Ein paar enge Gassen mit niedrigen Häuschen führten von dem großen
freien Platz, auf dem das Spital stand, zum Walde. Der frohe Sommerwind
trug seinen Atem in die weitoffenen Fenster des weiten Gebäudes, in dem
nur Kranke lebten und Menschen, die Kranken dienten.
Es war die Stunde am frühen Nachmittag, da die meisten Patienten
schliefen und die Schwestern in ihrer hellen Tracht noch leiser als
sonst durch die großen Säle glitten.
Ein kleines Mädchen stieg langsam die Treppen des kahlen Stiegenhauses
hinab. Als sie aus dem großen Tore trat, fiel das Sonnenlicht jäh auf
ihr Gesicht. Es war beängstigend mager und von einer Geschlossenheit des
Ausdrucks, die erschreckte. Scharf und klar blickten die großen Augen,
sie beherrschten das ganze Gesicht, in dem alles, Mund, feiner, böser
Zug um die Nase und spitziges Kinn voll Abwehr war. Nur in der Haltung
und Bewegung des mageren Körperchens, das nur schüchtern angedeutet die
Merkmale der Reife trug, lag rührende Kindlichkeit.
Das kleine Mädchen strebte mit raschen Schritten vorwärts. Sie sah nicht
rechts und links, während sie über den großen Platz und weiter durch die
engen, von Kinderlärmen erfüllten Gassen ging.
Als der Wald sie umfing und grüngoldenes Licht durch die hohen Wipfel
auf ihr strenges Gesichtchen fiel, schienen ihre Bewegungen gelöster zu
werden, und als sie beide Finger in den Mund steckte und einen grellen
Pfiff durch das Schweigen des Waldes sandte, flog der Schein eines
kleinen spitzbübischen Lächelns über ihr Gesicht.
Aus den dunklen Stämmen trat ein halbwüchsiger Mensch. Er hielt beide
Hände in den Taschen seiner schmierigen Hose vergraben und nahm die
Mütze nicht vom Kopf, bis er vor dem kleinen Mädchen stand.
„Guten Tag, Martha,“ sagte er und sah ihr prüfend in das Gesicht. „Du
hast mich aber lange warten lassen. Was war denn los?“
„Der Franzose war viel schlechter, und ich mußte nach dem Vater in der
ganzen Stadt herumtelephonieren. Der Diensthabende kennt sich doch nicht
aus!“
„Der Franzose?“
„Sie nennen ihn so, weil er selbst immer sagt: ich habe die
Franzosenkrankheit. Syphilis meint er. Er stinkt wie ein Schwein.“
„Pfui Teufel!“
„Nun ja, – die meisten Kranken riechen nicht gut.“ Sie sah mit altklugem
Ernst vor sich hin. „Aber was gibt es Neues bei euch?“
„Neues? – Nun, es ist ein Wunder, daß ich heute hier sein kann und nicht
als Mörder hinter Schloß und Riegel sitze.“
„Wieder mit deinem Vater?“ Sie sah ihn angstvoll an.
„Ja. – Er kam gestern ganz vollgetrunken nach Hause. Dieser verdammte
Sonntag! Auch so eine Einrichtung. – Mutter war es den ganzen Tag nicht
gutgegangen. Kein Wunder in ihrem Zustand. Sie bat mich, bei ihr im
Zimmer zu schlafen. Nun, sie kennt ihn schon und kennt die Sonntage.
Erst schien er ganz aufgeräumt, erzählte irgendeinen Unsinn von einer
neuen Stelle, die er bekommen würde, – als wenn es nicht ein Segen wäre,
daß ihn der Primarius noch nicht hinausschmiß, – einen Portier, der alle
Tage betrunken ist! – Plötzlich gab es Streit. Ich weiß gar nicht mehr,
wie es kam, nein, wirklich nicht. Bei Betrunkenen kommt das ja so
plötzlich, daß man nie weiß, warum. Und plötzlich – wie ein wildes Tier
stürzte er sich auf die Mutter, – einen Sessel in der Faust. Ich rang
mit ihm. Da, – greif hierher, Martha, auf meine Stirn, – und das, obwohl
ich den Sessel mit meinem Arm parierte. Das war meiner Mutter zugedacht.
Er brüllte auf und stürzte sich wieder auf die Mutter, – ich spürte, daß
ich ihn nicht lange würde immer wieder an die Mauer zurücktreiben
können. Da – auf dem Tisch lag das Brotmesser, – ich hielt es ihm vor
die Augen. Er begriff nicht. – Als er vorstürmend die Faust zum Schlage
gegen die Mutter hob, da schlug ich mit dem Messer nach ihm. Als er Blut
sah, wurde er sofort still. Er hatte alles andere vergessen und wimmerte
nur leise, während er mit einem Tuch das Blut zu stillen suchte. Dann
begann er zu weinen. Und natürlich die Mutter, die sich während des
ganzen Auftritts hinter den Kissen ihres Bettes verkrochen hatte, – nun
kam sie hervor, – nun war alles vergessen. Für mich hatte sie nicht
einen Blick. Ja, sie sagte: ‚Leg sofort das Messer weg, Franz, – pfui,
mit dem Messer gegen den Vater!‘ – Dann begann sie ihn zu verbinden. –
Pfui Teufel! – Ich schmiß die Türe zu und ging weg.“
Martha hatte ihm ganz still zugehört und manchmal zu seiner Erzählung
wie bestätigend genickt. Nur die Falte zwischen ihren Brauen, die ihrem
Gesicht so frühreifen, verbitterten Ernst verlieh, hatte sich noch
verstärkt.
Zögernd begann sie nach einem kurzen Schweigen, währenddem sie beide
immer weiter in den Wald hineinstapften. „Und trotzdem – – und trotz
allen diesen entsetzlichen Auftritten! Deine Mutter ist wieder schwanger
von ihm?“
„Ja,“ antwortete er schwer, „verstehst du das? – Wenn ich sie so mit
ihrem dicken Bauch durch die Küche schlurfen sehe, könnte ich aufheulen
vor Ekel und Scham!“
„Es ist so komisch,“ sagte Martha, „ich weiß doch alles, – es gibt
nichts, was ich nicht weiß von dem Leben und den Menschen. Vater ist so
klug, er will, daß ich alles wissen soll. Aber, – dennoch, ich verstehe
gar nichts davon. Ich weiß, wie es unter den Erwachsenen zugeht, ich
weiß, was sie einander antun, in ihrer sogenannten Liebe und mit ihrem
Haß, – aber ich begreife es nicht. Ich sehe, wie jeder selbst in sein
Unglück rennt, – ja, das sehe ich. Aber trotzdem die Erwachsenen genau
wissen, was aus allem entsteht, – – wie die Wahnsinnigen machen sie
immer wieder dasselbe. Sie sind alle entsetzlich gemein, aber auch
entsetzlich arm.“
„Die größte Gemeinheit ist, daß sie uns in die Welt gesetzt haben,“
sagte er, und in seinem Gesichte stand ein harter Haß. „Wozu, – da wir
ihnen doch nur Sorgen machen? Wozu, – da wir nichts davon haben? Was
erwartet mich schließlich, wenn ich ausgelernt habe? Ein Mechaniker bin
ich dann, ich kann in einem Betrieb arbeiten und bekomme jeden Samstag
Geld. Dann werde ich wie die anderen dazusehen, daß ich mehr Geld
bekomme, damit ich mir mehr Weiber kaufen kann als sie und mehr Räusche,
– denn darum geht es doch allein? Oder glaubst du, daß ich den
sozialistischen Führern glaube, die uns in den Versammlungen etwas von
einem neuen Himmel auf Erden vorfaseln? Von mir aus können sie den
Reichen das Geld wegnehmen und es an die Armen verteilen, – aber sie
werden es nicht ändern, daß alle voll Gier sind, daß die Männer sich
betrinken und ihre Frauen schlagen, und daß diese Frauen ohne jeden
Stolz alles verzeihen, – weil eben Männer und Frauen ein schimpfliches
Geheimnis verbindet, das sie alle immer tiefer in Demütigung und
Gemeinheit rennen läßt. Das einzige, was sie dann zusammenbringen, ist,
daß sie sich hassen!“
„Vater will, daß ich studiere,“ erzählte Martha. „Ärztin soll ich
werden. Aber mir ist alles so gleichgültig. Soll ich ein Leben lang in
solch einem Spital wohnen? Er hat ja recht, die Menschen sind arm, und
es ist schön, ihnen zu helfen. Ich weiß aber zu viel von ihnen. Ich
weiß, wie die Kranken die Gesunden inbrünstig hassen, und wie die
Gesunden sich vor ihnen fürchten, wie vor jeder Mahnung, daß es auch
ihnen so gehen könnte. Für die meisten wäre es besser, wenn sie stürben.
Wenn sie gesunden, werden sie entweder weiter von den anderen getreten
oder sie mißhandeln andere. Und was erwartet sie überhaupt, wenn sie aus
dem Spital herauskommen?“
„Wollen wir uns ein wenig niedersetzen?“ fragte Franz. „Es ist so schön
still hier.“
„Ja,“ – sie nickte. „Ich habe diese Stunde, ehe es dämmert, so gerne.
Und überhaupt den Wald. Man kann es gar nicht glauben hier, daß es
Menschen gibt, und was sie aus dem Leben gemacht haben.“
Er streckte sich neben ihr in das kühle Moos und nahm die Kappe ab. „Wie
gut die Luft tut,“ sagte er. „Ich kann es mir nicht vorstellen, daß
Vater auch einmal anders war. Daß er jemals in einem Walde war, wo es
keine Menschen gibt. Nur die Bäume und diese schwingende Luft. Aber
früher, – ja, da haben wir manchmal am Sonntagnachmittag Ausflüge
gemacht. Aber Vater wollte nie lange gehen. Er kehrte überall ein.
Zuerst wurde er sehr lustig, und Mutter hängte sich in ihn ein. Ich
schämte mich oft, so verliebt taten sie. Aber dann begannen sie
plötzlich zu streiten. Und an einem solchen Nachmittag, mitten im Walde,
war es zum erstenmal, daß ich mich zwischen Vater und Mutter werfen
mußte, – sonst hätte er sie erschlagen.“
„Und früher schlug er sie nie?“
„Er schlug sie immer schon. Aber damals war ich klein und schwach, ich
verkroch mich in der Küche hinter der Kohlenkiste und weinte. Und damals
schon erlebte ich das entsetzliche Nichtbegreifen, denn oft nachher –
sie küßten einander und schlossen sich dann ins Zimmer ein.“
Martha sagte leise: „Immer ist es das, – immer dieses ganz Entsetzliche.
Ich weiß alles, aber ich verstehe es nicht. Denke dir! – ich habe dir
doch schon von der Schwester Adelheid erzählt. Sie ist eine
Offizierstochter und hat einen Mann sehr geliebt, den sie nicht bekam.
So erzählt man. Vater lobte sie immer sehr, weil sie alles so still und
selbstverständlich tat, was ihre Pflicht ist und noch mehr. Nun ist sie
krank und liegt selbst im Spital. Und weißt du, wovon sie krank ist? Ich
habe es erst heute erfahren. Vater erzählte es mir selbst. Sie hat sich
mit einem Patienten, mit einem Doktor, eingelassen, der auf der
Luetikerabteilung liegt, und den sie pflegte. Vater schrie so
fürchterlich in seinem Untersuchungszimmer, als sie bei ihm war, daß man
es bis auf den Gang hinaus hörte.“
Franz antwortete nicht und sah nur finster vor sich hin.
Sie sah zu ihm auf: „Franz, – sag, hast du schon einmal ein Mädchen –
ich meine, –“
Er verstand sie sogleich: „Nein,“ sagte er kurz und nochmals: „Nein! Die
paar Burschen in der Werkstatt haben es natürlich versucht, mich
mitzuschleifen, und ich habe mir auch einmal so einen Betrieb angesehen,
wo sie ihr sogenanntes Vergnügen suchen, dieses Vergnügen, das einen zum
Manne macht, wie sie sagen. Na, – mir fiel in diesem verfluchten roten
Licht nur meine Schwester ein, die Vater aus dem Hause jagte, wie ich
noch ein kleiner Bub war, und die dann so _eine_ wurde. Nein, – ich
dankte und ging. Und später, ja, – es war da so manche in der
Nachbarschaft, die sich an mich heranmachen wollte, mich ansprach oder
gar was von der Liebe sprach. Na, die sagen heute alle, daß ich das
gemeinste Vieh auf Gottes Erdboden sei. Weil ich ihnen sagte, was ich
denke, weil ich nicht geneigt war, auf schöne Worte und
Sentimentalitäten hereinzufallen, weil ich immer dieses Zuhause vor
Augen hatte, – die Mutter, wenn sie sich lachend an den Vater schmiegte,
nachdem er sie in seiner Betrunkenheit geschlagen hatte. Nein, ich danke
für Obst!“ – Er hatte sich ordentlich heiß gesprochen und fuhr nun mit
leiserer Stimme fort: „Schau, Martha, das ist ja das Schöne an uns
beiden, das Herrliche an unserer Freundschaft, daß wir beide das alles
wissen. Daß du nicht so bist wie die andern Mädel, die von der ganzen
Scheußlichkeit des Lebens nichts wissen und auf alles so lange
hereinfallen, bis sie es lernen, andere hereinfallen zu lassen. Ich
kenne keinen Burschen, mit dem ich so reden kann wie mit dir!“
„Wie herrlich still es wird,“ sagte sie wieder. „Das ist wirklich die
schönste Stunde. – Man möchte, daß es nur immer dunkler wird und niemals
mehr Morgen.“ Ihre Augen wurden ganz schwarz.
„Nie mehr Morgen,“ wiederholte er langsam. „Ja, das wäre schön.“
Er lag nun ganz auf dem Rücken und sah hinauf in den Himmel, den der
Abend in immer blasseren Farben malte. „Wenn man ein Baum wäre,“ sagte
er leise, „oder ein Vogel!“
„Nur kein Mensch!“ vollendete sie.
„Wenn wir Bäume wären, dann ständen wir vielleicht hier nebeneinander
und dürften immer den Wolken zusehen.“
„Wir würden uns alles erzählen so wie jetzt,“ sagte sie, und mit einem
harten Auflachen: „Wahrscheinlich aber schönere Dinge!“
„Es wäre ja nicht dieses schwarze Loch vor uns, als das mir alles
weitere Leben immer vorkommt,“ sagte er.
„Hast du auch oft so Angst?“ fragte sie. Ihr Gesicht schien fast weiß
und durchsichtig in dem abendlichen Licht.
Er nickte. „Alles, was uns erwartet, ist so häßlich und gemein. Mit
jedem Jahre werden wir tiefer hineinwachsen.“
Sie fröstelten in der Kühle des Abends und unter ihren Worten. Sie
rückten enger aneinander. „Wenn man davonlaufen dürfte,“ sagte er
schwer.
„Du meinst – ein Ende machen?“ flüsterte sie.
„Ja, – aber das darf ich nicht. Sonst erschlägt er sie wirklich. Es wird
ja immer schlimmer. Und in ein paar Monaten ist das Kind da. Dann komme
ich aus der Lehre, – sie werden meinen Verdienst notwendig brauchen. Und
wer weiß, einmal wirft ihn dein Vater vielleicht doch hinaus.“
„Auch ich habe schon daran gedacht, einfach Schluß zu machen,“ sagte
sie. „O ja, – oft schon. Denn es ist doch sinnlos, sich die kommenden
Jahre geschehen zu lassen, wenn man alles weiß. Man braucht nicht viel
Mut dazu. Ich weiß, wo der Schlüssel zu Vaters Apotheke liegt. Aber der
Vater, – ich habe ja die Mutter nicht gekannt, – ich weiß nur, daß sie
ihm sehr weh getan hat, und daß sie fern von ihm irgendwo im Süden
starb. Er hat nur mich! Ich weiß, daß er mich sehr lieb hat – obwohl, er
hat es mir nie gesagt. Er hat mir nie einen Kuß gegeben. – Als ich
einmal sah, wie die Gemüsefrau, die immer alles ins Spital bringt, ihrer
kleinen Tochter, die ihr beim Tragen hilft, so übers Haar fuhr, – da, –
ich weiß gar nicht, wie das war, – ich lief in mein Zimmer und weinte.“
„Zu mir war auch niemand gut, – so wie du es jetzt meinst,“ erzählte er
fast unhörbar. „Der Mutter war es vielleicht nicht gegeben, und so aus
mir selbst heraus konnte ich nicht. Als ich klein war, ließen sie mich
immer allein zu Hause, – sie gingen tanzen oder ins Wirtshaus. Und dann
war ja immer Streit bei uns. Ich lief soviel draußen herum, als ich
konnte, – ich hatte immer Angst vor dem Daheimsein.“
„Franz,“ sagte Martha, „darf ich meine Hand so einmal auf deinen Kopf
legen, – ja? – Es ist so dunkel, und ich habe Angst vor allem.“
„Ich habe so abgearbeitete Hände, – von der Werkstatt, weißt du, – sonst
möchte ich dir sehr gerne über die Haare streichen.“
„O, es macht nichts, – – aber deine Hand ist sehr gut, gar nicht hart.
Wie dunkel es schon ist!“ –
„Jetzt gehen die Bäume und alle Pflanzen schlafen,“ sagte er. „Komm, leg
deinen Kopf an meine Schulter, – jetzt kann man glauben, daß es nie mehr
Morgen wird.“
„Daß alles nicht wahr ist, was wir wissen,“ sagte sie leise, „daß wir
ganz allein sind auf der Welt. – Wie gut das ist, wenn du mich so
streichelst, – ich werde ganz müde und still.“ – –
„Wie dein Herz klopft, – Martha! Wie das Herz eines Vogels ist es.“
„Warum atmest du so?“
„Ich muß dich küssen, Martha!“
„Ja, mich hat noch niemand geküßt – und niemand war so gut. Ja, komm
näher noch!“
„Bin ich dir nicht zu schwer? – Laß meine Hand so auf deinem Herzen, –
wie es schlägt, – wie es schlägt! – Ich möchte jetzt einschlafen und nie
mehr aufmachen müssen.“
„Der Wald ist so schwer und so süß, wenn er dunkel wird – ich sehe die
Sterne über deinem Kopf.“ – –
„Martha, – Martha – tue ich dir weh – du!“
„Nein, – ja, – du, küsse mich!“