Siebzehntes Kapitel

Die Mädchen hatten es durchgesetzt, daß die Maturafeier nicht wie üblich

in dem großen Gartenlokal eines bürgerlichen Restaurants in der Stadt

stattfand, sondern in einem Hotel draußen vor den letzten Häusern, in

einem fashionablen Restaurant mit Terrasse und kleinen roten Lampen, mit

einer Tanzdiele im Freien und echter Jazzbandmusik. Es gab harte Kämpfe,

aber schließlich hatte bei dem Rektor die Überlegung den Ausschlag

gegeben, daß er diese eine Klasse endgültig los sei, die ihm so viel

Sorgen gemacht hatte wie kaum eine zweite.

Und noch etwas anderes hatten die Mädchen erreicht, was wohl als

Revolution gegen allen bisherigen Brauch gelten durfte: sie kamen ohne

Eltern zu diesem Fest. Schließlich waren ja so viele ehemalige

Schülerinnen bei dieser Feier, ältere Schwestern der Maturantinnen,

andere auch, viele, die schon längst Frauen oder im selbständigen Beruf

tätig waren.

Und dann: an Herren war ja niemand zugelassen als die Professoren, und

daß diese nicht zählten, wußten selbst die besorgtesten Eltern. Kein

männliches Wesen durfte sich sonst zeigen, kein Bruder, kein Cousin.

Die junge Schar war auf der Terrasse um einen großen Tisch vereinigt

beim Abendessen, das für die Feier des Tages besonders festlich gewählt

worden war. Seltsam genug nahmen sich die etwas verlegenen Gesichter der

Professoren, ihre schwarzen Anzüge, im Kreise der Jugend aus.

„Fräulein Dr. Südekum ist noch immer nicht gekommen?“ fragte Gert

besorgt, und Herta Kobinger meinte: „Wenn sie sich am Ende drückt, –

aber das wäre eine Gemeinheit gegen uns!“

Obwohl man sich sehr erwachsen fühlte, wurde in der ersten Stunde nur

von der Schule gesprochen. Jetzt kam es heraus: jede hatte doch

furchtbare Angst vor diesen Prüfungen gehabt. Immer wieder hatte man

darüber nachgegrübelt, was man wohl vergessen haben mochte, und am

letzten Tage schien es überhaupt, daß man gar nichts wußte. Es war nur

gut, daß man von den Zurückgetretenen nichts erfuhr, – sonst wären alle

ihrem Beispiel gefolgt.

„Ich habe am Abend dem lieben Gott versprochen, daß ich mir sechsmal mit

dem Lineal auf die Hand schlage, wenn ich in Mathematik durchkomme,“

erzählte Herta, die wie immer das große Wort führte.

„Und nun – hast du es getan?“ fragte der Mathematikprofessor neckend. Er

kam sich heute wie ein Lebemann unter so vielen jungen Damen vor.

„Ja, – nein. Ich habe dreimal fest hingehauen, – aber dann brannte mir

die Hand zu sehr.“

Stürmisches Gelächter folgte diesem Bekenntnis.

Als der Braten gegessen war, schlug der Rektor an das Glas. Die Mädchen

sahen einander scheu und verlegen an. Nun hieß es noch einmal

stillsitzen und ein ernstes Gesicht machen. Jetzt loslachen wäre

furchtbar gewesen, obwohl Rektor Krause entsetzlich komisch mit seiner

weißen Vorsteckkrawatte aussah.

Rektor Krause sprach sich immer tiefer in eine Rührung hinein, die seine

Stimme klatschnaß erscheinen ließ. Er sprach von dem Glück einer

sittlich gefestigten Weltanschauung, welche die Schule verleihe, von der

Ertüchtigung des Charakters, vom Sichselbsttreubleiben. Das Weinglas

hoch erhoben wie den Stab, den er sonst in der Schule beim Vortrage

hielt, rief er: „Und so wünsche ich Ihnen denn, daß Sie alle im Leben

Ihren Platz als liebende Gattinnen und brave Mütter ausfüllen mögen.

_Non scholae, sed vitae discimus!_“

Während ihm alles lärmend zutrank, beugte sich Lizzie zu Sonja Kobinger,

die neben ihr saß, und flüsterte: „Und wenn man keinen Mann bekommt, –

was dann? Er soll beruhigt sein, zum Heiraten und Kinderkriegen ist es

wichtiger, daß man hübsch ist als dieses ‚_discimus_‘.“

Nun wurde es gemütlich. Grete Erb schwang zwar noch eine Rede, in der

sie für alles dankte, was die Schule einem gegeben, „die die Tore zu den

Brüsten der _Alma mater_ geöffnet habe“. – Lizzie erstickte fast vor

Lachen über dieses Bild, – aber niemand außer den Professoren hörte mehr

ernsthaft zu.

Sonja Kobinger beugte sich tief zu Herta herab: „Schwesterlein,“ sagte

sie, „du mußt mir heute helfen. Ich habe keine andere Gelegenheit, mich

mit ihm auszusprechen, und übermorgen fährt er weg.“

„Du willst fort?“ – angstvoll sah die Kleine zu ihr auf.

„Nur auf eine Stunde! – Bitte, sei lieb! Ihr bleibt hier doch sicherlich

bis Mitternacht zusammen, – ich werde versuchen, dich am Haupttore

abzupassen, – ich erfahre ja telephonisch, wann hier Schluß ist. Und

selbst wenn wir uns verfehlen, – die Eltern schlafen dann ja schon: du

legst mir einfach den Schlüssel unter die Fußmatte – ja, bitte, bitte!“

„Aber ist das nicht ein Unsinn – du machst dir doch sonst nicht so viel

daraus, wenn einer fortfährt.“

„Herta! Wie du redest! Nein, sei still! Ich will dir etwas ganz heimlich

ins Ohr sagen: ich glaube, ich habe ihn wirklich lieb!“

„Diesen verrückten Kunstsammler? – Aber geh!“

„Ja, ich glaube doch, es ist so. Mir ist viel schlimmer zumute, als du

glaubst.“

„Warum denn?“

„Weil ich ihm alles sagte, – als ich nicht wußte, daß es so mit mir

kommen würde. Aber nun, nicht wahr, ich kann jetzt gehen?“ Sonja sah

sich nach allen Seiten um, aber niemandem fiel es auf, daß sie ihren

Mantel über die Schultern nahm und in die Hotelhalle schlich, die sie

durch einen anderen Ausgang verließ.

„Hier kommt endlich Fräulein Dr. Südekum!“ rief Lizzie und eilte der

Lehrerin entgegen. „Kommen Sie, setzen Sie sich zu uns!“ Kaum aber hatte

Lizzie einen Blick in das Gesicht der Lehrerin getan, so fuhr sie

erschreckt zurück. „Sie sind ja krank, Frau Doktor – so entsetzlich blaß

– und Sie zittern ja?“

„Still, – still!“ sagte das kleine Fräulein mit einer Stimme, die den

anderen ganz seltsam fremd vorkam. Sie setzte sich zwischen Lizzie und

Gert und griff hastig nach dem Glas roten Weines, das man vor sie

hinstellte. „Ich fühle mich nicht wohl und konnte daher nicht früher

kommen, – ich fürchtete, daß ich euch die Stimmung verderben könnte!“

„Sind Sie krank, Frau Doktor?“ In Gerts Stimme lag ehrliche Anteilnahme.

Das kleine Fräulein sah so entsetzlich aus.

„Nein, nein, – es wird vorübergehen. Ich kam – ich wollte euch doch

wenigstens noch einmal sehen.“ Und zu Gert geneigt: „Und dich sprechen,

Kind.“

„Ja,“ ein wenig unruhig sah Gert in das Gesicht der Lehrerin. Es mußte

doch etwas geschehen sein – so, so sah man doch nicht aus, wenn man

nicht wochenlang im Spital gelegen hatte.

Nun stürzten sich auch die andern Mädchen auf die Lehrerin. Plötzlich

kam es ihnen zum Bewußtsein, daß da heute ein Band zerriß, eine

Gemeinschaft, die viele Jahre den Inhalt ihres Lebens bedeutet hatte.

Ja, sie hatten einander später immer weniger, immer schwerer verstanden

– aber gerngehabt hatten sie das kleine Fräulein mit dem so

mitempfindenden mütterlichen Herzen doch immer. Sie waren gewiß nicht

traurig, daß sie dem Zwange der Schule entflohen waren, aber um das

kleine Fräulein tat es ihnen doch allen leid.

Fräulein Dr. Südekum drängte sich mühsam durch die Reihen der lärmend

Lustigen bis nach vorn an die Tafel. Dort saß neben Rektor Krause der

Schularzt Dr. Klempner und neben ihm die kleine Martha. Die Lehrerin bot

den Männern die Hand und beugte sich dann zu dem jungen Mädchen herab,

das ihr heute verändert und erschreckend blaß erschien.

„Wie geht es, kleine Martha?“

Das Mädchen antwortete nicht, aber es sah das kleine Fräulein unverwandt

an. Eine Frage lag in diesem Blick und eine Bitte.

Fräulein Dr. Südekum konnte aber nicht lange bei Martha verweilen, die

Schülerinnen ihrer Klasse umdrängten sie und zogen sie weiter.

Als Fräulein Dr. Südekum aus dem Trubel der allgemeinen Festlichkeit und

dem Ansturm plötzlicher Liebesbezeigungen wieder an ihren Platz zwischen

Lizzie und Gert zurückkehrte, sah sie noch blasser und durchsichtiger

aus, wie nach einer übergroßen Anstrengung.

„Komm ein wenig zu mir hinaus in den Garten,“ sagte sie zu Gert, und

diese erhob sich gehorsam und ein wenig beunruhigt.

„Du darfst mir nicht böse sein, wenn ich heute nicht so bin, wie ihr

erwarten durftet, – aber dir will ich es erklären. Du weißt doch, daß

ich seit zwei Jahren Erwin Löß, den einzigen Sohn von Löß, unterrichte?

Er war mir sehr ans Herz gewachsen. – Nun, – er ist tot, und morgen wird

er begraben.“

Gert verharrte schweigend. Sie tastete nur leise nach der Hand der

Lehrerin, die sie ihr willig überließ.

Als die beiden noch weiter in das Dunkel des Parkweges hineingingen,

sagte die Lehrerin noch: „Ich kann dir nichts darüber erzählen, – die

Zeitungen haben über den Fall schon mehr als nötig berichtet. Du sollst

nur verstehen, warum ich nicht bei euch bleiben kann, warum ich jetzt

wieder gehen werde. Ich wollte euch nur sehen. – Gert, ich habe dir zu

danken, – du hast mich miterleben lassen, wie du aus den Kämpfen jener

ersten bitteren Zeit zu dir fandest, ich habe dir ein wenig helfen

dürfen.“

„O, Frau Doktor!“

„Ja, – und das war sehr schön für mich. Du hast mich dann freilich nicht

wissen lassen, wohin du gingst – in was du wuchsest – aber ich werde

immer in Liebe an dich denken.“

„O, Frau Doktor –“ Es waren nicht die Worte des kleinen Fräuleins,

sondern vielmehr der Klang der Stimme, der so schwer, so tief an

vergangene Stunden rührte, der Gert jäh enthüllte, wie so ganz sie

vergessen hatte, daß dieser Mensch ihr einmal Heimat gewesen war. Aber

Gert wußte auch, daß es hatte nicht anders sein können.

„Ich weiß, daß Sie enttäuscht sein mußten,“ sagte sie leise, „daß Sie

mich für undankbar halten mußten. Einmal lernte ich sehr gerne – das

war, als alle Dinge von außen in mich eingingen, – durch die weitoffenen

Fenster der Sinne. Lernen war ja damals, andere Fenster aufmachen, nicht

wahr, es war andere Dinge zu denen tun, die ich mit den Augen und Ohren

sammelte. Aber dann begann das andere – ich kann es nicht so

ausdrücken.“

„Sprich nur, Gertrud, – ich habe dich immer verstanden.“

„Ich mußte so tief in mich hinabhorchen – da – sang es und wurde immer

wacher. Und da mußte ich nach außen alles zumachen, mich ganz

verschließen, um mich besser zu hören. – – Da lernte ich dann nur noch

aus Pflicht, nur mehr mechanisch.“

„Ich glaube, daß ich dich verstehe,“ sagte das kleine Fräulein, „aber

ich hätte doch gern gewußt, – was in dir so wach wurde und klang – –“

„Davon kann ich nicht sprechen,“ erwiderte Gert leise und abwehrend.

„Ich kann überhaupt nicht sprechen.“

„Und fährst du nun fort?“

„Ja.“ Das kleine Fräulein sah, daß das schmale, stolze Gesicht des

jungen Mädchens leuchtete vor Glück.

„Und wohin?“

„Nach dem Süden – in die Sonne – ich weiß noch nicht, wohin.“

„Du weißt es nicht? Wann fährst du denn?“

„Morgen!“

„Und da weißt du noch nicht, wohin du fährst?“ Die Lehrerin lächelte

verwundert.

„Nein, ich weiß nur, nach dem Süden. Ich weiß nur, auf eine Insel. Ich

weiß nur, mit Alexandra, – sonst weiß ich nichts mehr.“

Nun aber war es, daß die Lehrerin kein Wort hervorbrachte. Wie ein

schwerer, entsetzlich schwerer Stein war dieses Wort brunnentief in sie

gestürzt. – Ich weiß nur, mit Alexandra.

Und während Gert hoch und schlank vor ihr stand, etwas erstaunt über das

plötzliche Verstummen der Lehrerin, sann das kleine Fräulein darüber

nach, wieso es wohl gekommen war, daß sie dies alles schon damals geahnt

hatte, als Gert davon sprach, es müsse sich erst alles wegen ihrer Reise

entscheiden. Nein, es war nicht so unerwartet gewesen. Ihr Denken hatte

sich nur so verzweifelt gegen das Gefühl gewehrt, das sie damals schon

überfallen hatte, als sie von Alexandra hörte, sie habe Gert

kennengelernt. Nun war alles entschieden. Alles.

„Lebe wohl,“ sagte sie plötzlich mit veränderter Stimme. Sie durfte

nicht weitersprechen, sonst mußte Gert ja merken, wie furchtbar sie dies

traf.

„Was haben Sie, Frau Doktor?“ fragte Gert erstaunt. „Sie sind plötzlich

so ganz anders?“

„Ich – ich wollte dich nur fragen: wie ist das mit dir und dieser Frau

Alexandra? Wie kam es so plötzlich? Ich weiß, sie fährt sonst immer

allein?“

„Alexandra sagte: ‚Du kommst mit mir!‘“

„Du? – So sagt ihr euch also du?“ Immer blasser und durchsichtiger wurde

das Gesicht des kleinen Fräuleins im Schein des Nachthimmels.

„Ja, – es ist ja so, als kennten wir uns schon tausend Jahre. – Ich fand

ihren Vorschlag herrlich.“

„Und es schien dir gar nicht befremdlich? Ich meine, sie ist doch eine

Frau, eine Künstlerin – und du bist so jung?“

„Ich denke überhaupt nie nach. Ich lasse mich immer treiben. Das ist so

schön, – man lernt sich kennen.“

„Man kann sich auch verlieren! – O Gertrud, ich habe Angst um dich!“

„Es ist schön, Angst zu haben, – ich habe auch ein wenig Angst.“

Das kleine Fräulein umfing die junge Gestalt vor sich mit einem wehen

Blick.

„Lebe wohl, Gert, ich muß nun gehen.“

„Leben Sie wohl, Frau Doktor – ich werde Ihnen schreiben.“

Langsam ging das kleine Fräulein den Weg weiter hinaus auf die Straße.

So müde war ihr Gang nun, so müde.

Sie ging weiter und weiter. Es war ja so gleichgültig, wohin sie ging.

Nur nicht in die Einsamkeit ihres Zimmers, das hätte sie jetzt nicht

ertragen können. Aber sonst war alles gleich. Da das Hotel aber hier

draußen im Cottage lag, war es vielleicht am besten, sie ging zu

Nowotnys? Sie war schon so lange nicht dort gewesen. Ja, das würde ihr

gut tun. Auch Dummheit tat manchmal gut.

Während das kleine Fräulein den Weg hinaus in die stille Straße

wanderte, wo Nowotnys wohnten, räumte der Kellner in einem Separee in

der inneren Stadt die Überreste eines kleinen Soupers ab und entkorkte

die eisgekühlte Flasche Sekt.

„Den ersten Schluck mußt du aus meinem Munde trinken,“ sagte Sonja zu

dem breitschultrigen Manne, der neben ihr saß und sein braungebeiztes

Gesicht ihrem näherte.

„Komm!“

„Du!“ Mit einem Seufzer ließ sie von seinem Munde.

Sie gaben sich ihrer Leidenschaft wie besessen. Ihr Körper bäumte sich

unter seinen Küssen.

„Du – liebst du mich?“ Eine drohende Falte stand zwischen seinen Brauen.

„Ich – ich weiß es nicht.“ Sie machte sich aus seinen Armen los. „Das

weiß ich nie.“

Da zwang er sie langsam, ganz langsam, aber mit überlegener Kraft so zu

sich, daß ihr rotbraunes Haar über seine Hemdbrust flutete. „Höre zu,

Kind. Du sprichst so tolle Sachen. – Du fürchtest dich vor gar nichts,

und es scheint dir auch sehr gleichgültig zu sein, was man von dir

denkt. Dennoch du, – ich spüre es, daß du nicht so bist, wie du dich

gibst, kleines, tolles Mädchen! Und wie sehr du dich wehrst und das

leichtsinnige Mädel spielst: glaubst du, ich weiß nicht, daß du mich

liebst? Daß du das zum erstenmal spürst, – so bis in dein innerstes

Leben?“

„Das ist nicht wahr, ich liebe dich nicht!“ Wie Flehen klang es.

„Wildkatze! – Höre einmal zu. Ich bin kein Bub mehr. Ich habe in der

Gesellschaft gelebt und in fast allen Ländern der Erde, wo ich meinem

geliebten antiken Grabschmuck nachjagte. Ich habe die europäische Liebe

gekostet und die exotische, ich habe kleine blonde Komtessen in den

Armen gehalten und halbflügge fremdrassige Kinder, wie man sie in den

Hafenstädten kauft. Mir macht man nichts vor. Ich mache mir nichts aus

den sogenannten jungfräulichen Mädchen Europas, auf deren grauer Haut,

wenn sie über die zwanzig sind, alle wüsten Träume ihrer einsamen Nächte

sich spiegeln. Ich mag nicht mit geträumten Männern und geträumten

Nächten fechten. Aber ich weiß mich Manns genug, um auch dort der

wirklich erste Geliebte zu sein, wo ein Mädel so ungeduldig war, nicht

auf die Eventualität Ehemann zu warten. Oder glaubst du, ich weiß nicht,

daß alles ausgelöscht ist, seitdem ich dich küßte?“

„Schweig!“ Erblaßt wandte sie ihr Gesicht von ihm ab. O, wie ihr Herz

schlug, wie rasend, wie bange!

„Nein, Wildkatze, ich schweige nicht. Sage einmal: du willst doch auch

heiraten?“

„Höre auf – das kommt immer noch zu früh! Heute sitzen wir in einem

Separee, der Sekt ist eingekühlt, ich habe mich so auf dich gefreut!

Willst du mir eine Predigt halten! Ich höre daheim genug davon.“

„Aber Mädel, wer will dir etwas predigen? – Sicherlich am wenigsten ich,

der mit dir seit Tagen durch alle wüsten Lokale zieht, den es so freut,

wie unbändigen Spaß es dir macht, noch die Kellner durch deine Wildheit

zu erschrecken. Aber das eine weißt du doch selbst, daß dies kein Spiel

mehr ist, daß es ganz, ganz anders ist als deine kleinen und großen

Mädeldummheiten. Und ich fordere, daß du es bekennst, wie sehr du mich

liebst.“

„Nein!“ Angst und Abwehr sprach aus ihrem Antlitz.

Ein harter, fordernder Mund legte sich schwer auf ihren.

„Liebst du mich?“

Nur noch die stahlblauen Augen waren über ihr, die aus dem braunen

verwitterten Gesicht brannten. So süßer Taumel ging von ihnen aus, so

süßer Taumel. Und ein trotziger Mund vergrub sich in einen Männernacken

und stöhnte:

„Ja, – ich liebe dich, – dich – dich!“

Eine weiche Hand fuhr über wildgelocktes Haar und strich es aus der

heißen Stirn: „Dann höre, Wildkatze. Es ist das letzte ernste Wort.

Nachher brauchst du nur noch Sekt zu trinken und mich zu küssen. – Also:

Die Adresse deines Papas ist wohl dieselbe wie die deine?“

„Ja, – wozu?“

„Still! – Trifft man deinen Papa vormittags daheim? – Ja? – Gut, dann

will ich ihm morgen sagen, daß ich Verlobungen hasse und daß wir in drei

Wochen heiraten werden!“

„Du bist verrückt!“

„Ruhe! Jetzt feiern wir unsere Verlobung, verstanden? Oder gefällt es

dir nicht hier, unter dem zerkratzten Spiegel, auf dem roten

Plüschsofa!“

„Du!“

* * * * *

Während dies sich in einem der verrufensten Lokale der inneren Stadt

zutrug, hatte das kleine Fräulein Dr. Südekum in das Heim der Nowotnys

gefunden.

„Laßt mich nur ein wenig dasitzen,“ sagte die Lehrerin. „Mir ist zu

elend, ich kann nicht reden.“

So begannen die beiden zu erzählen. Sie sprachen ruhig, sie sprachen wie

glückliche Leute.

Die Bildhauerin erwähnten sie mit keinem Worte.

Aber als die Lehrerin in das Wohnzimmer trat, da sah sie: die

vergrößerten Photographien hingen alle wieder an der Wand. Auch der

Schornsteinfeger stand in seiner Ecke, und das Zimmer empfing sein Licht

durch eine Hängelampe, deren Seidenschirm pausbäckige gußeiserne Engel

hielten.

Da sank eine große Traurigkeit in das Herz des alternden Fräuleins. Sie

empfahl sich wortkarg und ging hinaus in die nachtstillen Straßen.

Würde es auch ihr so gehen? – Und war das das Ende, daß alles wieder ins

Geleise kam, daß man still wurde und resigniert, daß man die Bilder von

einst wieder an die Wand hängte?

Aber noch lag sie an der Brust eines großen Schmerzes. Er spreitete

seine Flügel weit und trug sie hoch über Resignation und Stille davon in

sein düster flammendes Reich.

Noch litt sie, – so lebte sie noch.

Der wilde Garten · 第 23 / 34 题