Wie die Eukalyptusbäume dufteten! Ihr grüngoldener Atem erfüllte den
Wald mit einer Dämmerung, die alles ringsumher unwirklich schuf. Große,
fremdartige Pflanzen blickten starr zu ihnen hinauf, und Lianen rankten
sich inbrünstig an ihren Stämmen empor.
Wie weich die Wege waren! Der Fuß versank in ihnen, Schreiten wurde
leise, beschwingt. Heiserer Vogelruf, schweres Flügelschlagen durchbrach
manchmal den Traum der Stille, die Flucht eines wilden Kaninchens dann,
das Rascheln einer Maus über Pinienfrüchten.
Wie die Eukalyptusbäume dufteten! Gert und Alexandra schritten die
goldbraunen Wege immer tiefer in den Wald hinein.
„Nun sind wir so weit – so allein, daß uns kein fremdes Menschenwort
mehr finden kann,“ sagte Alexandra.
„Ich spüre, wie sich die Schwere löst, die alles in mir so sehr
gefangenhielt dort in der Stadt. Fast möchte ich durch den Wald tanzen,
um diese Luft noch tiefer in mich zu zwingen.“
„Dann komm weiter, – siehst du nicht, wie es blau dort durch die Stämme
schimmert?“
„Das Meer?“
„Das Meer!“
Sie brachen abseits vom Wege durch das Dickicht, das ihnen oft bis zu
den Schultern reichte, das ihnen die Kleider von den Schultern zu reißen
drohte. Erschreckt flatterten Fasane in trunkenen Farben auf, der wilde
Waldboden schlug ihnen seinen herbsüßen Brodem entgegen, daß sie fast
taumelten.
Aber dort, – schon brachen sie durch die stachligen Brombeerranken, –
dort schimmerten weiß und gezackt die Klippen.
Leichtfüßig sprangen sie über das unter den Küssen des Meeres
diamanthart gewordene Gestein. Stöhnend schlug der Gischt zu ihren Füßen
an den Uferfelsen empor. Dunkel wie Lust und Vergessen breitete sich vor
ihnen das Meer.
Eine große Sonne stand weiß am Himmel, als sie die Kleider lösten und
mit hellem Lustschrei die befreiten Körper in die Wasser tauchten.
Wie die Wogen sie rauschend dahintrugen!
Sie lachten einander zu, wenn sie im Tanz der Wogen einander
entschwunden waren und wieder emportauchten im weißen Glanz einer
Schaumkrone, oder wenn die Wellen ihre Körper gegeneinanderwarfen wie
leichtes Schwimmholz. Müdegetollt legten sie sich auf den Rücken, ließen
sich von den wildspielenden Wogen treiben und sahen zu dem großen Himmel
auf.
Dieser Himmel, nein, es konnte nicht derselbe sein, der auch auf die
ferne Stadt blickte, auf die engbesiedelten Gegenden, wo die vielen
Menschen wohnten. Das war ein anderer Himmel: herrisch, groß und
wunderbar.
Sie lagen in der Sonne auf den harten Klippen und lachten einander zu.
„Und wirklich – außer dem Fischerpaar unten am Strand, lebt kein Mensch
auf dieser Insel?“
„Kein Mensch, Gert.“
„Warst du schon einmal hier, Alexandra?“
„Niemals. Ich bin überall zum erstenmal und niemals wieder. – Du, wie
der Wald zu uns herüberduftet!“
„Wir wollen in den Wald hineingehen? Ja?“
„Komm!“
Sie warfen die Kleider über ihre sonnensatten Glieder und wanderten in
den Wald. Schweigend nahm er sie auf. Hier sank das weiße Mittagslicht
in Geheimnis und Dämmerung. Große, blaue Schmetterlinge und einer,
dessen Flügel purpurrot wie Blut schimmerten, lockten sie immer tiefer
in die Wildnis.
„Wie Eroberer und Entdecker sind wir!“
„Ja, Gert, – alles gehört uns allein!“
„Was schimmert dort so weiß durch die Stämme, – dort, wo der rote Falter
hinschwebt?“
„Wir wollen ihm folgen.“
Die Stämme teilten sich und gaben eine kleine runde Lichtung frei, ganz
überwuchert von wilden Riesenfarnen, zwischen denen seltsame Blumen
blühten.
Inmitten der Waldwiese lagen moosüberwuchert schlanke Säulen wie
träumend hingegossen in ihr Schweigen. Über einer Marmorplatte, zu der
verfallene Stufen emporführten, hielt sich auf einer Seite in starrer
Neigung ein graziöser Steinbogen auf zwei grünschillernden Säulen. Der
rote Schmetterling schwebte an ihnen empor und ließ sich, mit den
schimmernden Flügeln wippend, am Säulendach nieder.
„Ein heidnischer Tempel, Gert!“
„O, wie alt er aussieht, – als hätte ihn ein versunkenes Jahrhundert
hier vergessen! Aber keine Göttin lebt in ihm, – man hat sie geraubt.“
Alexandra trat näher. Ihre Hände glitten behutsam über die Formen des
Säulenkapitäls, das vor ihr im Moose lag. Dann beugte sie sich tief über
die Inschrift, die in die moosüberwucherte Marmorplatte eingegraben
stand, die einmal wohl einen Altar getragen hatte.
„Der Tempel war der heidnischsten Gottheit geweiht – der Göttin der
Lust,“ sagte sie.
„Der Lust?“
„Ja, – nicht wahr, das wundert dich? Später waren alle Gottheiten nur
noch Götter des Schmerzes und der Verneinung. Der Altar der Lust
zerfiel.“
„Wir werden ihn wieder aufrichten, ja? Wir sind die Königinnen dieser
Insel und dürfen den Gott wählen, den wir wollen!“
Alexandra sah lächelnd in das Antlitz Gerts. „Nimm dich in acht! Du
sprichst mit einer Heidin, in der das Blut der heidnischen Länder noch
nicht still und europäisch geworden ist.“ Dann fügte sie ernster hinzu:
„Nein, Gert, – niemals wieder wird man diesen Tempel aufrichten. Diese
Götter sind tot – das Kreuz hat sie gemordet.“
„Götter können nicht sterben, wenn sie Götter sind – – sie können uns
nur verlassen. Aber sie kommen wieder, wenn wir sie rufen. – Soll ich
sie beschwören – oder hast du Angst?“
„Gert, – was meinst du damit?“
„O – ich denke nicht so viel nach! Komm, wir wollen weiter durch den
Wald! Ich habe Hunger – herrlichen Hunger.“
„Kehren wir in der Fischerhütte ein. Sie werden uns köstliche Fische
goldbraun im duftenden Öl dieser Insel braten, und wir werden dazu den
schwarzen Wein trinken, der hier wächst!“
Als die Sonne schon tiefer stand, und das satte Violett immer
siegreicher in das Blau des Meeres, in das Braun, Gold und Grün des
Waldes drang und selbst die weißen Klippen mit zärtlichen Schatten
umfing, saßen sie am Südhang der Insel, wo der schwarze, rauhe Wein der
Fischerleute wuchs.
Gert sah in die Schatten, die über den Uferfelsen unter ihnen dunkelten.
Alexandra fragte, plötzlich aus ihren Gedanken auftauchend: „Du weißt
wohl gar nicht, wie sehr dich dieses kleine, komische Fräulein Dr.
Südekum geliebt hat?“
„Ich wußte es nicht immer. Ich war so sehr mit mir beschäftigt, daß ich
die andern kaum bemerkte. Erst am letzten Tag, als wir Abschied nahmen,
wußte ich es ganz. Ich versuchte, ihr zu erklären, warum es so gekommen
war, daß ich allein sein mußte, – aber sie hat mich nicht verstanden.“
„Sie hatte das Gefühl, du hättest Verrat an ihr geübt, nicht wahr? Ja,
die Menschen sehen es immer so, wenn wir uns von ihnen fort zu einer
neuen Stufe unseres Weges wandeln. – Aber es tut ja auch sehr weh.“
Gert lag lang ausgestreckt auf dem Rücken und sah einer kleinen Wolke
nach, die aus dem immer dunkler werdenden Himmel dem hellen Streifen im
Westen zustrebte. Sie sagte: „Als das Geheimnisvolle noch still war und
alle Dinge von außen in mich eingingen, da war ich oft bei ihr. Sie war
wie meine alte Kinderfrau, die immer alles ordnete und an seinen Platz
rückte, was ich in Zorn oder Ungeduld von mir warf. Aber später, als das
Geheimnisvolle in mir zu wachsen begann, als es mich immer mehr
durchdrang, – da wußte ich auf einmal, daß ich die entscheidenden Dinge
nicht durch die andern lernen konnte. Sie waren vielleicht sehr alt,
diese neuen Dinge in mir, denn als sie wach wurden, wußte ich, daß sie
schon immer dagewesen waren, daß ich sie schon immer gewußt hatte. Dann
haßte ich das Lernen.“
„Du wolltest nicht noch mehr von diesen Dingen, die nur von außen kamen
...“
„Ich wußte, daß ich nur auf die Stimme hören mußte. Ja, und da war
plötzlich der Riß mit der Lehrerin. Sie wollte immer weiter Fremdes in
mich hineintun, Erfahrungen und Gedanken anderer.“
„Und du wolltest jetzt nur dich erfahren!“
„Ja, das war es.“ Gert warf sich plötzlich herum und sah, den Kopf mit
beiden Händen aufstützend, Alexandra in das Gesicht. „Ja, das war in den
kleinsten und alltäglichen Dingen. Höre zu! Einmal sah mich die Südekum
auf der Straße mit einem Herrn gehen. Sie sagte nie ein Wort darüber,
obwohl es streng verboten war. Aber ich fühlte, was sie dachte. Und da
haßte ich sie fast. Dennoch, – ich hätte ihr ja nie erklären können, was
eigentlich war.“
„Erzähle!“
„Ja, dir will ich es sagen. Damals, – ich war so neugierig, so gespannt
auf mich in allen Dingen. Es ist ja etwas ganz Alltägliches, ein junges,
sehr junges Mädchen geht mit einem Mann auf der Straße, und er sagt ihr:
ich liebe dich! – Du verstehst mich, wenn ich dir sage: Der Mann war mir
gleichgültig. Aber ich hatte es noch nicht erlebt, und ich hatte mich
noch nicht in einem solchen Geschehen erlebt, hatte mich noch nie mit
einem Herrn gehen gesehen, noch nie mich erfahren, wenn einer zu mir von
Liebe sprach. Nur darum war ich von den alltäglichen Dingen so voll
unerhörter Erwartung. Ich konnte nicht wissen, wie ich in dieser oder
jener Situation sein würde. Und ich war so brennend neugierig auf mich,
– immer nur auf mich.“
Alexandra sah tief hinein in das erregte leidenschaftliche Antlitz
Gerts. „Wie gut ich dich verstehe. – Viel zu gut! Aber sich selbst zu
suchen ist eine gefährliche Leidenschaft!“
Gert sprach weiter, so, als müßte sie sich selbst Rechenschaft ablegen.
„Darum war es so töricht, wenn man mir in jener Zeit von den Erfahrungen
der anderen sprach: was sie sich über eine Sache gedacht hatten, was man
sich im allgemeinen darüber denken müsse, was daraus folge – o, wie
abscheulich.“
Immer erregter wurde Gert: „Natürlich ist es interessant, wie der große
Winterfeldzug Napoleons ausging, oder was sich Goethe gedacht hatte, als
er die Wahlverwandtschaften schrieb – aber, nicht wahr, das stand
ohnehin in den Büchern aufgeschrieben? Man konnte in ihnen jeden Tag
lesen, es lief nicht davon, auch dreißig Jahre später konnte man es noch
lesen. Jetzt aber war ich da, und ich konnte mich jeden Tag in etwas
anderem erleben und erfahren, das war jetzt da, Gegenwart, und es
existierte nur, wenn man es lebte – _heute_ lebte, – verstehst du?“
„Und was erfuhrst du, und was erlebtest du in dir?“ fragte Alexandra.
Ihr dunkelgetöntes Antlitz leuchtete in der späten Sonnenstunde wie
Bronze.
„Ich erlebte vor allem meinen Körper, der sich reckte und wuchs, ich
entdeckte die Melodie in ihm, – ich wußte plötzlich, daß ich Tänzerin
werden müsse. Ganz mich in Musik und Rhythmus auflösen – das war das
einzige Ziel.“
„Und kein Du? – ich meine, keinen Mann?“
„Auch den Mann erlebte ich,“ antwortete Gert ruhig. „Oder eigentlich
mich in ihm. Das war nicht er, den ich erlebte. Ich war verliebt in
meine Verliebtheit, ich dachte mir nicht viel dabei. Ich verstand die
anderen nie, die das so tragisch nahmen. Es war eine Erfahrung mehr an
mir selber. Aber es war immer sogleich zu Ende. Wie ich erreicht hatte,
was ich wollte –, war ich ernüchtert und gelangweilt. Ich konnte mich
selbst nicht mehr erfahren in ihm.“
„Wie ein Knabe bist du,“ lächelte Alexandra, „dem die schönsten Frauen
nur die Möglichkeit zu lieben schenken.“
„Ein Knabe,“ wiederholte Gert und sah Alexandra an, „wäre ich ein Knabe,
so würde ich dich entführen!“
„Still!“ Alexandra war sehr blaß geworden. „Du sprichst törichte Dinge!“
„Erzähle mir von dir,“ bat Gert. „Du hast viel geliebt, nicht wahr?“
„Ich habe viel geliebt,“ antwortete die Bildhauerin. „Aber wieviel ich
auch gab, und wenn es tausendmal mehr war, als der andere zu geben
hatte, es war doch stets so, daß ich mich immer zurücknehmen konnte, daß
ein Rest blieb, der keinem Menschen gehören darf, den ich nur an meine
Kunst verschenken kann.“
„Dann gabst du dich doch nicht? Dann nahmst du doch nur! Wer halb gibt,
gibt nichts.“
„Das hat mir noch niemand zu sagen gewagt,“ antwortete Alexandra
schroff. „Ich bin eine Künstlerin und nicht dazu da, mich zu
verschenken.“
„Wie hochmütig du bist und – wie arm,“ sagte Gert leise, und ihre Augen
wurden ganz dunkel.