„So weit ist die Welt, – ich weiß gar nicht mehr, wo mein sogenanntes
Daheim liegt,“ sagte Gert und dehnte den jungen nackten Körper in der
Sonne. „Ich habe alles vergessen.“
Gequält sah Alexandra vor sich hin.
„Ich habe Angst,“ sagte sie leise.
„Ja, – du auch?“ Erblaßt sahen sie einander an. „Ja, – dann weißt du
auch, daß es immer schwerer wird, – daß da etwas ist, was einen zwingt?“
„Gehen wir,“ bat Alexandra. Schweigend gingen sie nebeneinander durch
den Wald. Durch die Eukalyptusbäume sanken tanzende Lichter auf ihre
Körper, die sich nackt und frei nach den harten Umarmungen des Meeres
dehnten.
Sie darf mich nicht lieben! dachte Alexandra angstvoll und gequält.
Nein, alles muß ein Spiel bleiben für sie, ein seliges, heidnisches,
schmerzloses Spiel. Solange bin ich die Stärkere. Denn immer war es so,
daß ich es war, die stärker liebte, die den anderen Menschen nur aus
Anlaß für ein großes, brennendes Gefühl nahm. Da blieb ich mein eigen,
da blieb ich allein in meiner Liebe, da gab ich die Lust, die sie
wollten, und nahm nur geizig und klug, was mich nicht allzusehr
verwirren konnte. Und wie lächelte ich, eingehüllt in einen Mantel
meines großen Gefühls, wenn sie spielten nach Menschenart, wenn sie nur
das liebten an mir, was sie sahen, was ihre Sinne knechtete, aber
niemals das, was ich bin, was ich werden muß. Wie fühlte ich mich sicher
und gefeit in meiner großen Einsamkeit. Gert aber, – sie will mehr als
die große Stunde, – will mehr als ewigjunges Spiel.
„Warum bist du so schweigsam?“ fragte Gert. „Du denkst so viel. Warum?“
„Ich habe über dich nachgedacht,“ sagte Alexandra finster.
„Und?“ Ein Lächeln flog zu ihr hinüber. „Warum wehrst du dich eigentlich
so verzweifelt?“
„Ich – wogegen?“
„Daß du mit mir nicht spielen kannst, – weil ich nicht das kleine
Mädchen bin, wofür du mich hieltest, Alexandra, – daß du mit uns nicht
spielen kannst.“
„Ich spiele nicht.“
„Doch – du spielst! Du hast alle möglichen Theorien, ich weiß. Aber sie
werden dir nicht helfen.“
„Wieso weißt du das? Kannst du in mich so tief hineinsehen?“ fragte
Alexandra und sah Gert erschreckt in das Gesicht.
„Ich weiß alle Dinge aus mir, – wer sollte sie mir sagen?“ Gert lachte.
„Wir sollten nicht sprechen. Worte beladen alles, machen es schwer,
wandeln es. Wir sollten lachen und uns der Stunde freuen!“ Angstvoll
beschwörend klang die Stimme Alexandras.
„Glaubst du, daß wir die Stunden hindern können, in ihren großen Ernst
zu wachsen?“ gab Gert zurück.
Jäh war alles verändert und die Stunden süß und schwer von einer Angst,
die ihnen den Atem raubte. Wohl sprang ihr Lachen noch in den frohen
Mittagsstunden weißen Wolken gleich in das Blau des Himmels, wenn sie
sich in den tanzenden Wogen müde tummelten, wenn sie am harten
Klippenstrand die sehnigen Körper der Sonne boten. Auch die Morgen waren
in grünsilbernes Licht getaucht wie immer, brannten in den müden Farben,
die ihnen die schwere Nacht verliehen hatte, der Sonne entgegen. Dann
liefen Gert und Alexandra nackt, und den schweren Bann des Schlafes wie
ein Kleid von sich werfend in den Wald, der sie mit seinem grünen Licht,
mit dem Duft seiner tausend atmenden Münder zärtlich empfing, in den sie
tauchten wie in eine muttergute Umarmung.
Nur die Abende wurden immer schwerer. Da ging so tiefes Bangen von allen
Schatten aus, die sich auf die Insel senkten und alles, was klar und
froh am Tage leuchtete, in immer tieferes Geheimnis hüllten. Es war, als
ob alle Pflanzen und Bäume zu atmen begönnen; verwirrend und heiß schlug
das Herz des Lebens den großen Stunden der Nacht entgegen.
Und noch trunkener und tiefer war es in solchen Stunden, da die Nacht
herabsank zu wissen, daß sie beide allein hier lebten, fernab von allem
Sein, dem sie einmal irgendwie verbunden gewesen waren, ganz allein auf
dieser Insel, mit ihren Wäldern und ihrem Klippenstrand, mit ihren
Riesenschmetterlingen und Raubvögeln. Und diese Insel selbst lag von
Einsamkeit und Schweigen umgeben, bespült von einem Meer, das sich
weiter dehnte, als man sich vorstellen konnte.
Ja, das hier war ein anderes Alleinsein als in einem noch so weit von
der Welt abgeschlossenen Hause draußen in der Welt. Dort mochte man wohl
auch allein sein, aber man wußte immer: wenn man nur die Laden der
Fenster öffnete, so waren Menschen ringsum oder wenigstens Felder und
Wiesen, die von ihrem Schweiße, ihrer Mühe erzählten. Aber hier sah nur
Gottes wilde Welt ihrem Leben zu, unberührt, unverändert wie am ersten
Schöpfungstage.
Am tiefsten aber war dieses Alleinsein in den Nächten, wenn sie sich im
Walde betteten und um sich das Rauschen und Duften des Waldes fühlten,
durch den der weiche Nachtwind den wilden Geruch des Meeres bis zu ihnen
trug, wenn sie über sich durch die hohen Wipfel der Föhren und
Eukalyptusbäume einen Sternenhimmel leuchten sahen, wie ihn nur diese
Insel kannte.
Ja, die Nächte waren schwer, und es war vergeblich, sich gegen ihr Lied
zu wehren, das unerbittlich und grausam war und jedes atmende Wesen in
sein Schicksal zwang, die vielen grausen Wildkatzen in den herrlich
schleichenden Gang trieb, der sie zum Mord führte, die Käuzchen mit
dumpfen Rufen in ihr todbringendes Handwerk stieß, und andere wieder in
Tod und Verderben sinken ließ. Die Pflanzen aber hieß das Lied, sich
tief und wie horchend zum Boden hinabzubeugen und sich duftend zu
verströmen. Ja, das waren die Nächte, die kein Spiel kannten und kein
Wehren, die jedes Wesen zwangen, sich unter dem großen Leuchten des
Himmels zu erfüllen.
Dieses Alleinsein mit der großen Nacht der Insel war es, was ihren
Küssen die heiße Angst des Wissens um ihr Schicksal gab.
O, vielleicht konnte man in den großen Städten noch über heißeste
Stunden ein kluges Menschenwort breiten, eine kleine Vorsicht, ein
traurig wissendes Lächeln.
Hier wuchsen alle Stunden groß und fordernd in ihren urweltlichen Sinn.
Wenn die Nacht sie hieß die Arme auftun, so waren es nicht mehr die
lösenden Spiele heidnischen Genießens, an die sie sich gaben. Das war
das ganze Sein, Körper und Seele, was brennend zueinander drängte,
Glieder, die, immer tiefere Lust suchend, sich ineinanderschlangen und
den restlosen Besitz des anderen im Taumel erkämpften. Fast Schmerz
wurde ihre Lust. Erfinderisch und immer überraschend waren ihre
Umarmungen, die sie aneinanderzwangen wie rasende Fechter. Schmerzhaft
wach und hellhörig wurden ihre Sinne in diesen Nächten wie die der
Tiere, die um ihr Lager durch das Dunkel schlichen.
Sie kannten keine Erschöpfung und keine Müdigkeit. Wie eine rasende
Flamme war es über sie gekommen, und immer tiefer spürten sie in
Seligkeit und Angst den Sinn dieser Stunden: sich restlos und ohne Gnade
aneinander verschenken zu müssen.
Wissend wurden ihre Hände und sehend. Keine Stelle war an ihren
zuckenden, sich bäumenden Körpern, deren Lust sie nicht kannten, sie
nicht in sehnsüchtiger Raserei zu steigern suchten. Wie Feuermale waren
ihre Küsse, suchten, trafen wie Blitze im Dunkel. Und immer wilder
suchten ihre Körper einander, trunken ineinandersinkend, alle Pforten
des Lebens taumelnd und todesbereit geöffnet.
Und wieder, wenn sie aus der Raserei ihrer schönen, immer seliger den
anderen suchenden Körper auftauchten zu einem Blick, der den anderen
grüßte, brannte auf ihren Lippen das schwere, schwerste Menschenwort:
Wie ich dich liebe!
Ihre Tage lebten und bangten nur mehr diesen Nächten entgegen. Sie
wußten es im Schweigen der großen Nacht, daß alles Torheit und Lüge war,
was nicht Liebe hieß, daß nichts gewiß und Wahrheit war als der eine
Augenblick, da die Augen groß und dunkel wurden von aus Urwelten
aufsteigender Angst vor der Lust. Nur an den tödlichen Ernst ihrer Küsse
glaubten sie noch.
Nun wußte auch Alexandra, daß ihre Stunde gekommen war. Es war
vergeblich, sich zu wehren. Das wußte sie nun. Mochte sie tausendfach
mit der Lust gespielt haben und mit der Verwirrung der anderen: hier war
ein Mensch, der es nicht duldete, daß sie sich klug und bewahrend hinter
ihre Grenzen zurückzog. Hier war ein Mensch, der ihr dorthin folgte,
wohin sich noch keiner gewagt, hinter alle Mauern und Grenzen, die ihr
Egoismus gezogen hatte.
Was half alle Menschenklugheit und alles, was sie sich aufgebaut hatte,
um sich zu bewahren gegen die große Gnade, sich einmal verschenken zu
dürfen?
Anders standen sie nun vor dem verfallenen Tempel einer vertriebenen
Göttin, die Gert trunken beschworen hatte in der einen ersten Nacht.
Anders wußten sie nun die Lust. Ein neues Wissen schenkten ihnen ihre
Nächte im schweigenden Walde. Ein neues Wissen, das ganz den Sinn dieses
Tempels verstand. O, Lust war nicht das, was die vom Kruzifix beladenen
Träume der Menschen heimlich und schamgequält suchten und mit so viel
schlechtem Gewissen flohen. Lust war Schmerz auch und ein letztes banges
Wissen. Ewigkeit suchte sie hoch über dem Getriebe des Tages, über das
Sterben hinaus.
Denn suchte sie nicht die Ewigkeit, hätten die Menschen ihr nie einen
Tempel erbaut, sondern sie nur mißbraucht wie alles, dessen Herr sie
waren.
Der große Ernst der Liebe lag auf ihren Stirnen und ihren königlichen
Händen, wenn sie in der ersten Stunde des sinkenden Nachmittags
engverschlungen auf der Waldwiese vor dem verfallenen Tempel saßen. Ein
Wissen, das eine armselige, dem Gotte der Entsagung verfallene Zeit
vergessen hatte, rauschte aus den jahrhundertalten Bäumen, die aus dem
Staube jener gewachsen waren, die man hier vor tausend Jahren und mehr,
der Göttin der Lust geopfert hatte. Wissen um das Erfahren in den
Flammen einer tödlichen Lust, das nur die Götter kannten und die
Menschen, die sie segneten. Lust, die nur den andern und sich selbst
will und keinem untertan ist, keinem Zweck des breiten Lebens, das sich
in Gebären und Töten erfüllt, im namenlosen Reigen der den Gesetzen
untertanen Kreaturen. Sie aber, die Lieblinge der Götter, Menschen einer
versunkenen Zeit, aus der nur noch einige verfallene Tempel kündeten,
was sie gewesen, sie hatten die Himmel der Götter stürmend den Ring
zerbrochen, der sie an das dumpfe Müssen und Leiden der anderen
Kreaturen binden wollte, und waren den Göttern gleich geworden, die der
Natur nicht dienten, – die ihre Herren waren.
Sie hatten auch gelitten, diese Menschen einer Zeit, da noch die
Opferflammen auf allen Altären rauchten. So flüsterten die edlen Bäume
der Waldwiese. Es war falsch, was die unter einem grauen Himmel lebenden
Kinder späterer Zeiten aus der makellosen lichten Schönheit der
Götterstatuen zu lesen glaubten.
Aber wie ihre Götter hatten jene Menschen gelitten. Nicht am schlechten
Gewissen, nicht an der Scham.
Und hier im grünen Dämmern der Waldwiese, hier vor dem verfallenen
Tempel, vor dem sie selbst erschienen, wie aus tausendjährigen Gräbern
auferstanden, war es Alexandra, die zuerst das schwere Wort wagte: „Was
soll mit uns geschehen? Können wir einander lassen und wieder
zurückgeben an die Welt der anderen?“
Aber kaum, da sie diese Worte gesprochen hatte, erschrak sie, und noch
einmal rauschte der Hochmut durch ihr Blut, der sie geformt und geführt
hatte, der es nicht dulden wollte, daß sie sich der Liebe beugte. Er
hatte auf ihre Lippen immer wieder das Wort gezwungen: Ich bin überall
zum erstenmal und niemals wieder.
Und während sie sich erblaßt über Gert beugte und ihr in das Antlitz
sah, dachte sie gehetzt in einer letzten, feigen Hoffnung auf Flucht:
Sie wird mich rasch vergessen in der großen Stadt! Sie ist so jung, und
ich bin viel zu schwer für sie. Ja, sie wird mich vergessen, und ich
werde frei sein und mich zurücknehmen dürfen. Nur ihre Liebe ist meine
tödliche Gefahr: wenn sie mich losläßt – bin ich frei!
Aber da sah sie die fordernde Flamme dieser jungen Augen über sich und
vernahm das wilde peitschende Wort: „Überall wird die Insel sein, wo wir
sind!“
Und in einer unsagbaren Erschütterung, in der alles versank, sagte
Alexandra mit blassen Lippen: „Wir gehören nicht mehr uns – wir gehören
einander.“
* * * * *
Es war nicht Wirklichkeit, und es konnte gar nicht Wirklichkeit sein,
daß sie die Insel verlassen mußten.
Seltsam war die letzte Nacht, die ihnen der Wald schenkte.
Nach einer Umarmung, deren rasende Lust ihre Lider schloß, als könnten
sie sie nie mehr auftun, sanken sie, Herzschlag an Herzschlag und Atem
in Atem, in einen Schlaf, der ihre Körper tiefer aneinanderband als
jeder stöhnende Kampf der Liebe.
Oft schon waren sie so nebeneinander hingestreckt in dämmernden
Morgenstunden in das dumpfe Reich des Nichtmehrwissens hinübergesunken.
Aber dies war anders. Mit allen Sinnen, die nur ganz leise eine selige
Betäubung einhüllte, fühlten sie sich ineinandergeschlungen, in einer
Stille, die sie ganz bezwang. Nichts Tieferes, nichts Endgültigeres
hatte die Erde zu verschenken als diesen gemeinsamen Schlaf, in den sie
sich wie in eine einzige Umarmung betteten, der sie einander unlösbar
verband wie ein gemeinsamer Tod.
Als sie sich am nächsten Tage von der Insel lösten und im Zuge die
vielen fremden Landschaften an sich vorbeifliegen sahen, lächelten sie
einander zu: Überall wird die Insel sein, wo wir sind!
* * * * *
Als der Wagen vor dem Hause der Eltern Gerts hielt, das mitten in der
Hauptstraße lag, schlug Musik an ihr Ohr, und sie wandten sich beide
nach der Richtung, woher sie kam.
Langsam, feierlich gemessen, zog ein Leichenzug einher.
Mit blauweißen Bändern war der Sarg geschmückt.
Ein Mädchen?
Sie blieben stehen und ließen den Zug an sich vorüber.
Fast erschreckt schmiegten sie sich in das Haustor: Hinter dem Wagen
ging Fräulein Dr. Hanna Südekum. – Aber sie hatte sie schon gesehen!
Schweigend grüßte sie.
„Sollte es eine aus meiner Klasse sein?“ fragte Gert erschreckt.
„Wer ist der Herr, der neben der Südekum geht – er sieht furchtbar aus?“