Sie tranken purpurschwarzen Wein vor der kleinen verlassenen
Fischerhütte, die ihnen das Fischerpaar überlassen hatte.
„Die hier lebten, sind gestorben,“ erklärte Alexandra. „Die Hütte steht
seit Jahren leer.“
Sie tranken einsilbig und ließen sich dem Zauber der Nacht, in die alle
Pflanzen und Bäume ihren duftenden Nachtatem hauchten, bis sie ganz
schwer wurden und wie Gefahr.
Sie lagen einander so nahe im Dunkel, daß eine den Herzschlag der andern
hören mußte.
Alexandra lag schlaflos und sah durch das kleine Fenster hinaus auf das
Meer, auf dem grün und rot die Leuchttürme blinkten.
Warum bin ich plötzlich so verwirrt und voll Scham? dachte sie gequält.
Wäre es denn Sünde, wenn wir den Traum erfüllten, das, was in unserm
Lachen schwingt, das so unnütz und so schön aus unsern Gesprächen
emporzuckt wie eine weiße Wolke, – was in der schweren, mittagstillen
Lässigkeit unserer Glieder träumte, was mich jetzt nicht schlafen läßt –
und ich weiß es, auch sie nicht.
Rein und groß wehte der Atem der Nacht durch die Fenster in den kleinen
Raum.
Und weiter dachte Alexandra: Ist es nicht Gottes Jawort zu unserer
Sehnsucht, daß wir schön sein würden in unserer Erfüllung, – mein
brauner, sehniger Körper und ihr traumhaft weißer und schmaler? – –
„Alexandra!“ Eine Stimme rief durch das Dunkel.
„Ja?“ Wie Angst klang es gepreßt.
„Es ist so heiß hier, – ich kann nicht schlafen. Ziehen wir uns an und
gehen wir in den Wald – zu dem kleinen Tempel. Es muß jetzt sehr schön
dort im Mondlicht sein!“
Sie kleideten sich im Dunkel an und stiegen schweigend den steilen
Felsenweg zum Walde empor. Ihre Füße sanken in den weichen Waldweg. Die
Stämme der Bäume leuchteten in einem unwirklichen Licht. Und wie es
ringsum duftete und atmete! Das war die Stunde des Waldes, seine
lebendigste Stunde.
Schon sahen sie die weißen Säulen im Mondlicht vor sich schimmern.
Sie setzten sich auf vom Sturm geknickte Stämme und sahen schweigend
umher.
Als Alexandra Gert in einer jähen Bewegung an sich ziehen wollte, machte
sich diese behutsam los, stand auf und verschwand zwischen den Stämmen.
Alexandra wagte nicht zu rufen. Dann aber hielt sie den Atem an.
Eine schmale weiße Gestalt löste sich aus dem Dunkel der Bäume, ging
zagend ein paar Schritte vor und warf sich emporzuckend in einen
Rhythmus, der immer wilder wurde. Nun fiel das Mondlicht voll auf sie,
zuckte silberbrennend auf den weißen, zarten Brüsten auf, glitt wie im
Spiele abwärts zu den schmalen Hüften, koste den Schatten, der wie ein
Mysterium aus dem degenschmalen Leuchten des sich immer rasender
umherschnellenden Körpers dunkelte.
Gert sprang immer weiter vor. Schon tanzte sie inmitten der Wiese.
Hinter ihr ragten mondbeschienen und unwirklich weiß die Säulen des
Tempels. Immer wilder tanzte sie, den Kopf zurückgeworfen. Die Flut
ihrer blonden Haare peitschte ihr Gesicht und Nacken, warf zuckende
Schatten auf ihre Brust.
Alexandra löste jäh die Kleider von ihren Gliedern. In dem grünen Feuer
des Waldlichts schien ihr brauner Körper der Gestalt einer Göttin
gleich, die man nach tausendjährigem Schlaf aus einem Königsgrabe
gehoben.
Langsam ging sie auf die weiße Flamme zu, die sie immer weiter lockte,
bis in den Tempel.
Auf der moosbedeckten, farnenüberwachsenen Marmorplatte sanken sie
nieder.
Durch die uralten Säulen ging ein Zittern, als ein Schrei zwiefacher
Lust durch die Nacht drang. –
Gert schlief müde an der Brust Alexandras.
Der heiße Nachtwind koste ihre Glieder und spielte mit ihrem Haar.
Alexandra sah empor zu der Nacht, die alle Sterne in ihr tiefes Blau
gezwungen hatte, die großen Sterne der festlichen Nächte des Südens.
Eine leise Traurigkeit stieg aus der überreichen Schönheit ringsumher.
Eine Traurigkeit, die das Herz Alexandras verwirrte.
So wunderbar sie diese Nacht beschenkt hatte, auch über sie hinaus mußte
sie weitergehen! Ernst sah sie auf das gestillte Antlitz vor sich. So
manches Antlitz hatte sie schon in Nächten belauscht und immer mit dem
Wissen um ein Abschiednehmen.
Wie wild dieses Kind blühte! Wie maßlos wild. Aber auch für sie würde
diese Nacht einmal nur eine Stufe auf ihrem Wege einer großen Liebenden
sein.
Nein, an meinesgleichen leidet man nicht, dachte Alexandra und fuhr
weich über das Haar der Schlafenden. Wir vermögen nur Fackeln zu
entzünden. Wir sind zu fern, zu verschenkt, als daß wir einen Menschen
festhalten könnten.
Inseln sind immer nur ein Traum. Man kehrt aus ihnen in das Leben der
anderen zurück. Ich werde arbeiten, – ich weiß. Und ich werde vergessen.
Aber Sünde war dies nicht, dachte Alexandra, indes sie mit weichen
Händen über das Haar der Schlafenden glitt. Nein, Sünde war es nicht.
Denn dies war nicht Großstadt und lasterhafte Neugierde ermüdeter Sinne.
Unschuld und Urbeginn lebte in dieser Nacht. Denn einmal in Urzeiten,
als die Menschheit noch jung war, da mußte es so gewesen sein:
unschuldige, lösende Spiele der Mädchen auf einer Waldwiese, die noch
kein Mann betreten hatte, nicht der Mann, der das Leid und die Not des
Geschlechtes brachte.
Nein, Sünde war das, was die verirrten Nerven unter Bogenlampen,
Geigenschwirren, Alkohol und Parfüm gaben und nahmen – auch wenn die
überklugen Medizinmänner das in der Ordnung fanden.
Sünde war, wenn man sich an etwas verlor.
Meine Ehe war Sünde, dachte Alexandra, weil sie mich in Knechtschaft und
Vergewaltigung zog, und Sünde war es, wenn ich mich feige törichten
Gesprächen und erniedrigenden Nächten überließ, statt in meinem Atelier
zu arbeiten.
Aber Sünde war es nicht, als ich Pietro, dem italienischen Fischer,
gehörte, der mich wahnsinnig küßte in jener Nacht in seinem Boot, als
über uns tausend Sterne brannten wie heute. Nie war ich freier als nach
jener Nacht, nie sündenloser!
Wir werden beide weitergehen, dachte Alexandra, und wir werden
vergessen. Wie ein Schild hielt sie diesen Gedanken vor das
unerklärliche Bangen, das sie unter diesem großen sternenklaren Himmel
überkommen wollte.
Denn es war so, daß immer wieder ein leises Wissen, das aus Urtiefen
stieg, sie mit heißer Angst belud. Aus Urtiefen stieg es, und aus dieser
Nacht wuchs es ihr zu, aus dem grenzenlosen Alleinsein mit einem
geliebten Menschen unter diesem großen Himmel. Und Alexandra kämpfte
gegen dieses Wissen um sich selbst.
O, sie wird auch kleinere Münze nehmen, dachte sie. Sie wird irgendeinen
heiraten, den sie zu lieben glaubt, weil er ihr die Sicherheit bietet
und die Erfüllung äußerer Wünsche. Und sie wird ihm von unseren
trunkenen Stunden so wenig erzählen, wie von den Nächten, da sie
hinausgelehnt zum Fenster zu einem unendlichen Sternenhimmel aufsah und
sich wünschte, in solcher Nacht zu sterben, wie noch viele andere Dinge,
die ein Mädchen niemals einem großen, vernünftigen Manne erzählt – weil
sie zu unwirklich sind, zu sehr Traum.
Wieder beugte sich Alexandra tief zu dem schlafenden Antlitz vor ihr
hinab, und sie flüsterte: Vielleicht werden dich einmal lieblose Fäuste
nehmen, die es müde geworden sind, bezahlte Körper zu kosen, und denen
deine Jugend ein letzter lasterhafter Reiz ist. Vielleicht werden
Greisenfinger sich noch einmal an dir in sündiger Lust entzünden. Oder
Hände, gedankenlose Hände werden dich nehmen, kühn durch den Wein des
Hochzeitsmahles, Hände, die sonst Seiten in einem Kontobuch blättern.
Meine Hände aber, – Gott hat sie lieb, denn er formte sie zu einer
Arbeit, die er selbst einmal in stürmischer Jugend kühn und neugierig
wagte, – – damals, als er den Menschen schuf.