verlangte Psyche von Agathon eben dieselbe Gefälligkeit, die sie durch
Erzählung ihrer Begebenheiten für seine Neugierde gehabt hatte. Er
meldete ihr also, wiewohl ihm die Zeit nicht erlaubte umständlich zu sein,
auf was Weise er von Delphi entflohen, wie er mit einem Athenienser
bekannt geworden, und wie sich entdecket habe, daß dieser Athenienser sein
Vater sei; wie er durch einen Zufall in die öffentlichen Angelegenheiten
verwickelt und durch seine Beredsamkeit dem Volke angenehm geworden; die
Dienste, die er der Republik geleistet; durch was für Mittel seine Neider
das Volk wider ihn aufgebracht, und wie er vor wenig Tagen mit Verlust
aller seiner väterlichen Güter und Ansprüche lebenslänglich aus Athen
verbannt worden; wie er den Entschluß gefaßt, eine Reise in die
Morgenländer vorzunehmen, und durch was für einen Zufall er in die Hände
der Cilicier geraten. Sie fingen nun auch an, sich über die Mittel ihrer
Befreiung zu beratschlagen; allein die Bewegungen, welche die allmählich
erwachenden Räuber machten, nötigten Psyche sich aufs eilfertigste zu
verbergen, um einem Verdacht zuvorzukommen, wovon der Schatten genug war,
ihren Geliebten das Leben zu kosten. Sie beklagten itzt bei sich selbst,
daß sie, nach dem Beispiel der Liebhaber in den Romanen, eine so günstige
Zeit mit unnötigen Erzählungen verloren, da sie doch voraus sehen konnten,
daß ihnen künftig wenig Gelegenheit würde gegeben werden, sich zu
besprechen. Allein was sie hierüber hätte trösten können, war, daß alle
ihre Beratschlagungen und Erfindungen vergeblich gewesen wären. Denn an
eben diesem Morgen erhielt der Hauptmann Nachricht von einem reichbeladnen
Schiffe, welches im Begriff sei, von Lesbos nach Corinth abzugehen, und
welches, nach den Umständen die der Bericht angab, unterwegs aufgefangen
werden könnte. Diese Zeitung veranlaßte eine geheime Beratschlagung unter
den Häuptern der Räuber, wovon der Ausschlag war, daß Agathon mit den
gefangnen Thracierinnen und einigen andern jungen Sklaven unter einer
Bedeckung in eine Barke gesetzt wurde, um ungesäumt nach Smirna geführt
und daselbst verkauft zu werden; indes, daß die Galeere mit dem größten
Teil der Seeräuber sich fertig machte, der reichen Beute, die sie schon in
Gedanken verschlangen, entgegen zu gehen. In diesem Augenblick verlor
Agathon die Gelassenheit, mit der er bisher alle Stürme des widrigen
Glücks ausgehalten hatte. Der Gedanke, von seiner Psyche wieder getrennt
zu werden, setzte ihn außer sich selbst. Er warf sich zu den Füßen des
Ciliciers, er schwur ihm, daß der verkleidete Ganymedes sein Bruder sei;
er bot sich selbst zu seinem Sklaven an, er flehte, er weinte.--Aber
umsonst. Der Seeräuber hatte die Natur des Elements, welches er bewohnte,
und die Syrenen selbst hätten ihn nicht bereden können, seinen Entschluß
zu ändern. Agathon erhielt nicht einmal die Erlaubnis, von seinem
geliebten Bruder Abschied zu nehmen; die Lebhaftigkeit, die er bei diesem
Anlaß gezeigt, hatte ihn dem Hauptmann verdächtig gemacht. Er wurde also,
von Schmerz und Verzweiflung betäubt, in die Barke getragen, und befand
sich schon eine geraume Zeit außer dem Gesichtskreis seiner Psyche, eh er
wieder erwachte, um den ganzen Umfang seines Elends zu fühlen.
ZEHNTES KAPITEL
Ein Selbstgespräch
Da wir uns zum unverbrüchlichen Gesetze gemacht haben, in dieser
Geschichte alles sorgfältig zu vermeiden, was gegen die historische
Wahrheit derselben einigen gerechten Verdacht erwecken könnte; so würden
wir uns ein Bedenken gemacht haben, das Selbstgespräch, welches wir hier
in unserm Manuskript vor uns finden, mitzuteilen, wenn nicht der
ungenannte Verfasser die Vorsicht gebraucht hätte uns zu melden, daß seine
Erzählung sich in den meisten Umständen auf eine Art von Tagebuch gründe,
welches (sichern Anzeigen nach) von der eignen Hand des Agathon sei, und
wovon er durch einen Freund zu Crotona eine Abschrift erhalten. Dieser
Umstand macht begreiflich, wie der Geschichtschreiber habe wissen können,
was Agathon bei dieser und andern Gelegenheiten mit sich selbst gesprochen;
und schützet uns gegen die Einwürfe, die man gegen die Selbstgespräche
machen kann, worin die Geschichtschreiber den Poeten so gerne nachzuahmen
pflegen, ohne sich, wie sie, auf die Eingebung der Musen berufen zu können.
Unsre Urkunde meldet also, nachdem die erste Wut des Schmerzens, welche
allezeit stumm und Gedankenlos zu sein pflegt, sich geleget, habe Agathon
sich umgesehen; und da er von allen Seiten nichts als Luft und Wasser um
sich her erblickt, habe er, seiner Gewohnheit nach, also mit sich selbst
zu philosophieren angefangen:
"War es ein Traum, was mir begegnet ist, oder sah ich sie würklich, hört'
ich würklich den rührenden Akzent ihrer süßen Stimme, und umfingen meine
Arme keinen Schatten? Wenn es mehr als ein Traum war, warum ist mir von
einem Gegenstand, der alle andern aus meiner Seele auslöschte nichts als
die Erinnerung übrig? Wenn Ordnung und Zusammenhang die Kennzeichen der
Wahrheit sind, o! wie ähnlich dem ungefähren Spiel der träumenden
Phantasie sind die Zufälle meines ganzen Lebens!--Von Kindheit an unter
den heiligen Lorbeern des Delphischen Gottes erzogen, schmeichle ich mir
unter seinem Schutz, in Beschauung der Wahrheit und im geheimen Umgang mit
den Unsterblichen, ein stilles und sorgenfreies Leben zuzubringen. Tage
voll Unschuld, einer dem andern gleich, fließen in ruhiger Stille, wie
Augenblicke vorbei, und ich werde unvermerkt ein Jüngling. Eine
Priesterin, deren Seele eine Wohnung der Götter sein soll, wie ihre Zunge
das Werkzeug ihrer Aussprüche, vergißt ihre Gelübde, und bemüht sich meine
unerfahrne Jugend zu Befriedigung ihrer Begierde zu mißbrauchen. Ihre
Leidenschaft beraubt mich derjenigen, die ich liebe; ihre Nachstellungen
treiben mich endlich aus dem geheiligten Schutzort, wo ich, seit dem ich
mich selbst empfand, von Bildern der Götter und Helden umgeben, mich
einzig beschäftigt hatte, ihnen ähnlich zu werden. In eine unbekannte
Welt ausgestoßen, finde ich unvermutet einen Vater und ein Vaterland, die
ich nicht kannte. Ein schneller Wechsel von Umständen setzt mich eben so
unvermutet in den Besitz des größten Ansehens in Athen. Das blinde
Zutrauen eines Volkes, das in seiner Gunst so wenig Maß hält als in seinem
Unwillen, nötigt mir die Anführung seines Kriegsheers auf; ein wunderbares
Glück kömmt allen meinen Unternehmungen entgegen, und führt meine
Anschläge aus; ich kehre siegreich zurück. Welch ein Triumph! Welch ein
Zujauchzen! Welche Vergötterung! Und wofür? Für Taten, an denen ich den
wenigsten Anteil hatte. Aber kaum schimmert meine Bildsäule zwischen den
Bildern des Cecrops und Theseus, so reißt mich eben dieser Pöbel, der vor
wenigen Tagen bereit war, mir Altäre aufzurichten, mit ungestümer Wut zum
Gerichtsplatz hin. Die Mißgunst derer, die das übermaß meines Glücks
beleidigte, hat schon alle Gemüter wider mich eingenommen, und alle Ohren
gegen meine Verteidigung verstopft; Handlungen, worüber mein Herz mir
Beifall gibt, werden auf den Lippen meiner Ankläger zu Verbrechen, mein
Verdammungs-Urteil wird ausgesprochen. Von allen verlassen, die sich
meine Freunde genannt hatten, und kurz zuvor die eifrigsten gewesen waren,
neue Ehrenbezeugungen für mich zu erfinden, fliehe ich aus Athen, mit
leichterm Herzen, als womit ich vor wenigen Wochen, unter dem Zujauchzen
einer unzählbaren Menge, durch ihre Tore eingeführt wurde; und entschließe
mich den Erdboden zu durchwandern, ob ich einen Ort finden möchte, wo die
Tugend, von auswärtigen Beleidigungen sicher, ihrer eigentümlichen
Glückseligkeit genießen könnte, ohne sich aus der Gesellschaft der
Menschen zu verbannen. Ich nahm den Weg nach Asien, um an den Ufern des
Oxus die Quellen zu besuchen, aus denen die Geheimnisse des Orphischen
Gottesdiensts zu uns geflossen sind. Ein Zufall führt mich unter einen
Schwarm rasender Bachantinnen, und ich entrinne ihrer verliebten Wut bloß
dadurch, daß ich in die Hände seeräuberischer Barbaren falle. In diesem
Augenblicke, da mir von allem was man verlieren kann nur noch das Leben
übrig ist, finde ich meine Psyche wieder; aber kaum fange ich an meinen
Sinnen zu glauben, daß sie es sei, die ich in meinen Armen umschlossen
halte, so verschwindet sie wieder, und ich finde mich auf diesem Schiffe,
um zu Smyrna als ein Sklave verkauft zu werden--Wie ähnlich ist alles
dieses einem Traum, wo die schwärmende Phantasie, ohne Ordnung, ohne
Wahrscheinlichkeit, ohne Zeit oder Ort in Betracht zu ziehen, die betäubte
Seele von einem Abenteur zu dem andern, von der Krone zum Bettlers-Mantel,
von der Wonne zur Verzweiflung, vom Tartarus ins Elysium fortreißt?--Und
ist denn das Leben ein Traum, ein bloßer Traum, so eitel, so unwesentlich,
so unbedeutend als ein Traum? Ein unbeständiges Spiel des blinden Zufalls,
oder unsichtbarer Geister, die eine grausame Belustigung darin finden,
uns zum Scherz bald glücklich bald unglücklich zu machen? Oder, ist es
eben diese allgemeine Seele der Welt, deren Dasein die geheimnisvolle
Majestät der Natur ankündiget; ist es dieser allesbelebende Geist, der die
menschlichen Sachen anordnet; warum herrschet in der moralischen Welt
nicht eben diese unveränderliche Ordnung und Zusammenstimmung, wodurch die
Elemente die Jahres--und Tages-Zeiten, die Gestirne und die Kreise des
Himmels in ihrem gleichförmigen Lauf erhalten werden? Warum leidet der
Unschuldige? Warum sieget der Betrüger? Warum verfolgt ein unerbittliches
Schicksal die Tugendhaften? Sind unsre Seelen den Unsterblichen verwandt,
sind sie Kinder des Himmels; warum verkennt der Himmel sein Geschlecht,
und tritt auf die Seite seiner Feinde? Oder hat er uns die Sorge für uns
selbst gänzlich überlassen, warum sind wir keinen Augenblick unsers
Zustandes Meister? Warum vernichtet bald Notwendigkeit, bald Zufall, die
weisesten Entwürfe? -"
Hier hielt Agathon eine Zeitlang inne; sein in Zweifeln verwickelter Geist
arbeitete sich loszuwinden, bis ein neuer Blick auf die majestätische
Natur die ihn umgab, eine andre Reihe von Vorstellungen in ihm entwickelte.
--"Was sind", fuhr er mit sich selbst fort, "meine Zweifel anders, als
Eingebungen der eigennützigen Leidenschaft? Wer war diesen Morgen
glücklicher als ich? Alles war Wollust und Wonne um mich her. Hat sich
die Natur binnen dieser Zeit verändert, oder ist sie minder der Schauplatz
einer grenzenlosen Vollkommenheit, weil Agathon ein Sklave, und von Psyche
getrennet ist? Schäme dich, Kleinmütiger, deiner trübsinnigen Zweifel,
und deiner unmännlichen Klagen! Wie kannst du Verlust nennen, dessen
Besitz kein Gut war? Ist es ein übel, deines Ansehens, deines Vermögens,
deines Vaterlandes beraubt zu sein? Alles dessen beraubt warst du in
Delphi glücklich, und vermißtest es nicht. Und warum nennest du Dinge
dein, die nicht zu dir selbst gehören, die der Zufall gibt und nimmt, ohne
daß es in deiner Willkür steht sie zu erlangen oder zu erhalten? Wie
ruhig, wie heiter und glücklich floß mein Leben in Delphi hin, ehe ich die
Welt, ihre Geschäfte, ihre Sorgen, ihre Freuden und ihre Abwechselungen
kannte; eh ich genötiget war, mit den Leidenschaften andrer Menschen, oder
mit meinen eigenen zu kämpfen, mich selbst und den Genuß meines Daseins
einem undankbaren Volke aufzuopfern, und unter der vergeblichen Bemühung,
Toren oder Lasterhafte glücklich zu machen, selbst unglücklich zu sein!
--Meine eigene Erfahrung widerlegt die ungerechten Zweifel des
Mißvergnügens am besten. Es waren Augenblicke, Tage, lange Reihen von
Tagen, da ich glücklich war, glücklich in den frohen Stunden, da meine
Seele, vom Anblick der Natur begeistert, in tiefsinnigen Betrachtungen und
süßen Ahnungen, wie in den bezauberten Gärten der Hesperiden irrte;
glücklich, wenn mein befriedigtes Herz in den Armen der Liebe, aller
Bedürfnisse, aller Wünsche vergaß, und nun zu verstehen glaubte, was die
Wonne der Götter sei; glücklicher, wenn in Augenblicken, deren Erinnerung
den bittersten Schmerz zu versüßen genug ist, mein Geist in der großen
Betrachtung des Ewigen und Unbegrenzten sich verlor--Ja du bist, alles
beseelende, alles regierende Güte--ich sah, ich fühlte dich! Ich empfand
die Schönheit der Tugend, die dir ähnlich macht; ich genoß die
Glückseligkeit, welche Tagen die Schnelligkeit der Augenblicke, und
Augenblicken den Wert von Jahrhunderten gibt. Die Macht der Empfindung
zerstreut meine Zweifel; die Erinnerung der genossenen Glückseligkeit
heilet den gegenwärtigen Schmerz, und verspricht eine bessere Zukunft.
Alle diese allgemeine Quellen der Freude, woraus alle Wesen schöpfen,
fließen, wie ehmals, um mich her; meine Seele ist noch eben dieselbige,
wie die Natur, die mich umgibt--O Ruhe meines Delphischen Lebens, und du,
meine Psyche! Dich allein, von allem, was außer mir ist, nenne ich mein,
weil du die wehrtere Hälfte meines Wesens bist--Wenn ihr auf ewig verloren
wäret, dann würde meine untröstbare Seele nichts auf Erde finden, das ihr
die Liebe zum Leben wieder geben könnte. Aber ich besaß beide, ohne sie
mir selbst gegeben zu haben, und die wohltätige Macht, die sie gab, kann
sie wiedergeben. Teure Hoffnung, du bist schon ein Anfang der
Glückseligkeit, die du versprichst! Es wäre zugleich gottlos und töricht,
sich einem Kummer zu überlassen, der den Himmel beleidigt, und uns selbst
der Kräfte beraubt, dem Unglück zu widerstehen, und der Mittel, wieder
glücklich zu werden. Komm denn, du süße Hoffnung einer bessern Zukunft,
und feßle meine Seele mit deinen schmeichelnden Bezauberungen! Ruhe und
Psyche--Dieses allein, ihr Götter, so möget ihr Lorbeer-Kränze und Schätze
geben, wem ihr wollt!"
EILFTES KAPITEL
Agathon kömmt zu Smyrna an, und wird verkauft
Das Wetter war unsern Seefahrern so günstig, daß Agathon gute Muße hatte,
seinen Betrachtungen so lange nachzuhängen, als er wollte; zumal da seine
Reise von keinem der 5 Umstände begleitet war, womit eine poetische
Seefahrt ausgeschmückt zu sein pflegt. Denn man sahe da weder Tritonen,
die aus krummen Ammons-Hörnern bliesen, noch Nereiden, die auf Delphinen,
mit Blumen-Kränzen gezäumet, über den Wellen daherritten; noch Syrenen,
die mit halbem Leib aus dem Wasser hervorragend, die Augen durch ihre
Schönheit, und das Ohr durch die Süßigkeit ihrer Stimme bezaubert hätten.
Die Winde selbst waren etliche Tage lang so zahm, als ob sie es mit
einander abgeredet hätten, uns keine Gelegenheit zu irgend einer schönen
Beschreibung eines Sturms oder eines Schiffbruchs zu geben; kurz, die
Reise ging so glücklich von statten, daß die Barke am Abend des dritten
Tages in den Hafen von Smyrna einlief; wo die Räuber, nunmehr unter dem
Schutz des großen Königs gesichert, sich nicht säumten, ihre Gefangenen
ans Land zu setzen, in der Hoffnung, auf dem Sklaven-Markte keinen
geringen Vorteil aus ihnen zu ziehen. Ihre erste Sorge war, sie in eines
der öffentlichen Bäder zu führen, wo man nichts vergaß, was dazu dienen
konnte, sie den folgenden Tag verkäuflicher zu machen. Agathon war noch
zu sehr von allem demjenigen, was mit ihm vorgegangen war, eingenommen,
als daß er auf das gegenwärtige aufmerksam sein konnte. Er wurde gebadet,
abgerieben, mit Salben und wohlriechenden Wassern begossen, mit einem
Sklaven-Kleid von vielfarbichter Seide angetan, mit allem was seine
Gestalt erheben konnte, ausgeschmückt, und von allen, die ihn sahen,
bewundert; ohne daß ihn etwas aus der vollkommnen Unempfindlichkeit
erwecken konnte, welche in gewissen Umständen eine Folge der übermäßigen
Empfindlichkeit ist. In dasjenige vertieft, was in seiner Seele vorging,
schien er, weder zu sehen, noch zu hören; weil er nichts sah, oder hörte,
was er wünschte; und nichts als der Anblick, der sich ihm auf dem
Sklaven-Markte darstellte, war vermögend, ihn aus dieser wachenden
Träumerei aufzurütteln. Diese Szene hatte zwar das Abscheuliche nicht,
das ein Sklaven-Markt zu Barbados so gar für einen Europäer haben könnte,
dem die Vorurteile der gesitteten Völker noch einige überbleibsel des
angebornen menschlichen Gefühls gelassen hätten; allein sie hatte doch
genug, um eine Seele zu empören, die sich gewöhnt hatte, in den Menschen
mehr die Schönheit ihrer Natur, als die Erniedrigung ihres Zustands; mehr
das, was sie nach gewissen Voraussetzungen sein könnten, als was sie
würklich waren, zu sehen. Eine Menge von traurigen Vorstellungen stieg in
gedrängter Verwirrung bei diesem Anblick in ihm auf; und in eben dem
Augenblick, da sein Herz von Mitleiden und Wehmut zerfloß, brannte es von
einem zürnenden Abscheu vor den Menschen, dessen nur diejenigen fähig sind,
welche die Menschheit lieben. Er vergaß über diesen Empfindungen seines
eignen Unglücks, als ein Mann von edelm Ansehen, welcher schon bei Jahren
zu sein schien, im Vorübergehn seiner gewahr ward, stehen blieb, und ihn
mit besondrer Aufmerksamkeit betrachtete. "Wem gehört dieser junge
Leibeigene?" fragte endlich der Mann einen von den Ciliciern, der neben
ihm stand. "Dem, der ihn von mir kaufen wird", versetzte dieser. "Was
versteht er für eine Kunst?" fuhr jener fort. "Das wird er dir selbst am
besten sagen können", erwiderte der Cilicier. Der Mann wandte sich also
an den Agathon selbst, und fragte ihn, ob er nicht ein Grieche sei? ob er
sich nicht in Athen aufgehalten? und ob er in den Künsten der Musen
unterrichtet worden? Agathon bejahete diese Fragen: "Kannst du den Homer
lesen?" "Ich kann lesen; und ich meine, daß ich den Homer empfinden könne."
"Kennst du die Schriften der Philosophen?" "Nein, denn ich verstehe
sie nicht." "Du gefällst mir, junger Mensch! Wie hoch haltet ihr ihn,
mein Freund?" "Er sollte, wie die andern, durch den Herold ausgerufen
werden", antwortete der Cilicier, "aber für zwei Talente ist er euer."
"Begleite mich mit ihm in mein Haus", erwiderte der Alte, "du sollst zwei
Talente haben, und der Sklave ist mein." "Dein Geld muß dir sehr
beschwerlich sein", sagte Agathon; "woher weißt du, daß ich dir für zwei
Talente nützlich sein werde?" "Wenn du es nicht wärest", versetzte der
Käufer, "so bin ich unbesorgt, unter den Damen von Smyrna zwanzig für eine
zu finden, die mir auf deine bloße Miene hin wieder zwei Talente für dich
geben." Und mit diesen Worten befahl er dem Agathon, ihm in sein Haus zu
folgen.
ZWEITES BUCH
ERSTES KAPITEL
Wer der Käufer des Agathon gewesen
Der Mann, der sich für zwei Talente das Recht erworben hatte, den Agathon
als seinen Leibeignen zu behandeln, war einer von den merkwürdigen Leuten,
die unter dem Namen der Sophisten in den griechischen Städten umherzogen,
sich der edelsten und reichsten Jünglinge bemächtigten, und durch die
Annehmlichkeiten ihres Umgangs und die prächtigen Versprechungen, ihre
Freunde zu vollkommnen Rednern, Staatsmännern und Feldherren zu machen,
das Geheimnis gefunden hatten, welches die Alchymisten bis auf den
heutigen Tag vergeblich gesucht haben. Sie wurden von aller Welt mit dem
ehrenvollen Namen der Sophisten oder Weisen benennt; allein die Weisheit,
von der sie Profession machten, war von der Socratischen, die durch einige
Verehrer dieses Atheniensischen Bürgers so berühmt worden ist, so wohl in
ihrer Beschaffenheit, als in ihren Würkungen unendlich unterschieden; oder
besser zu sagen, sie war die vollkommne Antipode derselbigen. Die
Sophisten lehrten die Kunst, die Leidenschaften andrer Menschen zu erregen;
Socrates die Kunst, seine eigene zu dämpfen. Jene lehrten, wie man es
machen müsse, um weise und tugendhaft zu scheinen; dieser lehrte, wie man
es sei. Jene munterten die Jünglinge von Athen auf, sich der Regierung
des Staats anzumaßen; Socrates, daß sie vorher die Hälfte ihres Lebens
anwenden sollten, sich selbst regieren zu lernen. Jene spotteten der
Socratischen Weisheit, die nur in einem schlechten Mantel aufzog, und sich
mit einer Mahlzeit für sechs Pfenninge begnügte, da die ihrige in Purpur
schimmerte, und offne Tafel hielt. Die Socratische Weisheit war stolz
darauf, den Reichtum entbehren zu können; die ihrige wußte, ihn zu
erwerben. Sie war gefällig, einschmeichelnd, und wußte alle Gestalten
anzunehmen; sie vergötterte die Großen, kroch vor ihren Dienern, tändelte
mit den Damen, und schmeichelte allen, welche es bezahlten. Sie war
allenthalben an ihrem rechten Platz; beliebt bei Hofe, beliebt an der
Toilette, beliebt beim Spiel-Tisch, beliebt beim Adel, beliebt bei den
Finanz-Pachtern, beliebt bei den Theater-Göttinnen, beliebt so gar bei der
Priesterschaft. Die Socratische war weit entfernt, so liebenswürdig zu
sein; sie war trocken und langweilig; sie wußte nicht zu leben; sie war
unerträglich, weil sie alles tadelte, und immer Recht hatte; sie wurde von
dem geschäftigen Teil der Welt für unnützlich, von dem müßigen für
abgeschmackt, und von dem andächtigen gar für gefährlich erklärt. Wir
würden nicht fertig werden, wenn wir diese Gegensätze so weit treiben
wollten, als wir könnten. Genug, daß die Weisheit der Sophisten einen
Vorzug hatte, den ihr die Socratische nicht streitig machen konnte; sie
verschaffte ihren Besitzern Reichtum, Ansehen, Ruhm, und ein Leben, das
von allem, was die Welt glücklich nennet, überfloß.
Hippias (so hieß der neue Herr unsers Agathon) war einer von diesen
Glücklichen, dem die Kunst, sich die Torheiten andrer Leute zinsbar zu
machen, ein Vermögen erworben hatte; wodurch er sich im Stande sah, sich
der Ausübung derselben zu begeben, und die andre Hälfte seines Lebens in
den Ergötzungen eines begüterten Müßiggangs zu zubringen; zu deren
angenehmsten Genuß das zunehmende Alter viel geschickter scheint, als die
ungestüme Jugend. Er hatte sich zu diesem Ende Smyrna zu seinem Wohn-Ort
ausersehen, weil die Annehmlichkeiten des jonischen Klima, die schöne Lage
dieser Stadt, der überfluß, der ihr durch die Handlung aus allen Teilen
des Erdbodens zuströmte, und die Verbindung des griechischen Geschmacks
mit der wollüstigen üppigkeit der Morgenländer ihm diesen Aufenthalt vor
allen andern, die er kannte, vorzüglich machte. Hippias hatte den Ruhm,
daß ihm in den Talenten seiner Profession wenige den Vorzug streitig
machen könnten. Ob er gleich über fünfzig Jahre hatte, so war ihm doch
von der Gabe zu gefallen, die ihm in seiner Jugend so nützlich gewesen war,
noch genug übrig geblieben, daß sein Umgang von den artigsten Personen
des einen und andern Geschlechts gesucht wurde. Er hatte alles, was die
Art von Weisheit, die er ausübte, verführisch machen konnte; eine edle
Gestalt, eine einnehmende Gesichts-Bildung, einen angenehmen Ton der
Stimme, einen behenden und geschmeidigen Witz, und eine Beredsamkeit, die
desto mehr gefiel, weil sie mehr ein Geschenk der Natur, als eine durch
Fleiß erworbene Kunst zu sein schien. Diese Beredsamkeit, oder vielmehr
diese Gabe angenehm zu schwatzen, mit einer Tinktur von allen
Wissenschaften, einem feinen Geschmack in dem Schönen und Angenehmen, und
eine vollständige Kenntnis der Welt, war mehr als er nötig hatte, um in
den Augen aller derjenigen, mit denen er umging, (denn er ging mit keinen
Socraten um) für einen Genie vom ersten Rang, für einen Mann zu gelten,
welcher alles wisse; welchem schon zugelächelt wurde, eh man wußte, was er
sagen wollte, und wider dessen Aussprüche nicht erlaubt war, etwas
einzuwenden. Indessen war doch dasjenige, dem er sein Glück vornehmlich
zu danken hatte, die besondere Gabe, die er besaß, sich der schönern
Hälfte der Gesellschaft gefällig zu machen. Er war so klug, frühzeitig zu
entdecken, wie viel an der Gunst dieser reizenden Geschöpfe gelegen ist,
welche in den policierten Teilen des Erdbodens die Macht würklich ausüben,
die in den Märchen den Feen beigelegt wird; die mit einem einzigen Blick,
oder durch eine kleine Verschiebung des Halstuchs stärker überzeugen, als
Demosthenes und Lysias durch lange Reden; die mit einer einzigen Träne den
Gebieter über Legionen entwaffnen, und durch den bloßen Vorteil, den sie
von ihrer Gestalt und einem gewissen Bedürfnis des stärkern Geschlechts zu
ziehen wissen, sich zu unumschränkten Beherrscherinnen derjenigen machen,
in deren Händen das Schicksal ganzer Völker liegt. Hippias hatte diese
Entdeckung von so großem Nutzen gefunden, daß er keine Mühe gesparet hatte,
es in der Anwendung derselben zu dem höchsten Grade der Vollkommenheit zu
bringen; und dasjenige, was er in seinem Alter noch davon hatte, bewies,
was er in seinen schönen Jahren gewesen sein müsse. Seine Eitelkeit ging
so weit, daß er sich nicht enthalten konnte, die Kunst, die Zauberinnen zu
bezaubern, in die Form eines Lehr-Begriffs zu bringen, und seine
Erfahrungen und Beobachtungen hierüber der Welt in einer sehr gelehrten
Abhandlung mitzuteilen, deren Verlust nicht wenig zu bedauern ist, und
schwerlich von einem heutigen Schriftsteller unsrer Nation zu ersetzen
sein möchte.