Sechzehntes Kapitel

Das waren die gefürchteten Tage der Matura. Mit einem Schlage hatte sich

das Verhältnis zwischen der Lehrerschaft und den Schülerinnen geändert.

In den letzten Wochen hatten die Mädchen voll Angst an diese Tage

gedacht, und manche hatten sich ganz verzweifelt in das Studium

gestürzt, als gälte es in vierzehn Tagen nachzuholen, was man in sechs

langen Jahren nicht immer ernst genommen hatte.

Man hatte bisher in der Matura nicht viel anderes als den ersehnten

Schlußpunkt unter dem Zwang gesehen, sich täglich morgens in diesem

weißen nüchternen Saal einfinden zu müssen und fast den ganzen Tag hier

zu verbringen. Schließlich waren diese Prüfungen ja nur für die wenigen

eine ernste Angelegenheit, die, wie Grete Erb, auf die Hochschule

wollten. Und diese hatten die Maturatage nicht zu fürchten. – Unheimlich

gescheit war sie, sie wußte ja fast schon mehr als die Prüfenden. Andere

wieder sollten in ein Geschäft, für das ein Maturazeugnis nicht so

wichtig war, oder sie wollten sich nach kurzen Sommerwochen der Erholung

mitten hinein in den Gesellschaftstrubel stürzen, in die ersehnten Bälle

und Gesellschaften, und daneben höchstens ein wenig Klavier

weiterbetreiben, malen oder Tanzstunden besuchen. Benötigte man dazu die

Matura? Nicht einmal die Eltern nahmen die Sache allzu ernst,

ausgenommen jene, welche die Töchter dann auf eine Handelsschule senden

wollten, weil die Mädchen aus materiellen Gründen eine Stellung annehmen

mußten. Aber auch für diese war mit der nicht bestandenen Matura das Tor

zu den großen Kontors keineswegs verschlossen, in denen sie ihre Jugend

über dem Klappern der Schreibmaschinen verbringen sollten. Es gab Kurse,

in denen man in drei Monaten alles Nötige lernte. Die Matura. Nein, sie

war nur für die Knaben eine Sache auf Tod und Leben.

Und trotzdem packte in diesen Tagen auch die Schläfrigste und

Leichtsinnigste wütender Ehrgeiz. Selbst Lizzie Ebbinghaus ging mit

blassen Wangen umher und zerbrach sich den Kopf, welche Fragen sie

bekommen würde. Gerissener und praktischer als die andern, fand sie bald

den Weg zum Schuldiener, und der Schuldiener fand durch die Zaubermacht

einer hübschen Banknote den Weg zur versperrten Schreibtischlade in der

Rektorkanzlei.

Zwischen Lehrern und Schülerinnen herrschte die Feierlichkeit eines

plötzlich erklärten Krieges. Beide Parteien wurden streng voneinander

getrennt. Es gab keine Vertraulichkeiten mehr zwischen ihnen, keine

lustigen Aussprachen mehr draußen auf dem Gange, keinen raschen Besuch

in einem Lehrmittelkabinett, „Lieblinge“ wurden sorgfältig überwacht.

Bald wußte man von den ersten Schlappen und Siegen. Man konnte noch

nichts Gewisses sagen, aber man wußte doch von jeder, „wie sie stand“.

Die Lehrer und Lehrerinnen trugen furchtbar ernste und feierliche

Gesichter zur Schau. Wie die Schülerinnen waren sie ganz dunkel

gekleidet. Ja, das, was sich nun zwischen Lehrerschaft und Schülerinnen

abspielte, war für beide Teile sehr bedeutungsvoll, ein Endkampf, der

wie ein mittelalterliches Turnier in feierlichem Zeremoniell vor sich

ging.

Rings um das weiße Haus blühte und duftete der Garten in voller

Sommerpracht. Noch war der Flieder nicht ganz abgeblüht, und Rosen

lockten in allen Farben aus Büschen und Beeten. Aber niemand von den

großen Mädchen sah jetzt diesen Garten, und auch die Lehrer sahen ihn

nicht. Selbst den Schülerinnen der niedrigeren Klassen war es verboten,

zu spielen und zu lärmen. Leise und behutsam gingen sie auf den

Gartenwegen umher. „Die Großen haben Matura!“ sagte immer wieder ihre

Lehrerin, wenn eine doch lauter wurde, und legte dabei die Finger an den

Mund.

Drei Mädchen waren schon am ersten Tage zurückgetreten. Zwei von ihnen

hatten immer schon so schwer gelernt, oh, so schwer. Was den anderen

zuflog, mußten sie mühsam in eisernem Fleiß in sich zwingen. Die eine

weinte sehr: „Ich will doch Lehrerin werden,“ schluchzte sie. Aber

Fräulein Dr. Südekum tröstete sie. „Das wirst du schon noch. Du gehörst

zu denen, die schwer lernen, die aber dann alles ein Leben lang

behalten. Zwei Prüfungen hast du ja befriedigend bestanden. Den Rest

kannst du im Herbst machen, das macht gar nichts.“

Die zweite war die Tochter eines Holzhändlers. Eigentlich hatte sie sich

nur geärgert, weil der Rektor ihr gesagt hatte, sie solle nicht so

parfümiert zur Schule kommen, – man bekäme ja Kopfweh, und es gehöre

sich auch nicht.

„Ich habe keine Lust, in diesen heißen Sommertagen hier von früh bis

abends zu sitzen. Wozu auch! Ich brauche die Matura nicht. Nach einem

Jahr werde ich mich ja doch verloben und heiraten – wer fragt dann, ob

ich die Matura habe?“

Die dritte aber war Erika Meyer. Mit bebenden Lippen teilte sie Fräulein

Dr. Südekum ihren Entschluß mit: „Ich kann mich unmöglich auf diese

Sachen konzentrieren,“ sagte sie. „Ich glaube, ich habe überhaupt alles

vergessen, seit ich mich Ihm versprochen habe. Er liebt den Hochmut der

Geistigen nicht, in seiner Bergpredigt rief er sie, die arm im Geiste

sind. Nein, – ich will nicht wieder zurück in dieses Denken, in das, was

mein Gedächtnis belastet und mir den Weg zu Ihm verräumt.“

Kopfschüttelnd betrachtete sie die Lehrerin: „So ist das wirklich dein

fester Entschluß?“

„Ich habe nichts zu beschließen und nichts zu entscheiden. Er hat mich

gerufen, als ich in höchster Not und Verwirrung war.“

Das kleine Fräulein sah dem hochgewachsenen, überschlanken Mädchen nach,

als dieses mit leisen Schritten und wie getragen von einem Willen, der

nicht der ihre war, zur Türe hinausging. Führte die süße Verwirrung der

Sinne, die Not des Blutes auch in diesen Weg? Und bot dieser Weg

Stillung und Erlösen?

Fräulein Dr. Südekum führte die Aufsicht in der Klasse während der

Prüfungsarbeiten. Sie saß an ihrem Pulte, und versuchte, in einem Buche

zu lesen. Der Unterricht selbst war zu Ende. Sie hatte diesen Mädchen

hier alles gesagt und sie alles gelehrt, was sie zu sagen und zu lehren

hatte. Fast wie eine Fremde saß sie vor dieser Jugend, die, gebeugt über

die Aufsatzhefte, schrieb. Morgen schon würde sich hinter ihnen das Tor

der Schule schließen. Morgen schon.

Das kleine Fräulein sah zu Gertrud hinüber. Sie konnte sich nicht

sattsehen an diesem jungen, stolzen Gesicht, das ihr so viele Stunden

ins Gedächtnis zurückrief, die für immer tot und vergangen waren. Nie

mehr würde die kleine Gertrud den Weg in ihr einsames Zimmer finden, nie

mehr mit tränenüberströmtem Antlitz und doch so voll Hoffnung zu ihr

aufsehen, zu ihr, dem einzigen Menschen, dem sie alles anvertraute. Und

nie mehr würde sie in dieses Kinderantlitz hinein von all dem sprechen

dürfen, was ihr heilig geworden in einem langen, einsamen Leben, von den

großen Augenblicken der Geschichte, von fremden Ländern und ihren

merkwürdigen Völkern, von den großen, unsterblichen Träumen der Dichter.

Aber die dort saß, war ja gar nicht mehr jene Gertrud, die dicke,

häßliche Gertrud, mit den fast immer rotgeweinten Augen, die sie so

namenlos, so muttergut geliebt hatte. Dieses knabenhaft schlanke Mädchen

dort mit dem schönen stolzen Gesicht war eine andere. Nur ganz, ganz

leise erinnerte noch mancher Zug an das Einst. Aber innerlich war sie

wirklich eine andere geworden, ein fremder Mensch, der sich nicht mehr

erinnern wollte, wieviel Liebe und Zärtlichkeit er bei dem kleinen

alternden Fräulein gefunden hatte. Ein fremder Mensch, der nun morgen

hinausgehen würde aus dem großen Tore der Anstalt, weitergehen würde und

sich nicht ein einziges Mal umsehen.

Es war ja schon längst alles vorüber, und es war nur töricht, daß es

noch immer, noch immer so weh tat.

Wie verzweifelt sie sich gewehrt hatte gegen dieses Verlassenwerden,

wenn es auch unabänderlich war! In wie tiefe Not und Verwirrung sie

gestürzt war! Aber das alles, was ihr Alexandra über ihre Liebe zu Gert

gesagt hatte, und was sie in ein paar irren Stunden heißer Not fast

wirklich in sich entdeckt zu haben glaubte, das war ja niemals gewesen.

Nein, niemals. Nur die andern hatten sie in diese wirren Empfindungen

gehetzt, die nicht ihre eigenen waren, nein, gewiß nicht. Die andern, –

diese Frau Nowotny, die Alexandra mit ihrem Mann gemeinsam anbetete,

diese tollen Geschichten mit den Schülerinnen – und Erwin, ja Erwin und

seine seltsame Liebe. Vor allem aber Alexandra und ihr närrisches Wort:

„Nehmen Sie sich doch das kleine Mädchen!“

Ja, sie war gewiß wahnsinnig, diese Alexandra. Und nun – wieder überfiel

das kleine Fräulein heißes Erschrecken – nun hatte Alexandra Gert

kennengelernt. O, sie hatte keine Ahnung, daß dieses Mädchen dasselbe

war, von dem Fräulein Dr. Südekum einen langen, langen Nachmittag

gesprochen und gebeichtet hatte. Sie sollte es auch nicht wissen. Nein,

niemals!

Nun, es war ein Glück, daß die Matura stattfand, und Gert sicherlich

bald mit ihren Eltern verreisen würde. Diese Alexandra – so klug sie war

– das war kein Verkehr für ein so junges Ding. Die Bildhauerin mit ihren

bizarren Ideen – man konnte nicht wissen, wieviel davon sie bereit war

in die Wirklichkeit umzusetzen. Aber nein, nun durfte sie gar nicht

weiterdenken. – Eine Blutwelle stieg ihr bis zur Stirn. O, sie war wohl

überarbeitet – diese letzten Wochen – da war es kein Wunder, wenn ihr

die seltsamsten Einfälle kamen.

Gertrud hob jäh den Kopf und sah sie an. Sie sah sie wohl in

Wirklichkeit gar nicht, hatte nur im Nachdenken über einen Satz der

Schularbeit so vor sich hingesehen, und zufällig war ihr Blick auf sie

gefallen. Und doch war das kleine Fräulein so herzenstief erschrocken,

so, als habe die Kühle, Schlanke dort ihren Gedanken erraten.

Aber was hatte Alexandra erzählt? Gert wollte tanzen lernen, und da

wollte sie auch Anatomie betreiben, um die Gesetze körperlicher

Schönheit ganz zu kennen, um vollkommen zu sein. Fräulein Dr. Südekum

mußte lächeln. Was für Ideen diese junge Mädchen hatten!

Nun, es war gut, daß Gert bald verreisen würde. Diese Alexandra war

gerade die Richtige, um einem exaltierten jungen Mädchen noch bizarrere

Ideen beizubringen.

Da es läutete, sammelte Fräulein Dr. Südekum die Aufsatzhefte. Als sie

an Gert vorüberkam, sagte diese plötzlich leise zu ihr: „Verzeihen Sie,

Frau Doktor – aber ich bin nicht fertig geworden, – ich –“ Verwirrung

zeigte sich in ihren Zügen.

„Wenn die Arbeit nur gut ist!“ sagte die Lehrerin begütigend. „Dann

macht es nicht so viel.“

Da drückte ihr Gertrud in einer jähen Bewegung die Hand.

Fräulein Dr. Südekum sah sich verlegen um, ob dies auch niemand bemerkt

habe. Denn solche Vertraulichkeiten während der Prüfung pflegten schlimm

aufgefaßt zu werden. Das Herz schlug ihr bis zum Halse vor Glück. Ich

bedeute ihr doch noch etwas, sann sie überströmend vor Freude. Sie hat

mich nicht ganz vergessen!

Auch der Nachmittag verging mit Prüfungen, und am Ende des Tages waren

Lehrer und Schülerinnen tief erschöpft. Wortlos ging man auseinander und

dachte seufzend an den nächsten Tag.

Als Fräulein Dr. Südekum die Anstalt verließ, sah sie Gertrud von ferne.

Es war sicherlich nicht gut, wenn es jemand sah, aber sie mußte mit Gert

ein paar Worte sprechen. Vielleicht war doch alles anders, als sie

gedacht hatte – vielleicht war Gert doch nicht so hart und undankbar,

wie sie geglaubt hatte?

„Wir wollen nicht ein einziges Wort über die Prüfung sprechen, – ja?“

bat das kleine Fräulein, als sie neben ihrer Schülerin, die sie fast um

einen Kopf überragte, dahintrippelte. „Ich wollte nur wissen, wie es dir

geht und was du für Pläne hast.“

„Über meine Pläne kann ich noch nicht sprechen,“ sagte Gert zögernd.

„Aber ich werde es gewiß später tun.“

„Später?“ Ein bitteres Lächeln flog um den Mund der Lehrerin. „Morgen

bist du frei, und da wird es dir wohl nie einfallen, den Weg zurück zu

denen zu finden, die dich als deine Lehrer quälten.“ Das kleine Fräulein

suchte einen scherzhaften Ton anzuschlagen.

„Sie quälten mich nie,“ entgegnete Gert ernst. „Sie waren immer sehr gut

zu mir. Ich hoffe sehr, daß wir morgen bei der Maturafeier ein wenig

plaudern können. Und dann werden wir uns auch später öfters sehen. Sie

kommen doch zu Alexandra?“

„Alexandra? – Du meinst die Bildhauerin Pseleuditi? – Ja, ich hörte, daß

du dort warst. Aber bist du denn seitdem wieder dort gewesen?“

„O, ich bin seit einigen Tagen jede freie Stunde bei ihr. Sie ist

herrlich, – wir haben uns so viel zu sagen, daß die Stunden nur so

fliegen.“

„So?“ – Die Lehrerin war sehr blaß geworden.

„Und da meinte ich, daß wir uns ja dort oft sehen werden. Alexandra hat

Sie doch gern und sieht Sie oft bei sich, Frau Doktor!“

„Ja, gewiß.“ Dann fragte das kleine Fräulein plötzlich: „Aber jetzt –

ich meine nach der Matura, wirst du doch eine Reise machen?“

„Ja, – aber das ist noch ein großes Geheimnis. Morgen sage ich es Ihnen,

Frau Doktor – heute abend muß ich noch mit meinem Vater darüber reden –

– und morgen müssen meine Zeugnisse gut aussehen, – oho – nun hätte ich

fast angefangen, von der Prüfung zu reden. – Es ist gut, daß da mein

Omnibus kommt. Adieu, Frau Doktor!“

Die Lehrerin hätte nicht sagen können, was sie dachte, während sie den

Weg weiter ihrer Wohnung zuging. Nur daß etwas sehr weh tat, das wußte

sie. Sehr weh.

Als sie in das Vorzimmer ihrer Wohnung trat, stürzte ihr die Wirtin

entgegen: „Frau Doktor – ein Mann – oder ein Herr, – ich weiß nicht, –

er wartet auf Sie in Ihrem Zimmer, – schon eine halbe Stunde. Er ist

verzweifelt, denn er soll Sie wohin bringen – ein Auto steht unten!“

„In meinem Zimmer, – ein Mann?“ Was war da wieder geschehen? Zögernd

trat Fräulein Dr. Südekum in ihr Zimmer. Da sah sie den Chauffeur des

Fabrikanten Löß vor sich.

„Bitte, Frau Doktor, – der Herr läßt bitten, daß Sie gleich mit mir

kommen.“

Wie verstört der Mann aussah!

„Was ist geschehen?“ Sie faßte ihn am Arm.

„Erwin hat sich erschossen!“

„Wie?“ – nun konnte sie nicht mehr, mit zitternden Knien sank sie auf

einen Sessel. „Erschossen sagen Sie?“

„Ich weiß sonst nichts. Der Herr hat ihn nach Hause gebracht. – Bitte,

kommen Sie gleich.“

Fräulein Dr. Südekum griff zitternd nach Mantel und Hut. Noch konnte sie

die Nachricht nicht ganz erfassen, während sie neben dem Chauffeur die

Stiege hinabging und ins Auto stieg. Leichenblaß lehnte sie in einer

Ecke des Wagens, indes dieser mit ihr durch die Straßen sauste.

Sie war ganz betäubt, als sie dem Vater Erwins gegenüberstand.

„Sie wissen ja schon,“ begann er schwer. „Ich habe Sie nur bitten

lassen, – ich möchte erfahren, – ich muß erfahren, – wie weit diese

Person, diese Anita ... an dem Tode meines Kindes Schuld trägt! Sie

liegt ja vorläufig mit einer Kugel im Spital, es ist aber nicht

gefährlich, wie die Ärzte sagen, während mein armer Bub,“ er vergrub

stöhnend den Kopf zwischen den Händen.

„Wie, – die Tänzerin hat auch eine Kugel, – aber was – was ist denn

geschehen?“

Löß zwang sich zusammenhängend zu berichten. Es mußte ja sein, wenn er

Gewißheit erhalten sollte.

„Ich wurde vor zwei Stunden von der Polizei angerufen, – ich solle

sofort wegen meines Sohnes zu der Tänzerin Anita kommen. Dort trat mir

ein Polizeikommissar entgegen. Er teilte mir in dürren Worten mit, daß

mein Sohn nach einem erregten Auftritt zwei Schüsse auf die Tänzerin

abgegeben habe und dann einen auf sich. Dieser letzte Schuß traf leider

gut, so sagte mir der Kommissar achselzuckend und öffnete die Tür zu

einem Boudoir. Da lag ...“

Fräulein Dr. Südekum fühlte, wie ihr das Blut zuckend zum Herzen in

furchtbaren erbarmungslosen Stößen strömte, sie fühlte, wie ihr die

Tränen unaufhörlich über die Wangen rannen, – aber sie konnte nicht

sprechen.

Plötzlich sah sie das verzerrte Gesicht des Fabrikanten: „Wissen Sie

etwas davon, daß mein Bub mit der Person, – daß sie ihn verführte?“

Das kleine Fräulein schüttelte nur schweigend den Kopf.

„Nach einiger Zeit kam nämlich da oben seltsamer Besuch,“ – sagte Löß

höhnisch. „Hoher Besuch! Der Kanzler kam. Wie ein Rasender gebärdete er

sich vor der verwundeten Tänzerin. Nichts konnte schnell genug

geschehen, um diese Canaille zu retten. Und da er mich sah, schrie er

mir in furchtbarem Haß zu, – ja, er muß von Sinnen gewesen sein: ‚Hätten

Sie Ihren Knaben besser gehütet, daß er nicht in verblendeter Gier auf

ein Weib schoß, das ihn verschmähte, und das einem anderen Menschen das

Teuerste auf Erden ist.‘“

Mit einem Wehlaut sank das kleine Fräulein vom Sessel. Mit einem Laut,

wie ein zu Tode getroffener Vogel.

Als sie erwachte, lag sie auf einem breiten Sofa und sah sich allein in

einem unbekannten Raum.

Mit behutsamen Schritten trat Löß ins Zimmer. „Verzeihen Sie, wenn meine

Ungeduld mich brutal sein heißt, – aber bitte, sagen Sie mir, was Sie

wissen!“

Da begann die Lehrerin von der großen Passion des Knaben zu erzählen,

von seinem Haß gegen die Tänzerin, von seiner Liebe. Und als der Mann

vor ihr gequält und verstört fragte: „Ja, gibt es denn das, – ja, ist

denn das nicht Wahnsinn, – war dies Liebe, was Erwin für diesen Mann –

für den Kanzler empfand?“

Da fand das kleine alternde Fräulein das seltsame Wort, von dem sie

selbst nicht wußte, wer es ihr gab in dieser Stunde: „Es ist die Liebe,

die größer ist als ihr Schöpfer, denn sie dient keinem Zweck, – sie will

das Unerreichbare, – wer sich ihr unterwirft, muß sterben.“

Und dann standen sie beide in dem angrenzenden halbverdunkelten Raum vor

dem Lager des Knaben. Seine Hände lagen müde auf der Brust gefaltet, und

sein Antlitz schien gestillt und glücklich.

Das kleine Fräulein beugte sich jäh und küßte ihn.

Der wilde Garten · 第 22 / 34 题