Fräulein Dr. Hanna Südekum ging die hohe Mauer entlang, die den
Schulgarten einsäumte.
Sie ging an der kleinen Butike der Trödlerin vorüber und schritt rascher
aus, als sie den hexenhaften Kopf des alten Weibleins sah, das am
Fenster saß und unentwegt in einem Buche las. Wahrhaftig, wie die
Knusperhexe im Märchen sah sie aus. Ja, geradeso. Und auch zu ihr fanden
Hänsel und Gretel, so sann Fräulein Dr. Südekum empört.
Ja, mit dieser Trödlerin hatte es eine eigenartige Bewandtnis. Sie hielt
die Frühstückssemmeln für die Schuljugend feil, Marmeln auch und bunte
Ballons. Daran wäre nichts Besonderes gewesen, und jedermann hätte dem
alten häßlichen Weiblein den kleinen Verdienst gerne gegönnt. Die
Händlerin verkaufte aber auch Bücher. Und trotz aller Verbote und
verhängten Strafen schlichen sich die Schülerinnen immer wieder zu dem
kleinen Blockhäuschen, das inmitten der Straße stand. Es hatte
Lehrerkonferenzen gegeben und Anzeigen, sogar die Gerichte hatte man
deshalb angerufen. Aber der Vetter der Trödlerin war eine mächtige
Persönlichkeit und froh, die arme Verwandte auf diese Weise versorgt zu
sehen. So halfen alle Anzeigen gegen die Büchertrödlerin nichts.
Durch sie fanden die Jungen und Mädchen das Loch im Gartenzaun, der ihre
Unwissenheit behüten sollte, durch das sie hinaus in das wilde,
unbegreiflich lockende Leben blicken konnten.
Kalender hielt sie feil, in denen, mit rotbemalten Bildern geschmückt,
entsetzliche Geschichten von Hexenverbrennungen standen, Geschichten von
armen Mädchen, die durch die Macht ihrer Schönheit zu Glanz und Ehre
gelangten, Erzählungen von der verfolgten Unschuld, von furchtbaren
Schuften und entsetzlich edlen Helden. Aus den verrunzelten Händen der
Trödlerin empfingen die Knaben die grellbemalten Nick-Carter-Hefte, in
denen von wilden Buben zu lesen stand, die einem freudlosen ärmlichen
Heim entlaufen waren, Küchenjungen auf Riesendampfern wurden, von
Seeräubern verschleppt, sich retteten und es schließlich zu Kapitänen
gefürchteter Piratenschiffe brachten, als welche sie trotz ihrer
Grausamkeit gegen arme schutzlose Menschen wahre Wunder an
unbegreiflicher Güte an anderen verrichteten.
Noch schlimmere Konterbande hielt das alte hexenhafte Weiblein in ihrem
Laden versteckt: Bücher, die das Liebesleben von Hotelstubenmädchen oder
Tänzerinnen erzählten, Geheimnisse alter Hafenstädte, Zeitschriften, die
Namen wie „Kaviar“, „Rakete“, „Bombe“ trugen und die unter der Jugend
mehr um ihrer überdeutlichen Bilder willen als wegen ihrer schwer
verständlichen Witze begeisterte Käufer fanden.
Man munkelte sogar, daß die Trödlerin ihren kindlichen Stammkunden und
besonderen Lieblingen erlaube, in die Butike zu schleichen, um dort, von
niemandem gesehen, nach Herzenslust in den Schmökern zu lesen und zu
blättern. Weil die Kinder aber fanatisch zu dem alten Weiblein hielten
und nichts aus ihnen herauszubringen war, so schien es unmöglich, der
Alten den Prozeß zu machen.
Scheu und mit wehem Herzen schlich Fräulein Dr. Südekum an der Bude
vorüber. Hier saß eine Feindin, das spürte sie, eine, die mit allen
dunklen Mächten verbündet war, die ihr die Schülerinnen entführten.
Was mochte sie nur heute in der Schule erwarten? Schon am Vortage hatte
ihr der Rektor mitgeteilt, daß er wegen eines ganz besonderen Vorfalls
eine Konferenz für den nächsten Vormittag einberufen habe und daß sie zu
dieser zu erscheinen hätte.
Der Rektor hatte dabei die Lehrerin kaum angesehen, als er ihr dies
verkündete, es war, als handle es sich um eine Sache, die er gar nicht
in der menschlichen Nähe eines Gespräches berühren konnte, sondern nur,
wenn er auf seinem Platze als Vorsitzender im Konferenzzimmer am grünen
Tische thronte.
Fräulein Dr. Südekum war zerstreut und verwirrt in der ersten
Unterrichtsstunde. Irgend etwas lag in der Luft, das sie ängstigte. Auch
die Mädchen mochten es spüren, fremd und ein wenig unsicher sahen sie zu
dem Pulte der Lehrerin auf, und das alternde Fräulein fühlte, daß die
Kluft zwischen ihr und dieser Jugend da unten in den Bänken größer
geworden war. Ja, sie hatte das Empfinden, daß sich diese da unten, die
sich in den letzten Wochen immer ähnlicher wurden, in Gebärde, Lächeln
und Worten aneinanderdrängten zu einer geschlossenen Gegnerschaft gegen
sie und die Schule überhaupt. Ihr scheuer Blick suchte Gert. Aber das
Mädchen saß so versunken und allem abgekehrt, daß sie den fragenden
Blick der Lehrerin nicht sah. Da begegnete Fräulein Dr. Südekum ein
rascher, mißtrauisch abschätzender Blick aus einem Augenpaar der ersten
Bank. Dort saß am Platz der gestorbenen Frida Glatzer die hochgewachsene
Erna Petersen. Seltsam blaß war sie an diesem Tage, und als Fräulein Dr.
Südekum sie scharf ins Auge faßte, lächelte das Mädchen fein und
überlegen.
Mit ihren kleinen trippelnden Schritten ging Fräulein Dr. Südekum aus
dem Schulzimmer hinaus und durch die hallenden Gänge hinüber in den
Konferenzraum. Der Rektor begrüßte sie kurz und spielte nervös mit einem
Bleistift, während die berufenen Lehrer sich an dem langen grünen Tisch
niederließen. Neben Fräulein Dr. Südekum saß Oberlehrer Kleesam. Er
verneigte sich linkisch vor ihr, dann sank sein Kopf wieder zwischen die
hohen Schultern. Der Mathematikprofessor Dr. Weniger zerrte erregt an
seinem schütteten, blonden Bärtchen, und seine wasserblauen Augen sahen
hilflos durch die angelaufenen Brillengläser. Nur Fräulein Fischhaupt,
die Französischlehrerin, thronte ruhig und unentwegt in ihrer speckigen
Fülle am Ende des Tisches und wartete phlegmatisch der Dinge, die nun
kommen sollten.
„Es ist eine anonyme Anzeige eingelaufen,“ begann der Rektor. „Wir sind
uns alle über das Verwerfliche und allen ethischen Grundsätzen ins
Gesicht Schlagende der Verfassung und Absendung eines nicht
unterzeichneten Briefes klar – aber nichtsdestoweniger –“ er räusperte
sich – „wir müssen der Sache nachgehen. – Der Briefschreiber oder die
Briefschreiberin – nicht einmal das Geschlecht ist erkenntlich –
behauptet, daß eine Schülerin aus der Maturaklasse des Fräulein Dr.
Südekum – namens Erna Petersen – ja, es ist unglaublich, – sich mit dem
jungen Antonelli, – dem neuen Liebhaber am städtischen Schauspielhaus, –
er ist erst seit acht Tagen hier und Sie alle werden ihn kaum kennen –
täglich abends in – ja, es ist wirklich unglaublich – in der
Westminsterbar trifft.“
Betretene Stille folgte der Eröffnung des Rektors, nur der kleine
Mathematikprofessor fragte: „Gibt es denn so ein Lokal in unserer
Stadt?“
Der Rektor würdigte ihn keiner Antwort und fuhr fort: „Wir müssen die
Sache untersuchen, und ich habe mir hierfür auch schon einen Plan
zurechtgelegt ...“
„Aber das ist doch unmöglich!“ sagte Fräulein Dr. Südekum, und alle
sahen nun in ihr erblaßtes Gesicht. „Das ist sicherlich eine Lüge, –
eine entsetzliche Verleumdung. Erna Petersen, dieses junge, blühende
Mädchen ...“
Der Mathematiklehrer wollte etwas Ironisches sagen, aber er fuhr sich
rasch über den Mund, als wollte er die Sätze hinter die Zähne
zurückdrücken.
Fräulein Fischhaupt sagte: „Diese Mädchen von heutzutage, – alles ist
ihnen zuzutrauen, selbst ein Mord!“
Der Rektor wandte sich an den Oberlehrer Kleesam, den Ältesten der
Runde. „Anonyme Briefe pflegen leider meist die Wahrheit zu sagen. Ich
bin nicht so optimistisch wie Fräulein Oberlehrerin Dr. Südekum. Ich
bitte Sie daher, Herr Oberlehrer, heute abend dieses Lokal aufzusuchen.“
„Ich bin verheiratet,“ sagte der Oberlehrer betreten, – „man könnte, –
ich möchte nicht ...“
„Ich will Sie gerne begleiten,“ krähte der Mathematikprofessor mit
seiner hohen Fistelstimme.
„Nein, um diese Begleitung möchte ich Fräulein Dr. Südekum bitten,“
sagte der Rektor. „Ich weiß, was ich verlange,“ setzte er pathetisch
hinzu. „Aber hier ruft die Pflicht, die heilige Pflicht des Erziehers.
Ich möchte, daß gerade Sie mitgehen, Fräulein Oberlehrerin, weil – nicht
nur, weil es ein Mädchen aus Ihrer Klasse ist, sondern, weil eine Frau –
pardon, – ich meine, weil eine weibliche Persönlichkeit tiefer erkennen
kann, wieweit die Verderbnis fortgeschritten ist. Sie werden aus dem
Benehmen sehen, ob – wir wissen ja alle ...“ Er hatte einen ganz roten
Kopf bekommen, der Rektor Krause.
Fräulein Dr. Südekum saß versteinert da. Erst diese Eröffnung, die
vorgefaßte und sie so sehr empörende Meinung des ganzen Kollegiums über
ihre Schülerin, und nun noch dieses Ansinnen! Aber es war vielleicht
besser, wenn sie selbst sah, – vielleicht, nein gewiß, steckte eine ganz
harmlose Sache, ein verrückter Jungmädelstreich dahinter. „Ich bin
bereit,“ sagte sie mit gepreßter Stimme.
„Ich danke Ihnen,“ nickte Rektor Krause würdevoll.
„Und was geschieht mit Erna Petersen?“ fragte Fräulein Fischhaupt und
ihre Augen funkelten böse.
„Nun, die wird selbstverständlich aus der Anstalt entfernt,“ sagte der
Rektor, und Fräulein Fischhaupt, der Oberlehrer Kleesam und der
Mathematikprofessor nickten befriedigt. „Nicht eine Stunde länger,“ fuhr
der Rektor fort, „sobald wir Gewißheit haben, darf der Pesthauch dieses
verderbten Geschöpfes die anderen reinen ...“ er stockte und suchte
vergeblich nach einem Zeitwort.
„Vergiften,“ sekundierte der Oberlehrer, und der Rektor nickte.
* * * * *
Am Abend dieses Tages stand Fräulein Dr. Südekum in ihrem Zimmer und
betrachtete verlegen die Schätze ihres Kleiderkastens. Was sollte sie zu
dieser entsetzlichen Exkursion anziehen? In solche Lokale gingen die
Menschen wohl in großer Toilette, und Fräulein Dr. Südekum besaß nur
zwei Ausgaben des gleichen schwarzen, herrenmäßig geschnittenen
Kostümes, das sie sich durch Jahre immer wieder nach ihren eigenen
Angaben schneidern ließ, und dazu, je nach der Jahreszeit,
hochgeschlossene glatte Blusen, entweder aus Wollstoff oder aus dünnem
schwarzem Lüster. Aber in so einer Bluse konnte man wohl unmöglich in
dieses Lokal gehen? So blieb nur das schwarzseidene Prüfungskleid, in
dem sie bei den Schulprüfungen, und besonders bei der Matura, neben dem
Vorsitzenden zu thronen pflegte. Ja, dieses Kleid, durch so viele
feierliche Stunden der Macht und Herrschaft geheiligt, dieses mußte sie
anziehen. Es war ein Glück, daß die weißen Krägelchen, die Fräulein Dr.
Südekum zu diesem Kleide zu tragen pflegte, bereit lagen. Einen
Augenblick überlegte das alternde Fräulein noch, ob sie sich nicht die
Haare brennen solle. Ihre Haare waren ihre einzige Schönheit, – ja, das
hatte sogar Rektor Krause einmal gesagt. Aber dann errötete sie vor sich
selbst über diesen Gedanken: nein, einem solchen Schandlokal werde ich
keine Ehre antun!
Als Fräulein Dr. Südekum mit dem Oberlehrer Kleesam, der, offenbar
demselben Gedankengang wie Fräulein Dr. Südekum folgend, seine schwarze
feierliche Amtstracht mit der festen weißen Vorsteckkrawatte angelegt
hatte, durch die Samtportiere in den lichtüberfluteten Raum der Tanzbar
trat, erschrak die Lehrerin, die es gewohnt war, daß ihre Schritte
hörbar auf den Gängen und im Lehrsaale klangen, über das weiche
Versinken in den Teppichen des Lokales: – als verlöre man den Boden
unter den Füßen.
Der Kellner näherte sich dem Paare und wies auf eine Karte, die
Oberlehrer Kleesam befangen in die Hand nahm, durch die Brille immer
verwirrter betrachtete, bis er sich selbst eingestehen mußte, daß er
nicht ein einziges der verzeichneten Getränke kannte.
„Vielleicht zwei Kuß mit Liebe?“ fragte der Kellner, aber Oberlehrer
Kleesam fauchte ihn an: „Für was halten Sie uns?“