Müde und traurig saß die Lehrerin an diesem Nachmittag in ihrem Heim. Es
war ja bald alles vorüber, dann kam die Matura, dann gingen die Mädchen
aus dem großen weißen Haus. Alle. Sie, die sie so getäuscht hatten mit
ihren glatten, kindlichen Antlitzen, und die sich längst mit
erbärmlichem Vergnügen den schändenden Erlebnissen der Erwachsenen
hingaben. Die anderen auch, die ihr nur fremd geworden waren. Sie alle
hatte sie geliebt, ihnen allen hatte sie die große, zärtliche Liebe
ihres mütterlichen Herzens gegeben. Und so sehr sie an allem litt, was
sie nun von diesen Kindern wußte, noch immer liebte sie und war bereit,
dieser Jugend jedes Opfer zu bringen, das sie erretten konnte.
Aber das kleine Fräulein mußte es in einer tiefen, bitteren Mutlosigkeit
zugeben: sie wußte nicht, wie man dieser Jugend helfen konnte. Und darum
quälte sie der Gedanke, daß auch sie selbst vielleicht daran schuld war,
daß so viele dieser Kinder sich an so schändliche Erlebnisse verloren
hatten.
Sie wußte zu wenig von ihnen, wußte nicht, was es war, das diese so
ungeduldig hinaus aus dem Garten ihrer Kindheit stürmen ließ.
Schule und Elternhaus standen sich ja fast feindlich gegenüber,
zumindest aber mit tiefer Gleichgültigkeit. Sie hatte kein anderes Recht
an diese Kinder, als sie zu lehren. Sie mußte sie alle täglich aus dem
weißen Hause hinaus in ein Leben entlassen, das sie nicht kannte, zu
Eltern, die niemals ein tieferes Verhältnis zu ihr suchten. Sie mußte
ihre Lieblinge immer wieder nach den Stunden engster Vertrautheit
hergeben, die eine an ein haßverstörtes Elternhaus, in dem der
erbitterte Kampf zwischen Jugend und Alter tobte, die andere an eines,
das von stumpfer Gleichgültigkeit erfüllt war.
Oh, wenn sie manchem dieser jungen Wesen wirklich hätte Mutter sein
dürfen, Mutter in jenem einen Sinne, den die wenigsten dieser Frauen
erfühlten, denen Gott das große Glück geschenkt hatte, Kinder zu haben.
Denn das eine wußte Fräulein Dr. Südekum aus den vielen Beichten, die in
früheren Jahren von bebenden blassen Kinderlippen zu ihr geströmt waren:
sie waren sehr, sie waren schmerzlich allein, diese Kinder, die fast
alle einer Umwelt entstammten, die man glänzend nannte, weil sie von der
äußeren Not verschont blieb. Aber ihre Eltern hatten durch die leeren
gesellschaftlichen Verpflichtungen ihres Daseins meist weniger Zeit für
sie als die Proletarierfrauen, die für ihre Kinder tagsüber das Brot
verdienen mußten. Sie hatten aber vor allem keine Lust, sich der
unbequemen Aufgabe zu unterziehen, den schwierigen Weg ihrer Kinder
durch die Jahre der Verwirrung mitzugehen. Man hatte Geld, und die
sogenannte Erziehung war etwas, was man kaufen konnte. Nur, daß
Erziehung vielleicht tausendmal unwichtiger war als die Liebe, die diese
Kinder daheim entbehrten, das wußten sie nicht.
Aber war es nicht auch so, daß diese Jugend anders war als die einer
früheren Zeit? daß viele von den Mädchen in Elternhaus und Schule nur
unbequeme Feinde sahen, die hindern wollten, das sich zu nehmen, wonach
man schon ungeduldig verlangte?
Ja, war denn dies alles überhaupt zu verstehen? Oder hatte sich alles so
vollkommen gewandelt? Das hatte es ja schon immer gegeben, daß die
Mädchen sich so veränderten im letzten Jahre und noch früher, – es war
auch vorgekommen in den vergangenen Jahren, daß man von der und jener
erfuhr, daß sie mit Herren Rendezvous habe. Und in der früheren Klasse,
mit der sie auch von der ersten in die letzte aufgestiegen war, war es
vorgekommen, daß ein Mädchen hatte von der Anstalt entfernt werden
müssen, weil sie ...
Ja, damals war auch so eine Sache mit einem Schauspieler gewesen. Aber
das alles waren doch so vereinzelte Vorkommnisse, daß man sie hinnahm
wie den plötzlichen Tod einer Schülerin.
Aber solche Dinge! Gleich sieben Mädchen in einer Klasse, die zu Männern
gingen, mit ihnen Verhältnisse hatten! Die Erna Petersen, damals, – der
hysterische Anfall der Erika Meyer, nein, es war zu viel!
Angestrengt dachte Fräulein Dr. Südekum nach. Nein, die Welt mußte sich
wirklich verändert haben, denn in ihrer eigenen Jugend war doch alles
ganz anders gewesen. Dies war ihr unverständlich und fremd. Und doch war
auch sie einmal jung gewesen.
Aber niemals hatte sie solche Dinge gedacht und empfunden, wie sie diese
Kinder in ihren Tagebüchern enthüllten, wie sie aus dem Flüstern und
Kichern der Mädchen selbst während des Unterrichts sprachen, wie sie
Erika Meyer in ihrem hysterischen Anfall hinausgeschrien hatte.
Ja, auch sie hatte damals nach der Konfirmation, als sie alle Korsetts
bekamen und so stolz waren, wenn sie weniger Taillenweite hatten als die
Freundinnen, manche törichte Dinge gedacht, hatte nur den einen Wunsch
gehabt, groß und erwachsen zu sein, um von einem Manne geliebt zu
werden. Ja, damals träumte man noch romantischer als heute, träumte vom
Sterben für einen Mann, von Mondscheinnächten, von wunderbaren
Ausstattungen und von Ausfahrten in Equipagen.
Ja, und auch sie hatte damals von Altersgenossinnen gehört, daß es diese
– diese abscheulichen Dinge gebe, aber sie hatte nie davon hören wollen.
Sie war immer geflohen, wenn die andern die Köpfe zusammensteckten.
Und Männer? Ja, da war der Apotheker gewesen, zu dem sie öfters im
Auftrage des Vaters gehen mußte. Vater war ja immer krank, und Mutter
mühte sich von früh bis spät. Der Apotheker war ein kugeliger Mensch mit
einem fast nackten Schädel, und alle kleinen Mädchen fürchteten sich
sehr, weil er immer, wenn er ihnen begegnete, sie mit einem Stock auf
die Schenkel schlug.
Aber erst später hatte sie sich wirklich vor ihm gefürchtet, weil er sie
immer mit so runden, glänzenden Augen ansah und kicherte.
Einmal mußte sie wegen ihres Vaters noch spät abends in die Apotheke
gehen. Lange mußte sie warten, nachdem sie die Nachtglocke gezogen
hatte, die so gellend in dem Hause widerhallte. Dann kam er mit
schlurfenden Schritten, und sein Gesicht war rot von Schlaf und
Bettwärme.
Er hieß sie mit ihm nach rückwärts in das Laboratorium kommen, wo er das
Tränklein für den Vater bereiten wollte. Und dort – dort war es dann.
Plötzlich fühlte sie ihre Arme von rückwärts zusammengepreßt und spürte
einen heißen, feuchten Atem in ihrem Nacken. Er schwatzte sinnloses Zeug
und versuchte, sie auf ein mit schwarzer Wachsleinwand bespanntes Sofa
niederzuziehen. Sie wehrte sich verzweifelt. Ekel und Angst verliehen
ihr Riesenkräfte. Noch hörte sie sein keuchendes Wort: „Warte nur, du
Racker – ich bekomme dich schon noch!“ – dann floh sie gehetzt hinaus
auf die Straße.
Dann waren lange Wochen und Monate gewesen, während deren sie fast nicht
schlief und nicht aß und so herabkam, daß die geängstigten Eltern den
Arzt holen ließen. Aber auch dieser wußte keinen Rat.
Damals hatte sie die Nächte fürchten gelernt und fürchten den bleiernen
Schlaf der Erschöpfung, der sie nach langen, schlaflos durchgrübelten
Stunden niederzwang, und aus dem sie dann oft mit einem grellen Schrei
der Angst stieß. Plötzlich hatte sie die runden glänzenden Augen des
Apothekers vor sich gesehen – seinen keuchenden Atem im Nacken gefühlt.
Noch heute, noch jetzt fühlte sie den kalten Schweiß am ganzen Körper,
der sie einhüllte wie ein feuchtes Totenhemd!
Nie mehr war ihr dann ähnliches begegnet.
Dann war der Lehrer plötzlich dagewesen. – Überall, wo sie ging. Immer
mußte sie ihm begegnen. Er hatte sie lieben und schätzen gelernt, wie er
sagte. Sie wurde mit ihm versprochen. Er war freilich nicht das gewesen,
was sie einmal in jenen törichten Stunden ersten Erwachens so romantisch
geträumt hatte. Und vielleicht wäre sie wirklich ohne Widerstand und
ohne Liebe Frau Lehrerin geworden, wenn nicht der eine Sonntagnachmittag
gewesen wäre. Ja, dieser Sonntagnachmittag entschied eigentlich ihr
ganzes Leben.
Ihr Vater hatte eine gute, alte Flasche Wein aus dem Keller geholt. Der
Lehrer trank mit Behagen, und plötzlich bekamen seine Augen jenen
seltsamen starren Glanz. Sie brachte mit der Mutter den Kaffee herein
und die süßen Kuchen. Sie war froh, daß sie so beschäftigt war, denn es
war schrecklich, immer diese runden glänzenden Blicke auf sich gerichtet
zu fühlen.
Als sie dann wieder in die Küche hinausging, schlich er ihr nach und
umfaßte sie von rückwärts. In einem einzigen Augenblick empfand sie, was
für sie der Inbegriff alles Entsetzlichen war: diese klammernden Arme,
deren Hitze man durch den Rock durchfühlte, die keuchenden, abgerissenen
Worte, den feuchten Atem. – – –
Mit einem Schrei riß sie sich los und stürzte hintüber auf den harten
Steinboden der Küche. Auf seinen Ruf eilten die Eltern herbei, man
bettete sie in der Wohnstube mit hochgelagertem Kopf. Der Bräutigam
blieb fern, er stand ernüchtert und ein wenig beschämt in einer Ecke.
Am nächsten Tage hatte sie ihm ohne ein Wort der Erklärung den Ring
zurückgesandt.
Ja, dies war alles gewesen, was Fräulein Dr. Hanna Südekum von der Welt
der Männer erlebt hatte, und dieses wenige hatte ihr Leben bestimmt. Die
Liebe selbst, von der sie einmal geträumt hatte, ja, die war ihr niemals
begegnet.
Aber die gab es wahrscheinlich überhaupt nicht, sie war eine Erfindung
der Bücherschreiber oder jedenfalls etwas, das nur als Traum in den
Herzen und Köpfen unwissender junger Menschen spukte. Ihr war nur Angst
und Scham zurückgeblieben, eine Angst, die ihr alles, was sie mit ihren
Schülerinnen erlebte, noch unverständlicher erscheinen ließ.
Aber wenn dies alles so war, wenn da eine neue Jugend kam, die zu
ungeduldig und früh erwacht war, um sich den unverrückbaren Gesetzen der
Sittlichkeit zu beugen, dann – dann konnte sie nicht länger Lehrerin
bleiben. Nein, denn sie verstand nichts von diesen verwirrenden Dingen
und würde sie niemals verstehen lernen.
Dann hatte eben das breite, starke Leben draußen gesiegt, vor dem sie
immer schon Angst gehabt hatte, wenn es in dem wirren Brausen der
Großstadtstraßen oder in jäh geschauten Bildern sie bedrängte. Dann
mußte sie gehen und ihren Platz jenen überlassen, die tiefer sahen, die
stärker waren und härter. Ja, dann mußte sie gehen.
Und wieder dachte sie plötzlich an das eine hochmütige und schmale
Gesicht, dessen Blick nun immer über sie hinweg in eine Ferne ging. Von
welchen Bildern war diese Ferne erfüllt? sann sie gequält und dann in
einer dumpfen Traurigkeit: Nun wird ja auch dies bald zu Ende sein, daß
ich täglich dieses Antlitz vor mir habe und leiden darf. Auch Gertrud
würde gehen. Vielleicht zog sie in eine andere Stadt, vielleicht würde
sie ihr niemals mehr begegnen. Ja, auch sie ging und nahm alles mit, was
in dem Leben des kleinen, alternden Fräuleins licht und schön und doch
so voll verwirrender Not gewesen war.
Schwer sank der Kopf des kleinen Fräuleins zwischen ihre Hände. Einige
Monate noch, dann würde in dem Schulzimmer der ersten Klasse eine neue
Kinderschar auf sie warten, – mit runden oder schmalen Kindergesichtern,
mit zarten Körperchen, mit erwartungsvollen Augen. Und wieder sollte sie
mit ihnen den bangen, schweren Weg durch die Jahre des Erwachens gehen,
ihnen Führer sein und Freund, – ihnen die Liebe geben, die ihnen das
Daheim sooft versagte.
Zwei große Tränen liefen über das blasse Gesicht des kleinen Fräuleins.
Ich habe keine Liebe mehr, – dachte sie in jäher Angst: alles, alles
nahm Gertrud mit sich!
Fräulein Dr. Südekum sah kaum auf, als es an die Türe pochte. Es konnte
ja niemand mehr kommen, den sie mit der ganzen Zärtlichkeit ihres
Herzens erwarten durfte. Niemand mehr.
Da klangen Schritte im Zimmer. Sehr blaß und mit dunkelglühenden Augen
stand Erwin vor ihr.
„Ich muß Sie sprechen!“ stieß er hervor, „– verzeihen Sie!“
„Setze dich zu mir,“ sagte das kleine Fräulein fast unhörbar und sah
gebannt in das vor Leidenschaft zuckende Antlitz des Knaben.
Er blieb vor ihr stehen, und sie sah, wie seine Schultern zuckten.
„Der Kanzler leidet sehr,“ stieß er mit gepreßter Stimme hervor. „Und
ich wollte ihm helfen!“
„Du?“ Die Lehrerin dachte an ihre Begegnung mit diesem Manne, an seine
gebändigte Art.
„Wer sollte ihm sonst helfen als ich, der ihn liebt?“ gab der Knabe
ernst zurück. „Niemand weiß so von ihm, wie ich. Niemand liebt ihn so.“
Die vollen Lippen des Knaben zuckten.
„Und wie wolltest du ihm helfen?“ fragte die Lehrerin leise. Wie schön
er ist! dachte sie, als sie in sein schmal gewordenes Gesicht sah, über
dem die tödlich schweren Schatten der Leidenschaft lasteten.
„Ich war bei ihr,“ stieß er hervor.
„Bei ihr? – Bei wem warst du, Erwin?“ fragte sie erschreckt.
„Bei der Tänzerin Anita,“ bekannte der Knabe. „Bei der dummen blonden
Frau, die der Kanzler liebt, – an der er leidet.“
Die Lehrerin wagte nicht zu atmen. Was geschah hier? Welchem Unheil
trieb dieser Knabe zu? „Was sprachst du mit ihr?“ fragte sie.
„Ich saß ihr gegenüber in dem Wohnzimmer einer Pension. Ich – ich konnte
erst gar nicht sprechen. Sie sah mich an und lächelte. O, sie lächelte
so unverschämt – sie meinte wohl ... Auf einem Tisch stand das Bild des
Kanzlers. Es stand, achtlos hingestellt, unter einer Fülle anderer
Photographien, – von albernen jungen Männern, von aufgeputzten Frauen.
Ich spürte, wie ich blaß wurde. Dann aber, – sie legte mir ihre Hand auf
das Knie, eine weiße, kraftlose Hand mit blitzenden Ringen. Und sie
lächelte wieder. Da sagte ich ihr alles.“ Der Knabe schwieg wie
erschöpft.
„Ja, – was sagtest du ihr?“ fragte die Lehrerin verwirrt.
„Ich sagte ihr, daß der Kanzler sie liebe, daß er leide um sie. Ich
sagte ihr: Sie wissen ja nicht, wie herrlich er ist! Er ist nicht das,
wofür ihn so viele halten: ein in sich abgeschlossener, kühler Mensch.
Er gehört zu denen, die sich unerhört festhalten können. Aber dann –
dann – dann fluten sie tollkühn über ihre Grenzen, wenn diesen die Liebe
geschieht. So sagte ich ihr.“
„Und sie?“
„Sie sah mich ein wenig erstaunt an und lächelte noch immer. ‚Bist du
deshalb zu mir gekommen, du schöner Bub?‘ – Ja, so fragte sie mich.
Deshalb, antwortete ich. ‚Und wieso weißt du das alles von ihm?‘ fragte
sie weiter. ‚Das hast du dir ja nur zusammenphantasiert.‘ – Ich kenne
jede Zeile von ihm, sagte ich. In seinen Büchern lebt sein großes wildes
Herz und die Sehnsucht, sich einmal verschenken zu dürfen. – ‚Aber er
schreibt doch nur über Politik, wie man mir erzählte,‘ meinte sie. ‚Wie
man mir erzählte,‘ – ja, so sagte sie wirklich. – Ich hielt sie
plötzlich an beiden Händen fest und rief: Sie müssen seine Bücher lesen.
Wenn Sie sehen, was er über sein Volk schreibt und dessen Weg, wenn Sie
sehen, wie er über sein Volk hinaus die Menschheit liebt, – ja, – dann
werden Sie ihn lieben, so lieben, wie er es verdient. Denn Sie müssen
ihn lieben! – ‚Du bist ein toller Junge,‘ sagte sie lachend zu mir, und
plötzlich küßte sie mich auf den Mund. – –
Da lief ich fort. – Vielleicht hätte ich sie schlagen sollen. –
Vielleicht hätte ich niederknien sollen und sie bitten, daß sie sich
mühe, ihn zu verstehen, – daß sie ihn lieben soll.“
Der Knabe fuhr sich mit einem Tuche über die hohe, weiße Stirn, die
feucht schimmerte. – „Ich mußte zu Ihnen kommen, Frau Doktor, – ich
mußte mit Ihnen sprechen. – Ich – ich weiß nicht, was weiter geschehen
wird.“
„Aber, Erwin,“ – Fräulein Dr. Südekum faßte nach seinen Händen. „Das
alles, – das darfst du doch nicht. Du weißt ja nicht das Richtige vom
Kanzler. Nein, er ist ein großer Mann, gewiß, – – aber, ich glaube, du
siehst das alles anders. Der Kanzler, – er erholt sich bei den Frauen, –
er, er nimmt sie sich so, – er leidet nicht an ihnen.“
Der Knabe sah vor sich hin, und plötzlich sah das kleine Fräulein, wie
ein traurigwissendes Lächeln über sein Gesicht glitt. „Der Kanzler liebt
diese Frau,“ sagte er. „Ich weiß es. Er sitzt stundenlang vor ihrem
Bilde, wenn sie für ihn keine Zeit hat, er weilt jeden Abend im Theater,
wenn sie tanzt. Ja, – er geht manchmal an ihrem Hause vorüber, auch wenn
ihn sein Weg in ganz andere Richtung führt. Er, – er arbeitet nicht
mehr. Ich weiß es, daß ihm alles gleichgültig geworden ist außer dieser
Frau.“
Das kleine Fräulein dachte an die Begegnung mit dem Manne, dem die Liebe
des Knaben galt. „Nichts geschah weiter,“ so hatte der Kanzler damals
mit einem sehr wissenden, sehr traurigen Lächeln gesagt, „nur, seitdem
liebt mein Freund diese Frau!“ So hatte ihre Ahnung damals doch recht
gehabt, daß der Kanzler die Wirrnis und Not seines eigenen Herzens vor
Alexandra entbreitet hatte, als er von jenem Freunde erzählte, der an
einem Abend plötzlich gesehen hatte, daß seine Wohnung leer und allein
sei.
Ihre Gedanken an die Begegnung mit dem Kanzler riefen ihr die Erinnerung
an Alexandra zurück. Trotz allem, was diese seltsame Frau ihr gesagt
hatte, – immer wieder überfiel sie die Sehnsucht nach dem großen,
nüchternen Raume des großen Ateliers, nach der Frau, die dort ihrem
Werke, dem Stein und seinen Gesetzen diente.
Sie erhob sich jäh: „Ich will jetzt zu einer Bildhauerin gehen,“ sagte
sie.
„Zur Pseleuditi?“ fragte der Knabe erregt.
„Ja, – wieso? Weißt du von ihr?“
„Der Kanzler kommt jeden Mittwoch zu ihr,“ sagte der Knabe hastig. „O,
ich möchte ihm nicht begegnen, – ich ertrüge es nicht. Aber heute ist
nicht Mittwoch, – o, Frau Doktor, wenn Sie mich mitnehmen wollten! Ich
möchte diese Frau sehen, – wie sie lebt. Der Kanzler liebt sie nicht –
nicht so, – aber sie ist seine Freundin!“
Nach kurzem Zögern willigte das kleine Fräulein ein.
Sie ist eine große Menschenfängerin, dachte sie. Aber diesem hier wird
nichts geschehen. Er sieht nur _einen_ Menschen. Nur einen einzigen.
Alexandra empfing sie in ihren grauen Mantel gehüllt. Ihre Haare sahen
fast grau aus, so sehr waren sie von Staub bedeckt, und selbst an ihren
dunklen Wimpern hing eine Schicht feinen weißgrauen Staubes.
Sie warf einen Hammer neben einen großen Block, den sie mit einem Tuche
bedeckte. Mit einem tiefen Atemzug breitete sie die Arme aus: „Herrgott,
– wie habe ich heute herrlich arbeiten dürfen!“ sagte sie. „Das ist das
Schönste, alles aus dem Stein herauszuzwingen. Es langweilt mich so, in
weichem Material zu arbeiten!“
Während Alexandra ihren Gästen auf dem Samowar einen Tee bereitete,
begann sie ein Gespräch mit dem Knaben, und Fräulein Dr. Südekum sah
staunend, wie diese Frau es verstand, einen anderen Menschen mit wenigen
Worten aus Scheu, Abwehr und Masken herauszuholen, ihn zum Sichbekennen
zu zwingen.
„Wieviel Freunde haben Sie?“ fragte sie den Knaben plötzlich.
„Keinen,“ antwortete er abweisend. „Ich kann mit ihnen allen nichts
anfangen.“
„Sie sind zu ernst, – das sah ich schon,“ sagte Alexandra wie nebenbei
nach einem prüfenden Blick auf sein schmales Gesicht. „Sie haben recht,
– jede äußerliche Gemeinschaft erniedrigt uns, ob sie mit
Altersgenossen, Berufskollegen oder einer Kaste verbindet. Ja, ich
glaube, daß Sie recht haben, Sie sind jetzt viel zu sehr mit den
Problemen des eigenen Werdens erfüllt, um andere sehen zu können.“
Fräulein Dr. Südekum sah erstaunt, wie der Knabe sich wandelte, da ihn
die Bildhauerin wie einen Erwachsenen behandelte. Während sie sich
weiter um den Tee zu schaffen machte, sah sie den Knaben kaum an,
jedenfalls niemals so, daß er es bemerken konnte, und stieß nur immer
plötzlich mit einer Frage vor, die den Knaben in raschen Antworten oder
betroffenem Schweigen zum Bekennen zwang.
Fräulein Dr. Südekum sah, daß die Bildhauerin heute ganz anders als
sonst war. War dies, weil sie gearbeitet hatte, oder wirkte die
Gegenwart des Knaben so, daß sie sich nun ganz anders gab, ganz anders
einstellte?
Was der Knabe sprach, kreiste immer um ein einziges Erlebnis, das fühlte
die Lehrerin, die sich fern und kühl als Zuhörerin in dem Fauteuil des
Ateliers vergraben hatte. Obwohl er mit keinem Worte an Tatsächliches
rührte. Aber dennoch war es so, daß in allem, was er sagte und von sich
erzählte, seine große Liebe brannte.
Die Bildhauerin kauerte, ganz in sich geschlossen und den Kopf seltsam
horchend vorgeneigt, auf den Stufen, die hinauf zu dem großen Fenster
des Ateliers führten. Am anderen Ende der Stufen lag der Knabe, die
Beine herabhängend, die schönen Hände hinter dem Nacken gefaltet.
Wie ähnlich sie nun dem Knaben ist! dachte die Lehrerin erstaunt und
empfand diese Ähnlichkeit nicht allein in Haltung und Gebärde, in der
herben Beugung des dunklen Knabenkopfes dieser Frau, als viel mehr noch
in dem klaren, ungebrochenen Klang ihrer Stimme.
Von den großen Träumern der Menschheit sprach Alexandra in das Schweigen
des Knaben hinein, von den männlichsten Träumern: von ihnen, die die
großen Brücken konstruieren, die in schmalen Bogen Abgründe überwachsen
und auf ihrem Rücken donnernde Eisenbahnzüge tragen, von den Männern,
die von den geheimnisvollen Verbindungen der Stoffe in den Retorten
wußten, die in schlaflosen, verwachten Nächten dem Rätsel des Beginnens
allen organischen Lebens in so atemraubende Nähe kamen, von den Domen
leuchtender Gedanken, die einsame Denker hoch über des Lebens Gier und
Hast erbauen.
Der Knabe lauschte ihr schweigend. Ein großer Ernst stand in seinen
Augen.
Immer weiter sprach Alexandra von einer Welt männlichster Träume, von
Forschern, die braungeglüht und ausgedörrt von Entbehrungen nie
betretenes jungfräuliches Land entdecken. Sie sprach von dem Reiche, das
sich auch einzelnen begnadeten Frauen erschlossen, wenn sie stark genug
waren, den Torheiten weicher Träume zu entsagen, von dem Reiche der
Kunst.
Fräulein Dr. Südekum wußte, daß jedes Wort, das Alexandra sprach, gegen
die Liebe gerichtet war und ihre verwirrende Not. Und sie konnte es
nicht fassen, daß diese Frau, deren schmales Gesicht im blauen Dämmern
dieses Abends noch dunkler schien, die Frau, der nun die Seele des
Knaben entgegenflog, dieselbe sein sollte, die mit so unbedenklichen
Händen nahm, – so unbekümmert um Gesetz und Sitte.
Als sie aber der Bildhauerin abschiednehmend die Hand reichte, eben als
der Knabe versunken vor einer begonnenen Büste des Kanzlers stand und
Fräulein Dr. Südekum leise sagte: „Ich danke Ihnen, – Sie wissen nicht,
wieviel Sie diesem heute an Halt gegeben haben,“ – da sah Alexandra in
eine Ferne über sie hinweg und sagte: „Ich hatte heute nachmittag eine
seltsame Begegnung – und vielleicht habe ich Angst.“