Der Kellner beugte sich noch tiefer vor. „Vielleicht Champagner?“

Was Champagner sei, wußte Oberlehrer Kleesam, und er bestellte mit einem

hörbaren Ruck: „Jawohl, bringen Sie uns eine Flasche!“

Es wollte kein rechtes Gespräch in Gang kommen, denn beide, der

Oberlehrer und die Oberlehrerin, wagten zuerst kaum, sich im Raume

umzusehen und noch weniger, miteinander ein Gespräch über die Situation

zu beginnen, die sie hierher gezwungen hatte. Oberlehrer Kleesam war

Fräulein Dr. Südekum sehr dankbar, daß sie mit feinem Takte das Richtige

fand und ihn um einige schwierige Probleme der Präparation für den

ersten Jahrgang zu fragen begann. Das gab auch ihm die Sicherheit

zurück, die aber wieder wich, als ein Blumenmädchen vor ihnen beiden

stand und eine ölige Stimme fragte: „Vielleicht Blumen für die Dame?“

Der Oberlehrer fuhr auf und knurrte: „Fort mit Ihnen!“ Dann aber besann

er sich, ob dies nicht vielleicht eine Beleidigung für die Oberlehrerin

wäre, und er winkte das verblüffte Blumenmädchen wieder heran und sagte:

„Ja doch – geben Sie.“ –

Dann freilich erschrak er, weil der Betrag, der für fünf Rosen gefordert

wurde, weitaus das überstieg, was sich Oberlehrer Kleesam als Spesen für

die ganze gefährliche Exkursion vorgestellt hatte. Er hatte aber nicht

lange Zeit darüber nachzudenken, wieviel der Schule wohl dieser Ausflug

kosten würde und ob dies nicht Weiterungen im Unterrichtsministerium

ergeben müsse, da merkte er, daß Fräulein Dr. Südekum erblaßte und starr

zum Eingang hinübersah, wo, gefolgt von einem eleganten jungen Menschen,

ein junges Mädchen erschien.

Fast hätte Oberlehrer Kleesam sich vergessen und Donnerwetter gesagt,

ein Wort, das er im Bezuge auf eine Frau zum letztenmal vor achtzehn

Jahren ausgesprochen hatte. Dies sollte Erna Petersen sein, diese ein

wenig geschminkte junge Dame, die mit unglaublicher Sicherheit ihrem

Kavalier zu einer Loge folgte und sich mit ihm gemeinsam über die

Weinkarte beugte, mit deren Geheimnissen sie entschieden besser vertraut

schien als die beiden Schuldetektive?

Die junge Dame, die im Verlauf von kurzer Zeit immer fröhlicher und

erregter wurde und mehr als einmal den schlanken weißen Arm auf den

ihres Partners legte, ihm mit übermütig zurückgeworfenem Kopf zutrank

und dann mit der Grazie einer vollendeten Dame Salzmandeln knackte, sah

nicht weiter im Saale umher und ahnte nicht, daß ihr gegenüber, unten,

an einem der Tische, wo das nicht so elegante Publikum saß, sich die

Nemesis in Gestalt zweier Lehrer aufhalten könnte.

Oberlehrer Kleesam und Fräulein Dr. Südekum vermochten kaum ein Wort

über das, was sie sahen, über die Lippen zu bringen, sie sahen beide nur

fassungslos in die Loge hinüber, Fräulein Dr. Südekum, die schmalen

feinen Hände angstvoll ineinander verkrampft, der Oberlehrer erregt und

wütend an seiner weißen Vorsteckkrawatte zerrend.

Wie erlöst atmete Fräulein Dr. Südekum auf, als der junge Schauspieler

den Kellner heranwinkte und einige Minuten später dem jungen Mädchen den

Mantel um die nackten Schultern legte. „Sie gehen,“ flüsterte sie dem

Oberlehrer zu. Auch sie beglichen ihre Zeche, ein Augenblick, in dem der

Oberlehrer Angst schwitzte, denn solche Preise hätte er in seinem Leben

nicht für möglich gehalten. Rasch verließen auch sie das Lokal, und

Fräulein Dr. Südekum wollte schon dem Kollegen aufatmend die Hand

reichen, als dieser zwischen den Zähnen hervorstieß, während er sie

nicht ansah: „Wir müssen den beiden noch folgen, – wer weiß, ob sie

jetzt nach Hause gehen.“

Mit angstvoll aufgerissenen Augen sah Fräulein Dr. Südekum den

Oberlehrer an: „In noch so ein Lokal?“ fragte sie.

„Da würden wir nur bis zur Türe folgen,“ sagte der Oberlehrer würdig,

der in seiner Brieftasche kaum mehr den Betrag wußte, um einen Wagen

nach Hause zu bezahlen. „Aber vielleicht ...“ der Oberlehrer schwieg

verwirrt und wagte nicht weiterzusprechen.

Oberlehrer Kleesam und Fräulein Dr. Südekum gingen schweigend

nebeneinander durch die dunklen Straßen und folgten dem jungen Paar, das

eng aneinandergeschmiegt vor ihnen herging. Andere Pärchen streiften an

ihnen vorüber, Scherzworte flatterten auf, das Gröhlen Betrunkener drang

durch die Nacht. Ganz, ganz anders sahen die Straßen zu solcher Stunde

aus. So, als gäbe es nur das, sann Fräulein Dr. Südekum gequält und

verwirrt.

Plötzlich faßte der Oberlehrer Fräulein Dr. Südekum am Arm, die sogleich

schreckerstarrt stehenblieb. „Einen Augenblick,“ flüsterte er, „dort

bleiben sie stehen.“

Die Lehrerin suchte mit angestrengten Augen das Dunkel der Nacht zu

durchdringen, aber sie sah nur ganz verschwommen die Umrisse der beiden

Menschen, die vor einem dunklen Gebäude standen. Über ihren Köpfen

schaukelte eine große Laterne, auf der in geschickter Verwendung

moderner Lichtreklame immer wieder rotleuchtend das Wort „_HOTEL_“

aufflammte.

Es war nur ein Augenblick, daß das alternde Fräulein wie erstarrt

stehenblieb, dann wandte sie sich jäh grußlos und stürmte an dem

verdutzten Oberlehrer vorbei die dunkle Straße zurück, und immer weiter.

Sie wußte selbst nicht, wie sie endlich zu ihrem Haus gelangt war.

Hastig suchte sie den Schlüssel in ihrem Täschchen, und während sie sich

mühte, mit zitternden Händen den Schlüssel in das Schloß zu bringen,

ertönte hinter ihr ein warmes Männerlachen, das sie kannte. Sie barg

sich keuchend in die Füllung der Haustüre und sah im Schein der

Hauslaterne den jungen Ehemann Nowotny und eng an ihn geschmiegt eine

dunkelhaarige fremde Frau. Noch tiefer duckte sie sich in den Toreingang

und wagte lange nicht sich zu rühren. Ihre Knie zitterten. Sie hatte

plötzlich das Gefühl, ein Arzt zu sein, der bei ausgebrochener Pest von

Bett zu Bett eilt und nicht weiß, wo er beginnen soll.

Gehetzt floh sie die Stiegen zu ihrem Zimmer hinauf. Angstvoll

verriegelte sie die Türe. Entsetzliche Angst überkam sie plötzlich.

Sie entkleidete sich im Dunkeln und leuchtete noch einmal unter das

Bett.

Als sie die rauhe Decke über den Kopf zog, jagten sich fiebernde Bilder

in ihrem Gehirn, und sie dachte verwirrt: Nie noch bin ich nach Hause

gekommen, ohne in alle Winkel und unter dem Bette nachzusehen, ob nicht

einer sich verstecke – und wie ich mich gefürchtet habe, als damals der

Arzt mich untersuchte – und sie, sie, dieses junge Ding – mit einem

fremden Manne, so ganz nah, – in einem fremden Bett!

Der wilde Garten · 第 9 / 34 题