In dem kleinen Hinterzimmer der Konditorei saß eine Anzahl junger Damen.
So unähnlich sie sonst sein mochten, sie glichen einander in der
kleidsamen Tracht, welche die neue Zeit den jungen Mädchen beschert
hatte und die mit kurzen Röcken, losen Kleidern und kurzgeschnittenem
Haar der äußere Ausdruck für eine schwer erkämpfte äußerliche Freiheit
war.
„Wißt ihr schon das Neueste,“ krähte Herta Kobinger, die immer bei den
Zusammenkünften das große Wort führte. „Die Erna Meyer ... nein, es ist
zu komisch ...“
„Was ist mit ihr?“ fragte Grete Erb und dachte mit jähem Unbehagen
daran, wie sehr die einstige Freundin und Vertraute bitterer Stunden aus
ihrem Wissen entschwunden war.
„Sie will Nonne werden!“ platzte Herta heraus. „Stellt euch vor, –
Nonne! In unserer Zeit Nonne werden!“
„Wenn das nicht wieder nur einer ihrer verrückten Einfälle ist!“ sagte
Lizzie Ebbinghaus wegwerfend, und in ihr zynisches Gesicht trat ein noch
spöttischerer Zug.
„Nein, es ist so,“ bestätigte die ältere Schwester der Kobinger. „Wir
haben es von der Frau Kruse ...“
„Von der Schneiderin?“ lachte Lizzie.
„Ja, die Eltern haben es ihr ganz verzweifelt erzählt.“
„Wenn es ihre Überzeugung ist!“ meinte Gert mit einem Achselzucken.
„Schließlich soll jeder das tun, was er für richtig findet.“
„Aber denke doch, in unserer Zeit! Eine Nonne! Das kann man sich doch
gar nicht vorstellen! – Ja, denkt euch, sie hat in aller Stille schon
alles vorbereitet. Ich habe die Stadt vergessen, sie liegt irgendwo
unten im Süden, an einem Berge. Und auf diesem Berg steht ein Kloster.
Die Nonnen sind ganz weiß gekleidet und ihre Gesetze – Ordensregeln
nennt man sie – sind besonders streng. Sie müssen jeden Verkehr mit der
Welt abbrechen, – niemals dürfen sie einen Besuch von daheim empfangen,
niemals einen Brief. Es ist für die anderen so, wie wenn man stirbt.
Fort – aus! Man existiert nicht mehr für sie.“
„Im Süden,“ sagte Grete Erb verträumt, „und in einem italienischen
Kloster! Ich kann mir das gar nicht so schrecklich denken. Es gibt dort
sicherlich eine wunderbare Bibliothek, die für ein ganzes Leben
ausreicht, – Inkunabeln ...“
„Na, ich meine, in unserm Alter könnte man genug haben vom Zölibat und
es nicht noch suchen,“ lachte Lizzie und schüttelte ihren Wuschelkopf.
„Du würdest auch dort die schrecklichsten Stücklein aufführen!“ lachte
Herta Kobinger.
„Daran zweifle ich nicht,“ gab Lizzie zurück und blähte die Nasenflügel.
„Jedenfalls habe ich keine Lust, auf die große Liebe zu warten wie du!“
„Die große Liebe! Nein, auf sie warte ich nicht,“ widersprach Herta.
„Nur, – ich hätte Angst, solche Sachen zu machen wie du! Wenn ich mich
verliebe, dann will ich auch heiraten, mein Haus haben, Kinder.“
„Kurzum, dort fortfahren, wo unsere Eltern aufgehört haben,“ sagte Sonja
spöttisch. „So wie sie ein Leben lang gute Gesellschaft nach außen
spielen und daheim nach Herzenslust einander quälen, immer kälter
werden, nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen alle Umwelt. Dann
kommen die Kinder, an denen man dann nach irgendwelchen bewährten
Prinzipien herumerzieht, bis auch sie einmal zerquält und verbittert
davonlaufen – wieder in eine Ehe hinein.“
„Ja, was willst du denn?“ fragte Herta achselzuckend. „Ich weiß das doch
alles, – aber wenn du nicht studierst, was auch keine sehr verlockende
Sache ist, – was bleibt dir denn übrig?“
„Darüber denke ich heute noch nicht nach,“ antwortete Sonja. „Man darf
sich selbst nicht so wichtig nehmen und immer Pläne schmieden. Ich will
vor allem keine Zeit versäumen und leben. Und das mache ich, solange ich
kann! Wenn ich dann schließlich heiraten muß – gut. Aber mich danach
sehnen wie du – nein, das verstehe ich nicht!“
„Ja, du hast es gut!“ seufzte die jüngere Schwester. „Du kannst schon
auf Bälle gehen und allein mit jungen Leuten Ausflüge machen. Du genießt
dein Leben! Wenn man aber noch vor der Matura ist ...“
„Und soll das wirklich das Leben sein, Bälle, Ausflüge und Flirts?“
fragte Grete Erb.
„Soll es vielleicht das Studium sein, dem du dich verschrieben hast?“
gab Lizzie spöttisch zurück.
„Nein, auch das allein nicht,“ antwortete Grete. „Aber meine Arbeit gibt
mir doch Inhalt, ich weiß in den kommenden Jahren ein Ziel. Und
Germanistik interessiert mich nun einmal sehr. – Aber –,“ leichte
Verlegenheit brach in ihre sonst so sichere Stimme, „die große Liebe –
das eine Erlebnis, für das man sich aufsparen sollte, das muß es doch
geben.“ – –
„Die große Liebe,“ höhnte Lizzie Ebbinghaus. „Die große Liebe, von der
in den Büchern steht! Sieh dich doch um bei allen Erwachsenen, die wir
kennen. Wo gibt es sie denn? Oder hat nicht jede von uns an der Ehe der
Eltern gesehen, daß sie eine große, verzweifelte Lüge ist? Auch meine
Eltern haben aus Liebe geheiratet, oder was sie so nannten – mein Gott,
man merkt wirklich nichts mehr davon!“
„Lizzie hat recht,“ sagte Gertrud. „Es ist eine entgötterte Welt, die
uns die Erwachsenen zurückgelassen haben. Und weil wir sehen, wie sie
lebten, und was sie alle aus ihrem Leben gemacht haben, darum können wir
uns auch ihren Ansichten und Gesetzen nicht beugen, die sie uns aus
Berechnung und Angst auferlegen wollen. Sie setzen als Preis, als großes
Versprechen für die Erfüllung dieser Gesetze unsere Verheiratung. Aber
wir haben den Wert dieses großen Versprechens durchschaut. Uns lockt man
nicht mit Myrtenkranz und Hochzeitsschleier.“
„Wir haben die Augen aufgemacht, und sie alle haben sich vor uns zu sehr
gehen lassen,“ nickte Sonja. „Wir kennen die Affären in den Familien
unserer Verwandten, die Ehebrüche und Scheidungen. Wir wissen, wie sie
das freudlose Elend ihrer bürgerlichen Ehen immer wieder
zusammenflicken. Nein, damit sollen sie uns nicht kommen. Dieselben
Frauen, die mit einem Seufzer zum Himmel stöhnen: ‚O, diese jungen
Mädchen von heute!‘ wenn wir eine Zigarette rauchen oder lieber in eine
Bar gehen als in eine Konditorei, haben aus dem Ehebruch längst ein
Gesellschaftsspiel gemacht, vor dem jeder anständige Mensch ausspucken
muß. Eine Sache ohne Leidenschaft, ja ohne Leichtsinn, – eine gemütlich
ausgeklügelte Angelegenheit. Nun, uns sollen sie nichts erzählen! Sie
wissen es genau wie wir, daß sie von uns nur Tugend fordern, weil diese
im Verheiratungsfalle noch hoch im Kurse steht, und sie wissen genau,
daß wir dann, nach dem Unterkriechen, in einer Versorgung leben werden
wie sie. Ebenso kalt – ebenso gemein!“
„Wozu sich soviel Gedanken machen?“ lachte Lizzie spöttisch. „Ich werde
einmal einen heiraten, der reich ist und begreift, daß ich voll
Lebenshunger bin. Nein, ich habe auch keine Lust, auf die große Liebe zu
warten. Sechs Monate werde ich es mit ihm schon aushalten. Bis dahin
aber nehme ich mir alles, was mir Spaß macht, denn einmal ist es doch
aus.“
„Lizzie hat recht,“ sagte Sonja. „Und trotzdem bin ich oft traurig über
das, was ich weiß. Ja, oft ist mir hundeelend zumute. Nicht wegen der
paar Dummheiten, – sie wiegen nicht so schwer. Aber, daß man an gar
nichts mehr glauben kann! Hinter mir sehe ich das, was Eltern und
Verwandte aus ihrem Leben machten, ihre Herzenskälte, ihre
Streitigkeiten, die trostlose Feigheit ihres Beisammenbleibens. Und vor
mir sehe ich alles verschwommen und unklar. Es ist ja gar nicht möglich,
zu warten. Als erwachsener Mensch – und das bin ich mit meinen neunzehn
Jahren – in der Gefangenschaft des Elternhauses leben, ist entsetzlich.
Sie sind voll Mißtrauen und mißdeuten alles. Sie waren es, die mir meine
Unbefangenheit nahmen, sie, die in das Harmloseste ihre häßlichen
Deutungen hineinlegten, als wäre ich ein Schoßhündchen, dessen Zeit
gekommen ist und das man an der Leine halten muß. Sie lassen einen ja
nicht Mensch sein! Ich muß sagen, wohin ich gehe, was ich in meinem
Zimmer mache, warum ich mit dieser Freundin lieber zusammen bin als mit
der anderen, ja, wenn ich beim Mittagessen ein ernsteres Gesicht mache,
soll ich bekennen, was ich denke. Diesen Druck hält kein Mensch aus, –
und ich habe viele Dummheiten gemacht, nur um mich gegen diesen Zwang zu
wehren, nur um mich zu rächen. Es gibt kein süßeres Gefühl, als wenn sie
mir wegen irgend etwas ganz Harmlosen einen Krach machen, daß ich mir
dann schadenfroh denken kann: wenn ihr wüßtet!“
„Komisch,“ sagte Grete Erb nachdenklich. „Vor ein paar Tagen sprach ich
mit der Scholander, die vier Klassen über mir war und jetzt an diesen
Fabrikanten Haarhaus verheiratet ist. Sie erzählte mir, daß sie ihn
betrügt. ‚Glaube mir,‘ sagte sie, ‚ich liebe weder meinen Mann noch
einen andern. Ich betrüge ihn nur, damit ich dann, wenn er mich mit
seinen Predigten, Vorwürfen und Vorschriften so entsetzlich langweilt
und quält, mir heimlich denken kann: wenn du wüßtest!‘“
Gertrud sagte plötzlich: „Darum muß man vor allem frei sein, wirklich
frei. Sonst läuft man ja aus Wut in die tollsten Dinge und verliert sich
an Erlebnisse, die einen eigentlich gar nichts angehen.“
„Und kann man nicht frei sein, wenn man heiratet?“ fragte die kleine
Herta Kobinger. „Wenn ich verheiratet bin und Kinder habe ...“
„Du mußt erst frei sein, um dir deinen Mann wählen zu können,“ sagte
Gert. „Sonst heiratest du doch nur, um von daheim wegzukommen, oder um
deine Eltern zu ärgern.“
„Und wie denkst du dir das, frei sein?“ wandte sich Grete Erb an Gert.
„Seinen eigenen Weg gehen,“ antwortete sie. „Ob man nun Nonne wird wie
Erika, – oder Tänzerin wie ich ...“
„Tänzerin!“
„Tänzerin!“
Alle schrien durcheinander.
„Ja, werden denn das deine Eltern erlauben?“ fragte Herta ängstlich.
„Sie werden es sicherlich nicht erlauben,“ antwortete Gert. „Aber es ist
besser, es gibt einmal einen entscheidenden Auftritt, und ich stelle
mich ganz auf eigene Füße, als daß ich langsam in dem Kampf mit daheim,
mit der Weltanschauung von vorgestern, zerrieben werde und immer mehr
Dinge mache, die gar nicht meine Art sind, lüge und schwindle und so
weiter.“
„Und das stört dich wirklich so sehr, dieses Lügen und Schwindeln?“
lachte Lizzie. „Ich muß gestehen, daß mir gerade das Vergnügen macht.“
„Wenn es mir auch nicht Vergnügen macht,“ sagte Herta Kobinger, „so
stört es mich wenigstens nicht. Wenn meine Eltern dann doch auf etwas
daraufkommen und pathetische Worte dafür finden, daß man zu ihnen kein
Vertrauen habe, dann brauche ich nur an jene Zeit zu denken, als ich
ganz aufgetan und offen für sie war, als es mir brennendes Bedürfnis
war, ihnen alles zu sagen, mich ihnen anzuvertrauen, sie um Rat zu
bitten. Damals haben sie mich immer schroff zurückgewiesen, damals
langweilte ich sie, wenn ich von mir sprach, damals wollten sie, daß ich
nur ein Ding in ihren Räumen sei, aber kein Mensch.“
Gert sagte nachdenklich: „Vielleicht haben wir alle unsere Eltern zu
sehr geliebt, mit einer Liebe, die zu viel forderte, die die restlose
Erfüllung wollte. Wir waren ganz nur auf sie eingestellt, sie waren uns
Vorbild und der Inbegriff alles Liebenswerten. Wir sehnten uns danach,
von ihnen verstanden zu werden, und darum vielleicht, weil wir maßlos
forderten, weil wir etwas von ihnen wollten, was vielleicht kein Mensch
dem anderen geben kann, darum verurteilen wir sie heute so streng.“
„Du hast sicher recht,“ sagte Grete Erb ernst. „Ich erinnere mich, daß
mir nichts im Leben so weh tat, als daß ich erkennen mußte, daß selbst
mein angebeteter Vater in Wirklichkeit nicht ganz dem Idealbild
entsprach, das ich mir von ihm geschaffen hatte. Und vielleicht ging ich
lange Zeit fast voll Haß gegen ihn umher, nur weil er mir diesen Traum
nicht erfüllte.“
„Gott, wie ihr mich langweilt!“ sagte Lizzie ärgerlich. „Was hat es für
einen Sinn, über solche Dinge zu grübeln. Sage lieber, Gert, wie du dir
deinen künftigen Beruf vorstellst?“ Lizzie verbanden sich mit der
Vorstellung „Tänzerin“ sofort eine Kette anderer von Puderwolken,
parfümierten Garderoben, Herren mit Brillantarmbändern und
verschwiegenen Separees.
„Ich arbeite schon seit Monaten heimlich mit einer Lehrerin. Die Stunden
habe ich von meinem Taschengeld bezahlt.“
„Ah, – darum warst du so wenig bei unsern Zusammenkünften zu sehen,“
lachte Lizzie. „Und darum hast du wahrscheinlich auch die dicke
Freundschaft mit der Südekum aufgegeben?“
„Ja, – ich hatte natürlich für nichts anderes mehr Zeit, wollte ich
gleichzeitig in der Schule nicht zurückbleiben. Und das durfte ich
nicht, sollte es meinen Eltern nicht auffallen!“
„Wie zielbewußt du bist!“ staunte Grete Erb.
„Du bist es doch auch,“ lächelte Gert. „Du willst ja studieren.“
„Ja, – aber damit sind meine Eltern ganz einverstanden. Aber Tänzerin
werden, – nein, ich kann mir Tanzen als Beruf nicht vorstellen. Vor
fremden Männern!“
„Gerade das ist das Interessante daran!“ lachte Lizzie.
„Nein, um das handelt es sich gar nicht,“ erwiderte Gert ernst. „Aber
ich habe lange Zeit gar nichts von mir gewußt. Dann aber begann ich
langsam zu erwachen, zu mir, zu meinem Körper, zu einer Musik, die ich
in ihm weiß, und die ich freimachen muß. So wenige Menschen wissen, was
Tanz ist. Diese Kunst ist ebenso ernst wie hundert andere Berufe, wenn
man ihr ganz lebt.“
„Und du willst von daheim fort – und überall auftreten – und auf
Plakaten abgebildet sein.“ – Sonja war fassungslos.
„Willst du denn nicht heiraten?“ fragte die kleine Kobinger und war ganz
bestürzt, als nun alle in ein Gelächter ausbrachen.
„Ihr sprecht soviel von Liebe und Heirat,“ sagte Gert ablehnend. „Ich
will darüber nicht nachdenken, solange alles um mich so schief ist. Wie
kann ich an einen anderen Menschen denken, solange ich selbst noch
nichts bin? Ich kann es erst, wenn alles frei in mir ist, – wenn ich
bin, – wenn ich das kenne, was ich verschenken soll.“
„So glaubst du doch an die große Liebe?“ fragte Grete Erb ernst.
„Ich glaube jetzt nur an mich,“ antwortete Gert, „ich hoffe auf mich.“
Sonja zog die Uhr: „Kinder, es ist schon ein Uhr, – wir kommen zu spät
zu den elterlichen Kochtöpfen, wenn wir nicht aufbrechen.“
Die jungen Mädchen griffen nach Jacken und Mänteln.
Als sie sich vor der Konditorei verabschiedeten, sagte Grete Erb
plötzlich sehr ernst: „Gert hat ganz recht. Vor allem müßte man frei
sein! Dann wäre es vielleicht möglich, eine neue, reinere Gemeinschaft
zwischen Mann und Weib zu verwirklichen, als unsere Eltern kannten, und
als man uns aufladen will. Dann fänden wir alle vielleicht den neuen
Weg.“
„Ach Gott, ich fühle mich auch so recht wohl!“ lachte Lizzie. „Wegen dem
bißchen Schwindeln!“
Herta gab Sonja plötzlich einen Stoß. „Sieh schnell hinüber – ja, dort!“
Ja, die da eben an ihnen vorübergegangen war, war die Oberlehrerin
Fräulein Dr. Südekum gewesen. „Wie spaßig sie aussieht, wie sie so in
ihrem schwarzen Kostüm mit dem kleinen Hütchen dahintrippelt!“
„Wenn ich denke, wie ich mich vor drei Jahren vor ihr fürchtete!“ lachte
Sonja. „Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.“
„Ja, du hast es gut!“ seufzte Herta und hängte sich in ihre ältere
Schwester ein. Sie verschwanden in einer schmalen Nebengasse, die zur
nächsten Trambahnhaltestelle führte.
Fräulein Dr. Südekum ging langsam ihren Weg weiter. Sie hatte ihre
Schülerinnen wohl vor der Türe der Konditorei stehen gesehen, aber so
getan, als sähe sie sie nicht. In diesen letzten Tagen vor der Matura
wich sie gern allen Gesprächen außerhalb der Schule aus. Der Rektor sah
es auch nicht gern. Wie leicht konnte einem ein Wort entfliehen.
Fräulein Dr. Südekum ging zu Alexandra. Sie hatte über der sie zugleich
anziehenden und erschreckenden Persönlichkeiten dieser Frau fast ganz
ihre früheren Freunde vergessen. Selbst bei Nowotnys war sie nur ganz
selten mehr gewesen. Diese hatten sich zu sehr in ihrer Anbetung für die
Griechin demaskiert, Fräulein Dr. Südekum konnte es gar nicht verstehen,
daß sie einmal bei diesen Menschen so gern ihre Abende verbracht hatte.
Ja, Alexandra hatte recht. Denen geschah nichts durch sie, denen konnte
gar nichts geschehen!
Alexandra beschäftigte sie sehr. Sie hatte sie zuerst ganz verzerrt
gesehen, durch die Wirkung, die sie auf dieses junge Ehepaar ausübte,
durch die Art auch, wie sie sich dort gab. Nun hatte sie keineswegs mehr
den Eindruck, daß Alexandra eine hemmungslose, gefährliche Frau sei. O,
gefährlich sicherlich für manche Menschen, – aber hemmungslos? Eher
erschien ihr diese Frau nun zu bewußt, zu sehr eingehüllt in ihren
scharfen Intellekt.
Aber es tat so gut, einem solchen Menschen zu begegnen, wenn man selbst
wund und verwirrt war, auch wenn der Verstand dieser Frau manchmal in
gefährlichere Landschaften entführte als das verwirrende Tun der
anderen, das Fräulein Dr. Südekum miterleben mußte.
Sie fand Alexandra untätig an ihrem hohen Fenster stehen. „Kommen Sie zu
mir herauf!“ rief sie dem kleinen Fräulein zu, das wartend unten an der
Stufe stand. „Es ist so schön, über die Dächer hinwegzusehen. Unter
diesen Dächern wacht alles Böse, was Menschen einander tun, und alle
Lügen, die sie einander sagen. Über den Dächern leben die Wolken,
emporzuckender Rauch, Licht und Farbe!“
„Ja, es ist sehr schön hier,“ sagte das kleine Fräulein und stellte sich
auf die Zehenspitzen.
„Glauben Sie, daß jemand freiwillig da hinuntersinkt, wenn er erst diese
freie Schau erkämpft hat? Glauben Sie, daß jemand die Einsamkeit dieses
Blickes eintauschen möchte gegen eine der Trunkenheiten, die unter
diesen Dächern locken?“
„Ich weiß nicht, was Sie meinen,“ sagte das kleine Fräulein verwundert.
„Es handelt sich darum, daß man Herr bleibe,“ entgegnete die Bildhauerin
leise. „Dann darf man alles. Aber sich selbst muß man festhalten um
jeden Preis. Man hat am Ende doch nur sich selbst und das, was man aus
sich macht.“
Das kleine Fräulein wußte keine Antwort. Ihr kam Alexandra heute so
verändert vor. Ihre Gebärden schienen ihr rascher als sonst und so
seltsam ziellos.
„Was macht Ihre Arbeit?“ fragte Fräulein Dr. Südekum.
„Sie haben recht, daß Sie danach fragen,“ nickte die Bildhauerin ernst.
„Ich hatte sie vorhin fast vergessen. Und sie ist doch das einzige, was
mir ganz gehört – alles andere ist Trug. Gut genug für die andern, die
sich gern begnügen wollen. Ich fordere mich vom Schicksal und sonst
nichts.“
Fräulein Dr. Südekum sah betroffen in das harte Gesicht Alexandras. Wie
hochmütig ihre Stimme nun geklungen hatte! Warum sprach sie so? Gab es
jemanden, der daran zweifelte, daß diese Frau nur ihrer Kunst gehörte,
daß alles andere für sie nur Spiel und Entspannung war? Und billigten
ihr nicht alle diese Lebensform zu, – sogar sie, die ihr erst so gezürnt
hatte wegen Robert Nowotny?
„Hier können Sie sehen, was ich gearbeitet habe!“ sagte Alexandra und
nahm das Tuch von der Büste des Kanzlers. „Es ist noch nicht er, aber
diesen neuen Zug, der in seinem Gesicht lebt, diesen wissenden und
traurigen, der so merkwürdig mit dem genußfrohen Mund kontrastiert – den
habe ich schon. Nicht wahr?“
Das kleine Fräulein sah und staunte. Ja, fast erschreckend enthüllte
diese Büste den Kanzler. Alles sagte sie über ihn, alles, was der Knabe
wußte, der ihn liebte, und diese Frau, die niemanden lieben konnte, aber
durch ihre Kunst alles aus den Menschen herausholte.
„Ja, das wird!“ sagte Alexandra. „Es ist nur seltsam, daß es mich gar
nicht froh macht. Ich glaube, ich sollte bald fortreisen. Eure strenge
Landschaft hier macht einen so schwer, so beladen.“
„Und Robert Nowotny?“ fragte das kleine Fräulein lächelnd.
„Ich habe ihm vor drei Tagen verboten, mich weiter zu besuchen. Er
langweilt mich zu sehr.“
„Und er?“
„Er spielt mit seinem Schmerz wie ein Kind mit der Puppe. Täglich zieht
er ihm neue Flicken an. Da, – dieses Bündel Briefe schrieb er in drei
Tagen.“
Kalt und weiß fiel das Atelierlicht in den hohen Raum. Die Lehrerin
fröstelte. Alexandra schien ihr heute noch fremder und ferner. Schuf die
große schöpferische Arbeit die Menschen so?
Sie begann, verlegen im Atelier umherzugehen.
Vor einem Tonfigürchen, das nur schwach die Umrisse eines weiblichen
Körpers erkennen ließ, blieb sie stehen: „Das sah ich noch nicht, – was
wird das werden?“
„Ach, nichts Besonderes, ich arbeitete das nur zu meiner Zerstreuung
nach dem Gedächtnis.“
„Also kein Modell?“
„Nein. Eine ganz lustige Geschichte! Ein kleines Mädchen kam vor einigen
Tagen mit der Empfehlung ihrer Tanzlehrerin zu mir, sie wollen ein wenig
Anatomie betreiben – sie nimmt ihre Kunst verteufelt ernst und möchte
ihren Körper ganz vollkommen wissen!“
„Ah, also eine wirkliche Tanzkünstlerin?“
„Nun, vorläufig noch eine Schülerin. Die Eltern wissen nichts davon, wie
es scheint. Der Vater ist der Staatsanwalt Winheim.“ – –
„Winheim – also Gertrud Winheim –,“ das kleine Fräulein konnte fast
nicht sprechen, – „und sie will ...“
„Ja, – offenbar – kennen Sie die Kleine?“
„Und – da haben Sie so aus dem Gedächtnis ...“ Die Lehrerin sah scheu
auf die kleine unvollendete Tonfigur.
„Ja, – ein müßiger Unsinn,“ lachte Alexandra. Sie nahm die Figur und
warf sie hart in eine Ecke, wo sie zersprang. Sie lachte wieder, aber
ihre Lippen waren blaß.
Da ging die Lehrerin ganz langsam fort und immer weiter hinaus auf die
lärmenden Straßen der großen Stadt.