch erschreckt zu haben glaubst! O! Hippias, was
ist das, was du Glückseligkeit nennest? Niemals wirst du fähig sein, zu
wissen was Glückseligkeit ist. Was du so nennst ist Glückseligkeit, wie
das Liebe ist, was dir deine Tänzerinnen einflößen. Du nennst die meinige
Schwärmerei; laß mich immer ein Schwärmer sein, und sei du ein Weiser.
Die Natur hat dir diese Empfindlichkeit, diese innerlichen Sinnen versagt,
die den Unterschied zwischen uns beiden machen; du bist einem Tauben
ähnlich, der die fröhlichen Bewegungen, welche die begeisternde Flöte
eines Damon in alle Glieder seiner Hörer bringt, dem Wein oder der
Unsinnigkeit zuschreibt; er würde tanzen wie sie, wenn er hören könnte.
Die Weltleute sind in der Tat nicht zu verdenken, wenn sie uns andre für
ein wenig mondsüchtig halten; wer will ihnen zumuten, daß sie glauben
sollen, es fehle ihnen etwas, das zu einem vollständigen Menschen gehört?
Ich kannte zu Athen ein junges Frauenzimmer, welches die Natur wegen der
Häßlichkeit ihrer übrigen Figur durch sehr artige Füße getröstet hatte.
'Ich möchte doch wissen', sagte sie zu einer Freundin, 'was diese jungen
Gecken an der einbildischen Timandra sehen, daß sie sonst für niemand
Augen haben als für sie? Es ist wahr, sie hat keine unfeine Farbe, ihre
Züge sind so so, ihre Augen wenigstens aufmunternd genug, und sie ist sehr
besorgt, ihre Bewunderer durch Auslegung gewisser schlüpfriger Schönheiten
für die Gleichgültigkeit ihres Gesichts schadlos zu halten; aber was sie
für Füße hat! Wie kann man einen Anspruch an Schönheit machen, ohne einen
feinen Fuß zu haben?' 'Du hast Recht', versetzte die Freundin, die der
Natur nichts schönes zu danken hatte, als ein paar überaus kleine Ohren;
'man muß einen Fuß haben wie du, um schön zu sein; aber was sagst du zu
ihren Ohren, Hermia? So wahr mir Diana gnädig sei, sie würden einem
Faunen Ehre machen.' So sind die Menschen, und es wäre unbillig ihnen übel
zu nehmen, daß sie so sind. Die Nachtigall singt, der Rabe krächzt, und
er müßte kein Rabe sein, wenn er nicht dächte, daß er gut krächze; er hat
noch recht, wenn er denkt, die Nachtigall krächze nicht gut; es ist wahr,
dann geht er zu weit, wenn er über die Nachtigall spottet, daß sie nicht
so gut krächzt wie er; aber sie würde eben so Unrecht haben, wenn sie über
ihn lachte, daß er nicht singe wie sie; er singt nicht, aber er krächzt
doch gut, und das ist für ihn genug. Aber Hippias ist besorgt für mich,
er bedaurt mich, er will mich so glücklich machen, wie er ist. Das ist
großmütig! Er hat ausfindig gemacht, daß ich das Schöne liebe, daß ich
gegen den Reiz, des Vergnügens nicht unempfindlich bin. Diese Entdeckung
war leicht zu machen; aber in den Schlüssen, die er daraus zieht, könnt'
er sich betrogen haben. Der kluge Ulysses zog sein steinichtes kleines
Ithaca, wo er frei war, und sein altes Weib mit der er vor zwanzig Jahren
jung gewesen war, der bezauberten Insel der schönen Calypso vor, wo er
unsterblich und ein Sklave gewesen wäre; und der Schwärmer Agathon würde
mit allem seinem Geschmack für das Schöne, und mit aller seiner
Empfindlichkeit für die Ergötzungen, ohne sich einen Augenblick zu
bedenken, lieber in das Faß des Diogenes kriechen, als den Palast, die
Gärten, das Serail und die Reichtümer des weisen Hippias besitzen, und
Hippias sein."
Immer Selbstgespräche, hören wir den Leser sagen. Wenigstens ist dieses
eines, und wer kann davor? Agathon hatte sonst niemand, mit dem er hätte
reden können als sich selbst; denn mit den Bäumen und Nymphen reden nur
die Verliebten. Wir müssen uns schon entschließen, ihm diese Unart zu gut
zu halten, und wir sollten es desto eher tun können, da ein so feiner
Weltmann als Horaz unstreitig war, sich nicht geschämt hat zu gestehen,
daß er öfters mit sich selbst zu reden pflege.
ACHTES KAPITEL
Vorbereitungen zum Folgenden
Agathon hatte noch nicht lange genug unter den Menschen gelebt, um die
Welt so gut zu kennen, als ein Theophrast sie zu der Zeit kannte, da er
sie verlassen mußte. Allein was ihm an Erfahrung abging, ersetzte seine
natürliche Gabe in den Seelen zu lesen, die durch die Aufmerksamkeit
geschärft worden war, womit er die Menschen und die Auftritte des Lebens,
die er zu sehen Gelegenheit gehabt, beobachtet hatte. Daher kam es, daß
seine letzte Unterredung mit dem Hippias, anstatt ihn etwas zu lehren, nur
den Verdacht rechtfertigte, den er schon einige Zeit gegen den Charakter
und die Denkungsart dieses Sophisten gefaßt hatte. Er konnte also auch
leicht erraten, von was für einer Art die geheime Philosophie sein würde,
von welcher er ihm so große Vorteile versprochen hatte. Dem ungeachtet
verlangte ihn nach dieser Zusammenkunft, teils weil er neugierig war, die
Denkungsart eines Hippias in ein System gebracht zu sehen, teils weil er
sich von der Beredsamkeit desselben diejenige Art von Ergötzung versprach,
die uns ein geschickter Gaukler macht, der uns einen Augenblick sehen läßt,
was wir nicht sehen, ohne es bei einem klugen Menschen so weit zu bringen,
daß man in eben demselben Augenblick nur daran zweifeln sollte, daß man
betrogen wird. Mit einer Gemütsverfassung, die so wenig von der
Gelehrigkeit hatte, welche Hippias foderte, fand sich Agathon ein, als er
nach Verfluß einiger Tage an einem Morgen in das Zimmer des Sophisten
gerufen wurde, welcher auf einem Ruhbette liegend seiner erwartete, und
ihm befahl sich neben ihm niederzusetzen und das Frühstück mit ihm zu
nehmen. Diese Höflichkeit war nach der Absicht des weisen Hippias eine
Vorbereitung, und er hatte, um die Würkung derselben zu befördern, das
schönste Mädchen in seinem Hause ausersehen, sie hiebei zu bedienen. In
der Tat die Gestalt dieser Nymphe, und die gute Art womit sie ihr Amt
versah, machten ihre Aufwartung für einen Weisen von Agathons Alter ein
wenig beunruhigend. Das schlimmste war, daß die kleine Hexe, um sich
wegen der Gleichgültigkeit zu rächen, womit Agathon ihre zuvorkommende
Gütigkeit bisher vernachlässiget hatte, keinen von den Kunstgriffen
verabsäumte, wodurch sie den Wert des von ihm verscherzten Glückes
empfindlicher zu machen glaubte. Sie hatte die Bosheit gehabt, sich in
einem so niedlichen, so sittsamen und doch so verführerischen Morgen-Anzug
darzustellen, daß Agathon sich nicht verhindern konnte zu denken, die
Grazien selbst könnten, wenn sie gekleidet erscheinen wollten, keinen
Anzug erfinden, der auf eine wohlanständigere Art das Mittel, zwischen der
eigentlichen Kleidung und ihrer gewöhnlichen Art sich sehen zu lassen,
hielte. Die Wahrheit zu sagen, das rosenfarbe Gewand, welches sie umfloß,
war eher demjenigen ähnlich, was Petron einen gewebten Wind oder einen
leinenen Nebel nennt, als einem Zeug der den Augen etwas entziehen soll;
und die kleinste Bewegung entdeckte Reizungen, die desto gefährlicher
waren, da sie sich gleich wieder in verräterische Schatten verbargen, und
der Einbildungskraft noch mehr als den Augen nachzustellen schienen. Dem
ungeachtet würde unser Held sich vielleicht ganz wohl aus der Sache
gezogen haben, wenn er nicht beim ersten Anblick die Absichten des Hippias
und der schönen Cyana (so hieß das junge Frauenzimmer) erraten hätte.
Diese Entdeckung setzte ihn in eine Art von Verlegenheit, die desto
merklicher wurde, je größere Gewalt er sich antat, sie zu verbergen; er
errötete zu seinem größten Verdruß bis an die Ohren, er machte allerlei
gezwungne Gebärden, und sah alle Gemälde in dem Zimmer nach einander an,
um seine Verwirrung unmerklich zu machen; aber alle seine Mühe war umsonst,
und die Geschäftigkeit der schalkhaften Cyane fand immer neuen Vorwand
seinen zerstreuten Blick auf sich zu ziehen. Doch der Triumph, dessen
sie in diesen Augenblicken genoß, währte nicht lange. So empfindlich die
Augen Agathons waren, so waren sie es doch nicht mehr als sein moralischer
Sinn; und ein Gegenstand, der diesen beleidigte, konnte keinen so
angenehmen Eindruck auf jene machen, daß er nicht von der unangenehmen
Empfindung des andern wäre überwogen worden. Die Forderungen der schönen
Cyane, das Gekünstelte, das Schlaue, das Schlüpfrige, das ihm an ihrer
ganzen Person anstößig war, löschte das Reizende so sehr aus, und
erkaltete seine Sinnen so sehr, daß ein größerer Grad davon, gleich dem
Anblick der Medusa, fähig gewesen wäre, ihn in einen Stein zu verwandeln.
Die Freiheit und Gleichgültigkeit, die ihm dieses gab, blieb Cyanen nicht
verborgen; und er sorgte dafür, sie durch gewisse Blicke, und ein gewisses
Lächeln, dessen Bedeutung ihr ganz deutlich war, zu überzeugen, daß sie zu
früh triumphiert habe. Dieses Betragen war für ihre Reizungen allzu
beleidigend, als daß sie es so gleich für ungezwungen hätte halten sollen;
der Widerstand, den sie fand, forderte sie zu einem Wettstreit heraus,
worin sie alle ihre Künste anwandte, den Sieg zu erhalten; allein die
Stärke ihres Gegners ermüdete endlich ihre Hoffnung, und sie behielt kaum
noch so viel Gewalt über sich selbst, den Verdruß zu verbergen, den sie
über diese Demütigung ihrer Eitelkeit empfand. Hippias, der sich eine
zeitlang stillschweigend mit diesem Spiel belustigte, urteilte bei sich
selbst, daß es nicht leicht sein werde, den Verstand eines Menschen zu
fangen, dessen Herz selbst auf der schwächsten Seite, sowohl befestiget
schien. Allein diese Anmerkung bekräftigte ihn nur in seinen Gedanken von
der Methode, die er bei seinem neuen Schüler gebrauchen müsse; und da er
selbst von seinem System besser überzeugt war, als irgend ein Bonze von
der Kraft der Amulete, die er seinen dankbaren Gläubigen austeilt, so
zweifelte er nicht, daß Agathon durch einen freimütigen Vortrag besser zu
gewinnen sein würde, als durch die rednerischen Kunstgriffe, deren er sich
bei schwachem Seelen mit gutem Erfolg zu bedienen pflegte. Sobald also
das Frühstück genommen, und die beschämte Cyane abgetreten war, fing er
nach einem kleinen Vorbereitungs-Gespräch, den merkwürdigen Diskurs an,
durch dessen vollständige Mitteilung wir desto mehr Dank zu verdienen
hoffen, da wir von Kennern versichert worden, daß der geheime Verstand
desselben den buchstäblichen an Wichtigkeit noch weit übertreffe, und der
wahre und unfehlbare Prozeß, den Stein der Weisen zu finden, darin
verborgen liege.
DRITTES BUCH
ERSTES KAPITEL
Vorbereitung zu einem sehr interessanten Diskurs