Es geschah so wie Überfall und jähes Verrücken eines Bildes, daß selbst
Fräulein Dr. Südekum, die sonst immer vor den Schülerinnen ihre große
Sicherheit bewahrte, diesmal keinen Rat wußte.
Licht und froh hatte dieser Schulmorgen begonnen. Die gelben Zweige des
Goldregens und die erst über Nacht aufgeblühten Fliederbüsche streiften
fast die Flügel der offenen Fenster und trugen den süßen, verwirrenden
Hauch des Frühlings in das ernste Klassenzimmer, an dessen grauweiß
getünchten Wänden einige gute Steindrucke heimischer Landschaften,
Karten und eine Lithographie Schillers hingen.
Fräulein Dr. Südekum trug heute eine fast lichte Bluse und hatte neben
dem Katalog ein Wasserglas stehen, in das sie die Blumen getan hatte,
die Schülerinnen heimlich vor Beginn des Unterrichts auf ihr Pult gelegt
hatten.
Die Lehrerin sprach heute von Friedrich dem Großen als Mensch. Sie hatte
in den vergangenen Stunden sein Bild als Staatsmann und König
gezeichnet, als Soldat und siegreichen Helden. Nun sprach sie von dem
Freunde der schönen Künste, dem Freunde Voltaires, dem Erbauer des
Schlosses Sanssouci. Als Fräulein Dr. Südekum von diesem Bau sprach, von
den eigenartigen Räumen, die der große König nach dem Muster von
Versailles eingerichtet hatte, erklang plötzlich der Name seiner Frau
aus der Schar der Schülerinnen. „Die Barberina!“ Kichern flog aus den
rückwärtigen Bänken auf, einige Schülerinnen verbargen den Kopf unter
dem Pult. Andere sahen schadenfroh erwartend zu der Lehrerin auf. Was
würde nun geschehen?
Die Lehrerin faßte die Schülerin ins Auge, die den Namen gerufen hatte.
Blutübergossen saß sie in ihrer Bank, aber sie lächelte.
„Es freut mich, daß du auch in deiner freien Zeit Geschichte betreibst,“
sagte Fräulein Dr. Südekum mit ihrer ruhigen Stimme und fuhr im Vortrage
fort.
Ganz still war es in der Klasse, nur die ruhige Stimme der Lehrerin
erfüllte den Raum.
Da war es, daß plötzlich ein wilder und nicht mehr menschlich
scheinender Schrei den Raum zerriß. Ein Mädchen taumelte aus der Bank,
griff einige Male wie haltsuchend in die Luft und stürzte schreiend
zusammen.
„Die Erika Meyer!“ schrie eine auf.
Die Schülerinnen wichen erst erschreckt zur Seite, bemühten sich dann um
die Liegende, die wie toll mit Händen und Füßen um sich schlug, den
Körper jäh aufbäumte, daß sie nur mit Nacken und Fersen den Boden
berührte. Fräulein Dr. Südekum stürzte herbei und sah mit Entsetzen die
furchtbar verdrehten Augen des Mädchens, versuchte dessen Kopf höher zu
betten, dessen Hände stillend zu umschließen, aber die wie besessen um
sich Schlagende traf sie so wuchtig vor die Brust, daß das kleine
Fräulein zurücktaumelte und fast in die Knie brach.
Nun aber begann die von Krämpfen Geschüttelte wild zu schreien und aus
ihren unartikulierten Lauten lösten sich plötzlich Worte von so nackter
Gier, so entsetzlicher Brutalität, daß die Lehrerin erst einige Zeit
fassungslos auf diesen Ausbruch hemmungsloser Tierheit sah, ehe sie sich
so weit fassen konnte, um mit einer gebieterischen Gebärde die Mädchen
aus dem Zimmer zu treiben. Dennoch entging ihr nicht dieses Seltsame: so
erschreckt die Kinder zur Seite wichen und zögernd dem heiseren Befehl
des alternden Fräuleins zu folgen begannen, in einigen jungen, blassen
Antlitzen malte sich doch die dunkle Sucht, sich auch so grenzenlos
loszulassen, hinzustürzen, taumelnd sich wie diese dort die Brüste
wundzuschlagen.
Als die letzte der Schülerinnen unter dem befehlend ausgestreckten Arm
der totenblassen Lehrerin das Zimmer verließ, rief ihr die Lehrerin noch
nach: „Herrn Dr. Klempner, – aber rasch – rasch!“
Dann war die Lehrerin mit Erika Meyer allein, die noch immer nicht
ausgerast hatte und in einem schrecklich gleichmäßigen Takte gegen den
eigenen Körper mit Fäusten schlug, deren Knöchel weiß blinkten. Sie riß
sich die Haare vom Kopfe und schleuderte der Lehrerin wilde
Verwünschungen ins Gesicht.
Fräulein Dr. Südekum versuchte es immer wieder, die Tobende durch Worte,
durch Gebärden und scheue Liebkosungen zu befrieden, mit dem Aufgebote
aller Kräfte ihre selbstzerstörende Wut zu hemmen. Aber immer wieder
setzte sich das Mädchen so wild zur Wehr und der Lehrerin schlug so
fesselloser Haß entgegen, daß sie zurückwich, bis sie vor Schrecken und
Angst verwirrt an der Wand stehenblieb.
Und immer wieder, wenn der Sturm nachzulassen begann und nur das
marternde Geräusch monotonen Zähneknirschens die Stille des Raumes
erfüllte, schnellte jäh ein neuer Ansturm den Körper in eine
unnatürliche Beuge empor, und wilder noch brachen abgerissene Worte aus
dem Munde des Mädchens, Worte, deren eindeutiges Verlangen die Lehrerin
so erschreckten, daß sie leise mit zitternden Lippen aus tiefster
Herzensnot zu beten begann.
Dr. Klempner, der soeben eintrat, nahm die Zigarre nicht aus dem Munde,
als er mit gleichmäßigen großen Schritten durch das Zimmer ging und sich
nach einem kurzen Gruß gegen die Lehrerin an die Schülerin wandte.
„Ruhe!“ brüllte er so plötzlich, daß Fräulein Dr. Südekum zusammenzuckte
wie nach einem Schuß. Sie hielt beide Hände vor das Herz gepreßt und
glich, schmal und angstvoll an die Wand gedrückt, mit der jagend auf und
ab gehenden Brust einem zu Tode gehetzten Vogel. Mit weitaufgerissensen
Augen starrte sie auf das Mädchen: Gleich – gleich würde die Unselige,
deren Körper wieder rasend emporschnellte, die Worte wiederholen – die
schamlosen, entsetzlichen Worte – vor ihnen beiden – vor einem Manne ...
„Ruhe!“ brüllte Dr. Klempner noch einmal und faßte Erika Meyer mit
eisernem Griff am Arm, und was Fräulein Dr. Südekum nicht zu hoffen
gewagt hatte, geschah: Das Mädchen hielt plötzlich inne und ein Blick
wiedererwachenden Erkennens traf den Arzt.
„Sofort bist du ruhig!“ wiederholte er nun mit ruhigerer Stimme, den
Blick in den des Mädchens versenkt. „Deine Hand!“ Erika Meyer lag still,
nur ein Zucken lief noch durch ihren Körper.
Fräulein Dr. Südekum sah auf den Arzt wie auf einen großen Zauberer. So
tiefe Sicherheit ging von diesem kleinen Manne aus, der vielleicht mit
seiner breiten, untersetzten Gestalt, dem zerzausten Bärtchen und den
winzigen, durch Brillengläser funkelnden Äuglein lächerlich ausgesehen
hätte, wäre nicht diese hohe Stirne, dieser herbe, männliche Mund
gewesen, vor allem aber seine zynische, aber so wohltuend sichere Art.
Während Dr. Klempner den Puls des Mädchens maß und einige Male
bestätigend nickte, begannen plötzlich große Tränen über das verwüstete
Gesicht der Schülerin zu rollen, und jäh schüttelte sie ein wilder
Weinkrampf.
„Nun sind wir in Ordnung,“ sagte Dr. Klempner ruhig. Er erbat ein Glas
Wasser von der Lehrerin, schüttete ein Pulver, das er seiner
Westentasche entnahm, in das Glas und hieß die Schülerin die Mischung
austrinken. Er wandte sich zur Lehrerin: „So, – nun können wir sie
allein lassen, kommen Sie!“
„Wirklich? – Sie soll hier allein bleiben?“ fragte Fräulein Dr. Südekum
zögernd.
„Ja, auf meine Verantwortung,“ antwortete der Arzt. „Sie soll keine
Zuschauer mehr haben.“ Er faßte das kleine Fräulein am Arm und drängte
sie aus dem Zimmer. „Kommen Sie, – setzen wir uns einen Augenblick in
die Kanzlei. Die Schülerinnen sind ja im Garten, und ich möchte Ihnen
etwas sagen.“
Befangen folgte ihm die Oberlehrerin. Dr. Klempner sog bedächtig an
seiner Zigarre und sagte: „Ich möchte, daß Sie den Schülerinnen sagen,
sie dürfen mit keinem Wort an den Vorfall rühren. Erika Meyer soll mit
den anderen gemeinsam zurück in die Klasse kommen, und Sie und alle
müssen sich so verhalten, als wäre nichts geschehen. So kommt die Kleine
am leichtesten wieder ins Gleichgewicht.“
„Aber Herr Doktor!“ Das kleine Fräulein atmete erregt. „Erika ist doch
sehr krank – sollte man sie nicht nach Hause schicken? Und die andern
haben doch alles gesehen – und diese Worte gehört – und ...“
„Machen Sie doch kein solches Wesen aus dieser Sache!“ fuhr sie der Arzt
grob an. „Das ist das Blut, nichts weiter. Bis sie erst hat, wonach
dieses schreit, wird Ruhe sein. Ich werde mit den Eltern sprechen, man
soll auf Erika achtgeben und sie bald verheiraten.“
Aber das kleine Fräulein konnte sich nicht mit der einfachen Erklärung
zufriedengeben. Nein, jetzt verstand sie den Arzt wirklich nicht. Er
schien das Geschehene doch zu leicht zu nehmen! Diese Ärzte – sie nahmen
alles so furchtbar zynisch auf. Tapfer begann sie: „Aber Herr Doktor,
was sie schrie! Sie muß doch im tiefsten Innern verdorben sein, wenn
solche Wünsche, solche Worte ...“
„Aber hören Sie doch auf,“ polterte der Arzt, „seien Sie kein Kind! In
keinem der Mädels in diesem Alter sieht es anders aus. Das müßten Sie
doch wissen! Wenn auch nicht jede die Flucht in Krankheit und
hysterischen Ausbruch findet, keine ist anders ...“
„Das kann nicht wahr sein,“ rief bebend das alternde Fräulein, „nein,
das darf nicht wahr sein!“
„Darf nicht – haha!“ Der Arzt lachte: „So ist es aber, meine Liebe. Ich
kenne mich da aus. Ich kenne die Mädchen vielleicht besser als Sie. Ich
sehe sie ja jeden Monat bei der Schuluntersuchung und weiß recht gut,
wie sie sich wandeln. Man erlebt da seltsame Dinge, Fräulein Dr.
Südekum, und ich kann Ihnen sagen, daß ich immer recht froh bin, wenn
die Schulschwester bei diesen Untersuchungen anwesend ist. Weiß der
Kuckuck, was die Mädels sonst noch treiben würden. – Ja, das alles ist
das Geschlecht, meine Liebe. Das ist nun einmal die große Falle, in die
jeder einmal purzelt. Also Kopf hoch – Fräulein Dr. Südekum! Gehen Sie
in den Garten und sagen Sie den Mädchen, daß weiter nichts geredet
werden dürfe, weil ja auch nichts geschehen ist, wirklich nichts – und
darum vergessen auch Sie selbst.“
Die Lehrerin schlug nur zögernd in die dargebotene Hand ein. Der Arzt
warf ihr noch einen prüfenden Blick zu: „Es geht Ihnen nahe, armes
Kind!“ sagte er mit plötzlich veränderter Stimme. „Ich möchte gerne noch
mit Ihnen sprechen. Vielleicht darf ich Sie nach der Klasse abholen?
Begleiten Sie mich dann auf die Klinik hinaus – ein kleiner Spaziergang
wird Ihnen gut tun. Also, – es bleibt dabei!“
Fräulein Dr. Südekum führte die Aufträge des Arztes mit großer äußerer
Sicherheit durch. Aber sie zitterte noch unter dem Anprall jähen,
unfaßbaren Geschehens und konnte kaum das Ende des Unterrichts erwarten.
Gegen ihre Gewohnheit sah sie nicht von ihren Notizen während des
Vortrages auf, und als sie dann doch einmal aufblickend dem Blick Erika
Meyers begegnete, die ruhig, nur mit etwas bleichem Gesicht und
umränderten Augen dem Vortrage folgte, erschrak sie wieder vor dem
Unfaßbaren. Einmal irrte ihr Blick auch zu Gertrud hinüber, aber diese
saß wie immer hochmütig abgekehrt für sich allein, und nichts an ihr
ließ erraten, welchen Eindruck ihr der Vorfall gemacht hatte. Fast mit
Haß stellte dies Fräulein Dr. Südekum fest, und voll Trauer dachte sie,
daß sie fast von jeder hier mehr wußte als von diesem Mädchen, um das
sie so sehr litt. Mit einem schmerzlichen Lächeln sah sie zu Erika Meyer
hinab, die ihre heiße Not heute so wild hinausgeschrien hatte. Auch von
ihr wußte sie mehr, wenn auch gegen deren freien Willen, als von dieser
Kühlen und Sicheren, die sie kaum mehr zu bemerken schien. Tiefe
Bitterkeit erfüllte das Herz des alternden Fräuleins.
Mit leisem Bangen sah sie dem Arzt entgegen, der sie am großen Tor der
Schule erwartete.
Sie schritten erst eine Weile schweigend nebeneinander, jeder mit seinen
Gedanken beschäftigt. Die Lehrerin begann, tapfer, kriegerisch, als
gälte es, einen kostbaren Besitz zu verteidigen: „Und Sie glauben
wirklich nicht, daß sich werdendes Weibtum auch zarter, ich meine,
seelisch verklärter an den Mädchen zeigen könnte?“
„Das leugne ich gar nicht,“ entgegnete der Arzt ruhig. „Ich behaupte
nur, daß dies alles, was Sie jetzt an Ihren Schülerinnen erleben, und
was Sie so sehr beunruhigt, einfach nur typisch ist. Denn alles ist in
diesen Jahren Geschlecht, aufgeregte Geistigkeit, Schwermut, Haß gegen
die Erotik und gegen das ihr Verfallensein. Das läßt sich nicht ändern,
und am schlimmsten wäre es, die Dinge mit schönen Worten zurechtlügen zu
wollen.
Ich habe da meine eigenen Theorien, und meine Erfahrungen haben mir
diese tausendfach bestätigt. Das Verhältnis zu den Verwirrungen des
Geschlechtes läßt sich in drei Lebensperioden einteilen. In den
mittleren Jahren, da man erwachsen und reif ist, ist man Herr dieser
Dinge. Da hat man die richtige Einstellung dazu, da nimmt man sich die
Lust als Vergnügen und läßt sich von der großen Verwirrung nicht
unterkriegen. Ja, da ist man Herr. Gefährlich sind nur die Lebensepochen
vorher und nachher, die Zeit der Zwanzigjährigen, und dann noch einmal
die der Vierziger. Die sehr Jungen und die Alternden stehen unter dem
Gesetz der Liebe und ihrer Tragik. Sie werden vielleicht auch schon
bemerkt haben, daß zwischen ihnen ein geheimnisvolles Verstehen brennt?
Aber in der Zeit zwischen diesen Altersstufen ist man gesund.“
„So!“ Die Lehrerin brach empört los: „Das ist also gesund, wenn man die
Liebe nur als Genuß nimmt, sich nicht darbringt, sich nur einfach alles
nimmt. Das ist echte Männermoral.“
„Das ist gar nicht Männermoral, meine Liebe,“ entgegnete der Arzt ruhig.
„Auch Frauen können vernünftig sein und das Geschlechtliche richtig
einschätzen. Aber freilich mit so großen Worten wie Liebe und
Sichdarbringen dürfen Sie mir nicht kommen. Das ist alles Schwindel,
meine Verehrteste. Selbstbetrug der Menschen, die es nicht zugeben
wollen, daß der Gattungswille sie am Kragen hat.“ Sein Gesicht verzerrte
sich höhnisch. „Nein, – die Liebe, – die kennen zu ihrem Unglück nur die
Zwanzigjährigen und die Vierziger – ich sagte es schon. Die sehen die
Not mit allen Regenbogenfarben geschminkt. Ja, mir selbst ging es nicht
anders: mit achtzehn, da war ich wirklich bereit, für diesen großen
Schwindel zu sterben, und mit vierzig hätte ich es dann fast getan.“
Während dieses Gespräches waren sie zu einem großen baumbestandenen
Platz gelangt, in dessen Mitte sich weiß mit tausend Fenstern der
mächtige Bau der Klinik erhob, an der Dr. Klempner tätig war. „Kommen
Sie noch ein wenig herein,“ sagte der Arzt. „Ich will Ihnen etwas
erzählen, was für Sie vielleicht von pädagogischem Wert sein kann.
Kommen Sie doch!“
Der Arzt führte Fräulein Dr. Südekum in jenen Trakt des Spitales, in dem
seine Wohnung lag. Er öffnete die Türe zu einem nüchtern eingerichteten
Wohnzimmer. „Wenn Sie noch einige Minuten Zeit haben, dann können Sie
meine Tochter kennenlernen.“
„Wie, Sie haben eine Tochter?“
„Ja, das wissen Sie nicht einmal? Seit meine Frau starb, und das ist nun
zwölf Jahre her, wohne ich mit meinem Töchterchen hier im Spital. Aus
guten Gründen übrigens.“
„Wie alt ist Ihre Kleine?“
„Soeben fünfzehn Jahre alt geworden, also kaum ein Jahr jünger als Ihre
Schülerinnen.“
Der Arzt setzte sich dem kleinen Fräulein gegenüber, und plötzlich trat
ein Ernst in sein Antlitz, der Fräulein Dr. Südekum noch tiefer
verwirrte. „Was ich Ihnen vorhin auf dem Wege sagte,“ begann Dr.
Klempner nach einem tiefen Zug an seiner Zigarre, „ist keineswegs nur
Theorie. Ich habe mein Kind nach meinen Grundsätzen erzogen. Sicherlich
also nicht nach der Art, wie es die weicheren Frauen tun, sondern nach
wohlerwogenen Gesetzen.“
„Erzählen Sie!“ bat die Lehrerin. Sie sah zu dem Bilde der großen
traurigen Frau auf, das auf dem Schreibtisch des Arztes stand.
Er war ihrem Blicke gefolgt und sagte leise: „Ja, das war ihre Mutter. –
Aber ich will Ihnen erzählen. Es wird nicht ohne Nutzen für Sie sein!
Vor allem habe ich jede Zärtlichkeit aus meiner Erziehung verbannt,
trotzdem, nein, weil ich dieses Kind abgöttisch liebe. Aber Martha soll
sich nicht an die Fallstricke dieses großen Betruges gewöhnen –
seelische Abhärtung heißt meine Devise. Zärtlichkeit ist meist nur die
Gebärde für etwas Trübes. Ein wissender Arzt kann sich das nicht
leisten. Wahre Vaterliebe braucht diese Mätzchen nicht, ja, verbietet
sie sich selbst um des Zieles willen. Ich gehe noch weiter, Frau
Oberlehrerin, – ich habe meine seelische Abhärtung systematisch so
konsequent durchgeführt, wie es andere Eltern sonst nur auf körperlichem
Gebiete wagen.“
Fräulein Dr. Südekum sah gebannt in das Antlitz des Arztes, in dem es
nun zuckte, und in dem sie trotz Häßlichkeit und Zynismus einen seltsam
weichen Zug zu entdecken glaubte.
„Ich habe meine kleine Martha alles sehen lassen, – alles, wissen Sie.
Sie wird mir nicht auf den süßen Schwindel eurer sogenannten Liebe
hereinfallen. Sie wird ungefährdet durch die schwierigen Jahre gehen, in
denen man so geneigt ist, das Tierische sich zurechtzulügen.“
„Ja, was haben Sie denn getan?“ fragte die Lehrerin, und leise Angst
erfaßte sie plötzlich vor den kalt und hart blickenden Augen des Arztes.
„Ich rief sie zu den Betten der Gebärenden,“ sagte Dr. Klempner, „sie
mußte deren Stöhnen hören, sie sah die Not und Schmach des Leibes, sie
hörte den großen Schrei der Wöchnerinnen ...“
Mit weitaufgerissenen Augen starrte Fräulein Dr. Südekum auf den Arzt.
Wie fanatisch seine Augen glühten!
„Ich zwang sie in die Vorzimmer der Sterbenden, zwang sie, unbemerkt in
einer Ecke zu lauschen, wenn Gattinnen mich anflehten, eine
Kampferinjektion zu geben, damit der Sterbensmüde noch einmal erwache
und sich die ersehnte Testamentsabänderung abringen lasse. Ich ließ sie
die Reden der liebenden Verwandten draußen auf den Gängen vor den
Zimmern der Siechen anhören, dieser Verwandten, die schacherten und mich
tausendfach zu bestechen suchten. Ich führte sie in das Zimmer der
Bresthaften, – Sie wissen schon, – jener, die ein furchtbares Mal von
eurer sogenannten heiligen Liebe ...“
„Schweigen Sie!“ schrie die Lehrerin, – „das ist doch entsetzlich!“
Der Arzt sah ihr starr in das Gesicht: „Meine Martha wird wegen keines
Operettentenors sterben wollen, sie wird sich keinem Jüngling wegen
seiner strammen Beine, von hohen Gefühlen faselnd, an die Brust werfen
...“
Die Lehrerin schlug beide Hände vor das Gesicht. Plötzlich schrak sie
durch ein Geräusch auf.
An der Türe stand ein schmales, kleines, erschreckend in Wachstum und
Entwicklung zurückgebliebenes Mädchen. Fräulein Dr. Südekum würde sie
für eine Zwölfjährige gehalten haben, hätte sie nicht vorher das Alter
des Kindes durch den Vater erfahren. Aber die Züge des kleinen Mädchens
schienen seltsam scharf und von tiefer Blässe.
Mißtrauisch sah die kleine Martha auf den fremden Gast.
„Das ist Fräulein Dr. Südekum, Oberlehrerin an der Mädchenschule,“
erklärte Dr. Klempner. „Sage ihr doch Guten Tag!“
„Guten Tag!“ Eine schmale, kühle Hand glitt in die fiebernd heiße des
alternden Fräuleins, und einen Herzschlag lang sah diese in zwei große,
wundervoll tiefe Augen, – die Augen der traurigen Frau auf dem Bilde.
Fräulein Dr. Südekum stand langsam auf. In einer jähen Sehnsucht wollte
sie über dieses fahle Blondhaar, diese unnatürlich hohe Stirne
streichen, ein Wort sagen, – ein tiefes, mütterliches Wort, das diesen
Spuk bannen mußte, dieses Entsetzensvolle, was der Arzt soeben vor ihr
enthüllt hatte. Aber sie vermochte sich nicht zu rühren, sie konnte
nicht sprechen. Fremd und geängstigt stand sie zwischen den beiden
Menschen. Kraftlos sanken ihre Arme herab.
Nein, nein, es war ihr jetzt unmöglich, mit dem blassen Kinde ein
Gespräch zu beginnen.
Sie verabschiedete sich hastig und floh hinaus auf die weißen
Spitalsgänge, über den großen Platz und immer weiter bis in die
lärmenden Straßen der Großstadt.