Achtzehntes Kapitel

Wie die Eukalyptusbäume dufteten! Ihr grüngoldener Atem erfüllte den

Wald mit einer Dämmerung, die alles ringsumher unwirklich schuf. Große,

fremdartige Pflanzen blickten starr zu ihnen hinauf, und Lianen rankten

sich inbrünstig an ihren Stämmen empor.

Wie weich die Wege waren! Der Fuß versank in ihnen, Schreiten wurde

leise, beschwingt. Heiserer Vogelruf, schweres Flügelschlagen durchbrach

manchmal den Traum der Stille, die Flucht eines wilden Kaninchens dann,

das Rascheln einer Maus über Pinienfrüchten.

Wie die Eukalyptusbäume dufteten! Gert und Alexandra schritten die

goldbraunen Wege immer tiefer in den Wald hinein.

„Nun sind wir so weit – so allein, daß uns kein fremdes Menschenwort

mehr finden kann,“ sagte Alexandra.

„Ich spüre, wie sich die Schwere löst, die alles in mir so sehr

gefangenhielt dort in der Stadt. Fast möchte ich durch den Wald tanzen,

um diese Luft noch tiefer in mich zu zwingen.“

„Dann komm weiter, – siehst du nicht, wie es blau dort durch die Stämme

schimmert?“

„Das Meer?“

„Das Meer!“

Sie brachen abseits vom Wege durch das Dickicht, das ihnen oft bis zu

den Schultern reichte, das ihnen die Kleider von den Schultern zu reißen

drohte. Erschreckt flatterten Fasane in trunkenen Farben auf, der wilde

Waldboden schlug ihnen seinen herbsüßen Brodem entgegen, daß sie fast

taumelten.

Aber dort, – schon brachen sie durch die stachligen Brombeerranken, –

dort schimmerten weiß und gezackt die Klippen.

Leichtfüßig sprangen sie über das unter den Küssen des Meeres

diamanthart gewordene Gestein. Stöhnend schlug der Gischt zu ihren Füßen

an den Uferfelsen empor. Dunkel wie Lust und Vergessen breitete sich vor

ihnen das Meer.

Eine große Sonne stand weiß am Himmel, als sie die Kleider lösten und

mit hellem Lustschrei die befreiten Körper in die Wasser tauchten.

Wie die Wogen sie rauschend dahintrugen!

Sie lachten einander zu, wenn sie im Tanz der Wogen einander

entschwunden waren und wieder emportauchten im weißen Glanz einer

Schaumkrone, oder wenn die Wellen ihre Körper gegeneinanderwarfen wie

leichtes Schwimmholz. Müdegetollt legten sie sich auf den Rücken, ließen

sich von den wildspielenden Wogen treiben und sahen zu dem großen Himmel

auf.

Dieser Himmel, nein, es konnte nicht derselbe sein, der auch auf die

ferne Stadt blickte, auf die engbesiedelten Gegenden, wo die vielen

Menschen wohnten. Das war ein anderer Himmel: herrisch, groß und

wunderbar.

Sie lagen in der Sonne auf den harten Klippen und lachten einander zu.

„Und wirklich – außer dem Fischerpaar unten am Strand, lebt kein Mensch

auf dieser Insel?“

„Kein Mensch, Gert.“

„Warst du schon einmal hier, Alexandra?“

„Niemals. Ich bin überall zum erstenmal und niemals wieder. – Du, wie

der Wald zu uns herüberduftet!“

„Wir wollen in den Wald hineingehen? Ja?“

„Komm!“

Sie warfen die Kleider über ihre sonnensatten Glieder und wanderten in

den Wald. Schweigend nahm er sie auf. Hier sank das weiße Mittagslicht

in Geheimnis und Dämmerung. Große, blaue Schmetterlinge und einer,

dessen Flügel purpurrot wie Blut schimmerten, lockten sie immer tiefer

in die Wildnis.

„Wie Eroberer und Entdecker sind wir!“

„Ja, Gert, – alles gehört uns allein!“

„Was schimmert dort so weiß durch die Stämme, – dort, wo der rote Falter

hinschwebt?“

„Wir wollen ihm folgen.“

Die Stämme teilten sich und gaben eine kleine runde Lichtung frei, ganz

überwuchert von wilden Riesenfarnen, zwischen denen seltsame Blumen

blühten.

Inmitten der Waldwiese lagen moosüberwuchert schlanke Säulen wie

träumend hingegossen in ihr Schweigen. Über einer Marmorplatte, zu der

verfallene Stufen emporführten, hielt sich auf einer Seite in starrer

Neigung ein graziöser Steinbogen auf zwei grünschillernden Säulen. Der

rote Schmetterling schwebte an ihnen empor und ließ sich, mit den

schimmernden Flügeln wippend, am Säulendach nieder.

„Ein heidnischer Tempel, Gert!“

„O, wie alt er aussieht, – als hätte ihn ein versunkenes Jahrhundert

hier vergessen! Aber keine Göttin lebt in ihm, – man hat sie geraubt.“

Alexandra trat näher. Ihre Hände glitten behutsam über die Formen des

Säulenkapitäls, das vor ihr im Moose lag. Dann beugte sie sich tief über

die Inschrift, die in die moosüberwucherte Marmorplatte eingegraben

stand, die einmal wohl einen Altar getragen hatte.

„Der Tempel war der heidnischsten Gottheit geweiht – der Göttin der

Lust,“ sagte sie.

„Der Lust?“

„Ja, – nicht wahr, das wundert dich? Später waren alle Gottheiten nur

noch Götter des Schmerzes und der Verneinung. Der Altar der Lust

zerfiel.“

„Wir werden ihn wieder aufrichten, ja? Wir sind die Königinnen dieser

Insel und dürfen den Gott wählen, den wir wollen!“

Alexandra sah lächelnd in das Antlitz Gerts. „Nimm dich in acht! Du

sprichst mit einer Heidin, in der das Blut der heidnischen Länder noch

nicht still und europäisch geworden ist.“ Dann fügte sie ernster hinzu:

„Nein, Gert, – niemals wieder wird man diesen Tempel aufrichten. Diese

Götter sind tot – das Kreuz hat sie gemordet.“

„Götter können nicht sterben, wenn sie Götter sind – – sie können uns

nur verlassen. Aber sie kommen wieder, wenn wir sie rufen. – Soll ich

sie beschwören – oder hast du Angst?“

„Gert, – was meinst du damit?“

„O – ich denke nicht so viel nach! Komm, wir wollen weiter durch den

Wald! Ich habe Hunger – herrlichen Hunger.“

„Kehren wir in der Fischerhütte ein. Sie werden uns köstliche Fische

goldbraun im duftenden Öl dieser Insel braten, und wir werden dazu den

schwarzen Wein trinken, der hier wächst!“

Als die Sonne schon tiefer stand, und das satte Violett immer

siegreicher in das Blau des Meeres, in das Braun, Gold und Grün des

Waldes drang und selbst die weißen Klippen mit zärtlichen Schatten

umfing, saßen sie am Südhang der Insel, wo der schwarze, rauhe Wein der

Fischerleute wuchs.

Gert sah in die Schatten, die über den Uferfelsen unter ihnen dunkelten.

Alexandra fragte, plötzlich aus ihren Gedanken auftauchend: „Du weißt

wohl gar nicht, wie sehr dich dieses kleine, komische Fräulein Dr.

Südekum geliebt hat?“

„Ich wußte es nicht immer. Ich war so sehr mit mir beschäftigt, daß ich

die andern kaum bemerkte. Erst am letzten Tag, als wir Abschied nahmen,

wußte ich es ganz. Ich versuchte, ihr zu erklären, warum es so gekommen

war, daß ich allein sein mußte, – aber sie hat mich nicht verstanden.“

„Sie hatte das Gefühl, du hättest Verrat an ihr geübt, nicht wahr? Ja,

die Menschen sehen es immer so, wenn wir uns von ihnen fort zu einer

neuen Stufe unseres Weges wandeln. – Aber es tut ja auch sehr weh.“

Gert lag lang ausgestreckt auf dem Rücken und sah einer kleinen Wolke

nach, die aus dem immer dunkler werdenden Himmel dem hellen Streifen im

Westen zustrebte. Sie sagte: „Als das Geheimnisvolle noch still war und

alle Dinge von außen in mich eingingen, da war ich oft bei ihr. Sie war

wie meine alte Kinderfrau, die immer alles ordnete und an seinen Platz

rückte, was ich in Zorn oder Ungeduld von mir warf. Aber später, als das

Geheimnisvolle in mir zu wachsen begann, als es mich immer mehr

durchdrang, – da wußte ich auf einmal, daß ich die entscheidenden Dinge

nicht durch die andern lernen konnte. Sie waren vielleicht sehr alt,

diese neuen Dinge in mir, denn als sie wach wurden, wußte ich, daß sie

schon immer dagewesen waren, daß ich sie schon immer gewußt hatte. Dann

haßte ich das Lernen.“

„Du wolltest nicht noch mehr von diesen Dingen, die nur von außen kamen

...“

„Ich wußte, daß ich nur auf die Stimme hören mußte. Ja, und da war

plötzlich der Riß mit der Lehrerin. Sie wollte immer weiter Fremdes in

mich hineintun, Erfahrungen und Gedanken anderer.“

„Und du wolltest jetzt nur dich erfahren!“

„Ja, das war es.“ Gert warf sich plötzlich herum und sah, den Kopf mit

beiden Händen aufstützend, Alexandra in das Gesicht. „Ja, das war in den

kleinsten und alltäglichen Dingen. Höre zu! Einmal sah mich die Südekum

auf der Straße mit einem Herrn gehen. Sie sagte nie ein Wort darüber,

obwohl es streng verboten war. Aber ich fühlte, was sie dachte. Und da

haßte ich sie fast. Dennoch, – ich hätte ihr ja nie erklären können, was

eigentlich war.“

„Erzähle!“

„Ja, dir will ich es sagen. Damals, – ich war so neugierig, so gespannt

auf mich in allen Dingen. Es ist ja etwas ganz Alltägliches, ein junges,

sehr junges Mädchen geht mit einem Mann auf der Straße, und er sagt ihr:

ich liebe dich! – Du verstehst mich, wenn ich dir sage: Der Mann war mir

gleichgültig. Aber ich hatte es noch nicht erlebt, und ich hatte mich

noch nicht in einem solchen Geschehen erlebt, hatte mich noch nie mit

einem Herrn gehen gesehen, noch nie mich erfahren, wenn einer zu mir von

Liebe sprach. Nur darum war ich von den alltäglichen Dingen so voll

unerhörter Erwartung. Ich konnte nicht wissen, wie ich in dieser oder

jener Situation sein würde. Und ich war so brennend neugierig auf mich,

– immer nur auf mich.“

Alexandra sah tief hinein in das erregte leidenschaftliche Antlitz

Gerts. „Wie gut ich dich verstehe. – Viel zu gut! Aber sich selbst zu

suchen ist eine gefährliche Leidenschaft!“

Gert sprach weiter, so, als müßte sie sich selbst Rechenschaft ablegen.

„Darum war es so töricht, wenn man mir in jener Zeit von den Erfahrungen

der anderen sprach: was sie sich über eine Sache gedacht hatten, was man

sich im allgemeinen darüber denken müsse, was daraus folge – o, wie

abscheulich.“

Immer erregter wurde Gert: „Natürlich ist es interessant, wie der große

Winterfeldzug Napoleons ausging, oder was sich Goethe gedacht hatte, als

er die Wahlverwandtschaften schrieb – aber, nicht wahr, das stand

ohnehin in den Büchern aufgeschrieben? Man konnte in ihnen jeden Tag

lesen, es lief nicht davon, auch dreißig Jahre später konnte man es noch

lesen. Jetzt aber war ich da, und ich konnte mich jeden Tag in etwas

anderem erleben und erfahren, das war jetzt da, Gegenwart, und es

existierte nur, wenn man es lebte – _heute_ lebte, – verstehst du?“

„Und was erfuhrst du, und was erlebtest du in dir?“ fragte Alexandra.

Ihr dunkelgetöntes Antlitz leuchtete in der späten Sonnenstunde wie

Bronze.

„Ich erlebte vor allem meinen Körper, der sich reckte und wuchs, ich

entdeckte die Melodie in ihm, – ich wußte plötzlich, daß ich Tänzerin

werden müsse. Ganz mich in Musik und Rhythmus auflösen – das war das

einzige Ziel.“

„Und kein Du? – ich meine, keinen Mann?“

„Auch den Mann erlebte ich,“ antwortete Gert ruhig. „Oder eigentlich

mich in ihm. Das war nicht er, den ich erlebte. Ich war verliebt in

meine Verliebtheit, ich dachte mir nicht viel dabei. Ich verstand die

anderen nie, die das so tragisch nahmen. Es war eine Erfahrung mehr an

mir selber. Aber es war immer sogleich zu Ende. Wie ich erreicht hatte,

was ich wollte –, war ich ernüchtert und gelangweilt. Ich konnte mich

selbst nicht mehr erfahren in ihm.“

„Wie ein Knabe bist du,“ lächelte Alexandra, „dem die schönsten Frauen

nur die Möglichkeit zu lieben schenken.“

„Ein Knabe,“ wiederholte Gert und sah Alexandra an, „wäre ich ein Knabe,

so würde ich dich entführen!“

„Still!“ Alexandra war sehr blaß geworden. „Du sprichst törichte Dinge!“

„Erzähle mir von dir,“ bat Gert. „Du hast viel geliebt, nicht wahr?“

„Ich habe viel geliebt,“ antwortete die Bildhauerin. „Aber wieviel ich

auch gab, und wenn es tausendmal mehr war, als der andere zu geben

hatte, es war doch stets so, daß ich mich immer zurücknehmen konnte, daß

ein Rest blieb, der keinem Menschen gehören darf, den ich nur an meine

Kunst verschenken kann.“

„Dann gabst du dich doch nicht? Dann nahmst du doch nur! Wer halb gibt,

gibt nichts.“

„Das hat mir noch niemand zu sagen gewagt,“ antwortete Alexandra

schroff. „Ich bin eine Künstlerin und nicht dazu da, mich zu

verschenken.“

„Wie hochmütig du bist und – wie arm,“ sagte Gert leise, und ihre Augen

wurden ganz dunkel.

Der wilde Garten · 第 24 / 34 题