Sechstes Kapitel

Mit einem kühnen Schwung warf Grete Erb das Buch in eine Ecke, in dem

sie so lange gelesen hatte, bis sie heiße Backen bekam.

Da war die Lüge wieder! Überall begegnete man ihr. Nicht nur in den

Büchern, in denen sie verzweifelt nach einer Antwort suchte auf

brennende Fragen, nach einem Menschen, der ihr ähnlich wäre in der

Sehnsucht, sich selbst aus all der Verwirrung zu finden. Nein, die Lüge

lebte in allen Worten der Menschen, die mit ihr sprachen, in dem Lächeln

der Erwachsenen, das sie streifte, in dem Blick ihres Bruders selbst und

seiner Kameraden.

Wußte denn niemand auf der ganzen Welt von ihrer Not, ihrer Wirrnis?

Wußte niemand von ihrem Kampf?

Die Erwachsenen wandelten sich, wenn sie mit ihr sprachen. Sie hatten

plötzlich ein gerührtes nachsichtiges Lächeln im Gesicht. Sie taten so,

als wäre ihnen etwas begegnet, das licht und schön wie eine Blume oder

ein Schmetterling war, ein Ding, angenehm zu betrachten, das man aber

nicht im Sinne des schweren bitteren Menschenlandes ernst nehmen konnte.

„Es geht einem das Herz auf, wenn man so ein junges Ding sieht,“ pflegte

Onkel Gerhard zu sagen, wenn er zu ihren Eltern kam. „Gott erhalte dich

so!“ Was meinte er mit „so“? Wußte er denn, wie sie war? Und Onkel

Gerhard war doch sonst ein Mensch, dem manches auf der Erde ernsten

Nachdenkens wert schien, woran andere vorübergingen.

Was weißt denn du? sagte der Blick des erwachsenen Bruders, und seine

Freunde lächelten geringschätzig zu ihr hinüber, wie Menschen, die um

den großen Ernst des Lebens wissen und einem hübschen Tierlein begegnen,

das nichts von Menschennot weiß.

Die Bücher aber! Sie wußten manches, ja alles von den erwachsenen

Frauen, alle Probleme des gereiften Weibes behandelten sie ernst und

gewissenhaft, und sie wurden nicht müde, jedem Konflikt eine neue Seite

abzugewinnen. Sie sprachen aber nicht nur von den erwachsenen Männern,

sie erzählten auch von den Knaben und ihrer Not, ihrem schicksalhaften

Werden. Da gab es soviel Bücher, die davon erzählten, wie die Knaben um

ihren Gottesglauben rangen, wie jäh in das ernste Verlangen zu forschen

und zu lernen der Trieb stieß, mit dem sie dann kämpfen mußten. Von

ihren Niederlagen und Siegen wußten die Bücher zu berichten, immer aber

sagten sie, daß es sehr davon abhinge, wie diese Knaben mit der fremden

Macht fertig würden, die in ihr Sein einbrach.

Die Mädchen aber gingen verträumt und unwissend durch das Leben dieser

Bücher. „Sie blühten auf,“ wie die Dichter zu sagen pflegten. Sie wurden

verführt oder geheiratet, sie schwärmten, träumten und warteten auf den

Mann, der ihr Leben bestimmen sollte.

Ja, immer war dies so: Das Passive, unwissende, höchstens dunkel

„ahnende“ Jungfräulein und der Mann, der dann ihr Schicksal wurde, das

je nach der Literaturepoche, dem das Buch angehörte, Verführung und

Selbstmord, Entführung und Königsschloß oder Verlobung und Bankkonto

hieß.

Aber nirgends war zu finden, was doch nicht nur ihr eigenstes,

schmerzliches und verwirrendes Erleben war: das heranreifende Mädchen

und der Trieb. Der Trieb allein, – nicht der Mann, der die Liebe brachte

oder die Liebe log. Der Trieb, der nicht schlafen ließ in den Nächten

und wie ein roter Brodem den ganzen Körper durchdrang, ihn so schlaff

machte von einer süßen Müdigkeit, die so dunkeltief werden konnte, so

schwer, wenn man den Körper gequält und gepeitscht an die Kissen preßte.

Dieses dunkle Verlangen, das nicht einen Mann meinte, sondern, alles

aufwühlend, die Lust, das Versinken in den purpurroten Abgrund, den man

in manchen Stunden so nahe wußte.

Es mußte aber doch sein, daß es Menschen gab, die darum wußten, denn

waren nicht auch diese Großen einmal so jung gewesen und preisgegeben

dieser Not?

Und es mußte auch sein, daß es Bücher gab, in denen von diesem

geschrieben stand. Aber da waren es doch immer wieder die Erwachsenen,

die alles fernhielten, was erklären und entwirren konnte, die glaubten,

mit Gewalt einen Traum verwirklichen zu können, der nicht Wirklichkeit

war.

Es war so, daß einen dieses Verlangen plötzlich schlagen konnte und die

Knie schwermachen, wenn man neben irgendeinem Manne auf der Plattform

einer Trambahn stand und sein Arm an die Brüste streifte. Wenn der

Bäckergesell des Morgens mit seinen weißen Zähnen lachte und man denken

mußte, wie seltsam sich wohl seine braune Haut über dem Ruderleibchen

anfühlen mußte. Der dunkle, süße, peinigende Trieb, der einen manchmal

zwang, die Hände stillend an den Körper zu pressen, dort, wo das Blut am

schwersten und heftigsten gegen die Haut schlug.

Nein, von diesem Verlangen schwiegen die Erwachsenen und alle Bücher,

die sie kannte. Und wahrscheinlich hätte es niemand verstanden, daß

dieses Dunkle gerade dort schwieg, wo einem wirklich der Mann, dem das

Herz entgegenflog, begegnete. Daß man da so stille war und ganz heilig

aufgetan einer großen Sehnsucht, die man nicht ganz verstand, die aber

nichts mit den dunklen Stunden des roten Quälens zu tun hatte, nein, die

schamvoll und zitternd von einem Gruß auf der Straße lebte, von dem

wärmeren Klange eines Wortes, von der behutsamen Gebärde, mit der einem

der Mantel um die Schultern gelegt wurde. Ja, auch solche scheue,

zitternde Liebe mochte vielleicht in heißere Sehnsucht münden, wenn der

Mann die Sehnsucht aufrief, wenn er forderte. Da mochte dies, was

geschah, dann schuld sein im Sinne der Satzungen und mochte ins

Verderben führen, wie es in so vielen Büchern zu lesen stand: aber es

war doch immer Liebe, die hier in ihr Schicksal wuchs, und noch die

brennendste Stunde war geheiligt durch die Sehnsucht, die einem Du galt.

O, dies, was die Dichter besangen, das erste zitternde Erlebnis der

Liebe, dies war es nicht, was zu fürchten war und in Demütigung und

Selbstverachtung trieb. Wunderbar mußte die Liebe sein, und an ihr zu

sterben, wie es die Lieder sangen, mußte noch schöner sein.

Aber von dem anderen wußte niemand auf der Welt, oder wollte niemand

wissen, von diesem schweren und dunklen Brand im Blute, der so quälte

und doch auch manchmal wie ein Lied den ganzen Körper schwingen machte.

Oft stieg in Grete Erb ein ganz seltsamer Verdacht auf. Das war

besonders dann, wenn sie es manchmal versuchte, das Gefängnis ihrer

Einsamkeit zu sprengen, einem anderen Menschen zu sagen, was sie quälte,

in leisen, verschleierten Worten, die ihr selbst wie die bangen

Klopfzeichen der Gefangenen schienen, die einander von Zelle zu Zelle

Wesentlichstes in einem unbewachten Augenblick mitteilen wollten. O,

nicht das Tatsächliche! o, nichts von dem, was ihr so sehr alle Wege zu

sich selbst verschüttete, was ihr den frohen Glauben an den einfachen

Weg des Hinauf genommen hatte. Nein, davon konnte man zu keinem der

Erwachsenen sprechen. Davon nicht.

Aber es mußte doch irgendeinen Weg geben aus den bedrängenden

Leidenschaften schmerzlichen Werdens in die breite sichere Welt der

Erwachsenen, die alles wußten und verstanden, für die nichts zu schwer

schien!

Aber so seltsam erging es einem dann, wenn man versuchte, einen zagen

Schritt hinaus zu tun. Wenn man sagte: „Ich bin aber gar nicht froh, daß

ich so jung bin, wie ihr meint. Nein, vieles ist schwer, vieles ist kaum

zu tragen.“

Wie sie dann erstaunt taten oder lachten: „Mein Gott, in deinem Alter!

Aber du hast dich wohl mit der Freundin gezankt? Oder bist du gar schon

verliebt?“

Ja, sie konnten sogar sehr ungeduldig werden und böse, die Erwachsenen,

wenn man ein trauriges Gesicht machte oder gar sagte, man wäre froh,

diese Jahre wären vorüber und man selbst ganz frei.

„Du bist undankbar!“ sagten sie. „Hast du nicht alles? Deine Eltern

sorgen für dich, sie lassen dich lernen, sie erfüllen dir jeden Wunsch.

Es ist abscheulich, wenn du dich beklagst!“

Oder sie sagten lächelnd und überlegen: „Du darfst dich nicht jeder

Stimmung so überlassen, Kind, – nein, das darfst du nicht. In deinem

Alter hat man zu lernen und sich des Lebens zu freuen.“ Und manche

setzten drohend und schadenfroh hinzu: „Warte nur! – Auch du wirst

einmal das Leben kennenlernen, und dann wirst du dich vergeblich

zurücksehnen in diese Zeit!“

Ja, es war fast so, daß einem die Erwachsenen die Verpflichtung,

glücklich und froh zu sein, auferlegten wie die vielen anderen

Pflichten, deren Erfüllung sie von einem verlangten. Es war undankbarste

Auflehnung, wenn man nicht glücklich war. Es war Unbotmäßigkeit, wenn

man ein trauriges Gesicht zeigte. Es war Beweis für das Übertreten eines

Verbotes, wenn man schlecht aussah.

Nein, zu den Erwachsenen führte kein Weg, und immer tiefer wuchs in

Grete Erb der Verdacht, daß die Großen aus irgendeinem seltsamen und

unverständlichen Grunde nicht dulden wollten, es nicht wahrhaben

wollten, daß es in der Welt der heranwachsenden Mädchen anders aussah,

als man es seit Generationen annahm, und wie es in den Büchern stand.

Die Großen mochten wohl ihre besondere Befriedung, ihr Vergnügen daran

haben, daß junge Mädchen noch keine Menschen waren, denn sie hielten an

dem Traume des „Heranblühens“ mit einer leidenschaftlichen Zähigkeit

fest, gegen die es keine Auflehnung gab.

Leid, das war überhaupt nur eine Angelegenheit des Geldes. Gewiß, die

Erwachsenen gaben es zu, daß es Kinder gab, die litten, die eine

traurige Kindheit hatten. Das konnten aber nach ihrer Ansicht nur solche

Kinder sein, deren Eltern nicht genügend Geld besaßen, um sie zu nähren

und zu kleiden, um sie lernen zu lassen, was für das Leben notwendig

war. Waren die Eltern aber in der Lage, ihren Kindern ein Heim zu

bieten, sie zu nähren und zu kleiden, ihnen noch überdies Spielzeug zu

kaufen und hie und da einen kindlichen Wunsch zu erfüllen, so hatte man

die Pflicht und Schuldigkeit, glücklich zu sein. Nein, zu den

Erwachsenen führte kein Weg. Ungeduldig forderten sie die Lüge, stießen

einen dadurch immer tiefer in ein Alleinsein, aus dem kein Weg

hinausführte.

Doch auch bei ihnen, denen man verbunden sein sollte, durch gleiches

Alter und gleiches Erleben, auch bei ihnen wehte einen oft Fremdes an.

O, so sehr man einander vielleicht glich, wenn man eingehängt und

lachend miteinander den Weg von der Schule ging, so sehr war doch jede

anders und ganz eingeschlossen in ihre eigene Welt. Darüber täuschte

Grete Erb kein lautes Lachen, kein gleiches äußerliches Erleben hinweg.

Nirgends gab es Hilfe und Rat gegen die bedrängenden Bilder der Nächte

mit der demütigenden Stillung verschwiegener, als brennenden Schimpf

empfundenen Stunden, mit der Angst, einmal nicht mehr kämpfen zu können,

und rettungslos sich an dieses verlieren zu müssen, was schlimmer und

mächtiger war als Krankheit und Fieberbrand.

Es konnte nicht sein, daß nur ihr allein aufgeladen war, was alle

Heiterkeit und Beschwingtheit aus ihren Tagen verdrängt hatte. Nein, sie

wußte, daß es auch den anderen nicht anders ging, wenn auch keine zu der

anderen davon sprach, und wenn es auch nicht jede so schwer nahm wie

sie.

Denn sie nahm es schwer. Sie konnte nicht anders. Lizzie Ebbinghaus

freilich, – fast war sie zu beneiden. Sie dachte nicht nach. Ein Spiel

war ihr dieses Erwachen zu den Geheimnissen der Erwachsenen, ein

gefährliches Spiel. Wie überlegen sie über alle Großen lachte, die nicht

wußten! Mit wieviel Sicherheit sie schwindelte und log! Stets hatte sie

die Taschen voll Briefe von Schauspielern und Studenten, sie erzählte

die verwegensten und lustigsten Dinge von heimlichen Besuchen bei

Männern, die trotz ihrer erwachsenen Überlegenheit vor Lizzie zitterten,

weil diese ihre Begierde verlachte, weil sie von ihnen die Lust der

kleinen Mädchen nahm wie Bonbons und Zigaretten, und doch das eine, das

letzte, nicht hergab.

Nein, das konnte Grete Erb nicht. Dies konnte auch nicht der Weg aus

dieser Wirrnis sein. Lizzie war so viel unbeschwerter. Ja, wie eine

lustige Katze erschien sie Grete Erb, eine Katze, die gestreichelt

werden wollte und die Krallen wies, wenn man nicht nach ihrem Willen

tat.

Aber auch Erika Meyer, die liebste Freundin, die ihr einmal so viel, so

viel bedeutet hatte, mit der sie gemeinsam die schönsten Bücher gelesen

hatte, mit der sie von einem Leben träumte, das großen, stolzen Zielen

geweiht sein sollte! Auch mit ihr verstand sie sich in letzter Zeit so

schwer. So verstört war Erika nun immer! Oft schien es, daß sie ihr gar

nicht mehr in die Augen sehen konnte. Traf sie aber einmal ein Blick, so

erkannte sie in ihm ein Flackern, eine Verstörtheit, die sie

erschreckte. Erikas Hände waren nun immer so unruhig und fühlten sich

oft kühl und feucht an wie die einer Toten. Und so entsetzliche Dinge

sprach sie oft, wilde Anklagen gegen Gott und diese Welt, die er

geschaffen hatte. Nein, Grete verstand sich nun so schwer mit ihr. O,

auch sie litt so verzweifelt unter den geheimen Mächten, die sie

bedrängten, aber sie kämpfte doch und rang darum, wieder hell und frei

zu werden. Erika Meyer aber sank immer tiefer in eine Schwermut und

Verbitterung, aus der kein Weg hinauszuführen schien. Sie vergrub sich

verzweifelt in Bücher, die von der Nichtigkeit des Lebens sprachen, die

nur Bitteres und Häßliches über die Menschen zu sagen wußten, und in

denen der große Haß fanatischer Lebensfeindschaft brannte.

Leidenschaftlich spürte Erika Meyer allen Dingen nach, die den Menschen

bloßstellten, und oft schien sie von einem wilden Glück erfüllt, wenn

sie wieder etwas erzählen konnte, was die Erwachsenen demaskierte.

Auch Lizzie wußte viele solche Dinge. Aber sie nahm es leicht, ja

zynisch, breitete über alle Erkenntnis ihr leichtsinniges Lachen und

verstand es, aus den Schwächen der andern immer neue Vorteile für sich

zu erhaschen.

Ja, man war allein. Dies war das einzige, was man immer klarer aus jeder

Berührung mit anderen Menschen erkennen mußte, ob man sich in

schmerzlicher Scham den Großen zu nähern suchte, ob man unter

Altersgenossinnen eine zu finden strebte, die den gleichen Kampf kämpfte

und den gleichen Sieg wollte.

Grete Erb nahm ihre Schulmappe unter den Arm und verließ eben ihr

Zimmer, als sie an der Türe mit Herta Kobinger zusammenprallte, die in

ihrer lärmenden Art ihr entgegenkam.

„Es ist noch so früh gewesen, – da wollte ich dich abholen.“

Grete Erb bot ihr die Hand und sagte plötzlich ganz verändert und schon

in eine Maske gehüllt, die sie für das Zusammensein mit allen anderen

Menschen sich errungen hatte: „Ich bin neugierig, was es heute in der

Schule geben wird.“

„Ich bin es nicht,“ lachte Herta Kobinger. „Es gibt doch immer nur

Langweiliges, außer wenn der Rektor über irgend etwas zerspringt.“

„Was hast du gestern gemacht?“ fragte Grete Erb, die es nicht gern

hatte, wenn man so von der Schule sprach, die ihr mehr bedeutete als

Elternhaus und Vergnügen.

„Ich war bei Erika,“ erzählte Herta Kobinger. „Es war aber reichlich

ungemütlich. Wir saßen nach der Jause noch lange im Dunkel und sprachen

von allem möglichen, als ihre Mutter heimkam und in ihrer beliebten

freundschaftlichen Art uns Vorwürfe machte, weil wir im Dunkeln saßen.

Ich antwortete nichts, aber Erika fuhr ihr mit einer Wut entgegen, die

ganz entsetzlich war. Was die beiden sich alles sagten! Du weißt, wie

Erikas Mutter ist. Zuerst schrie sie alles mögliche, von dem ich nicht

alles verstand, wir seien verdorben und hätten gewiß unanständige Sachen

geredet, und so weiter. Dann aber, als Erika zu schreien begann und gar

Miene machte, leichenblaß und mit blitzenden Augen aus dem Fenster zu

springen, woran wir sie nur mit aller Kraft hindern konnten, und sie

nach dem entsetzlichen Auftritt müde und bleich in einer Ecke saß, da

wurde ihre Mutter weinerlich. Du kennst ja diese ihre Art. Sie redete

entsetzlich pathetische Dinge von Undankbarkeit, daß Erika der erste

Nagel zu ihrem Sarge sei, und so andere Sprichwörter. Ich langweilte

mich gräßlich, aber der Schreck war mir doch in die Glieder gefahren.

Wie konnte es nur wegen einer so dummen Sache zu einem solchen Auftritt

kommen!“

„Ach, beide hassen sich eben,“ sagte Grete Erb. „Für beide ist alles nur

ein Anlaß, einander Szenen zu machen. Ich gehe deshalb so ungern hin.

Jedesmal ist es dasselbe. Und immer droht Erika damit, entweder sich

umzubringen oder sich ein Auge auszustechen, – oder – nein, ich habe

mich halb totgelacht, das war vorige Woche – da setzte sie sich fast

unbekleidet in das Stiegenhaus und schrie: ‚Jetzt werde ich mich

verkühlen!‘ Sie selbst fühlt sich trotz ihrer Auflehnung so sehr als

Sache und Eigentum ihrer Mutter, daß sie keine andere Rache weiß, als

dieses Eigentum ihrer Mutter zu beschädigen. Es ist ebenso komisch wie

entsetzlich.“

„Wenn ich auch nicht solche Szenen mit meiner Mutter habe,“ erklärte

Herta Kobinger achselzuckend, „so ist es deshalb doch nicht gemütlicher

bei uns. Es ist nur ein Glück, daß sie wenig Zeit finden, sich mit mir

zu beschäftigen, weil ihnen Sonja, meine ältere Schwester, genug zu tun

gibt. Ich weiß nicht, was da gestern wieder war. Jedenfalls war Sonja zu

spät zum Mittagessen gekommen, und mein Vater schrie etwas von ‚in der

Gosse herumwälzen‘. Sie haben alle Ausdrücke wie Romanschriftsteller.

Sonja machte ihr schnippisches Gesicht und zuckte mit den Achseln. Mama

weinte, und Papa sagte etwas von ‚schlechtes Ende nehmen‘. Dann wurde

ich hinausgeschickt, und sie stritten noch eine Stunde. Ich möchte

wissen, ob das Familienleben, an dem so viel Schönes sein soll, auch in

früheren Zeiten so aussah? Wenn Papa und Mama nicht mit mir wegen der

Schule zanken oder mit Sonja, der sie immer wieder auf irgend etwas mit

Herren daraufkommen, so streiten sie eben miteinander. Sie streiten

nicht laut, o nein, – sie sagen sich ganz leise und kühl die größten

Gemeinheiten. Du kannst dir denken, wie entzückend die Stunden des

Mittag- und Abendessens bei uns sind.“

„Auch meine Eltern leben nicht sehr gut miteinander,“ erzählte Grete

Erb. „Aber ich habe sie niemals streiten gehört. Sie sprechen kaum ein

Wort bei den gemeinsamen Mahlzeiten, und wenn sie sonst allein sind,

lesen sie Zeitung. Vielleicht ist es deshalb, weil sie in früheren

Jahren sich alles gesagt haben? Jedenfalls würde ich vor Langeweile

sterben, wenn ich so leben sollte. Deshalb will ich ja auch studieren.“

Sie standen schon fast vor dem Schultore, als Herta Kobinger sagte: „Ich

will trotzdem heiraten, denn dann hat man so viel Kleider als man will

und kann seinen Kindern Matrosenanzüge anziehen.“

Der wilde Garten · 第 11 / 34 题