„Was mehr will als Lust, die immer nur sich selbst will und den, der sie
gibt. Was uns Todgeweihte über unser armseliges Ich und seine Grenzen
emporzwingt, was alles außerhalb unserer Arbeit und diese selbst
lebenswert macht und heidnisch froh ...“
Und wieder kam die zaghafte Stimme aus dem Dunkel: „Und Sie glauben
wirklich, daß ...“
Ein wenig ungeduldig klang die Antwort Alexandras: „Wer sich fürchtet,
soll sich in die Winkel und Ecken flüchten, die der Menschen
Herdengesetze schufen. Wer liebt, ist Gottes und steht außer dem
Gesetz.“
„Aber,“ – der Lehrerin Stimme sank wieder zu einem Flüstern herab: „Die
Frauen, – ich meine diese Frauen, die so sind – ich hörte von ihnen und
las einmal ein Buch. Ich meine, sie, welche die Männer nachahmen und
zugleich hassen – sie, sie sind doch lächerlich – sie sind doch krank?“
Alexandras Stimme klang noch ungeduldiger und ablehnender: „Ich sagte
Ihnen schon, daß ich nichts von diesen wissen will. Nichts von ihnen,
und nichts von den anderen Unzulänglichen, Enterbten und Kranken. Was
kümmern mich diese armseligen Verirrungen? Aber Fräulein Doktor – wir
sprechen doch nicht vom Komödienspiel der Enterbten. Wir sprechen von
der Liebe.“
„Sie glauben also wirklich, daß ...“
Eine kühle Hand lag auf dem Arme der Lehrerin und die Stimme der
Bildhauerin klang hart und ein wenig zynisch: „Ich will Ihnen gerne
sagen, was ich mir denke. Nehmen Sie sich doch das kleine Mädchen! Wie
kann man sich nur so quälen? Sie werden ja noch dumpf und verworren
durch Ihr Blut. Geben Sie ihm nach und werden Sie frei! – Es gibt keine
andere Rettung, keinen anderen Weg, um wieder zu sich selbst zu
gelangen. Und ich glaube, daß Sie vor allem sich selbst wieder haben
wollen?“
Und wieder Stille, und nur das keuchende Atmen des kleinen Fräuleins.
Dann aber sprang die Lehrerin plötzlich auf. Ihre Augen flammten durch
das Dunkel: „Frau Pseleuditi, – ich habe Sie über Gebühr aufgehalten.“
Immer böser und feindseliger wurde die Stimme. „Es war sehr originell,
was Sie sagten – es war sogar gemein. Aber Sie irren sich. Ich bin nicht
Ihr Robert, den Sie ein wenig steigern und verwirren wollen, um etwas
Entspannung nach Ihrer Arbeit zu haben. Ich bin kein Spielball für Ihre
Hexenkünste. Ich, – ich ...“
„Wie Sie sich fürchten!“ Fräulein Dr. Südekum fühlte das Lächeln dieser
Worte, wenn sie es auch im Dunkel nicht sehen konnte. Sie konnte nicht
mehr an sich halten, sie mußte dieser schamlosen, entsetzlichen Person
alles in das Gesicht schreien, ihre ganze Verachtung: „Sie sind ein
Teufel!“ schrie sie. „Ja, man sollte Sie einsperren, – man sollte ...“
„Oho! Die Damen befinden sich ja in angeregtester Unterhaltung,“ erklang
plötzlich eine Stimme. Licht flammte auf, und in der Türe erschien die
Gestalt eines Mannes.
Obwohl sie ihn nur aus den illustrierten Blättern kannte, wußte Fräulein
Dr. Südekum sogleich, wer dieser Fremde war. Gebannt sah sie in das
dunkelbärtige Antlitz des Kanzlers.
„Ich muß gehen,“ stieß sie hervor. Sie hatte das Gefühl, daß ihr
Gesicht, verstört und schamlos nackt, alle Erregungen der letzten Stunde
spiegeln müsse.
„Das dürfen Sie mir nicht antun,“ sagte der Kanzler liebenswürdig.
„Nein, ich hätte ja sonst das Gefühl, Sie vertrieben zu haben, wie der
schwarze Mann die Kinder in die Flucht jagt!“ Er trat auf das kleine
Fräulein zu und nannte seinen Namen.
Alexandra sah unschlüssig von einem zum anderen.
„Nicht wahr, Sie bleiben?“ wiederholte der Kanzler. „Ich will ja nicht
lange stören. – Also, meine Damen, was versetzte Sie denn in so arge
Erregung?“
„Wir sprachen von der Liebe,“ antwortete Alexandra schnell gefaßt und
voll Ironie.
„Um Gottes willen! Was können denn Frauen von der Liebe reden?“ lachte
er. „Davon verstehen sie doch nichts! Sie sind da, um geliebt zu werden,
um uns zu quälen, – aber die Liebe ist ausschließlich eine Sache, – wenn
Sie wollen, – eine Tragödie der Männer.“
„Eine Tragödie,“ lächelte Alexandra. „Das Wort klingt seltsam aus Ihrem
Munde, Sie großer Frauenliebling!“
„Spotten Sie nicht,“ entgegnete er, plötzlich ernst geworden. „Wir alle
sind ja so entsetzlich klug, – zynisch auch und vielleicht unbarmherzig,
bis es uns plötzlich am Kragen hat.“
„Was reden Sie heute für seltsame Dinge!“ rief Alexandra. „Sie wollen
von der Tragik der Liebe reden. Sie, der mir erst vor Wochen sagte, die
Liebe sei für alle Gipfelstürmer ein Tal zum Ausruhen wie Nahrung,
Schlaf und Musik. – Oder sollten Sie selbst?“
„Nein, das ist unmöglich,“ lächelte er, aber dieses Lächeln war traurig
und schwer. Ein rascher Blick flog zu Fräulein Dr. Südekum, die ratlos
vor ihrem Fauteuil stand. „Nein, ich dachte jetzt an einen Freund,“
sagte er.
„Erzählen Sie,“ bat Alexandra.
„Nur, wenn diese Dame alle Fluchtversuche mir gegenüber aufgibt,“ sagte
der Kanzler, und Fräulein Dr. Südekum sah ein wenig erschreckt in sein
zerfurchtes Antlitz.
Sicherlich ist alles wahr, was man von ihm erzählt! dachte sie
schaudernd nach diesem Blick auf sein Antlitz. Laut sagte sie: „Ja,
bitte sehr, ich bleibe gern noch einige Minuten.“
„Gut,“ – er lächelte ein dunkles schwermütiges Lächeln, das Fräulein Dr.
Südekum plötzlich für ihn einnahm.
„Mein Freund hat etwas toll gelebt,“ begann der Kanzler. „Ja, er war
das, was man einen _homme aux femmes_ nennt. Er dachte sich nicht viel
dabei, wie die meisten. Er hatte natürlich recht. Vor kurzem aber ist er
vierzig Jahre alt geworden. Seit einigen Wochen hat er eine Liaison mit
einer Tänzerin. Was soll ich Ihnen über sie erzählen? Sie ist jung, –
sie ist vielleicht sogar wundervoll jung. Sie ist schön, – sie ist sogar
wunderbar schön. Mein Freund hatte seine bestimmten Tage, die er bei ihr
verbrachte. Ja, er hatte sich das famos eingeteilt, er ist ja ein großer
Arbeiter und liebt ebenso die Ordnung in seinen Tagen wie die alles
ungefährlich schaffenden Abgrenzungen seiner Gefühle und Passionen.“ Der
Kanzler lächelte ein sehr feines, ein sehr wissendes Lächeln, da er dies
sagte.
„Und was geschah?“ fragte Alexandra, der diese Erzählung sonderbar
vorkam.
„Es geschah eigentlich nichts,“ antwortete der Kanzler. „Aber das sind
ja die entscheidenden Stunden, da äußerlich nichts geschieht. Nur: an
irgendeinem Tage, der war wie alle anderen Tage, ging mein Freund wieder
zu seiner Geliebten. Nichts geschah. Nichts hatte sich verändert. Erst
speisten sie wie gewöhnlich in dem kleinen, gemütlichen Wohnzimmer. Mein
Freund hatte seinen Diener mit allem, was zu einem raffinierten Souper
gehört, in die Pension geschickt, wo er seiner kleinen Freundin zwei
Zimmer gemietet hatte. Sie waren beide sehr vergnügt, und es war wie
immer. Wie immer zündete sich mein Freund auf dem Heimweg eine Zigarre
an, – das ist nun einmal seine Art, unter einen Genuß den Schlußpunkt zu
setzen. Und dann ging mein Freund heim in seine Wohnung.“
„Und die Tänzerin blieb daheim?“ fragte Fräulein Dr. Südekum ein wenig
enttäuscht.
„Ja, sie blieb,“ antwortete der Kanzler. „Sie selbst hatte mit dem, was
geschah, ebensowenig zu schaffen, als sie nichts getan hatte, um die
Veränderung herbeizuführen.“
Der Kanzler blickte ernst auf Alexandra. „Nun, hören Sie zu, liebe
Freundin! – Mein Freund betrat seine Wohnung, die er schon seit fünf
Jahren innehat, – eine Wohnung, an die er gewöhnt ist, und die er liebt.
Aber an diesem Tage – verstehen Sie, zum erstenmal, – da sah er, daß die
Wohnung leer war. Ja, sein Heim war leer, und eine kühle Luft schlug ihm
entgegen. Da überkam ihn plötzlich eine tiefe Unruhe, die er sich nicht
erklären konnte. – Er hat mir seinen Zustand genau geschildert, darum
weiß ich alles. – Es überfiel ihn plötzlich die Angst vor den kommenden
Jahren. Er wußte, daß er nun alt werden würde. Daß er alt und allein
sein würde, sehr bald.“
„Und was geschah?“ fragte Alexandra.
„Gar nichts geschah, liebe, schöne Alexandra. Nur, – seither liebt mein
Freund diese Tänzerin, – er liebt sie, verstehen Sie?“
„Liebt sie?“ Fräulein Dr. Südekum wiederholte die Worte so schwer, daß
der Kanzler sie betroffen ansah. Dann nickte er: „Ja, er liebt sie nun,
er leidet um sie, er vergeht an ihr. Gleichgültig ist ihm plötzlich
Arbeit, Erfolg und Ruhm. Gleichgültig selbst sein Leben. Nur sie denkt
er immer, immer. Und noch dieses: daß sein Heim leer ist und traurig.
Und daß er bald alt und allein sein wird.“
Die Lehrerin erhob sich jäh: „Ich muß nun gehen,“ sagte sie, und zu
Alexandra gewendet: „Ich möchte nicht, daß Robert mich hier findet.
Nein, das möchte ich nicht.“
Alexandra begleitete sie hinaus. Das kleine Fräulein blieb einen
Augenblick stehen und faßte nach der Hand der Bildhauerin. „Verzeihen
Sie mir, bitte!“
Begütigend strich die Bildhauerin über die bebende Hand. „Sie großes
Kind,“ sagte sie leise und mit kühler Zärtlichkeit.