Einundzwanzigstes Kapitel

Alexandra trank in durstigen Zügen ein großes Glas schwarzen Kaffees.

Ihr dunkelgetöntes Antlitz trug die Spuren der verwachten Nacht wie ihre

Hände, deren bläuliche Adern hervortraten.

Aber ihre Augen blitzten.

Wie hatte diese Nacht, die erste Nacht nach der Heimkehr, sie begnadet!

Ringsumher am Boden lagen Blätter mit Skizzen und Studien, Tonfiguren

türmten sich übereinander auf ihrem Arbeitstisch, und der große

unbehauene Block, der jahrelang verträumt an der Stirnwand des Ateliers

gelegen hatte, und an den sie sich nie herangewagt hatte, wies schon die

Spuren eines schöpferischen Gedankens, zu dem er erwachen sollte.

Alexandra stieg die Stufen empor zu dem breiten Fenster und sah hinaus.

Nun durfte sie sich ein Atemholen gönnen, nun war es gewiß, daß ihr Werk

wurde. O, ein Werk, das anders, tausendmal anders war als alles, was sie

je gesucht und geformt hatte! Sie fühlte es: Gott selbst führte ihre

Hände, da sie ihm nicht länger widerstand.

Und lächelnd sann sie, indes sie voll Zärtlichkeit ihre Hände

betrachtete, die heute nacht so selig erfüllten Dienst am Steine tun

durften: o, wie töricht ich war! Wie alle, die kalten Herzens sind,

erbaute ich mir eine Weltanschauung aus Feigheit und Egoismus. Bewahren

wollte ich mich um jeden Preis. Wie einen Schild habe ich meine Kunst

vor mich gehalten und glaubte, daß ich mein Letztes nicht an die Liebe

geben dürfe, daß ich mich bewahren müsse, weil ich das Werk wollte. Aber

das Werk wollte mich nicht, es blieb klein und arm, weil ich es nur in

den kalten Nebeln meines Hochmuts wachsen ließ, weil ich mich

vergewaltigte und Gott die einzige große Menschenaufgabe schuldig blieb:

das, was er mich werden ließ, einem anderen seiner Geschöpfe zu geben.

Heute weiß ich, daß auch das Werk Torheit und Feigheit ist, wenn es nur

dazu dienen soll, uns vor dem Leben zu beschützen, wenn wir uns hinter

ihm verbergen wollen vor dem brennenden Rufe der Liebe.

Wie töricht ich war! sann Alexandra, und ein großes Lächeln stand in

ihrem Gesicht. Wie bewunderte ich sie alle, die Überklugen und

Kaltherzigen, die uns die Welt zerlegen und ihr Triebwerk freizulegen

suchen, wie es Kinder mit einem Spielzeug tun! Angst haben sie alle, wie

ich Angst hatte, die große Angst, sich verschenken zu müssen, sich

loszulassen. So erbaute uns der Hochmut goldene Türme. Von ihnen aus

glaubten wir weiter sehen zu können als andere. O, wie ich sie

bewunderte, die den Kleinmut ihres Herzens zur Askese verklärten!

Ich Törin, die ich mich für zu gut, zu klug und zu überlegen für die

Liebe hielt, nur weil mir Gott die Gnade gegeben hatte, in Stein von

seiner Schönheit zu künden. Aber auch Gott gab sein Ich in Liebe auf,

als er die Welt schuf, und Gotteskindschaft ist: gleich ihm sich zu

verschenken.

Ungeduldig blickte Alexandra zur Türe, an die es schon mehrmals geklopft

hatte. Wer konnte jetzt kommen? Es wußte doch kein Mensch, daß sie

zurückgekehrt war, und Gert kam erst nachmittag. Bis dahin wollte sie

mit ihrer Arbeit so weit sein, daß sie der Geliebten schon etwas von dem

zeigen konnte, was aus ihren Stunden gewachsen war.

Die Türe öffnete sich, und durch sie schob sich die zarte Gestalt des

kleinen Fräuleins Südekum.

Alexandra sprang die Stufen herab und ging ihr entgegen. Mein Gott! wie

mager die Arme geworden war! Und wie gealtert sie aussah!

„Ich sah Sie gestern,“ begann das kleine Fräulein befangen, „als Sie

Gert heimbrachten – ich – ich wollte, – nein, wie braungebrannt Sie

sind!“

„Ja, es war seltsam, wie wir uns wiedersahen! Sie gingen hinter einem

Leichenzug. Eine Schülerin Ihrer Anstalt, nicht wahr? Ja, das gehört so

zu Ihren Pflichten.“

„Nein, keine Schülerin der Anstalt,“ sagte das kleine Fräulein und seine

Augen füllten sich mit Tränen, „die kleine Martha vom Primarius

Klempner.“

„Das ist der Schularzt – der Mann, der neben Ihnen ging?“

„Ja, – ich liebte dieses Kind sehr – fünfzehn Jahre war es alt. Aber das

ist eine lange und traurige Geschichte. Ich weiß jetzt nur noch lange

traurige Geschichten.“

„O, Sie meinen Ihren kleinen Schüler, – den Erwin ... ich weiß. Ja, das

hat mich sehr ergriffen.“

„Und der Kanzler ahnt nichts von der großen Liebe dieses Knaben, von

seiner törichten, leidvollen Opferung,“ sagte die Lehrerin leise. „Erwin

nahm sein Geheimnis mit ins Grab. Niemals wird der Kanzler wissen, daß

der Knabe bei der Tänzerin war, die den Kanzler verspottete und betrog,

und diese Frau wohl ein sehr böses Wort gesagt haben muß, daß der Knabe

meinte, nur durch das Opfer seiner Tat den Kanzler befreien zu können.“

„Und Sie zweifeln noch immer, daß Eros auch diesen Weg führt, Frau

Lehrerin?“ fragte Alexandra plötzlich.

Das kleine Fräulein wurde sehr blaß. „Erwin liebte den Kanzler aus der

Ferne – groß und heilig – ohne Begierde. – Sie aber – Sie haben Gert

verführt.“

„O, nun beginnen Sie mit dem dummen Krämerwort von der Verführung,“

lächelte Alexandra. „Als gäbe es das, daß nur _einer_ von zwei Menschen

weiß und dem anderen dann davon erzählt wie von einer Geheimlehre.“

Plötzlich wurde sie ernst. „Nein, Fräulein Doktor, – das ist ganz

anders. Wenn das groß und bezwingend in zwei Menschen aufsteht, dann

gibt es keine Verführung – dann wissen und wollen beide, und kämen sie

urwaldgeboren aus tausend Einsamkeiten aufeinander losgestürzt.“

Das kleine Fräulein trat ganz nahe an Alexandra heran. Wahnwitziger Haß

verzerrte plötzlich sein Gesicht. „Eure Liebe ist sinnlos,“ sagte sie

schneidend, „weil sie nur Lust ist – weil sie –“ sie lachte gellend auf

– „Gert wird kein Kind von Ihnen haben!“ – keuchend sah sie der anderen

ins Gesicht.

Alexandra war ein wenig blasser geworden, aber sie sprach ruhig, als

rede sie einem kranken Kinde zu: „Sie wird kein Kind von mir haben, so

wenig, als ich eines von dem Manne habe, den ich wirklich liebte. Aber

Sie werden mich nicht zwingen zu glauben, daß der einzige Sinn

menschlicher Liebe die Fortpflanzung sei. Sonst gäbe es ja nur Zuchtwahl

nach den Gesetzen der Gattung und nicht diese menschengöttliche

Sehnsucht nach einem persönlichen Glück. Nein, Sie werden mich nicht

glauben machen, daß die Not unserer Herzen und der Rausch des Glückes,

den die Liebe schenkt, nur Mittel zum Zweck sei, nur die Belohnung

dafür, daß wir den Gattungswillen erfüllen. Oder glauben Sie wirklich,

daß wir nur wie die Tiere sind, die ein blinder Trieb in gewissen Zeiten

zueinandertreibt, damit die Art sich fortpflanze? Dann freilich hätten

Sie recht, die Sie sich eine Idealistin nennen, wenn Sie unsere Liebe

sinnlos schimpfen, dann wäre oberstes Gesetz die Moral der

Militärstaaten, die neues ‚Material‘ brauchen und alles verbieten

müssen, was nicht diesem Zwecke dient.“

„Der Sinn jeder Liebe ist das Kind,“ beharrte Fräulein Südekum.

„Dann ist die Passion aller großen Liebenden sinnlos gewesen, Fräulein

Dr. Südekum,“ sagte Alexandra lächelnd. „Sie alle zeugten nicht, deren

Namen und großes Lieben uns die Geschichte aufbewahrt hat, nicht Dante

und Beatrice – nicht Tristan und Isolde – nicht Abälard und Heloise, und

wie sie alle heißen, die den Glanz ihrer Leidenschaft durch die

Jahrhunderte sandten.“

„Aber es ist Unnatur,“ sagte das kleine Fräulein leise und verächtlich.

„Auch vor diesem Worte erschrecke ich nicht,“ lächelte Alexandra. „Wo

beginnt Unnatur, und wo hört sie auf? Haben Sie nicht gerade

festzustellen versucht, daß jede Liebe unnatürlich und sinnlos sei, die

nicht der Gattung dient, und ist es nicht auch in einem gewissen Sinne

Unnatur, wenn Wagner im Banne seiner _grande passion_ ‚Tristan und

Isolde‘ schrieb, statt wie Herr Meyer im Sinne der Bibel seine Pflicht

zu erfüllen? O, Fräulein Doktor – wozu läßt man euch Akademikerinnen

eigentlich so viel lernen, wozu lernt ihr die alten Sprachen und hört

Vorlesungen über große Kulturen, die vor tausend Jahren und mehr

reicher, hundertmal reicher blühten als die unseren? Wenn ihr nicht

einmal das lernt? Wenn ihr nicht wißt, was der hellenischen Welt, der

Kunst Ägyptens und Babylons die unerhörte Größe gab, die wir um des

Kreuzes willen nie erreichen werden: daß die alten Völker des Ostens den

Mut zur Lust hatten, zum Sichselbsterfahren, zu sich selbst. Aber unsere

Zeit ist so voll schlechten Gewissens, daß ihre Menschen immer eine

Entschuldigung für die Lust suchen. Lieber stellen sie sich dem Tiere

gleich unter das Gesetz des Zweckes, als die Lust mit dem Götterrecht

der Menschen zu nehmen.“

Das kleine Fräulein trippelte im Atelier auf und ab: Ach, es war ja

sinnlos, weiterzusprechen. Hier kämpften ja nicht Anschauungen gegen

Anschauungen. Hier stand ihrer Angst und ihrem Gefühle, irgendwie

beraubt und gedemütigt worden zu sein, der große Wille der Leidenschaft

gegenüber.

„Und was wird nun werden?“ fragte Fräulein Dr. Hanna Südekum.

Alexandra sah zum Fenster hinaus. Ihre Stimme klang noch tiefer: „Ich

weiß es nicht. Sie werden uns verfolgen und schlagen, wie es jeder

großen Liebe geschieht, die sich nicht in das Getriebe der Nützlichkeit

einordnen läßt. Aber sie werden es nicht ändern können, daß wir uns

grenzenlos aneinander erfüllen. Nein, das werden sie nicht. Aber sonst

weiß ich nichts, Frau Doktor – gar nichts mehr. Ich habe mich beugen

gelernt. Ich liebe mein Schicksal.“

„Leben Sie wohl,“ sagte das kleine Fräulein. Ihr Haß war plötzlich in

sich zusammengesunken. Nein, sie verstand nichts, gar nichts von diesem

allen – aber das spürte sie, daß hier der große Ernst der Leidenschaft

einen Menschen gewandelt hatte.

„Wohin gehen Sie?“ fragte Alexandra.

Die Lehrerin hatte plötzlich ein kleines, trauriges Lächeln um den Mund.

„Wie es nun einmal meine Aufgabe ist – ich werde am Wege einer anderen

Schülerin stehen. Gestern, – ja, da war ich bei einem Begräbnis – und

heute: ich gehe zu einer Trauung.“

„Zu einer Trauung?“

„Ja, die ältere Schwester der Kobinger heiratet; sie war einmal meine

Schülerin. Einen sehr interessanten Menschen, einen Altertumsforscher

heiratet sie, der das ganze Jahr in der Welt herumreist und bei allen

großen Ausgrabungen dabei ist.“

„Fräulein Doktor – seien Sie mir nicht böse, – aber wollen Sie mich

nicht mitnehmen? Ich bin gleich umgezogen, – ich –“ ganz leise sagte sie

es: „Ich möchte es sehen, wie ein anderer Mensch den geraden, breiten

Weg zum Glück findet.“

Und dann standen sie beide in der vom Orgelbrausen erfüllten Kirche.

Alle waren sie gekommen, um das große Erlebnis mitzufeiern, die Mädchen

der letzten Maturaklasse und auch einige, die noch in die niedrigeren

Klassen gingen. Herta Kobinger und Lizzie Ebbinghaus waren Kranzeldamen,

auch Grete Erb und Käte Bilwein. Und dort, – Fräulein Dr. Südekum tat

plötzlich das Herz so weh. Dort stand auch Gert. Wie weiß und licht sie

heute aussah, wie eine Braut! Fräulein Dr. Südekum sah sich scheu nach

Alexandra um, aber die hielt ihr Antlitz abgewandt.

Dann sah man nur noch die Braut. Wie lieblich sie war, ganz so, wie sie

die Maler seit Jahrhunderten immer wieder auf ihren Bildern zeigten,

scheu und schamvoll, in eine große Erwartung versunken. Und die vielen

Blumen in ihren Armen! Und das Orgelbrausen.

Die Lehrerin stand in der Kirchentür, als das junge Paar nach der

Trauung hinausging. Hinter ihm ging Gert mit einem Herrn.

Und jetzt: das kleine Fräulein sank in sich zusammen vor jähem

Erschrecken. Nun hatte sie gesehen, wie Gert das Antlitz emporhob und

den Blick Alexandras suchte über all die Köpfe der vielen Leute hinweg,

und sie sah den stahlharten Stolz wissender Liebe in diesem Blick und

eine tolle Verheißung.

* * * * *

Am Abend dieses Tages wanderte das kleine Fräulein von einem Besuche bei

Nowotnys heim. Das Ehepaar war diesmal nur auf kurze Zeit auf Ferien

gewesen und nicht im Süden. „Wir sind in die Berge gegangen,“ erklärte

Frau Nowotny. „Der Süden ist ja sehr schön, aber doch fremd. Man reist

dort so unbequem und bekommt nie sein gewohntes Essen.“

Dort, wo die Straße, in der Nowotnys wohnten, um die Ecke bog, dort lag

die Teestube, in der das kleine Fräulein damals mit Alexandra gewesen

war, an jenem ersten Abend. Das schläfrige Spiel eines Klaviers drang

heraus. Eigentlich wollte sie noch nicht schlafengehen. Wenn sie für ein

halbes Stündchen hineinginge? Es tat so gut unter fremden Menschen zu

sitzen, die einen nichts angingen, und einer Musik zu lauschen, die

einen ebensowenig anging.

So setzte sich die Lehrerin in eine Ecke und trank Tee. Ringsumher saßen

müde Menschen, die sich hier nach des Tages Arbeit stärkten, einige wüst

aussehende Männer auch, denen es anscheinend mehr um den Rum als um den

Tee zu tun war, und die sich laut unterhielten.

Fräulein Dr. Südekum war so in ihre Gedanken versunken, daß sie es gar

nicht merkte, wie ein Mann müde schleppenden Schrittes, den Rockkragen

hochgeschlagen und den Hut tief in der Stirne, eintrat, inmitten des

raucherfüllten Raumes stehenblieb, stutzte und dann auf ihren Tisch

zukam.

Der wilde Garten · 第 29 / 34 题