Dreizehntes Kapitel

Fräulein Dr. Südekum hatte gebeten, daß man sie von der ersten

Unterrichtsstunde an diesem Tage enthebe. Nein, sie konnte nicht mehr.

Diese letzten Tage waren genug Qual gewesen, da man von ihr verlangt

hatte, daß sie so wie immer in ihrer Klasse Unterricht erteile,

vortrage, Fragen stelle und beantworte. So, als wäre nichts geschehen.

So, als lägen nicht oben versperrt in der Schreibtischlade des Rektors

die Tagebücher, in denen Mädchen aus ihrer Klasse schamlos bekannten,

was sie mit ihren Liebhabern trieben, wie sie ihre Eltern belogen, auf

welche Weise sie ihre schulfreien Stunden verbrachten.

Aber der Rektor hatte verlangt, daß nichts verlauten dürfe, ehe er nicht

alle Tatsachen geprüft hätte. Mit verschlossenem Gesicht ging er in

diesen Tagen umher. Wenn er telephonierte, sperrte er sich in sein

Zimmer ein.

Und für den heutigen Vormittag waren verschiedene Herren gebeten worden,

Rektor Krause in seiner Kanzlei aufzusuchen, Herren, die sonst gar

nichts mit diesem weißen Hause und seinen Bewohnern zu tun hatten. Ein

Schauspieler war darunter, Studenten, ein Arzt.

Nein, Fräulein Dr. Südekum konnte heute unmöglich an ihrem Pulte sitzen

und den Mädchen von Xerxes und seinen Kriegen erzählen, indessen oben in

der Kanzlei junge Männer bestätigten, daß ihre Schülerinnen ...

Der Rektor hatte ihren Wunsch erfüllt. „Setzen Sie sich inzwischen in

das Konferenzzimmer,“ sagte er. „Sie sind ja entsetzlich blaß! Ja, das

alles kann einen schon zur Verzweiflung treiben!“

Und nun ging sie hier in dem kahlen Raume neben dem langen grünen Tische

auf und ab.

War es denn zu verstehen, daß Mädchen, fast Kinder noch, so entsetzliche

und quälende Erlebnisse mit Männern suchten, – daß sie sich deren

rühmten, daß sie eigens einen Tagebuchklub gründeten, um einander diese

Dinge mitzuteilen?

Fräulein Dr. Hanna Südekum sah kaum auf, als sich langsam das

Konferenzzimmer mit anderen Lehrern füllte, die zu dieser Besprechung

gebeten worden waren.

Nein, sie konnte jetzt unmöglich darüber sprechen. Es war genug, daß sie

all das Entsetzliche würde hören müssen, was sich soeben im Zimmer des

Rektors zutrug.

Nur einige Male sah sie aus ihren Gedanken empört auf, wenn ersticktes

Lachen aus der Ecke drang, wo Fräulein Fischhaupt mit dem

Mathematiklehrer Dr. Weniger saß. Wie leicht sie alles nahmen! Sie

dachten wohl nicht darüber nach, daß hier sieben junge Menschen nicht

nur ihre Reinheit verloren, sondern wohl ihr Leben für immer zerstört

hatten. Wie konnten die Mädchen überhaupt nach dieser Schmach noch

weiterleben?

Als der Rektor endlich eintrat, bebte ihm erwartungsvolles Schweigen

entgegen. Er schneuzte sich geräuschvoll, ehe er zu sprechen begann:

„Die ganze Sache wird mir immer unbegreiflicher,“ sagte er

kopfschüttelnd. „Nun kenne ich mich selbst nicht mehr aus. Also stellen

Sie sich vor: Ich nahm mir zuerst die Mädchen vor – eine nach der andern

– jede allein. Jede verweigerte trotzig die Beantwortung meiner Fragen.

Die Tagebücher seien ihr alleiniges Eigentum, sie könnten

hineinschreiben, was sie wollten. Sie würden nichts weiter darüber

sagen. – Ich sah sofort, daß das Ganze abgekartet sei. Natürlich, sie

hatten das alles längst vereinbart. Nur die Erika Meyer ging aus sich

heraus. Sie erzählte mehr, als ich sie fragte, sie erzählte

Einzelheiten, – nun, ich war nur froh, daß Sie nicht dabei waren, meine

Damen – das war ja selbst für einen Mann zu viel.“

„Die Erika Meyer?“ Und Fräulein Dr. Südekum dachte entsetzt an den

furchtbaren Anfall, den das Mädchen damals mitten während des

Unterrichts erlitten hatte. So hatte sie sich also genommen, wonach sie

damals in so furchtbar nackten Worten schrie!

„Ja, nun kommt aber das Seltsamste,“ fuhr der Rektor fort. „Der Mann,

mit dem sie das alles erlebt haben will, was sie in ihrem Tagebuch

schrieb und was sie mir gegenüber dann noch so hemmungslos enthüllte,

ist der Schauspieler Alf Werndorf. – Er war eben bei mir. Und, – jetzt

verstehe ich überhaupt nichts mehr, – er wies mir an Hand von Belegen

und unterstützt durch Briefe nach, daß er die Erika Meyer überhaupt

nicht kenne, daß er an den Nachmittagen, die das Mädchen als die der

sündigen Rendezvous bezeichnet, immer auf der Probe war und ferner, –

daß er mit der Tochter des Staatsanwalts Wessely verlobt sei und den

Eltern der Meyer klarmachen werde, daß er sich derartige Erzählungen

verbitte. Er sagte noch wortwörtlich: ‚Das kleine Mädchen mag sich

amüsieren, mit wem sie will, – sie soll aber meinen Namen aus dem Spiele

lassen. Das zu fordern bin ich schon meiner Braut schuldig.‘“

„Es ist also gar nicht wahr!“ rief Fräulein Dr. Südekum, und freudige

Röte stieg ihr zur Stirne.

„Freuen Sie sich nicht zu früh!“ sagte Fräulein Fischhaupt spitz. „So

ganz unschuldig wird sie schon nicht sein.“

„Ja, – es ist wirklich zu toll,“ sagte Rektor Krause. „Ich stellte die

beiden schließlich einander gegenüber, so furchtbar peinlich mir das

war. Alf Werndorf wiederholte der Schülerin ins Gesicht, daß er sie

nicht kenne, er versuchte, ihr ruhig zuzureden. Sie sah ihm starr in die

Augen und sagte mit einer Stimme, die vor Leidenschaft bebte: ‚Ich war

doch erst gestern bei dir, – hast du das ganz vergessen? Nein, du kannst

es nicht vergessen haben.‘ – Da kam der Werndorf auf eine Idee, die mir

in meiner Verwirrung gar nicht eingefallen wäre. Er fragte sie: Wie

sieht meine Wohnung aus? – Und sie, die bisher jedes Detail, Stunde und

Art ihrer Zusammenkünfte genau beschrieben hatte, begann nun zu stocken.

– – Nein, sie hatte wirklich keine Ahnung, wie seine Wohnung aussieht,

sie wußte nicht einmal, in welchem Stockwerk sie liegt.“

„Ja, aber zum Teufel, warum schreibt und erzählt sie denn solche

Sachen?“ rief der Mathematikprofessor mit hoher Fistelstimme und strich

sein blondes Spitzbärtchen.

„Fragen Sie sie selbst!“ gab der Rektor achselzuckend zurück. „Und

fragen Sie vor allem die anderen sechs, – denn bei allen hat es sich

herausgestellt, daß sie unschuldig, – das heißt, daß die

Schändlichkeiten, die sie in ihren Tagebüchern erzählten, sich niemals

zugetragen haben.“

„Wie komisch!“ rief der Mathematikprofessor. „Nein, das ist wirklich

köstlich!“

„Das ist gar nicht komisch und gar nicht köstlich,“ schnaubte Rektor

Krause. „Wir werden noch die heftigsten Unannehmlichkeiten haben, denn

schließlich bin ich die ganze Sache scharf angegangen und habe viele

Leute aufgestört. – Da,“ er warf einen Brief auf den grünen Tisch.

„Unser Herr Kollege, Dr. Sinser, schreibt mir da einen sehr energischen

Brief. Sie wissen doch, daß ich ihn wegen des Tagebuchs der Käte Bilwein

vom Dienste suspendierte? Ich sagte ihm auch manches, was vielleicht

nicht gerade angenehm klang. Nun fordert er nicht nur die Einleitung

einer Disziplinaruntersuchung gegen sich. Er will die Bilwein wegen

Verleumdung verklagen, da ihre Beschuldigung seine Berufsehre in Frage

ziehe.“

„Das ist doch selbstverständlich!“ krähte Dr. Weniger.

„Selbstverständlich ist das?“ höhnte der Rektor. „Sie haben es leicht,

zu reden. Sie sind nur angestellt an dieser Schule. Sie kümmert deren

Schicksal nicht. Aber was soll ich machen? Glauben Sie, daß der Ruf der

Anstalt nicht unter solchen Dingen leidet?“

Rektor Krause sah ganz erschöpft vor sich hin. Dann fuhr er fort: „Bei

allen sieben dieselbe Sache. Der Cousin dieser sauberen Herta Kobinger

war nicht einmal in unserer Stadt, während sie in ihrem Tagebuch

behauptete, daß er sie mit einer schwarzen Maske und mit Tuberosen

empfing.“

Fräulein Fischhaupt kicherte in ihr Taschentuch.

Der Rektor drückte auf eine Klingel. „Führen Sie die Kobinger herein,“

sagte er zu dem Schuldiener, dessen blatternarbiges Gesicht grenzenlose

Neugierde ausdrückte.

Ein untersetztes junges Mädchen schob sich langsam zur Türe herein. Sie

überflog mit einem scheuen Blick die Schar der versammelten Richter.

„Du bist die Anführerin gewesen!“ schrie sie der Rektor an. „Wozu habt

ihr diese unglaubliche Sache gemacht? Ihr habt euch und die Schule in

schlechten Ruf gebracht, ihr habt Bräute unglücklich gemacht und

anständige Männer dem Gerede ausgesetzt, – warum, – warum das alles?“

Das junge Mädchen sah schweigend vor sich hin. Ein trotziger Zug lag um

seinen jungen Mund.

Fräulein Dr. Südekum kämpfte mit der unbezwinglichen Lust zu lachen. Wie

immer es sein mochte und wie häßlich es war, daß sich die Mädchen mit

solchen Phantastereien beschäftigten, – – nun war es doch der Rektor

selbst, der sich in diese Patsche gesetzt hatte. Weil er immer gleich

das Schlimmste annahm! Und war es nicht überhaupt unrecht gewesen, daß

er sich dieser Tagebücher bemächtigt hatte? Ja, Fräulein Dr. Südekum

empfand fast etwas wie Schadenfreude, als sie den Rektor vergeblich auf

das kleine Mädchen einbrüllen sah, das beharrlich schwieg.

„Geh jetzt,“ sagte er schließlich erschöpft und wütend. „Aber die

Angelegenheit ist damit keineswegs zu Ende.“

Die Kobinger verneigte sich vor den Lehrern am grünen Tisch und ging

wieder langsam hinaus.

„Und was sagen Sie nun dazu?“ wandte sich Rektor Krause an die

versammelten Kollegen.

Allgemeines Achselzucken war die Antwort.

„Ich erkläre die Konferenz für beendet,“ sagte der Rektor frostig. „Ich

hoffe aber, von den Damen und Herren noch Vorschläge zu erhalten.

Augenblicklich muß ich alles daransetzen, um die Gemüter zu beruhigen.“

Langsam gingen die Lehrer hinaus. Fräulein Dr. Südekum drängte an ihnen

vorüber und trippelte ihnen voraus auf den Gang. Fast wäre sie gelaufen,

hätte sie sich nicht vor den anderen geschämt.

So glücklich war sie plötzlich, so glücklich. Ja, mochten auch heiße

Träume diese Kinder verwirren, mochten sie ihre Gedanken Tollheiten

überlassen, die Fräulein Dr. Südekum in jeder anderen Stunde auf das

heftigste verurteilt hätte: es waren doch noch Kinder, die träumten, –

große, verwirrte Kinder.

Mit einem strahlenden Lächeln trat sie in ihre Klasse.

„Grüß Gott!“ sagte sie mit ihrer hellen Stimme, indes sie die Stufen zu

ihrem Pulte emporstieg.

Der wilde Garten · 第 19 / 34 题