Neuntes Kapitel

Es war ja gar nicht ungewöhnlich, und sie hatte es nicht anders erwarten

dürfen! So stemmte sich das um die Überlegenheit kämpfende Denken des

alternden Fräuleins gegen das würgende Weh, das sie zu verschütten

drohte.

Und doch – und doch! Gerade sie! Sie, die einmal so ernst, so früh durch

Leiden erwacht, von den Jahren gesprochen hatte, die vor ihr lagen, und

die sie mit so viel Schönem und Hohem hatte erfüllen wollen!

Und wieder sprang ihr der Schmerz würgend an die Kehle, daß sie

stehenbleiben mußte, um Atem zu schöpfen.

In rasender Flucht zogen die Bilder vertrauten Zusammenseins mit Gertrud

an ihr vorüber. An dieses Kind hatte sie geglaubt, so sehr, wie man nur

an einen Menschen glauben kann, den man selbst geformt hat, dessen

leiseste Regungen man errät und dessen Werden man beglückt folgen

durfte.

Es war doch nichts geschehen! Scham überflutete sie. Nein, es war nichts

geschehen, was diese übermäßige Erregung, diesen Schmerz gerechtfertigt

hätte.

Nein, gar nichts war geschehen. Man mußte versuchen, es klar zu

überdenken, mit einem kleinen wissenden Lächeln. Oh, wie weh dieses

Lächeln tat!

Gertrud war ihr mit einem jungen Manne begegnet. Das war alles. Und doch

nicht alles. Denn da war dies andere noch. Einige Schritte vor ihr hatte

das junge Mädchen eine rasche Bewegung gemacht und sich dann so

angelegentlich an seinen Begleiter gewandt, den Kopf ganz ihm zugedreht,

daß es schien, als sehe sie die Lehrerin nicht.

Auch das war eigentlich selbstverständlich, so suchte das ringende

Denken ihr zuzuraunen. Ja, ganz selbstverständlich. Sie war die

Lehrerin, das hieß in diesem Falle: der gefürchtete Feind. Es war den

Schülerinnen verboten, mit Herren ohne Begleitung auf der Straße zu

gehen. „Es ist mir gleichgültig, wie Ihre Eltern darüber denken,“ so

hatte der Rektor erst gestern zu der Klasse gesagt. „Gleichgültig, ob es

sich um einen Verwandten oder den Freund des elterlichen Hauses handelt.

Noch einen Monat stehen Sie unter dem Gesetze der Schule und haben sich

zu fügen. Nach diesen vier Wochen können Sie machen, was Sie wollen –

dann hört unsere Verantwortung auf.“

Ja, und so war es begreiflich, daß Gertrud den Kopf abgewendet hatte.

Sie mochte wohl hoffen, auf diese Weise nicht gesehen zu werden. Ja, es

war töricht, daß dies so weh tat, so bitter weh. Und noch törichter, daß

diese Begegnung wie Verrat brannte, daß es Fräulein Dr. Südekum schien,

Gertrud habe sich nicht nur gegen die Gesetze der Schule vergangen,

sondern mehr noch gegen sie ganz persönlich, gegen etwas, das verloren

war und dessen Wert die Lehrerin erst jetzt zu erkennen glaubte. Ja, es

war Verrat an ihr selbst, an der großen, zitternden Liebe, die sie

diesem Kinde entgegengebracht hatte, das einmal so sehr ihr eigenstes

Kind gewesen war, und sie nun ganz vergessen hatte, sie nicht mehr zu

kennen schien.

Voll Haß dachte Fräulein Dr. Südekum an den jungen Menschen, den sie nur

mit einem raschen Blick gestreift hatte, und von dessen Antlitz und

Gestalt sie doch in einem einzigen Augenblick alles in sich gesogen

hatte. Wie belanglos er ausgesehen hatte! In keiner Weise anders als die

jungen Leute, denen man täglich begegnete. Ja, hochgewachsen war er, und

sein Gang war betont nachlässig und vornübergebeugt gewesen. Das Gesicht

– o ja, – auch dieses Gesicht hatte sie sich gemerkt. Breit war es mit

ausladenden Backenknochen, etwas schiefgestellten dunklen Augen und zu

üppigen Brauen. Und um den überlegen lächelnden Mund hatte das alternde

Fräulein den frechen, verhaßten Zug erkannt, den sie alle hatten, die

das Leben unbedenklich nahmen.

Mit diesem Manne, der in nichts anders war als unzählige andere –

Fräulein Dr. Südekum war überzeugt, daß sie bereits alles von diesem

jungen Menschen wußte – ging Gertrud. Und sie liebte ihn – oder spielte

mit ihm. Jedenfalls hatte in dem lächelnden Gesicht, das sie zu ihm

emporgehoben hatte, etwas wie Erwartung gestanden, Erwartung und

Neugierde.

Wütender Schmerz überfiel sie, dem sie sich nun hemmungslos überließ.

Hatte sie sich dafür so grenzenlos an dieses Kind gegeben, seine große

Einsamkeit so leidenschaftlich an ihr Herz genommen, damit Gertrud nun

dumm und gewöhnlich wie alle anderen wurde, damit sie nun all die

früheren Jahre vergaß und verriet? Weil irgendeiner lange Beine und ein

glattes Gesicht hatte, – weil er ein Mann war?

In ihre verstörten Gedanken eingehüllt war die Lehrerin bis zu dem Hause

ihres Schülers gekommen. Ihr Gesicht war hart und verschlossen, als sie

die Stiege zu seiner Wohnung emporstieg. Sie war wohl eine Törin, daß

sie so viel, so alles gab. Selbst die Hälfte war zu viel.

Auch dieser Knabe, der heute noch so aufgetan ihrem Unterricht lauschte,

auch er würde morgen gewöhnlich sein, und wie seine Kameraden an die

große, nivellierende Macht gegeben, der sich jeder schließlich

unterwarf. Jeder Mann war ein Knabe, der sich verloren hatte.

Ihr Vortrag klang heute anders als sonst. Ich will meine Pflicht tun,

sann sie bitter, aber nicht mehr. Es tut zu weh, sich zurücknehmen zu

müssen.

Nach der Lektion wollte sie sich mit kurzem Gruß verabschieden. Sie war

müde heute und fürchtete sich doch vor dem Alleinsein und seiner

Trostlosigkeit.

„Bleiben Sie, bitte,“ sagte der Knabe, und jäh aus ihrer Versunkenheit

aufschreckend, sah sie jetzt erst, wie blaß Erwin war und daß zwei herbe

Falten, die sie nicht gekannt, seinen jungen Mund säumten.

Da löste sich die Starre in ihr: hier war einer, der sie brauchte.

„Ich weiß etwas von dem Kanzler,“ sagte der Knabe, und seine Stimme

klang brüchig und rauh. „Ich weiß, daß er liebt.“

Fräulein Dr. Südekum erschrak. Gebannt sah sie in das blasse Antlitz vor

sich.

„Er liebt eine dumme, blonde Frau.“

„Erwin!“ Ihre Stimme klang angstvoll. „Das sind Dinge, die dich nichts

angehen! Du sollst nicht darüber nachdenken, verstehst du? – Du mußt es

mir versprechen.“

Seine Hand glitt leise über die ihre. „Hören Sie mich an, Frau Doktor!

Ich weiß, daß Sie mich verstehen werden. Nur Sie können mich verstehen.

Ja, der Kanzler liebt eine Frau. Sie ist Tänzerin. Keines seiner Bücher

hat sie gelesen. Sie weiß nichts von ihm. Sie lacht ihn aus, weil er

manchmal seine Krawatte nicht ordentlich gebunden hat, weil er kein

Elegant ist wie die Laffen, die alle Logen des Rauchtheaters füllen ...“

„Wieso weißt du das alles?“

„Ich weiß es,“ sagte er leise, „aber ich verstehe es nicht. Sie ist ein

gemeines Weib, und jeder, der sich eine Karte bezahlen kann, kennt ihren

tanzenden Körper. Sie hat weiße Brüste und schlanke Hüften. Liebt man

darum, Frau Doktor? Ist der Kanzler nicht besser als die Kameraden aus

meiner Klasse, die sich nachts in dunkle Gassen schleichen?“

„Was sprichst du da?“ Das alternde Fräulein war sehr blaß geworden.

„Davon darfst du nicht reden, – das verstehst du nicht!“

„Verstehen es denn Sie, Frau Doktor? Ich spüre es doch, daß auch Sie es

nicht begreifen, daß es Sie quält wie mich, weil es das gibt – weil alle

...“

„Schweig!“ Ihre Stimme keuchte. „Du hast nicht über mich zu sprechen. Du

hast nicht über mich nachzudenken.“

„Verzeihen Sie, Frau Doktor, verzeihen Sie mir! Es ist nur – ich finde

mich nicht mehr zurecht. Ich ersticke in all dem Gemeinen. Es quält mich

so entsetzlich, daß auch er – ich liebe ihn ...“

„Sprich weiter!“ bat eine erstickte Stimme.

„Er ahnt nicht, daß ich ihn liebe. Er hat mir nicht geantwortet, als ich

ihm die Abschrift aus seinem Buche sandte und dazu einen Brief schrieb,

– alles sagte ich in ihm von mir. Es war so schön, in der Nacht zu

sitzen und an ihn zu schreiben. Ich habe ihm Dinge gesagt, die bisher

nur mir gehörten.“

Schweigend saß das alternde Fräulein vor dem Knaben. Tiefer sank ihre

Stirne.

„Er ahnt nicht, daß ich ihn liebe. Er sieht nur diese dumme, blonde

Frau. – Warum ist das, Frau Doktor? Ist es wirklich nur deshalb, weil

sie ein Weib ist, weil sie schmiegsame Hüften hat? – Warum liebt er mich

nicht?“

Und wieder war Schweigen in dem Raum, und das alternde Fräulein wagte

nicht zu atmen in einem zuckenden Glück und Grauen.

Und wieder stieg die Stimme empor: „Warum liebt er mich nicht? Ich würde

so glücklich sein, dürfte ich nur einmal meinen Kopf an seine Schulter

lehnen. Ganz still würde ich sein.

Er ist der Kanzler, und ich bin ein Schüler. Aber ich liebe ihn. Ich

weiß ihn. Ich weiß auch, daß ich reich bin. Ich habe ihm so vieles zu

sagen, was er vielleicht nicht weiß, was er vielleicht vergessen hat. –

Ist diese Frau mehr als ich – nur weil sie ein Weib ist?“

Eine große brennende Angst stieg in dem kleinen alternden Fräulein auf.

Was dieser Knabe sprach – das verband sich dem dumpfen, quälenden

Schmerz in ihr, den kein Denken befrieden konnte, der sich nun plötzlich

aufreckte, ein verzweifelter Riese.

„Ich kann dir nichts sagen,“ sagte sie fast unhörbar. „Nein, ich weiß

dir keine Antwort.“ Angstvoll sah sie in sein tieferblaßtes Gesicht. „Du

darfst über diese Dinge nicht nachdenken, – man darf das nicht, – wir

dürfen nicht –“ Dann erschrak sie über ihr eigenes Wort. Hatte sie

wirklich wir gesagt?

„Ich muß gehen,“ stieß sie hervor. „Lebe wohl.“

Aber nun konnte sie nicht allein sein. Nein, das konnte sie nicht.

Wohin? Zu wem? – Nein, in ihr einsames Zimmer konnte sie nicht. Sie

fürchtete sich zu sehr vor den Gedanken, die sie aber nicht denken

wollte, nicht denken durfte. Nein, nur nicht allein sein!

Zu Nowotnys? Die beiden konnten ihr keine Stille geben. Die waren ja

auch toll und verwirrt wie alle Menschen jetzt um sie her. Die dachten

an nichts anderes als an diese verrückte Bildhauerin. Oder – diese

selbst? Ihr allein würde sie sogar jetzt gerne begegnen.

Nun wußte sie es, Dr. Klempner mußte sie aufsuchen. Er war der einzige,

der nicht von dem Gifte angefressen war, das an allen zehrte, von der

großen Verwirrung, die von diesem Frühling ausging, den sie selbst als

süßen Stachel in ihrem Denken wußte. Ja, er mochte zynisch, kalt und

grausam sein. Aber er haßte und verneinte doch gleich ihr diesen Taumel.

Dr. Klempner begrüßte sie ein wenig erstaunt. „Das ist schön, daß Sie

den Weg zu mir gefunden haben,“ sagte er. „Martha ist in der Küche, da

können wir plaudern. Wie geht es denn in Ihrer Klasse? Die Mädchen sind

jetzt wohl alle ein wenig so, so?“

„Einige lernen sehr brav,“ antwortete sie ausweichend. „Vielen ist ja

die Matura das Tor zum freien Studium auf den Hochschulen.“

„Nun ja,“ der Arzt lächelte wegwerfend. „Sie können sich ja vorstellen,

was ich vom Frauenstudium halte.“

„Die Knaben sind in dieser Zeit auch nicht besser,“ antwortete das

Fräulein, plötzlich wieder kampfbereit, „wenn Sie das als Hindernis

meinen.“

„Aber das meine ich ja gar nicht,“ entgegnete Dr. Klempner lächelnd.

„Gewiß ist diese Zeit auch für die Knaben sehr schwierig. Aber wenn sie

diese Jahre, da man den Eros so verzweifelt ernst nimmt, überstanden

haben, dann ist die Gefahr meist auch wirklich vorüber. Dann haben sie

zum Weibe gefunden und nehmen sich Lust und Genuß ohne weitere

Problematik.“

„Und das ist das Ideal?“ fragte Fräulein Dr. Südekum spöttisch.

Der Arzt sah sie ernst an. „Ist es vielleicht dieses, daß Menschen, die

den Betrug der Natur ernst nehmen, an ihm zugrunde gehen? Nein, Frau

Doktor, bleiben Sie mir mit den großen Idealen in dieser Richtung vom

Leibe. Es gibt eine schwierige Zeit bei Mädchen und Knaben. Da kocht die

Natur sich die Leiber für ihre große Forderung zurecht. Und da bleibt

natürlich nicht viel Raum für anderes. Das darf man nicht zu tragisch

nehmen. Das geht vorüber.“

„Warum sollen also die Frauen nicht studieren, da diese Zeit doch

vorübergeht?“

„Gott, ich habe ja nichts dagegen,“ sagte Dr. Klempner zwischen zwei

großen Rauchwolken. „Aber für die Mädchen gibt es nur _eine_ Erlösung

aus der großen Spannung, die sie ganz gefangen nimmt: die Heirat. Wenn

sie Mädchen bleiben und studieren, werden sie eben diese Spannung nicht

los. Da haben es die Herren Studenten leichter.“

„Sie reden abscheulich von Dingen, die vielen anderen Menschen heilig

sind.“

„Heilig!“ Er lachte. „Heilig ist alles, was über diese Dinge hinaus

will. Heilig ist Beruf und jedes Streben des menschlichen Geistes. Aber

das, wovon Sie sprechen, Frau Doktor, ist nichts als verdammter, von den

Dichtern emporgelogener Betrug.“

Da geschah es dem alternden Fräulein plötzlich, als müsse sie eine große

Fahne entfalten. – So, als müsse sie etwas bekennen und verteidigen, was

sie in sich haßerfüllt verneint und geknechtet hatte.

Sie war sehr blaß geworden, das kleine, schmale Fräulein, aber ihre

Augen blitzten: „Ich habe so vieles gesehen, was häßlich und

unverständlich ist, Herr Doktor. Aber, Doktor Klempner, ich weiß auch,

daß es über diese Verwirrung hinaus etwas geben muß, das den süßen,

wehen Namen Liebe verdient.“

„Oho! – Frau Doktor, sind Sie so weit?“ rief der Doktor. Seine Worte

klangen höhnisch, aber sein häßliches Gesicht blickte tiefernst. „Ich

zweifle nicht daran, daß Sie lieben können, – daß Sie in einer Periode

sind, wo man einen rasenden Wunsch mit hundert bunten Flicken behängt –

wo man an diesem Selbstbetrug entsetzlich leidet. Aber erzählen Sie mir

lieber von dem Menschen, den Sie lieben! Erzählen Sie mir, was er Ihnen

für diese große Liebe gibt, an die Sie so fanatisch glauben.

„Erzählen Sie mir, was Ihre Liebe ihm bedeutet, ob Sie ihm mehr sind als

der Partner im Spiel, ob er Sie selbst überhaupt sieht! – Dann müßten

Sie sich freilich noch prüfen, ob Sie selbst diesen Menschen sehen – –

oder nur das, was Sie von ihm wollen!“

„Was er mir dafür gibt – dieser Mensch?“ – wiederholte die Lehrerin

langsam und erblaßte. „Ja, und was meine Liebe ihm bedeutet?“ – Wie

plötzlich erwachend setzte sie sich aufrecht in ihrem Sessel. Sie begann

rasch und hastig zu sprechen, als wolle sie alles verschütten, was sie

bisher bekannt hatte: „Ich liebe ja keinen einzelnen Menschen, Herr

Doktor. Ich liebe meinen Beruf, ich verschwende mich an ihn.“

„Dann sind Sie ja glücklich,“ – fiel er ein. „Ja, dann müssen Sie doch

glücklich sein?“

„Ich bin es nicht,“ bekannte sie leise. „Ich habe das vielleicht früher

nicht so gewußt. Da war ich so reich. Ich habe nie gerechnet, niemals,

Herr Doktor. – Aber vielleicht gab ich zu viel, ich weiß es nicht. Immer

wieder fordert man ganzen Einsatz von uns, den ganzen Menschen. Und

wehe, wenn wir einmal, ein einziges Mal mehr wollen als die

Befriedigung, unsere Pflicht getan zu haben.“

„Mehr?“ Hart und fragend fiel das Wort in die Stille. „Wir Männer sind

es gewohnt, uns ganz an unsern Beruf zu verschenken. Wir fordern nicht

mehr von ihm, als er geben kann: innere Bestätigung, Erfolg, Ruhm,

vielleicht auch Geld. Sie aber suchen in ihm die Liebe, Frau Doktor, –

nehmen Sie sich in acht! Sie sind eine wunderbar mütterliche Frau. Es

ist jammerschade um Sie, daß Sie kein Kind haben.“

„Ich habe nur geliehene Kinder.“ Ein Schluchzen bebte durch den Raum.

„Der Beruf ist der Beruf,“ sagte eine ernste Stimme. „Wie kann er das

geben, was wir im Leben versäumt haben. Nehmen Sie sich in acht, Frau

Doktor, – nehmen Sie sich in acht!“

Der wilde Garten · 第 14 / 34 题