Wenn es seine Richtigkeit hat, daß alle Dinge in der Welt in

Ver.04.29.93*END*

This etext was prepared by Michael Pullen, Alpharetta, GA.

Geschichte des Agathon

Christoph Martin Wieland

Erste Fassung (1766/1767)

--quid Virtus, et quid Sapientia possit Utile proposuit nobis exemplar.--

Geschichte des Agathon--Inhalt

Vorbericht

Erster Teil

Erstes Buch

Erstes Kapitel: Anfang dieser Geschichte

Zweites Kapitel: Etwas ganz Unerwartetes

Drittes Kapitel: Unvermutete Unterbrechung des

Bacchus-Festes

Viertes Kapitel: Agathon wird zu Schiffe gebracht

Fünftes Kapitel: Eine Entdeckung

Sechstes Kapitel: Erzählung der Psyche

Siebentes Kapitel: Fortsetzung der Erzählung der Psyche

Achtes Kapitel: Psyche beschließt ihre Erzählung

Neuntes Kapitel: Wie Psyche und Agathon wieder getrennt werden

Zehntes Kapitel: Ein Selbstgespräch

Eilftes Kapitel: Agathon kömmt zu Smyrna an, und wird verkauft

Zweites Buch

Erstes Kapitel: Wer der Käufer des Agathon gewesen

Zweites Kapitel: Absichten des weisen Hippias

Drittes Kapitel: Verwunderung, in welche Agathon gesetzt wird

Viertes Kapitel: Welches bei einigen den Verdacht erwecken wird,

daß diese Geschichte erdichtet sei

Fünftes Kapitel: Schwärmerei des Agathon

Sechstes Kapitel: Ein Gespräch zwischen Hippias und seinem Sklaven

Siebentes Kapitel: Worin Agathon für einen Schwärmer ziemlich gut

räsoniert

Achtes Kapitel: Vorbereitungen zum Folgenden

Drittes Buch

Erstes Kapitel: Vorbereitung zu einem sehr interessanten Diskurs

Zweites Kapitel: Theorie der angenehmen Empfindungen

Drittes Kapitel: Die Geisterlehre eines echten Materialisten

Viertes Kapitel: Worin Hippias bessere Schlüsse macht

Fünftes Kapitel: Der Anti-Platonismus in Nuce

Sechstes Kapitel: Ungelehrigkeit des Agathon

Viertes Buch

Erstes Kapitel: Geheimer Anschlag, den Hippias gegen die Tugend

unsers Helden macht

Zweites Kapitel: Hippias stattet einer Dame einen Besuch ab

Drittes Kapitel: Geschichte der schönen Danae

Viertes Kapitel: Wie gefährlich es ist, der Besitzer einer

verschönernden Einbildungskraft zu sein

Fünftes Kapitel: Pantomimen

Sechstes Kapitel: Geheime Nachrichten

Fünftes Buch

Erstes Kapitel: Was die Nacht durch in den Gemütern einiger von

unsern Personen vorgegangen

Zweites Kapitel: Eine kleine metaphysische Abschweifung

Drittes Kapitel: Worin die Absichten des Hippias einen merklichen

Schritt machen

Viertes Kapitel: Veränderung der Szene

Fünftes Kapitel: Natürliche Geschichte der Platonischen Liebe

Sechstes Kapitel: Worin der Geschichtschreiber sich einiger

Indiskretion schuldig macht

Siebentes Kapitel: Magische Kraft der Musik

Achtes Kapitel: Eine Abschweifung, wodurch der Leser zum Folgenden

vorbereitet wird

Neuntes Kapitel: Nachrichten zu Verhütung eines besorglichen

Mißverstandes

Zehentes Kapitel: Welches alle unsre verheiratete Leser, wofern sie

nicht sehr glücklich oder vollkommne Stoiker sind,

überschlagen können

Eilftes Kapitel: Eine bemerkenswürdige Würkung der Liebe, oder von

der Seelenmischung

Sechstes Buch

Erstes Kapitel: Ein Besuch des Hippias

Zweites Kapitel: Eine Probe von den Talenten eines

Liebhabers

Drittes Kapitel: Konvulsivische Bewegungen der

wiederauflebenden Tugend

Viertes Kapitel: Daß Träume nicht allemal Schäume sind

Fünftes Kapitel: Ein starker Schritt zu einer Katastrophe

Siebentes Buch

Erstes Kapitel: Die erste Jugend des Agathons

Zweites Kapitel: En animam & mentem cum qua Di nocte

loquantur!

Drittes Kapitel: Die Liebe in verschiedenen Gestalten

Viertes Kapitel: Fortsetzung des Vorhergehenden

Fünftes Kapitel: Agathon entfliehet von Delphi, und findet

seinen Vater

Sechstes Kapitel: Agathon kommt nach Athen, und widmet sich

der Republik. Eine Probe der besondern Natur

desjenigen Windes, welcher vom Horaz aura

popularis genennet wird

Siebentes Kapitel: Agathon wird von Athen verbannt

Achtes Kapitel: Agathon endigt seine Erzählung

Neuntes Kapitel: Ein starker Schritt zur Entzauberung unsers

Helden

Zweiter Teil

Achtes Buch

Erstes Kapitel: Vorbereitung zum Folgenden

Zweites Kapitel: Verräterei des Hippias

Drittes Kapitel: Folgen des Vorhergehenden

Viertes Kapitel: Eine kleine Abschweifung

Fünftes Kapitel: Schwachheit des Agathon; unverhoffter Zufall,

der seine Entschließungen bestimmt

Sechstes Kapitel: Betrachtungen, Schlüsse und Vorsätze

Siebentes Kapitel: Eine oder zwo Digressionen

Neuntes Buch

Erstes Kapitel: Veränderung der Szene. Charakter der Syracusaner,

des Dionysius und seines Hofes

Zweites Kapitel: Charakter des Dion. Anmerkungen über denselben.

Eine Digression

Drittes Kapitel: Eine Probe, daß die Philosophie so gut zaubern

könne, als die Liebe

Viertes Kapitel: Philistus und Timocrates

Fünftes Kapitel: Agathon wird der Günstling des Dionysius

Zehentes Buch

Erstes Kapitel: Von Haupt--und Staats-Aktionen. Betragen Agathons

am Hofe des Königs Dionys

Zweites Kapitel: Beispiele, daß nicht alles, was gleißt, Gold ist

Drittes Kapitel: Große Fehler wider die Staats-Kunst, welche Agathon

beging--Folgen davon

Viertes Kapitel: Nachricht an den Leser

Fünftes Kapitel: Moralischer Zustand unsers Helden

Eilftes Buch

Erstes Kapitel: Apologie des griechischen Autors

Zweites Kapitel: Die Tarentiner. Charakter eines liebenswürdigen

alten Mannes

Drittes Kapitel: Eine unverhoffte Entdeckung

Viertes Kapitel: Etwas, das man ohne Divination vorhersehen konnte

Fünftes Kapitel: Abdankung

VORBERICHT

Der Herausgeber der gegenwärtigen Geschichte siehet so wenig

Wahrscheinlichkeit vor sich, das Publicum überreden zu können, daß sie in

der Tat aus einem alten Griechischen Manuskript gezogen sei; daß er am

besten zu tun glaubt, über diesen Punkt gar nichts zu sagen, und dem Leser

zu überlassen, davon zu denken, was er will.

Gesetzt, daß wirklich einmal ein Agathon gewesen, (wie dann in der Tat, um

die Zeit, in welche die gegenwärtige Geschichte gesetzt worden ist, ein

komischer Dichter dieses Namens den Freunden der Schriften Platons bekannt

sein muß:) gesetzt aber auch, daß sich von diesem Agathon nichts

wichtigers sagen ließe, als wenn er geboren worden, wenn er sich

verheiratet, wie viel Kinder er gezeugt, und wenn, und an was für einer

Krankheit er gestorben sei: was würde uns bewegen können, seine Geschichte

zu lesen, und wenn es gleich gerichtlich erwiesen wäre, daß sie in den

Archiven des alten Athens gefunden worden sei?

Die Wahrheit, welche von einem Werke, wie dasjenige, so wir den Liebhabern

hiemit vorlegen, gefodert werden kann und soll, bestehet darin, daß alles

mit dem Lauf der Welt übereinstimme, daß die Charakter nicht willkürlich,

und bloß nach der Phantasie, oder den Absichten des Verfassers gebildet,

sondern aus dem unerschöpflichen Vorrat der Natur selbst hergenommen; in

der Entwicklung derselben so wohl die innere als die relative Möglichkeit,

die Beschaffenheit des menschlichen Herzens, die Natur einer jeden

Leidenschaft, mit allen den besondern Farben und Schattierungen, welche

sie durch den Individual-Charakter und die Umstände einer jeden Person

bekommen, aufs genaueste beibehalten; daneben auch der eigene Charakter

des Landes, des Orts, der Zeit, in welche die Geschichte gesetzt wird,

niemal aus den Augen gesetzt; und also alles so gedichtet sei, daß kein

hinlänglicher Grund angegeben werden könne, warum es nicht eben so wie es

erzählt wird, hätte geschehen können, oder noch einmal wirklich geschehen

werde. Diese Wahrheit allein kann Werke von dieser Art nützlich machen,

und diese Wahrheit getrauet sich der Herausgeber den Lesern der Geschichte

des Agathons zu versprechen.

Seine Hauptabsicht war, sie mit einem Charakter, welcher gekannt zu werden

würdig wäre, in einem manchfaltigen Licht, und von allen seinen Seiten

bekannt zu machen. Ohne Zweifel gibt es wichtigere als derjenige, auf den

seine Wahl gefallen ist. Allein, da er selbst gewiß zu sein wünschte,

daß er der Welt keine Hirngespenster für Wahrheit verkaufe; so wählte er

denjenigen, den er am genauesten kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hat.

Aus diesem Grunde kann er ganz zuverlässig versichern, daß Agathon und die

meisten übrigen Personen, welche in seine Geschichte eingeflochten sind,

wirkliche Personen sind, dergleichen es von je her viele gegeben hat, und

in dieser Stunde noch gibt, und daß (die Neben-Umstände, die Folge und

besondere Bestimmung der zufälligen Begebenheiten, und was sonsten nur zur

Auszierung, welche willkürlich ist, gehört, ausgenommen) alles, was das

Wesentliche dieser Geschichte ausmacht, eben so historisch, und vielleicht

noch um manchen Grad gewisser sei, als irgend ein Stück der

glaubwürdigsten politischen Geschichtschreiber, welche wir aufzuweisen

haben.

Es ist etwas bekanntes, daß öfters im menschlichen Leben weit

unwahrscheinlichere Dinge begegnen, als der Chevalier de Mouhy selbst zu

erdichten sich getrauen würde. Es würde also sehr übereilt sein, die

Wahrheit des Charakters unsers Helden deswegen in Verdacht zu ziehen, weil

es öfters unwahrscheinlich ist, daß jemand so gedacht oder gehandelt habe,

wie er. Wenn es unmöglich sein wird, zu beweisen, daß ein Mensch, und

ein Mensch unter den besondern Bestimmungen, unter welchen sich Agathon

von seiner Kindheit an befunden, nicht so denken oder handeln könne, oder

wenigstens es nicht ohne Wunderwerke, Einflüsse unsichtbarer Geister, oder

übernatürliche Bezauberung hätte tun können: So glaubt der Verfasser mit

Recht erwarten zu können, daß man ihm auf sein Wort glaube, wenn er

positiv versichert, daß Agathon wirklich so gedacht oder gehandelt habe.

Zu gutem Glücke finden sich in den beglaubtesten Geschichtschreibern, und

schon allein in den Lebensbeschreibungen des Plutarch Beispiele genug, daß

es möglich sei, so edel, so tugendhaft, so enthaltsam, oder, nach der

Sprache des Hippias, und einer ansehnlichen Klasse von Menschen zu reden,

so seltsam, so eigensinnig und albern zu sein als es unser Held in einigen

Gelegenheiten seines Lebens ist.

Man hat an verschiedenen Stellen des gegenwärtigen Werks die Ursachen

angegeben, warum man aus dem Agathon kein Modell eines vollkommen

tugendhaften Mannes gemacht hat. Da die Welt mit ausführlichen

Lehrbüchern der Sittenlehre angefüllt ist, so steht einem jeden frei, (und

es ist nichts leichters) sich einen Menschen einzubilden, der von der

Wiege an bis ins Grab, in allen Umständen und Verhältnissen des Lebens,

allezeit und vollkommen so empfindt, denkt und handelt, wie eine Moral.

Damit Agathon das Bild eines wirklichen Menschen wäre, in welchem viele

ihr eigenes erkennen sollten, konnte er, wir behaupten es zuversichtlich,

nicht tugendhafter vorgestellt werden, als er ist; und wenn jemand hierin

andrer Meinung sein sollte, so wünschten wir, daß er uns (wenn es wahr ist,

daß derjenige der Beste ist, der die besten Eigenschaften mit den

wenigsten Fehlern hat,) denjenigen nenne, der unter allen nach dem

natürlichen Lauf Gebornen, in ähnlichen Umständen, und alles zusammen

genommen, tugendhafter gewesen wäre, als Agathon.

Es ist möglich, daß irgend ein junger Taugenichts, wenn er siehet, daß ein

Agathon den reizenden Verführungen der Liebe und einer Danae endlich

unterliegt, eben den Gebrauch davon machen kann, welchen der junge Chärea

beim Terenz von einem Gemälde machte, welches eine von den Schelmereien

des Vater Jupiters vorstellte,--und daß er, wenn er mit herzlicher Freude

gelesen haben wird, daß ein so vortrefflicher Mann habe fallen können, zu

sich selbst sagen mag: Ego homuncio hoc non facerem? ego vero illud

faciam ac lubens.

Es ist eben so möglich, daß ein übelgesinnter oder ruchloser Mensch, den

Diskurs des Sophisten Hippias lesen, und sich einbilden kann, die

Rechtfertigung seines Unglaubens und seines lasterhaften Lebens darin zu

finden: Aber alle rechtschaffnen Leute werden mit uns überzeugt sein, daß

dieser junge Bube, und dieser ruchlose Freigeist beides gewesen und

geblieben wären, wenn gleich keine Geschichte des Agathon in der Welt wäre.

Dieses letztere Beispiel führt uns auf eine Erläuterung, wodurch wir der

Schwachheit gewisser gutgesinnter Leute, deren Wille besser ist, als ihre

Einsichten, zu Hülfe zu kommen, und sie vor unzeitig genommenem ärgernis

oder ungerechten Urteilen zu verwahren, uns verbunden glauben. Wir

gestehen gerne, daß wir in das Bewußtsein der Redlichkeit unsrer Absichten

eingehüllt, nicht daran gedacht hätten, daß diese Sorgfalt nötig wäre,

wenn uns nicht die Anmerkung stutzen gemacht hätte, welche einer unsrer

Freunde, ohne unser Vorwissen, auf der Seite pag. 58, unter den Text zu

setzen, gut befunden.

Diese Erläuterung betrifft die Einführung des Sophisten Hippias in unsere

Geschichte, und den Diskurs, wodurch er den Agathon von seinem

liebenswürdigen und tugendhaften Enthusiasmus zu heilen, und zu einer

Denkungsart zu bringen hofft, welche er nicht ohne guten Grund für

geschickter hält, sein Glück in der Welt zu machen. Leute, die aus

gesunden Augen gerade vor sich hin sehen, würden ohne unser Erinnern aus

dem ganzen Zusammenhang unsers Werkes, und aus der Art, wie wir bei aller

Gelegenheit von diesem Sophisten und seinen Grundsätzen reden, ganz

deutlich eingesehen haben, wie wenig wir dem Mann und dem System günstig

sind; und ob es sich gleich weder für unsere eigene Art zu denken, noch

für den Ton und die Absicht unsers Buches geschickt hätte, mit dem

heftigen Eifer gegen ihn auszubrechen, welcher einen jungen Magister

treibt, wenn er, um sich seinem Consistorio zu einer guten Pfründe zu

empfehlen, gegen einen Tindal oder Bolingbroke zu Felde zieht: So hoffen

wir doch bei vernünftigen und ehrlichen Lesern keinen Zweifel übrig

gelassen zu haben, daß wir den Hippias für einen schlimmen und

gefährlichen Mann, und sein System, (in so fern es den echten Grundsätzen

der Religion und der Rechtschaffenheit widerspricht) für ein Gewebe von

Trugschlüssen ansehen, welche die menschliche Gesellschaft zu grunde

richten würden, wenn es moralisch möglich wäre, daß der größere Teil der

Menschen damit angesteckt werden könnte. Wir glauben also vor allem

Verdacht über diesen Artikel sicher zu sein. Aber da unter unsern Lesern

ehrliche Leute sein können, welche uns wenigstens eine Unvorsichtigkeit

Schuld geben, und davor halten möchten, daß wir diesen Hippias entweder

gar nicht einführen, oder wenn dieses der Plan unsers Werkes ja erfodert

hätte, seine Lehrsätze ausführlich hätten widerlegen sollen: So sehen wir

für billig an, ihnen die Ursachen zu sagen, warum wir das erste getan, und

das andere unterlassen haben.

Weil nach unserm Plan der Charakter unsers Helden auf verschiedene Proben

gestellt werden sollte, durch welche seine Denkensart und seine Tugend

erläutert, und dasjenige, was darin übertrieben, und unecht war, nach und

nach abgesondert würde; so war es um so viel nötiger ihn auch dieser Probe

zu unterwerfen, da Hippias, bekannter maßen, eine historische Person ist,

und mit den übrigen Sophisten derselben Zeit sehr vieles zur Verderbnis

der Sitten unter den Griechen beigetragen hat. überdem diente er den

Charakter und die Grundsätze unsers Helden durch den Kontrast, den er mit

selbigen macht, in ein desto höheres Licht zu setzen. Und da es mehr als

zu gewiß ist, daß der größeste Teil derjenigen, welche die große Welt

ausmachen, wie Hippias denkt, oder doch nach seinen Grundsätzen handelt;

so war es auch in dem Plan der moralischen Absichten, welche wir uns bei

diesem Werke vorgesetzt haben, zu zeigen, was für einen Effekt diese

Grundsätze machen, wenn sie in den gehörigen Zusammenhang gebracht werden.

Und dieses sind die hauptsächlichsten Ursachen, warum wir diesen

Sophisten (welchen wir nicht schlimmer vorgestellt haben, als er wirklich

war, und als seine Brüder noch heutiges Tages sind) in die Geschichte des

Agathon eingeflochten haben.

Eine ausführliche Widerlegung dessen, was in seinen Grundsätzen irrig und

gefährlich ist: (Denn in der Tat hat er nicht allemal unrecht,) wäre in

Absicht unsers Plans ein wahres hors d'oeuvre gewesen, und schien uns auch

in Absicht der Leser überflüssig; indem nicht nur die Antwort, welche ihm

Agathon gibt, das beste enthält, was man dagegen sagen kann; sondern auch

das ganze Werk (wie einem jeden in die Augen fallen wird, sobald man das

Ganze wird übersehen können) als eine Widerlegung desselben anzusehen ist.

Agathon widerlegt den Hippias beinahe auf die nämliche Art wie Diogenes

den Sophisten, welcher leugnete, daß eine Bewegung sei: Diogenes ließ den

Sophisten schwatzen, so lang er wollte; und da er fertig war, begnügte er

sich vor seinen Augen ganz gelassen auf und ab zu gehen. Dieses war

unstreitig die einzige Widerlegung, die er verdiente.

Wir würden dem zweiten Teile, dessen Ausgabe von der Aufnahme des ersten

abhangen wird, den Vorteil der Neuheit und den Lesern zu gleicher Zeit ein

künftiges Vergnügen rauben, wenn wir den Inhalt desselben vor der Zeit

bekannt machten. Genug, daß man unsern Helden in der Folge in eben so

sonderbaren und interessanten Umständen und Verwicklungen sehen wird, als

in dem ersten Teil. Alles, was wir vorläufig von der Entwicklung sagen

können, ist dieses: daß Agathon in der letzten Periode seines Lebens,

welche den Beschluß unsers Werkes macht, ein eben so weiser als

tugendhafter Mann sein wird, und (was uns hiebei das beste zu sein deucht,

) daß unsre Leser begreifen werden, wie und warum er es ist; warum

vielleicht viele unter ihnen, weder dieses noch jenes sind; und wie es

zugehen müßte, wenn sie es werden sollten.

ERSTER TEIL

ERSTES BUCH

ERSTES KAPITEL

Anfang dieser Geschichte

Die Sonne neigte sich bereits zum Untergang, als Agathon, der sich in

einem unwegsamen Walde verirret hatte, von der vergeblichen Bemühung einen

Ausgang zu finden abgemattet, an dem Fuß eines Berges anlangte, welchen er

noch zu ersteigen wünschte, in Hoffnung von dem Gipfel desselben irgend

einen bewohnten Ort zu entdecken, wo er die Nacht zubringen könnte. Er

schleppte sich also mit Mühe durch einen Fußweg hinauf, den er zwischen

den Gesträuchen gewahr ward; allein da er ungefähr die Mitte des Berges

erreicht hatte, fühlt er sich so entkräftet, daß er den Mut verlor den

Gipfel erreichen zu können, der sich immer weiter von ihm zu entfernen

schien, je mehr er ihm näher kam. Er warf sich also ganz Atemlos unter

einen Baum hin, der eine kleine Terrasse umschattete, auf welcher er die

einbrechende Nacht zuzubringen beschloß.

Wenn sich jemals ein Mensch in Umständen befunden hatte, die man

unglücklich nennen kann, so war es dieser Jüngling in denjenigen, worin

wir ihn das erstemal mit unsern Lesern bekannt machen. Vor wenigen Tagen

noch ein Günstling des Glücks, und der Gegenstand des Neides seiner

Mitbürger, befand er sich, durch einen plötzlichen Wechsel, seines

Vermögens, seiner Freunde, seines Vaterlands beraubt, allen Zufällen des

widrigen Glücks, und selbst der Ungewißheit ausgesetzt, wie er das nackte

Leben, das ihm allein übrig gelassen war, erhalten möchte. Allein

ungeachtet so vieler Widerwärtigkeiten, die sich vereinigten seinen Mut

niederzuschlagen, versichert uns doch die Geschichte, daß derjenige, der

ihn in diesem Augenblick gesehen hätte, weder in seiner Miene noch in

seinen Gebärden einige Spur von Verzweiflung, Ungeduld oder nur von

Mißvergnügen hätte bemerken können.

Vielleicht erinnern sich einige hiebei an den Weisen der Stoiker von

welchem man ehmals versicherte, daß er in dem glühenden Ochsen des

Phalaris zum wenigsten so glücklich sei, als ein Morgenländischer Bassa in

den weichen Armen einer jungen Circasserin. Da sich aber in dem Lauf

dieser Geschichte verschiedne Proben einer nicht geringen Ungleichheit

unsers Helden mit dem Weisen des Seneca zeigen werden, so halten wir für

wahrscheinlicher, daß seine Seele von der Art derjenigen gewesen sei,

welche dem Vergnügen immer offen stehen, und bei denen eine einzige

angenehme Empfindung hinlänglich ist, sie alles vergangnen und künftigen

Kummers vergessen zu machen. Eine öffnung des Waldes zwischen zween

Bergen zeigte ihm von fern die untergehende Sonne. Es brauchte nichts

mehr als diesen Anblick, um die Empfindung seiner widrigen Umstände zu

unterbrechen. Er überließ sich der Begeisterung, worin dieses

majestätische Schauspiel empfindliche Seelen zu setzen pflegt, ohne eine

lange Zeit sich seiner dringendsten Bedürfnisse zu erinnern. Endlich

weckte ihn doch das Rauschen einer Quelle, die nicht weit von ihm aus

einem Felsen hervor sprudelte, aus dem angenehmen Staunen, worin er

etliche Minuten sich selbst vergessen hatte; er stand auf, und schöpfte

mit der hohlen Hand von diesem Wasser, dessen fließenden Kristall, seiner

Einbildung nach, eine wohltätige Nymphe seinen Durst zu stillen, aus ihrem

Marmorkrug entgegen goß; und anstatt die von Cyprischem Wein sprudelnde

Becher der Athenischen Gastmähler zu vermissen, deuchte ihm, daß er

niemals angenehmer getrunken habe. Er legte sich hierauf wieder nieder,

entschlief unter dem sanftbetäubenden Gemurmel der Quelle, und träumte,

daß er seine geliebte Psyche wieder gefunden habe, deren Verlust das

einzige war, was ihm von Zeit zu Zeit einige Seufzer auspreßte.

ZWEITES KAPITEL

Etwas ganz Unerwartetes

Wenn es seine Richtigkeit hat, daß alle Dinge in der Welt in der

genauesten Beziehung auf einander stehen, so ist nicht minder gewiß, daß

diese Verbindung unter einzelnen Dingen oft ganz unmerklich ist; und daher

scheint es zu kommen, daß die Geschichte zuweilen viel seltsamere

Begebenheiten erzählt, als ein Romanen--Schreiber zu dichten wagen dürfte.

Dasjenige, was unserm Helden in dieser Nacht begegnete, gibt mir neue

Bekräftigung dieser Beobachtung ab. Er genoß noch der Süßigkeit des

Schlafs, den Homer für ein so großes Gut hält, daß er ihn auch den

Unsterblichen zueignet; als er durch ein lärmendes Getöse plötzlich

aufgeschreckt wurde. Er horchte gegen die Seite, woher es zu kommen

schiene, und glaubte in dem vermischten Getümmel ein seltsames Heulen und

Jauchzen zu unterscheiden, welches von den entgegenstehenden Felsen auf

eine fürchterliche Art widerhallte. Agathon, der nur im Schlaf erschreckt

werden konnte, beschloß diesem Getöse mit eben dem Mut entgegen zu gehen,

womit in spätern Zeiten der unbezwingbare Ritter von Mancha dem

nächtlichen Klappern der Walkmühlen Trotz bot. Er bestieg also den obern

Teil des Berges mit so vieler Eilfertigkeit als er konnte, und der Mond,

dessen voller Glanz die ganze Gegend weit umher aus den dämmernden

Schatten hob, begünstigte sein Unternehmen. Das Getümmel nahm immer zu,

je näher er dem Rücken des Berges kam; er unterschied itzt den Schall von

Trummeln und das Flüstern regelloser Flöten, und fing an zu erraten, was

dieser Lärm zu bedeuten haben möchte; als sich ihm plötzlich ein

Schauspiel darstellte, welches fähig scheinen könnte, den Weisen selbst,

dessen wir oben erwähnet haben, seiner eingebildeten Göttlichkeit

vergessen zu machen. Ein schwärmender Haufen von jungen Thracischen

Weibern war es, welche von der Orphischen Wut begeistert, sich in dieser

Nacht versammelt hatten, die unsinnigen Gebräuche zu begehen, die das

heidnische Altertum zum Andenken des berühmten Zuges des Bacchus aus

Indien eingesetzt hatte. Ohne Zweifel könnte eine ausschweifende

Einbildungskraft, oder der Griffel eines la Fage von einer solchen Szene

ein ziemlich verführerisches Gemälde machen; allein die Eindrücke die der

wirkliche Anblick auf unsern jungen Helden machte, waren nichts weniger

als von der reizenden Art. Das stürmisch fliegende Haar, die rollenden

Augen, die beschäumten Lippen und die aufgeschwollnen Muskeln, die wilden

Gebärden und die rasende Fröhlichkeit, mit der diese Unsinnigen in frechen

Stellungen, ihre mit zahmen Schlangen umwundnen Thyrsos schüttelten, ihre

Klapperbleche zusammen schlugen, oder abgebrochne Dithyramben mit

lallender Zunge stammelten; alle diese Ausbrüche einer fanatischen Wut,

die ihm nur desto schändlicher vorkam, weil sie den Aberglauben zur Quelle

hatte, machten seine Augen unempfindlich, und erweckten ihm einen Ekel vor

Reizungen, die mit der Schamhaftigkeit alle ihre Macht auf ihn verloren

hatten. Er wollte zurück fliehen, aber es war unmöglich, weil er in eben

dem Augenblick, da er sie erblickte, von ihnen bemerkt worden war. Der

unerwartete Anblick eines Jüngling, an einem Ort und bei einem Feste,

welches kein männliches Aug entweihen durfte, hemmte plötzlich den Lauf

ihrer lärmenden Fröhlichkeit, um alle ihre Aufmerksamkeit auf diese

Erscheinung zu wenden.

Hier können wir unsern Lesern einen Umstand nicht länger verhalten, der in

diese ganze Geschichte einen großen Einfluß hat. Agathon war von einer so

wunderbaren Schönheit, daß die Rubens und Girardons seiner Zeit, weil sie

die Hoffnung aufgaben, eine vollkommnere Gestalt zu erfinden, oder aus den

zerstreuten Schönheiten der Natur zusammen zu setzen, die seinige zum

Muster nahmen, wenn sie den Apollo oder Bacchus vorstellen wollten.

Niemals hatte ihn ein weibliches Aug erblickt, ohne die Schuld ihres

Geschlechts zu bezahlen, welches die Natur für die Schönheit so

empfindlich gemacht zu haben scheint, daß diese einzige Eigenschaft den

meisten unter ihnen die Abwesenheit aller übrigen verbirgt. Agathon hatte

ihr in diesem Augenblick noch mehr zu danken; sie rettete ihn von dem

Schicksal des Pentheus. Seine Schönheit setzte diese Mänaden in

Erstaunen. Ein Jüngling von einer solchen Gestalt, an einem solchen Ort,

zu einer solchen Zeit! Konnten sie ihn für etwas geringers halten, als

für den Bacchus selbst? In dem Taumel worin sich ihre Sinnen befanden,

war nichts natürlichers als dieser Gedanke; auch gab er ihrer Phantasie

auf einmal einen so feurigen Schwung, daß, da sie die Gestalt dieses

Gottes vor sich sahen, sie alles übrige hinzudichtete, was ihm zu einem

vollständigen Dionysus mangelte. Ihre bezauberten Augen stellten ihnen

die Silenen und die Ziegenfüßigen Faunen vor, die um ihn her schwärmten,

und Tyger und Leoparden die mit liebkosender Zunge seine Füße leckten;

Blumen, so deucht es sie, entsprangen unter seinen Fußsohlen, und Quellen

von Wein und Honig sprudelten von jedem seiner Tritte auf, und rannen in

schäumenden Bächen die Felsen hinab. Auf einmal erschallte der ganze

Berg, der Wald und die benachbarten Felsen von ihrem lauten "Evan, Evan!"

mit einem so entsetzlichen Getöse der Trummeln und Klapperbleche, daß

Agathon, bei dem das, was er in diesem Augenblick sah und hörte, alles

überstieg, was er jemals gesehen, gehört, gedichtet oder geträumt hatte,

von Entsetzen und Erstaunung gefesselt, wie eine Bildsäule stehen blieb,

indes, daß die entzückten Bacchantinnen gaukelnde Tänze um ihn her machten,

und durch tausend unsinnige Gebärden ihre Freude über die vermeinte

Gegenwart ihres Gottes ausdrückten.

Allein die unmäßigste Schwärmerei hat ihre Grenzen, und weicht endlich der

Obermacht der Sinnen. Zum Unglück für den Helden unsrer Geschichte kamen

diese Unsinnigen allmählich aus einer Entzückung zurück, worüber sich

vermutlich ihre Einbildungskraft gänzlich abgemattet hatte, und bemerkten

immer mehr menschliches an demjenigen, den seine ungewöhnliche Schönheit

in ihren trunknen Augen vergöttert hatte. Etliche, die das Bewußtsein

ihrer eignen stolz genug machte, die Ariadnen dieses neuen Bacchus zu sein,

näherten sich ihm, und setzten ihn durch die Art womit sie ihre

Empfindungen ausdrückten in eine desto größere Verlegenheit, je weniger er

geneigt war, ihre ungestümen Liebkosungen zu erwidern. Dem Ansehn nach

würde unter ihnen selbst ein grimmiger Streit entstanden sein, und Agathon

zuletzt das tragische Schicksal des Orpheus, der ehmals aus ähnlichen

Ursachen von den thracischen Mänaden zerrissen worden war, erfahren haben,

wenn nicht die Unsterblichen, die das Gewebe der menschlichen Zufälle

leiten, in eben dem Augenblick ein Mittel seiner Errettung herbeigebracht

hätten, da weder seine Stärke, noch seine Tugend ihn zu retten hinlänglich

war.

DRITTES KAPITEL

Unvermutete Unterbrechung des Bacchus-Festes

Eine Schar Cilicischer Seeräuber, welche frisches Wasser einzunehmen bei

nächtlicher Weile an dieser Küste geländet, hatten von fern das Getümmel

der Bacchantinnen gehört, und sogleich für einen Aufruf zu einer

ansehnlichen Beute aufgenommen. Sie erinnerten sich, daß die vornehmsten

Frauen dieser Gegend die geheimnisvollen Orgya um diese Zeit zu begehen

pflegten; und daß sie, wenn sie sich zu solchem Ende versammelten, in

ihrem schönsten Putz aufzuziehen pflegten, ob sie gleich vor Besteigung

des Berges sich dessen wieder entledigten, und alles bis zu ihrer

Wiederkunft von einer Anzahl Sklavinnen bewachen ließen. Die Hoffnung,

außer diesen Weibern, von denen sie die schönsten für die Asiatischen

Harems bestimmten, eine Menge von kostbaren Kleidern und Juwelen zu

erbeuten, schien ihnen wohl wert, sich etwas länger aufzuhalten. Sie

teilten sich also in zween Haufen, davon der eine sich derer bemächtigte,

welche die Kleider hüteten, indessen daß die übrigen den Berg bestiegen,

und mit großem Geschrei unter die Thracierinnen einstürmend, sich von

ihnen Meister machten, ehe sie Zeit oder Mut hatten, sich zur Wehr zu

setzen. Die Umstände waren allerdings so beschaffen, daß sie sich allein

mit den gewöhnlichen und anständigsten Waffen ihres Geschlechts

verteidigen konnten. Allein diese Cilicier waren allzusehr Seeräuber,

als daß sie auf die Tränen und Bitten, noch selbst auf die Reizungen

dieser Schönen einige Achtung gemacht hätten, welche doch in diesem

Augenblick, da Schrecken und Zagheit ihnen die Weiblichkeit (wenn es

erlaubt ist, dieses Wort einem großen Dichter abzuborgen) wiedergegeben

hatte, selbst dem sittsamen Agathon so verführerisch vorkamen, daß er vor

gut befand, seine nicht gerne gehorchende Augen an den Boden zu heften.

Allein die Räuber hatten itzt andre Sorgen, und waren nur darauf bedacht,

wie sie ihre Beute aufs schleunigste in Sicherheit bringen möchten. Und

so entging Agathon, für etliche nicht allzufeine Scherze über die

Gesellschaft, worin man ihn gefunden hatte, und für seine Freiheit, einer

Gefahr, aus der er seinen Gedanken nach sich nicht zu teuer loskaufen

konnte. Der Verlust der Freiheit schien ihn in den Umständen worin er war,

wenig zu bekümmern; und in der Tat, da er alles übrige verloren hatte,

was die Freiheit schätzbar macht, so hatte er wenig Ursache sich wegen

eines Verlusts zu kränken, der ihm wenigstens eine Veränderung im Unglück

versprach.

VIERTES KAPITEL

Agathon wird zu Schiffe gebracht

Nachdem die Cilicier mit ihrer gesamten Beute wieder zu Schiffe gegangen,

und die Teilung derselben mit größerer Eintracht, als womit die Vorsteher

einer kleinen Republik sich in die öffentlichen Einkünfte zu teilen

pflegen, geendiget hatten; brachten sie den Rest der Nacht mit einem

Schmause zu, bei welchem sie nicht vergaßen, sich wegen der mehr als

stoischen Unempfindlichkeit, die sie bei Eroberung der thracischen Schönen

bewiesen hatten, schadlos zu halten. Unterdessen aber, daß das ganze

Schiff beschäftiget war, das angefangne Bacchusfest zu vollenden, hatte

sich Agathon unbemerkt in einen Winkel zurück gezogen, wo er vor Müdigkeit

abermals einschlummerte, und den Traum gerne fortgesetzt hätte, aus

welchem ihn das "Evan Evan" der berauschten Mänaden geweckt hatte.

FÜNFTES KAPITEL

Eine Entdeckung

Die aufgehende Sonne, die von der rosenfingrichten Aurora angekündiget,

das jonische Meer mit ihren ersten Strahlen vergoldete, fand alle

diejenigen, mit dem Virgil zu reden, von Wein und Schlaf begraben, welche

die Nacht durch dem Bacchus und seiner Göttin Schwester geopfert hatten.

Nur Agathon, der gewohnt war mit der Morgenröte zu erwachen, wurde von den

ersten Strahlen geweckt, die in horizontalen Linien an seiner Stirne

hinschlüpften. Indem er die Augen aufschlug, sah er einen jungen Menschen

in einer Sklaven-Kleidung vor sich stehen, der ihn mit großer

Aufmerksamkeit betrachtete. So schön als Agathon war, so schien er doch

von diesem liebenswürdigen Jüngling an Feinheit der Gestalt und Farbe

übertroffen zu werden; in der Tat hatte er in seiner Gesichtsbildung und

in seiner ganzen Figur etwas so jungfräuliches, daß er, gleich dem schönen

Liebling des Horaz, in weiblicher Kleidung unter einer Schar von Mädchen

gemischt, gar leicht das Auge des schärfsten Kenners betrogen haben würde.

Agathon erwiderte den Anblick dieses jungen Sklaven mit einer

Aufmerksamkeit, in welcher ein angenehmes Erstaunen nach und nach sich bis

zur Entzückung erhob. Eben diese Bewegungen enthüllten sich auch in dem

anmutigen Gesichte des jungen Sklaven; ihre Seelen erkannten einander in

eben demselben Augenblicke, und schienen durch ihre Blicke schon in

einander zu fließen, eh ihre Arme sich umfangen, und die von Entzückung

bebende Lippen "Psyche--Agathon", ausrufen konnten. Sie schwiegen eine

lange Zeit; dasjenige, was sie empfanden, war über allen Ausdruck; und

wozu bedurften sie der Worte? Der Gebrauch der Sprache hört auf, wenn

sich die Seelen einander unmittelbar mitteilen, sich unmittelbar anschauen

und berühren, und in einem Augenblick mehr empfinden, als die Zunge der

Musen selbst in ganzen Jahren auszusprechen vermöchte. Die Sonne würde

vielleicht unbemerkt über ihrem Haupt hinweg, und wieder in den Ozean

hinab gestiegen sein, ohne daß sie in dem fortdaurenden Augenblick der

Entzückung den Wechsel der Stunden bemerkt hätten; wenn nicht Agathon dem

es allerdings zukam hierin der erste zu sein, sich mit sanfter Gewalt aus

den Armen seiner Psyche losgewunden hätte, um von ihr zu erfahren, durch

was für einen Zufall sie in die Gewalt der Seeräuber gekommen sei. "Die

Zeit ist kostbar, liebste Psyche" sagte er, "wir müssen uns der

Augenblicke bemächtigen, da diese Barbaren, von der Gewalt ihres Gottes

bezwungen, zu Boden liegen. Erzähle mir, durch was für einen Zufall

wurdest du von meiner Seite gerissen, ohne daß es mir möglich war zu

erfahren, wie oder wohin? Und wie finde ich dich itzt in diesem

Sklavenkleid, und in der Gewalt dieser Seeräuber?"

SECHSTES KAPITEL

Erzählung der Psyche

"Du erinnerst dich", antwortete ihm Psyche, "jener unglücklichen Stunde,

da die eifersüchtige Pythia unsre Liebe, so geheim wir sie zu halten

vermeinten, entdeckte. Nichts war ihrer Wut zu vergleichen, und es fehlte

nur noch, daß ihre Rache nicht mein Leben zum Opfer verlangte; denn sie

ließ mich einige Tage alles erfahren, was verschmähte Liebe erfinden kann,

eine glückliche Nebenbuhlerin zu quälen. Ob sie es nun gleich in ihrer

Gewalt hatte, mich deinen Augen gänzlich zu entziehen, so hielt sie sich

doch niemals sicher, so lang ich zu Delphi sein würde. Sie machte bald

ein Mittel ausfündig, sich meiner zu entledigen, ohne einigen Argwohn zu

erwecken; sie schenkte mich einer Verwandten, die sie zu Syracus hatte,

und weil sie mich an diesem Orte weit genug von dir entfernt hielt, säumte

sie nicht, mich in der größten Stille nach Corinth, und von da nach

Sicilien bringen zu lassen. Die Törin! kannte sie die Macht der Liebe

nicht, die Agathon einflößt? Wußte sie nicht, daß keine Scheidung der

Leiber durch Länder und Meere meine Seele verhindern könne, aus einer Zone

in die andre zu fliegen, und gleich einem liebenden Schatten um dich her

zu schweben? Oder hoffte sie, reizender in deinen Augen zu werden, wenn

du mich nicht mehr neben ihr sehen würdest? Wie wenig kannte sie unsre

Liebe! Nein, wahre Liebe kann so wenig eifersüchtig sein, als sich selbst

fühlende Stärke zittern kann.--Ich verließ Delphi mit zerrißnem Herzen.

Als ich den letzten Blick auf diese bezauberten Haine heftete, wo deine

Liebe mir ein neues Wesen gab, eine neue Würklichkeit, gegen die mein

voriges Leben eine ekelhafte Abwechslung von einförmigen Tagen und Nächten,

ein ungefühltes Pflanzen-Leben war, als ich diese geliebte Gegend endlich

ganz aus den Augen verlor.--Nein, Agathon, ich kann es nicht beschreiben,

du kannst es empfinden, du allein--Als ich mich selbst wieder fühlte,

erleichtert ein Strom von Tränen mein gepreßtes Herz. Es war eine Art von

Wollust in diesen Tränen, ich ließ ihnen freien Lauf, ohne mich zu

bekümmern, daß sie gesehen würden. Die Welt schien mir ein leerer Raum,

und alle Gegenstände um mich her Träume und Schatten; du und ich waren

allein; ich sah, ich hörte nur dich, ich lag an deiner Brust, ich legte

meinen Arm um deinen Hals, ich zeigte dir meine Seele in meinen Augen; ich

führte dich in die heiligen Schatten, wo du mich die Gegenwart der

Unsterblichen fühlen lehrtest; ich lag zu deinen Füßen, und meine an

deinen Lippen hangende Seele glaubte den Gesang der Musen zu hören, wenn

du sprächest; wir wandelten Hand in Hand beim sanften Mondschein durch

elysische Gegenden, oder setzten uns unter die Blumen, stillschweigend,

indem unsre Seelen, in ihrer eignen geistigen Sprache sich einander

enthüllten, und lauter Licht und Wonne um sich her sahen, und unsterblich

zu sein wünschten, um sich ewig lieben zu können. Unter diesen

Erinnerungen, deren Lebhaftigkeit alle äußre Empfindungen verdunkelte,

beruhigte sich mein Herz allgemach. Ich, die sich selbst nur für einen

Teil deines Wesens hielt, konnte nicht glauben, daß wir immer getrennt

bleiben würden. Diese Hoffnung machte nun mein Leben aus, und bemächtigte

sich meiner so sehr, daß ich wieder heiter wurde. Denn ich zweifelte

nicht, ich wußte es, daß du nicht aufhören könntest, mich zu lieben. Ich

überließ dich der glühenden Leidenschaft einer mächtigen und reizenden

Nebenbuhlerin, ohne sie einen Augenblick zu fürchten. Ich wußte, daß

wenn sie es auch so weit bringen könnte, deine Sinnen zu verführen, sie

doch unfähig sei, dir eine Liebe einzuflößen wie die unsrige, und daß du

dich bald wieder nach derjenigen sehnen würdest, die dich allein glücklich

machen, weil sie allein dich lieben kann, wie du geliebt zu sein wünschest.

Unter tausend solchen Gedanken kam ich endlich zu Syracus an. Die

vorsichtige Priesterin hatte Anstalt gemacht, daß ich nirgend Mittel

finden konnte, dir von meinem Aufenthalt Nachricht zu geben. Meine neue

Gebieterin war von der guten Art von Geschöpfen, die gemacht sind sich

selbst zu gefallen, und sich alles gefallen zu lassen. Ich wurde zu der

Ehre bestimmt, den Aufputz ihres schönen Kopfes zu besorgen; und die Art,

wie ich dieses Amt verwaltete, erwarb mir ihre Gunst so sehr, daß sie mich

beinahe so viel liebte, als ihren Schoßhund. In diesem Zustand hielt ich

mich für so glücklich, als ich es ohne deine Gegenwart in einem jeden

andern hätte sein können, bis die Ankunft des Sohnes meiner Gebieterin die

Szene veränderte."

SIEBENTES KAPITEL

Fortsetzung der Erzählung der Psyche

"Narcissus, so hieß dieser junge Herr, war von seiner Mutter nach Athen

geschickt worden, die Weisen daselbst zu hören, und die feinen Sitten der

Athenienser an sich zu nehmen. Allein er hatte keine Zeit gefunden, weder

das eine noch das andre zu tun. Einige junge Leute, die er seine Freunde

nannte, machten jeden Tag eine neue Lustbarkeit ausfündig, die ihn

verhinderte, die schwermütigen Spaziergänge der Philosophen zu besuchen.

überdas hatten ihm die artigsten Sträußermädchen von Athen gesagt, daß er

ein sehr liebenswürdiger junger Herr wäre; er hatte es ihnen geglaubt, und

sich also keine Mühe gegeben, erst zu werden, was er nach einem so

vollgültigen Zeugnis, schon war. Er hatte sich also mit nichts

beschäftiget, als seine Person in das gehörige Licht zu setzen; niemand in

Athen konnte sich rühmen lächerlicher geputzt zu sein, weißere Zähne und

sanftere Hände zu haben als Narcissus. Er war der erste in der Kunst,

sich in einem Augenblick zweimal auf einem Fuß herum zu drehen, einen

Fächer aufzuheben, oder ein Blumensträußchen an die Stirne einer Dame zu

stecken. Bei solchen Vorzügen glaubte er einen natürlichen Beruf zu haben,

sich dem weiblichen Geschlecht anzubieten. Die Leichtigkeit womit seine

Verdienste über die zärtlichen Herzen der Sträußermädchen gesiegt hatten,

machte ihm Mut sich an die Kammermädchen zu wagen, und von diesen Nymphen

erhob er sich endlich zu den Göttinnen selbst. Ohne sich zu bekümmern,

wie sein Herz aufgenommen wurde, hatte er sich angewöhnt zu glauben, daß

er unwiderstehlich sei; und wenn er nicht allemal Proben davon erhielt, so

machte er sich dafür schadlos, indem er sich der Gunstbezeugungen am

meisten rühmte, die er nicht genossen hatte.--Wunderst du dich, Agathon,

woher ich so wohl von ihm unterrichtet bin? Von ihm selbst. Was meine

Augen nicht an ihm entdeckten, das sagte mir sein Mund. Denn er selbst

war der unerschöpfliche Inhalt seiner Gespräche, so wie der einzige

Gegenstand seiner Bewunderung. Ein Liebhaber von dieser Art sollte dem

Ansehen nach wenig zu bedeuten haben. Eine Zeit lang belustigte mich

seine Torheit; allein er wurde ungestüm. Er fand es unanständig, daß eine

Aufwärterin seiner Mutter unempfindlich gegen ein Herz bleiben sollte, um

welches die Sträußer-Mädchen zu Athen einander beneidet hatten. Ich ward

endlich genötiget, meine Zuflucht zu seiner Mutter zu nehmen. Allein eben

diese leutselige Organisation, welche sie gütig gegen sich selbst, gegen

ihr Schoßhündchen und gegen alle Welt machte, machte sie auch gütig gegen

die Torheiten ihres Sohnes. Sie schien es so gar übel zu nehmen, daß ich

von den Vorzügen eines so liebreizenden jungen Herrn nicht stärker gerührt

würde. Die Ungeduld über die Anfälle, denen ich beständig ausgesetzt war,

gab mir tausendmal den Gedanken ein, mich heimlich hinweg zu stehlen.

Allein ich hatte keine Nachricht von dir; ein Reisender von Delphi hatte

uns zwar gesagt, daß du daselbst unsichtbar geworden, aber niemand konnte

sagen wo du seiest. Diese Ungewißheit stürzte mich in eine Unruhe, die

meiner Gesundheit nachteilig zu werden anfing; als eben dieser Narcissus,

dessen lächerliche Liebe zu sich selbst mich so lange gequält hatte, mir

ohne seine Absicht das Leben wieder gab, indem er erzählte, daß ein

gewisser Agathon von Athen, nach einem Sieg über die aufrührischen

Einwohner von Euböa, diese Insel seiner Republik wieder unterworfen habe.

Die Umstände die er von diesem Agathon hinzu fügte, ließen mich nicht

zweifeln, daß du es seiest. Eine Sklavin, die mir gewogen war, beförderte

meine Flucht. Sie hatte einen Liebhaber, der sie beredet hatte, sich von

ihm entführen zu lassen. Ich half ihr, dieses Vorhaben auszuführen und

begleitete sie; der junge Sicilianer verschaffte mir zur Dankbarkeit

dieses Sklavenkleid, und brachte mich auf ein Schiff, welches nach Athen

bestimmt war. Ich wurde für einen Sklaven ausgegeben, der seinen Herrn zu

Athen suchte, und überließ mich zum zweitenmal den Wellen, aber mit ganz

andern Empfindungen als das erstemal, da sie nun anstatt mich von dir zu

entfernen, uns wieder zusammen bringen sollten."

ACHTES KAPITEL

Psyche beschließt ihre Erzählung

"Unsre Fahrt war einige Tage glücklich, außer daß ein Wind der uns

westwärts trieb, unsre Reise ungewöhnlich verlängerte. Allein am Abend

des sechsten Tages erhob sich ein heftiger Sturm, der uns in wenigen

Stunden wieder einen großen Weg zurück machen ließ; unsre Schiffer waren

endlich so glücklich, eine von den unbewohnten Cycladen zu erreichen, wo

wir uns vor dem Sturm in Sicherheit setzten. Wir fanden in eben der Bucht

wohin wir uns geflüchtet hatten, ein anders Schiff liegen, worin sich eben

diese Cilicier befanden, denen wir itzt zugehören. Sie hatten eine

griechische Flagge aufgesteckt, sie grüßten uns, sie kamen zu uns herüber,

und weil sie unsre Sprache redeten, so hatten sie keine Mühe uns so viele

Märchen vorzuschwatzen, als sie nötig fanden, uns sicher zu machen. Nach

und nach wurde unser Volk vertraulich mit ihnen; sie brachten etliche

große Krüge mit Cyprischem Weine, wodurch sie in wenig Stunden alle unsre

Leute wehrlos machten. Sie bemächtigten sich hierauf unsers ganzen

Schiffes, und begaben sich, so bald sich der Sturm in etwas gelegt hatte,

wieder in die See. Bei der Teilung wurde ich einmütig dem Hauptmann der

Räuber zuerkannt. Man bewunderte meine Gestalt ohne mein Geschlecht zu

mutmaßen. Allein diese Verborgenheit half mir nicht so viel, als ich

gehofft hatte. Der Cilicier, den ich für meinen Herrn erkennen mußte,

verzog nicht lange, mich mit einer ekelhaften Leidenschaft zu quälen. Er

nannte mich Ganymedes, und schwur bei allen Tritonen und Nereiden, daß ich

ihm sein müßte, was dieser trojanische Prinz dem Jupiter gewesen sei. Wie

er sah, daß seine Schmeicheleien ohne Würkung waren, nötigte er mich

zuletzt, ihm zu zeigen, daß ich mein Leben gegen meine Ehre für nichts

halte. Dieses verschaffte mir bisher einige Ruhe, und ich fing an, auf

ein Mittel meiner Befreiung zu denken. Ich gab dem Räuber zu verstehen,

daß ich von einem ganz andern Stande sei, als mein Sklavenmäßiger Anzug zu

erkennen gäbe, und bat ihn aufs inständigste mich nach Athen zu führen, wo

er für meine Erledigung erhalten würde, was er nur fodern wollte. Allein

über diesen Punkt war er unerbittlich, und jeder Tag entfernte uns weiter

von diesem geliebten Athen, welches, wie ich glaubte, meinen Agathon in

sich hielt. Wie wenig dachte ich, daß eben diese Entfernung, über die ich

so untröstbar war, uns wieder zusammen bringen würde? Aber, ach! in was

für Umständen finden wir uns wieder! Beide der Freiheit beraubt, ohne

Freunde, ohne Hülfe, ohne Hoffnung befreit zu werden; verurteilt

ungesitteten Barbaren dienstbar zu sein. Die unsinnige Leidenschaft

meines Herrn wird uns so gar des einzigen Vergnügens berauben, das unsern

Zustand erleichtern könnte. Seitdem ihm meine Entschlossenheit die

Hoffnung benommen seinen Endzweck zu erreichen, scheint sich seine Liebe

in eine wütende Eifersucht verwandelt zu haben, die sich bemüht, dasjenige

was man selbst nicht genießen kann, wenigstens keinem andern zu Teil

werden zu lassen. Der Barbar wird dir keinen Umgang mit mir verstatten,

da er mir kaum sichtbar zu sein erlaubt. Doch die ungewisse Zukunft soll

mir nicht einen Augenblick von der gegenwärtigen Wonne rauben. Ich sehe

dich, Agathon, und bin glücklich. Wie begierig hätte ich vor wenigen

Stunden einen Augenblick wie diesen mit meinem Leben erkauft!" Indem sie

dieses sagte, umarmte sie den glücklichen Agathon mit einer so rührenden

Zärtlichkeit, daß die Entzückung, die ihre Herzen einander mitteilten,

eine zweite sprachlose Stille hervorbrachte; und wie sollten wir

beschreiben können, was sie empfanden, da der Mund der Liebe selbst nicht

beredt genug war, es auszudrucken?

NEUNTES KAPITEL

Wie Psyche und Agathon wieder getrennt werden

Geschichte des Agathon. Teil 1 · 第 1 / 23 段