Neunzehntes Kapitel

„O, Fräulein Dr. Südekum – ich glaube, daß es noch nie so schwer war,

daß Eltern und Kinder einander verstehen, wie heute. Sie dürfen nicht

vergessen, daß diese Jugend so voll wilder Auflehnung ist, weil sie

wirklich nichts, gar nichts mehr vorfand.“ Grete Erb ging neben der

Lehrerin durch die Straßen der Stadt und sprach eifrig auf sie ein.

„Das verstehe ich nicht,“ sagte Fräulein Dr. Hanna Südekum leise. „Ich

fürchte überhaupt, daß ich sehr alt werde und nicht mehr mitkann. Muß

die Jugend nicht auch heute wie früher auf den Schultern der Alten

stehen? Haben ihnen nicht Wissenschaft und Technik, die Forscher und die

großen Dichter ein Erbe zurückgelassen, das es zu verwalten gilt?“

„Ja, gewiß,“ sagte Grete Erb. „Aber es geht nicht allein um diese Dinge,

es geht um das Leben selbst. Und auch die Wissenschaft arbeitet vielfach

nach Methoden, die auch von der zum Sterben verurteilten bürgerlichen

Ideologie erfüllt sind.“

„Das sagst du, die an die Hochschule will?“ fragte Fräulein Dr. Südekum

verwundert.

„Vor allem muß ich dabei sein, wenn ich will, daß es anders wird,“

entgegnete Grete Erb und fuhr fort: „Die Technik hat das Leben bequem

gemacht, – für die, die Geld haben natürlich. Aber sonst, es gibt

nichts, woran man sich halten kann. Und dies gilt am stärksten für die

Mädchen der bürgerlichen Klasse, der wir angehören. Die Kleinbürger und

die Arbeiter sind schon viel weiter, – denen hat der Kampf um die

Existenz und die Not geholfen, ganz neue, ehrlichere und anständigere

Bedingungen auch für die Frauen zu erkämpfen. Wir aber, – uns sucht man

noch immer Gesetze einer längst vermoderten Zeit aufzuerlegen, man hält

uns unfrei und glaubt mit Gewalt eine sterbende Gesellschaftsmoral

aufrechterhalten zu können.“

„Grete, – Grete, ich bin ganz entsetzt über das, was du sagst! Und

gerade dich hielt ich immer für so klug und für gesetzter als die

andern.“

„Ich habe nur gründlich über das nachgedacht, was anders werden muß. Die

meisten lassen sich treiben, sie kämpfen einen heimlichen, erbitterten

Kampf gegen die Erwachsenen, einen Kampf voll Lüge und Betrug. Ich aber

will mir klar werden und daran arbeiten, daß es anders wird. Darum gehe

ich auf die Universität. Ich will Germanistik und Pädagogik studieren

und Lehrerin werden. Frau Doktor, ich will daran arbeiten, daß auch die

Mädchen unserer Klasse aus dem vergoldeten Käfig hinaus erzogen werden

für das Leben.“

„Tat man das bisher nicht?“

„Nein, man erzog sie nur für das Heiraten, nicht einmal für den Mann.

Aber Sie wissen es so gut wie ich: die wenigsten heiraten, und viele

brechen auch aus diesem Käfig aus, – weil eben auch die Ehe anders

werden muß.“

„Aber du bist ja eine Rebellin, Grete.“

„Wie jeder, der nicht lügen mag.“

„Aber höre einmal zu, Grete. Du hast doch so manches mit angesehen in

der Klasse. Du kennst doch alle Geschichten und hast wahrscheinlich auch

sonst deine Augen offengehalten. Du weißt auch, wie die Mädchen später

leben – nach der Schulzeit. Diese modernen Mädchen, sie machen Ausflüge

allein mit den Burschen, sie gehen allein auf Bälle, – ja, manche

besuchen Bars. Sie leben wie Kokotten, rauchen, schminken sich, tragen

schamlose Kleider. Und da willst du, daß sich die Eltern nicht wehren

gegen diese neue Art, die jedes Haus vergiftet?“

„Verzeihen Sie, Fräulein Doktor, aber Sie begehen den Fehler aller

Erwachsenen. Sie vergleichen die Sitten Ihrer Zeit mit denen der

unseren. Sie können nicht daran glauben, daß eine andere Zeit da ist.

Und vor allem überschätzen Sie Äußerlichkeiten.“

„Die immer der Ausdruck der inneren Vorgänge sind!“

„Nein, heute nicht, und gestern waren sie es ebensowenig. Ich bin doch

mit diesen Mädchen aufgewachsen, ich kann darüber erzählen. Dieselben

Mädchen, die unter den Augen der Eltern am konventionellen

Gesellschaftsabend freche Reden führen – immer nur aus Auflehnung und

Haß gegen den Zwang – sie, die ihre von den Eltern protegierten Verehrer

mit Reden von freier Liebe und dergleichen erschrecken, sie, die ihnen

langweilige Bewerber fragen, ob ihr Junggesellenheim auch ‚verrucht‘

eingerichtet sei, die sich beim Jazz unter den Augen entsetzter Tanten

so verderbt an ihren Tänzer schmiegen, daß diesen nur zu seufzen

übrigbleibt: ‚O, diese jungen Mädchen von heute!‘ – Fräulein Doktor,

dieselben jungen Mädchen lachen ihr keusches, helles Jungmädchenlachen,

wenn sie mit ihrer selbstgewählten Gesellschaft irgendwo draußen in

Schnee und Eis die den Eltern abgetrotzten Weekendtage verbringen. Kein

heißes Wort wagt sich zu ihnen, wenn sie im Alpenhotel dem Mann, den sie

wirklich gern haben, ‚Gute Nacht!‘ sagen, – obwohl sie keine Mutter

behütet. O, Frau Doktor, glauben Sie mir, die Mädel, die Zigaretten

rauchen und im Besuch einer Bar des Lebens höchsten Genuß sehen, küssen

ihren ersten Kuß ebenso rein und heilig wie ihre Urgroßmutter vor

hundert Jahren. Und – wenn man sie in Ruhe läßt – dann kommen sie von

einem mit hundert Schwindeleien erreichten Ausflug mit ihm, ja sogar von

dem heimlichen Besuch eines Nachtlokals, ebenso strahlend verlobt

zurück, wie die Mädchen früher in der guten Stube mit den

Spitzendeckchen neben ihrem Bewerber standen, blutübergossen, – wenn die

kluge Mama einmal einen Augenblick hinausgegangen war. Nur, daß diese

Mädchen ihren Partner selbst wählen, daß sie ihn kennen und nicht so

sinnlos unglücklich werden wie fast alle ihre Mütter.“

„Das will ich dir gern glauben,“ sagte Fräulein Dr. Hanna Südekum

nachdenklich. „Ich bin gewiß nicht so, daß ich in allem gleich das

Schlechteste sehe. Aber – du mußt doch zugeben – man erfährt von so

vielen Mädchen, die – nun, die gefallen sind.“

Grete Erb stutzte einen Augenblick und sah ratlos der Lehrerin in das

Gesicht. „Fräulein Dr. Südekum, – nun seien Sie mir nicht böse! Aber

wenn ein Wort aus dem Sprachschatz dieser Generation verschwinden muß,

so ist es das von den gefallenen Mädchen. Man ist nicht deshalb

gefallen, weil man heißeres Blut hat als andere und nicht daran denkt,

noch Mitte der Zwanzig zwar erwachsen und im Besitz aller

Staatsbürgerrechte, aber doch nur als halber Mensch herumzulaufen, –

denn das ist man doch, wenn man diese Seite des Lebens nicht kennt. Für

die eine kommt die Stunde früher, für die andere später, in der sie sich

entscheiden muß, ob sie ein lächerliches Zölibat nur wegen der Ideale

der Eltern oder wegen eines sagenhaften zukünftigen Bräutigams

aufrechterhalten will.“

„Und früher, – war es nicht früher so, daß die Mädchen rein und

unberührt in die Ehe traten? Ich erinnere mich zu meiner Zeit ...“

„Ich weiß nicht, ob man damals die Vorschriften der Moral mehr hielt als

heute, – jedenfalls hatten sie damals mehr Sinn. Damals waren sie noch

durch das religiöse Empfinden, durch die innere Überzeugung der Eltern

gestützt, nicht wie heute nur von Berechnung und Konvention diktiert.

Aber, Frau Doktor: Sie sollten wirklich nicht gehört haben, daß sich

auch damals in der so gelobten guten, alten Zeit manches junge Ding an

sein heißes Blut gab? Das war immer schon so. Die Gretchentragödie

ereignete sich schließlich zu einer Zeit, als es noch keine Jazzband,

kein kurzgeschnittenes Haar, rauchende Damen und junge Mädchen in

Nachtlokalen gab. Nur, daß es heute keine Tragödie mehr ist, wenn man

sich auch ohne Ring einem Manne schenkt. Damals führte dies, wenn man

sehr viel Glück hatte, zur Ehe, aber wenn nicht, in die tiefste Schande.

Es ließe sich darüber nachdenken, ob nicht die größere Schande war, aus

Barmherzigkeit geheiratet zu werden. Heute darf die erste Liebe Irrtum

sein, Irrtum, den ein junges Herz, ein junger Körper verwindet und

vergißt.“

„Es ist vieles so richtig, was du sagst, Grete, aber es erschreckt mich

doch. Sage nur, wie du zu diesen Gedanken kommst? Oder hast du –

verzeih, – ich meine, – du bist ja nicht mehr in der Schule, – lebst du

selbst nach – nach diesen Ideen?“

Lächelnd schüttelte das junge Mädchen den Kopf. „Meine Eltern geben mir

vollkommene Freiheit, und dadurch blieben mir viele Versuchungen

erspart.“

„Wieso, – wenn man mehr Freiheit hat, gibt es doch mehr Versuchungen?“

„Umgekehrt, Frau Doktor! Meine Eltern haben mich sehr ernst erzogen,

aber sie vertrauen mir ganz. Ich werde jetzt studieren. Und wenn mir ein

Mann begegnen sollte, den ich lieb habe, – aber ich bin sehr schwer, ich

brenne nicht so leicht. Mich zu verheiraten wie die andern, nur um

versorgt zu sein, habe ich nicht notwendig, – ich werde mir selbst mein

Brot verdienen. Aber ich denke wohl, wenn mir dann einer begegnet, und

wenn wir uns liebhaben, wie ich es mir vorstelle, – dann werden wir wohl

immer zusammen sein wollen, – dann werden wir heiraten. War es aber ein

Irrtum – ich habe doch meinen Beruf – ich bin doch nicht nur Frau, –

dann werde ich mich eben in meine Arbeit finden müssen und nicht

heiraten.“

„Und warum glaubst du, daß es für die andern so viel schwerer ist, – ich

meine, zu warten, – den Versuchungen zu widerstehen?“

„Weil sie nicht frei sind, Frau Doktor, weil sie Tollheiten begehen aus

Auflehnung, aus Trotz, Dinge, die sie sonst nie täten, dürften sie frei

über sich bestimmen. Und weil sie verzweifelt sind. Weil sie genau

wissen, daß sie den ersten besten, einen Ungeliebten, heiraten werden,

nur um von daheim loszukommen. Und da wollen sie noch vorher ein

Zipfelchen vom Leben erwischen.“

„Ich danke dir, Grete,“ sagte das kleine Fräulein und blieb

abschiednehmend stehen. – „Vieles von dem, was du mir sagtest, war mir

neu und hat mich sehr interessiert. Nur, – auch du sprichst aus Theorien

heraus.“

„Aber sie sind richtig!“ antwortete Grete Erb leidenschaftlich.

„Alle Theorien sind richtig,“ sagte Fräulein Dr. Südekum, und dann

setzte sie mit einem feinen, traurigen Lächeln hinzu: „Nur, – das Leben

kümmert sich nicht darum.“

Fräulein Dr. Südekum ging weiter, den steilen Weg hinauf gegen das

Cottage, wo das Spital Dr. Klempners lag. Sie hatte heute von ihm einen

Brief gefunden, worin er sie bat, ihn nachmittag zu besuchen. „Meine

kleine Martha ist so verändert seit einiger Zeit. Nun sagte sie mir, daß

sie mit mir über etwas sprechen wolle. Und sie fügte den seltsamen

Wunsch hinzu, Sie möchten bei diesem Gespräch zugegen sein. Sie hätte

Sie bei der Maturafeier wiedergesehen. Sie seien so gut zu ihr gewesen,

– und, kurzum, ich bitte Sie, zu kommen.“

Die kleine Martha! Wieder sah das kleine Fräulein die großen, traurigen

Kinderaugen vor sich. Wie seltsam dieses Geschöpf war! Das zarte

Körperchen ließ kaum die Fünfzehnjährige ahnen – aber das Gesicht war

oft von einer uralten Traurigkeit überschattet wie das einer wissenden

Frau.

Der Doktor führte sie in seiner gemütlich polternden Art in das

Wohnzimmer. Martha saß am Fenster, die Hände im Schoß gefaltet und

rührte sich nicht, als die Lehrerin nähertrat. Nur ihre großen Augen

hielt sie unverwandt auf sie gerichtet.

„Ich habe meinem Vater etwas sehr Ernstes zu sagen, – ihn um etwas zu

bitten, – aber, – weil meine Mutter tot ist – und, – ich wollte, daß Sie

kamen, – ich danke Ihnen so sehr.“

„Ja, – was ist denn los?“ rief Dr. Klempner, plötzlich sehr erschreckt,

und stellte sich breitbeinig vor seiner Tochter auf.

Fräulein Dr. Südekum fühlte, wie ihr das Herz bis zum Halse hinauf

schlug. Mit leisen Schritten trat sie auf das Kind zu, rückte einen

Sessel heran und setzte sich ihr gegenüber, während sie seine zuckenden

Hände in die ihren nahm.

Die kleine Martha barg ihre Hände tief in die sie umschließenden des

kleinen Fräuleins, dann richtete sie ihre Blicke fest auf ihren Vater,

der unsicher, sein kleines Bärtchen zausend, vor ihr stand: „Ich bin

schwanger, Vater.“

„Was?“ Wie ein wildes Tier sprang er vor, und das kleine Fräulein beugte

sich zitternd über Martha, als wollte sie sie vor Schlägen beschützen.

Aber Dr. Klempner wich zurück bis an die Wand und stammelte mit blassen

Lippen: „Das, – das kann doch nicht wahr sein?“

Als die Kleine aber nur totenblaß und schweigend nickte, da brach er

los. Wie Hagel brachen seine Verwünschungen nieder. Dann begann er zu

lachen: „Natürlich, bei der Mutter, – es war ja nicht anders zu erwarten

– da war alle Erziehung umsonst!“

„Schweigen Sie!“ rief das kleine Fräulein und stellte sich kampfbereit

vor dem Arzt auf. „Nehmen Sie dem Kinde nicht seine Mutter!“

„Aber, – die beiden gehören ja jetzt zusammen,“ rief er hohnvoll

lachend. „Ja, sie soll es nur wissen, daß ihre Mutter den Vater betrogen

hat – mit einem blutjungen Assistenten hier im Spital, – der besser zu

lachen verstand als ich, der ein junges Gesicht hatte. Und das, obwohl

ich ihr alles an Liebe gab, was ich besaß. Jawohl. – Heraus mit der

Sprache, wer ist der Bursche!“

„Das ist hier ganz gleichgültig,“ entgegnete das junge Mädchen so fest,

daß der Arzt und das kleine Fräulein es ganz betroffen ansahen. „Ihn

trifft keine Schuld – er hat mich nicht verführt. Um das handelt es sich

hier auch gar nicht.“

„Und dazu habe ich dieses Kind wie einen Augapfel behütet vor jedem

wärmeren Wort, das sie erwecken könnte,“ sagte er leise. „Deshalb habe

ich mir alles versagt, was in mir an Zärtlichkeit aufgespeichert war,

damit sie hart würde, damit sie auf die sogenannte Liebe pfeife! Und nun

–“

Er trat ganz nahe an Martha heran und hob die Hand, als wolle er sie

schlagen – aber dann sank seine Hand kraftlos herab und blieb wie

vergessen auf dem Kopf des kleinen Mädchens liegen. Dieses rührte sich

nicht. Es sprach nicht. Aber langsam, ganz langsam löste sich das Starke

in seinem Gesicht, und Tränen begannen zu fließen, – o, nicht so wie

Menschen sonst weinen, – nur einige Tränen und jede groß und schwer.

„Martha,“ flüsterte Dr. Klempner, „habe ich dich erschreckt mit meinem

Zorn? – Es – es kam nur so unerwartet. Wir wollen nun beraten, was

geschehen soll. Ich bin doch dein Vater, Kind. Ich bin da – und Fräulein

Dr. Südekum ist da, die dich lieb hat.“

„Vater,“ sagte eine ganz ferne, uralte Stimme, „Vater, bitte, nimm deine

Hand von meinem Kopf weg, – bitte!“

„Ja, – ist sie dir zu schwer?“

„Viel zu schwer!“ – Wieder rollte eine schwere Träne über das blasse

Gesicht.

„Wir werden fortreisen, Martha, ja? Ja, so wird es am besten sein! Mein

Gott – so ein Kind – und das! Nein, es ist nicht zu verstehen!“

Aufstöhnend vergrub er seinen Kopf zwischen den Händen.

Als er wieder aufsah, war das kleine, schmale Gesicht Marthas wieder

ganz ruhig, unheimlich ruhig, und die Augen tränenleer. Die Stimme aber

– wie diese Stimme plötzlich hart und fremd klang! – sagte: „Vater, –

ich kam nicht nur, um dir dies zu sagen, – ich habe eine Bitte. Ich

will, daß du mir das Kind nimmst – ich will es nicht zur Welt bringen!“

„Was sagst du da? Das ist ja Unsinn. Fürchtest dich wohl vor der

Schande, wie? Du solltest dich aber nicht fürchten, Kind. Es wird alles

gut werden! Wir fahren ins Ausland, du kannst dann dort bleiben –

niemand weiß, wer du bist. Ich werde meine Stellung aufgeben, – wir

könnten in die Schweiz gehen ...“

„Nein, Vater, – ich fürchte nicht die Schande. Aber ich will, daß du mir

das Kind nimmst.“

„Aber,“ – Fräulein Dr. Südekum sah ganz entsetzt auf Martha. „Dein Vater

ist doch so gut, – warum, es ist keine Schande, ein Kind zu bekommen –

auch wenn man nicht verheiratet ist ...“

Die kleine Martha heftete ihre großen dunklen Augen auf das kleine

Fräulein: „Vor Ihnen wollte ich den Grund sagen, weil Vater so anders

ist, weil er es vielleicht nicht versteht. Es ist vielleicht keine

Schande, als Ledige ein Kind zu bekommen, es ist aber überhaupt eine

Schande, ein Kind in die Welt zu setzen, wenn man so viel weiß wie ich.

Nein, sprecht nicht, ich habe zu viel gesehen. Es ist alles so häßlich

und gemein, was man aus dem Leben gemacht hat. So kalt und gemein. – Was

sollte mein Kind hier?“

Mit beiden Händen umfaßte das kleine Fräulein Martha: „Aber Martha, wie

darfst du solche Dinge denken, – das darf man nicht, das ist Sünde! Dein

Kindchen wird leben, und es wird froh sein, wie es alle guten Menschen

sind.“

Ehe Martha etwas entgegnen konnte, fragte plötzlich eine gepreßte

Männerstimme:

„So warst du nie froh, Martha?“

Das kleine Mädchen schüttelte den Kopf: „Niemals, Vater. Vielleicht

damals, als ich noch nicht sehen und noch nicht verstehen konnte. Aber

je größer ich wurde, desto schrecklicher wurde es. Niemand hat den

andern gern. Sie würden sich auffressen, wenn sie könnten ...“

„Um Gottes willen, schweig!“ rief gemartert durch die kalte, harte

Kinderstimme die Lehrerin.

Aber die Stimme fuhr unerbittlich fort: „Sie sterben wie die Tiere – ich

weiß es – nur nicht in der Barmherzigkeit des Alleinseins. Ich habe doch

hier gelernt, ich habe doch alles gesehen. Niemand hat mit dem anderen

Mitleid. Niemand. Wenn einer stirbt – dann weinen sie – aus Angst, es

könnte ihnen das gleiche geschehen. Nein, nein, mein Kind darf nicht in

diese Welt, zwischen diese kalten, gemeinen Menschen, – nein, – nein!“

Und wieder begannen langsam und schwer die Tränen zu fließen.

Dr. Klempner trat auf seine Tochter zu und hob sie auf. Seine Stimme

klang heiser wie von unterdrückten Tränen, als er zu der kleinen

Lehrerin sagte: „Kommen Sie – wir legen sie ins Bett. Sie fiebert ja.

Ja, komm, Marthele, mein armes Kleines, – komm, wir legen dich ins Bett!

Ich bleibe dann noch neben dir, bis du einschläfst.“

Da barg die kleine Martha ihren Kopf an der Brust des Vaters, während er

sie hinübertrug, und sagte plötzlich: „Bitte, bitte, Vater, – schlag

mich, – schrei mit mir, – mache, was du willst, – nur versprich mir, daß

du mir nie mehr so übers Haar streichst – nie mehr so sprichst – hörst

du – nie mehr! – Es wäre doch alles, alles nicht geschehen, wenn du

früher, – wenn du immer ...“ Dann versank alles in einem wilden

Schluchzen.

Dann sah das kleine Fräulein, daß Dr. Klempner neben dem Bette seines

Töchterchens sich zusammenkauerte und das Kind mit beiden Armen umfing.

Und sie hörte und sah, daß ihn ein Schluchzen schüttelte, – sie sah, daß

er weinte.

Da ging sie leise hinaus aus dem Zimmer.

Der wilde Garten · 第 26 / 34 题