Vierzehntes Kapitel

Ein paar enge Gassen mit niedrigen Häuschen führten von dem großen

freien Platz, auf dem das Spital stand, zum Walde. Der frohe Sommerwind

trug seinen Atem in die weitoffenen Fenster des weiten Gebäudes, in dem

nur Kranke lebten und Menschen, die Kranken dienten.

Es war die Stunde am frühen Nachmittag, da die meisten Patienten

schliefen und die Schwestern in ihrer hellen Tracht noch leiser als

sonst durch die großen Säle glitten.

Ein kleines Mädchen stieg langsam die Treppen des kahlen Stiegenhauses

hinab. Als sie aus dem großen Tore trat, fiel das Sonnenlicht jäh auf

ihr Gesicht. Es war beängstigend mager und von einer Geschlossenheit des

Ausdrucks, die erschreckte. Scharf und klar blickten die großen Augen,

sie beherrschten das ganze Gesicht, in dem alles, Mund, feiner, böser

Zug um die Nase und spitziges Kinn voll Abwehr war. Nur in der Haltung

und Bewegung des mageren Körperchens, das nur schüchtern angedeutet die

Merkmale der Reife trug, lag rührende Kindlichkeit.

Das kleine Mädchen strebte mit raschen Schritten vorwärts. Sie sah nicht

rechts und links, während sie über den großen Platz und weiter durch die

engen, von Kinderlärmen erfüllten Gassen ging.

Als der Wald sie umfing und grüngoldenes Licht durch die hohen Wipfel

auf ihr strenges Gesichtchen fiel, schienen ihre Bewegungen gelöster zu

werden, und als sie beide Finger in den Mund steckte und einen grellen

Pfiff durch das Schweigen des Waldes sandte, flog der Schein eines

kleinen spitzbübischen Lächelns über ihr Gesicht.

Aus den dunklen Stämmen trat ein halbwüchsiger Mensch. Er hielt beide

Hände in den Taschen seiner schmierigen Hose vergraben und nahm die

Mütze nicht vom Kopf, bis er vor dem kleinen Mädchen stand.

„Guten Tag, Martha,“ sagte er und sah ihr prüfend in das Gesicht. „Du

hast mich aber lange warten lassen. Was war denn los?“

„Der Franzose war viel schlechter, und ich mußte nach dem Vater in der

ganzen Stadt herumtelephonieren. Der Diensthabende kennt sich doch nicht

aus!“

„Der Franzose?“

„Sie nennen ihn so, weil er selbst immer sagt: ich habe die

Franzosenkrankheit. Syphilis meint er. Er stinkt wie ein Schwein.“

„Pfui Teufel!“

„Nun ja, – die meisten Kranken riechen nicht gut.“ Sie sah mit altklugem

Ernst vor sich hin. „Aber was gibt es Neues bei euch?“

„Neues? – Nun, es ist ein Wunder, daß ich heute hier sein kann und nicht

als Mörder hinter Schloß und Riegel sitze.“

„Wieder mit deinem Vater?“ Sie sah ihn angstvoll an.

„Ja. – Er kam gestern ganz vollgetrunken nach Hause. Dieser verdammte

Sonntag! Auch so eine Einrichtung. – Mutter war es den ganzen Tag nicht

gutgegangen. Kein Wunder in ihrem Zustand. Sie bat mich, bei ihr im

Zimmer zu schlafen. Nun, sie kennt ihn schon und kennt die Sonntage.

Erst schien er ganz aufgeräumt, erzählte irgendeinen Unsinn von einer

neuen Stelle, die er bekommen würde, – als wenn es nicht ein Segen wäre,

daß ihn der Primarius noch nicht hinausschmiß, – einen Portier, der alle

Tage betrunken ist! – Plötzlich gab es Streit. Ich weiß gar nicht mehr,

wie es kam, nein, wirklich nicht. Bei Betrunkenen kommt das ja so

plötzlich, daß man nie weiß, warum. Und plötzlich – wie ein wildes Tier

stürzte er sich auf die Mutter, – einen Sessel in der Faust. Ich rang

mit ihm. Da, – greif hierher, Martha, auf meine Stirn, – und das, obwohl

ich den Sessel mit meinem Arm parierte. Das war meiner Mutter zugedacht.

Er brüllte auf und stürzte sich wieder auf die Mutter, – ich spürte, daß

ich ihn nicht lange würde immer wieder an die Mauer zurücktreiben

können. Da – auf dem Tisch lag das Brotmesser, – ich hielt es ihm vor

die Augen. Er begriff nicht. – Als er vorstürmend die Faust zum Schlage

gegen die Mutter hob, da schlug ich mit dem Messer nach ihm. Als er Blut

sah, wurde er sofort still. Er hatte alles andere vergessen und wimmerte

nur leise, während er mit einem Tuch das Blut zu stillen suchte. Dann

begann er zu weinen. Und natürlich die Mutter, die sich während des

ganzen Auftritts hinter den Kissen ihres Bettes verkrochen hatte, – nun

kam sie hervor, – nun war alles vergessen. Für mich hatte sie nicht

einen Blick. Ja, sie sagte: ‚Leg sofort das Messer weg, Franz, – pfui,

mit dem Messer gegen den Vater!‘ – Dann begann sie ihn zu verbinden. –

Pfui Teufel! – Ich schmiß die Türe zu und ging weg.“

Martha hatte ihm ganz still zugehört und manchmal zu seiner Erzählung

wie bestätigend genickt. Nur die Falte zwischen ihren Brauen, die ihrem

Gesicht so frühreifen, verbitterten Ernst verlieh, hatte sich noch

verstärkt.

Zögernd begann sie nach einem kurzen Schweigen, währenddem sie beide

immer weiter in den Wald hineinstapften. „Und trotzdem – – und trotz

allen diesen entsetzlichen Auftritten! Deine Mutter ist wieder schwanger

von ihm?“

„Ja,“ antwortete er schwer, „verstehst du das? – Wenn ich sie so mit

ihrem dicken Bauch durch die Küche schlurfen sehe, könnte ich aufheulen

vor Ekel und Scham!“

„Es ist so komisch,“ sagte Martha, „ich weiß doch alles, – es gibt

nichts, was ich nicht weiß von dem Leben und den Menschen. Vater ist so

klug, er will, daß ich alles wissen soll. Aber, – dennoch, ich verstehe

gar nichts davon. Ich weiß, wie es unter den Erwachsenen zugeht, ich

weiß, was sie einander antun, in ihrer sogenannten Liebe und mit ihrem

Haß, – aber ich begreife es nicht. Ich sehe, wie jeder selbst in sein

Unglück rennt, – ja, das sehe ich. Aber trotzdem die Erwachsenen genau

wissen, was aus allem entsteht, – – wie die Wahnsinnigen machen sie

immer wieder dasselbe. Sie sind alle entsetzlich gemein, aber auch

entsetzlich arm.“

„Die größte Gemeinheit ist, daß sie uns in die Welt gesetzt haben,“

sagte er, und in seinem Gesichte stand ein harter Haß. „Wozu, – da wir

ihnen doch nur Sorgen machen? Wozu, – da wir nichts davon haben? Was

erwartet mich schließlich, wenn ich ausgelernt habe? Ein Mechaniker bin

ich dann, ich kann in einem Betrieb arbeiten und bekomme jeden Samstag

Geld. Dann werde ich wie die anderen dazusehen, daß ich mehr Geld

bekomme, damit ich mir mehr Weiber kaufen kann als sie und mehr Räusche,

– denn darum geht es doch allein? Oder glaubst du, daß ich den

sozialistischen Führern glaube, die uns in den Versammlungen etwas von

einem neuen Himmel auf Erden vorfaseln? Von mir aus können sie den

Reichen das Geld wegnehmen und es an die Armen verteilen, – aber sie

werden es nicht ändern, daß alle voll Gier sind, daß die Männer sich

betrinken und ihre Frauen schlagen, und daß diese Frauen ohne jeden

Stolz alles verzeihen, – weil eben Männer und Frauen ein schimpfliches

Geheimnis verbindet, das sie alle immer tiefer in Demütigung und

Gemeinheit rennen läßt. Das einzige, was sie dann zusammenbringen, ist,

daß sie sich hassen!“

„Vater will, daß ich studiere,“ erzählte Martha. „Ärztin soll ich

werden. Aber mir ist alles so gleichgültig. Soll ich ein Leben lang in

solch einem Spital wohnen? Er hat ja recht, die Menschen sind arm, und

es ist schön, ihnen zu helfen. Ich weiß aber zu viel von ihnen. Ich

weiß, wie die Kranken die Gesunden inbrünstig hassen, und wie die

Gesunden sich vor ihnen fürchten, wie vor jeder Mahnung, daß es auch

ihnen so gehen könnte. Für die meisten wäre es besser, wenn sie stürben.

Wenn sie gesunden, werden sie entweder weiter von den anderen getreten

oder sie mißhandeln andere. Und was erwartet sie überhaupt, wenn sie aus

dem Spital herauskommen?“

„Wollen wir uns ein wenig niedersetzen?“ fragte Franz. „Es ist so schön

still hier.“

„Ja,“ – sie nickte. „Ich habe diese Stunde, ehe es dämmert, so gerne.

Und überhaupt den Wald. Man kann es gar nicht glauben hier, daß es

Menschen gibt, und was sie aus dem Leben gemacht haben.“

Er streckte sich neben ihr in das kühle Moos und nahm die Kappe ab. „Wie

gut die Luft tut,“ sagte er. „Ich kann es mir nicht vorstellen, daß

Vater auch einmal anders war. Daß er jemals in einem Walde war, wo es

keine Menschen gibt. Nur die Bäume und diese schwingende Luft. Aber

früher, – ja, da haben wir manchmal am Sonntagnachmittag Ausflüge

gemacht. Aber Vater wollte nie lange gehen. Er kehrte überall ein.

Zuerst wurde er sehr lustig, und Mutter hängte sich in ihn ein. Ich

schämte mich oft, so verliebt taten sie. Aber dann begannen sie

plötzlich zu streiten. Und an einem solchen Nachmittag, mitten im Walde,

war es zum erstenmal, daß ich mich zwischen Vater und Mutter werfen

mußte, – sonst hätte er sie erschlagen.“

„Und früher schlug er sie nie?“

„Er schlug sie immer schon. Aber damals war ich klein und schwach, ich

verkroch mich in der Küche hinter der Kohlenkiste und weinte. Und damals

schon erlebte ich das entsetzliche Nichtbegreifen, denn oft nachher –

sie küßten einander und schlossen sich dann ins Zimmer ein.“

Martha sagte leise: „Immer ist es das, – immer dieses ganz Entsetzliche.

Ich weiß alles, aber ich verstehe es nicht. Denke dir! – ich habe dir

doch schon von der Schwester Adelheid erzählt. Sie ist eine

Offizierstochter und hat einen Mann sehr geliebt, den sie nicht bekam.

So erzählt man. Vater lobte sie immer sehr, weil sie alles so still und

selbstverständlich tat, was ihre Pflicht ist und noch mehr. Nun ist sie

krank und liegt selbst im Spital. Und weißt du, wovon sie krank ist? Ich

habe es erst heute erfahren. Vater erzählte es mir selbst. Sie hat sich

mit einem Patienten, mit einem Doktor, eingelassen, der auf der

Luetikerabteilung liegt, und den sie pflegte. Vater schrie so

fürchterlich in seinem Untersuchungszimmer, als sie bei ihm war, daß man

es bis auf den Gang hinaus hörte.“

Franz antwortete nicht und sah nur finster vor sich hin.

Sie sah zu ihm auf: „Franz, – sag, hast du schon einmal ein Mädchen –

ich meine, –“

Er verstand sie sogleich: „Nein,“ sagte er kurz und nochmals: „Nein! Die

paar Burschen in der Werkstatt haben es natürlich versucht, mich

mitzuschleifen, und ich habe mir auch einmal so einen Betrieb angesehen,

wo sie ihr sogenanntes Vergnügen suchen, dieses Vergnügen, das einen zum

Manne macht, wie sie sagen. Na, – mir fiel in diesem verfluchten roten

Licht nur meine Schwester ein, die Vater aus dem Hause jagte, wie ich

noch ein kleiner Bub war, und die dann so _eine_ wurde. Nein, – ich

dankte und ging. Und später, ja, – es war da so manche in der

Nachbarschaft, die sich an mich heranmachen wollte, mich ansprach oder

gar was von der Liebe sprach. Na, die sagen heute alle, daß ich das

gemeinste Vieh auf Gottes Erdboden sei. Weil ich ihnen sagte, was ich

denke, weil ich nicht geneigt war, auf schöne Worte und

Sentimentalitäten hereinzufallen, weil ich immer dieses Zuhause vor

Augen hatte, – die Mutter, wenn sie sich lachend an den Vater schmiegte,

nachdem er sie in seiner Betrunkenheit geschlagen hatte. Nein, ich danke

für Obst!“ – Er hatte sich ordentlich heiß gesprochen und fuhr nun mit

leiserer Stimme fort: „Schau, Martha, das ist ja das Schöne an uns

beiden, das Herrliche an unserer Freundschaft, daß wir beide das alles

wissen. Daß du nicht so bist wie die andern Mädel, die von der ganzen

Scheußlichkeit des Lebens nichts wissen und auf alles so lange

hereinfallen, bis sie es lernen, andere hereinfallen zu lassen. Ich

kenne keinen Burschen, mit dem ich so reden kann wie mit dir!“

„Wie herrlich still es wird,“ sagte sie wieder. „Das ist wirklich die

schönste Stunde. – Man möchte, daß es nur immer dunkler wird und niemals

mehr Morgen.“ Ihre Augen wurden ganz schwarz.

„Nie mehr Morgen,“ wiederholte er langsam. „Ja, das wäre schön.“

Er lag nun ganz auf dem Rücken und sah hinauf in den Himmel, den der

Abend in immer blasseren Farben malte. „Wenn man ein Baum wäre,“ sagte

er leise, „oder ein Vogel!“

„Nur kein Mensch!“ vollendete sie.

„Wenn wir Bäume wären, dann ständen wir vielleicht hier nebeneinander

und dürften immer den Wolken zusehen.“

„Wir würden uns alles erzählen so wie jetzt,“ sagte sie, und mit einem

harten Auflachen: „Wahrscheinlich aber schönere Dinge!“

„Es wäre ja nicht dieses schwarze Loch vor uns, als das mir alles

weitere Leben immer vorkommt,“ sagte er.

„Hast du auch oft so Angst?“ fragte sie. Ihr Gesicht schien fast weiß

und durchsichtig in dem abendlichen Licht.

Er nickte. „Alles, was uns erwartet, ist so häßlich und gemein. Mit

jedem Jahre werden wir tiefer hineinwachsen.“

Sie fröstelten in der Kühle des Abends und unter ihren Worten. Sie

rückten enger aneinander. „Wenn man davonlaufen dürfte,“ sagte er

schwer.

„Du meinst – ein Ende machen?“ flüsterte sie.

„Ja, – aber das darf ich nicht. Sonst erschlägt er sie wirklich. Es wird

ja immer schlimmer. Und in ein paar Monaten ist das Kind da. Dann komme

ich aus der Lehre, – sie werden meinen Verdienst notwendig brauchen. Und

wer weiß, einmal wirft ihn dein Vater vielleicht doch hinaus.“

„Auch ich habe schon daran gedacht, einfach Schluß zu machen,“ sagte

sie. „O ja, – oft schon. Denn es ist doch sinnlos, sich die kommenden

Jahre geschehen zu lassen, wenn man alles weiß. Man braucht nicht viel

Mut dazu. Ich weiß, wo der Schlüssel zu Vaters Apotheke liegt. Aber der

Vater, – ich habe ja die Mutter nicht gekannt, – ich weiß nur, daß sie

ihm sehr weh getan hat, und daß sie fern von ihm irgendwo im Süden

starb. Er hat nur mich! Ich weiß, daß er mich sehr lieb hat – obwohl, er

hat es mir nie gesagt. Er hat mir nie einen Kuß gegeben. – Als ich

einmal sah, wie die Gemüsefrau, die immer alles ins Spital bringt, ihrer

kleinen Tochter, die ihr beim Tragen hilft, so übers Haar fuhr, – da, –

ich weiß gar nicht, wie das war, – ich lief in mein Zimmer und weinte.“

„Zu mir war auch niemand gut, – so wie du es jetzt meinst,“ erzählte er

fast unhörbar. „Der Mutter war es vielleicht nicht gegeben, und so aus

mir selbst heraus konnte ich nicht. Als ich klein war, ließen sie mich

immer allein zu Hause, – sie gingen tanzen oder ins Wirtshaus. Und dann

war ja immer Streit bei uns. Ich lief soviel draußen herum, als ich

konnte, – ich hatte immer Angst vor dem Daheimsein.“

„Franz,“ sagte Martha, „darf ich meine Hand so einmal auf deinen Kopf

legen, – ja? – Es ist so dunkel, und ich habe Angst vor allem.“

„Ich habe so abgearbeitete Hände, – von der Werkstatt, weißt du, – sonst

möchte ich dir sehr gerne über die Haare streichen.“

„O, es macht nichts, – – aber deine Hand ist sehr gut, gar nicht hart.

Wie dunkel es schon ist!“ –

„Jetzt gehen die Bäume und alle Pflanzen schlafen,“ sagte er. „Komm, leg

deinen Kopf an meine Schulter, – jetzt kann man glauben, daß es nie mehr

Morgen wird.“

„Daß alles nicht wahr ist, was wir wissen,“ sagte sie leise, „daß wir

ganz allein sind auf der Welt. – Wie gut das ist, wenn du mich so

streichelst, – ich werde ganz müde und still.“ – –

„Wie dein Herz klopft, – Martha! Wie das Herz eines Vogels ist es.“

„Warum atmest du so?“

„Ich muß dich küssen, Martha!“

„Ja, mich hat noch niemand geküßt – und niemand war so gut. Ja, komm

näher noch!“

„Bin ich dir nicht zu schwer? – Laß meine Hand so auf deinem Herzen, –

wie es schlägt, – wie es schlägt! – Ich möchte jetzt einschlafen und nie

mehr aufmachen müssen.“

„Der Wald ist so schwer und so süß, wenn er dunkel wird – ich sehe die

Sterne über deinem Kopf.“ – –

„Martha, – Martha – tue ich dir weh – du!“

„Nein, – ja, – du, küsse mich!“

Der wilde Garten · 第 20 / 34 题