„O, Fräulein Dr. Südekum – ich glaube, daß es noch nie so schwer war,
daß Eltern und Kinder einander verstehen, wie heute. Sie dürfen nicht
vergessen, daß diese Jugend so voll wilder Auflehnung ist, weil sie
wirklich nichts, gar nichts mehr vorfand.“ Grete Erb ging neben der
Lehrerin durch die Straßen der Stadt und sprach eifrig auf sie ein.
„Das verstehe ich nicht,“ sagte Fräulein Dr. Hanna Südekum leise. „Ich
fürchte überhaupt, daß ich sehr alt werde und nicht mehr mitkann. Muß
die Jugend nicht auch heute wie früher auf den Schultern der Alten
stehen? Haben ihnen nicht Wissenschaft und Technik, die Forscher und die
großen Dichter ein Erbe zurückgelassen, das es zu verwalten gilt?“
„Ja, gewiß,“ sagte Grete Erb. „Aber es geht nicht allein um diese Dinge,
es geht um das Leben selbst. Und auch die Wissenschaft arbeitet vielfach
nach Methoden, die auch von der zum Sterben verurteilten bürgerlichen
Ideologie erfüllt sind.“
„Das sagst du, die an die Hochschule will?“ fragte Fräulein Dr. Südekum
verwundert.
„Vor allem muß ich dabei sein, wenn ich will, daß es anders wird,“
entgegnete Grete Erb und fuhr fort: „Die Technik hat das Leben bequem
gemacht, – für die, die Geld haben natürlich. Aber sonst, es gibt
nichts, woran man sich halten kann. Und dies gilt am stärksten für die
Mädchen der bürgerlichen Klasse, der wir angehören. Die Kleinbürger und
die Arbeiter sind schon viel weiter, – denen hat der Kampf um die
Existenz und die Not geholfen, ganz neue, ehrlichere und anständigere
Bedingungen auch für die Frauen zu erkämpfen. Wir aber, – uns sucht man
noch immer Gesetze einer längst vermoderten Zeit aufzuerlegen, man hält
uns unfrei und glaubt mit Gewalt eine sterbende Gesellschaftsmoral
aufrechterhalten zu können.“
„Grete, – Grete, ich bin ganz entsetzt über das, was du sagst! Und
gerade dich hielt ich immer für so klug und für gesetzter als die
andern.“
„Ich habe nur gründlich über das nachgedacht, was anders werden muß. Die
meisten lassen sich treiben, sie kämpfen einen heimlichen, erbitterten
Kampf gegen die Erwachsenen, einen Kampf voll Lüge und Betrug. Ich aber
will mir klar werden und daran arbeiten, daß es anders wird. Darum gehe
ich auf die Universität. Ich will Germanistik und Pädagogik studieren
und Lehrerin werden. Frau Doktor, ich will daran arbeiten, daß auch die
Mädchen unserer Klasse aus dem vergoldeten Käfig hinaus erzogen werden
für das Leben.“
„Tat man das bisher nicht?“
„Nein, man erzog sie nur für das Heiraten, nicht einmal für den Mann.
Aber Sie wissen es so gut wie ich: die wenigsten heiraten, und viele
brechen auch aus diesem Käfig aus, – weil eben auch die Ehe anders
werden muß.“
„Aber du bist ja eine Rebellin, Grete.“
„Wie jeder, der nicht lügen mag.“
„Aber höre einmal zu, Grete. Du hast doch so manches mit angesehen in
der Klasse. Du kennst doch alle Geschichten und hast wahrscheinlich auch
sonst deine Augen offengehalten. Du weißt auch, wie die Mädchen später
leben – nach der Schulzeit. Diese modernen Mädchen, sie machen Ausflüge
allein mit den Burschen, sie gehen allein auf Bälle, – ja, manche
besuchen Bars. Sie leben wie Kokotten, rauchen, schminken sich, tragen
schamlose Kleider. Und da willst du, daß sich die Eltern nicht wehren
gegen diese neue Art, die jedes Haus vergiftet?“
„Verzeihen Sie, Fräulein Doktor, aber Sie begehen den Fehler aller
Erwachsenen. Sie vergleichen die Sitten Ihrer Zeit mit denen der
unseren. Sie können nicht daran glauben, daß eine andere Zeit da ist.
Und vor allem überschätzen Sie Äußerlichkeiten.“
„Die immer der Ausdruck der inneren Vorgänge sind!“
„Nein, heute nicht, und gestern waren sie es ebensowenig. Ich bin doch
mit diesen Mädchen aufgewachsen, ich kann darüber erzählen. Dieselben
Mädchen, die unter den Augen der Eltern am konventionellen
Gesellschaftsabend freche Reden führen – immer nur aus Auflehnung und
Haß gegen den Zwang – sie, die ihre von den Eltern protegierten Verehrer
mit Reden von freier Liebe und dergleichen erschrecken, sie, die ihnen
langweilige Bewerber fragen, ob ihr Junggesellenheim auch ‚verrucht‘
eingerichtet sei, die sich beim Jazz unter den Augen entsetzter Tanten
so verderbt an ihren Tänzer schmiegen, daß diesen nur zu seufzen
übrigbleibt: ‚O, diese jungen Mädchen von heute!‘ – Fräulein Doktor,
dieselben jungen Mädchen lachen ihr keusches, helles Jungmädchenlachen,
wenn sie mit ihrer selbstgewählten Gesellschaft irgendwo draußen in
Schnee und Eis die den Eltern abgetrotzten Weekendtage verbringen. Kein
heißes Wort wagt sich zu ihnen, wenn sie im Alpenhotel dem Mann, den sie
wirklich gern haben, ‚Gute Nacht!‘ sagen, – obwohl sie keine Mutter
behütet. O, Frau Doktor, glauben Sie mir, die Mädel, die Zigaretten
rauchen und im Besuch einer Bar des Lebens höchsten Genuß sehen, küssen
ihren ersten Kuß ebenso rein und heilig wie ihre Urgroßmutter vor
hundert Jahren. Und – wenn man sie in Ruhe läßt – dann kommen sie von
einem mit hundert Schwindeleien erreichten Ausflug mit ihm, ja sogar von
dem heimlichen Besuch eines Nachtlokals, ebenso strahlend verlobt
zurück, wie die Mädchen früher in der guten Stube mit den
Spitzendeckchen neben ihrem Bewerber standen, blutübergossen, – wenn die
kluge Mama einmal einen Augenblick hinausgegangen war. Nur, daß diese
Mädchen ihren Partner selbst wählen, daß sie ihn kennen und nicht so
sinnlos unglücklich werden wie fast alle ihre Mütter.“
„Das will ich dir gern glauben,“ sagte Fräulein Dr. Hanna Südekum
nachdenklich. „Ich bin gewiß nicht so, daß ich in allem gleich das
Schlechteste sehe. Aber – du mußt doch zugeben – man erfährt von so
vielen Mädchen, die – nun, die gefallen sind.“
Grete Erb stutzte einen Augenblick und sah ratlos der Lehrerin in das
Gesicht. „Fräulein Dr. Südekum, – nun seien Sie mir nicht böse! Aber
wenn ein Wort aus dem Sprachschatz dieser Generation verschwinden muß,
so ist es das von den gefallenen Mädchen. Man ist nicht deshalb
gefallen, weil man heißeres Blut hat als andere und nicht daran denkt,
noch Mitte der Zwanzig zwar erwachsen und im Besitz aller
Staatsbürgerrechte, aber doch nur als halber Mensch herumzulaufen, –
denn das ist man doch, wenn man diese Seite des Lebens nicht kennt. Für
die eine kommt die Stunde früher, für die andere später, in der sie sich
entscheiden muß, ob sie ein lächerliches Zölibat nur wegen der Ideale
der Eltern oder wegen eines sagenhaften zukünftigen Bräutigams
aufrechterhalten will.“
„Und früher, – war es nicht früher so, daß die Mädchen rein und
unberührt in die Ehe traten? Ich erinnere mich zu meiner Zeit ...“
„Ich weiß nicht, ob man damals die Vorschriften der Moral mehr hielt als
heute, – jedenfalls hatten sie damals mehr Sinn. Damals waren sie noch
durch das religiöse Empfinden, durch die innere Überzeugung der Eltern
gestützt, nicht wie heute nur von Berechnung und Konvention diktiert.
Aber, Frau Doktor: Sie sollten wirklich nicht gehört haben, daß sich
auch damals in der so gelobten guten, alten Zeit manches junge Ding an
sein heißes Blut gab? Das war immer schon so. Die Gretchentragödie
ereignete sich schließlich zu einer Zeit, als es noch keine Jazzband,
kein kurzgeschnittenes Haar, rauchende Damen und junge Mädchen in
Nachtlokalen gab. Nur, daß es heute keine Tragödie mehr ist, wenn man
sich auch ohne Ring einem Manne schenkt. Damals führte dies, wenn man
sehr viel Glück hatte, zur Ehe, aber wenn nicht, in die tiefste Schande.
Es ließe sich darüber nachdenken, ob nicht die größere Schande war, aus
Barmherzigkeit geheiratet zu werden. Heute darf die erste Liebe Irrtum
sein, Irrtum, den ein junges Herz, ein junger Körper verwindet und
vergißt.“
„Es ist vieles so richtig, was du sagst, Grete, aber es erschreckt mich
doch. Sage nur, wie du zu diesen Gedanken kommst? Oder hast du –
verzeih, – ich meine, – du bist ja nicht mehr in der Schule, – lebst du
selbst nach – nach diesen Ideen?“
Lächelnd schüttelte das junge Mädchen den Kopf. „Meine Eltern geben mir
vollkommene Freiheit, und dadurch blieben mir viele Versuchungen
erspart.“
„Wieso, – wenn man mehr Freiheit hat, gibt es doch mehr Versuchungen?“
„Umgekehrt, Frau Doktor! Meine Eltern haben mich sehr ernst erzogen,
aber sie vertrauen mir ganz. Ich werde jetzt studieren. Und wenn mir ein
Mann begegnen sollte, den ich lieb habe, – aber ich bin sehr schwer, ich
brenne nicht so leicht. Mich zu verheiraten wie die andern, nur um
versorgt zu sein, habe ich nicht notwendig, – ich werde mir selbst mein
Brot verdienen. Aber ich denke wohl, wenn mir dann einer begegnet, und
wenn wir uns liebhaben, wie ich es mir vorstelle, – dann werden wir wohl
immer zusammen sein wollen, – dann werden wir heiraten. War es aber ein
Irrtum – ich habe doch meinen Beruf – ich bin doch nicht nur Frau, –
dann werde ich mich eben in meine Arbeit finden müssen und nicht
heiraten.“
„Und warum glaubst du, daß es für die andern so viel schwerer ist, – ich
meine, zu warten, – den Versuchungen zu widerstehen?“
„Weil sie nicht frei sind, Frau Doktor, weil sie Tollheiten begehen aus
Auflehnung, aus Trotz, Dinge, die sie sonst nie täten, dürften sie frei
über sich bestimmen. Und weil sie verzweifelt sind. Weil sie genau
wissen, daß sie den ersten besten, einen Ungeliebten, heiraten werden,
nur um von daheim loszukommen. Und da wollen sie noch vorher ein
Zipfelchen vom Leben erwischen.“
„Ich danke dir, Grete,“ sagte das kleine Fräulein und blieb
abschiednehmend stehen. – „Vieles von dem, was du mir sagtest, war mir
neu und hat mich sehr interessiert. Nur, – auch du sprichst aus Theorien
heraus.“
„Aber sie sind richtig!“ antwortete Grete Erb leidenschaftlich.
„Alle Theorien sind richtig,“ sagte Fräulein Dr. Südekum, und dann
setzte sie mit einem feinen, traurigen Lächeln hinzu: „Nur, – das Leben
kümmert sich nicht darum.“
Fräulein Dr. Südekum ging weiter, den steilen Weg hinauf gegen das
Cottage, wo das Spital Dr. Klempners lag. Sie hatte heute von ihm einen
Brief gefunden, worin er sie bat, ihn nachmittag zu besuchen. „Meine
kleine Martha ist so verändert seit einiger Zeit. Nun sagte sie mir, daß
sie mit mir über etwas sprechen wolle. Und sie fügte den seltsamen
Wunsch hinzu, Sie möchten bei diesem Gespräch zugegen sein. Sie hätte
Sie bei der Maturafeier wiedergesehen. Sie seien so gut zu ihr gewesen,
– und, kurzum, ich bitte Sie, zu kommen.“
Die kleine Martha! Wieder sah das kleine Fräulein die großen, traurigen
Kinderaugen vor sich. Wie seltsam dieses Geschöpf war! Das zarte
Körperchen ließ kaum die Fünfzehnjährige ahnen – aber das Gesicht war
oft von einer uralten Traurigkeit überschattet wie das einer wissenden
Frau.
Der Doktor führte sie in seiner gemütlich polternden Art in das
Wohnzimmer. Martha saß am Fenster, die Hände im Schoß gefaltet und
rührte sich nicht, als die Lehrerin nähertrat. Nur ihre großen Augen
hielt sie unverwandt auf sie gerichtet.
„Ich habe meinem Vater etwas sehr Ernstes zu sagen, – ihn um etwas zu
bitten, – aber, – weil meine Mutter tot ist – und, – ich wollte, daß Sie
kamen, – ich danke Ihnen so sehr.“
„Ja, – was ist denn los?“ rief Dr. Klempner, plötzlich sehr erschreckt,
und stellte sich breitbeinig vor seiner Tochter auf.
Fräulein Dr. Südekum fühlte, wie ihr das Herz bis zum Halse hinauf
schlug. Mit leisen Schritten trat sie auf das Kind zu, rückte einen
Sessel heran und setzte sich ihr gegenüber, während sie seine zuckenden
Hände in die ihren nahm.
Die kleine Martha barg ihre Hände tief in die sie umschließenden des
kleinen Fräuleins, dann richtete sie ihre Blicke fest auf ihren Vater,
der unsicher, sein kleines Bärtchen zausend, vor ihr stand: „Ich bin
schwanger, Vater.“
„Was?“ Wie ein wildes Tier sprang er vor, und das kleine Fräulein beugte
sich zitternd über Martha, als wollte sie sie vor Schlägen beschützen.
Aber Dr. Klempner wich zurück bis an die Wand und stammelte mit blassen
Lippen: „Das, – das kann doch nicht wahr sein?“
Als die Kleine aber nur totenblaß und schweigend nickte, da brach er
los. Wie Hagel brachen seine Verwünschungen nieder. Dann begann er zu
lachen: „Natürlich, bei der Mutter, – es war ja nicht anders zu erwarten
– da war alle Erziehung umsonst!“
„Schweigen Sie!“ rief das kleine Fräulein und stellte sich kampfbereit
vor dem Arzt auf. „Nehmen Sie dem Kinde nicht seine Mutter!“
„Aber, – die beiden gehören ja jetzt zusammen,“ rief er hohnvoll
lachend. „Ja, sie soll es nur wissen, daß ihre Mutter den Vater betrogen
hat – mit einem blutjungen Assistenten hier im Spital, – der besser zu
lachen verstand als ich, der ein junges Gesicht hatte. Und das, obwohl
ich ihr alles an Liebe gab, was ich besaß. Jawohl. – Heraus mit der
Sprache, wer ist der Bursche!“
„Das ist hier ganz gleichgültig,“ entgegnete das junge Mädchen so fest,
daß der Arzt und das kleine Fräulein es ganz betroffen ansahen. „Ihn
trifft keine Schuld – er hat mich nicht verführt. Um das handelt es sich
hier auch gar nicht.“
„Und dazu habe ich dieses Kind wie einen Augapfel behütet vor jedem
wärmeren Wort, das sie erwecken könnte,“ sagte er leise. „Deshalb habe
ich mir alles versagt, was in mir an Zärtlichkeit aufgespeichert war,
damit sie hart würde, damit sie auf die sogenannte Liebe pfeife! Und nun
–“
Er trat ganz nahe an Martha heran und hob die Hand, als wolle er sie
schlagen – aber dann sank seine Hand kraftlos herab und blieb wie
vergessen auf dem Kopf des kleinen Mädchens liegen. Dieses rührte sich
nicht. Es sprach nicht. Aber langsam, ganz langsam löste sich das Starke
in seinem Gesicht, und Tränen begannen zu fließen, – o, nicht so wie
Menschen sonst weinen, – nur einige Tränen und jede groß und schwer.
„Martha,“ flüsterte Dr. Klempner, „habe ich dich erschreckt mit meinem
Zorn? – Es – es kam nur so unerwartet. Wir wollen nun beraten, was
geschehen soll. Ich bin doch dein Vater, Kind. Ich bin da – und Fräulein
Dr. Südekum ist da, die dich lieb hat.“
„Vater,“ sagte eine ganz ferne, uralte Stimme, „Vater, bitte, nimm deine
Hand von meinem Kopf weg, – bitte!“
„Ja, – ist sie dir zu schwer?“
„Viel zu schwer!“ – Wieder rollte eine schwere Träne über das blasse
Gesicht.
„Wir werden fortreisen, Martha, ja? Ja, so wird es am besten sein! Mein
Gott – so ein Kind – und das! Nein, es ist nicht zu verstehen!“
Aufstöhnend vergrub er seinen Kopf zwischen den Händen.
Als er wieder aufsah, war das kleine, schmale Gesicht Marthas wieder
ganz ruhig, unheimlich ruhig, und die Augen tränenleer. Die Stimme aber
– wie diese Stimme plötzlich hart und fremd klang! – sagte: „Vater, –
ich kam nicht nur, um dir dies zu sagen, – ich habe eine Bitte. Ich
will, daß du mir das Kind nimmst – ich will es nicht zur Welt bringen!“
„Was sagst du da? Das ist ja Unsinn. Fürchtest dich wohl vor der
Schande, wie? Du solltest dich aber nicht fürchten, Kind. Es wird alles
gut werden! Wir fahren ins Ausland, du kannst dann dort bleiben –
niemand weiß, wer du bist. Ich werde meine Stellung aufgeben, – wir
könnten in die Schweiz gehen ...“
„Nein, Vater, – ich fürchte nicht die Schande. Aber ich will, daß du mir
das Kind nimmst.“
„Aber,“ – Fräulein Dr. Südekum sah ganz entsetzt auf Martha. „Dein Vater
ist doch so gut, – warum, es ist keine Schande, ein Kind zu bekommen –
auch wenn man nicht verheiratet ist ...“
Die kleine Martha heftete ihre großen dunklen Augen auf das kleine
Fräulein: „Vor Ihnen wollte ich den Grund sagen, weil Vater so anders
ist, weil er es vielleicht nicht versteht. Es ist vielleicht keine
Schande, als Ledige ein Kind zu bekommen, es ist aber überhaupt eine
Schande, ein Kind in die Welt zu setzen, wenn man so viel weiß wie ich.
Nein, sprecht nicht, ich habe zu viel gesehen. Es ist alles so häßlich
und gemein, was man aus dem Leben gemacht hat. So kalt und gemein. – Was
sollte mein Kind hier?“
Mit beiden Händen umfaßte das kleine Fräulein Martha: „Aber Martha, wie
darfst du solche Dinge denken, – das darf man nicht, das ist Sünde! Dein
Kindchen wird leben, und es wird froh sein, wie es alle guten Menschen
sind.“
Ehe Martha etwas entgegnen konnte, fragte plötzlich eine gepreßte
Männerstimme:
„So warst du nie froh, Martha?“
Das kleine Mädchen schüttelte den Kopf: „Niemals, Vater. Vielleicht
damals, als ich noch nicht sehen und noch nicht verstehen konnte. Aber
je größer ich wurde, desto schrecklicher wurde es. Niemand hat den
andern gern. Sie würden sich auffressen, wenn sie könnten ...“
„Um Gottes willen, schweig!“ rief gemartert durch die kalte, harte
Kinderstimme die Lehrerin.
Aber die Stimme fuhr unerbittlich fort: „Sie sterben wie die Tiere – ich
weiß es – nur nicht in der Barmherzigkeit des Alleinseins. Ich habe doch
hier gelernt, ich habe doch alles gesehen. Niemand hat mit dem anderen
Mitleid. Niemand. Wenn einer stirbt – dann weinen sie – aus Angst, es
könnte ihnen das gleiche geschehen. Nein, nein, mein Kind darf nicht in
diese Welt, zwischen diese kalten, gemeinen Menschen, – nein, – nein!“
Und wieder begannen langsam und schwer die Tränen zu fließen.
Dr. Klempner trat auf seine Tochter zu und hob sie auf. Seine Stimme
klang heiser wie von unterdrückten Tränen, als er zu der kleinen
Lehrerin sagte: „Kommen Sie – wir legen sie ins Bett. Sie fiebert ja.
Ja, komm, Marthele, mein armes Kleines, – komm, wir legen dich ins Bett!
Ich bleibe dann noch neben dir, bis du einschläfst.“
Da barg die kleine Martha ihren Kopf an der Brust des Vaters, während er
sie hinübertrug, und sagte plötzlich: „Bitte, bitte, Vater, – schlag
mich, – schrei mit mir, – mache, was du willst, – nur versprich mir, daß
du mir nie mehr so übers Haar streichst – nie mehr so sprichst – hörst
du – nie mehr! – Es wäre doch alles, alles nicht geschehen, wenn du
früher, – wenn du immer ...“ Dann versank alles in einem wilden
Schluchzen.
Dann sah das kleine Fräulein, daß Dr. Klempner neben dem Bette seines
Töchterchens sich zusammenkauerte und das Kind mit beiden Armen umfing.
Und sie hörte und sah, daß ihn ein Schluchzen schüttelte, – sie sah, daß
er weinte.
Da ging sie leise hinaus aus dem Zimmer.