Erst als er vor ihr stand, erkannte sie ihn: „O, Dr. Klempner!“

„Was machen Sie hier?“ fragte er und setzte mit einem Lachen hinzu:

„Auch saufen?“

Scharfer Branntweindunst schlug ihr entgegen, als er sich neben ihr

niederließ. Er streckte die Beine von sich und tat beide Hände in die

Hosentaschen. „Ja, saufen ist immer gut,“ sagte er. „Nur – soviel

Alkohol gibt es gar nicht, daß man nicht denken müßte ...“

„Ich kenne das nicht,“ sagte sie mit einem scheuen Blick auf ihn – „ich

meine, daß man trinkt. Aber ich verstehe wohl, daß man irgendwohin

davonlaufen möchte, – ich – ich auch ...“

„Ja, das glaube ich,“ sagte er, und der starre Zug in seinem Antlitz

löste sich. „Sie haben es nicht leicht – o nein, ich weiß, – vielleicht

sogar verteufelt schwer.“

„Zu schwer,“ sagte sie und hatte plötzlich das Verlangen zu sprechen.

Vor der Nachbarschaft dieses großen verwüstenden Schmerzes gab es keine

Scham.

„Sprechen Sie,“ bat er, „vielleicht ist es besser als dieser verdammte

Schnaps – ich möchte so gern – nur für eine halbe Stunde – wo anders

sein!“

„In zwei Monaten beginnt die Schule wieder,“ sagte sie. „Ja, und ich

frage mich nur, wie das werden soll. Denn, Herr Doktor, – wir haben

einmal viel über alle diese Dinge gesprochen – als ich noch nicht wußte,

– als ich es nicht so von mir selbst wußte.“

„Und als ich verbrecherisch wenig verstand, – ja!“ sagte er schwer.

„Ja, – damals setzten wir Theorie gegen Theorie, nicht wahr? Heute, –

ich habe keine Theorien mehr, Herr Doktor. Aber, ich weiß viel. Ich habe

tief in mich hineingesehen und erkannt, wie verzweifelt ich oft vor mir

log. – Es gibt Dinge, es hilft nicht, daß man sagt, sie existieren

nicht. In jedem von uns steht das einmal auf, – ja, das weiß ich nun. In

dem einen früher, in dem andern später.“

„Ja,“ nickte er. „So sind auch Sie dorthin gekommen. Es fragt sich nur,

welchen Preis Sie dafür bezahlt haben. – Meiner war ein bißchen hoch, –

wie?“

„Ich kann nicht mehr Lehrerin sein!“ brach sie plötzlich los. „Nein, das

kann ich nicht mehr. In diesem letzten Jahr, Herr Doktor – es stiegen

Gewalten in mir auf, – ich habe sie vergeblich in Lüge und Abscheu

niedergerungen, sie haben mich doch verwandelt. Ich habe nicht mehr das

unbedingte Ja und Nein, das man haben muß, wenn man die Jugend führen

will. Ich weiß um Verwirrung und Schuld – ich weiß, daß die Versuchung

nicht immer nur Blendwerk der Hölle ist, vor dem man sich so leicht für

den geraden lichten Weg zur Tugend entscheiden kann. Ich weiß, daß unser

Herz, ja, das Heiligste in uns, uns dorthin verlocken kann, wo man

schuldig wird. Und darum – ich will meinen Abschied nehmen. Die Schule

braucht Menschen, die sich nicht verwirren lassen, die ein Ja haben und

ein Nein, und nicht wie ich ein wehes Wissen zwischen beiden.“

„Und das glauben Sie wirklich?“ fragte der Arzt, und sein Gesicht wurde

plötzlich ganz klar und ernst. „Den Selbstgefälligen möchten Sie die

Kinder anvertrauen, ihnen, die nie strauchelten, die um keine Not

wissen, die nur Theorien haben, geboren aus einem kalten Herzen und

einem kalten Verstande? Und,“ ganz heiser wurde nun die Stimme und

schwer von Tränen, „glauben Sie nicht, daß wir die kleine Martha gestern

nicht hätten in die kalte Erde versenken müssen, – wenn, – wenn ich ein

wenig von der Sehnsucht verstanden hätte, die damals meine Frau vor

meiner Härte zu einem anderen trieb? – Nein, Frau Lehrerin, ich bitte

Sie, bei dem bitteren Sterben meines kleinen Mädchens, – bleiben Sie der

Jugend treu! Gerade Sie, Sie werden helfen können. Jetzt, – weil Sie die

heiße Not selbst kennen, weil Sie nicht mehr zu den Selbstgerechten

gehören werden. Glauben Sie mir: nur wer selbst schuldig wurde, kann

führen. Und ein anderes noch, mein kleines Fräulein mit dem wehen,

verwirrten Herzen, – glauben Sie einem, der die furchtbarste Sünde auf

sich geladen hat, der die Liebe in sich vergewaltigte, glauben Sie ihm!“

Mit beiden Händen umschloß er die ihren und tief sah er hinein in die

Augen des alternden Fräuleins, die sich mit Tränen füllten.

„Der wilde Garten der Jugend braucht Liebe, – immer nur Liebe, Frau

Lehrerin! Und wenn eine zu früh und zu wild sich dem Sommer

entgegendehnt – lieben Sie sie, und wenn sie strauchelt, lieben Sie sie.

Nicht alle blühen unter demselben Gesetz, und was für die eine Schuld

und Sünde ist, kann für die andere Befreiung und Wachsen sein. Wir

wissen nichts, – wir können sie nur lieben und geben ihnen damit das,

was nur die Sonne den Blumen geben kann: daß sie nicht im Schatten

schief und winklig werden, daß sie sich nicht aus dem Leben flüchten wie

aus einem Spiel, das zu weh tut, – daß sie sie selbst werden!“

Schwerfällig erhob er sich, aber er ließ die Hände des kleinen Fräuleins

nicht los: „Versprechen Sie mir, daß Sie dem wilden Garten treu

bleiben?“ fragte er, und eine steile Falte stand zwischen seinen Brauen.

Da senkte das Fräulein den Kopf und nickte leise.

Der wilde Garten · 第 30 / 34 题