An dem Abend dieses Tages ging Fräulein Dr. Südekum hinaus in das stille
Viertel, wo Nowotnys wohnten. Mit ihrem schwarzen Kostüm im Schnitt von
Anno dazumal, dem dunklen Filzhütchen und dem hochgeschlossenen Kragen
ihrer Bluse, schien sie wie ein Schatten inmitten der Lebensfreude,
welche die Gehsteige überflutete. Hastig trippelte sie vorwärts, immer
tiefer verwirrt von ihren trüben Gedanken. Sie sah schöne Frauen, die
sich weich und begehrlich an Männerschultern schmiegten, sah
ineinanderversenkte Hände, sah junge Burschen und Mädchen in dunklen
Nebengassen verschwinden.
Haßerfüllt blickte sie auf dieses Treiben, das sie nun, nach den
verwirrenden Ereignissen der letzten Tage, besser zu erkennen glaubte
als früher.
Dies alles war das Geschlecht. Das war die dunkle Macht, die hier
herrschte, die bis in das weiße Bereich der Schule griff, diese Macht,
die alles zerstörte, was ihr Leben reich und sinnvoll geschaffen hatte.
Nach allem langte sie und alles wandelte sie. Fräulein Dr. Südekum wußte
nicht, wo sie vor ihrer Drohung Ruhe finden konnte.
Sie war aus dem Gewirr der erleuchteten Straßen in stillere Bezirke der
Großstadt gelangt, wo die Häuser schon mehr in sich geschlossen standen,
umrahmt von ein wenig Grün, und nicht den traurigen Schwestern in den
breiten, lärmenden Straßen gleich schienen, die, wie Waisenkinder in
eine verunstaltende Uniform gepreßt, sich dicht und freudlos
aneinanderdrängten.
Sie drückte die Klinke des kleinen Gartentores nieder, ging den schmalen
Weg durch die grünen Taxushecken weiter und befand sich bald im Vorraum
von Nowotnys Wohnung. Mit einem Aufatmen grüßte sie die vertraute
Stille.
Die junge Frau kam ihr mit einem Lächeln entgegen: „Es ist schön, daß
Sie kommen. Ich bin allein. Robert kommt erst in einer Stunde.“ Fräulein
Dr. Südekum nickte befangen, denn sie erinnerte sich an die nächtliche
Begegnung mit dem jungen Ehemann.
„Was macht die Schule?“ Und Frau Nowotny begann in ihrer leichten
plaudernden Art, das Fräulein zum Reden zu bringen. „Was macht denn Ihr
Liebling, die kleine, dicke Gertrud?“
„Die Gertrud!“ – Dunkle Röte stieg in das Gesicht des alternden
Fräuleins. „Nun, vor allem heißt sie nicht mehr Gertrud,“ antwortete sie
mit einem bitteren Lächeln. „Sie heißt nun Gert und ist ein großes,
schlankes Mädchen geworden. Sie ist nicht viel besser jetzt als die
andern, die ihre Sorgen und Interessen zwischen den Vorbereitungen für
die Schlußprüfungen und allen möglichen Jungmädeltorheiten, wie erste
Tanzvergnügungen und ähnliches teilen.“
„Nun, das ist doch selbstverständlich. Schließlich wird das für alle
wichtiger werden als das, was sie in der Schule lernen. Das brauchen sie
doch in den seltensten Fällen, und man läßt die meisten Mädchen doch nur
lernen, weil man irgend etwas mit ihnen bis zum heiratsfähigen Alter
unternehmen muß.“
Frau Nowotny bemerkte während ihres munteren Geplauders gar nicht, wie
blaß und feindselig Fräulein Dr. Südekum zu diesen Worten nickte.
„Sie bleiben doch zum Abendessen?“ fragte sie. „Robert muß gleich mit
Alexandra kommen.“
„Alexandra?“ Fräulein Dr. Südekum saß ganz steif in ihrem Sessel.
„Ja, die Bildhauerin Pseleuditi, – wir erzählten Ihnen doch schon von
ihr. Robert holt sie aus ihrem Atelier ab.“
Fräulein Dr. Südekum schwieg, aber ihr schmaler, zitternder Mund verriet
wohl ihre Erregung. Durfte man dies alles geschehen lassen? Durfte man
es geschehen lassen, daß der heiße verwirrende Hauch der Sünde auch das
stille Heim dieser beiden so wandelte und zerstörte? Sie dachte daran,
wie sie diese fremde, lachende Frau am Arme Nowotnys gesehen hatte. Und
sie dachte auch der törichten Dinge, die diese beiden bei ihrem letzten
Besuche von der seltsamen Frau erzählt hatten.
Sie rückte den Sessel ein wenig zurück und begann plötzlich mit heller,
kriegerischer Stimme: „Man darf den Dingen nicht so ihren Lauf lassen,
liebe Frau Else. Nein, das soll man nicht. Man muß sich wehren. Sie
wissen, ich meine es gut mit Ihnen.“ – Fräulein Dr. Südekum erschrak
selbst, da sie die verräterischen Worte sprach, mit denen Menschen immer
eine Folge von Sätzen einleiten, mit denen sie einen andern unglücklich
machen, „– und – ich sah Ihren Mann eines Nachts – er ging eingehängt,
und ich bin gewiß ...“
„Küßten sie einander?“ fragte die junge Frau, und die Lehrerin sah zu
ihrem Erstaunen, daß das Gesicht der jungen Frau nicht Eifersucht und
Angst, sondern eine ganz unverständliche Erregung, ja den Ausdruck
geschmeichelter Eitelkeit wies.
„Nein,“ antwortete die Lehrerin, deren Haltung immer mehr jener glich,
die sie in der Schule annahm, wenn die Mädchen nicht aufmerkten: „Nein,
das taten sie nicht. Aber ich verstehe Sie nicht, liebe Frau Else. Eine
Frau geht nachts eingehängt mit Ihrem Manne, und Sie finden das in
Ordnung, und nach Ihrer Frage muß ich annehmen, daß auch das andere, das
Küssen ...“
„Alexandra ist nicht irgendeine Frau!“ erklärte Frau Nowotny, „sie ist
eine Künstlerin, sie ist eine Halbasiatin, wissen Sie. Ihr Vater war ein
Grieche, aber ihre Mutter eine Perserin.“
„Aber hinter diesen Zufälligkeiten und Masken ist sie doch sicherlich
eine Frau!“ fiel Fräulein Dr. Südekum spöttisch und schneidend ein. Else
erschien ihr plötzlich dumm und abgeschmackt.
„Ja, wahrscheinlich!“ nickte Frau Nowotny ein wenig verwirrt. „Aber ich
wollte nur sagen, daß ich nicht anders zu ihr stehe wie Robert, daß wir
sie beide anbeten, daß wir ihr soviel verdanken, – sie hat uns beide von
Grund auf verändert. Wie ein Rausch ist es, seit wir sie kennen.“
„Ja, wie ein Rausch,“ fiel Fräulein Dr. Südekum ein. „Ich kann es mir
denken.“ Plötzlich wußte sie selbst, warum sie dieses Gespräch so
leidenschaftlich führte. Hier war endlich eine Gelegenheit, sich zu
wehren, anzukämpfen gegen diese rätselhafte Macht, die alle Menschen
verwirrte und lächerlich machte. „Ja, wie ein Rausch, dem ein
schreckliches Erwachen folgen wird.“
„Weil Robert und ich diese Frau gern haben, weil unser ganzes Leben
interessant wurde, seit sie mit uns ist, weil wir beide so gesteigert
sind?“
„Nein,“ sagte Fräulein Dr. Südekum, „aber weil Robert ein Verhältnis mit
dieser Frau haben wird, wenn er es nicht schon hat.“ Die Stimme des
alternden Fräuleins klang aufs äußerste aufgebracht.
„Glauben Sie, daß er schon eins hat?“ fragte Frau Nowotny, und wieder
erkannte die Lehrerin eine ihr unverständliche, zitternde Erregung im
Gesichte der jungen Frau. „Glauben Sie, daß er ihr wirklich so gefällt?
Oh, Robert ist kein gewöhnlicher Mensch, glauben Sie es mir, Frau
Doktor. Seine Vorgesetzten, so besonders der Hofrat Klingenberg, haben
mir oft gesagt: Ihr Mann hat fast zu viel Phantasie für den
Beamtenberuf. Ja, ja.“
„Sie sind vollständig verrückt,“ rief Fräulein Dr. Südekum. „Das ist ja
schamlos, was Sie da zusammenreden. Und ganz verwirrt ist es auch. Nun,
ich bin fest überzeugt, daß die beiden ein Verhältnis miteinander haben,
und diese gute Dame lacht sich ins Fäustchen über die kleine,
schwärmerische Frau, die sich so wehrlos ihren Mann wegnehmen läßt.“
Triumphierend blickte das alternde Fräulein auf ihre ehemalige
Schülerin.
„Oh, sie hat mich auch sehr gern,“ widersprach Frau Nowotny ein wenig
verstimmt. „Ja, das glaube ich. Aber Sie haben recht, – da wäre Robert
tausendmal besser daran als ich. – Ich bin ja leider kein Mann und ...“
Fräulein Dr. Südekum sah fassungslos auf die Frau vor sich. „Ja, diese
Frau scheint euch beide verrückt gemacht zu haben. Nein, das hätte ich
nicht für möglich gehalten. Aber merken Sie sich, das wird noch ein
schreckliches Ende nehmen. Man darf die Dinge nicht so gehen lassen, man
muß sich wehren, man muß ...“
„Still, still,“ sagte Frau Else, indes glühende Röte ihr Antlitz
übergoß. „Sie kommen!“
Fräulein Dr. Südekum erhob sich. „Ich werde lieber gehen,“ sagte sie
frostig und geängstigt zugleich. Aber da stand schon Nowotny vor ihr. Er
faßte ihre Hände und zog sie in die Mitte des Zimmers.
„Frau Pseleuditi – und das ist Frau Dr. Südekum, unsere liebe Freundin,
von der ich Ihnen schon erzählte. Sie wird sich sehr für Ihre
Götzensammlung interessieren – nicht wahr?“
Fräulein Dr. Südekum warf einen kampfbereiten Blick in das schmale, ein
wenig harte Gesicht der Fremden, über das ein interessiertes Lächeln
flog, und fühlte ihre Hand von einer festen und kühlen anderen
umschlossen.
Frau Nowotny geleitete ihre Gäste in den Speiseraum hinüber. Die
Lehrerin sah betroffen, wie sehr dieser verändert worden war. Statt der
Speisezimmerlampe, die ein mit gußeisernen Engelsköpfchen festgehaltener
Seidenschirm gebildet hatte, hing jetzt lose ein buntes Stück Seide um
den Leuchtkörper. Die Kredenz stand fast leer. Wo hatten Nowotnys nur
die vielen hübschen versilberten Schüsseln hingegeben und den Aufsatz
aus Porzellan mit dem schwarzlackierten Schornsteinfeger? Nur zwei große
flache Schalen standen auf der Kredenz, die durch die neue
Beleuchtungsart seltsam ins Dunkel gerückt schienen.
Fräulein Dr. Südekum sah weiter umher, während die drei Menschen lebhaft
miteinander sprachen, über Dinge, die ihre gemeinsamen Vergnügungen und
Pläne betrafen.
Und immer wieder sah sie verstohlen zu der fremden Frau hinüber, die ihr
gegenübersaß. Mich könnte sie nicht faszinieren! dachte das alternde
Fräulein, als die Fremde sich mit überkreuzten Beinen in einen Sessel
lehnte. Dieses schwarze, nach Knabenart geschnittene Haar ließ ihren
Kopf ja fast nackt erscheinen! Und eine so hohe Stirne mochte vielleicht
an einem Manne hübsch sein ...
Die Augen freilich! Wenn man dem Blick dieser länglichgeformten Augen
begegnete, über denen sich in schwarzen schlanken Bogen die Brauen fast
berührten, – ja, so blickten Menschen, denen eine böse und gefährliche
Macht über andere gegeben war. Aber dann glaubte Fräulein Dr. Südekum
wieder geträumt zu haben, denn plötzlich streifte sie ein ganz
gleichgültiger und wie über sie in eine Ferne hinweggleitender Blick.
War diese Frau eigentlich schön zu nennen? Nein, Fräulein Dr. Südekum
konnte es nicht finden. Dazu war das Profil zu streng und eigenwillig,
veränderte sich das Antlitz zu sehr im Sprechen, und hatte dieser
vielleicht schöngeformte Mund einen zu fordernden Ausdruck.
„Sie wundern sich wohl über die Veränderungen in unserer Wohnung?“
fragte Frau Nowotny die Schweigsame. „Alexandra hat uns ein wenig
geholfen. Wir fühlten uns gar nicht mehr wohl mit dem vielen alten Zeug
– und sie selbst kann das überhaupt nicht ertragen.“
„Wo sind die vielen Bilder hingekommen?“ fragte Fräulein Dr. Südekum ein
wenig gereizt, da sie sich der großen gemalten Landschaften,
vergrößerten Photographien und Farbendrucke erinnerte, die früher in
Überfülle die Wände bedeckt hatten.
„Ja, die habe ich den beiden abgewöhnt,“ sagte die Fremde, und ein
spöttischer Blick traf das alternde Fräulein.
„Wenn nur Robert und Else einverstanden sind,“ entgegnete Fräulein Dr.
Südekum feindselig. „Denn eigentlich sind doch sie es, die sich hier
wohlfühlen sollen.“ So, nun hatte sie es dieser Person gegeben!
„Gewiß,“ nickte die Bildhauerin, „ich verreise ja auch in vier Wochen
wie jedes Jahr auf einige Monate. Dann können die Bilder wieder eins
nach dem andern auf den Wänden erscheinen, auch das entzückende
Hochzeitsgeschenk, die keramische Jungfrau, kann wieder dorthin in die
Ecke kommen, und der Ständer mit den Familienphotographien.“
„Nein, nie mehr!“ beteuerte Else leidenschaftlich, und Robert setzte,
alles Vergangene verleugnend, hinzu: „Ich habe das Zeug nie leiden
können.“
Die Lehrerin verstummte. Sie fand diese Person, wie sie sie in Gedanken
nun immer nannte, einfach empörend. Wie konnte man so in ein fremdes
Leben einbrechen? Das war ja Vergewaltigung!
Auch später, als die Bildhauerin mitten auf dem Tische, wie die Lehrerin
indigniert bemerkte, einen Kaffee braute, was sie als nach „persischer
Art“ bezeichnete, und dann in kleine Schalen ein schwarzes Gebräu goß,
an dem Fräulein Dr. Südekum fast erstickte, weil sie den ganzen Satz in
die Gurgel bekam, und gar als die Bildhauerin, in ihren Sessel
zurückgelehnt, lange schmale Zigaretten rauchte, die einen merkwürdig
schwülen Duft verbreiteten, da fand die Lehrerin die Begeisterung des
Ehepaars für die Fremde immer unverständlicher. Es versöhnte sie auch
nicht, daß die Bildhauerin mit ihrer dunklen Stimme eigenartige
griechische Lieder zu singen begann. Bald waren alle drei von ihr
entfernt und sanken in Gespräche, die von Erinnerungen an gemeinsame
Erlebnisse im Süden erfüllt waren.
Die Lehrerin, die sich fast gar nicht an den Gesprächen beteiligt hatte,
atmete befreit auf, als die Bildhauerin sich zum Gehen anschickte. Sie
hatte es sich zwar vorgenommen, noch ein wenig zu bleiben, schon um
nicht mit der Fremden gehen zu müssen, dann aber auch, weil sie hoffte,
noch einige Worte anbringen zu können, die geeignet waren, den
gefährlichen Zauber dieser Frau zu brechen. Aber zu ihrer eigenen
Verwunderung ging sie auf einen fragenden Blick der Fremden mit ihr
fort.
Sie gingen schweigend nebeneinander, die dunkle, nachtstille Parkstraße
hinab. Ihre Schritte klangen auf dem Pflaster.
„Hier an der Ecke ist eine kleine Teestube,“ sagte die Bildhauerin
plötzlich. „Wollen Sie mit mir noch einen heißen Grog trinken? Es wird
uns gut tun.“
Das alternde Fräulein blieb zögernd stehen. Da traf sie ein erstaunt
fragender Blick: „Sie fürchten sich doch nicht mit mir allein?“
„Fürchten,“ krähte die Lehrerin, „wovor?“ Sie ging mit.
Die Bildhauerin rührte nachdenklich in ihrem Teeglas: „Ja, in vier
Wochen bin ich wieder unten im Süden. In diesem nebligen Lande halte ich
es nicht aus, trotzdem man hier herrlich arbeiten kann, weil man immer
Sehnsucht hat, weil man alles in sein Werk zwingen möchte, was man hier
entbehrt. Aber eigentlich sollte ich vorher noch nach Paris. Ich stelle
dort aus.“
Fräulein Dr. Südekum lauschte eine Weile den Erzählungen Alexandras, und
auch sie spürte den wilden Geruch des Lebens und der Freiheit in den
Worten der Fremden. Aber gerade dies empörte sie, daß sie erfuhr, wie
reich, wie von Kunst und Erfolg begnadet dieses Leben war, das sich
alles erfüllen durfte. Warum, wozu brach die Frau dann in das kleine,
stille Sein dieser Menschen? Ihr begegneten doch sicherlich viele andere
Menschen, die ihr ähnlicher waren?
Mit einem jähen Ruck begann sie: „Und, Frau Pseleuditi, wie wollen Sie
einmal die Verantwortung tragen, wenn das, ich meine, der junge Nowotny
– und seine Frau – wenn das zu Ende ist? Wie werden Sie diese Menschen
wieder in das Gewöhnliche entlassen, in ihre Ehe?“
„War die stumpfe, elende Gemeinschaft dieser beiden eine Ehe?“ gab die
Bildhauerin mit einem Lächeln zurück.
„Es war die Sicherheit,“ entgegnete die Lehrerin. „Es war das, was
dauert, was ruhig macht und Frieden gibt.“
„Das kann sein,“ nickte die Bildhauerin achselzuckend. „Aber wie stellen
Sie sich das überhaupt vor? Wie kann man Verantwortung für andere
übernehmen? Das kann man doch immer nur für sich selbst. Ich glaube, daß
man nie mehr tun kann, als einen ganzen Einsatz an eine Sache wagen:
sich selbst. Weiß ich denn, wie ich mich zurückbekomme – weiß ich es
denn? Wie kann ich anderen Sicherheiten geben?“
„Aber Sie geben doch gar keinen Einsatz,“ begehrte die Lehrerin auf.
„Sie spielen doch mit diesen Menschen, die bisher so zufrieden waren,
und die nie mehr in ihr früheres Sein zurückfinden werden.“
„Was wollen Sie,“ sagte Alexandra und rührte unentwegt in ihrem Glase
weiter. „Es ist nun einmal mein Schicksal, immer der Habicht zu sein,
der in ein geruhiges Sein stößt. Daß es solche Menschen wie mich gibt,
wird wohl auch seinen Sinn haben, den die erkennen mögen, die Zeit
haben, über das Leben nachzudenken. Ich will es vor allem leben!“
Fräulein Dr. Südekum schwieg verwirrt. Sie fand keine Antwort, aber sie
spürte, daß immer stärker etwas wie Haß und doch gleichzeitig
geheimnisvolle Anziehung sie an diese Frau band und sie hieß, ihr
weiterzulauschen.
„Nein, Frau Doktor,“ sagte Alexandra, „ich gehöre nun einmal zu denen,
die die Untreue den Menschen gegenüber auf ihre Fahne geschrieben haben,
weil sie sich selbst für niemand vergewaltigen wollen. Ich bin in keinem
Erlebnis, in keiner Liebe daheim. In keiner. Immer weiß ich mich Gast.
Ich binde ein fremdes Leben an mich, – aber dann kommt doch die Stunde,
wo man die vergrößerten Photographien wieder an die Wände hängt. Ich war
nur Gast – und sie alle fühlen sich viel wohler in ihrer Welt, die ihre
wirkliche ist. Ihre wirkliche ist ja nicht jene, für die sie zu brennen
glauben, wenn sie mich lieben.“
Plötzlich umfaßte die Bildhauerin mit beiden Händen die nervös zuckenden
des alternden Fräuleins. Eine steile Falte stand zwischen den Brauen der
fremden Frau, und ihre Augen glühten in einem seltsamen Feuer, als sie
sagte: „Sie alle haben in ihrer Liebe ein Ziel zu zweien: Kind,
Sicherheit und gemeinsamer Tod.
„Mein Ziel heißt Ich, und nie wird mir eine Liebe begegnen, die dasselbe
Ziel hat – die mich will, das, was ich heute nur darstelle, was ich aber
werden muß. Niemals –“