Mit einem kühnen Schwung warf Grete Erb das Buch in eine Ecke, in dem
sie so lange gelesen hatte, bis sie heiße Backen bekam.
Da war die Lüge wieder! Überall begegnete man ihr. Nicht nur in den
Büchern, in denen sie verzweifelt nach einer Antwort suchte auf
brennende Fragen, nach einem Menschen, der ihr ähnlich wäre in der
Sehnsucht, sich selbst aus all der Verwirrung zu finden. Nein, die Lüge
lebte in allen Worten der Menschen, die mit ihr sprachen, in dem Lächeln
der Erwachsenen, das sie streifte, in dem Blick ihres Bruders selbst und
seiner Kameraden.
Wußte denn niemand auf der ganzen Welt von ihrer Not, ihrer Wirrnis?
Wußte niemand von ihrem Kampf?
Die Erwachsenen wandelten sich, wenn sie mit ihr sprachen. Sie hatten
plötzlich ein gerührtes nachsichtiges Lächeln im Gesicht. Sie taten so,
als wäre ihnen etwas begegnet, das licht und schön wie eine Blume oder
ein Schmetterling war, ein Ding, angenehm zu betrachten, das man aber
nicht im Sinne des schweren bitteren Menschenlandes ernst nehmen konnte.
„Es geht einem das Herz auf, wenn man so ein junges Ding sieht,“ pflegte
Onkel Gerhard zu sagen, wenn er zu ihren Eltern kam. „Gott erhalte dich
so!“ Was meinte er mit „so“? Wußte er denn, wie sie war? Und Onkel
Gerhard war doch sonst ein Mensch, dem manches auf der Erde ernsten
Nachdenkens wert schien, woran andere vorübergingen.
Was weißt denn du? sagte der Blick des erwachsenen Bruders, und seine
Freunde lächelten geringschätzig zu ihr hinüber, wie Menschen, die um
den großen Ernst des Lebens wissen und einem hübschen Tierlein begegnen,
das nichts von Menschennot weiß.
Die Bücher aber! Sie wußten manches, ja alles von den erwachsenen
Frauen, alle Probleme des gereiften Weibes behandelten sie ernst und
gewissenhaft, und sie wurden nicht müde, jedem Konflikt eine neue Seite
abzugewinnen. Sie sprachen aber nicht nur von den erwachsenen Männern,
sie erzählten auch von den Knaben und ihrer Not, ihrem schicksalhaften
Werden. Da gab es soviel Bücher, die davon erzählten, wie die Knaben um
ihren Gottesglauben rangen, wie jäh in das ernste Verlangen zu forschen
und zu lernen der Trieb stieß, mit dem sie dann kämpfen mußten. Von
ihren Niederlagen und Siegen wußten die Bücher zu berichten, immer aber
sagten sie, daß es sehr davon abhinge, wie diese Knaben mit der fremden
Macht fertig würden, die in ihr Sein einbrach.
Die Mädchen aber gingen verträumt und unwissend durch das Leben dieser
Bücher. „Sie blühten auf,“ wie die Dichter zu sagen pflegten. Sie wurden
verführt oder geheiratet, sie schwärmten, träumten und warteten auf den
Mann, der ihr Leben bestimmen sollte.
Ja, immer war dies so: Das Passive, unwissende, höchstens dunkel
„ahnende“ Jungfräulein und der Mann, der dann ihr Schicksal wurde, das
je nach der Literaturepoche, dem das Buch angehörte, Verführung und
Selbstmord, Entführung und Königsschloß oder Verlobung und Bankkonto
hieß.
Aber nirgends war zu finden, was doch nicht nur ihr eigenstes,
schmerzliches und verwirrendes Erleben war: das heranreifende Mädchen
und der Trieb. Der Trieb allein, – nicht der Mann, der die Liebe brachte
oder die Liebe log. Der Trieb, der nicht schlafen ließ in den Nächten
und wie ein roter Brodem den ganzen Körper durchdrang, ihn so schlaff
machte von einer süßen Müdigkeit, die so dunkeltief werden konnte, so
schwer, wenn man den Körper gequält und gepeitscht an die Kissen preßte.
Dieses dunkle Verlangen, das nicht einen Mann meinte, sondern, alles
aufwühlend, die Lust, das Versinken in den purpurroten Abgrund, den man
in manchen Stunden so nahe wußte.
Es mußte aber doch sein, daß es Menschen gab, die darum wußten, denn
waren nicht auch diese Großen einmal so jung gewesen und preisgegeben
dieser Not?
Und es mußte auch sein, daß es Bücher gab, in denen von diesem
geschrieben stand. Aber da waren es doch immer wieder die Erwachsenen,
die alles fernhielten, was erklären und entwirren konnte, die glaubten,
mit Gewalt einen Traum verwirklichen zu können, der nicht Wirklichkeit
war.
Es war so, daß einen dieses Verlangen plötzlich schlagen konnte und die
Knie schwermachen, wenn man neben irgendeinem Manne auf der Plattform
einer Trambahn stand und sein Arm an die Brüste streifte. Wenn der
Bäckergesell des Morgens mit seinen weißen Zähnen lachte und man denken
mußte, wie seltsam sich wohl seine braune Haut über dem Ruderleibchen
anfühlen mußte. Der dunkle, süße, peinigende Trieb, der einen manchmal
zwang, die Hände stillend an den Körper zu pressen, dort, wo das Blut am
schwersten und heftigsten gegen die Haut schlug.
Nein, von diesem Verlangen schwiegen die Erwachsenen und alle Bücher,
die sie kannte. Und wahrscheinlich hätte es niemand verstanden, daß
dieses Dunkle gerade dort schwieg, wo einem wirklich der Mann, dem das
Herz entgegenflog, begegnete. Daß man da so stille war und ganz heilig
aufgetan einer großen Sehnsucht, die man nicht ganz verstand, die aber
nichts mit den dunklen Stunden des roten Quälens zu tun hatte, nein, die
schamvoll und zitternd von einem Gruß auf der Straße lebte, von dem
wärmeren Klange eines Wortes, von der behutsamen Gebärde, mit der einem
der Mantel um die Schultern gelegt wurde. Ja, auch solche scheue,
zitternde Liebe mochte vielleicht in heißere Sehnsucht münden, wenn der
Mann die Sehnsucht aufrief, wenn er forderte. Da mochte dies, was
geschah, dann schuld sein im Sinne der Satzungen und mochte ins
Verderben führen, wie es in so vielen Büchern zu lesen stand: aber es
war doch immer Liebe, die hier in ihr Schicksal wuchs, und noch die
brennendste Stunde war geheiligt durch die Sehnsucht, die einem Du galt.
O, dies, was die Dichter besangen, das erste zitternde Erlebnis der
Liebe, dies war es nicht, was zu fürchten war und in Demütigung und
Selbstverachtung trieb. Wunderbar mußte die Liebe sein, und an ihr zu
sterben, wie es die Lieder sangen, mußte noch schöner sein.
Aber von dem anderen wußte niemand auf der Welt, oder wollte niemand
wissen, von diesem schweren und dunklen Brand im Blute, der so quälte
und doch auch manchmal wie ein Lied den ganzen Körper schwingen machte.
Oft stieg in Grete Erb ein ganz seltsamer Verdacht auf. Das war
besonders dann, wenn sie es manchmal versuchte, das Gefängnis ihrer
Einsamkeit zu sprengen, einem anderen Menschen zu sagen, was sie quälte,
in leisen, verschleierten Worten, die ihr selbst wie die bangen
Klopfzeichen der Gefangenen schienen, die einander von Zelle zu Zelle
Wesentlichstes in einem unbewachten Augenblick mitteilen wollten. O,
nicht das Tatsächliche! o, nichts von dem, was ihr so sehr alle Wege zu
sich selbst verschüttete, was ihr den frohen Glauben an den einfachen
Weg des Hinauf genommen hatte. Nein, davon konnte man zu keinem der
Erwachsenen sprechen. Davon nicht.
Aber es mußte doch irgendeinen Weg geben aus den bedrängenden
Leidenschaften schmerzlichen Werdens in die breite sichere Welt der
Erwachsenen, die alles wußten und verstanden, für die nichts zu schwer
schien!
Aber so seltsam erging es einem dann, wenn man versuchte, einen zagen
Schritt hinaus zu tun. Wenn man sagte: „Ich bin aber gar nicht froh, daß
ich so jung bin, wie ihr meint. Nein, vieles ist schwer, vieles ist kaum
zu tragen.“
Wie sie dann erstaunt taten oder lachten: „Mein Gott, in deinem Alter!
Aber du hast dich wohl mit der Freundin gezankt? Oder bist du gar schon
verliebt?“
Ja, sie konnten sogar sehr ungeduldig werden und böse, die Erwachsenen,
wenn man ein trauriges Gesicht machte oder gar sagte, man wäre froh,
diese Jahre wären vorüber und man selbst ganz frei.
„Du bist undankbar!“ sagten sie. „Hast du nicht alles? Deine Eltern
sorgen für dich, sie lassen dich lernen, sie erfüllen dir jeden Wunsch.
Es ist abscheulich, wenn du dich beklagst!“
Oder sie sagten lächelnd und überlegen: „Du darfst dich nicht jeder
Stimmung so überlassen, Kind, – nein, das darfst du nicht. In deinem
Alter hat man zu lernen und sich des Lebens zu freuen.“ Und manche
setzten drohend und schadenfroh hinzu: „Warte nur! – Auch du wirst
einmal das Leben kennenlernen, und dann wirst du dich vergeblich
zurücksehnen in diese Zeit!“
Ja, es war fast so, daß einem die Erwachsenen die Verpflichtung,
glücklich und froh zu sein, auferlegten wie die vielen anderen
Pflichten, deren Erfüllung sie von einem verlangten. Es war undankbarste
Auflehnung, wenn man nicht glücklich war. Es war Unbotmäßigkeit, wenn
man ein trauriges Gesicht zeigte. Es war Beweis für das Übertreten eines
Verbotes, wenn man schlecht aussah.
Nein, zu den Erwachsenen führte kein Weg, und immer tiefer wuchs in
Grete Erb der Verdacht, daß die Großen aus irgendeinem seltsamen und
unverständlichen Grunde nicht dulden wollten, es nicht wahrhaben
wollten, daß es in der Welt der heranwachsenden Mädchen anders aussah,
als man es seit Generationen annahm, und wie es in den Büchern stand.
Die Großen mochten wohl ihre besondere Befriedung, ihr Vergnügen daran
haben, daß junge Mädchen noch keine Menschen waren, denn sie hielten an
dem Traume des „Heranblühens“ mit einer leidenschaftlichen Zähigkeit
fest, gegen die es keine Auflehnung gab.
Leid, das war überhaupt nur eine Angelegenheit des Geldes. Gewiß, die
Erwachsenen gaben es zu, daß es Kinder gab, die litten, die eine
traurige Kindheit hatten. Das konnten aber nach ihrer Ansicht nur solche
Kinder sein, deren Eltern nicht genügend Geld besaßen, um sie zu nähren
und zu kleiden, um sie lernen zu lassen, was für das Leben notwendig
war. Waren die Eltern aber in der Lage, ihren Kindern ein Heim zu
bieten, sie zu nähren und zu kleiden, ihnen noch überdies Spielzeug zu
kaufen und hie und da einen kindlichen Wunsch zu erfüllen, so hatte man
die Pflicht und Schuldigkeit, glücklich zu sein. Nein, zu den
Erwachsenen führte kein Weg. Ungeduldig forderten sie die Lüge, stießen
einen dadurch immer tiefer in ein Alleinsein, aus dem kein Weg
hinausführte.
Doch auch bei ihnen, denen man verbunden sein sollte, durch gleiches
Alter und gleiches Erleben, auch bei ihnen wehte einen oft Fremdes an.
O, so sehr man einander vielleicht glich, wenn man eingehängt und
lachend miteinander den Weg von der Schule ging, so sehr war doch jede
anders und ganz eingeschlossen in ihre eigene Welt. Darüber täuschte
Grete Erb kein lautes Lachen, kein gleiches äußerliches Erleben hinweg.
Nirgends gab es Hilfe und Rat gegen die bedrängenden Bilder der Nächte
mit der demütigenden Stillung verschwiegener, als brennenden Schimpf
empfundenen Stunden, mit der Angst, einmal nicht mehr kämpfen zu können,
und rettungslos sich an dieses verlieren zu müssen, was schlimmer und
mächtiger war als Krankheit und Fieberbrand.
Es konnte nicht sein, daß nur ihr allein aufgeladen war, was alle
Heiterkeit und Beschwingtheit aus ihren Tagen verdrängt hatte. Nein, sie
wußte, daß es auch den anderen nicht anders ging, wenn auch keine zu der
anderen davon sprach, und wenn es auch nicht jede so schwer nahm wie
sie.
Denn sie nahm es schwer. Sie konnte nicht anders. Lizzie Ebbinghaus
freilich, – fast war sie zu beneiden. Sie dachte nicht nach. Ein Spiel
war ihr dieses Erwachen zu den Geheimnissen der Erwachsenen, ein
gefährliches Spiel. Wie überlegen sie über alle Großen lachte, die nicht
wußten! Mit wieviel Sicherheit sie schwindelte und log! Stets hatte sie
die Taschen voll Briefe von Schauspielern und Studenten, sie erzählte
die verwegensten und lustigsten Dinge von heimlichen Besuchen bei
Männern, die trotz ihrer erwachsenen Überlegenheit vor Lizzie zitterten,
weil diese ihre Begierde verlachte, weil sie von ihnen die Lust der
kleinen Mädchen nahm wie Bonbons und Zigaretten, und doch das eine, das
letzte, nicht hergab.
Nein, das konnte Grete Erb nicht. Dies konnte auch nicht der Weg aus
dieser Wirrnis sein. Lizzie war so viel unbeschwerter. Ja, wie eine
lustige Katze erschien sie Grete Erb, eine Katze, die gestreichelt
werden wollte und die Krallen wies, wenn man nicht nach ihrem Willen
tat.
Aber auch Erika Meyer, die liebste Freundin, die ihr einmal so viel, so
viel bedeutet hatte, mit der sie gemeinsam die schönsten Bücher gelesen
hatte, mit der sie von einem Leben träumte, das großen, stolzen Zielen
geweiht sein sollte! Auch mit ihr verstand sie sich in letzter Zeit so
schwer. So verstört war Erika nun immer! Oft schien es, daß sie ihr gar
nicht mehr in die Augen sehen konnte. Traf sie aber einmal ein Blick, so
erkannte sie in ihm ein Flackern, eine Verstörtheit, die sie
erschreckte. Erikas Hände waren nun immer so unruhig und fühlten sich
oft kühl und feucht an wie die einer Toten. Und so entsetzliche Dinge
sprach sie oft, wilde Anklagen gegen Gott und diese Welt, die er
geschaffen hatte. Nein, Grete verstand sich nun so schwer mit ihr. O,
auch sie litt so verzweifelt unter den geheimen Mächten, die sie
bedrängten, aber sie kämpfte doch und rang darum, wieder hell und frei
zu werden. Erika Meyer aber sank immer tiefer in eine Schwermut und
Verbitterung, aus der kein Weg hinauszuführen schien. Sie vergrub sich
verzweifelt in Bücher, die von der Nichtigkeit des Lebens sprachen, die
nur Bitteres und Häßliches über die Menschen zu sagen wußten, und in
denen der große Haß fanatischer Lebensfeindschaft brannte.
Leidenschaftlich spürte Erika Meyer allen Dingen nach, die den Menschen
bloßstellten, und oft schien sie von einem wilden Glück erfüllt, wenn
sie wieder etwas erzählen konnte, was die Erwachsenen demaskierte.
Auch Lizzie wußte viele solche Dinge. Aber sie nahm es leicht, ja
zynisch, breitete über alle Erkenntnis ihr leichtsinniges Lachen und
verstand es, aus den Schwächen der andern immer neue Vorteile für sich
zu erhaschen.
Ja, man war allein. Dies war das einzige, was man immer klarer aus jeder
Berührung mit anderen Menschen erkennen mußte, ob man sich in
schmerzlicher Scham den Großen zu nähern suchte, ob man unter
Altersgenossinnen eine zu finden strebte, die den gleichen Kampf kämpfte
und den gleichen Sieg wollte.
Grete Erb nahm ihre Schulmappe unter den Arm und verließ eben ihr
Zimmer, als sie an der Türe mit Herta Kobinger zusammenprallte, die in
ihrer lärmenden Art ihr entgegenkam.
„Es ist noch so früh gewesen, – da wollte ich dich abholen.“
Grete Erb bot ihr die Hand und sagte plötzlich ganz verändert und schon
in eine Maske gehüllt, die sie für das Zusammensein mit allen anderen
Menschen sich errungen hatte: „Ich bin neugierig, was es heute in der
Schule geben wird.“
„Ich bin es nicht,“ lachte Herta Kobinger. „Es gibt doch immer nur
Langweiliges, außer wenn der Rektor über irgend etwas zerspringt.“
„Was hast du gestern gemacht?“ fragte Grete Erb, die es nicht gern
hatte, wenn man so von der Schule sprach, die ihr mehr bedeutete als
Elternhaus und Vergnügen.
„Ich war bei Erika,“ erzählte Herta Kobinger. „Es war aber reichlich
ungemütlich. Wir saßen nach der Jause noch lange im Dunkel und sprachen
von allem möglichen, als ihre Mutter heimkam und in ihrer beliebten
freundschaftlichen Art uns Vorwürfe machte, weil wir im Dunkeln saßen.
Ich antwortete nichts, aber Erika fuhr ihr mit einer Wut entgegen, die
ganz entsetzlich war. Was die beiden sich alles sagten! Du weißt, wie
Erikas Mutter ist. Zuerst schrie sie alles mögliche, von dem ich nicht
alles verstand, wir seien verdorben und hätten gewiß unanständige Sachen
geredet, und so weiter. Dann aber, als Erika zu schreien begann und gar
Miene machte, leichenblaß und mit blitzenden Augen aus dem Fenster zu
springen, woran wir sie nur mit aller Kraft hindern konnten, und sie
nach dem entsetzlichen Auftritt müde und bleich in einer Ecke saß, da
wurde ihre Mutter weinerlich. Du kennst ja diese ihre Art. Sie redete
entsetzlich pathetische Dinge von Undankbarkeit, daß Erika der erste
Nagel zu ihrem Sarge sei, und so andere Sprichwörter. Ich langweilte
mich gräßlich, aber der Schreck war mir doch in die Glieder gefahren.
Wie konnte es nur wegen einer so dummen Sache zu einem solchen Auftritt
kommen!“
„Ach, beide hassen sich eben,“ sagte Grete Erb. „Für beide ist alles nur
ein Anlaß, einander Szenen zu machen. Ich gehe deshalb so ungern hin.
Jedesmal ist es dasselbe. Und immer droht Erika damit, entweder sich
umzubringen oder sich ein Auge auszustechen, – oder – nein, ich habe
mich halb totgelacht, das war vorige Woche – da setzte sie sich fast
unbekleidet in das Stiegenhaus und schrie: ‚Jetzt werde ich mich
verkühlen!‘ Sie selbst fühlt sich trotz ihrer Auflehnung so sehr als
Sache und Eigentum ihrer Mutter, daß sie keine andere Rache weiß, als
dieses Eigentum ihrer Mutter zu beschädigen. Es ist ebenso komisch wie
entsetzlich.“
„Wenn ich auch nicht solche Szenen mit meiner Mutter habe,“ erklärte
Herta Kobinger achselzuckend, „so ist es deshalb doch nicht gemütlicher
bei uns. Es ist nur ein Glück, daß sie wenig Zeit finden, sich mit mir
zu beschäftigen, weil ihnen Sonja, meine ältere Schwester, genug zu tun
gibt. Ich weiß nicht, was da gestern wieder war. Jedenfalls war Sonja zu
spät zum Mittagessen gekommen, und mein Vater schrie etwas von ‚in der
Gosse herumwälzen‘. Sie haben alle Ausdrücke wie Romanschriftsteller.
Sonja machte ihr schnippisches Gesicht und zuckte mit den Achseln. Mama
weinte, und Papa sagte etwas von ‚schlechtes Ende nehmen‘. Dann wurde
ich hinausgeschickt, und sie stritten noch eine Stunde. Ich möchte
wissen, ob das Familienleben, an dem so viel Schönes sein soll, auch in
früheren Zeiten so aussah? Wenn Papa und Mama nicht mit mir wegen der
Schule zanken oder mit Sonja, der sie immer wieder auf irgend etwas mit
Herren daraufkommen, so streiten sie eben miteinander. Sie streiten
nicht laut, o nein, – sie sagen sich ganz leise und kühl die größten
Gemeinheiten. Du kannst dir denken, wie entzückend die Stunden des
Mittag- und Abendessens bei uns sind.“
„Auch meine Eltern leben nicht sehr gut miteinander,“ erzählte Grete
Erb. „Aber ich habe sie niemals streiten gehört. Sie sprechen kaum ein
Wort bei den gemeinsamen Mahlzeiten, und wenn sie sonst allein sind,
lesen sie Zeitung. Vielleicht ist es deshalb, weil sie in früheren
Jahren sich alles gesagt haben? Jedenfalls würde ich vor Langeweile
sterben, wenn ich so leben sollte. Deshalb will ich ja auch studieren.“
Sie standen schon fast vor dem Schultore, als Herta Kobinger sagte: „Ich
will trotzdem heiraten, denn dann hat man so viel Kleider als man will
und kann seinen Kindern Matrosenanzüge anziehen.“