Die Mädchen hatten es durchgesetzt, daß die Maturafeier nicht wie üblich
in dem großen Gartenlokal eines bürgerlichen Restaurants in der Stadt
stattfand, sondern in einem Hotel draußen vor den letzten Häusern, in
einem fashionablen Restaurant mit Terrasse und kleinen roten Lampen, mit
einer Tanzdiele im Freien und echter Jazzbandmusik. Es gab harte Kämpfe,
aber schließlich hatte bei dem Rektor die Überlegung den Ausschlag
gegeben, daß er diese eine Klasse endgültig los sei, die ihm so viel
Sorgen gemacht hatte wie kaum eine zweite.
Und noch etwas anderes hatten die Mädchen erreicht, was wohl als
Revolution gegen allen bisherigen Brauch gelten durfte: sie kamen ohne
Eltern zu diesem Fest. Schließlich waren ja so viele ehemalige
Schülerinnen bei dieser Feier, ältere Schwestern der Maturantinnen,
andere auch, viele, die schon längst Frauen oder im selbständigen Beruf
tätig waren.
Und dann: an Herren war ja niemand zugelassen als die Professoren, und
daß diese nicht zählten, wußten selbst die besorgtesten Eltern. Kein
männliches Wesen durfte sich sonst zeigen, kein Bruder, kein Cousin.
Die junge Schar war auf der Terrasse um einen großen Tisch vereinigt
beim Abendessen, das für die Feier des Tages besonders festlich gewählt
worden war. Seltsam genug nahmen sich die etwas verlegenen Gesichter der
Professoren, ihre schwarzen Anzüge, im Kreise der Jugend aus.
„Fräulein Dr. Südekum ist noch immer nicht gekommen?“ fragte Gert
besorgt, und Herta Kobinger meinte: „Wenn sie sich am Ende drückt, –
aber das wäre eine Gemeinheit gegen uns!“
Obwohl man sich sehr erwachsen fühlte, wurde in der ersten Stunde nur
von der Schule gesprochen. Jetzt kam es heraus: jede hatte doch
furchtbare Angst vor diesen Prüfungen gehabt. Immer wieder hatte man
darüber nachgegrübelt, was man wohl vergessen haben mochte, und am
letzten Tage schien es überhaupt, daß man gar nichts wußte. Es war nur
gut, daß man von den Zurückgetretenen nichts erfuhr, – sonst wären alle
ihrem Beispiel gefolgt.
„Ich habe am Abend dem lieben Gott versprochen, daß ich mir sechsmal mit
dem Lineal auf die Hand schlage, wenn ich in Mathematik durchkomme,“
erzählte Herta, die wie immer das große Wort führte.
„Und nun – hast du es getan?“ fragte der Mathematikprofessor neckend. Er
kam sich heute wie ein Lebemann unter so vielen jungen Damen vor.
„Ja, – nein. Ich habe dreimal fest hingehauen, – aber dann brannte mir
die Hand zu sehr.“
Stürmisches Gelächter folgte diesem Bekenntnis.
Als der Braten gegessen war, schlug der Rektor an das Glas. Die Mädchen
sahen einander scheu und verlegen an. Nun hieß es noch einmal
stillsitzen und ein ernstes Gesicht machen. Jetzt loslachen wäre
furchtbar gewesen, obwohl Rektor Krause entsetzlich komisch mit seiner
weißen Vorsteckkrawatte aussah.
Rektor Krause sprach sich immer tiefer in eine Rührung hinein, die seine
Stimme klatschnaß erscheinen ließ. Er sprach von dem Glück einer
sittlich gefestigten Weltanschauung, welche die Schule verleihe, von der
Ertüchtigung des Charakters, vom Sichselbsttreubleiben. Das Weinglas
hoch erhoben wie den Stab, den er sonst in der Schule beim Vortrage
hielt, rief er: „Und so wünsche ich Ihnen denn, daß Sie alle im Leben
Ihren Platz als liebende Gattinnen und brave Mütter ausfüllen mögen.
_Non scholae, sed vitae discimus!_“
Während ihm alles lärmend zutrank, beugte sich Lizzie zu Sonja Kobinger,
die neben ihr saß, und flüsterte: „Und wenn man keinen Mann bekommt, –
was dann? Er soll beruhigt sein, zum Heiraten und Kinderkriegen ist es
wichtiger, daß man hübsch ist als dieses ‚_discimus_‘.“
Nun wurde es gemütlich. Grete Erb schwang zwar noch eine Rede, in der
sie für alles dankte, was die Schule einem gegeben, „die die Tore zu den
Brüsten der _Alma mater_ geöffnet habe“. – Lizzie erstickte fast vor
Lachen über dieses Bild, – aber niemand außer den Professoren hörte mehr
ernsthaft zu.
Sonja Kobinger beugte sich tief zu Herta herab: „Schwesterlein,“ sagte
sie, „du mußt mir heute helfen. Ich habe keine andere Gelegenheit, mich
mit ihm auszusprechen, und übermorgen fährt er weg.“
„Du willst fort?“ – angstvoll sah die Kleine zu ihr auf.
„Nur auf eine Stunde! – Bitte, sei lieb! Ihr bleibt hier doch sicherlich
bis Mitternacht zusammen, – ich werde versuchen, dich am Haupttore
abzupassen, – ich erfahre ja telephonisch, wann hier Schluß ist. Und
selbst wenn wir uns verfehlen, – die Eltern schlafen dann ja schon: du
legst mir einfach den Schlüssel unter die Fußmatte – ja, bitte, bitte!“
„Aber ist das nicht ein Unsinn – du machst dir doch sonst nicht so viel
daraus, wenn einer fortfährt.“
„Herta! Wie du redest! Nein, sei still! Ich will dir etwas ganz heimlich
ins Ohr sagen: ich glaube, ich habe ihn wirklich lieb!“
„Diesen verrückten Kunstsammler? – Aber geh!“
„Ja, ich glaube doch, es ist so. Mir ist viel schlimmer zumute, als du
glaubst.“
„Warum denn?“
„Weil ich ihm alles sagte, – als ich nicht wußte, daß es so mit mir
kommen würde. Aber nun, nicht wahr, ich kann jetzt gehen?“ Sonja sah
sich nach allen Seiten um, aber niemandem fiel es auf, daß sie ihren
Mantel über die Schultern nahm und in die Hotelhalle schlich, die sie
durch einen anderen Ausgang verließ.
„Hier kommt endlich Fräulein Dr. Südekum!“ rief Lizzie und eilte der
Lehrerin entgegen. „Kommen Sie, setzen Sie sich zu uns!“ Kaum aber hatte
Lizzie einen Blick in das Gesicht der Lehrerin getan, so fuhr sie
erschreckt zurück. „Sie sind ja krank, Frau Doktor – so entsetzlich blaß
– und Sie zittern ja?“
„Still, – still!“ sagte das kleine Fräulein mit einer Stimme, die den
anderen ganz seltsam fremd vorkam. Sie setzte sich zwischen Lizzie und
Gert und griff hastig nach dem Glas roten Weines, das man vor sie
hinstellte. „Ich fühle mich nicht wohl und konnte daher nicht früher
kommen, – ich fürchtete, daß ich euch die Stimmung verderben könnte!“
„Sind Sie krank, Frau Doktor?“ In Gerts Stimme lag ehrliche Anteilnahme.
Das kleine Fräulein sah so entsetzlich aus.
„Nein, nein, – es wird vorübergehen. Ich kam – ich wollte euch doch
wenigstens noch einmal sehen.“ Und zu Gert geneigt: „Und dich sprechen,
Kind.“
„Ja,“ ein wenig unruhig sah Gert in das Gesicht der Lehrerin. Es mußte
doch etwas geschehen sein – so, so sah man doch nicht aus, wenn man
nicht wochenlang im Spital gelegen hatte.
Nun stürzten sich auch die andern Mädchen auf die Lehrerin. Plötzlich
kam es ihnen zum Bewußtsein, daß da heute ein Band zerriß, eine
Gemeinschaft, die viele Jahre den Inhalt ihres Lebens bedeutet hatte.
Ja, sie hatten einander später immer weniger, immer schwerer verstanden
– aber gerngehabt hatten sie das kleine Fräulein mit dem so
mitempfindenden mütterlichen Herzen doch immer. Sie waren gewiß nicht
traurig, daß sie dem Zwange der Schule entflohen waren, aber um das
kleine Fräulein tat es ihnen doch allen leid.
Fräulein Dr. Südekum drängte sich mühsam durch die Reihen der lärmend
Lustigen bis nach vorn an die Tafel. Dort saß neben Rektor Krause der
Schularzt Dr. Klempner und neben ihm die kleine Martha. Die Lehrerin bot
den Männern die Hand und beugte sich dann zu dem jungen Mädchen herab,
das ihr heute verändert und erschreckend blaß erschien.
„Wie geht es, kleine Martha?“
Das Mädchen antwortete nicht, aber es sah das kleine Fräulein unverwandt
an. Eine Frage lag in diesem Blick und eine Bitte.
Fräulein Dr. Südekum konnte aber nicht lange bei Martha verweilen, die
Schülerinnen ihrer Klasse umdrängten sie und zogen sie weiter.
Als Fräulein Dr. Südekum aus dem Trubel der allgemeinen Festlichkeit und
dem Ansturm plötzlicher Liebesbezeigungen wieder an ihren Platz zwischen
Lizzie und Gert zurückkehrte, sah sie noch blasser und durchsichtiger
aus, wie nach einer übergroßen Anstrengung.
„Komm ein wenig zu mir hinaus in den Garten,“ sagte sie zu Gert, und
diese erhob sich gehorsam und ein wenig beunruhigt.
„Du darfst mir nicht böse sein, wenn ich heute nicht so bin, wie ihr
erwarten durftet, – aber dir will ich es erklären. Du weißt doch, daß
ich seit zwei Jahren Erwin Löß, den einzigen Sohn von Löß, unterrichte?
Er war mir sehr ans Herz gewachsen. – Nun, – er ist tot, und morgen wird
er begraben.“
Gert verharrte schweigend. Sie tastete nur leise nach der Hand der
Lehrerin, die sie ihr willig überließ.
Als die beiden noch weiter in das Dunkel des Parkweges hineingingen,
sagte die Lehrerin noch: „Ich kann dir nichts darüber erzählen, – die
Zeitungen haben über den Fall schon mehr als nötig berichtet. Du sollst
nur verstehen, warum ich nicht bei euch bleiben kann, warum ich jetzt
wieder gehen werde. Ich wollte euch nur sehen. – Gert, ich habe dir zu
danken, – du hast mich miterleben lassen, wie du aus den Kämpfen jener
ersten bitteren Zeit zu dir fandest, ich habe dir ein wenig helfen
dürfen.“
„O, Frau Doktor!“
„Ja, – und das war sehr schön für mich. Du hast mich dann freilich nicht
wissen lassen, wohin du gingst – in was du wuchsest – aber ich werde
immer in Liebe an dich denken.“
„O, Frau Doktor –“ Es waren nicht die Worte des kleinen Fräuleins,
sondern vielmehr der Klang der Stimme, der so schwer, so tief an
vergangene Stunden rührte, der Gert jäh enthüllte, wie so ganz sie
vergessen hatte, daß dieser Mensch ihr einmal Heimat gewesen war. Aber
Gert wußte auch, daß es hatte nicht anders sein können.
„Ich weiß, daß Sie enttäuscht sein mußten,“ sagte sie leise, „daß Sie
mich für undankbar halten mußten. Einmal lernte ich sehr gerne – das
war, als alle Dinge von außen in mich eingingen, – durch die weitoffenen
Fenster der Sinne. Lernen war ja damals, andere Fenster aufmachen, nicht
wahr, es war andere Dinge zu denen tun, die ich mit den Augen und Ohren
sammelte. Aber dann begann das andere – ich kann es nicht so
ausdrücken.“
„Sprich nur, Gertrud, – ich habe dich immer verstanden.“
„Ich mußte so tief in mich hinabhorchen – da – sang es und wurde immer
wacher. Und da mußte ich nach außen alles zumachen, mich ganz
verschließen, um mich besser zu hören. – – Da lernte ich dann nur noch
aus Pflicht, nur mehr mechanisch.“
„Ich glaube, daß ich dich verstehe,“ sagte das kleine Fräulein, „aber
ich hätte doch gern gewußt, – was in dir so wach wurde und klang – –“
„Davon kann ich nicht sprechen,“ erwiderte Gert leise und abwehrend.
„Ich kann überhaupt nicht sprechen.“
„Und fährst du nun fort?“
„Ja.“ Das kleine Fräulein sah, daß das schmale, stolze Gesicht des
jungen Mädchens leuchtete vor Glück.
„Und wohin?“
„Nach dem Süden – in die Sonne – ich weiß noch nicht, wohin.“
„Du weißt es nicht? Wann fährst du denn?“
„Morgen!“
„Und da weißt du noch nicht, wohin du fährst?“ Die Lehrerin lächelte
verwundert.
„Nein, ich weiß nur, nach dem Süden. Ich weiß nur, auf eine Insel. Ich
weiß nur, mit Alexandra, – sonst weiß ich nichts mehr.“
Nun aber war es, daß die Lehrerin kein Wort hervorbrachte. Wie ein
schwerer, entsetzlich schwerer Stein war dieses Wort brunnentief in sie
gestürzt. – Ich weiß nur, mit Alexandra.
Und während Gert hoch und schlank vor ihr stand, etwas erstaunt über das
plötzliche Verstummen der Lehrerin, sann das kleine Fräulein darüber
nach, wieso es wohl gekommen war, daß sie dies alles schon damals geahnt
hatte, als Gert davon sprach, es müsse sich erst alles wegen ihrer Reise
entscheiden. Nein, es war nicht so unerwartet gewesen. Ihr Denken hatte
sich nur so verzweifelt gegen das Gefühl gewehrt, das sie damals schon
überfallen hatte, als sie von Alexandra hörte, sie habe Gert
kennengelernt. Nun war alles entschieden. Alles.
„Lebe wohl,“ sagte sie plötzlich mit veränderter Stimme. Sie durfte
nicht weitersprechen, sonst mußte Gert ja merken, wie furchtbar sie dies
traf.
„Was haben Sie, Frau Doktor?“ fragte Gert erstaunt. „Sie sind plötzlich
so ganz anders?“
„Ich – ich wollte dich nur fragen: wie ist das mit dir und dieser Frau
Alexandra? Wie kam es so plötzlich? Ich weiß, sie fährt sonst immer
allein?“
„Alexandra sagte: ‚Du kommst mit mir!‘“
„Du? – So sagt ihr euch also du?“ Immer blasser und durchsichtiger wurde
das Gesicht des kleinen Fräuleins im Schein des Nachthimmels.
„Ja, – es ist ja so, als kennten wir uns schon tausend Jahre. – Ich fand
ihren Vorschlag herrlich.“
„Und es schien dir gar nicht befremdlich? Ich meine, sie ist doch eine
Frau, eine Künstlerin – und du bist so jung?“
„Ich denke überhaupt nie nach. Ich lasse mich immer treiben. Das ist so
schön, – man lernt sich kennen.“
„Man kann sich auch verlieren! – O Gertrud, ich habe Angst um dich!“
„Es ist schön, Angst zu haben, – ich habe auch ein wenig Angst.“
Das kleine Fräulein umfing die junge Gestalt vor sich mit einem wehen
Blick.
„Lebe wohl, Gert, ich muß nun gehen.“
„Leben Sie wohl, Frau Doktor – ich werde Ihnen schreiben.“
Langsam ging das kleine Fräulein den Weg weiter hinaus auf die Straße.
So müde war ihr Gang nun, so müde.
Sie ging weiter und weiter. Es war ja so gleichgültig, wohin sie ging.
Nur nicht in die Einsamkeit ihres Zimmers, das hätte sie jetzt nicht
ertragen können. Aber sonst war alles gleich. Da das Hotel aber hier
draußen im Cottage lag, war es vielleicht am besten, sie ging zu
Nowotnys? Sie war schon so lange nicht dort gewesen. Ja, das würde ihr
gut tun. Auch Dummheit tat manchmal gut.
Während das kleine Fräulein den Weg hinaus in die stille Straße
wanderte, wo Nowotnys wohnten, räumte der Kellner in einem Separee in
der inneren Stadt die Überreste eines kleinen Soupers ab und entkorkte
die eisgekühlte Flasche Sekt.
„Den ersten Schluck mußt du aus meinem Munde trinken,“ sagte Sonja zu
dem breitschultrigen Manne, der neben ihr saß und sein braungebeiztes
Gesicht ihrem näherte.
„Komm!“
„Du!“ Mit einem Seufzer ließ sie von seinem Munde.
Sie gaben sich ihrer Leidenschaft wie besessen. Ihr Körper bäumte sich
unter seinen Küssen.
„Du – liebst du mich?“ Eine drohende Falte stand zwischen seinen Brauen.
„Ich – ich weiß es nicht.“ Sie machte sich aus seinen Armen los. „Das
weiß ich nie.“
Da zwang er sie langsam, ganz langsam, aber mit überlegener Kraft so zu
sich, daß ihr rotbraunes Haar über seine Hemdbrust flutete. „Höre zu,
Kind. Du sprichst so tolle Sachen. – Du fürchtest dich vor gar nichts,
und es scheint dir auch sehr gleichgültig zu sein, was man von dir
denkt. Dennoch du, – ich spüre es, daß du nicht so bist, wie du dich
gibst, kleines, tolles Mädchen! Und wie sehr du dich wehrst und das
leichtsinnige Mädel spielst: glaubst du, ich weiß nicht, daß du mich
liebst? Daß du das zum erstenmal spürst, – so bis in dein innerstes
Leben?“
„Das ist nicht wahr, ich liebe dich nicht!“ Wie Flehen klang es.
„Wildkatze! – Höre einmal zu. Ich bin kein Bub mehr. Ich habe in der
Gesellschaft gelebt und in fast allen Ländern der Erde, wo ich meinem
geliebten antiken Grabschmuck nachjagte. Ich habe die europäische Liebe
gekostet und die exotische, ich habe kleine blonde Komtessen in den
Armen gehalten und halbflügge fremdrassige Kinder, wie man sie in den
Hafenstädten kauft. Mir macht man nichts vor. Ich mache mir nichts aus
den sogenannten jungfräulichen Mädchen Europas, auf deren grauer Haut,
wenn sie über die zwanzig sind, alle wüsten Träume ihrer einsamen Nächte
sich spiegeln. Ich mag nicht mit geträumten Männern und geträumten
Nächten fechten. Aber ich weiß mich Manns genug, um auch dort der
wirklich erste Geliebte zu sein, wo ein Mädel so ungeduldig war, nicht
auf die Eventualität Ehemann zu warten. Oder glaubst du, ich weiß nicht,
daß alles ausgelöscht ist, seitdem ich dich küßte?“
„Schweig!“ Erblaßt wandte sie ihr Gesicht von ihm ab. O, wie ihr Herz
schlug, wie rasend, wie bange!
„Nein, Wildkatze, ich schweige nicht. Sage einmal: du willst doch auch
heiraten?“
„Höre auf – das kommt immer noch zu früh! Heute sitzen wir in einem
Separee, der Sekt ist eingekühlt, ich habe mich so auf dich gefreut!
Willst du mir eine Predigt halten! Ich höre daheim genug davon.“
„Aber Mädel, wer will dir etwas predigen? – Sicherlich am wenigsten ich,
der mit dir seit Tagen durch alle wüsten Lokale zieht, den es so freut,
wie unbändigen Spaß es dir macht, noch die Kellner durch deine Wildheit
zu erschrecken. Aber das eine weißt du doch selbst, daß dies kein Spiel
mehr ist, daß es ganz, ganz anders ist als deine kleinen und großen
Mädeldummheiten. Und ich fordere, daß du es bekennst, wie sehr du mich
liebst.“
„Nein!“ Angst und Abwehr sprach aus ihrem Antlitz.
Ein harter, fordernder Mund legte sich schwer auf ihren.
„Liebst du mich?“
Nur noch die stahlblauen Augen waren über ihr, die aus dem braunen
verwitterten Gesicht brannten. So süßer Taumel ging von ihnen aus, so
süßer Taumel. Und ein trotziger Mund vergrub sich in einen Männernacken
und stöhnte:
„Ja, – ich liebe dich, – dich – dich!“
Eine weiche Hand fuhr über wildgelocktes Haar und strich es aus der
heißen Stirn: „Dann höre, Wildkatze. Es ist das letzte ernste Wort.
Nachher brauchst du nur noch Sekt zu trinken und mich zu küssen. – Also:
Die Adresse deines Papas ist wohl dieselbe wie die deine?“
„Ja, – wozu?“
„Still! – Trifft man deinen Papa vormittags daheim? – Ja? – Gut, dann
will ich ihm morgen sagen, daß ich Verlobungen hasse und daß wir in drei
Wochen heiraten werden!“
„Du bist verrückt!“
„Ruhe! Jetzt feiern wir unsere Verlobung, verstanden? Oder gefällt es
dir nicht hier, unter dem zerkratzten Spiegel, auf dem roten
Plüschsofa!“
„Du!“
* * * * *
Während dies sich in einem der verrufensten Lokale der inneren Stadt
zutrug, hatte das kleine Fräulein Dr. Südekum in das Heim der Nowotnys
gefunden.
„Laßt mich nur ein wenig dasitzen,“ sagte die Lehrerin. „Mir ist zu
elend, ich kann nicht reden.“
So begannen die beiden zu erzählen. Sie sprachen ruhig, sie sprachen wie
glückliche Leute.
Die Bildhauerin erwähnten sie mit keinem Worte.
Aber als die Lehrerin in das Wohnzimmer trat, da sah sie: die
vergrößerten Photographien hingen alle wieder an der Wand. Auch der
Schornsteinfeger stand in seiner Ecke, und das Zimmer empfing sein Licht
durch eine Hängelampe, deren Seidenschirm pausbäckige gußeiserne Engel
hielten.
Da sank eine große Traurigkeit in das Herz des alternden Fräuleins. Sie
empfahl sich wortkarg und ging hinaus in die nachtstillen Straßen.
Würde es auch ihr so gehen? – Und war das das Ende, daß alles wieder ins
Geleise kam, daß man still wurde und resigniert, daß man die Bilder von
einst wieder an die Wand hängte?
Aber noch lag sie an der Brust eines großen Schmerzes. Er spreitete
seine Flügel weit und trug sie hoch über Resignation und Stille davon in
sein düster flammendes Reich.
Noch litt sie, – so lebte sie noch.