Zwölftes Kapitel

Müde und traurig saß die Lehrerin an diesem Nachmittag in ihrem Heim. Es

war ja bald alles vorüber, dann kam die Matura, dann gingen die Mädchen

aus dem großen weißen Haus. Alle. Sie, die sie so getäuscht hatten mit

ihren glatten, kindlichen Antlitzen, und die sich längst mit

erbärmlichem Vergnügen den schändenden Erlebnissen der Erwachsenen

hingaben. Die anderen auch, die ihr nur fremd geworden waren. Sie alle

hatte sie geliebt, ihnen allen hatte sie die große, zärtliche Liebe

ihres mütterlichen Herzens gegeben. Und so sehr sie an allem litt, was

sie nun von diesen Kindern wußte, noch immer liebte sie und war bereit,

dieser Jugend jedes Opfer zu bringen, das sie erretten konnte.

Aber das kleine Fräulein mußte es in einer tiefen, bitteren Mutlosigkeit

zugeben: sie wußte nicht, wie man dieser Jugend helfen konnte. Und darum

quälte sie der Gedanke, daß auch sie selbst vielleicht daran schuld war,

daß so viele dieser Kinder sich an so schändliche Erlebnisse verloren

hatten.

Sie wußte zu wenig von ihnen, wußte nicht, was es war, das diese so

ungeduldig hinaus aus dem Garten ihrer Kindheit stürmen ließ.

Schule und Elternhaus standen sich ja fast feindlich gegenüber,

zumindest aber mit tiefer Gleichgültigkeit. Sie hatte kein anderes Recht

an diese Kinder, als sie zu lehren. Sie mußte sie alle täglich aus dem

weißen Hause hinaus in ein Leben entlassen, das sie nicht kannte, zu

Eltern, die niemals ein tieferes Verhältnis zu ihr suchten. Sie mußte

ihre Lieblinge immer wieder nach den Stunden engster Vertrautheit

hergeben, die eine an ein haßverstörtes Elternhaus, in dem der

erbitterte Kampf zwischen Jugend und Alter tobte, die andere an eines,

das von stumpfer Gleichgültigkeit erfüllt war.

Oh, wenn sie manchem dieser jungen Wesen wirklich hätte Mutter sein

dürfen, Mutter in jenem einen Sinne, den die wenigsten dieser Frauen

erfühlten, denen Gott das große Glück geschenkt hatte, Kinder zu haben.

Denn das eine wußte Fräulein Dr. Südekum aus den vielen Beichten, die in

früheren Jahren von bebenden blassen Kinderlippen zu ihr geströmt waren:

sie waren sehr, sie waren schmerzlich allein, diese Kinder, die fast

alle einer Umwelt entstammten, die man glänzend nannte, weil sie von der

äußeren Not verschont blieb. Aber ihre Eltern hatten durch die leeren

gesellschaftlichen Verpflichtungen ihres Daseins meist weniger Zeit für

sie als die Proletarierfrauen, die für ihre Kinder tagsüber das Brot

verdienen mußten. Sie hatten aber vor allem keine Lust, sich der

unbequemen Aufgabe zu unterziehen, den schwierigen Weg ihrer Kinder

durch die Jahre der Verwirrung mitzugehen. Man hatte Geld, und die

sogenannte Erziehung war etwas, was man kaufen konnte. Nur, daß

Erziehung vielleicht tausendmal unwichtiger war als die Liebe, die diese

Kinder daheim entbehrten, das wußten sie nicht.

Aber war es nicht auch so, daß diese Jugend anders war als die einer

früheren Zeit? daß viele von den Mädchen in Elternhaus und Schule nur

unbequeme Feinde sahen, die hindern wollten, das sich zu nehmen, wonach

man schon ungeduldig verlangte?

Ja, war denn dies alles überhaupt zu verstehen? Oder hatte sich alles so

vollkommen gewandelt? Das hatte es ja schon immer gegeben, daß die

Mädchen sich so veränderten im letzten Jahre und noch früher, – es war

auch vorgekommen in den vergangenen Jahren, daß man von der und jener

erfuhr, daß sie mit Herren Rendezvous habe. Und in der früheren Klasse,

mit der sie auch von der ersten in die letzte aufgestiegen war, war es

vorgekommen, daß ein Mädchen hatte von der Anstalt entfernt werden

müssen, weil sie ...

Ja, damals war auch so eine Sache mit einem Schauspieler gewesen. Aber

das alles waren doch so vereinzelte Vorkommnisse, daß man sie hinnahm

wie den plötzlichen Tod einer Schülerin.

Aber solche Dinge! Gleich sieben Mädchen in einer Klasse, die zu Männern

gingen, mit ihnen Verhältnisse hatten! Die Erna Petersen, damals, – der

hysterische Anfall der Erika Meyer, nein, es war zu viel!

Angestrengt dachte Fräulein Dr. Südekum nach. Nein, die Welt mußte sich

wirklich verändert haben, denn in ihrer eigenen Jugend war doch alles

ganz anders gewesen. Dies war ihr unverständlich und fremd. Und doch war

auch sie einmal jung gewesen.

Aber niemals hatte sie solche Dinge gedacht und empfunden, wie sie diese

Kinder in ihren Tagebüchern enthüllten, wie sie aus dem Flüstern und

Kichern der Mädchen selbst während des Unterrichts sprachen, wie sie

Erika Meyer in ihrem hysterischen Anfall hinausgeschrien hatte.

Ja, auch sie hatte damals nach der Konfirmation, als sie alle Korsetts

bekamen und so stolz waren, wenn sie weniger Taillenweite hatten als die

Freundinnen, manche törichte Dinge gedacht, hatte nur den einen Wunsch

gehabt, groß und erwachsen zu sein, um von einem Manne geliebt zu

werden. Ja, damals träumte man noch romantischer als heute, träumte vom

Sterben für einen Mann, von Mondscheinnächten, von wunderbaren

Ausstattungen und von Ausfahrten in Equipagen.

Ja, und auch sie hatte damals von Altersgenossinnen gehört, daß es diese

– diese abscheulichen Dinge gebe, aber sie hatte nie davon hören wollen.

Sie war immer geflohen, wenn die andern die Köpfe zusammensteckten.

Und Männer? Ja, da war der Apotheker gewesen, zu dem sie öfters im

Auftrage des Vaters gehen mußte. Vater war ja immer krank, und Mutter

mühte sich von früh bis spät. Der Apotheker war ein kugeliger Mensch mit

einem fast nackten Schädel, und alle kleinen Mädchen fürchteten sich

sehr, weil er immer, wenn er ihnen begegnete, sie mit einem Stock auf

die Schenkel schlug.

Aber erst später hatte sie sich wirklich vor ihm gefürchtet, weil er sie

immer mit so runden, glänzenden Augen ansah und kicherte.

Einmal mußte sie wegen ihres Vaters noch spät abends in die Apotheke

gehen. Lange mußte sie warten, nachdem sie die Nachtglocke gezogen

hatte, die so gellend in dem Hause widerhallte. Dann kam er mit

schlurfenden Schritten, und sein Gesicht war rot von Schlaf und

Bettwärme.

Er hieß sie mit ihm nach rückwärts in das Laboratorium kommen, wo er das

Tränklein für den Vater bereiten wollte. Und dort – dort war es dann.

Plötzlich fühlte sie ihre Arme von rückwärts zusammengepreßt und spürte

einen heißen, feuchten Atem in ihrem Nacken. Er schwatzte sinnloses Zeug

und versuchte, sie auf ein mit schwarzer Wachsleinwand bespanntes Sofa

niederzuziehen. Sie wehrte sich verzweifelt. Ekel und Angst verliehen

ihr Riesenkräfte. Noch hörte sie sein keuchendes Wort: „Warte nur, du

Racker – ich bekomme dich schon noch!“ – dann floh sie gehetzt hinaus

auf die Straße.

Dann waren lange Wochen und Monate gewesen, während deren sie fast nicht

schlief und nicht aß und so herabkam, daß die geängstigten Eltern den

Arzt holen ließen. Aber auch dieser wußte keinen Rat.

Damals hatte sie die Nächte fürchten gelernt und fürchten den bleiernen

Schlaf der Erschöpfung, der sie nach langen, schlaflos durchgrübelten

Stunden niederzwang, und aus dem sie dann oft mit einem grellen Schrei

der Angst stieß. Plötzlich hatte sie die runden glänzenden Augen des

Apothekers vor sich gesehen – seinen keuchenden Atem im Nacken gefühlt.

Noch heute, noch jetzt fühlte sie den kalten Schweiß am ganzen Körper,

der sie einhüllte wie ein feuchtes Totenhemd!

Nie mehr war ihr dann ähnliches begegnet.

Dann war der Lehrer plötzlich dagewesen. – Überall, wo sie ging. Immer

mußte sie ihm begegnen. Er hatte sie lieben und schätzen gelernt, wie er

sagte. Sie wurde mit ihm versprochen. Er war freilich nicht das gewesen,

was sie einmal in jenen törichten Stunden ersten Erwachens so romantisch

geträumt hatte. Und vielleicht wäre sie wirklich ohne Widerstand und

ohne Liebe Frau Lehrerin geworden, wenn nicht der eine Sonntagnachmittag

gewesen wäre. Ja, dieser Sonntagnachmittag entschied eigentlich ihr

ganzes Leben.

Ihr Vater hatte eine gute, alte Flasche Wein aus dem Keller geholt. Der

Lehrer trank mit Behagen, und plötzlich bekamen seine Augen jenen

seltsamen starren Glanz. Sie brachte mit der Mutter den Kaffee herein

und die süßen Kuchen. Sie war froh, daß sie so beschäftigt war, denn es

war schrecklich, immer diese runden glänzenden Blicke auf sich gerichtet

zu fühlen.

Als sie dann wieder in die Küche hinausging, schlich er ihr nach und

umfaßte sie von rückwärts. In einem einzigen Augenblick empfand sie, was

für sie der Inbegriff alles Entsetzlichen war: diese klammernden Arme,

deren Hitze man durch den Rock durchfühlte, die keuchenden, abgerissenen

Worte, den feuchten Atem. – – –

Mit einem Schrei riß sie sich los und stürzte hintüber auf den harten

Steinboden der Küche. Auf seinen Ruf eilten die Eltern herbei, man

bettete sie in der Wohnstube mit hochgelagertem Kopf. Der Bräutigam

blieb fern, er stand ernüchtert und ein wenig beschämt in einer Ecke.

Am nächsten Tage hatte sie ihm ohne ein Wort der Erklärung den Ring

zurückgesandt.

Ja, dies war alles gewesen, was Fräulein Dr. Hanna Südekum von der Welt

der Männer erlebt hatte, und dieses wenige hatte ihr Leben bestimmt. Die

Liebe selbst, von der sie einmal geträumt hatte, ja, die war ihr niemals

begegnet.

Aber die gab es wahrscheinlich überhaupt nicht, sie war eine Erfindung

der Bücherschreiber oder jedenfalls etwas, das nur als Traum in den

Herzen und Köpfen unwissender junger Menschen spukte. Ihr war nur Angst

und Scham zurückgeblieben, eine Angst, die ihr alles, was sie mit ihren

Schülerinnen erlebte, noch unverständlicher erscheinen ließ.

Aber wenn dies alles so war, wenn da eine neue Jugend kam, die zu

ungeduldig und früh erwacht war, um sich den unverrückbaren Gesetzen der

Sittlichkeit zu beugen, dann – dann konnte sie nicht länger Lehrerin

bleiben. Nein, denn sie verstand nichts von diesen verwirrenden Dingen

und würde sie niemals verstehen lernen.

Dann hatte eben das breite, starke Leben draußen gesiegt, vor dem sie

immer schon Angst gehabt hatte, wenn es in dem wirren Brausen der

Großstadtstraßen oder in jäh geschauten Bildern sie bedrängte. Dann

mußte sie gehen und ihren Platz jenen überlassen, die tiefer sahen, die

stärker waren und härter. Ja, dann mußte sie gehen.

Und wieder dachte sie plötzlich an das eine hochmütige und schmale

Gesicht, dessen Blick nun immer über sie hinweg in eine Ferne ging. Von

welchen Bildern war diese Ferne erfüllt? sann sie gequält und dann in

einer dumpfen Traurigkeit: Nun wird ja auch dies bald zu Ende sein, daß

ich täglich dieses Antlitz vor mir habe und leiden darf. Auch Gertrud

würde gehen. Vielleicht zog sie in eine andere Stadt, vielleicht würde

sie ihr niemals mehr begegnen. Ja, auch sie ging und nahm alles mit, was

in dem Leben des kleinen, alternden Fräuleins licht und schön und doch

so voll verwirrender Not gewesen war.

Schwer sank der Kopf des kleinen Fräuleins zwischen ihre Hände. Einige

Monate noch, dann würde in dem Schulzimmer der ersten Klasse eine neue

Kinderschar auf sie warten, – mit runden oder schmalen Kindergesichtern,

mit zarten Körperchen, mit erwartungsvollen Augen. Und wieder sollte sie

mit ihnen den bangen, schweren Weg durch die Jahre des Erwachens gehen,

ihnen Führer sein und Freund, – ihnen die Liebe geben, die ihnen das

Daheim sooft versagte.

Zwei große Tränen liefen über das blasse Gesicht des kleinen Fräuleins.

Ich habe keine Liebe mehr, – dachte sie in jäher Angst: alles, alles

nahm Gertrud mit sich!

Fräulein Dr. Südekum sah kaum auf, als es an die Türe pochte. Es konnte

ja niemand mehr kommen, den sie mit der ganzen Zärtlichkeit ihres

Herzens erwarten durfte. Niemand mehr.

Da klangen Schritte im Zimmer. Sehr blaß und mit dunkelglühenden Augen

stand Erwin vor ihr.

„Ich muß Sie sprechen!“ stieß er hervor, „– verzeihen Sie!“

„Setze dich zu mir,“ sagte das kleine Fräulein fast unhörbar und sah

gebannt in das vor Leidenschaft zuckende Antlitz des Knaben.

Er blieb vor ihr stehen, und sie sah, wie seine Schultern zuckten.

„Der Kanzler leidet sehr,“ stieß er mit gepreßter Stimme hervor. „Und

ich wollte ihm helfen!“

„Du?“ Die Lehrerin dachte an ihre Begegnung mit diesem Manne, an seine

gebändigte Art.

„Wer sollte ihm sonst helfen als ich, der ihn liebt?“ gab der Knabe

ernst zurück. „Niemand weiß so von ihm, wie ich. Niemand liebt ihn so.“

Die vollen Lippen des Knaben zuckten.

„Und wie wolltest du ihm helfen?“ fragte die Lehrerin leise. Wie schön

er ist! dachte sie, als sie in sein schmal gewordenes Gesicht sah, über

dem die tödlich schweren Schatten der Leidenschaft lasteten.

„Ich war bei ihr,“ stieß er hervor.

„Bei ihr? – Bei wem warst du, Erwin?“ fragte sie erschreckt.

„Bei der Tänzerin Anita,“ bekannte der Knabe. „Bei der dummen blonden

Frau, die der Kanzler liebt, – an der er leidet.“

Die Lehrerin wagte nicht zu atmen. Was geschah hier? Welchem Unheil

trieb dieser Knabe zu? „Was sprachst du mit ihr?“ fragte sie.

„Ich saß ihr gegenüber in dem Wohnzimmer einer Pension. Ich – ich konnte

erst gar nicht sprechen. Sie sah mich an und lächelte. O, sie lächelte

so unverschämt – sie meinte wohl ... Auf einem Tisch stand das Bild des

Kanzlers. Es stand, achtlos hingestellt, unter einer Fülle anderer

Photographien, – von albernen jungen Männern, von aufgeputzten Frauen.

Ich spürte, wie ich blaß wurde. Dann aber, – sie legte mir ihre Hand auf

das Knie, eine weiße, kraftlose Hand mit blitzenden Ringen. Und sie

lächelte wieder. Da sagte ich ihr alles.“ Der Knabe schwieg wie

erschöpft.

„Ja, – was sagtest du ihr?“ fragte die Lehrerin verwirrt.

„Ich sagte ihr, daß der Kanzler sie liebe, daß er leide um sie. Ich

sagte ihr: Sie wissen ja nicht, wie herrlich er ist! Er ist nicht das,

wofür ihn so viele halten: ein in sich abgeschlossener, kühler Mensch.

Er gehört zu denen, die sich unerhört festhalten können. Aber dann –

dann – dann fluten sie tollkühn über ihre Grenzen, wenn diesen die Liebe

geschieht. So sagte ich ihr.“

„Und sie?“

„Sie sah mich ein wenig erstaunt an und lächelte noch immer. ‚Bist du

deshalb zu mir gekommen, du schöner Bub?‘ – Ja, so fragte sie mich.

Deshalb, antwortete ich. ‚Und wieso weißt du das alles von ihm?‘ fragte

sie weiter. ‚Das hast du dir ja nur zusammenphantasiert.‘ – Ich kenne

jede Zeile von ihm, sagte ich. In seinen Büchern lebt sein großes wildes

Herz und die Sehnsucht, sich einmal verschenken zu dürfen. – ‚Aber er

schreibt doch nur über Politik, wie man mir erzählte,‘ meinte sie. ‚Wie

man mir erzählte,‘ – ja, so sagte sie wirklich. – Ich hielt sie

plötzlich an beiden Händen fest und rief: Sie müssen seine Bücher lesen.

Wenn Sie sehen, was er über sein Volk schreibt und dessen Weg, wenn Sie

sehen, wie er über sein Volk hinaus die Menschheit liebt, – ja, – dann

werden Sie ihn lieben, so lieben, wie er es verdient. Denn Sie müssen

ihn lieben! – ‚Du bist ein toller Junge,‘ sagte sie lachend zu mir, und

plötzlich küßte sie mich auf den Mund. – –

Da lief ich fort. – Vielleicht hätte ich sie schlagen sollen. –

Vielleicht hätte ich niederknien sollen und sie bitten, daß sie sich

mühe, ihn zu verstehen, – daß sie ihn lieben soll.“

Der Knabe fuhr sich mit einem Tuche über die hohe, weiße Stirn, die

feucht schimmerte. – „Ich mußte zu Ihnen kommen, Frau Doktor, – ich

mußte mit Ihnen sprechen. – Ich – ich weiß nicht, was weiter geschehen

wird.“

„Aber, Erwin,“ – Fräulein Dr. Südekum faßte nach seinen Händen. „Das

alles, – das darfst du doch nicht. Du weißt ja nicht das Richtige vom

Kanzler. Nein, er ist ein großer Mann, gewiß, – – aber, ich glaube, du

siehst das alles anders. Der Kanzler, – er erholt sich bei den Frauen, –

er, er nimmt sie sich so, – er leidet nicht an ihnen.“

Der Knabe sah vor sich hin, und plötzlich sah das kleine Fräulein, wie

ein traurigwissendes Lächeln über sein Gesicht glitt. „Der Kanzler liebt

diese Frau,“ sagte er. „Ich weiß es. Er sitzt stundenlang vor ihrem

Bilde, wenn sie für ihn keine Zeit hat, er weilt jeden Abend im Theater,

wenn sie tanzt. Ja, – er geht manchmal an ihrem Hause vorüber, auch wenn

ihn sein Weg in ganz andere Richtung führt. Er, – er arbeitet nicht

mehr. Ich weiß es, daß ihm alles gleichgültig geworden ist außer dieser

Frau.“

Das kleine Fräulein dachte an die Begegnung mit dem Manne, dem die Liebe

des Knaben galt. „Nichts geschah weiter,“ so hatte der Kanzler damals

mit einem sehr wissenden, sehr traurigen Lächeln gesagt, „nur, seitdem

liebt mein Freund diese Frau!“ So hatte ihre Ahnung damals doch recht

gehabt, daß der Kanzler die Wirrnis und Not seines eigenen Herzens vor

Alexandra entbreitet hatte, als er von jenem Freunde erzählte, der an

einem Abend plötzlich gesehen hatte, daß seine Wohnung leer und allein

sei.

Ihre Gedanken an die Begegnung mit dem Kanzler riefen ihr die Erinnerung

an Alexandra zurück. Trotz allem, was diese seltsame Frau ihr gesagt

hatte, – immer wieder überfiel sie die Sehnsucht nach dem großen,

nüchternen Raume des großen Ateliers, nach der Frau, die dort ihrem

Werke, dem Stein und seinen Gesetzen diente.

Sie erhob sich jäh: „Ich will jetzt zu einer Bildhauerin gehen,“ sagte

sie.

„Zur Pseleuditi?“ fragte der Knabe erregt.

„Ja, – wieso? Weißt du von ihr?“

„Der Kanzler kommt jeden Mittwoch zu ihr,“ sagte der Knabe hastig. „O,

ich möchte ihm nicht begegnen, – ich ertrüge es nicht. Aber heute ist

nicht Mittwoch, – o, Frau Doktor, wenn Sie mich mitnehmen wollten! Ich

möchte diese Frau sehen, – wie sie lebt. Der Kanzler liebt sie nicht –

nicht so, – aber sie ist seine Freundin!“

Nach kurzem Zögern willigte das kleine Fräulein ein.

Sie ist eine große Menschenfängerin, dachte sie. Aber diesem hier wird

nichts geschehen. Er sieht nur _einen_ Menschen. Nur einen einzigen.

Alexandra empfing sie in ihren grauen Mantel gehüllt. Ihre Haare sahen

fast grau aus, so sehr waren sie von Staub bedeckt, und selbst an ihren

dunklen Wimpern hing eine Schicht feinen weißgrauen Staubes.

Sie warf einen Hammer neben einen großen Block, den sie mit einem Tuche

bedeckte. Mit einem tiefen Atemzug breitete sie die Arme aus: „Herrgott,

– wie habe ich heute herrlich arbeiten dürfen!“ sagte sie. „Das ist das

Schönste, alles aus dem Stein herauszuzwingen. Es langweilt mich so, in

weichem Material zu arbeiten!“

Während Alexandra ihren Gästen auf dem Samowar einen Tee bereitete,

begann sie ein Gespräch mit dem Knaben, und Fräulein Dr. Südekum sah

staunend, wie diese Frau es verstand, einen anderen Menschen mit wenigen

Worten aus Scheu, Abwehr und Masken herauszuholen, ihn zum Sichbekennen

zu zwingen.

„Wieviel Freunde haben Sie?“ fragte sie den Knaben plötzlich.

„Keinen,“ antwortete er abweisend. „Ich kann mit ihnen allen nichts

anfangen.“

„Sie sind zu ernst, – das sah ich schon,“ sagte Alexandra wie nebenbei

nach einem prüfenden Blick auf sein schmales Gesicht. „Sie haben recht,

– jede äußerliche Gemeinschaft erniedrigt uns, ob sie mit

Altersgenossen, Berufskollegen oder einer Kaste verbindet. Ja, ich

glaube, daß Sie recht haben, Sie sind jetzt viel zu sehr mit den

Problemen des eigenen Werdens erfüllt, um andere sehen zu können.“

Fräulein Dr. Südekum sah erstaunt, wie der Knabe sich wandelte, da ihn

die Bildhauerin wie einen Erwachsenen behandelte. Während sie sich

weiter um den Tee zu schaffen machte, sah sie den Knaben kaum an,

jedenfalls niemals so, daß er es bemerken konnte, und stieß nur immer

plötzlich mit einer Frage vor, die den Knaben in raschen Antworten oder

betroffenem Schweigen zum Bekennen zwang.

Fräulein Dr. Südekum sah, daß die Bildhauerin heute ganz anders als

sonst war. War dies, weil sie gearbeitet hatte, oder wirkte die

Gegenwart des Knaben so, daß sie sich nun ganz anders gab, ganz anders

einstellte?

Was der Knabe sprach, kreiste immer um ein einziges Erlebnis, das fühlte

die Lehrerin, die sich fern und kühl als Zuhörerin in dem Fauteuil des

Ateliers vergraben hatte. Obwohl er mit keinem Worte an Tatsächliches

rührte. Aber dennoch war es so, daß in allem, was er sagte und von sich

erzählte, seine große Liebe brannte.

Die Bildhauerin kauerte, ganz in sich geschlossen und den Kopf seltsam

horchend vorgeneigt, auf den Stufen, die hinauf zu dem großen Fenster

des Ateliers führten. Am anderen Ende der Stufen lag der Knabe, die

Beine herabhängend, die schönen Hände hinter dem Nacken gefaltet.

Wie ähnlich sie nun dem Knaben ist! dachte die Lehrerin erstaunt und

empfand diese Ähnlichkeit nicht allein in Haltung und Gebärde, in der

herben Beugung des dunklen Knabenkopfes dieser Frau, als viel mehr noch

in dem klaren, ungebrochenen Klang ihrer Stimme.

Von den großen Träumern der Menschheit sprach Alexandra in das Schweigen

des Knaben hinein, von den männlichsten Träumern: von ihnen, die die

großen Brücken konstruieren, die in schmalen Bogen Abgründe überwachsen

und auf ihrem Rücken donnernde Eisenbahnzüge tragen, von den Männern,

die von den geheimnisvollen Verbindungen der Stoffe in den Retorten

wußten, die in schlaflosen, verwachten Nächten dem Rätsel des Beginnens

allen organischen Lebens in so atemraubende Nähe kamen, von den Domen

leuchtender Gedanken, die einsame Denker hoch über des Lebens Gier und

Hast erbauen.

Der Knabe lauschte ihr schweigend. Ein großer Ernst stand in seinen

Augen.

Immer weiter sprach Alexandra von einer Welt männlichster Träume, von

Forschern, die braungeglüht und ausgedörrt von Entbehrungen nie

betretenes jungfräuliches Land entdecken. Sie sprach von dem Reiche, das

sich auch einzelnen begnadeten Frauen erschlossen, wenn sie stark genug

waren, den Torheiten weicher Träume zu entsagen, von dem Reiche der

Kunst.

Fräulein Dr. Südekum wußte, daß jedes Wort, das Alexandra sprach, gegen

die Liebe gerichtet war und ihre verwirrende Not. Und sie konnte es

nicht fassen, daß diese Frau, deren schmales Gesicht im blauen Dämmern

dieses Abends noch dunkler schien, die Frau, der nun die Seele des

Knaben entgegenflog, dieselbe sein sollte, die mit so unbedenklichen

Händen nahm, – so unbekümmert um Gesetz und Sitte.

Als sie aber der Bildhauerin abschiednehmend die Hand reichte, eben als

der Knabe versunken vor einer begonnenen Büste des Kanzlers stand und

Fräulein Dr. Südekum leise sagte: „Ich danke Ihnen, – Sie wissen nicht,

wieviel Sie diesem heute an Halt gegeben haben,“ – da sah Alexandra in

eine Ferne über sie hinweg und sagte: „Ich hatte heute nachmittag eine

seltsame Begegnung – und vielleicht habe ich Angst.“

Der wilde Garten · 第 18 / 34 题