Ich zweifle nicht daran, Callias, daß es Leute geben mag, bei denen die

Milzsucht hoch genug gestiegen ist, daß diese Begriffe eine Art von

Wahrheit für sie haben. Es ist auch nichts leichters, als daß junge Leute

von lebhafter Empfindung und feurigen Einbildungskraft, durch eine einsame

Lebensart und den Mangel solcher Gegenstände und Freuden, worin sich

dieses übermäßige Feuer verzehren könnte, von diesen hochfliegenden

Schimären eingenommen werden, welche so geschickt sind, ihre nach

Vergnügen lechzende Einbildungskraft durch eine Art von Wollust zu

täuschen, die nur desto lebhafter ist, je verworrener und dunkler die

bezaubernden Phantomen sind die sie hervorbringen; allein ob diese Träume

außer dem Gehirn ihrer Erfinder, und derjenigen, deren Einbildungskraft so

glücklich ist ihnen nachfliegen zu können, einige Wahrheit oder

Würklichkeit haben, ist eine Frage, deren Erörterung nicht zum Vorteil

derselben ausfällt, wenn sie der gesunden Vernunft aufgetragen wird. Je

weniger die Menschen wissen, desto geneigter sind sie, zu wähnen und zu

glauben. Wem anders als der Unwissenheit und dem Aberglauben der ältesten

Welt haben die Nymphen und Faunen, die Najaden und Tritonen, die Furien

und die erscheinenden Schatten der Verstorbnen ihre vermeinte Würklichkeit

zu danken? Je besser wir die Körperwelt kennen lernen, desto enger werden

die Grenzen des Geister-Reichs. Ich will itzo nichts davon sagen, ob es

wahrscheinlich sei, daß die Priesterschaft, die von jeher einen so

zahlreichen Orden unter den Menschen ausgemacht, bald genug die Entdeckung

machen mußte, was für große Vorteile man durch diesen Hang der Menschen

zum Wunderbaren von ihren beiden heftigsten Leidenschaften, der Furcht und

der Hoffnung, ziehen könne. Wir wollen bei der Sache selbst bleiben.

Worauf gründet sich die erhabne Theorie, von der wir reden? Wer hat

jemals diese Götter, diese Geister gesehen, deren Dasein sie voraussetzt?

Welcher Mensch erinnert sich dessen, daß er ehmals ohne Körper in den

ätherischen Gegenden geschwebt, den geflügelten Wagen Jupiters begleitet,

und mit den Göttern Nektar getrunken habe? Was für einen sechsten oder

siebenten Sinn haben wir, um die Würklichkeit der Gegenstände damit zu

erkennen, womit man die Geisterwelt bevölkert? Sind es unsre innerlichen

Sinnen? Was sind diese anders als das Vermögen der Einbildungskraft die

Würkungen der äußern Sinnen nachzuäffen? Was sieht das inwendige Auge

eines Blindgebornen? Was hört das innere Ohr eines gebornen Tauben? Oder

was sind diese Szenen, in welche die erhabenste Einbildungskraft

auszuschweifen fähig ist, anders als neue Zusammensetzungen, die sie

gerade so macht, wie ein Mädchen aus den Blumen, die in einem Parterre

zerstreut stehen, einen Kranz flicht; oder höhere Grade dessen was die

Sinnen würklich empfunden haben, von welchen man jedoch immer unfähig

bleibt, sich einige klare Vorstellung zu machen; denn was empfinden wir

bei dem ätherischen Schimmer, oder den ambrosischen Gerüchen der

homerischen Götter? Wir sehen, wenn ich so sagen kann, den Schatten eines

Glanzes in unsrer Einbildung; wir glauben einen lieblichen Geruch zu

empfinden; aber wir sehen keinen ätherischen Glanz, und empfinden keinen

ambrosischen Geruch. Kurz, man verbiete den Schöpfern der überirdischen

Welten sich keiner irdischen und sinnlichen Materialien zu bedienen, so

werden ihre Welten, um mich eines ihrer Ausdrücke zu bedienen, plötzlich

wieder in den Schoß des Nichts zurückfallen, woraus sie gezogen worden.

Und brauchen wir wohl noch einen andern Beweis, um uns diese ganze Theorie

verdächtig zu machen, als die Methode, die man uns vorschreibt, um zu der

geheimnisvollen Glückseligkeit zu gelangen, welcher wir diejenige

aufopfern sollen, die uns die Natur und unsre Sinnen anbieten? Wir sollen

uns den sichtbaren Dingen entziehen, um die unsichtbaren zu sehen; wir

sollen aufhören zu empfinden, damit wir desto lebhafter phantasieren

können. 'Verstopfet eure Sinnen', sagen sie, 'so werdet ihr Dinge sehen

und hören, wovon diese tierischen Menschen, die gleich dem Vieh mit den

Augen sehen, und mit den Ohren hören, sich keinen Begriff machen können.'

Eine vortreffliche Diät, in Wahrheit; die Schüler des Hippokrates werden

dir beweisen, daß man keine bessere erfinden kann, um wahnwitzig zu werden.

Es scheint also sehr wahrscheinlich, daß alle diese Geister, diese

Welten, welche sie bewohnen, und diese Glückseligkeiten, welche man nach

dem Tode mit ihnen zu teilen hofft, nicht mehr Wahrheit haben, als die

Nymphen, die Liebesgötter und die Grazien der Dichter, als die Gärten der

Hesperiden und die Inseln der Circe und Calypso; kurz, als alle diese

Spiele der Einbildungskraft, welche uns belustigen, ohne daß wir sie für

würklich halten. Die Religion unsrer Väter befiehlt uns einen Jupiter,

eine Venus zu glauben; ganz gut; aber was für eine Vorstellung macht man

uns von ihnen? Jupiter soll ein Gott, Venus eine Göttin sein: Allein der

Jupiter des Phidias ist nichts mehr als ein heroischer Mann, noch die

Venus des Praxiteles mehr als ein schönes Weib; von dem Gott und der

Göttin hat kein Mensch in Griechenland den mindesten Begriff. Man

verspricht uns nach dem Tod ein unsterbliches Leben bei den Göttern; aber

die Begriffe die wir uns davon machen, sind entweder aus den sinnlichen

Wollüsten, oder den feinern und geistigern Freuden, die wir in diesem

Leben erfahren haben, zusammengesetzt; es ist also klar, daß wir gar keine

echte Vorstellung von dem Leben der Geister und von ihren Freuden haben.

Ich will hiemit nicht leugnen, daß es Götter, Geister oder vollkommnere

Wesen als wir sind, haben könne oder würklich habe. Alles was meine

Schlüsse zu beweisen scheinen, ist dieses, daß wir unfähig sind, uns eine

richtige Idee von ihnen zu machen, oder kurz, daß wir nichts von ihnen

wissen. Wissen wir aber nichts, weder von ihrem Zustande noch von ihrer

Natur, so ist es für uns eben so viel, als ob sie gar nicht wären.

Anaxagoras bewies mir einst mit dem ganzen Enthusiasmus eines Sternsehers,

daß der Mond Einwohner habe. Vielleicht sagte er die Wahrheit. Allein

was sind diese Mondbewohner für uns? Meinest du, der König Philippus

werde sich die mindeste Sorge machen, die Griechen möchten sie gegen ihn

zu Hülfe rufen? Es mögen Einwohner im Monde sein; für uns ist der Mond

weder mehr noch weniger als eine leere glänzende Scheibe, die unsre Nächte

erheitert, und unsre Zeit abmißt. Hat es aber diese Bewandtnis, wie es

denn nicht anders sein kann, wie töricht ist es, den Plan seines Lebens

nach Schimären einzurichten, und sich der Glückseligkeit deren man

würklich genießen könnte, zu begeben, um sich mit ungewissen Hoffnungen zu

weiden; die Frucht seines Daseins zu verlieren, so lange man lebt, in

Hoffnung sich dafür schadlos zu halten, wenn man nicht mehr sein wird!

Denn daß wir itzt leben, und daß dieses Leben aufhören wird, das wissen

wir gewiß; ob ein andres alsdann anfange, ist wenigstens ungewiß, und wenn

es auch wäre, so ist es doch unmöglich, das Verhältnis desselben gegen das

itzige zu bestimmen, da wir kein Mittel haben uns einen echten Begriff

davon zu machen. Laß uns also den Plan unsers Lebens auf das gründen, was

wir kennen und wissen; und nachdem wir gefunden haben, was das glückliche

Leben ist, den geradesten und sichersten Weg suchen, auf dem wir dazu

gelangen können."

VIERTES KAPITEL

Worin Hippias bessere Schlüsse macht

"Ich habe schon bemerkt, daß die Glückseligkeit, welche wir suchen, nur in

dem Stand einer Gesellschaft, die sich schon zu einem gewissen Grade der

Vollkommenheit erhoben hat, statt finde. In einer solchen Gesellschaft

entwickeln sich alle diese mannichfaltigen Geschicklichkeiten, die bei dem

wilden Menschen, der so wenig bedarf, so einsam lebt, und so wenig

Leidenschaften hat, immer müßige Fähigkeiten bleiben. Die Einführung des

Eigentums, die Ungleichheit der Güter und Stände, die Armut der einen, der

überfluß, die üppigkeit und die Trägheit der andern, dieses sind die

wahren Götter der Künste, die Mercure und die Musen, denen wir ihre

Erfindung oder doch ihre Vollkommenheit zu danken haben. Wie viel

Menschen müssen ihre Bemühungen vereinigen, um einen einzigen Reichen zu

befriedigen! Diese bauen seine Felder und Weinberge, andre pflanzen seine

Lustgärten, noch andre bearbeiten den Marmor, woraus seine Wohnung

aufgeführt wird; tausende durchschiffen den Ozean um ihm die Reichtümer

fremder Länder zuzuführen; tausende beschäftigen sich, die Seide und den

Purpur zu bereiten, die ihn kleiden; die Tapeten, die seine Zimmer

schmücken; die kostbaren Gefäße, woraus er ißt und trinkt; und die weichen

Lager, worauf er der wollüstigsten Ruhe genießt. Tausende müssen in

schlaflosen Nächten ihren Witz verzehren, um neue Bequemlichkeiten, neue

Wollüste, eine leichtere und angenehmere Art die leichtesten und

angenehmsten Verrichtungen, die uns die Natur auferlegt, zu tun, für ihn

zu erfinden, und durch die Zaubereien der Kunst, die den gemeinsten Dingen

einen Schein der Neuheit zu geben weiß, seinen Ekel zu täuschen, und seine

vom Genuß ermüdeten Sinnen aufzuwecken. Für ihn arbeitet der Maler, der

Tonkünstler, der Dichter, der Schauspieler, und überwindet unendliche

Schwierigkeiten, um Künste zur Vollkommenheit zu treiben, welche die

Anzahl seiner Ergötzungen vermehren sollen. Allein alle diese Leute,

welche für den glücklichen Menschen arbeiten, würden es nicht tun, wenn

sie nicht selbst glücklich zu sein wünschten. Sie arbeiten nur für

denjenigen, der ihre Bemühung für sein Vergnügen belohnen kann. Der König

von Persien selbst ist nicht mächtig genug, den Zeuxes zu zwingen, daß er

ihm eine Leda male. Nur die Zauberkraft des Goldes, welchem eine

allgemeine übereinkunft der gesitteten Völker den Wert aller nützlichen

und angenehmen Dinge beigelegt hat, kann den Genie und den Fleiß einem

Midas dienstbar machen, der ohne seine Schätze kaum so viel wert wäre, dem

Maler, der für ihn arbeitet, die Farben zu reiben. Die Kunst, sich die

Mittel zur Glückseligkeit zu verschaffen, ist also schon gefunden, mein

lieber Callias, sobald wir die Kunst gefunden haben, einen genugsamen

Vorrat von diesem Steine der Weisen zu bekommen, der uns die ganze Natur

unterwirft, der Millionen von unsers Gleichen zu freiwilligen Sklaven

unsrer üppigkeit macht, und der uns in jedem schlauen Kopf einen

dienstwilligen Mercur, und durch den unwiderstehlichen Glanz eines goldnen

Regens, in jeder Schönen eine Danae finden läßt. Die Kunst reich zu

werden, Callias, ist im Grunde nichts anders, als die Kunst, sich des

Eigentums andrer Leute mit ihrem guten Willen zu bemächtigen. Ein Despot

hat unter dem Schutz eines Vorurteils, welches demjenigen sehr ähnlich ist,

womit die Egypter den Krokodil vergötterten, in diesem Stück einen

ungemeinen Vorteil: Da sich seine Rechte so weit erstrecken als seine

Macht, und diese Macht durch keine Pflichten eingeschränkt ist, weil ihn

niemand zwingen kann, sie zu erfüllen; so kann er sich das Vermögen seiner

Untertanen zueignen, ohne sich darum zu bekümmern, ob es mit ihrem guten

Willen geschieht. Es kostet ihn keine Mühe, unermeßliche Reichtümer zu

erwerben, und, um mit der unmäßigsten Schwelgerei in einem Tag Millionen

zu verschwenden, hat er nichts nötig, als denjenigen Teil des Volkes, den

seine Dürftigkeit zu einer immerwährenden Arbeit verdammt, an diesem Tage

fasten zu lassen. Allein außer dem, daß dieser Vorteil nur sehr wenigen

Sterblichen zu Teil werden kann, so ist er nicht so beschaffen, daß ein

weiser Mann ihn beneiden könnte. Das Vergnügen höret auf Vergnügen zu

sein, so bald es über einen gewissen Grad getrieben wird. Das übermaß

der sinnlichen Wollüste zerstöret die Werkzeuge der Empfindung; das

übermaß der Vergnügen der Einbildungskraft, verderbt den Geschmack des

echten Schönen, indem für unmäßige Begierden nichts reizend sein kann, was

in die Verhältnisse und das Ebenmaß der Natur eingeschlossen ist. Daher

ist das gewöhnliche Schicksal der morgenländischen Fürsten, die in die

Mauern ihres Serails eingekerkert sind, in den Armen der Wollust vor

Ersättigung und überdruß umzukommen; indessen, daß die süßesten Gerüche

von Arabien vergeblich für sie düften, daß die geistigen Weine ihnen

ungekostet aus Kristallen entgegenblinken, daß tausend Schönheiten, deren

jede zu Paphos einen Altar erhielte, alle ihre Reizungen, alle ihre

buhlerische Künste umsonst verschwenden, ihre schlaffen Sinnen zu erwecken,

und zehen tausend Sklaven ihrer üppigkeit in die Wette eifern, um

unerhörte und ungeheure Wollüste zu erdenken, welche fähig sein möchten,

wenigstens die glühende Phantasie dieser unglückseligen Glücklichen auf

etliche Augenblicke zu betrügen. Wir haben also mehr Ursache, als man

insgemein glaubt, der Natur zu danken, wenn sie uns in einen Stand setzt,

wo wir das Vergnügen durch Arbeit erkaufen müssen, und vorher unsre

Leidenschaften mäßigen lernen, eh wir zu einer Glückseligkeit gelangen,

die wir ohne diese Mäßigung nicht genießen könnten.

Da nun die Despoten und die Straßenräuber die einzigen sind, denen es,

jedoch auf ihre Gefahr, zusteht, sich des Vermögens andrer Leute mit

Gewalt zu bemächtigen: So bleibt demjenigen, der sich aus einem Zustand

von Mangel und Abhänglichkeit empor schwingen will, nichts anders übrig,

als daß er sich die Geschicklichkeit erwerbe, den Vorteil und das

Vergnügen der Lieblinge des Glückes zu befördern. Unter den vielerlei

Arten, wie dieses geschehen kann, sind einige dem Menschen von Genie, mit

Ausschluß aller übrigen, vorbehalten, und teilen sich nach ihrem

verschiednen Endzweck in zwo Klassen ein, wovon die erste die Vorteile,

und die andre das Vergnügen des beträchtlichsten Teils einer Nation zum

Gegenstand hat. Die erste, welche die Regierungs--und Kriegs-Künste in

sich begreift, scheint ordentlicher Weise nur in freien Staaten Platz zu

finden; die andre hat keine Grenzen als den Grad des Reichtums und der

üppigkeit eines jeden Volks, von welcher Art seine Staatsverfassung sein

mag. In dem armen Athen wurde ein guter Feld-Herr unendlichmal höher

geschätzt, als ein guter Maler; in dem reichen und wollüstigen Athen gibt

man sich keine Mühe zu untersuchen, wer der tüchtigste sei, ein Kriegsheer

anzuführen; man hat wichtigere Dinge zu entscheiden; die Frage ist, welche

unter etlichen Tänzerinnen die artigsten Füße hat, und die schönsten

Sprünge macht? ob die Venus des Praxiteles, oder des Alcamenes die

schönere ist?--Die Künste des Genie von der ersten Klasse führen für sich

allein selten zum Reichtum. Die großen Talente, die großen Verdienste und

Tugenden, die dazu erfodert werden, finden sich gemeiniglich nur in armen

und emporstrebenden Republiken, die alles, was man für sie tut, nur mit

Lorbeerkränzen bezahlen. In Staaten aber, wo Reichtum und üppigkeit schon

die Oberhand gewonnen haben, braucht man alle diese Talente und Tugenden

nicht, welche die Regierungskunst zu erfodern scheint. Man kann in

solchen Staaten Gesetze geben, ohne ein Solon zu sein; man kann ihre

Kriegsheere anführen, ohne ein Leonidas oder Themistokles zu sein.

Perikles, Alcibiades, regierten zu Athen den Staat, und führten die Völker

an; obgleich jener nur ein Redner war, und dieser keine andre Kunst kannte,

als die Kunst sich der Herzen zu bemeistern. In solchen Republiken hat

das Volk die Eigenschaften, die in einem despotischen Staate der Einzige

hat, der kein Sklave ist; man braucht ihm nur zu gefallen, um zu allem

tüchtig befunden zu werden. Perikles herrschte, ohne die äußerlichen

Zeichen der königlichen Würde zu tragen, so unumschränkt in dem freien

Athen, als Artaxerxes in dem untertänigen Asien. Seine Talente, und die

Künste die er von der schönen Aspasia gelernt hatte, erwarben ihm eine Art

von Oberherrschaft, die nur desto unumschränkter war, da sie ihm

freiwillig zugestanden wurde; die Kunst eine große Meinung von sich zu

erwecken, die Kunst zu überreden, die Kunst von der Eitelkeit der

Athenienser Vorteil zu ziehen und ihre Leidenschaften zu lenken; diese

machten seine ganze Regierungskunst aus. Er verwickelte die Republik in

ungerechte und unglückliche Kriege, er erschöpfte die öffentliche

Schatzkammer, er erbitterte die Bundsgenossen durch gewaltsame

Erpressungen; und damit das Volk keine Zeit hätte, eine so schöne

Staats-Verwaltung genauer zu beobachten, so bauete er Schauspielhäuser,

gab ihnen schöne Statuen und Gemälde zu sehen, unterhielt sie mit

Tänzerinnen und Virtuosen, und gewöhnte sie so sehr an diese abwechselnden

Ergötzungen, daß die Vorstellung eines neuen Stücks, oder der Wettstreit

unter etlichen Flötenspielern zuletzt Staats-Angelegenheiten wurden, über

welchen man diejenigen vergaß die es in der Tat waren. Hundert Jahre

früher würde man einen Perikles für eine Pest der Republik angesehen haben;

allein damals würde Perikles ein Aristides gewesen sein. In der Zeit

worin er lebte, war Perikles, so wie er war, der größte Mann der Republik;

der Mann der Athen zu dem höchsten Grade der Macht und des Glanzes erhub,

den es zu erreichen fähig war; der Mann, dessen Zeit als das goldne Alter

der Musen in allen künftigen Jahrhunderten angezogen werden wird; und, was

für ihn selbst das interessanteste war, der Mann, für den die Natur die

Euripiden und Aristophane, die Phidias, die Zeuxes, die Damonen, und die

Aspasien zusammen brachte, um sein Privatleben so angenehm zu machen, als

sein öffentliches Leben glänzend war. Die Kunst über die Einbildungskraft

der Menschen zu herrschen, die geheimen, ihnen selbst verborgnen

Triebfedern ihrer Bewegungen nach unserm Gefallen zu lenken, und sie zu

Werkzeugen unsrer Absichten zu machen, indem wir sie in der Meinung

erhalten, daß wir es von den ihrigen sind, ist also, ohne Zweifel,

diejenige, die ihrem Besitzer am nützlichsten ist, und dieses ist die

Kunst welche die Sophisten lehren und ausüben; die Kunst, welcher sie das

Ansehen, die Unabhänglichkeit und die glücklichen Tage, deren sie genießen,

zu danken haben. Du kannst dir leicht vorstellen, Callias, daß sie sich

in etlichen Stunden weder lehren noch lernen läßt; allein meine Absicht

ist auch für itzt nur, dir überhaupt einen Begriff davon zu geben.

Dasjenige, was man die Weisheit der Sophisten nennt, ist die

Geschicklichkeit sich der Menschen so zu bedienen, daß sie geneigt sind,

unser Vergnügen zu befördern, oder überhaupt die Werkzeuge unsrer

Absichten zu sein. Die Beredsamkeit, welche diesen Namen erst alsdann

verdient, wenn sie im Stand ist, die Zuhörer, wer sie auch sein mögen, von

allem zu überreden, was wir wollen, und in jeden Grad einer jeden

Leidenschaft zu setzen, die zu unsrer Absicht nötig ist; eine solche

Beredsamkeit ist unstreitig ein unentbehrliches Werkzeug, und das

vornehmste wodurch die Sophisten diesen Zweck erreichen. Die Grammatici

bemühen sich, junge Leute zu Rednern zu bilden; die Sophisten tun mehr,

sie lehren sie überreder zu werden, wenn mir dieses Wort erlaubt ist.

Hierin allein besteht das Erhabne einer Kunst, die vielleicht noch niemand

in dem Grade besessen hat, wie Alcibiades, der in unsern Zeiten so viel

Aufsehens gemacht hat. Der Weise bedient sich dieser überredungs-Gabe nur

als eines Werkzeugs zu höhern Absichten. Alcibiades überläßt es einem

Antiphon, sich mit Ausfeilung einer künstlichgesetzten Rede zu bemühen; er

überredet indessen seine Landsleute, daß ein so liebenswürdiger Mann wie

Alcibiades das Recht habe zu tun, was ihm einfalle; er überredet die

Spartaner zu vergessen, daß er ihr Feind gewesen, und daß er es bei der

ersten Gelegenheit wieder sein wird; er überredet die Königin Timea, daß

sie ihn bei sich schlafen lasse, und die Satrapen des großen Königs, daß

er ihnen die Athenienser zu eben der Zeit verraten wolle, da er die

Athenienser überredet, daß sie ihm Unrecht tun, ihn für einen Verräter zu

halten. Diese überredungskraft setzt die Geschicklichkeit voraus, jede

Gestalt anzunehmen, wodurch wir demjenigen gefällig werden können, auf den

wir Absichten haben; die Geschicklichkeit, sich der verborgensten Zugänge

seines Herzens zu versichern, seine Leidenschaften, je nachdem wir es

nötig finden, zu erregen, zu liebkosen, eine durch die andre zu verstärken,

oder zu schwächen, oder gar zu unterdrucken; sie erfodert eine

Gefälligkeit, die von den Sittenlehrern Schmeichelei genennt wird, aber

diesen Namen nur alsdann verdient, wenn sie von den Gnathonen die um die

Tafeln der Reichen sumsen, nachgeäffet wird,--eine Gefälligkeit, die aus

einer tiefen Kenntnis der Menschen entspringt, und das Gegenteil von der

lächerlichen Sprödigkeit gewisser Phantasten ist, die den Menschen übel

nehmen, daß sie anders sind, als wie diese ungebetenen Gesetzgeber es

haben wollen; kurz, diejenige Gefälligkeit ohne welche es vielleicht

möglich ist, die Hochachtung, aber niemals die Liebe der Menschen zu

erlangen; weil wir nur diejenigen lieben können, die uns ähnlich sind, die

unsern Geschmack haben oder zu haben scheinen, und so eifrig sind, unser

Vergnügen zu befördern, daß sie hierin die Aspasia von Milet zum Muster

nehmen, welche sich bis ans Ende in der Gunst des Perikles erhielt, indem

sie in demjenigen Alter, worin man die Seele der Damen zu lieben pflegt,

sich in die Grenzen der Platonischen Liebe zurückzog, und die Rolle des

Körpers durch andre spielen ließ. Ich lese in deinen Augen Callias, was

du gegen diese Künste einzuwenden hast, die sich so übel mit den

Vorurteilen vertragen, die du gewohnt bist für Grundsätze zu halten. Es

ist wahr, die Kunst zu leben, welche die Sophisten lehren, ist auf ganz

andre Begriffe von dem, was in sittlichem Verstande schön und gut ist

gebaut, als diejenigen hegen, die von dem idealischen Schönen, und von

einer gewissen Tugend, die ihr eigner Lohn sein soll, so viel schöne Dinge

zu sagen wissen. Allein, wenn du noch nicht müde bist mir zuzuhören, als

ich es bin zu schwatzen; so denke ich, daß es nicht schwer sein werde dich

zu überzeugen, daß das idealische Schöne und die idealische Tugend mit

jenen Geistermärchen, wovon wir erst gesprochen haben, in die nämliche

Klasse gehören."

FÜNFTES KAPITEL

Der Anti-Platonismus in Nuce

Geschichte des Agathon. Teil 1 · 第 6 / 23 段