Gewaltsam hatte Fräulein Dr. Hanna Südekum alles zu vergessen gesucht,
was sie an das Gespräch mit Alexandra erinnerte, die Worte, die ihr
später im klaren Tageslicht phantastisch und unwirklich erschienen
waren. Es war ja ganz lächerlich, vor diesen Worten Angst zu haben! Man
konnte sie vergessen. Man konnte sie bestimmt vergessen.
Fast fröhlich und befreit trippelte das kleine Fräulein den gewohnten
Weg, der zur Schule führte. Sie war noch früher aufgestanden als sonst.
Sie schlief überhaupt nicht gut in letzter Zeit. Sie erwachte immer
schon beim ersten Morgengrauen. Aber sie verabscheute es, schlummerlos
im Bette zu liegen. Irgendwie hing den Kissen und Decken etwas von der
Nacht an, die Fräulein Dr. Südekum fürchten gelernt hatte, seit sie
sooft bald nach dem Einschlafen erwachte und sich herzklopfend und
verwirrt im Dunkel fand, müde und verstört von einem Traum, an dessen
Inhalt sie sich nicht erinnerte, dessen Wirrnis sie aber noch in ihrem
Blute spürte. Nein, Fräulein Dr. Südekum liebte die Nacht nicht.
Auch arbeiten konnte sie morgens in dem unaufgeräumten Zimmer nicht. Sie
sann immer schon auf Flucht, während sie sich hastig wusch und anzog,
und atmete erst auf, wenn die frische Morgenluft ihre Wangen streifte.
Der Morgen tat überhaupt gut. Die ganze Welt sah anders aus. So
wohltuend nüchtern, so ganz vom Beginn des Werktages beherrscht. Da fand
das gefährliche heimliche Leben, das dem Abend ein so verwirrendes
Gepräge gab, keine Fugen und Ritzen, um einzudringen.
Fräulein Dr. Südekum stand am Gehsteig, ehe sie die Straße übersetzte.
Sie zögerte ein wenig, sah den Milchkarren nach, die über die Straße
holperten, den ersten Trambahnen, erfüllt mit Menschen, die zur Arbeit
fuhren. Wie gut dieser Anblick des beginnenden Arbeitstages ihr tat!
Da fiel ihr Blick auf den Kiosk der Büchertrödlerin.
In einem raschen Entschluß überquerte sie die Straße, die in den großen
Platz vor der Schule mündete. Ein plötzlicher Gedanke war ihr gekommen.
Fräulein Dr. Südekum klopfte an das kleine Glasfenster. Der häßliche,
winzige Kopf des alten Weibleins erschien.
„Oh, Sie sind es, Frau Lehrerin, – haben Sie vielleicht wieder eine
Anzeige gegen mich losgelassen und wollen nun nachfragen, ob sie mir
schon zugestellt wurde?“ Ein höhnisches Grinsen verzerrte das Gesicht
der Händlerin. „Sie sollten sich lieber nicht so anstrengen! Mein
Vetter, der Minister, sagte mir, daß mir nichts geschehen könne, solange
ich nicht Bücher verkaufe, die verboten sind.“
„Es will ja niemand Ihr Geschäft stören,“ erwiderte die Lehrerin sanft.
„Ich habe auch keine Anzeige gemacht – ich werde auch keine machen ...“
„So?“ Ein friedlicheres Lächeln der Alten ließ eine große schwarze
Zahnlücke sehen. „Haben Sie eingesehen, daß man gegen mich nicht
ankann?“
„Nicht nur gegen Sie kann man nicht an,“ sagte die Lehrerin so leise,
als spräche sie zu sich selbst ... Sie fuhr lauter fort: „Wenn Sie aber
Vernunft annehmen wollen und den Verkauf häßlicher Bücher und Broschüren
an die Schulkinder einstellen, so daß ich nie wieder eine Klage höre,
dann könnte ich etwas für Sie tun, was Ihnen mehr Geld einbringen würde.
Ich verstehe es nicht: Sie haben es doch nicht notwendig, gerade auf
diese Weise Geld zu verdienen? Ihr Kiosk geht doch auch sonst recht gut,
und ich kann mir nicht vorstellen, daß der Verkauf von Schundromanen an
die Kinder so viel trägt.“
„Es ist rührend, wie Sie sich um mein Geschäft sorgen!“ rief das alte
Weiblein spöttisch.
Aber die Lehrerin fuhr tapfer fort: „Ja, ich könnte etwas für Sie tun.
Sie wissen doch, daß wir die Schulhefte bei einer bestimmten Firma
bestellen. Ich könnte veranlassen, daß Sie den Verkauf dieser Hefte
bekommen.“
„Sie sind zu rührend,“ erwiderte das alte Weiblein höhnisch. „Aber Sie
irren sich. Ich verkaufe die Bücher an die Kinder gar nicht deshalb,
weil mir das Geld trägt.“
„Ja, warum denn?“
„Es macht mir Spaß, zuzusehen, wie die Kinder sich unter dem Einfluß der
Bücher ändern, wie die Bücher über sie Macht gewinnen. – Ja, Frau
Doktor, dagegen kann euer Konfirmationsunterricht nicht an. Ich brauche
nur ein Gesicht zu sehen, um zu erraten, was ich diesem Jungen oder
jenem Mädchen geben soll, damit sie dahin kommen, wo ich sie haben
will.“
„Das soll also heißen, daß Sie das Böse um des Bösen willen wollen,“ –
das kleine Fräulein bebte vor Entsetzen, – „daß Sie ganz bewußt diesen
Kindern alle Schlechtigkeiten beibringen?“
„Schlechtigkeiten?“ Die Büchertrödlerin lachte. „Ja, was ihr alle so
Schlechtigkeiten nennt! Wenn die Mädels sich nach der Wollust sehnen,
die Buben nach Abenteuern und wilden Reisen, wenn sie eure brave
Erziehung hassen und spüren, daß ihr sie zerbrechen wollt!“
„Und Sie wissen gar nicht, wie viele Kinder Sie mit Ihrem Gifte ins
Unglück treiben, in schändliche Erlebnisse, daß Sie in den Kindern
Wünsche entzünden, gegen die diese noch nicht genug Hemmungen haben?“
Die kleine Hexe schien diese Worte gar nicht gehört zu haben. Es machte
ihr offenbar ein besonderes Vergnügen, dem sanften blassen Fräulein
alles, was sie dachte, ins Gesicht zu schleudern, sie zu erschrecken.
„Ich weiß viele, die, groß geworden, einen Bogen um meinen Laden machen.
Sie wollen nicht daran erinnert werden, daß sie einmal hier und nur hier
lebten. Andere sehen frech herein und lachen. Aber alle werden sie
schließlich brav und gewöhnlich – sie werden vernünftig, wie man so
sagt. – Aber glauben Sie mir, Bücher sind oft stärker als alles andere.
Sie sind noch viel gefährlicher, als Sie wissen, ich selbst – nicht
umsonst habe ich mein ganzes Leben hindurch nur gelesen und gelesen, ich
weiß sicherlich mehr als ihr Lehrer zusammen!“
Fräulein Dr. Südekum ging rasch weiter. Sie ging nicht, – sie floh –.
Ein Gedanke hatte schwer und brennend in sie geschlagen.
So konnte man also Menschen durch Bücher beeinflussen? So sehr, daß sie
dann Dinge taten, die sie vordem nicht gedacht hatten? So konnte man
ihre Gedanken in Vorstellungen zwingen, – die zu Taten werden mußten?
Und plötzlich brach es nackt und alles andere zur Seite drängend in sie:
Wenn sie Gertrud Bücher in die Hand spielte, in denen von jener Raserei
zu lesen stand, von der Alexandra gesprochen hatte? Und wenn dann ...
Die kleine Lehrerin begann zu laufen. Sie lief, bis nichts mehr in ihr
war als das Keuchen ihres Atems, das rasende Schlagen ihres Blutes.
Tack, tack! machte es immer schneller, bis sie nichts mehr denken
konnte. Nicht einmal mehr an das Entsetzliche, das sie hetzte und
verfolgte.
Mit fliegenden Pulsen langte sie in der Schule an. Mit fast brechenden
Knien hastete sie die Stufen zur Rektorkanzlei empor. Sie taumelte, als
sie eintrat, faßte nach einem Sessel, griff ins Leere, fiel, raffte sich
wieder auf und starrte plötzlich mit verstörtem, erhitztem Gesicht in
das Antlitz des Rektors.
„Was, um Gottes willen, ist denn geschehen?“ fragte Rektor Krause
erschreckt. „Ein Schülerselbstmord! Sprechen Sie doch! Mein Gott, unsere
Anstalt wird durch all diese Affären noch in Verruf kommen! Nun, – wer
ist es denn, der sich umgebracht hat?“
Die Lehrerin konnte lange nicht sprechen. Dann begann sie endlich zu
stammeln. „Nein, – Herr Rektor, – es hat sich niemand umgebracht, – nur,
– die Büchertrödlerin ...“
„Hat sich die alte Hexe endlich aufgehängt? Nun, es war höchste Zeit.“
„Nein, auch das nicht,“ flüsterte das alte Fräulein, noch verwirrter
dadurch, daß der Rektor so überzeugt von einem Selbstmord sprach. „Aber,
ich redete mit der Trödlerin. Ich versuchte, sie auf andere Art zu
bestimmen, ihr schändliches Treiben einzustellen. Mit den Anzeigen haben
wir ja bisher wenig Glück gehabt. Ich versprach ihr daher eine
Verwendung beim Verkauf von Schulheften.“
„Ganz klug,“ nickte der Rektor. „Ganz klug. Aber was ist geschehen,
warum sind Sie so furchtbar erregt? Oder haben Sie auch schon von dieser
Tagebuchaffäre gehört?“
„Von Tagebüchern? Nein, was ist?“
„Später, Frau Doktor, da Sie ja noch nichts wissen. Erzählen Sie rasch,
was führt Sie jetzt und in diesem Zustande zu mir?“
„Diese Person,“ die Stimme der Lehrerin überschlug sich kreischend,
„diese Person, für die keine Hölle zu tief wäre, die man hinrichten
sollte, die man rädern sollte, mit siedendem Pech sollte man ...“
„Aber Fräulein Doktor!“ – Der Rektor trat entsetzt einige Schritte
zurück. „Ich kenne Sie doch gar nicht von dieser Seite? Sie sind ja
außer Rand und Band! Sagen Sie doch endlich, was geschehen ist.“
Das kleine Fräulein sprach plötzlich so leise und heiser, daß der Rektor
sich vorbeugen mußte, um besser zu verstehen: „Sie sagte, daß sie es gar
nicht um des Geschäftes willen mache, – sie täte es ganz bewußt, um die
Knaben dazu zu bringen, von daheim wegzulaufen – irgendwelchen
Abenteuern nach – und um die Mädchen, – ja, so sagte sie – zur Wollust
zu verführen. Ja, um sie schlecht zu machen, um sie dahin zu bringen,
daß sie sich fremden Männern in fremden Hotels hingeben, – ja, sogar, –
damit sie mit – o, es ist entsetzlich! – mit Frauen Verhältnisse
anfangen.“
Der Rektor sah betroffen auf die Oberlehrerin. So hatte er sie nie
gesehen. So ganz ohne Haltung, preisgegeben einer Erregung, mit nackten
Worten Dinge sagend, Dinge ... Interessiert beugte er sich wieder zu ihr
herab: „Und erzählte sie Ihnen auch von dem Erfolg ihrer Teufelei?“ – Er
versuchte ruhig und sachlich zu fragen, aber Erregung schlug durch seine
Stimme, Erregung, die von diesem fliegenden Atem, dieser keuchenden
Brust, diesen flackernden Augen ihm gegenüber ausging.
Verwirrt blickte das kleine Fräulein um sich: „Nein, nein, sie sagte
nichts davon. Aber ihr Tun ist doch so gemein und schändlich, so, als
wollte einer absichtlich einen andern mit einer todbringenden Krankheit
anstecken, – ihn vergiften, – ja, wie Giftmord ist es!“
„Ich verstehe dennoch Ihre Erregung nicht ganz,“ sagte der Rektor. „So
sehr ich es würdige, daß Sie solche moralische Verworfenheit empört.
Aber schließlich erfuhren wir doch durch Ihr Gespräch mit der Trödlerin
nichts Neues, nichts über einen neuen Fall, und ob die Alte ihr
gefährliches Spiel mit den Kindern aus geschäftlichen Gründen oder aus
nackter Lust an der Gemeinheit betreibt, das könnte uns schließlich
gleichgültig sein, sie ist ja nicht unsere Schülerin.“
Die Lehrerin hatte beide Hände vor das Gesicht geschlagen und weinte
leise vor sich hin: „Ich hätte nie, nie gedacht, daß Menschen so gemein
sein können.“
„Wir haben keine Zeit, über die Trödlerin nachzudenken,“ sagte der
Rektor spöttisch. „Nein, dazu haben wir keine Zeit. – In Ihrer Klasse
hat sich etwas ereignet, das alles übertrifft, was bisher geschah ...“
„In meiner Klasse, – wieder in meiner Klasse!“ Fräulein Dr. Südekum
wandte ihr tränenüberströmtes Gesicht dem Rektor zu.
„Ich mache Ihnen keinen Vorwurf,“ sagte dieser begütigend, „solche
Verworfenheit konnte keiner vom Lehrkörper voraussetzen.“
Die Lehrerin setzte sich aufrecht. Sie war bereit, alles zu hören.
Während der Rektor dem Kasten einige Hefte entnahm und vor sie hinlegte,
überflog sie angstvoll im Geiste die Schar ihrer Schülerinnen. Wer
konnte es sein? Die Herta Kobinger, – die Bilwein, die sie schon einmal
auf der Straße mit Herren gesehen hatte, oder gar, – nein, sollte es
Gertrud sein? Das mit dem jungen Menschen, dessen wulstige Augenbrauen
sie so abgestoßen hatten, mußte ja ein schlechtes Ende nehmen, das
konnte ja nicht anders sein. Ja, gewiß war es Gertrud. Jähe Befriedigung
durchflutete ihr Denken. Ja, so weit mußte es kommen, weil sich Gertrud
so ganz von ihr gewandt, weil sie sich den Torheiten der anderen
überließ! Nun würde sie, das vergessene, heimlich vielleicht sogar
verspottete Fräulein Südekum, Gertruds Richter sein. Und ein strenger
Richter! Denn Gertrud hatte durch sie alles besessen, was ein junger
werdender Mensch brauchte: Liebe und Führung, schrankenlose Anerkennung
alles Starken in ihr. Und dennoch war sie den Weg aller andern gegangen!
Sollte auch Grete Erb unter den Schuldigen sein? Sie, die immer
unbeweglich in der Bank saß und nur mit großen Augen allem folgte, was
in der Schule vorging?
O, alles war möglich, keiner konnte man mehr vertrauen.
Angstvoll zwang die Lehrerin die Gesichter ihrer Schülerinnen vor ihr
Gedächtnis. Sie mußte es sich gestehen: sie wußte gar nichts mehr von
ihnen. Sie alle wiesen ein glattes junges Gesicht, ein glattes junges
Lächeln, das nichts verriet, das alles verbergen konnte. Fremd waren ihr
alle geworden, und sie fürchtete sich eigentlich vor ihnen.
Plötzlich schlug die Stimme des Rektors in ihr Schweigen: „Der
Schuldiener fand im Turnsaale, versteckt hinter den Leitern, dort, wo
die Kammer für die Wasserleitung ist, eine Anzahl Hefte. Es sind
Tagebücher von Schülerinnen. Er brachte sie mir. Als ich in dem ersten
Heft zu lesen begann, glaubte ich zuerst an einen dummen Streich, –
obwohl man ja immer das Böseste annehmen sollte, Frau Dr. Südekum. Also
aus diesen ersten Seiten ging hervor, daß sich unter Führung der Herta
Kobinger ein Tagebuchklub gebildet habe, dessen Mitglieder sich
verpflichten, ihre Erlebnisse in ein Buch wahrheitsgetreu einzutragen
und die Bücher dann untereinander zum Lesen umhergehen zu lassen.“
„Und Sie lasen in diesen Tagebüchern?“ fragte die Lehrerin mit einer
unwillkürlich ablehnenden Bewegung, als sie sah, wie die behaarten
kurzen Hände des Rektors die beschriebenen Seiten wandten.
„Dies war doch meine Pflicht,“ entgegnete Rektor Krause verwundert. Er
setzte etwas gereizt hinzu: „Mit der Nachsicht auf das Eigenleben dieser
jungen Mädchen, mit Wahrung von Briefgeheimnissen und dergleichen
fördert man eigentlich nur die Verdorbenheit. Solange sie nicht
erwachsen sind, sind sie Eigentum des Elternhauses und der Schule und
haben keinerlei eigenes Recht.“
„Aber es ist doch ihr eigenes Leben!“ sagte die Lehrerin und empfand
immer stärker einen gequälten Widerstand gegen diesen Mann und seine
Hände, die immer erregter die Blätter eines Buches umblätterten.
„Nun, Sie werden ja sehen,“ brummte der Rektor. „Damit Sie eine Ahnung
haben, was in diesen Büchern steht, will ich Ihnen ein Stückchen aus dem
Tagebuch der Erika Meyer vorlesen.“
Das kleine Fräulein senkte den Kopf. Mutlosigkeit und Angst überfiel
sie. Ja, vielleicht hatte der Rektor recht. Vielleicht gab es zwischen
dieser Jugend und den Erwachsenen nur verzweifelten Kampf um die
Überlegenheit, einen unerbittlichen Krieg, in dem alles erlaubt war, in
dem jeder dem anderen seine Geheimnisse abzulisten oder zu rauben
suchte.
Der Rektor begann mit einer ruhigen und eintönigen Stimme, der man aber
die Erregung anmerkte.
„Heute bin ich wieder bei Otto, dem ersten Liebhaber am Schauspielhaus,
gewesen. Er lag nackt auf einem Tigerfell, als ich eintrat, und blies
Ringe zu der Decke. Sein Mund war so rot wie Mohn. Sein Körper war
braun, wie der eines andalusischen Sklaven. In sein schwarzes Haar hatte
er leichenfarbene Tuberosen geflochten. Als er mich sah, sprang er auf
und zeigte mir einen Dolch, in dem stand eingegraben: ‚Ich dürste nach
Blut!‘ Den hielt er mir vor die Augen und sagte: ‚Ich stoße ihn dir in
das Herz, wenn du dich mir nicht hingibst! Du mußt es tun.‘ – Es tat
sehr weh und war doch schrecklich schön.“
„Genug, genug!“ schrie das kleine Fräulein. „Das ist ja entsetzlich. Die
Meyer, dieses Kind! Nein, das darf nicht wahr sein! – Ja, sie hatte
damals diesen Anfall, – aber trotzdem ...“
„Hören Sie weiter,“ sagte der Rektor, und ein lüsternes Lächeln spielte
um seinen Mund. „Da schreibt zum Beispiel die Herta Kobinger: ‚Er hat
ein Pyjama aus Blau und Gelb und trägt dazu eine Totenmaske, wenn er zu
Hause ist. Das macht er, weil mir sonst sein Gesicht zu vertraut wäre, –
denn er ist mein Cousin. Er liebt mich brutal und gemein. Ich glaube, er
ist wie ein Zirkusreiter. Ich habe immer Angst in der Schule, daß man
meine Ringe unter den Augen sehen könnte.‘“
„Mein Gott!“ stöhnte die Lehrerin auf.
„Ich muß Ihnen noch von der Käte Bilwein vorlesen,“ fuhr der Rektor
triumphierend fort. „Das ist vielleicht das stärkste Stückchen, das sich
jemals eine Schülerin geleistet hat, denn es betrifft ein Mitglied des
Lehrkörpers, das aber selbstverständlich sofort vom Unterricht
dispensiert wurde.“
Krause begann zu lesen. „Ich war heute mit ihm im Lehrmittelkabinett. Er
hängte einen schwarzen Mantel über das Skelett in der linken Ecke. Er
zwang mich, ihn zu küssen wie das Kruzifix, und sagte, daß er mich
liebe, weil ich Maria, der Mutter Gottes, ähnlich sehe.“
„Aber das ist ja wahnsinnig!“ rief die Lehrerin. „Das kann doch nicht
sein!“
„So scheint es einem zuerst,“ sagte der Rektor und fuhr dann immer
höhnischer fort: „Man findet aber so viele Details in diesen
Tagebüchern, Dinge, die man nur wissen kann, wenn man sie erfahren hat.“
„Und wie viele, – wie viele Mädchen sind in diese Sache verwickelt?“
fragte die Lehrerin leise. Sie war totenblaß, und große Tränen liefen
ihr über das Gesicht.
„Wir fanden die Tagebücher von acht Mädchen,“ antwortete der Rektor und
reichte der Lehrerin die Hefte hinüber.
Zitternd griff sie nach ihnen. Mit einem Aufatmen stellte sie fest:
Gertruds Name stand auf keinem von ihnen. Und doch war auch ein
verstecktes Gefühl in ihr, aber so versteckt, daß sie es nur dunkel
unter der Freude verborgen fühlte: nun werde ich sie nicht einmal in
ihren Tränen der Schuld vor mir sehen, nun werde ich nicht einmal ihr
Richter sein können. Ich wäre ein so milder Richter gewesen – o, wäre
sie schuldig wie die anderen, – ich hätte sie an mein Herz gezogen wie
damals und hätte ihr die Tränen von den Augen fortgeküßt. Und wie damals
hätte ich ihr gesagt: Es wird noch alles gut!
„Lesen Sie selbst weiter,“ sagte der Rektor. „Aber bitte, lassen Sie
sich nichts merken! Wir wollen diesen Dingen, die die Mädchen selbst in
ihren Tagebüchern gestanden haben, genau nachgehen.“
„Und was wird dann geschehen?“ fragte die Lehrerin.
„Sie werden natürlich aus der Schule entfernt werden, sobald wir alles
festgestellt haben,“ antwortete der Rektor. „Es ist der größte Skandal,
den ich jemals erlebt habe. Ich hoffe, daß es die Behörden auch nicht so
ruhig hinnehmen werden – das Unterrichtsministerium – jawohl!“ Er fuhr
sich mit einem bunten Tuche über die feuchte Stirn.
„Natürlich,“ nickte die Lehrerin, aber dann fuhr sie nach einer kurzen
Überlegung fort: „Aber – es sind nur noch zwei Wochen bis zur Matura.
Diese Mädchen werden keinen Schaden mehr in der Klasse anrichten können.
Auch ändern kann sie keine Strafe mehr. – Sollten wir nicht, – da es
sich um Tagebuchgeheimnisse handelt, die nur durch einen Zufall, ... und
auch, weil es sich um Vorkommnisse außerhalb der Schule handelt ...“
„Wir sollen das so hingehen lassen, – das meinen Sie?“ fragte der Rektor
empört. „Und Sie fänden es richtig, daß Mädchen Abgangszeugnisse
erhalten, die Matura machen und dann vielleicht noch die Hochschule
besuchen dürfen, – solche Mädchen, die in ihrer Verworfenheit
Verhältnisse mit fremden Männern eingingen? – Nein, Fräulein Doktor – da
müßte ich mich vor meiner toten Mutter schämen und vor meinen
Schwestern.“
Das kleine Fräulein schwieg. Mit dem Handrücken wehrte sie den großen
Tränen, die ihr immer wieder über die blassen Wangen liefen.
Sie griff nach den Heften. „Es sind doch nur sieben?“ fragte sie
erstaunt.
„Ja, eins darunter ist von der Lizzie Ebbinghaus. Nun, Sie können es
selbstverständlich auch lesen, es hat nur nichts mit der Untersuchung zu
tun, es ist ganz harmlos. Es ist ein richtiges Jungmädchentagebuch, wie
ich es meiner Tochter wünschen würde, wenn ich eine hätte: Stundenplan,
Eindrücke über eine Oper, ein gutes Schauspiel. Naturschilderungen von
Wanderungen. Und immer genaue Angabe, was sie in jeder einzelnen Stunde
machte. Da – sehen Sie: im Museum gewesen, – aus der Schulbücherei ein
Werk entliehen. – Ja, diese Ebbinghaus ist wirklich ein ruhiges und
braves Mädchen!“
„Merkwürdig,“ sagte die Lehrerin leise. „Gerade der Ebbinghaus gegenüber
hatte ich kein so gutes Gefühl!“
Der Rektor erhob sich ungeduldig: „Ja, ja, Frau Oberlehrerin. – Sie sind
sicherlich die tüchtigste Lehrkraft an meiner Schule. Aber für die
letzte Klasse, – für die Zeit, da diese Mädchen so leicht auf Abwege
geraten und die Beute gewissenloser Verführer werden können, – da fehlt
Ihnen vielleicht doch die nötige Menschenkenntnis und Erfahrung.“
Das kleine Fräulein sah mutlos zu ihrem Vorgesetzten auf: „Ja, das
glaube ich selbst, Herr Rektor,“ sagte sie leise und traurig.
„Nun, nun,“ meinte dieser nun begütigend. „Machen Sie sich nichts
daraus. Schließlich kann ich nicht verlangen, daß Sie, hm, – daß Sie für
Ihren Beruf gewisse Erfahrungen sammeln – haha!“
Er geleitete die Lehrerin zur Türe. „Also nochmals, vorläufig wissen Sie
von nichts!“ setzte er mit dienstlicher Miene hinzu.
Mit schmalen Schultern und den Kopf tief über ihre Aufzeichnungen
gebeugt, saß Fräulein Dr. Südekum während der Unterrichtsstunde, die
dieser Eröffnung folgte. Sie wagte es kaum, die Augen vom Pulte zu
erheben, und sah es voll Angst, wenn eine der Schülerinnen, von denen
sie soeben so Entsetzliches erfahren hatte, die Hand hob, um eine Frage
zu stellen. Ja, diese Hände übersah sie geflissentlich und mühte sich,
unaufhaltsam zu sprechen, die einzelnen Worte so setzend, daß kein
Zwischenraum für eine Frage bleiben konnte.
Nein, es war unmöglich, einem dieser Mädchen in das Antlitz zu sehen.
Auf diesen Gesichtern mußte doch das Schimpfliche lasten, was sie getan
hatten? Sie hatten es nicht nur sich selbst und ihren Eltern getan,
nein, sie hatten sich auch an ihr vergangen und an ihrem lichten Glauben
an sie! Nun war alles zu Ende. Nie mehr würde sie vertrauen können.
Niemals mehr!
Dann rief Fräulein Dr. Südekum die Ebbinghaus auf, damit sie ein Referat
über den Stoff der letzten Unterrichtsstunde gebe.
Die Lehrerin saß ganz in sich gekauert an ihrem Pult. Wie schützend
hielt sie die Hände an beide Schläfen und lauschte der kühlen, ruhigen
Stimme, die gleichgültig und leiernd das Gelernte hersagte.
Das kleine Fräulein sah vor sich hin und hörte kaum, was die Schülerin
sprach. In ihre große Traurigkeit gehüllt saß sie unbeweglich und fühlte
die vielen Blicke aus den Bänken auf sich gerichtet.
Nein, sie verstand gar nichts mehr. Das waren nicht ihre Schülerinnen,
waren nicht diese Mädchen, die sie gekannt hatte, mit ihren Vorzügen und
Schwächen – sechs lange Jahre. Das waren nicht die Kinder, die in den
Pausen und sooft nach dem Unterricht mit ihren kleinen Leiden und
Freuden zu ihr gekommen waren.
Die Herta Kobinger, – ja, – war es nicht wie gestern gewesen, wenn es
auch fast ein Jahr zurücklag, daß diese Schülerin weinend nach ihr
gerufen hatte? Sie war während eines tollen Spieles gefallen und hatte
sich das Knie angeschlagen. Wie die dunklen Kinderaugen erschreckt zu
ihr aufgesehen hatten, weil plötzlich Blut über die weiße Haut des
runden Knies lief!
Und immer neu und immer quälender überfielen sie Erinnerungen an die
vergangenen Jahre, in denen diese Kinder so aufgetan gewesen waren für
die Liebe, die sie ihnen gab, in denen sie ihnen oft näher gewesen war
als Vater und Mutter.
Wie konnte man dies fassen: diese Mädchen, deren Stirnen so glatt waren,
und deren frohes Lachen oft so kindlich hell im Schulpark aufflog – sie
sollten neben diesem Leben, das so leicht durchblickbar und einfach
schien für Schule und Elternhaus, noch ein zweites, geheimes Leben
führen, das von schimpflichen Geheimnissen erfüllt war?
Endlich war auch dieser Schulvormittag vorüber, und sie durfte fort aus
diesem Hause, das plötzlich so viel Verwirrungen barg. Fort aus der
Bedrängnis durch rasche, forschende Blicke, die sie aus dieser und jener
Bank trafen. Es waren Blicke, die in ihren Mienen zu lesen suchten, die
ein wenig beunruhigt nach der Ursache ihrer bleichen Wangen und ihres
veränderten Betragens forschten.
Sie war nur noch der Feind, dem gegenüber man sich keine Blöße geben
durfte.
Nur noch der Feind.
Die Mädchen sahen ihr nach, als sie aus dem großen Tore der Schule trat
und vorsichtig links und rechts blickend den breiten Platz überquerte.
„Was sie nur wieder hat?“ fragte Lizzie Ebbinghaus spöttisch. „Wie ein
krankes Hündchen sieht sie drein!“
„Wahrscheinlich war droben beim Alten etwas los,“ meinte Herta Kobinger.
„Ich sah sie vor der Stunde von der Kanzlei herabkommen.“
Durch die Worte der Mädchen zitterte leise Unruhe.
„Wie dumm das ist,“ sagte Gert gereizt. „Nun stehen wir hier und
zerbrechen uns den Kopf, was los ist, weil die Südekum ein ernsteres
Gesicht als sonst macht. So unfrei sind wir, daß wir Angst haben, auch
wenn wir keinen Grund für sie wissen.“
„Und das vierzehn Tage vor der Matura!“ lachte Lizzie, aber auch ihr
Lachen klang nicht frei.
„Wenn das nur schon vorüber wäre,“ seufzte Grete Erb und rückte den Hut
tiefer in die hohe Stirn. „Dann sind wir frei, – dann komme ich auf die
Hohe Schule!“
„Ich bin neugierig, welche von uns zuerst heiraten wird,“ sagte Herta
verträumt.
„Du hast auch nichts anderes im Kopf,“ sagte Grete Erb ärgerlich. „Ich
begreife nicht, wozu du dann überhaupt die Matura machst? Warum gehst du
nicht gleich in eine Kochschule?“
„Nun, – so wie du noch weiterhin freiwillig die Schulbank drücken – dazu
gehört auch ein sonderbarer Geschmack,“ warf Lizzie spitzig ein. „Als ob
das Leben nicht ohnehin so kurz wäre, – als ob wir nicht schon genug
versäumt hätten.“ – –
„Du glaubst doch nicht, daß wir dann so besonders frei sein werden,“
sagte Herta Kobinger, „ich weiß doch, wie das ist! Zuerst sagen sie:
warte nur, bis du die Matura hast! Dann: warte nur, bis du zwanzig bist.
Warte nur, bis du heiratest. Immer muß man warten. Ich kenne das von
meiner älteren Schwester Sonja!“
„Wenn ich nur wüßte, was mit der Südekum los ist,“ begann Lizzie
nochmals, und nun sank wieder diese beklemmende Angst in das Gespräch
der Mädchen.
„Man müßte endlich frei sein!“ seufzte Lizzie.
Gert nickte ernst und sagte leise: „Dann muß man aber auch wissen: frei,
wozu?“