Eine milde Oktobersonne warf ihr Licht durch die weißen Gardinen in das
Zimmer des Fräulein Dr. Hanna Südekum. Alles glänzte vor Sauberkeit und
Ordnung, trotzdem sie erst vor einer halben Stunde aus dem Bett
gestiegen war und nun an dem runden, zierlich gedeckten Tisch in der
Ecke langsam und mit Behagen ihren Frühstückskaffee trank.
Auf ihrem Schreibtisch lag noch, säuberlich in Päckchen geordnet, die
Post, wie sie sie gestern mittag nach der Heimkehr von der achttägigen
Erholungsreise vorgefunden hatte. Sie hatte sich doch entschließen
müssen, ein wenig fortzugehen, so entsetzlich müde war sie von allem,
was über ihr Herz gestürmt war. Und auch Dr. Klempner hatte so gedrängt.
So hatte sie denn die kleine Handtasche, die sie noch von der Mutter
hatte, gepackt und war hinausgefahren in den herbstlichen Wald. Zu müde,
um zu denken, aber dankbar aufgetan dem Frieden rings um sie, war sie
durch die sonnigen Tage gegangen und hatte so ihre Sicherheit
wiedergewonnen.
Die viele Post, die sie hier vorgefunden hatte! O, es war doch schön,
daß die Kinder sie nicht allzu rasch vergaßen, die von ihrem Herzen fort
in die wilde Welt hinausgestürmt waren.
Die übermütige Lizzie Ebbinghaus schrieb begeistert aus einer mondänen
Sommerfrische: „Ich flirte mich zu Tode – und was das Schönste ist:
niemand will mir glauben, daß ich erst diesen Sommer Matura gemacht
habe.
Alle halten mich schon für einundzwanzig Jahre, – auch der reiche
Brasilianer, nach dem alle angeln. Sie zerplatzen, weil er nur mir den
Hof macht.“
Und Grete Erb schrieb einen langen, langen Brief aus einer kleinen
italienischen Stadt. „Ich glaube, daß nur der Sozialismus diese Probleme
lösen kann, – auch das des neuen Liebesrechts des Weibes.“
Fräulein Dr. Südekum lächelte: Das wird kein Ismus können, liebe Grete
Erb! –
Und hier ein spöttischer, ein spitziger Brief: „Obwohl man mich zu
unanständig fand, um noch länger der Anstalt anzugehören, und tat, als
wäre ich das verworfenste Geschöpf, hat mich Mr. Johnson, der
Generalvertreter des Welthauses Bloch & Co., wertgefunden, seine Frau zu
werden. Er liebt mich abgöttisch. Und das alles ohne Matura.“
– Ohne Matura, – mein Gott! –
„Ich sitze mit meinen Eltern hier in Tirol, und fast ist mir ein wenig
bange, daß nun keine Schule mehr sein soll, – daß ich soll morgens
schlafen können, so lange ich will, – und nicht mehr in den Garten und
nicht mehr lernen. Sobald ich heimkomme, will ich Sie besuchen, liebstes
Fräulein Doktor!“ – so schrieb Herta Kobinger.
Von Hertas älterer Schwester aber war ein sehr höflicher Brief da:
„zurückgekehrt ... und hoffen Sie bei unserem ersten Empfang als unseren
Gast begrüßen zu können ...“
Noch viele Briefe waren da und Postkartengrüße. Fräulein Dr. Südekum
betrachtete sie voll Zärtlichkeit.
Aber ganz auf der Seite, gesondert von den anderen, lag ein Brief mit
zittriger Hand geschrieben, und ein Bild lag dabei. „Meine Tochter hat
uns gestern für immer verlassen und ist unter dem Schutze zweier
Schwestern in das Kloster nach Italien abgereist. Dem Wunsche Erikas
entsprechend sende ich Ihnen beiliegend ihr Bild.“
Sinnend betrachtete das kleine Fräulein dieses Antlitz, die hungrigen
Augen, den so maßlos fordernden Mund. „Leben Sie wohl!“ stand auf dem
Bilde.
Fräulein Dr. Südekum nahm alle Briefe und legte sie in eine Lade zu
anderen.
Dann aber nahm sie ein Zeitungsblatt, das zusammengefaltet unter den
Briefen gelegen hatte. Die Büchertrödlerin hatte sie gestern angerufen,
als sie an ihrer Bude vorbeiging, und ihr dieses illustrierte Blatt in
die Hand gedrückt. „Es wird Sie interessieren, – sie war doch eine
Schülerin von Ihnen – nennen tut sie sich freilich jetzt anders!“
Unter diesem Bilde – o, sofort erkannte sie die so vertrauten, geliebten
Züge – auf der ersten Seite der in französischer Sprache geschriebenen
Zeitung stand zu lesen: „Wir bringen hier das Bild der mit so
beispiellosem Erfolge aufgetretenen siebzehnjährigen Tänzerin Sixta
Ferrari, deren Tanzschöpfungen ganz Paris in Atem halten. Wir fügen noch
hinzu, daß die schöne Künstlerin das Modell des im Louvre ausgestellten
letzten Werkes ‚Göttin der Lust‘ der Pseleuditi ist, für das diese den
Rompreis erhielt.“
Ganz langsam zerriß Fräulein Dr. Hanna Südekum die Zeitung in kleine
Stücke und warf sie in das Feuer.
Dann trat sie, wie in einem plötzlichen Einfall, vor den Spiegel und
betrachtete sich. Und traurig und glücklich zugleich lächelte sie ihrem
Spiegelbilde zu: „Ich bin ganz grau geworden – ganz grau.“
Sie setzte den Hut auf und trippelte langsam die Straße hinab, dem
großen, weißen Gebäude der Schule zu.
* * * * *
Als sie vor der Türe der ersten Klasse stand, blieb sie einen Augenblick
stehen und legte die Hand auf das stürmisch klopfende Herz. Aber dann
wurde sie ganz still und trat ein. Augenblicklich verstummte der frohe
Lärm, der den Raum erfüllt hatte.
„Grüß Gott, Kinder!“ sagte sie freundlich und stieg die Stufen hinauf zu
ihrem Pult.
Die Fenster standen offen. Man konnte durch sie hinaus auf den in allen
Farben des Herbstes prangenden Park sehen.
Die Lehrerin öffnete ihr Notizbuch, und ihr Blick flog fragend über die
Klasse.
„Ich werde euch jetzt der Reihe nach aufrufen und jede, die ich rufe,
wird hier! sagen. So werden wir uns kennenlernen. Ja!“