Nach allem, was wir bereits von diesem weisen Manne gesagt haben, wär es

überflüssig, eine Abschilderung von seinen Sitten zu machen. Sein

Lehr-Begriff, von der Kunst zu leben, wird uns in kurzem umständlich

vorgelegt werden; und er besaß eine Tugend, welche nicht die Tugend der

Moralisten zu sein pflegt; er lebte nach seinen Grundsätzen.

ZWEITES KAPITEL

Absichten des weisen Hippias

Unter andern Neigungen, in deren Befriedigung man den rechten Gebrauch des

Reichtums zu setzen pflegt, hatte Hippias einen besondern Geschmack an

allem, was gut in die Augen fiel. Er wollte, daß die Seinigen, in seinem

Hause wenigstens, sich nirgends hinwenden sollten, ohne einem schönen

Gegenstande zu begegnen. Die schönsten Gemälde, die schönsten Bildsäulen

und Schnitzwerke, die reichsten Tapeten, das schönste Hausgeräte, die

schönsten Gefäße befriedigten seinen Geschmack noch nicht; er wollte auch,

daß der belebte Teil seines Hauses mit dieser allgemeinen Schönheit

übereinstimmen sollte; und seine Bediente und Sklavinnen waren die

ausgesuchtesten Gestalten, die er in einem Lande, wo die Schönheit

gewöhnlich ist, hatte finden können. Die Gestalt Agathons möchte also

allein hinreichend gewesen sein, ihm seine Gunst zu erwerben; zumal da er

eben einen Leser nötig hatte, und aus dem Anblick und den ersten Worten

desselben urteilte, daß er sich zu einem Dienst vollkommen schicken würde,

wozu eine gefallende Gesichts-Bildung und eine musikalische Stimme die

nötigsten Gaben sind. Allein Hippias hatte noch eine geheime Absicht, die

er durch diesen Jüngling zu erreichen hoffte. Obgleich die Liebe zu den

Wollüsten der Sinne seine herrschende Neigung zu sein schien, so hatte

doch die Eitelkeit nicht weniger Anteil an den meisten Handlungen seines

Lebens. Er hatte, bevor er sich nach Smyrna begab, um die Früchte seiner

Arbeit zu genießen, den schönsten Teil seines Lebens zugebracht, die

edelste Jugend der griechischen Städte zu bilden; er hatte Redner gebildet,

die durch eine künstliche Vermischung des Wahren und Falschen, und den

klugen Gebrauch gewisser Figuren, einer schlimmen Sache den Schein und die

Würkung einer guten zu geben wußten; Staats-Männer, welche die Kunst

besaßen, mitten unter den Zujauchzungen eines betörten Volks die Gesetze

durch die Freiheit und die Freiheit durch schlimme Sitten zu vernichten;

um diejenigen, die sich der heilsamen Zucht der Gesetze nicht unterwerfen

wollten, der willkürlichen Gewalt ihrer Leidenschaften zu unterwerfen;

kurz, er hatte Leute gebildet, die sich Ehren-Säulen dafür aufrichten

ließen, daß sie ihr Vaterland zu Grunde richteten. Allein dieses

befriedigte seine Eitelkeit noch nicht: Er wollte auch jemand hinterlassen,

der seine Kunst fortzusetzen geschickt wäre; eine Kunst, die in seinen

Augen allzuschön war, als daß sie mit ihm sterben sollte. Schon lange

hatte er einen jungen Menschen gesucht, bei dem er das natürliche

Geschicke, der Nachfolger eines Hippias zu sein, in derjenigen

Vollkommenheit finden möchte, die dazu erfodert wurde. Seine Gabe, aus

der Gestalt und Miene das Inwendige eines Menschen zu erraten, beredete

ihn, im Agathon zu finden, was er suchte; wenigstens hielt er es der Mühe

wert, den Versuch mit ihm zu machen; und da er von seiner Tüchtigkeit ein

so gutes Vorurteil gefasset hatte, so fiel ihm nur nicht ein, in seine

Willigkeit zu den großen Absichten, die er mit ihm vorhatte, einigen

Zweifel zu setzen.

DRITTES KAPITEL

Verwunderung, in welche Agathon gesetzt wird

Agathon wußte noch nichts, als daß er einem Manne zugehöre, dessen

äußerliches Ansehen ihm gefiel; als er bei dem Eintritt in sein Haus durch

die Schönheit des Gebäudes, die Bequemlichkeiten der Einrichtung, die

Menge und die gute Miene der Bedienten, und durch einen Schimmer von

Pracht und üppigkeit, der ihm allenthalben entgegen glänzte, in eine Art

von Verwunderung gesetzt wurde, die ihm sonst nicht gewöhnlich war, und

die nur desto mehr zunahm, wie er hörte, daß er die Ehre haben sollte, ein

Haus-Genosse von Hippias, dem Weisen, zu werden. Er war noch im

Nachdenken begriffen, was für eine Art von Weisheit dieses sein möchte,

als Hippias, der indes seinem Zahlmeister befohlen hatte, den Cilicier zu

befriedigen, ihn in sein Cabinet rufen ließ, und ihm seine künftige

Bestimmung in diesen Worten ankündigte: "Die Gesetze, Callias, (denn

dieses soll künftig dein Name sein) geben mir zwar das Recht, dich als

meinen Leibeigenen anzusehen; aber es wird nur von dir abhangen, so

glücklich in meinem Hause zu sein, als ich selbst. Alle deine

Verrichtungen werden darin bestehen, den Homer bei meinem Tische, und die

Aufsätze, mit deren Ausarbeitung ich mir die Zeit vertreibe, in meinem

Hör-Saal vorzulesen. Wenn dieses Amt leicht zu sein scheint, so versichre

ich dich, daß ich nicht leicht zu befriedigen bin, und daß du Kenner zu

Hörern haben wirst. Ein jonisches Ohr will nicht nur ergötzt, es will

bezaubert sein. Die Annehmlichkeit der Stimme, die Reinigkeit und das

Weiche der Aussprache, die Richtigkeit des Akzents, das Muntre, das

Ungezwungene, das Musikalische ist nicht hinlänglich; wir fodern eine

vollkommne Nachahmung, einen Ausdruck, der jedem Teile des Stücks, jeder

Periode, jedem Vers das Leben, den Affekt, die Seele gibt, die sie haben

sollen; kurz, die Art, wie gelesen wird, soll das Ohr an die Stelle aller

übrigen Sinne setzen. Das Gastmahl des Alcinous soll diesen Abend dein

Probstück sein. Die Fähigkeiten, die ich an dir zu entdecken hoffe,

werden meine Absichten mit dir bestimmen; und vielleicht wirst du in der

Zukunft Ursache finden, den Tag, an dem du dem Hippias gefallen hast,

unter deine Glücklichen zu zählen." Mit diesen Worten verließ er unsern

Jüngling, und ersparte sich dadurch die Demütigung zu sehen, wie wenig der

neue Callias durch die Hoffnungen gerührt schien, wozu ihn diese Erklärung

berechtigte. In der Tat hatte die Bestimmung, die jonischen Ohren zu

bezaubern, in Agathons Augen nicht edels genug, daß er sich deswegen hätte

glücklich schätzen sollen; und über dem war etwas in dem Ton dieser Anrede,

welches ihm mißfiel, ohne daß er eigentlich wußte, warum? Inzwischen

vermehrte sich seine Verwunderung, je mehr er sich in dem Hause des weisen

Hippias umsah; und er begriff nun ganz deutlich, daß sein Herr, was auch

sonst seine Grundsätze sein möchten, wenigstens von der Ertödung der

Sinnlichkeit, wovon er ehmals den Plato zu Athen sehr schöne Dinge sagen

gehört hatte, keine Profession mache. Allein wie er sah, was die Weisheit

in diesem Hause für eine Tafel hielt, wie prächtig sie sich bedienen ließ,

was für reizende Gegenstände ihre Augen, und was für wollüstige Harmonien

ihre Ohren ergötzten, während daß der Schenk-Tisch mit den ausgesuchtesten

Weinen und den angenehm-betäubenden Getränken der Asiaten beladen, den

Sinnen zum Genuß so vieler Wollüste neue Kräfte zu geben schien; wie er

die Menge von jungen Sklaven sah, die den Liebes-Göttern ähnlich schienen,

die Chöre von Tänzerinnen und Lauten-Spielerinnen, die durch die Reizungen

ihrer Gestalt so sehr als durch ihre Geschicklichkeit bezauberten, und die

nachahmenden Tänze, in denen sie die Geschichte der Leda oder Danae durch

bloße Bewegungen mit einer Lebhaftigkeit vorstellten, die einen Nestor

hätte verjüngern können; wie er die üppigen Bäder, die bezauberten Gärten,

kurz, wie er alles sah, was das Haus des weisen Hippias zu einem Tempel

der ausgekünsteltsten Sinnlichkeit machte, so stieg seine Verwunderung bis

zum Erstaunen; und er konnte nicht begreifen, was dieser Sybarite getan

haben müsse, um den Namen eines Weisen zu verdienen, oder wie er sich

einer Benennung nicht schäme, die ihm, seinen Gedanken nach, eben so gut

anstund, als dem Alexander von Phera, wenn man ihn den Leutseligen, oder

der Phryne, wenn man sie die Keusche hätte nennen wollen. Alle

Auflösungen, die er sich selbst hierüber machen konnte, befriedigten ihn

so wenig, daß er sich vornahm, bei der ersten Gelegenheit dieses Problem

dem Hippias selbst vorzulegen.

VIERTES KAPITEL

Welches bei einigen den Verdacht erwecken wird, daß diese Geschichte

erdichtet sei

Die Verrichtungen des Agathon ließen ihm so viel Zeit übrig, daß er in

wenigen Tagen in einem Hause, wo alles Freude atmete, sehr lange Weile

hatte. Zwar lag die Schuld nur an ihm selbst, wenn es ihm an einem

Zeit-Vertreib mangelte, der sonst die hauptsächlichste Beschäftigung der

Leute von seinem Alter auszumachen pflegt. Die Nymphen dieses Hauses

waren von einer so gefälligen Gemüts-Art, von einer so anziehenden Figur,

und von einem so günstigen Vorurteil für den neuen Haus-Genossen

eingenommen, daß es weder die Furcht abgewiesen zu werden, noch der Fehler

ihrer Reizungen war, was den schönen Callias so zurückhaltend oder

unempfindlich machte.

Verschiedene, die aus seinem Betragen schlossen, daß er noch ein Neuling

sein müsse, ließen sich die Mühe nicht dauern, ihm die Schwierigkeiten,

die ihm seine Schüchternheit, ihren Gedanken nach, in den Weg legte, zu

erleichtern; sie gaben ihm Gelegenheiten, die den Zaghaftesten hätten

unternehmend machen sollen. Allein (wir müssen es nur gestehen, was man

auch von unserm Helden deswegen denken mag) er gab sich eben so viel Mühe,

diese Gelegenheiten auszuweichen, als man sich geben konnte, sie ihm zu

machen. Wenn dieses anzuzeigen scheint, daß er entweder einiges Mißtrauen

in sich selbst, oder ein allzugroßes Vertrauen in die Reizungen dieser

schönen Verführerinnen gesetzt habe, so dienet vielleicht zu seiner

Entschuldigung, daß er noch nicht alt genug war, ein Xenocrates zu sein;

und daß er, vermutlich nicht ohne Ursache, ein Vorurteil wider dasjenige

gefaßt hatte, was man im Umgang von jungen Personen beiderlei Geschlechts

unschuldige Freiheiten zu nennen pflegt. Dem sei inzwischen wie ihm wolle,

so ist gewiß, daß Agathon durch dieses seltsame Bezeugen einen Argwohn

erweckte, der ihm bei allen Gelegenheiten sehr beißende Spöttereien von

den übrigen Hausgenossen, und selbst von den Schönen zuzog, die sich durch

seine Sprödigkeit nicht wenig beleidigt fanden, und ihm auf eine feine Art

zu verstehen gaben, daß sie ihn für geschickter hielten, die Tugend der

Damen zu bewachen, als auf die Probe zu stellen. Agathon fand nicht

ratsam, sich in einen Wett-Streit einzulassen, wo er besorgen mußte, daß

die Begierde, recht zu haben, die sich in der Hitze des Streites auch der

Klügsten zu bemeistern pflegt, ihn zu gefährlichen Erörterungen führen

könnte. Er machte daher bei solchen Anlässen eine so alberne Figur, daß

man von seinem Witz eine eben so verdächtige Meinung bekommen mußte, als

man schon von seiner Person gefaßt hatte; und die Verachtung, in die er

deswegen bei jedermann fiel, trug vielleicht nicht wenig dazu bei, ihm den

Aufenthalt in einem Hause beschwerlich zu machen, wo ihm ohnehin, alles,

was er sah und hörte, ärgerlich war. Er liebte diejenigen Künste sehr,

über welche, nach dem Glauben der Griechen, die Musen die Aufsicht hatten.

Allein die Gemälde, womit alle Säle und Gänge dieses Hauses ausgeziert

waren, stellten so schlüpfrige und unsittliche Gegenstände vor, daß er

seinen Augen um so weniger erlauben konnte, sich darauf zu verweilen, je

vollkommner die Natur darin nachgeahmt war, und je mehr sich der Genie

bemüht hatte, der Natur selbst neue Reizungen zu leihen. Eben so weit war

die Musik, die er alle Abende nach der Tafel hören konnte, von derjenigen

unterschieden, die seiner Einbildung nach allein der Musen würdig war. Er

liebte eine Musik, welche die Leidenschaften besänftigte, und die Seele in

ein angenehmes Staunen wiegte, oder das Lob der Unsterblichen mit einem

feurigen Schwung von Begeistrung sang, wodurch das Herz in heiliges

Entzücken und in ein schauervolles Gefühl der gegenwärtigen Gottheit

gesetzt wurde; und wenn sie Zärtlichkeit und Freude ausdrückte, so sollte

es die Zärtlichkeit der Unschuld und die rührende Freude der einfältigen

Natur sein. Allein in diesem Hause hatte man einen ganz andern Geschmack.

Was Agathon hörte, waren Syrenen-Gesänge, die den üppigsten Liedern des

tejischen Dichters einen Reiz gaben, der auch aus unangenehmen Lippen

verführerisch gewesen wäre; Gesänge, die durch den nachahmenden Ausdruck

des verschiednen Tons der schmeichelnden, seufzenden und schmachtenden,

oder der triumphierenden und in Entzückung aufgelösten Leidenschaft die

Begierde erregten, dasjenige zu erfahren, was in der Nachahmung schon so

reizend war; Lydische Flöten, deren girrendes, verliebtes Flüstern die

redenden Bewegungen der Tänzerinnen ergänzte, und ihrem Spiel eine

Deutlichkeit gab, die der Einbildungs-Kraft nichts zu erraten übrig ließ;

Symphonien, welche die Seele in ein bezaubertes Vergessen ihrer selbst

versenkten, und, nachdem sie alle ihre edlere Kräfte entwaffnet hatte, die

erregte und willige Sinnlichkeit der ganzen Gewalt der von allen Seiten

eindringenden Wollust auslieferten. Agathon konnte bei diesen Szenen, wo

so viele Künste, so viele Zauber-Mittel sich vereinigten, den Widerstand

der Tugend zu ermüden, nicht so gleichgültig bleiben, als diejenigen zu

sein schienen, die derselben gewohnt waren; und die Unruhe, in die er

dadurch gesetzt wurde, machte ihm, was auch die Stoiker sagen mögen, mehr

Ehre, als dem Hippias und seinen Freunden ihre Gelassenheit. Er befand

also für gut, sich allemal, wenn er seine Rolle, als Homerist, geendiget

hatte, hinweg und an einen Ort zu begeben, wo er in ungestörter Einsamkeit

sich von den widrigen Eindrücken befreien konnte, die das geschäftige und

fröhliche Getümmel des Hauses, und der Anblick von so vielen Gegenständen,

die seine moralischen Sinne beleidigten, den Tag über auf sein Gemüte

gemacht hatten.

FÜNFTES KAPITEL

Schwärmerei des Agathon

Die Wohnung des Hippias war auf der mittäglichen Seite von Gärten umgeben,

in deren weitläufigem Bezirk die Kunst und der Reichtum alle ihre Kräfte

aufgewandt hatten, die einfältige Natur mit ihren eignen und mit fremden

Schönheiten zu überladen. Gefilde voll Blumen, die aus allen Teilen der

Erde gesammelt, jeden Monat zum Frühling eines andern Klima machten,

Lauben von allerlei wohlriechenden Stauden, Lust-Gänge von Zitronen-Bäumen,

öl-Bäumen und Zedern, in deren Länge der schärfste Blick sich verlor,

Haine von allen Arten der fruchtbaren Bäume, und Irrgänge von Myrten und

Lorbeer-Hecken, mit Rosen von allen Farben durchwunden, wo tausend

marmorne Najaden, die sich zu regen und zu atmen schienen, kleine

murmelnde Bäche zwischen die Blumen hingossen, oder mit mutwilligem

Plätschern in spiegelhellen Brunnen spielten, oder unter überhangenden

Schatten von ihren Spielen auszuruhen schienen. Alles dieses machte die

Gärten des Hippias den bezauberten Gegenden ähnlich, diesen Spielen einer

dichtrischen und malerischen Phantasie, die man erstaunt ist, außerhalb

seiner Einbildung zu sehen. Hier war es, wo Agathon seine angenehmsten

Stunden zubrachte; hier fand er die Heiterkeit der Seele wieder, die er

dem angenehmsten Taumel der Sinne unendlich weit vorzog; hier konnt' er

sich mit sich selbst besprechen; hier war er von Gegenständen umgeben, die

sich zu seiner Gemüts-Beschaffenheit schickten, obgleich die seltsame

Denk-Art, wodurch er die Erwartung des Hippias so sehr betrog, auch hier

nicht ermangelte, sein Vergnügen durch den Gedanken zu vermindern, daß

alle diese Gegenstände weit schöner wären, wenn sich die Kunst nicht

angemaßet hätte, die Natur ihrer Freiheit und rührenden Einfältigkeit zu

berauben. Oft wenn er beim Mond-Schein, den er mehr als den Tag liebte,

so einsam im Schatten lag, erinnert' er sich der frohen Szenen seiner

ersten Jugend, der unbeschreiblichen Eindrücke, die jeder schöne

Gegenstand, jeder ihm neue Auftritt der Natur auf seine jugendlichen

unverwöhnten Sinnen gemacht hatte, der süßen Stunden, die ihm in den

Entzückungen einer ersten und unschuldigen Liebe zu Augenblicken geworden

waren. Diese Erinnerungen, mit der Stille der Nacht und dem Gemurmel

sanfter Bäche und der sanft wehenden Sommer-Lüfte, wiegten seine Sinnen in

eine Art von leichtem Schlummer ein, worin die innerlichen Kräfte der

Seele mit verdoppelter Stärke würken; dann bildeten sich ihm die reizenden

Aussichten einer bessern Zukunft vor; er sah alle seine Wünsch' erfüllt,

er fühlte sich etliche Augenblicke glücklich; und wenn sie vorbei waren,

beredete er sich, daß diese Hoffnungen ihn nicht so lebhaft rühren, nicht

in eine so gelassene Zufriedenheit senken würden, wenn es nur nächtliche

Spiele der Phantasie, und nicht vielmehr innerliche Ahnungen wären, Blicke,

welche der Geist in der Stille und Freiheit, die ihm die schlummernden

Sinne lassen, in die Zukunft und in eine weitere Sphäre tut, als diejenige,

die von der Schwäche ihrer körperlichen Sinne umschrieben wird.

In einer solchen Stunde war es, als Hippias, den die Anmut einer schönen

Sommer-Nacht zum Spaziergang einlud, ihn unter diesen Beschauungen

überraschte, denen er, in der Meinung, allein zu sein, sich zu überlassen

pflegte. Hippias blieb eine Weile vor ihm stehen, ohne daß Agathon seiner

gewahr wurde; endlich aber redet' er ihn an, und ließ sich in ein Gespräch

mit ihm ein; welches ihn nur allzusehr in dem Argwohn bestärkte, den er

von dem Hang unsers Helden zu demjenigen, was er Schwärmerei nannte,

bereits gefaßt hatte.

SECHSTES KAPITEL

Ein Gespräch zwischen Hippias und seinem Sklaven

HIPPIAS "Du scheinst in Gedanken vertieft, Callias?"

AGATHON "Ich glaubte allein zu sein."

HIPPIAS "Ein andrer an deiner Stelle würde sich die Freiheit meines Hauses

besser zu Nutze machen. Doch vielleicht gefällst du mir um dieser

Zurückhaltung willen nur desto besser. Aber mit was für Gedanken

vertreibst du dir die Zeit, wenn man fragen darf?"

AGATHON "Die allgemeine Stille, der Mondschein, die rührende Schönheit der

schlummernden Natur, die mit den Ausdünstungen der Blumen durchwürzte

Nachtluft, tausend angenehme Empfindungen, deren liebliche Verwirrung

meine Seele trunken machte, setzte sie in eine Art von Entzückung,

worinnen ein andrer Schauplatz von unbekannten Schönheiten sich vor mir

auftat; es war nur ein Augenblick, aber ein Augenblick, den ich um eines

von den Jahren des Königs von Persien nicht vertauschen wollte."

HIPPIAS (lächelt.)

AGATHON "Dieses brachte mich hernach auf die Gedanken, wie glücklich der

Zustand der Geister sei, die den groben tierischen Leib abgelegt haben,

und im Anschauen des wesentlichen Schönen, des Unvergänglichen, Ewigen und

Göttlichen, Jahrtausende durchleben, die ihnen nicht länger scheinen als

mir dieser Augenblick; und in den Betrachtungen, denen ich hierüber

nachhing, bin ich von dir überraschet worden."

HIPPIAS "Du schliefst doch nicht, Callias; du hast wie ich sehe, mehr

Talente als du nötig hast; du kannst auch wachend träumen?"

AGATHON "Es gibt vielerlei Arten von Träumen, und bei einigen Menschen

scheint ihr ganzes Leben Traum zu sein; wenn dieses Träume sind, so sind

sie wenigstens angenehmer als alles, was ich in dieser Zeit wachend hätte

erfahren können."

HIPPIAS "Du gedenkest also vielleicht einer von diesen Geistern zu werden,

die du so glücklich preisest?"

AGATHON "Ich hoff' es zu werden, und würde ohne diese Hoffnung mein Dasein

für kein Gut achten."

HIPPIAS "Besitzest du etwan ein Geheimnis, körperliche Wesen in geistige

zu erhöhen, einen Zaubertrank von der Art derjenigen, womit die Medeen und

Circen der Dichter so wunderbare Verwandlungen zuwege bringen?"

AGATHON "Ich verstehe dich nicht, Hippias."

HIPPIAS "So will ich deutlicher sein. Wenn ich anders dich verstanden

habe, so hältst du dich für einen Geist, der in einen tierischen Leib

eingekerkert ist?"

AGATHON "Wofür sollt ich mich sonst halten?"

HIPPIAS "Sind die vierfüßigen Tiere, die Vögel, die Fische, die Gewürme,

auch Geister, die in einen tierischen Leib eingeschlossen sind?"

AGATHON "Vielleicht."

HIPPIAS "Und die Pflanzen?"

AGATHON "Vielleicht auch diese."

HIPPIAS "Du bauest also deine Hoffnung auf ein Vielleicht. Wenn die

Tiere vielleicht auch nicht Geister sind, so bist du vielleicht eben so

wenig einer; denn das ist einmal gewiß, daß du ein Tier bist. Du

entstehest wie die Tiere, wächsest wie sie, hast ihre Bedürfnisse, ihre

Sinnen, ihre Leidenschaften, wirst erhalten wie sie, vermehrest dich wie

sie, stirbst wie sie, und wirst wie sie wieder zu einem bißchen Wasser und

Erde, wie du vorher gewesen warst. Wenn du einen Vorzug vor ihnen hast,

so ist es eine schönere Gestalt, ein paar Hände, mit denen du mehr

ausrichten kannst als ein Tier mit seinen Pfoten, eine Bildung gewisser

Gliedmaßen, die dich der Rede fähig macht, und ein lebhafterer Witz, der

von einer schwächern und reizbarern Beschaffenheit deiner Fibern herkommt;

und der doch alle Künste, womit wir uns so groß zu machen pflegen, den

Tieren abgelernt hat."

AGATHON "Wir haben also sehr verschiedene Begriffe von der menschlichen

Natur, du und ich."

HIPPIAS "Vermutlich, weil ich sie für nichts anders halte, als wofür meine

Sinnen und eine Beobachtung ohne Vorurteile sie mir geben. Doch ich will

freigebig sein; ich will dir zugeben, dasjenige was in dir denkt sei ein

Geist, und wesentlich von deinem Körper unterschieden.--Worauf gründest du

die Hoffnung, daß dieser Geist noch denken werde, wenn dein Leib zerstört

sein wird? Was für eine Erfahrung hast du, eine Meinung zu bestätigen,

die von so vielen Erfahrungen bestritten wird? Ich will nicht sagen, daß

er zu nichts werde; aber dein Leib verliert durch den Tod die Form die ihn

zu deinem Leibe machte; woher hoffest du, daß dein Geist die Form nicht

verlieren werde, die ihn zu deinem Geiste macht?"

AGATHON "Weil ich mir unmöglich vorstellen kann, daß der Oberste Geist,

dessen Geschöpfe oder Ausflüsse die übrigen Geister sind, ein Wesen

zerstören werde, das er fähig gemacht hat, so glücklich zu sein, als ich

es schon gewesen bin."

HIPPIAS "Ein neues Vielleicht? Woher kennst du diesen obersten Geist?"

AGATHON "Woher kennst du den Phidias, der diesen Amor gemacht hat?"

HIPPIAS "Weil ich ihm zusah wie er ihn machte; denn vielleicht könnt eine

Bildsäule auch entstehn, ohne daß sie von einem Künstler gemacht würde."

AGATHON "Wieso?"

HIPPIAS "Eine ungefähre Bewegung ihrer kleinsten Elemente könnte diese

Form endlich hervorbringen."

AGATHON "Eine regellose Bewegung ein regelmäßiges Werk?"

HIPPIAS "Warum das nicht? Du kannst im Würfelspiel von ungefähr alle drei

werfen. So gut als dieses möglich ist, könntest du auch unter etlichen

Billionen von Würfen einen werfen, wodurch eine gewisse Anzahl Sandkörner

in eine zirkelrunde Figur fallen würde. Die Anwendung ist leicht zu

machen."

AGATHON "Ich verstehe dich. Aber es bleibt allemal unendlich

unwahrscheinlich, daß die ungefähre Bewegung der Elemente nur eine Muschel,

deren so unzählich viele an jenem Ufer liegen, hervorbringen; und die

Ewigkeit selbst scheint nicht lange genug zu sein, nur diese Erdkugel,

diesen kleinen Atomen des ganzen Weltalls auf solche Weise entstehen zu

machen."

HIPPIAS "Es ist genug, daß unter unendlich vielen ungefähren Bewegungen,

die nichts regelmäßiges und dauerhaftes hervorbringen, eine möglich ist,

die eine Welt hervorbringen kann. Dieses setzt der Wahrscheinlichkeit

deiner Meinung ein Vielleicht entgegen, wodurch sie auf einmal entkräftet

wird."

AGATHON "So viel als das Gewicht einer unendlichen Last, durch die

Hinwegnahme eines einzigen Sandkorns."

Geschichte des Agathon. Teil 1 · 第 3 / 23 段