Viertes Kapitel

Fräulein Dr. Hanna Südekum ging die hohe Mauer entlang, die den

Schulgarten einsäumte.

Sie ging an der kleinen Butike der Trödlerin vorüber und schritt rascher

aus, als sie den hexenhaften Kopf des alten Weibleins sah, das am

Fenster saß und unentwegt in einem Buche las. Wahrhaftig, wie die

Knusperhexe im Märchen sah sie aus. Ja, geradeso. Und auch zu ihr fanden

Hänsel und Gretel, so sann Fräulein Dr. Südekum empört.

Ja, mit dieser Trödlerin hatte es eine eigenartige Bewandtnis. Sie hielt

die Frühstückssemmeln für die Schuljugend feil, Marmeln auch und bunte

Ballons. Daran wäre nichts Besonderes gewesen, und jedermann hätte dem

alten häßlichen Weiblein den kleinen Verdienst gerne gegönnt. Die

Händlerin verkaufte aber auch Bücher. Und trotz aller Verbote und

verhängten Strafen schlichen sich die Schülerinnen immer wieder zu dem

kleinen Blockhäuschen, das inmitten der Straße stand. Es hatte

Lehrerkonferenzen gegeben und Anzeigen, sogar die Gerichte hatte man

deshalb angerufen. Aber der Vetter der Trödlerin war eine mächtige

Persönlichkeit und froh, die arme Verwandte auf diese Weise versorgt zu

sehen. So halfen alle Anzeigen gegen die Büchertrödlerin nichts.

Durch sie fanden die Jungen und Mädchen das Loch im Gartenzaun, der ihre

Unwissenheit behüten sollte, durch das sie hinaus in das wilde,

unbegreiflich lockende Leben blicken konnten.

Kalender hielt sie feil, in denen, mit rotbemalten Bildern geschmückt,

entsetzliche Geschichten von Hexenverbrennungen standen, Geschichten von

armen Mädchen, die durch die Macht ihrer Schönheit zu Glanz und Ehre

gelangten, Erzählungen von der verfolgten Unschuld, von furchtbaren

Schuften und entsetzlich edlen Helden. Aus den verrunzelten Händen der

Trödlerin empfingen die Knaben die grellbemalten Nick-Carter-Hefte, in

denen von wilden Buben zu lesen stand, die einem freudlosen ärmlichen

Heim entlaufen waren, Küchenjungen auf Riesendampfern wurden, von

Seeräubern verschleppt, sich retteten und es schließlich zu Kapitänen

gefürchteter Piratenschiffe brachten, als welche sie trotz ihrer

Grausamkeit gegen arme schutzlose Menschen wahre Wunder an

unbegreiflicher Güte an anderen verrichteten.

Noch schlimmere Konterbande hielt das alte hexenhafte Weiblein in ihrem

Laden versteckt: Bücher, die das Liebesleben von Hotelstubenmädchen oder

Tänzerinnen erzählten, Geheimnisse alter Hafenstädte, Zeitschriften, die

Namen wie „Kaviar“, „Rakete“, „Bombe“ trugen und die unter der Jugend

mehr um ihrer überdeutlichen Bilder willen als wegen ihrer schwer

verständlichen Witze begeisterte Käufer fanden.

Man munkelte sogar, daß die Trödlerin ihren kindlichen Stammkunden und

besonderen Lieblingen erlaube, in die Butike zu schleichen, um dort, von

niemandem gesehen, nach Herzenslust in den Schmökern zu lesen und zu

blättern. Weil die Kinder aber fanatisch zu dem alten Weiblein hielten

und nichts aus ihnen herauszubringen war, so schien es unmöglich, der

Alten den Prozeß zu machen.

Scheu und mit wehem Herzen schlich Fräulein Dr. Südekum an der Bude

vorüber. Hier saß eine Feindin, das spürte sie, eine, die mit allen

dunklen Mächten verbündet war, die ihr die Schülerinnen entführten.

Was mochte sie nur heute in der Schule erwarten? Schon am Vortage hatte

ihr der Rektor mitgeteilt, daß er wegen eines ganz besonderen Vorfalls

eine Konferenz für den nächsten Vormittag einberufen habe und daß sie zu

dieser zu erscheinen hätte.

Der Rektor hatte dabei die Lehrerin kaum angesehen, als er ihr dies

verkündete, es war, als handle es sich um eine Sache, die er gar nicht

in der menschlichen Nähe eines Gespräches berühren konnte, sondern nur,

wenn er auf seinem Platze als Vorsitzender im Konferenzzimmer am grünen

Tische thronte.

Fräulein Dr. Südekum war zerstreut und verwirrt in der ersten

Unterrichtsstunde. Irgend etwas lag in der Luft, das sie ängstigte. Auch

die Mädchen mochten es spüren, fremd und ein wenig unsicher sahen sie zu

dem Pulte der Lehrerin auf, und das alternde Fräulein fühlte, daß die

Kluft zwischen ihr und dieser Jugend da unten in den Bänken größer

geworden war. Ja, sie hatte das Empfinden, daß sich diese da unten, die

sich in den letzten Wochen immer ähnlicher wurden, in Gebärde, Lächeln

und Worten aneinanderdrängten zu einer geschlossenen Gegnerschaft gegen

sie und die Schule überhaupt. Ihr scheuer Blick suchte Gert. Aber das

Mädchen saß so versunken und allem abgekehrt, daß sie den fragenden

Blick der Lehrerin nicht sah. Da begegnete Fräulein Dr. Südekum ein

rascher, mißtrauisch abschätzender Blick aus einem Augenpaar der ersten

Bank. Dort saß am Platz der gestorbenen Frida Glatzer die hochgewachsene

Erna Petersen. Seltsam blaß war sie an diesem Tage, und als Fräulein Dr.

Südekum sie scharf ins Auge faßte, lächelte das Mädchen fein und

überlegen.

Mit ihren kleinen trippelnden Schritten ging Fräulein Dr. Südekum aus

dem Schulzimmer hinaus und durch die hallenden Gänge hinüber in den

Konferenzraum. Der Rektor begrüßte sie kurz und spielte nervös mit einem

Bleistift, während die berufenen Lehrer sich an dem langen grünen Tisch

niederließen. Neben Fräulein Dr. Südekum saß Oberlehrer Kleesam. Er

verneigte sich linkisch vor ihr, dann sank sein Kopf wieder zwischen die

hohen Schultern. Der Mathematikprofessor Dr. Weniger zerrte erregt an

seinem schütteten, blonden Bärtchen, und seine wasserblauen Augen sahen

hilflos durch die angelaufenen Brillengläser. Nur Fräulein Fischhaupt,

die Französischlehrerin, thronte ruhig und unentwegt in ihrer speckigen

Fülle am Ende des Tisches und wartete phlegmatisch der Dinge, die nun

kommen sollten.

„Es ist eine anonyme Anzeige eingelaufen,“ begann der Rektor. „Wir sind

uns alle über das Verwerfliche und allen ethischen Grundsätzen ins

Gesicht Schlagende der Verfassung und Absendung eines nicht

unterzeichneten Briefes klar – aber nichtsdestoweniger –“ er räusperte

sich – „wir müssen der Sache nachgehen. – Der Briefschreiber oder die

Briefschreiberin – nicht einmal das Geschlecht ist erkenntlich –

behauptet, daß eine Schülerin aus der Maturaklasse des Fräulein Dr.

Südekum – namens Erna Petersen – ja, es ist unglaublich, – sich mit dem

jungen Antonelli, – dem neuen Liebhaber am städtischen Schauspielhaus, –

er ist erst seit acht Tagen hier und Sie alle werden ihn kaum kennen –

täglich abends in – ja, es ist wirklich unglaublich – in der

Westminsterbar trifft.“

Betretene Stille folgte der Eröffnung des Rektors, nur der kleine

Mathematikprofessor fragte: „Gibt es denn so ein Lokal in unserer

Stadt?“

Der Rektor würdigte ihn keiner Antwort und fuhr fort: „Wir müssen die

Sache untersuchen, und ich habe mir hierfür auch schon einen Plan

zurechtgelegt ...“

„Aber das ist doch unmöglich!“ sagte Fräulein Dr. Südekum, und alle

sahen nun in ihr erblaßtes Gesicht. „Das ist sicherlich eine Lüge, –

eine entsetzliche Verleumdung. Erna Petersen, dieses junge, blühende

Mädchen ...“

Der Mathematiklehrer wollte etwas Ironisches sagen, aber er fuhr sich

rasch über den Mund, als wollte er die Sätze hinter die Zähne

zurückdrücken.

Fräulein Fischhaupt sagte: „Diese Mädchen von heutzutage, – alles ist

ihnen zuzutrauen, selbst ein Mord!“

Der Rektor wandte sich an den Oberlehrer Kleesam, den Ältesten der

Runde. „Anonyme Briefe pflegen leider meist die Wahrheit zu sagen. Ich

bin nicht so optimistisch wie Fräulein Oberlehrerin Dr. Südekum. Ich

bitte Sie daher, Herr Oberlehrer, heute abend dieses Lokal aufzusuchen.“

„Ich bin verheiratet,“ sagte der Oberlehrer betreten, – „man könnte, –

ich möchte nicht ...“

„Ich will Sie gerne begleiten,“ krähte der Mathematikprofessor mit

seiner hohen Fistelstimme.

„Nein, um diese Begleitung möchte ich Fräulein Dr. Südekum bitten,“

sagte der Rektor. „Ich weiß, was ich verlange,“ setzte er pathetisch

hinzu. „Aber hier ruft die Pflicht, die heilige Pflicht des Erziehers.

Ich möchte, daß gerade Sie mitgehen, Fräulein Oberlehrerin, weil – nicht

nur, weil es ein Mädchen aus Ihrer Klasse ist, sondern, weil eine Frau –

pardon, – ich meine, weil eine weibliche Persönlichkeit tiefer erkennen

kann, wieweit die Verderbnis fortgeschritten ist. Sie werden aus dem

Benehmen sehen, ob – wir wissen ja alle ...“ Er hatte einen ganz roten

Kopf bekommen, der Rektor Krause.

Fräulein Dr. Südekum saß versteinert da. Erst diese Eröffnung, die

vorgefaßte und sie so sehr empörende Meinung des ganzen Kollegiums über

ihre Schülerin, und nun noch dieses Ansinnen! Aber es war vielleicht

besser, wenn sie selbst sah, – vielleicht, nein gewiß, steckte eine ganz

harmlose Sache, ein verrückter Jungmädelstreich dahinter. „Ich bin

bereit,“ sagte sie mit gepreßter Stimme.

„Ich danke Ihnen,“ nickte Rektor Krause würdevoll.

„Und was geschieht mit Erna Petersen?“ fragte Fräulein Fischhaupt und

ihre Augen funkelten böse.

„Nun, die wird selbstverständlich aus der Anstalt entfernt,“ sagte der

Rektor, und Fräulein Fischhaupt, der Oberlehrer Kleesam und der

Mathematikprofessor nickten befriedigt. „Nicht eine Stunde länger,“ fuhr

der Rektor fort, „sobald wir Gewißheit haben, darf der Pesthauch dieses

verderbten Geschöpfes die anderen reinen ...“ er stockte und suchte

vergeblich nach einem Zeitwort.

„Vergiften,“ sekundierte der Oberlehrer, und der Rektor nickte.

* * * * *

Am Abend dieses Tages stand Fräulein Dr. Südekum in ihrem Zimmer und

betrachtete verlegen die Schätze ihres Kleiderkastens. Was sollte sie zu

dieser entsetzlichen Exkursion anziehen? In solche Lokale gingen die

Menschen wohl in großer Toilette, und Fräulein Dr. Südekum besaß nur

zwei Ausgaben des gleichen schwarzen, herrenmäßig geschnittenen

Kostümes, das sie sich durch Jahre immer wieder nach ihren eigenen

Angaben schneidern ließ, und dazu, je nach der Jahreszeit,

hochgeschlossene glatte Blusen, entweder aus Wollstoff oder aus dünnem

schwarzem Lüster. Aber in so einer Bluse konnte man wohl unmöglich in

dieses Lokal gehen? So blieb nur das schwarzseidene Prüfungskleid, in

dem sie bei den Schulprüfungen, und besonders bei der Matura, neben dem

Vorsitzenden zu thronen pflegte. Ja, dieses Kleid, durch so viele

feierliche Stunden der Macht und Herrschaft geheiligt, dieses mußte sie

anziehen. Es war ein Glück, daß die weißen Krägelchen, die Fräulein Dr.

Südekum zu diesem Kleide zu tragen pflegte, bereit lagen. Einen

Augenblick überlegte das alternde Fräulein noch, ob sie sich nicht die

Haare brennen solle. Ihre Haare waren ihre einzige Schönheit, – ja, das

hatte sogar Rektor Krause einmal gesagt. Aber dann errötete sie vor sich

selbst über diesen Gedanken: nein, einem solchen Schandlokal werde ich

keine Ehre antun!

Als Fräulein Dr. Südekum mit dem Oberlehrer Kleesam, der, offenbar

demselben Gedankengang wie Fräulein Dr. Südekum folgend, seine schwarze

feierliche Amtstracht mit der festen weißen Vorsteckkrawatte angelegt

hatte, durch die Samtportiere in den lichtüberfluteten Raum der Tanzbar

trat, erschrak die Lehrerin, die es gewohnt war, daß ihre Schritte

hörbar auf den Gängen und im Lehrsaale klangen, über das weiche

Versinken in den Teppichen des Lokales: – als verlöre man den Boden

unter den Füßen.

Der Kellner näherte sich dem Paare und wies auf eine Karte, die

Oberlehrer Kleesam befangen in die Hand nahm, durch die Brille immer

verwirrter betrachtete, bis er sich selbst eingestehen mußte, daß er

nicht ein einziges der verzeichneten Getränke kannte.

„Vielleicht zwei Kuß mit Liebe?“ fragte der Kellner, aber Oberlehrer

Kleesam fauchte ihn an: „Für was halten Sie uns?“

Der wilde Garten · 第 8 / 34 题